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Henry Fieldings "Tom Jones" ist ein herausragendes Beispiel für den englischen Roman des 18. Jahrhunderts, der mit seinem scharfsinnigen Witz und seiner dynamischen Erzählweise Leserinnen und Leser in den Bann zieht. Die Geschichte folgt dem Abenteuer des foundling Tom Jones, der in einem englischen Landhaus geboren wird und sich auf eine spannende Reise begibt, um seine wahre Herkunft und die Liebe zu seiner Geliebten Sophie zu entdecken. Fielding verwendet eine Vielzahl von literarischen Techniken, darunter ironische Kommentare und lebendige Charakterzeichnungen, um sowohl gesellschaftliche Normen zu hinterfragen als auch die menschliche Natur in ihren besten und schlechtesten Facetten darzustellen. Henry Fielding, ein bedeutender britischer Schriftsteller und Dramatiker, war nicht nur für seine belletristischen Werke bekannt, sondern auch für seine kritischen Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft seiner Zeit. Er lebte in einer Epoche des politischen Wandels und der moralischen Fragestellungen, die ihn dazu inspirierten, das Genres des Romans zu revolutionieren. Seine Erfahrungen als Richter und seine Beobachtungen der menschlichen Schwächen prägen seinen Stil und die Themen, die er in "Tom Jones" behandelt. "Tom Jones" ist mehr als nur eine unterhaltsame Geschichte; es ist eine tiefgründige Untersuchung der individuellen Identität, der Gesellschaft und der Suche nach Liebe. Leserinnen und Leser, die an fesselnden Charakteren und abenteuerlichen Handlungssträngen interessiert sind, werden in diesem Meisterwerk der englischen Literatur fündig. Fieldings fesselnde Erzählweise und zeitlose Themen laden dazu ein, die Seiten erneut aufzuschlagen und die Faszination dieser klassischen Geschichte neu zu entdecken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen Herkunft und Handeln entscheidet die Lebensreise über den wahren Adel. Henry Fieldings Roman Tom Jones entfaltet diese Einsicht mit überschäumender Energie und erzählerischer Klarheit. Im Zentrum steht ein Findelkind, dessen gutes Herz ebenso sichtbar ist wie seine ungestüme Natur. Auf seinem Weg durch Haushalte, Wirtshäuser und höfische Vorzimmer wird die Frage verhandelt, ob Moral eine Gabe des Blutes, ein Ergebnis der Erziehung oder ein mühsam errungenes Verhalten ist. Das Buch lädt dazu ein, das Komische als Prüfstein der Ethik zu lesen: Lachen macht Charaktere durchsichtig, Schwächen erkennbar und Tugend glaubwürdig.
Der Autor Henry Fielding (1707–1754) war ein englischer Dramatiker und Romancier des 18. Jahrhunderts. Tom Jones erschien 1749 in London in sechs Bänden; der Originaltitel lautet The History of Tom Jones, a Foundling. Das Werk entstand in einer literarischen Kultur, die den Roman als Form gerade erst konsolidierte. Neben Samuel Richardson gilt Fielding als maßgeblicher Wegbereiter des englischen Romans. Sein Buch verbindet komische Breite mit einer präzisen, kunstvoll geplanten Handlung. In achtzehn Büchern, gerahmt von einführenden Kapiteln, entwickelt sich ein Panorama der englischen Gesellschaft, das gleichermaßen unterhält und die Möglichkeiten des Genres erweitert.
Ausgangspunkt ist die Entdeckung eines Neugeborenen in einem respektablen Haus auf dem Land. Der wohlhabende Squire Allworthy nimmt den Findling an und lässt ihn erziehen. Tom wächst in Sicherheit auf, doch sein Temperament ist lebhaft, seine Großzügigkeit bisweilen unklug. In seiner Nachbarschaft lebt Sophia Western, deren Geist und Empfindsamkeit ihn anziehen. Ein Gegenspieler mit korrekt wirkender Fassade bietet einen scharfen Kontrast. Von der ländlichen Ordnung führt der Erzählweg in Straßen, Gasthöfe und städtische Salons, wo Begegnungen, Missverständnisse und Prüfungen den Charakter formen. Die Ausgangslage ist einfach, die Welt, die sich daraus entfaltet, überraschend reich.
Als Klassiker gilt Tom Jones, weil es die Möglichkeiten des Erzählen in Prosa neu vermisst. Der Roman entwickelt eine komplexe, doch transparente Konstruktion, in der Figuren und Zufälle sorgfältig aufeinander bezogen sind. Die souveräne Erzählerinstanz kommentiert, ordnet und lenkt Erwartungen, ohne die Lebendigkeit der Szenen zu dämpfen. Dieses Zusammenspiel aus komischer Freiheit und struktureller Strenge wirkte stilbildend. Die formale Gliederung in Bücher mit einleitenden Reflexionen macht die Erzählkunst sichtbar und lädt zur kritischen Lektüre ein. Spätere Romane haben von dieser Verbindung aus Weite, Ironie und architektonischer Genauigkeit profitiert.
Nachhaltig wirken die Themen, die Fielding entfaltet: die Spannung zwischen echter Güte und moralischer Fassade; die Frage, wie Herkunft, Erziehung und Gelegenheit das Verhalten prägen; das Verhältnis von Zufall, Absicht und Verantwortlichkeit. Liebe wird als Kraft gezeigt, die Wankelmut testen und Reife fördern kann. Standesschranken, Erbschaftsregeln und ökonomische Interessen strukturieren das soziale Feld, in dem Entscheidungen fallen. Freundschaft, Loyalität und die Kunst des Urteilens bilden Gegenmittel gegen Intrige und Heuchelei. Durch die immer wieder humorvolle Zuspitzung werden diese Konflikte nicht verharmlost, sondern verständlich gemacht: Komik ist hier eine Methode der Erkenntnis.
Tom Jones ist zugleich Gesellschaftssatire und Reisebild. Wirtshäuser, Landstraßen, Gerichtsstuben und Salons werden mit konkreter Anschaulichkeit gezeichnet. Geistliche, Juristen, Landadel, Dienerschaft und städtische Aufsteiger treten auf, oft weniger als Karikaturen denn als Typen mit Eigenleben. Der Ton ist herzlich und kritisch zugleich: Lächerlichkeit trifft, wo moralische Selbstzufriedenheit das Mitgefühl verdrängt. Fieldings Blick ist dabei umfassend: Er untersucht nicht einzelne Laster, sondern die Systeme, die sie begünstigen – Konventionen, die Reputation belohnen, nicht Wahrhaftigkeit. Die Komik öffnet Raum für Nachsicht, ohne die Notwendigkeit von Urteil und Maßstäbe aus dem Blick zu verlieren.
Prägend ist die Erzählerstimme, die den Leser direkt anspricht, Argumente entfaltet und die eigenen Verfahren offenlegt. Dieses selbstreflexive Erzählen war für die Zeit neu in seiner Konsequenz. Es schafft Vertrautheit, ohne Verbindlichkeit preiszugeben, und es klärt, wie Geschichten gebaut sind. Der Wechsel von Überblick und Szene, von Kommentar und Handlung, erzeugt ein Tempo, das Aufmerksamkeit belohnt. So entsteht ein doppelter Genuss: Man verfolgt die Abenteuer einer Figur und lernt zugleich, welche Regeln und Konventionen das Erzählen leiten. Die erzählerische Autorität ist nicht autoritär, sondern anregend, lehrhaft und spielerisch.
Fielding brachte Erfahrungen aus Bühne und Recht mit. Als erfolgreicher Dramatiker sah er, wie Komik Figuren entlarvt; nach Einschränkungen des Theaters wandte er sich verstärkt der Prosa zu. Später arbeitete er als Friedensrichter in London. Die Beobachtung von Armut, Kriminalität und Verwaltungspraxis schärfte seinen Blick für Institutionen, Abläufe und menschliche Motive. Diese Kenntnisse prägen die Welt von Tom Jones: Verfahren, Vorschriften und informelle Netzwerke sind Teil der Handlungshintergründe. Realismus entsteht hier nicht durch dokumentarische Schwere, sondern durch souveräne Auswahl und das richtige Maß an Detail, das Szenen erdet und Charaktere beglaubigt.
Zeitgenössisch erregte der Roman Aufmerksamkeit und Widerspruch. Seine erzählerische Kühnheit und die freimütige Darstellung menschlicher Triebe wurden bewundert und beanstandet. Rasche Verbreitung, Übersetzungen und anhaltende Diskussionen belegen die Wirkung. Späteren Autorinnen und Autoren bot Fieldings Methode ein Modell: die Verbindung einer allwissenden Erzählerinstanz mit weitgespannten, vielschichtigen Handlungen. Von Dickens bis Thackeray lässt sich eine Linie ziehen, in der moralische Neugier, gesellschaftlicher Überblick und humorvolle Zuspitzung zusammenfinden. Auch heutige Erzählweisen, die weite Ensembles orchestrieren, stehen in dieser Tradition der großzügigen, doch präzise geführten Darstellung.
Besonders eindrucksvoll ist die Kunst der Verknüpfung. Episoden wirken frei, stehen aber in einem Netz aus Vorausdeutungen, Gegenszenen und Spiegelungen. Zufälle kommen vor, doch sie prüfen Figuren mehr, als dass sie sie retten. Motive reisen mit: Gegenstände, Gerüchte, Briefe und Blicke verbinden Orte und Menschen. Schauplätze werden sorgfältig komponiert, sodass Gespräche, Missverständnisse und Enthüllungen plausibel eskalieren. Die komische Dynamik entsteht aus Timing und Perspektivwechseln, nicht aus bloßer Grobheit. So schafft der Roman eine Welt, die groß genug ist, das Unberechenbare zuzulassen, und geordnet genug, um Sinn erkennen zu lassen.
