Tom Prox 129 - Derrick Day - E-Book

Tom Prox 129 E-Book

Derrick Day

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Beschreibung

Ray Aldon hat geerbt. Sein verstorbener Onkel, John Craft, hat dem jungen Mann aus North Carolina eine Erz-Mine in den Rocky Mountains hinterlassen. Allerdings hatte ihn der Onkel bereits im Testament gewarnt, dass der Neffe mit Schwierigkeiten, sogar großen Schwierigkeiten rechnen müsse, sollte er die Erbschaft antreten.
Und tatsächlich, kaum hat Ray den Zug in Santara verlassen, rät ihm nahezu jedermann, die Mine so schnell wie möglich zu verkaufen. Schon bald wird die Dringlichkeit dieser "Ratschläge" mit heißem Blei unterstrichen.
Der junge Mann von der Ostküste aber lässt sich nicht einschüchtern, sodass für Captain Tom Prox und seinen Sergeanten Snuffy Patterson klar ist, dass Ray ab sofort in Lebensgefahr schwebt. Wie recht die Ghosts, die zunächst inkognito bleiben, haben, zeigt sich, als die drei Männer in eine tödliche Falle geraten: Auf dem Weg zur Mine brechen die mächtigen Berge buchstäblich über ihnen zusammen ...


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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


Inhalt

Cover

Greenwood, der Dunkelmann

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Aus dem Wilden Westen

Vorschau

Impressum

Greenwood, derDunkelmann

Von Derrick Day

Ray Aldon hat geerbt. Sein verstorbener Onkel, John Craft, hat dem jungen Mann aus North Carolina eine Erz-Mine in den Ro‍cky Mountains hinterlassen. Allerdings hatte ihn der Onkel bereits im Testament gewarnt, dass der Neffe mit Schwierigkeiten, sogar großen Schwierigkeiten rechnen müsse, sollte er die Erbschaft antreten.

Und tatsächlich, kaum hat Ray den Zug in Santara verlassen, rät ihm nahezu jedermann, die Mine so schnell wie möglich zu verkaufen. Schon bald wird die Dringlichkeit dieser »Ratschläge« mit heißem Blei unterstrichen.

Der junge Mann von der Ostküste aber lässt sich nicht einschüchtern, sodass für Captain Tom Prox und seinen Sergeanten Snuffy Patterson klar ist, dass Ray ab sofort in Lebensgefahr schwebt. Wie recht die Ghosts, die zunächst inkognito bleiben, haben, zeigt sich, als die drei Männer in eine tödliche Falle geraten: Auf dem Weg zur Mine brechen die mächtigen Berge buchstäblich über ihnen zusammen ...

1. Kapitel

Als Ray Aldon am frühen Morgen seines einundzwanzigsten Geburtstags aus dem Fenster seines Zimmers blickte, wusste er plötzlich, dass dieser Tag die wichtigste Entscheidung für sein weiteres Leben bringen würde. Für ihn stand schon seit Wochen fest, dass er Clover Dep verlassen wollte. Je eher er wegging, umso besser war es für alle.

Nur ein paar Tage noch würde er das alles sehen: die sattgrünen Koppeln, die weißbetupften Baumwollfelder und in der Ferne das schimmernde Band des Ohio River. Dann wollte er seine Sachen packen und davonreiten. Er wusste selbst noch nicht, wohin; er hatte sich darüber keine Gedanken gemacht. Das Beste war es, die Dinge an sich herankommen zu lassen!

Froh, die immer wieder hinausgezögerte Entscheidung endlich getroffen zu haben, kramte er seinen Tabaksbeutel hervor und rollte sich eine Zigarette. Aber seine Ungeduld war nun doch schon zu groß – er rauchte kaum die Hälfte, dann schnippte er den Rest zum Fenster hinaus und ging nach unten.

Ganz so leicht, wie er es sich gedacht hatte, war es aber doch nicht. Auch an Geburtstagen machte man hier keine großen Umstände, und doch erfüllten ihn die Glückwünsche der anderen mit einer gewissen Befangenheit. Die Mahlzeit war schon beinahe beendet, als er sich endlich ein Herz fasste.

»Meinen nächsten Geburtstag werdet ihr ohne mich feiern müssen!«, stieß er unvermittelt hervor.

»Was soll das heißen, Ray?«, fragte sein Vater.

»Weil ich von hier weggehe«, versetzte Ray so schroff, dass seine Mutter erschrocken das Brot aus der Hand legte. Pat, seine Schwester, drehte ihm betroffen das Gesicht zu und starrte ihn ungläubig an.

»Wohin willst du denn, Ray?«, fragte der Vater.

»Irgendwohin. Ich weiß es noch nicht.«

»Du wirst doch eine Gründe haben, oder?« Der Alte bohrte weiter.

»Das hat doch keinen Sinn, Ray«, wandte Steve, sein Bruder, ein. Er drehte sich zu seinem Vater um. »Es ist natürlich meinetwegen. Ray glaubt wahrscheinlich, dass wir nicht mehr genug Platz haben, wenn ich jetzt heirate. Und darum wird er auch ...«

»Das ist doch Unsinn«, knurrte der Farmer. »Es ist mehr als genug Platz hier; selbst wenn ihr alle drei heiratet, reicht er immer noch. Man kann das Land aufteilen, und wir haben genügend Holz, um ein halbes Dutzend Häuser zu bauen. Die Wälder sind voll davon, und ein Teil von ihnen gehört uns. Auch an Geld mangelt es nicht! Auf unserem Konto stehen jetzt fast achtzigtausend Dollar. Aber es ist müßig, darüber zu reden. Ray hat einen anderen Grund.«

»Warum willst du weg von hier, Ray?«, fragte nun auch Pat mit spröder Stimme.

Ray gab seiner Schwester keine Antwort. Die Reaktion auf seine Eröffnung war so, wie er es sich vorgestellt hatte. Sie hatten natürlich alle kein Verständnis für sein Vorhaben. Bisher hatte es nur Steve gewusst und geschwiegen, obwohl auch er den Grund nicht kannte. Nun aber wussten es alle, und das zwang ihn zu handeln. Er war sich noch nicht ganz schlüssig, wann er gehen wollte – morgen, spätestens übermorgen.

»Du bist ein Narr, Ray!«, nahm der Vater das Gespräch wieder auf. »Du denkst, du könntest deine Gefühle verbergen, aber du bist noch nicht alt genug dazu. Steve und Pat konntest du täuschen – deine Eltern nicht! Wir haben längst gemerkt, was in dir vorgeht. Ich hatte dich eigentlich schon für einen Mann gehalten. Jetzt aber sehe ich, dass ich mich geirrt habe! Du kannst nicht fair verlieren, Ray!«

»Dad!« Leichenblass legte Pat ihrem Vater die Hand auf den Arm, doch er schüttelte sie ungehalten ab.

»Ein Mann muss verzichten können, und ganz besonders dann, wenn sein eigener Bruder ...«

»Wovon redest du eigentlich Vater?«, fragte Steve überrascht. Sein Blick flog zu Ray hinüber, der steif und mit schmalen Augen auf seinem Hocker saß. Die Worte seines Vaters mussten Ray tief getroffen haben, denn unvermittelt legte er beide Hände flach auf den Tisch und beugte sich etwas vor. »Du sollst wissen, was gespielt wird, Steve. Ich ...«

»Nein, Ray!«, rief seine Mutter. »Du darfst nicht.«

»Ich bin nicht zu feige, um mit offenen Karten zu spielen. Steve soll es ruhig wissen, weshalb ich das Feld räume. Es ist wegen Gaby, Steve! Ich kann nicht dabei sein, wenn sie dich heiratet. Ich habe immer gedacht, dass sie und ich irgendwann ... ich habe sie immer gemocht, aber sie hat mich nicht ernst genommen. Dann bist du auf sie aufmerksam geworden, und von da an hatte ich keine Chance mehr. Ich ... ach was, wozu reden wir noch darüber? Du weißt jetzt Bescheid, Steve! Gabys wegen kann ich nicht mehr in Clover Dep bleiben, vielleicht verstehst du das wenigstens!«

Steve senkte den Blick, denn mit einem Mal wagte er nicht mehr den Bruder anzusehen. Er fühlte sich schuldig, auch wenn er lange nicht geahnt hatte, was sein Bruder für das Mädchen empfand. Nie war ihm der Gedanke gekommen, dass Ray in Gaby mehr sah als eine gute Freundin, und das bedrückte ihn.