Warum heute lesen? Weil die Fragen des Buchs unveraltet sind. Wie misst man Charakter, wenn Selbstdarstellung leichter fällt als Wahrhaftigkeit? Wer profitiert von Regeln, und wem dienen sie? Was schulden Wohlstand und Bildung der Gesellschaft? Tom Jones bietet keine Rezepte; es zeigt, wie Menschen in unübersichtlichen Situationen abwägen, irren, lernen und neu beginnen. Der Roman lädt zur ethischen Einbildungskraft ein: Mit anderen fühlen, ohne Urteile auszusetzen; Lachen zulassen, ohne Verantwortung zu relativieren. In dieser Balance liegt seine Gegenwärtigkeit – ein Prüfstein für Urteilskraft in einer lauten, widersprüchlichen Öffentlichkeit.
Die anhaltende Bedeutung von Tom Jones gründet in seiner Wärme, seiner formalen Meisterschaft und seiner unerschrockenen Menschenkenntnis. Das Buch sieht Fehler, ohne den Glauben an Besserung aufzugeben. Es feiert Energie und Zuneigung und prüft zugleich die Bedingungen der Gerechtigkeit. Seine Sprache ist beweglich, seine Szenen sind einprägsam, seine Einsichten robust. Darin zeigen sich Qualitäten, die Generationen tragen: ein weiter Blick, der Unterschiede aushält; Ironie, die nicht zynisch wird; Komik, die klüger macht. Wer es liest, begegnet einem Klassiker, der nicht museal wirkt, sondern quicklebendig – ein Begleiter für das Denken über Leben und Handeln.
Henry Fieldings Roman Tom Jones, erstmals 1749 veröffentlicht, eröffnet als komische Gesellschaftsstudie im England des 18. Jahrhunderts. Auf seinem Landsitz findet der wohlhabende Squire Allworthy ein ausgesetztes Kind, das er als Tom Jones großziehen lässt. Gemeinsam mit Allworthys Neffen Blifil heranwachsenden, stehen von Beginn an Temperament und Charakter im Kontrast: Toms herzliche, aber ungestüme Natur trifft auf Blifils berechnende Tüchtigkeit. Der Erzähler kommentiert mit ironischer Distanz die Sitten der Zeit und bereitet eine Handlung vor, die zwischen ländlicher Idylle und sozialer Ambition schwankt. So wird früh die Frage nach Herkunft, Tugend und gesellschaftlicher Anerkennung als Leitproblem markiert.
Im Jugendalter zeigt Tom Großzügigkeit gegenüber Bedrängten, verfängt sich aber in Streichen, Jagden und Liebesabenteuern, die seinen Ruf gefährden. Er steht in besonderer Zuneigung zu Sophia Western, der Tochter des lauten Nachbarn, deren feinsinniger Charakter Toms bessere Anlagen spiegelt. Feldhafte Freuden, Jagdgesellschaften und Hauspredigten bilden die Bühne für subtile Intrigen: Missgunst nährt sich an Toms Beliebtheit, während scheinbare Tugend strenge Regeln beschwört. Wer Anstand und wer Gefühl verkörpert, bleibt im Alltagstest unklar. Dieses Spannungsfeld zwischen moralischer Strenge und natürlicher Güte strukturiert die Konflikte, die Fielding als komische, aber ernsthaft moralische Prüfungen arrangiert.
Mit dem Erwachsenwerden verschärfen sich die sozialen Erwartungen. Erbschaftsfragen und Heiratspläne verbinden private Neigung mit ständischer Nützlichkeit. Sophia gerät unter Druck, eine zweckmäßige Verbindung einzugehen, die ihr Herz nicht teilt. Tom, dem es an Vorsicht fehlt, verstrickt sich in Missverständnisse und Fehlentscheidungen, die Gegner geschickt ausnutzen. Ein folgenreicher Vorfall entfremdet ihn seinem Wohltäter und führt zu seiner Entfernung vom Gut. Gleichzeitig wächst Sophiens Entschluss, sich der Bevormundung zu entziehen. Aus den ländlichen Spannungen erwächst so eine doppelte Bewegung: Verbannung und Flucht setzen die Handlung in Gang und rücken Eigenständigkeit gegen Konvention ins Zentrum.
Auf der Straße entfaltet der Roman seine picareske Energie. Tom sammelt Weggefährten und Widersacher, kreuzt Gasthöfe, Marktfahrten, Kasernenhöfe und Pfarrhäuser. Komische Episoden mit Wirten, Soldaten, Rechtskundigen und Bekehrungseiferern zeigen England als Kaleidoskop widerstreitender Interessen. Fielding verbindet derbe Situationskomik mit Einsichten über Recht, Medizin und Religion. Tom handelt oft beherzt, manchmal leichtsinnig; er hilft Fremden, doch seine Impulse bringen ihn in neue Kalamitäten. Die Reise wird zur moralischen Schule: Mut und Mitleid stehen neben Eitelkeit und Begehren, während der Erzähler die Mechanik des Zufalls als satirisches Werkzeug nutzt, um gesellschaftliche Routinen zu entlarven.
Parallel dazu verfolgt der Roman Sophiens Weg. Sie reist mit begrenzten Mitteln und weiblicher Vorsicht, begleitet von Dienenden, beobachtet, gesucht, gelegentlich verkannt. Briefe, Gerüchte und falsche Spuren verketten die Ereignisse, sodass sich Toms und Sophiens Pfade wiederholt knapp verfehlen. Ihre Standhaftigkeit kontrastiert mit der Ungeduld mancher Verfolger, die Besitzansprüche und Ehre beschwören. Daraus entspringt eine Kritik an Vormundschaft und patriarchaler Verfügungsmacht: Sicherheit und Ruf einer Frau erscheinen von Launen anderer abhängig. Dennoch beharrt Sophia auf Urteilskraft und Maß, wodurch sie zur moralischen Folie von Toms ungebändigter Natur wird, ohne zur bloßen Allegorie zu verflachen.
Schließlich führt die Bewegung beider Erzählstränge nach London, in Salons, Theater und Maskenfeste, wo Einfluss, Geld und Klatsch schnelles Fortkommen versprechen. Tom gerät in den Bann einer mondänen Welt, die Vergnügen als Währung nutzt und Loyalitäten vertauscht. Begegnungen mit Schauspielerinnen, Offizieren und einer einflussreichen Dame eröffnen Chancen, aber auch Abhängigkeiten. Die Stadt macht Prüfungen schärfer: Diskretion wird lebenswichtig, Reputation fragil, Großmut leicht ausnutzbar. Fielding steigert den Kontrast von natürlicher Neigung und gesellschaftlichem Kalkül, indem er Beziehungen als Tauschgeschäfte ausstellt, die doch durch echte Sympathie durchkreuzt werden können.
Mit wachsender Öffentlichkeit verdichten sich Verdacht und Skandal. Verleumdungen, alte Ressentiments und hitzige Zusammenstöße bringen Tom in rechtliche Bedrängnis. Eine Auseinandersetzung zieht ernste Konsequenzen nach sich; Missdeutungen verhärten sich zu Anklagen. Zugleich treten wohlmeinende Figuren auf, die seine Sache prüfen, und Gegenspieler, die vergangene Kränkungen auskosten. Rückblenden und Enthüllungen aus Nebenfigurenbiografien verschieben den Blick auf frühe Ereignisse. Schriftstücke, Gerüchte und Aussagen stehen in Spannung, während Fielding die Frage zuspitzt, wie Wahrheit in einem Gewirr von Interessen erkannt werden kann. Die Bühne ist bereitet für Klärungen, die moralisches Gewicht und gesellschaftlichen Rang berühren.
In dieser Phase häufen sich Konfrontationen, Geständnisse und überraschende Wiedererkennungen, die Motive neu sortieren. Geheimnisse über Herkunft, Wohltaten und Berechnung rücken ins Licht, ohne sofort alle Konsequenzen zu bestimmen. Personen, die Autorität beanspruchen, müssen zwischen strikter Sanktionslust und maßvoller Gerechtigkeit wählen. Freundschaft wird auf Belastbarkeit geprüft, Liebesfähigkeit auf Wahrhaftigkeit. Fielding spielt die Komik des Scheins gegen die Ernsthaftigkeit von Verantwortung aus und zeigt, wie leicht selbst ehrenhafte Absichten sich in Selbsttäuschung verkehren. Damit legt der Roman die Grundlage für eine versöhnliche, aber nicht naive Lösung, deren genaue Gestalt erst im Schluss entfaltet wird.
Tom Jones entfaltet sich als komisches Epos in Prosa, das fragt, ob Tugend eher aus strenger Disziplin oder aus freigebiger Natur erwächst. Es kritisiert Heuchelei, Standesdünkel und blinden Ehrgeiz und wirbt für Klugheit, Barmherzigkeit und Selbstprüfung. Der allgegenwärtige Erzähler reflektiert Erzähltechniken und lädt zum Nachdenken über Zufall, Ursache und moralische Wahl ein. Am Ende bestätigt der Roman die Tragfähigkeit guter Gesinnung, sofern sie durch Einsicht gezügelt wird, und zeigt die Gesellschaft als Raum möglicher Versöhnung. Seine nachhaltige Bedeutung liegt in der Verbindung von erzählerischem Witz, sozialer Beobachtung und einer humanen Ethik, die fortwirkt.