»Aber Gaby ist doch erst achtzehn Jahre alt!«, murmelte Pat, als habe sie seine Gedanken erraten. »So alt wie ich und ...«

»Sie ist trotzdem noch drei Jahre jünger als ich!«, versetzte Ray trotzig.

»Aber sie hat sich für Steve entschieden, und diese Entscheidung gilt«, rief der Vater.

Der Farmer war aufgesprungen und stand nun mit dem Rücken zum Fenster neben einem alten Ölbild, das seine Frau als junges Mädchen zeigte. Breitbeinig und mit leicht vornüber geneigtem Oberkörper hieb er sich mit der Rechten klatschend gegen die Innenfläche seiner linken Hand. »Gaby hat sich entschieden!«, rief er noch einmal. »Und du wirst darüber hinwegkommen, Ray.«

»Gut«, entgegnete Ray rau. »Ich respektiere ja ihre Entscheidung – aber ich gehe!«

»Ich glaube, ich verstehe dich, Ray«, sagte Steve gedämpft. »Vielleicht würde ich ebenso handeln wie du. Wenn ich dir irgendwie helfen kann, du weißt, dass du auf mich rechnen kannst ...«

»Lass das jetzt!«, unterbrach ihn der Vater scharf. »Ich schätze, Ray braucht keine Hilfe. Von niemandem! Und wenn er bestimmte Pläne hätte, würde ich das auch begreifen. Wie aber ein Mann ...«

Der alte Farmer drehte sich um, da hinter ihm an die Scheibe geklopft wurde. Er öffnete das Fenster und nickte dem Posthalter zu, der draußen stand und mehrere Briefe in der Hand hielt. Gus Aldon wollte sie entgegennehmen, aber der Posthalter schüttelte den Kopf.

»Sie sind diesmal für Ray, Gus!« Er grinste. »Guten Morgen, alle zusammen! Hier ist allerhand Post für dich, Ray. Gratuliere auch zum Geburtstag, mein Junge!«

»Danke, Conny!« Ray stand schwerfällig auf, trat näher, nahm die Briefe und drehte sie unsicher zwischen den Fingern. »Aus Santara? Ich danke dir, Conny!«

»Komm doch herein und nimm einen Whisky«, lud der Farmer den Boten ein, doch der winkte ab.

»Jetzt nicht, vielleicht auf dem Rückweg, wenn es euch recht ist. Ich habe heute eine Menge zu tun, und ich möchte das erst hinter mich bringen.« Er berührte grüßend die Krempe seines Stetson und stakte rasch zu seinem Pferd zurück.

Während Ray die Briefe in seiner Hand betrachtete, spürte er, dass ihn die anderen beobachteten. Er ahnte auch den Grund. Wahrscheinlich vermuteten sie jetzt, dass er sich mit Onkel John in Verbindung gesetzt hatte und dass die eben angekommenen Briefe mit seinem Plan, Clover Dep zu verlassen, zusammenhingen.

»Du hast also doch ein Ziel, Ray!«, sagte der Vater auch schon.

»Ich habe nicht nach Santara geschrieben. Ich wusste auch nicht, dass ich von Onkel John Post bekommen würde!« Ray ließ sich wieder auf seinen Hocker fallen, riss den ersten Umschlag auf und begann zu lesen. Er brauchte fast eine Viertelstunde, um die beiden mit ungelenker Schrift bedeckten Bogen durchzulesen, und während dieser Zeit herrschte atemlose Stille.