Henry Fieldings Roman The History of Tom Jones, a Foundling erschien 1749 im frühgeorgianischen England, einer Zeit, in der George II. herrschte und die Church of England, das Landadeltum und die common-law-Gerichtsbarkeit das öffentliche Leben prägten. Der erzählte Raum reicht von ländlichen Grafschaften im Westen bis zur Metropole London. In dieser Ordnung galten Geburt, Besitz und Patronage als zentrale Triebkräfte sozialer Position. Zugleich verbreiteten sich gedruckte Meinungen, moralische Traktate und politischer Spott in einer expandierenden Öffentlichkeit. Der Roman bewegt sich bewusst in diesem Gefüge und nutzt vertraute Institutionen, um gesellschaftliche Autorität, moralische Ansprüche und soziale Beweglichkeit zu prüfen.
Ein wesentlicher Hintergrund ist die Theaterzensur des Licensing Act von 1737, die politische Satire auf der Bühne stark einschränkte. Fielding hatte zuvor als Dramatiker die Regierung und die Sitten seiner Zeit verspottet. Nach dem Gesetz verlor das politische Theater an Spielraum, und Fielding wandte sich entschiedener der Prosa zu. Der Roman wurde so zum Ersatzraum für seine satirische Energie. Die veränderte Kulturpolitik formte daher nicht nur die Gattung, sondern auch den Ton: Indirekte Kritik, ironische Distanz und gelehrte Parodie ersetzten offenes Bühnenpamphlet und geben Tom Jones seine besondere, reflektierte Form.
Gleichzeitig erlebte die englische Literatur die Herausbildung des Romans als dominanter Gattung. Nach Defoes faktischem Erzählen und Richardson’s empfindsamer Briefprosa suchte Fielding eine Alternative und nannte seine Form ein „komisches Epos in Prosa“. Der selbstbewusste Erzähler, Vorreden zu einzelnen Büchern und literarische Reflexionen ordnen die Handlung in eine Debatte über Erzählwahrheit und Moral ein. Der Verleger Andrew Millar, ein bedeutender Londoner Buchhändler, förderte das umfangreiche Mehrbänderwerk. In einer sich diversifizierenden Buchmarktökonomie verband Tom Jones erzählerische Breite mit marktfähiger Unterhaltung und trat in direkten Dialog mit zeitgenössischen Lektüregewohnheiten.
Die dargestellte Gesellschaft wird von Landbesitz und Provinzautoritäten geprägt. Gutsherren, Pächter, Verwalter und abhängige Dienerschaften strukturieren den Alltag; Erbfolgeregeln wie Primogenitur und Entail sichern Besitz in Familienlinien. Das Armenwesen liegt in Händen der Pfarreien, und die soziale Stigmatisierung unehelicher Kinder ist stark. Vormünder, Verwandte und lokale Honoratioren verfügen über beträchtliche Einflussmittel, etwa bei Bildung, Lebensweg und Heiratsfragen. Diese Hierarchie liefert die Bühne für Konflikte um Ehre und Herkunft. Der Roman greift diese Konstellationen auf, indem er die Machtansprüche von Hausherren, die Abhängigkeit Unterstellter und die Grenzen lokaler Wohltätigkeit sichtbar macht.
Auffällig im historischen Umfeld ist die Gründung des Foundling Hospital in London. Der Philanthrop Thomas Coram erhielt 1739 eine königliche Charta; ab 1741 wurden Kinder aufgenommen. Künstler wie William Hogarth und Musiker wie Georg Friedrich Händel unterstützten das Hospital und machten die Fürsorge für Findelkinder zu einer öffentlichen Angelegenheit. Debatten über Verantwortung, Erziehung und Legitimität begleiteten diese Bewegung. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Findelkind als Protagonist nicht nur als literarische Pointe, sondern als Spiegel einer breiteren bürgerlichen Sensibilisierung für soziale Herkunft und das Spannungsverhältnis zwischen Geburt, Tugend und gesellschaftlichem Ansehen.
Rechtsordnung und öffentliche Sicherheit dienen dem Roman als Prüfstein. Im England des 18. Jahrhunderts übten Friedensrichter (justices of the peace) vor Ort beträchtliche Macht aus; Quarter Sessions und Assizes verhandelten Kriminalfälle. Schuldgefängnisse, Haft wegen kleiner Delikte, aber auch Korruption und Willkür gehörten zu den Problemzonen. Fielding selbst wurde 1748 Londoner Magistrat und engagierte sich um 1749 für die Organisation von bezahlten Ermittlern, später als Bow Street Runners bekannt. Sein juristischer Blick prägt die Darstellung von Verhören, Falschanschuldigungen und Beweisfragen im Roman und schärft die Kritik an moralischer und institutioneller Heuchelei.
Die Handlung ist von Mobilität getragen, und diese Mobilität ruht auf technischen und infrastrukturellen Veränderungen. Seit den 1720er und 1730er Jahren erweiterten Turnpike Trusts das Netz gebührenfinanzierter Straßen, verbesserten Trassen und reduzierten Reisezeiten. Postkutschen, Mietpferde und zahlreiche Gasthöfe trieben den Reiseverkehr voran, auch wenn Risiken wie Kutschenunfälle und Straßenraub blieben. Die verdichtete Verkehrslandschaft ermöglicht Begegnungen über Standes- und Regionalgrenzen hinweg. Der Roman nutzt die Straße als soziales Labor: In Wirtshäusern kreuzen sich Nachrichten, Gerüchte, Kredit und Ehre; Freunde, Betrüger und Behörden treffen in rascher Folge aufeinander.
London bildet den Magneten dieser Bewegung. Die rasch wachsende Metropole zog hunderttausende Menschen an, bot Arbeits- und Vergnügungsmärkte und verdichtete die Kommunikationsflüsse des Reichs. Kaffeehäuser, Theater und Vergnügungsgärten fungierten als Foren der Öffentlichkeit; zugleich florierten Schwarzmarkt, Glücksspiel und Prostitution. Polizeiliche Kontrolle blieb lückenhaft, weshalb Magistrate und private Initiativen experimentierten. Fielding kannte diese urbane Topographie. Im Roman erscheint London als Bühne, auf der Ambition, Täuschung und Chancen enger aufeinandertreffen als in der Provinz, und als Ort, an dem Reputation in Tagen steigen oder fallen kann.
Eine wichtige intellektuelle Folie bilden Debatten der Aufklärung über Tugend und Gefühl. Philosophische Entwürfe eines angeborenen moral sense (Shaftesbury, Hutcheson) und die Rolle der „good nature“ prägten den Diskurs. Fieldings Erzähler reflektiert wiederholt über Wohlwollen, Mäßigung und die Grenzen strenger Regelmoral. Er prüft, ob Handlungen nach Absicht, Folgen oder starren Vorschriften zu beurteilen sind. Der Roman testet damit lebenspraktisch jene Theorien, indem er Wohlwollen gegen Heuchelei, Großmut gegen Rachsucht und situative Angemessenheit gegen pedantische Prinzipien abwägt.
Religiös dominierte die anglikanische Kirche das öffentliche Leben, begleitet von Dissenters und dem methodistischen Erwachen seit den 1730er Jahren um John Wesley und George Whitefield. Zeitgenössische Debatten kreisten um „Enthusiasmus“, Sittenreform und die Rolle der Predigt im Alltag. Im Roman erscheinen Pädagogen und Geistliche als Träger konkurrierender Moralmodelle: harte Zucht, abstrakte Philosophie oder pragmatische Nächstenliebe. Die Darstellung vermeidet dogmatische Parteinahme, legt aber die Kluft zwischen professioneller Moralrhetorik und tatsächlichem sittlichem Verhalten offen und zeigt, wie religiöser Diskurs soziale Autorität begründen, aber auch persönliches Interesse verschleiern kann.
Politisch herrschte seit 1714 eine Whig-Dominanz, gestützt auf das System von Patronage, Ämtern und Kredit. Während der langen Walpole-Periode und ihrer Nachwirkungen schufen Klientelverhältnisse und Parlamentswahlen, oft lokal vom Landadel beeinflusst, einen Rahmen für Loyalitäten und Feindschaften. Der Roman bewegt sich abseits direkter Parteinahme, zeichnet aber Typen, die mit der Kultur des „country“ und „court/city“ assoziiert sind: der jagdverliebte Gutsherr, der Anwalt der städtischen Interessen, der Indifferentist, der Opportunist. So spiegelt er die politische Kultur als Sittenkomödie, in der Parteigeist eher Temperament als Prinzip ist.
Militärisch wurde die 1740er Dekade vom Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) geprägt. Truppenbewegungen, Rekrutierungen und Rückkehrer waren im Land präsent und beeinflussten Wirtshauskultur, Arbeitsmärkte und öffentliche Ordnung. Soldaten konnten gleichermaßen Schutz- wie Störfaktoren sein. Der Roman berührt diese Realität in Reise- und Gasthausszenen, in denen militärische Figuren, Wechsel von Loyalitäten und die Frage nach Disziplin auftauchen. So entsteht ein zeitgenössischer Hintergrund aus Kriegsfolgen, der weniger Schlachten erzählt als soziale Nachwirkungen, die Mobilität, Gewaltpotenzial und männliche Ehre akzentuieren.
Im Zentrum stehen zudem Geschlechterordnung und Heiratsregime. Das Eherecht unter Vormundschaft und die ökonomische Bedeutung von Mitgiften machten Heirat zu einer Familienangelegenheit. Clandestine Ehen, besonders in der sogenannten Fleet-Tradition, sorgten für Skandale. Öffentlich diskutierte Missstände mündeten wenige Jahre später in den Marriage Act von 1753, der Formalitäten verschärfte. Der Roman reflektiert die Vor-Act-Lage: elterliche Kontrolle, Fluchtstrategien, das Gewicht von Ruf und Einwilligung. Hier wird sichtbar, wie Gefühle, Eigentum und Recht einander überlagern und wie junge Frauen und Männer Spielräume in engen Normen suchen.