Als er endlich den Kopf hob, suchte sein Blick sofort seine Mutter. »Es hat ein Unglück gegeben!«, erklärte er stockend. »Onkel John ist im Stollen verschüttet worden. Er möchte nun, dass ich nach Santara komme!«

Ray riss den nächsten Umschlag auf und überflog den Brief, der nur aus wenigen Zeilen bestand. Dann nahm er ihn, wendete ihn um und starrte auf den Stempel. Mit der Zungenspitze befeuchtete er sich die trocken gewordenen Lippen. »Onkel John ist tot!«, murmelte er. Er sah wieder seine Mutter an; sie rührte sich nicht, aber in ihren Augen zuckte es leise, und ihr Gesicht wurde schneeweiß.

»Lies vor, Ray!«, sagte der Vater. Er trat hinter die Mutter und legte ihr die Hände fest auf die Schulter. Steve und Pat saßen unbeweglich am Tisch, ihre Blicke hingen an Rays Gesicht.

Langsam und stockend las er den ersten Brief vor:

»Lieber Ray!

Du wirst diesen Brief zu deinem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen, aber ich schreibe ihn schon vier Wochen vorher, weil mir keine Zeit zum Warten bleibt. Ich weiß, dass ich sterben muss; ich wusste das schon, als sie mich aus dem zusammengebrochenen Stollen zogen, aber jetzt hat es mir der Doc bestätigt.

Lieber Ray! Ich denke, dass du nicht immer in Clover Dep bleiben willst. Junge Leute wie du sollen sich den Wind möglichst frisch um die Nase wehen lassen. Steve wird jetzt wohl bald die Farm übernehmen, und solange Pat nicht verheiratet ist, wird er sich bestimmt um sie kümmern. Wenn du keine besonderen Pläne hast, dann komme nach Santara! Meine Mine ist kein großer Betrieb, aber sie ernährt ihren Mann, und wenn man jung ist, kann man noch etwas daraus machen. Es steckt noch viel Kupfer in den Bergen – besonders am Black Cave und unter dem Lucky Top lohnen neue Versuche.

Ich glaube, dass dort noch ein Vermögen steckt! Es ist die richtige Chance für einen Jungen wie dich! Jedenfalls setze ich dich als Universalerben ein! Tyron Watt wird dir helfen – er war mein bester Freund. Vor Ross Murphy aber musst du dich in Acht nehmen! Er konnte mir eine alte Sache nie nachsehen und wird die Feindschaft wohl auf dich übertragen.

Auch sonst musst du mit Schwierigkeiten rechnen. Greenwood und Yeager haben von den neuen Vorkommen erfahren. Ich sollte ihnen die Lager verkaufen, aber ich wollte nicht. Greenwood bot erst 40.000, zuletzt 50.000 Dollar bar; Yeager bot 45.000. Ich habe aber abgelehnt, und das bedeutet Kampf. Ich hoffe, dass du die Schwierigkeiten nicht scheuen wirst und dass du auch mit dem Colt umzugehen verstehst. In dieser Gegend ist das sehr wichtig, Ray.

Grüße deine Eltern und Pat und Steve von mir! Du wirst jedem deiner Geschwister 10.000 Dollar auszahlen, sobald du es kannst. Vielleicht lässt sich das auch mit deinem Anteil an eurer Farm verrechnen?

Der Herr beschütze euch! Es ist wohl alles gesagt, was gesagt werden musste, Ray!

Ich wünsche dir alles Gute

Dein Onkel John Craft!

PS. Lass dich nicht dazu hinreißen, von selbst etwas gegen meine Feinde zu unternehmen, auch dann nicht, wenn es kein Unglück war!«

Als Ray schwieg, senkte seine Mutter den Kopf, und sein Vater räusperte sich.

»Er war ein prächtiger Bursche, Mary«, sagte er heiser.

»Was steht denn in dem anderen Brief, Ray?«, lenkte Steve ab.