Ökonomisch erlebte England eine Ausweitung von Handel, Kredit und Konsum. Wechsel, Schuldscheine und Ratenkäufe verbanden Land und Stadt; Wirtshäuser, Pferdeverleiher, Schneider und Juweliere profitieren vom Reise- und Modezyklus. Geldverhältnisse treten im Roman als soziale Prüfsteine auf: Wer leiht, wer zahlt, wer täuscht? Erbschaftshoffnungen, Testamente und Besitzstreitigkeiten strukturieren Motivationen. Gleichzeitig zeigt sich ein aufstrebendes „middling sort“, dessen Ehrgeiz zwischen Anständigkeit und opportunistischem Kalkül schwankt. So macht der Text die Ökonomie des Alltags sichtbar, ohne sie auf reine Gier zu reduzieren.
Die Publikationspraxis verstärkt den dialogischen Charakter des Werks. Als mehrbändiger Roman beim führenden Buchhändler Andrew Millar erschienen, verband Tom Jones literarische Autorität mit Marktlogik. Zeitgenössische Moralisten warfen Fielding gelegentlich Freizügigkeit vor, während Verteidiger die Wahrhaftigkeit seines komischen Blicks betonten. Anders als das Theater nach 1737 unterlag der Roman keiner Vorzensur, wurde aber öffentlich begutachtet: in Vorreden, Rezensionen und Kaffeehausdebatten. Fieldings programmatische Kapitelanfänge diskutieren diese Kritik vorab und machen das Werk zu einem reflexiven Beitrag über Nutzen und Grenzen moralischer Unterhaltung.
Die frühe Verbreitung weist auf Resonanz in einer breiten Leserschaft hin; rasche Nachdrucke zu Mitte des Jahrhunderts deuten auf starke Nachfrage. Übersetzungen folgten in mehreren europäischen Sprachen, wodurch sich das Werk in die Diskussionen über Romankunst und Satire einreihte. Zeitgleich arbeiteten Autoren wie Tobias Smollett an realistischen Abenteuern, während Leser die Unterschiede zwischen empfindsamer und komischer Prosa auskosteten. In diesem Milieu steht Tom Jones als kraftvoller Versuch, breite Gesellschaftserfahrung, erzählerische Selbstreflexion und sittliche Prüfung zu verbinden, ohne in Lehrhaftigkeit oder reine Groteske zu verfallen.
In der Summe offeriert das Buch eine Zeitdiagnose. Es zeigt, wie Verwandtschaft, Besitz, Recht und Religion Verhalten formen, und wie Mobilität diese Ordnung porös macht. Sein satirischer Zugriff entlarvt Scheinheiligkeit in Kanzel, Amtsstube und Salon, bekräftigt aber die Möglichkeit vernünftiger, menschenfreundlicher Urteile. Indem ein Findelkind Prüfungen der Herkunft, der Ehre und der rechtlichen Anerkennung durchläuft, kommentiert der Roman eine Gesellschaft, die zwischen Blutlinie und Verdiensten abwägt. So kritisiert Tom Jones starre Hierarchien, ohne Gemeinschaftssinn zu verwerfen, und plädiert für eine Ethik der Großmut in einer beschleunigten Welt.
Henry Fielding (1707–1754) war ein englischer Dramatiker, Romanautor, Journalist und Magistrat, der die Literatur der Augustanischen Epoche maßgeblich prägte. Bekannt für erzählerische Kühnheit, satirische Schärfe und eine souveräne Erzählerstimme, gilt er als einer der Architekten des englischen komischen Romans. Zu seinen kanonischen Werken zählen Joseph Andrews, The History of Tom Jones, a Foundling, Amelia und The Life of Jonathan Wild the Great. Neben der Belletristik engagierte er sich in der Rechtspflege und verfasste Schriften zur Kriminalitätsbekämpfung. Sein Werk verbindet theatrale Erfahrung, juristische Praxis und klassisch gebildete Ironie zu einer Form des Realismus, die bis heute nachwirkt.
Fielding erhielt seine Ausbildung am Eton College, wo er eine solide klassische Bildung erwarb. In den späten 1720er-Jahren studierte er an der Universität Leiden, bevor er in London juristische Studien am Middle Temple aufnahm und im frühen 1740er-Jahren als Anwalt tätig wurde. Literarisch knüpfte er an die Tradition der antiken Satire und Komödie an und orientierte sich deutlich an Miguel de Cervantes, dessen Don Quijote er als Modell erzählerischer Parodie und Episodenstruktur nutzte. Zugleich steht er in der Linie der englischen Augustaner, deren moralischer Witz und formbewusste Rhetorik – etwa bei Swift und Pope – seine Verfahren der Ironie schärften.
Seine frühe Karriere verlief auf der Londoner Bühne. Mit Stücken wie The Author’s Farce, Tom Thumb (später als The Tragedy of Tragedies bekannt), Pasquin und The Historical Register for the Year 1736 etablierte er sich als führender Satiriker. Die Angriffe auf die Regierung Sir Robert Walpoles trugen zum Erlass des Licensing Act von 1737 bei, der das Theater stärker kontrollierte und Fieldings dramatische Laufbahn faktisch beendete. Er wandte sich daraufhin verstärkt der Juristerei und dem Journalismus zu, schrieb unter anderem für The Champion und entwickelte die erzählerischen Strategien, die bald seine Prosa prägen sollten.
Der Übergang zur Prosa begann mit An Apology for the Life of Mrs. Shamela Andrews (1741), einer Parodie auf moralische Sentimentalität. Joseph Andrews (1742) entfaltete daraus das Konzept des „comic epic in prose“, das Abenteuer, Sozialkritik und reflektierende Vorreden verbindet. The Life of Jonathan Wild the Great (1743) steigerte die satirische Durchleuchtung von Macht, Gaunerehre und Opportunismus. Kennzeichnend sind der souveräne, kommentierende Erzähler, kunstvolle Digressionen und die bewusste Nähe zu Cervantes. Zeitgenössische Reaktionen reichten von Befremden über Respekt bis zu Bewunderung; rückblickend gelten diese Werke als entscheidende Schritte zur Konsolidierung des englischen realistischen Romans.
Sein Höhepunkt als Romanautor ist The History of Tom Jones, a Foundling (1749), ein weitgespanntes Werk, das erzählerische Rahmungen, Romanessay und episodische Reise verbindet. Die Komposition in klar gegliederten Büchern, die Präsenz des präsidierenden Erzählers und die Balance von Komik und Moral machten das Buch zu einem Meilenstein. Amelia (1751) richtete den Blick stärker auf häusliche Bewährungen, Recht und gesellschaftliche Verletzlichkeit. Parallel verfasste Fielding politische und juristische Schriften, darunter An Enquiry into the Causes of the Late Increase of Robbers (1751), das Prävention, professionelle Polizeiarbeit und sozialpolitische Maßnahmen als zusammenhängende Aufgaben diskutiert.
Ab 1748 wirkte Fielding als Justice of the Peace in Westminster, später auch für Middlesex. In dieser Funktion organisierte er das Bow-Street-Büro und trug zur Entwicklung bezahlter Ermittler bei, die als Bow Street Runners bekannt wurden. Er veröffentlichte politische Kommentare, etwa in The True Patriot und The Jacobite’s Journal, und verteidigte die Autorität des Gesetzes gegen Korruption und reißerische Straflust. Seine richterliche Praxis vertiefte Themen, die seine Literatur durchziehen: Schein und Wirklichkeit, soziale Ordnung, Mitgefühl und Maß. Die juristische Arbeit stärkte zugleich sein Ansehen als kundiger Beobachter der Londoner Alltagswelt und ihrer institutionellen Schwächen.
Die späten Jahre waren von Krankheit geprägt. 1754 begab sich Fielding auf eine Reise nach Portugal, deren Verlauf er in The Journal of a Voyage to Lisbon festhielt; das Buch erschien 1755 postum. Er starb 1754 in Lissabon. Sein Vermächtnis liegt in der Verbindung von komischem Realismus, ethischer Reflexion und experimenteller Erzähllenkung. Spätere Romanciers, darunter William Makepeace Thackeray und Charles Dickens, nahmen Anregungen aus seiner Ironie, Figurenführung und gesellschaftlichen Beobachtung auf. In der heutigen Forschung gilt er als Schlüsselfigur der Entwicklung des englischen Romans und als Autor, dessen satirische Intelligenz weiterhin produktiv herausfordert.
Die Einleitung zu dem Werke, oder der Speisezettel zu dem Mahle.
Ein Schriftsteller darf sich nicht für einen Mann halten, der seinen Freunden oder den Armen ein Gastmahl giebt; er muß sich vielmehr dem Inhaber eines Speisehauses gleich stellen, in welchem Jedermann willkommen ist, der Geld mitbringt. Im erstern Falle setzt bekanntlich der Gastgeber Speisen nach seinem Gefallen vor, und wenn dieselben dem Gaumen der Gesellschaft auch nicht zusagen, ja wenn sie ihm sogar zuwider sind, so darf man sie doch nicht tadeln; im Gegentheil, die gute Lebensart nöthigt die Gäste, Alles, was ihnen vorgesetzt wird, gut zu finden und zu rühmen. Anders bei dem Inhaber eines öffentlichen Speisehauses. Leute, die das bezahlen, was sie essen, wollen durchaus etwas haben, das ihrem Gaumen gefällt, wie verwöhnt er auch sein mag; ist nicht Alles nach ihrem Geschmacke, so maßen sie sich das Recht an, die Gerichte zu tadeln, zu schmähen und zu verwünschen, und sie lassen sich davon durch keine Rücksicht abhalten.
Um nun ihre Kunden durch eine solche Täuschung nicht zu beleidigen, pflegen die ehrlichen Speisewirthe einen Speisezettel vorzulegen, den Jedermann, wenn er in das Haus tritt, lesen kann, um, nachdem er erfahren, welche Gerichte er zu erwarten hat, entweder zu bleiben und das zu genießen, was ihm geboten wird, oder weiter zu gehen und in einem andern Speisehause etwas zu suchen, das seinem Geschmacke mehr zusagt.
Da wir es keineswegs verschmähen, guten Rath und Klugheit von irgend Jemandem zu borgen, der uns damit dienen kann, so sind wir auch geneigt, jene ehrlichen Speisewirthe nachzuahmen, und wir werden demnach nicht bloß einen allgemeinen Speisezettel für das ganze Mahl vorlegen, sondern auch bei jedem einzelnen Gerichte, das in dem vorliegenden Werke servirt werden wird, besondere Angaben vorausschicken.
Man hat hier weiter nichts zu erwarten, als menschliche Natur; ich fürchte aber nicht, daß einer meiner Leser, wie verwöhnt auch sein Gaumen sein möge, sich verwundert, oder gar unwillig wird, weil ich nur einen Artikel nenne. Die Schildkröte enthält, wie alle erfahrenen Gutschmecker wissen, außer dem köstlichen Fleische an ihrem Rücken- und Bauchschilde noch mancherlei verschiedene Dinge, die essenswerth sind; eben so findet sich, wie der Leser recht wohl weiß, in der menschlichen Natur, wenn sie hier auch unter einem allgemeinen Namen zusammengefaßt wird, eine so unabsehbare Mannichfaltigkeit, daß ein Koch eher mit allen verschiedenen Arten thierischer und vegetabilischer Nahrung in der Welt zu Ende kommt, als ein Schriftsteller im Stande ist, einen so umfassenden Gegenstand zu erschöpfen.
Feinere Leser machen vielleicht den Einwurf, dieses Gericht sei zu gewöhnlich und zu gemein, denn was Anderes finde man in allen den Romanen, Novellen, Schauspielen und Gedichten, welche den Markt überschwemmen? Der Gutschmecker müßte manche vortreffliche Speise verwerfen, wenn es ein hinreichender Grund wäre, sie für gewöhnlich und gemein zu erklären, daß es etwas an den armseligsten Oertern giebt, das denselben Namen führt. Die wahre Natur findet man in den Büchern eben so selten, als bei den Kaufleuten ächten Schinken von Bayonne und ächte Würste von Bologna.
Die Hauptsache kommt, um bei derselben Metapher zu bleiben, auf die Zurichtung durch den Schriftsteller an. Dasselbe Thier, welches die Ehre hatte, zum Theil an der Tafel eines Herzogs gespeiset zu werden, wird vielleicht an einem andern seiner Theile tief herabgewürdigt und in der gemeinsten Garküche der Stadt gleichsam an den Galgen gehenkt. Worin liegt also der Unterschied zwischen der Speise des Edelmannes und jener des Aufläders, wenn beide von einem und demselben Ochsen oder Kalbe essen, außer in den Zuthaten, in der Zurichtung, in dem Aufputze? Aus diesem Grunde reizt und weckt sie hier den schlaffsten Appetit, während sie dort den gierigsten Hunger stillt und zum Schweigen bringt.
Eben so liegt die Trefflichkeit der Geistesnahrung weniger in dem Gegenstande, als in der Geschicklichkeit des Schriftstellers, denselben gut zu behandeln und gleichsam zuzurichten. Mit welchem Vergnügen wird deshalb der Leser finden, daß wir uns in dem vorliegenden Werke fortwährend an einen der höchsten Grundsätze des besten Koches gehalten haben, den die jetzige oder vielleicht die Zeit Heliogabal's hervorgebracht hat! Dieser große Mann pflegt seinen hungrigen Gästen zuerst einfache Dinge vorzusetzen und allmälig, wie die Magen aller Wahrscheinlichkeit nach schwächer werden, bis zu der eigentlichen Quintessenz der Saucen und Gewürze emporzusteigen. Eben so werden wir dem Hunger unserer Leser die menschliche Natur zuerst einfach und natürlich vorstellen, wie sie sich auf dem Lande findet, und sie später mit allem pikanten französischen und italienischen Gewürz von Affectation und Laster, wie sie Höfe und Städte bieten, versehen.
Nachdem wir so viel vorausgeschickt haben, wollen wir diejenigen nicht länger von ihrem Mahle abhalten, denen unser Speisezettel behagt, vielmehr ihnen sogleich den ersten Gang unserer Geschichte vorsetzen.
Eine kurze Schilderung des Squire Allworthy und eine ausführlichere der Miß Brigitte Allworthy, seiner Schwester.
In jenem Theile des Westens dieses Königreichs, welcher gewöhnlich Somersetshire genannt wird, lebte vor Kurzem, und lebt vielleicht noch, ein Mann mit Namen Allworthy, den man den Günstling der Natur und des Glückes hätte nennen können, denn beide schienen mit einander gewetteifert zu haben, ihn mit ihren besten Gaben zu überschütten. Einige werden wohl der Meinung sein, die Natur habe bei diesem Wettkampfe den Sieg errungen, weil sie ihm viele Gaben verlieh, während das Glück nur eine einzige Gabe zu reichen vermochte; sie ging aber dabei so verschwenderisch zu Werke, daß Andere vielleicht glauben, diese einzige Gabe komme allen den verschiedenen Segnungen, die ihm die Natur verliehen, mehr als gleich. Von der letztern erhielt er nämlich eine angenehme Persönlichkeit, eine dauerhafte Gesundheit, einen guten Verstand und ein wohlwollendes Herz; durch das erstere dagegen gelangte er in den Besitz eines der größten Güter in der Grafschaft.
Dieser Mann hatte sich in seiner Jugend mit einem schönen und höchst achtbaren Mädchen verheirathet, dasselbe als seine Frau zärtlich geliebt und von ihr drei Kinder erhalten, die sämmtlich frühzeitig starben. Auch das Unglück hatte er gehabt, sein geliebtes Weib selbst etwa fünf Jahre vor der Zeit begraben zu müssen, in welcher unsere Geschichte beginnt. Diesen Verlust trug er, ob er wohl groß war, wie ein verständiger, fester Mann, ob er gleich bisweilen etwas seltsam darüber sprach, denn er äußerte nicht selten, er sehe sich noch immer für verheirathet an, als habe seine Frau nur eine kurze Zeit vor ihm eine Reise angetreten, die er gewißlich, früher oder später, ebenfalls werde machen müssen, und er zweifle nicht im mindesten, daß er sie an einem Orte wiederfinden werde, wo er nie wieder von ihr getrennt werden würde, – Ansichten, um deretwillen ein Theil seiner Nachbarn seinen Verstand, ein zweiter seine Religion und ein dritter seine Aufrichtigkeit bezweifelte.
Er lebte nun meist zurückgezogen auf dem Lande mit einer Schwester, die er zärtlich liebte. Diese Dame war etwas über die Dreißig hinaus, in welcher Zeit, nach der Meinung der Boshaften, ein unverheirathetes Frauenzimmer nicht mit Unrecht bereits »alte Jungfer« genannt werden kann. Sie gehörte zu den Frauen, die man mehr wegen ihrer guten Eigenschaften, als wegen ihrer Schönheit rühmt und die von ihrem eignen Geschlechte gewöhnlich gutmüthige Frauen genannt werden. Sie war wirklich so weit davon entfernt, den Mangel der Schönheit zu bejammern, daß sie diesen Vorzug (wenn es einer ist) stets mit einer gewissen verächtlichen Miene erwähnte, ja Gott oft dankte, daß sie nicht so hübsch sei, wie die oder die, welche vielleicht eben durch ihre Schönheit auf Abwege verlockt worden sei, die sie außerdem vermieden haben würde. Miß Brigitte Allworthy (so hieß die Dame) hielt mit vollem Rechte die körperlichen Reize an einem Weibe für nichts weiter, als Schlingen für sie selbst oder für Andere; trotz dem aber war sie in ihrem Wandel so vorsichtig und hielt so klug Wache, als hätte sie alle Schlingen zu fürchten, die jemals für ihr ganzes Geschlecht gelegt worden sind. Ich habe indeß die Bemerkung gemacht (wenn sie auch dem Leser unerklärlich zu sein scheinen mag), daß diese Klugheitswache, wie die disciplinirten Soldaten, am bereitwilligsten da aufzieht, wo am wenigsten Gefahr zu befürchten ist. Sie verläßt oft feig jene Posten, nach denen die Männer alle seufzen und schmachten und jedes Netz auswerfen, und begleitet meist unablässig jene höhere Klasse von Frauen, gegen welche die Männer eine scheuere Ehrfurcht hegen und die sie (wie ich vermuthe, weil sie am Gelingen des Versuches zweifeln) niemals anzugreifen wagen.
Ehe wir weiter fortfahren, lieber Leser, halte ich es für gerathen, Dich darauf aufmerksam zu machen, daß ich im ganzen Verlaufe dieser Geschichte so oft abzuschweifen gedenke, als ich eine Gelegenheit dazu sehe, was ich besser zu beurtheilen weiß, als irgend ein Kritiker.
Ein sonderbares Ereigniß, das dem Herrn Allworthy bei seiner Rückkehr nach Hause zustößt. Das anständige Benehmen der Jungfer Deborah Wilkins, nebst einigen passenden Bemerkungen über Bastarde.