»Es ist die amtliche Benachrichtigung! Der Bürgermeister von Santara schreibt, dass Onkel John am 23. gestorben ist. Ich bin von ihm zum Universalerben bestimmt worden.«

»Am 23.«, wiederholte der Farmer nachdenklich. »Das ist jetzt also acht Tage her.«

»Der Brief war vier Tage unterwegs. Er ist am selben Tag aufgegeben worden wie die beiden anderen.«

»Dann wird der dritte Brief wahrscheinlich von diesem Tyron Watt sein«, meinte der Farmer.

Ray vermutete das ebenfalls. Auch dieser Umschlag enthielt einen Brief mit nur wenigen Zeilen, doch seine Miene verfinsterte sich, als er den Text überflogen hatte. In plötzlicher Aufwallung zerknüllte er das Blatt.

»Was ist los, Ray?«, fragte Steve gespannt.

Ray beruhigte sich und strich den Bogen wieder glatt. Er wartete, bis seine Erregung abgeklungen war.

»Eine Warnung«, sagte er dann. »Sie haben es wirklich verdammt eilig, mir Schwierigkeiten zu machen! Hört zu:

›Ray Aldon!

John Craft hat Sie zum Alleinerben seiner Mine eingesetzt! Ich möchte Ihnen dazu nicht gratulieren, denn Sie werden eine Menge Ärger bekommen! Es gibt Erbschaften, die man gefährlich nennen kann ... aber diese ist lebensgefährlich! Für Sie wäre es besser, wenn Sie sie ausschlügen. Sie haben sicher keine Lust, mit einundzwanzig Jahren irgendwo in den Rocky Mountains ins Gras zu beißen. Unterrichten Sie den Notar, aber lassen Sie sich hier im Distrikt nie sehen!'«

»Das ist keine Warnung, sondern eine Drohung!«, knirschte der Farmer. »Der Absender ist übrigens ziemlich gut informiert. Er kennt nicht nur deine Anschrift, er weiß auch, dass du heute Geburtstag hast. Allerdings liest sich das Ganze nicht gerade wie ein Gratulationsbrief!«

»Was wirst du nun tun, Ray?«, fragte Steve.

»Er wird den guten Rat natürlich befolgen!«, warf der Alte rasch ein.

»Nein, ich werde hinfahren, Vater! Onkel John hatte recht! Für mich ist es eine Chance, und ich werde sie nutzen!«

»Es ist keine Chance, mein Junge!« Seine Mutter sah ihn flehend an. »Der Drohbrief muss dir doch klargemacht haben, dass man dort vor nichts zurückschreckt. Dein Onkel hatte Gegner, und du wirst sie auch haben!«

»Und es sind gemeine und rücksichtslose Gegner, Ray«, betonte Steve.

»Du darfst dich auf diese Sache nicht einlassen, Ray!«, fuhr die Mutter fort. »Mein Bruder hat etwas vom Kampf geschrieben, aber es wird kein fairer Kampf, weil du eine Übermacht gegen dich hast.«

»Für die Leute im Westen bist du ein Greenhorn!«, brummte Pat.

»Du bist noch zu jung, um ...« Seine Mutter brach ab, als sie Rays Augen sah. Da begriff sie, dass es keine Chance mehr gab, ihn von seinem Plan abzubringen.

Sein Entschluss stand fest. Es war die Chance, die er brauchte. Mancher wartete ein Leben lang auf solch eine Gelegenheit, hatte Onkel Johnny geschrieben, und das war richtig.

Hunderttausend arme Teufel träumten von solchen Chancen und bekamen sie nie. Ihm aber hatte man sie geboten, und nichts, keine Warnung, keine Drohung und keine Schwierigkeit, würde ihn davon abhalten, seine Chance zu ergreifen – ganz gleich, ob Ross Murphy oder Yeager oder wer auch immer ihm drohen würde.

Er wollte nach Santara gehen und die Mine übernehmen.

*

Ray Aldon hatte während der dreitägigen Bahnfahrt versucht, sich eine Vorstellung von der Welt zu machen, in der er von nun an leben sollte. Je öfter das Bild der Landschaft draußen wechselte, umso mehr war seine Fantasie angeregt worden. Und doch ahnte er, dass seine Vorstellungen sich mit der Wirklichkeit nicht decken würden.