Ich habe dem Leser in dem vorhergehenden Kapitel erzählt, daß Herr Allworthy ein großes Vermögen besaß, das er geerbt, daß er ferner ein gutes Herz, aber keine Familie hatte. Daraus werden nun Manche schließen, er habe als redlicher Mann gelebt, sei Niemandem etwas schuldig gewesen, habe nur das genommen, was ihm gehörte, ein gutes Haus gemacht, seine Nachbarn an seinem Tische herzlich willkommen geheißen, den Armen reichlich gegeben, d. h. denen, welche lieber betteln, als arbeiten, sei als unermeßlich reicher Mann gestorben und habe ein Hospital bauen lassen.
Es ist wahr, Manches davon that er; hätte er aber nicht mehr gethan, so würde ich es ihm überlassen haben, seine Verdienste selbst auf einem Steine über dem Eingange seines Hospitals der Welt zu verkündigen. Weit außerordentlichere Dinge sind der Gegenstand dieser Geschichte, ich würde sonst meine Zeit auf unverzeihliche Weise durch das Schreiben eines so dicken Buches verschwenden, und Sie, mein kluger Freund, könnten mit eben dem Nutzen und Vergnügen einige Seiten von dem lesen, was gewisse närrische Schriftsteller spaßhafter Weise »die Geschichte Englands« genannt haben.
Herr Allworthy hatte sich ein ganzes Vierteljahr lang eines besondern Geschäftes wegen, das ich weiter nicht kenne, in London aufgehalten; es muß aber wohl von Wichtigkeit gewesen sein, weil es ihn so lange von der Heimath fern hielt, die er seit vielen Jahren keinen Monat lang verlassen hatte. Spät am Abende kam er in sein Haus zurück und nach einem kurzen Abendessen in Gesellschaft seiner Schwester begab er sich sehr ermüdet in sein Zimmer. Nachdem er hier einige Minuten auf seinen Knien gelegen hatte, eine Gewohnheit, von welcher er aus keiner Veranlassung jemals abwich, wollte er eben in sein Bett steigen, als er bei dem Aufdecken desselben zu seiner großen Verwunderung ein Kind, das in grobe Linnen geschlagen war, darin in süßem und tiefem Schlafe liegen sah. Eine Zeit lang stand er bei diesem Anblick unbeweglich vor Staunen da, bald aber, da seine Gutmüthigkeit stets schnell die Oberhand gewann, fühlte er Mitleid mit dem kleinen armen Dinge vor ihm. Er zog die Klingel und befahl einer ältlichen Magd, sogleich aufzustehen und zu ihm zu kommen. Bis dahin betrachtete er so eifrig die Schönheit der Unschuld, die in jenen lebendigen Farben erschien, in welchen sich die Kindheit und der Schlafzimmer zeigt, daß es ihm nicht einfiel, er sei im Hemd, als die alte Magd hereintrat. Sie hatte indeß ihrem Herrn hinreichend Zeit zum Bekleiden gelassen, weil sie, aus Ehrfurcht vor ihm und im Gefühl der Schicklichkeit, viele Minuten mit der Anordnung ihres Haares vor dem Spiegel verbracht, trotz der Eile, mit welcher sie von dem Diener beschieden worden war, und obgleich ihr Herr, was sie nicht wissen konnte, vielleicht im Sterben lag.
Man wird sich nicht verwundern, daß eine Person, die an sich selbst so viel auf Schicklichkeit und Anstand hielt, sich schwer verletzt fühlte, wenn eine andere im geringsten davon abwich. Sie hatte also kaum die Thüre geöffnet und ihren Herrn mit einem Lichte in der Hand im Hemde an dem Bette stehen sehen, als sie höchst entsetzt zurückprallte; sie wäre vielleicht gar in Ohnmacht gefallen, hätte er sich nicht noch schnell besonnen, daß er unangekleidet war und ihrem Entsetzen ein Ende gemacht, indem er sie aufforderte, so lange vor der Thüre zu bleiben, bis er sich etwas angekleidet habe und die züchtigen Augen der Jungfer Deborah Wilkins nicht mehr beleidige, die, obgleich zwei und funfzig Jahre alt, betheuerte, sie habe niemals einen Mann ohne Rock gesehen. Spötter und Witzler mögen vielleicht über den ersten Schreck der guten Jungfer lachen, die ernstern Leser aber werden, wenn sie die nächtliche Zeit, das Herbescheiden aus dem Bette und die Stellung berücksichtigen, in welcher sie ihren Herrn fand, ihr Benehmen vollkommen billigen und rühmen, wenn nicht die Bewunderung ein wenig durch die Klugheit gemindert wird, welche man bei Mädchen in dem Alter der Jungfer Deborah voraussetzen muß.
Als Jungfer Deborah wieder in das Zimmer trat und von ihrem Herrn erfuhr, daß derselbe ein Kind in seinem Bette gefunden habe, erreichte ihre Bestürzung einen noch höhern Grad als vorher, und sie konnte sich nicht enthalten, mit Entsetzen im Tone der Stimme und in ihren Mienen auszurufen: »Ach, guter Herr, was soll da geschehen?« Herr Allworthy entgegnete, sie müsse diese Nacht das Kind warten und pflegen; am andern Morgen würde er für eine Amme sorgen. »Ja, Herr,« sagte sie, »und ich hoffe, Ew. Gnaden werden einen Befehl erlassen, den Nickel, seine Mutter, die in der Nähe wohnen muß, festzunehmen. Es sollte mich freuen, wenn sie in das Zuchthaus[1] gesteckt und tüchtig ausgepeitscht würde. Solche schlechte Mädchen können nie streng genug bestraft werden. Ich wette, es ist nicht ihr erstes Kind, weil sie so unverschämt war, dasselbe Ew. Gnaden zu bringen, als wenn . . .« – »Das Kind mir zu bringen, Deborah!« antwortete Allworthy, »die Absicht hatte sie wohl nicht. Wahrscheinlich glaubte sie auf diese Weise für ihr Kind zu sorgen und ich bin wirklich erfreut, daß sie nichts Schlimmeres gethan hat.«
»Ich wüßte nicht, was noch schlimmer wäre,« sagte Deborah, »als daß solche Nickel ihre Sünde vor ehrlicher Leute Thüre legen, und wenn auch Ew. Gnaden Ihre eigne Unschuld kennen, so ist doch die Welt böse und gar mancher redliche Mann hat für den Vater von Kindern gelten müssen, die er nicht erzeugte. Nehmen sich Ew. Gnaden des Kindes an, so werden die Leute noch bereitwilliger glauben, was sie wollen, und warum wollen denn auch Ew. Gnaden für das Kind sorgen, das ja das Kirchspiel erhalten muß? Meinetwegen noch, wenn es eines ehrlichen Mannes Kind wäre; solche in Unzucht erzeugte Geschöpfe aber rühre ich nicht gern an und kann sie nicht für meine Mitmenschen halten. Pfui! wie es stinkt! Es riecht gar nicht wie ein Christenkind. Wenn ich mich unterstehen darf, einen Rath zu geben, so wäre ich dafür, wir legten es in einen Korb und ließen es vor die Thüre des Kirchenvorstehers setzen. Es ist eine schöne Nacht, blos etwas regnerig und windig, und wenn man es gut einwickelte und in einen warmen Korb legte, so ist zwei gegen eins zu wetten, daß es leben würde, bis es früh gefunden wird. Sollte es aber auch sterben, so haben wir doch unsere Schuldigkeit gethan, da wir für sein Unterkommen sorgten, und es ist vielleicht besser für solche Geschöpfe, sie sterben unschuldig, als daß sie aufwachsen und ihren Müttern nachahmen, denn etwas Besseres kann man von ihnen nicht erwarten.«
Es waren einige Stellen in dieser Rede, welche vielleicht den Herrn Allworthy beleidigt hätten, wenn er aufmerksamer darauf gewesen wäre; aber er hatte eben einen Finger in das Händchen des Kindes gebracht, das durch leisen Druck ihn um Beistand zu bitten schien und sicherlich die Beredtsamkeit der Jungfer Deborah zu Schanden gemacht hätte, wäre sie auch noch größer gewesen, als sie wirklich war. Er befahl der Jungfer Deborah, das Kind ohne Umstände mit in ihr Bett zu nehmen und eine Magd zu rufen, die einen Brei und andere Dinge für das Kind bereit mache. Er befahl ferner, gleich früh am Morgen für reine Wäsche für dasselbe zu sorgen und es ihm zu bringen, sobald er auf sei.
Jungfer Wilkins hatte so viel Einsehen und so große Achtung vor ihrem Herrn, bei dem sie eine vortreffliche Stelle hatte, daß ihre Bedenken vor seinen bündigen Befehlen sogleich schwanden. Sie nahm das Kind auf den Arm, ohne Widerwillen vor der unehelichen Geburt desselben zu verrathen, meinte, es sei ein liebes kleines Ding und ging mit ihm in ihre Schlafkammer.
Allworthy dagegen versank in den süßen Schlummer, den ein Herz genießt, das etwas Gutes gethan hat und mit sich zufrieden ist, und der wohl süßer ist, als jener, welcher durch irgend einen andern Genuß herbeigeführt wird.
Der Hals des Lesers kommt durch eine Beschreibung in Gefahr; sein Entrinnen und die große Herablassung der Miß Brigitte Allworthy.
Der gothische Baustyl[2] kann nichts edleres hervorbringen, als das Haus des Herrn Allworthy. Es lag etwas Großartiges in demselben, das die Seele mit ehrfurchtsvollem Schauer erfüllte, und glich den Schönheiten der besten griechischen Bauwerke. Auch war es innen so bequem als außen ehrwürdig.
Es stand an der Südostseite eines Hügels, näher am Fuße als am Gipfel desselben und war vor dem Nordostwinde durch einen Hain alter Eichen geschützt, die fast eine halbe englische Meile weit am Hügel hinauf wuchsen, doch hoch genug, daß es eine reizende Aussicht auf das Thal unten gewährte.
In der Mitte des Haines führte ein schöner Gang sanft abschüssig nach dem Hause hinunter und oben am Ende sprudelte ein wasserreicher Quell aus einem von Fichten bewachsenen Felsen hervor und bildete einen etwa dreißig Fuß hohen Fall, der nicht auf regelmäßigen Stufen herabgeleitet wurde, sondern natürlich über zerbrochene, moosbewachsene Steine bis an den Fuß des Felsens stürzte; dann floß er in einem Kieselbette mit vielen kleinern Fällen fort, bis er in einen Teich am Fuße des Hügels, unfern dem Hause an der Südseite, gelangte, den man aus jedem Zimmer von der Vorderseite sah. Aus diesem kleinen See, der in der Mitte einer schönen, mit Buchen und Erlen geschmückten und von Schafen belebten Ebene lag, kam ein Fluß heraus, der sich mehrere (engl.) Meilen weit durch eine unendliche Menge von Wiesen und Waldungen schlängelte, bis er in das Meer sich ergoß. Ein Arm desselben und eine Insel darüber hinaus begrenzten die Aussicht.
Rechts von diesem Thale öffnete sich ein kleineres, das mit mehrern Dörfern geschmückt war und in einem epheuumrankten Thurme einer alten verfallenen Abtei, so wie einem Theile der Frontseite derselben endigte.
Links zeigte sich ein sehr schöner Park mit Thal und Hügel, Durchsichten und Wasser, der äußerst geschmackvoll angelegt war, aber mehr noch der Natur als der Kunst verdankte. Jenseits erhob sich das Land allmälig in eine Kette rauher wildschöner Berge, deren Gipfel über die Wolken ragten.
Es war eben die Mitte des Mai und der Morgen wunderschön, als Herr Allworthy auf die Terrasse trat, wo das beginnende Tageslicht jene reizende Aussicht, die wir eben beschrieben haben, seinem Auge mit jeder Minute mehr und mehr enthüllte. Und jetzt ging die Sonne, nachdem sie Ströme von Licht entsendet, die an dem blauen Firmamente vor ihr emporstiegen als Boten ihrer Herrlichkeit, in der ganzen Strahlenpracht ihrer Majestät auf. Nur ein Wesen in dieser niedern Schöpfung konnte herrlicher sein als sie und dies war Herr Allworthy, ein Mann mit dem wohlwollendsten Herzen, der sich eben mit dem Gedanken beschäftigte, in welcher Weise er sich seinem Schöpfer angenehmer mache, indem er den Geschöpfen desselben des meiste Gute erzeige. Leser sieh Dich vor. Ich habe Dich unvorsichtig auf eine Höhe geführt, gleich dem Gipfel des Hügels Allworthy's, und ich weiß nun nicht, wie ich Dich wieder herunterbringe, ohne daß Du den Hals brichst. Wir wollen versuchen, neben einander hinabzugleiten, denn die Klingel der Miß Brigitte ertönt und Herr Allworthy wird zum Frühstück gerufen, bei dem ich zugegen sein muß und zu welchem Du mich begleiten magst, wenn es Dir gefällig ist.
Nachdem die gewöhnlichen Complimente zwischen Herrn Allworthy und Brigitten vorüber waren und sie den Thee eingeschenkt hatte, rief er die Jungfer Wilkins und sagte seiner Schwester, er habe ein Geschenk für sie. Sie dankte ihm dafür, denn sie meinte wohl, es sei ein Kleid oder irgend ein Schmuck. Er machte ihr öfters solche Geschenke und sie verwendete, ihm zu Gefallen, ziemlich viel Zeit auf ihren Putz. Ich sage, »ihm zu Gefallen«, weil sie selbst sich immer sehr verächtlich über den Putz und die Frauenzimmer äußerte, welche sich viel damit beschäftigten.
Wie sehr wurde ihre Erwartung getäuscht, wenn sie wirklich einen Schmuck zu erhalten hoffte, als die Jungfer Wilkins in Folge des Befehls, den sie von ihrem Herrn erhalten hatte, das kleine Kind brachte! Bei großen Ueberraschungen pflegt der Mensch zu schweigen; so schwieg auch Brigitte, bis ihr Bruder das Wort nahm und ihr den ganzen Hergang erzählte, den wir nicht wiederholen wollen, da er dem Leser bereits bekannt ist.
Miß Brigitte hatte immer so große Stücke auf das gehalten, was die Frauen Tugend zu nennen belieben und dieselbe stets so streng geübt, daß man, namentlich Jungfer Wilkins, erwartete, sie würde sich bei dieser Gelegenheit sehr bitter aussprechen und dafür stimmen, das Kind, als sei dasselbe ein schädliches Geschöpf, aus dem Hause fortzuschaffen; indeß sie faßte die gute Seite der Sache auf, äußerte Theilnahme und Mitleid mit dem hilflosen kleinen Wesen und rühmte ihres Bruders Gutmüthigkeit in dem, was er gethan.
Der Leser kann sich dies Benehmen vielleicht aus ihrem Gehorsam gegen den Herrn Allworthy erklären, wenn wir hinzugesetzt haben, daß der gute Mann seine Erzählung mit dem Ausspruch beschloß, er sei entschlossen, sich des Kindes anzunehmen und dasselbe zu erziehen, als sei es sein eigenes. Wir müssen die Wahrheit gestehen und sagen, daß sie immer bereitwillig war, ihrem Bruder gefällig zu sein und ihm selten, wenn jemals, entgegentrat. Sie machte zwar bisweilen einige Bemerkungen und Einwendungen, z. B. die Männer wären nun einmal eigensinnig und wollten immer ihren eigenen Weg gehen, oder sie wünsche, sie sei unabhängig, aber sie äußerte dies immer ganz leise und brachte es dabei höchstens bis zum Murmeln.
Was sie indeß dem Kinde nicht entgelten ließ, mußte die arme unbekannte Mutter desselben im reichlichen Maße leiden, denn sie nannte dieselbe einen unverschämten Nickel, ein schlechtes Mensch, eine gemeine Hure und mit ähnlichen Namen, welche die Zunge der Tugend stets gegen die schleudert, welche dem Geschlechte Schande gemacht haben.
Zuletzt wurde eine Berathung gehalten, wie man es anfange, um die Mutter ausfindig zu machen. Zuerst ging man die Dienerinnen im Hause durch, welche sämmtlich von der Jungfer Wilkins freigesprochen wurden und zwar etwas selbstgefällig, denn sie hatte dieselben ins Haus gebracht und es dürfte schwer sein, eine zweite ähnliche Sammlung von Vogelscheuchen zusammenzubringen. Darauf sah man sich unter den Mädchen in dem Kirchspiele um; die nähere Untersuchung dieses Punktes wurde indeß der Jungfer Wilkins überlassen, die versprach, am Nachmittage Bericht abzustatten.
Nachdem die Sache so geordnet war, begab sich Herr Allworthy in sein Studirzimmer, wie gewöhnlich, und überließ das Kind seiner Schwester, welche die Pflege desselben auf seinen Wunsch über sich genommen hatte.
Enthält einige gewöhnliche Dinge und eine sehr ungewöhnliche Bemerkung über dieselben.
Als der Herr sich entfernt hatte, blieb Jungfer Deborah stehen und schien etwas von Miß Brigitte zu erwarten, denn die kluge Haushälterin verließ sich nicht auf das, was im Beisein des Herrn geschehen war, da sie sich gar oft überzeugt hatte, daß die Ansichten der Dame in der Abwesenheit ihres Bruders himmelweit von denen verschieden waren, welche sie in dessen Gegenwart geäußert hatte. Miß Brigitte ließ sie nicht lange in dieser ungewissen Lage, denn nachdem sie das Kind, das schlafend in Deborah's Schooße lag, eine Zeit lang ernst betrachtet hatte, gab sie demselben einen herzlichen Kuß und erklärte zu gleicher Zeit, daß ihr das hübsche unschuldige Kind ungemein gefalle. Jungfer Deborah hatte dies kaum bemerkt, so fing auch sie an, das Kind zu drücken und zu küssen, in so großem Entzücken, wie eine fünfundvierzigjährige Braut über ihren jungen und kräftigen Bräutigam, und rief dabei in kreischendem Tone aus: »Das kleine liebe Wesen! Das kleine, hübsche liebe Kind! Das Knäbchen ist so hübsch, als ich irgend eines gesehen habe.«
Diese Ausrufungen hörten nicht auf, bis sie von dem Fräulein unterbrochen wurden, die den von ihrem Bruder erhaltenen Auftrag auszuführen anfing, und Befehle gab und Anstalten traf, das Kind mit allem Nöthigen zu versehen, und ein sehr hübsches Zimmer im Hause zur Kinderstube anwies. Sie hätte nicht anders handeln können, wäre das Kind ihr eigenes gewesen; damit aber der tugendhafte Leser sie nicht verdamme, weil sie zu viel Rücksicht auf ein in Sünden geborenes Kind nahm, müssen wir hinzufügen, daß sie die Anordnungen mit den Worten beschloß: »da es ihrem Bruder einmal in den Sinn gekommen sei, das kleine Kind anzunehmen, so müsse dasselbe auch mit großer Zärtlichkeit behandelt werden; sie für ihren Theil halte dies zwar für eine Unterstützung und Ermuthigung des Lasters, kenne aber auch den Eigensinn der Männer zu gut, als daß es ihr einfallen könnte, sich deren lächerlichen Launen widersetzen zu wollen.«
Mit solchen oder ähnlichen Reflexionen pflegte sie, wie bereits angedeutet, das jedesmalige Nachgeben gegen ihren Bruder zu begleiten, und es konnte gewiß das Verdienstliche dieses Nachgebens durch nichts mehr erhöhet werden, als durch die Erklärung, daß sie recht wohl wisse, wie thöricht und unverständig die Menschen wären, in die sie sich fügte. Schweigender Gehorsam legt dem Willen keinen Zwang an und kann folglich leicht und ohne viele Mühe geleistet werden; wenn aber eine Frau, ein Kind, ein Verwandter oder ein Freund mit Widerstreben und unwillig, mit Worten des Mißbehagens und der Unzufriedenheit thut, was wir wünschen, so muß die offenbare Schwierigkeit, die sie zu überwinden haben, den Werth des Gehorsams um vieles steigern.