Er war quer durch fünf Staaten der USA gefahren, durch North Carolina, Tennessee, Arkansas, Oklahoma und Texas bis nach New Mexico hinein. Er hatte nicht gewusst, dass die Vereinigten Staaten landschaftlich derart starke Gegensätze aufwiesen. Und wie es mit der Natur war, so musste es wohl auch mit den Menschen sein.

Was wusste er schon von den Leuten im Westen? Dass sie hart und wortkarg waren, verschlossen und zurückhaltend im Benehmen, rau und rasch im Zuschlagen und schwerfällig in ihrer Art, das Leben anzupacken. Das alles hatte man ihm einst in der Schule beigebracht. Er hatte es in sich verarbeitet und hielt es für die Wirklichkeit.

Aber war es tatsächlich so?

Je weiter der Express nach Westen vorstieß, umso mehr neigte er dazu, seine Zweifel zurückzustecken, und schließlich zweifelte er überhaupt nicht mehr.

Die Menschen in Texas mussten härter sein als die Bewohner von Virginia, Pennsylvania und Kentucky. Abgesehen davon, dass die Natur hier wilder und das Klima rauer war, hatten große Teile des Westens die neuen technischen Errungenschaften noch gar nicht oder nur wenig kennengelernt.

Zwar gingen die stählernen Stränge der Bahnen über Texas, New Mexico und Arizona durch Kalifornien bis zum Pazifischen Ozean. Aber das Netz der Schienen war hier nicht so engmaschig wie im Osten. Die Stationen waren primitiv und unbedeutend. Nur in größeren Ortschaften sah man Telegrafenmasten, und während es zum Beispiel in Chattanooga schon seit Jahren Straßenbahnen gab, sah man auf den sandigen Straßen von Amarillo nur Kutschen und Reiter.

Die Männer in Oklahoma trugen steife Hüte, lange Gehröcke, karierte Beinkleider und Gamaschen und waren zum größten Teil unbewaffnet. In Santa Fé trug man schlichte Wollhemden, lederbesetzte Hosen und Stiefel, dazu breitrandige Hüte, die vor den sengenden Sonnenstrahlen schützten, und Halstücher, die man sich beim Reiten zum Schutz gegen den aufwirbelnden Staub vor den Mund knüpfte. Vor allem aber schien es in Texas wie in New Mexico nur wenige Männer zu geben, die keinen Revolver bei sich trugen.

Während des dritten Fahrttages hatte Ray Aldon bestätigt gefunden, was ihm sein Onkel geschrieben hatte. In diesem Teil der Vereinigten Staaten war es offensichtlich höllisch wichtig, mit dem Colt umgehen zu können.

Seit er in Santa Fé umgestiegen war, trug er seinen Sechsschüsser offen im Holster. Es lag ihm viel daran, nicht sofort als Fremder erkannt zu werden. Äußerlich unterschied er sich nun durch nichts mehr von den anderen Männern des Landes. Er hatte wie sie den wiegenden Gang des Menschen, der ständig im Sattel hängt, und seine Haut besaß die gleiche Sonnenbräune wie die der Weidereiter, die er in den Tälern um die Herden jagen sah.

Trotzdem gab er sich nicht der Illusion hin, es mit den Fähigkeiten dieser Männer aufnehmen zu können. Er konnte ausgezeichnet schießen, aber er hatte niemals großen Wert auf schnelles Ziehen gelegt. Gerade dies aber schien hier wichtig zu sein, wo sogar die Schuljungen schon kleine Meisterschützen waren.

Ja, er musste noch eine Menge lernen. Vor allem musste er seinen Colt immer schon in der Hand halten, wenn er sich mit einem Westler messen wollte.

Auch reiten konnte er, doch bis jetzt war es für ihn nur ein Vergnügen gewesen. Von nun an würde es harte Notwendigkeit werden!