Da dies eine der tiefsinnigen Bemerkungen ist, die wenige Leser selbst zu machen fähig sein dürften, so hielt ich es für schicklich, ihnen beizustehen; dies ist indeß eine Begünstigung, die sie im Verlaufe meines Werkes nur selten erwarten dürfen. Ich werde selten oder nie ihnen einen solchen Gefallen erzeigen, außer in Fällen, wie der vorliegende, wo die Entdeckung nur durch die Inspiration gemacht werden kann, mit der wir Schriftsteller begabt sind.
Jungfer Deborah wird mit einem Gleichnisse in das Kirchspiel begleitet. Eine kurze Schilderung von Jenny Jones, so wie von den Schwierigkeiten und Entmuthigungen, welche jungen Mädchen im Verlaufe ihrer Bildung begegnen können.
Jungfer Deborah schickte sich an, nachdem sie nach dem Willen ihres Herrn für das Kind gesorgt hatte, die Häuser zu besuchen, die der Vermuthung nach eine Mutter enthalten konnten.
Wenn der Geier, der schreckliche Vogel! von dem gefiederten Geschlechte hoch oben in den Lüften schwebend erblickt wird, so macht die verliebte Taube und jeder unschuldige kleine Vogel weit und breit im Umkreise herum Lärm und sie fliegen zitternd nach ihrem Verstecke. Er aber schießt stolz, seiner Würde sich bewußt, durch die Luft und sinnt nach, wie er Böses thue.
So liefen, als die Annäherung der Jungfer Deborah durch die Straße hinab verkündigt wurde, alle Bewohner zitternd in ihre Häuser und jede Frau fürchtete, der Besuch könne sie betreffen. Sie aber schritt stolz und stattlich einher und trug hoch den Kopf, der mit dem Wahne von ihrer Vortrefflichkeit erfüllt war und mit Plänen, wie sie ihre beabsichtigte Entdeckung bewirke.
Der scharfsinnige Leser darf nach diesem Gleichnisse nicht etwa meinen, die armen Leute hätten die Absicht geahnt, mit welcher Jungfer Deborah zu ihnen kam; da aber die große Schönheit dieses Vergleichs möglicher Weise hundert Jahre verborgen bleiben könnte, bis ein Erklärer einmal das Werk zur Hand nimmt, so halte ich es für zweckmäßig, hier dem Leser zu Hilfe zu kommen.
Ich will nämlich sagen, daß, wie es in der Natur des Geiers liegt, kleine Vögel zu verzehren, die Natur solcher Personen, wie der Jungfer Deborah, gleichsam darauf hingewiesen ist, kleine Leute zu kränken und zu tyrannisiren; indem sie auf diese Weise sich für die außerordentliche Unterthänigkeit gegen ihre Vorgesetzten zu entschädigen pflegen. Nichts kann vernünftiger sein, als daß Sclaven und Schmeichler dasselbe von allen unter ihnen verlangen, was sie selbst den über ihnen Stehenden leisten müssen.
So oft Jungfer Deborah sich in ungewöhnlicher Weise dem Willen der Miß Brigitte fügen mußte und ihr Gemüth dadurch ein wenig verstimmt worden war, pflegte sie unter jene Leute zu gehen, um die Harmonie in ihren Gefühlen dadurch wieder herzustellen, daß sie jede übele Laune ausließ. Deshalb war sie keineswegs ein gern gesehener Gast und vielmehr von allen gefürchtet und gehaßt.
Als sie bei dieser Gelegenheit in dem Orte ankam, begab sie sich sogleich in das Haus einer ältlichen Frau, der sie im Allgemeinen günstiger war als den übrigen, weil sie ihr glücklicher Weise in den Reizen der Person, so wie im Alter glich. Dieser Frau erzählte sie, was geschehen war, theilte ihr auch die Absicht mit, welche sie schon am Vormittage herführe. Beide begannen darauf mehrere junge Mädchen durchzunehmen, welche da wohnten, und ihr stärkster Verdacht fiel endlich auf eine gewisse Jenny Jones, der, und darin stimmten beide überein, am Wahrscheinlichsten das Geschehene zugetraut werden konnte.
Diese Jenny Jones war kein eben hübsches Mädchen, weder von Gesicht noch von Gestalt; die Natur hatte aber den Mangel an Schönheit einigermaßen durch das ersetzt, was meist höher geschätzt wird von den Frauen, deren Urtheil mit den Jahren zu vollkommener Reife gekommen ist, denn sie hatte ihr einen ungewöhnlichen Theil Verstand gegeben. Diese Gabe der Natur hatte Jenny durch Studium noch bedeutend verbessert. Sie war mehrere Jahre bei einem Schulmeister in Dienst gewesen, der die schnelle Fassungskraft des Mädchens und deren außerordentliches Verlangen nach Bildung bemerkte (denn sobald sie Zeit hatte, las sie in den Büchern der Schüler) und gutmüthig oder thöricht genug war (wie es der Leser zu nennen beliebt), ihr Unterricht zu geben und sie so weit zu bringen, daß sie das Lateinische vollkommen verstehen lernte und vielleicht im Ganzen eben so gelehrt war, als es die meisten jungen Herrn von Stande sind. Dieser Vorzug verband sich indeß, wie es mit den meisten andern ungewöhnlichen der Fall ist, mit einigen kleinen Unannehmlichkeiten; denn da es nicht zu verwundern ist, wenn ein junges so gebildetes Mädchen keinen großen Geschmack an dem Umgange derer findet, die dem Stande nach ihres Gleichen sind, der Bildung und den Kenntnissen nach aber so weit unter ihr stehen, so darf man auch nicht erstaunen, daß diese Ueberlegenheit Jenny's, so wie das Benehmen, welches die sichere Folge davon zu sein pflegt, bei den übrigen Neid und Uebelwollen gegen sie erregte, die vielleicht in den Herzen ihrer Nachbarn im Stillen gebrannt hatten, seit Jenny aus ihrem Dienste zurückgekommen war.
Ihr Neid zeigte sich indeß nicht öffentlich, bis die arme Jenny zur Verwunderung Aller und zum Aerger aller jungen Mädchen des Ortes eines Sonntags öffentlich in einem neuen seidenen Kleide, einem Spitzenhäubchen u. s. w. erschien.
Das Feuer, das vorher in der Asche geschlummert hatte, loderte jetzt mit einem Male auf. Jenny hatte durch ihre Gelehrsamkeit ihren Stolz gesteigert, den keiner ihrer Nachbarn freundlich mit der Ehrenbezeugung nährte, die sie zu verlangen schien, und jetzt erhielt sie statt Achtung und Verehrung wegen ihres Putzes nichts als Haß und Schmähung. Die ganze Gemeinde erklärte, sie könne zu diesen Dingen unmöglich auf rechtliche Weise gekommen sein und die Aeltern, statt ihren Töchtern dasselbe zu wünschen, priesen sich glücklich, daß ihre Kinder dergleichen nicht hätten.
Daher kam es vielleicht auch, daß die gute Frau der Jungfer Wilkins zuerst den Namen dieses armen Mädchens nannte; ein anderer Umstand aber bestärkte Deborah in ihrem Verdachte: Jenny war in der letzten Zeit häufig in dem Hause des Herrn Allworthy gewesen. Sie hatte Miß Brigitte in deren gefährlicher Krankheit gewartet und viele Nächte bei derselben gewacht; überdies war sie drei Tage vor der Rückkehr des Herrn Allworthy von der Jungfer Wilkins selbst da gesehen worden, obgleich die kluge Person anfänglich keinen Verdacht deshalb auf sie gehabt hatte, da sie, wie sie sich selbst ausdrückte, Jenny immer für ein sehr ordentliches Mädchen gehalten (ob sie gleich wenig von ihr wußte) und ihr Verdacht mehr auf jene leichtfertigen Dinger gefallen war, die die Nase hoch trugen, weil sie sich für hübsch hielten.
Jenny wurde nun aufgefordert, in Person vor der Jungfer Deborah zu erscheinen, was sie denn auch sogleich that. Jungfer Deborah nahm den Ernst eines Richters und etwas mehr als die Strenge desselben an und begann eine Rede mit den Worten: »Du freche Hure!« in welcher sie eigentlich schon das Urtheil sprach, nicht aber das Mädchen erst beschuldigte.
Obgleich Deborah aus den oben angeführten Gründen von der Schuld Jenny's vollkommen überzeugt war, so hätte Herr Allworthy doch vielleicht stärkere Beweise dafür verlangt; sie ersparte indeß ihren Anklägern manche Verlegenheit dadurch, daß sie Alles, was man ihr zur Last legte, freiwillig gestand.
