Torn Hart - Whitley Cox - E-Book
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Whitley Cox

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Beschreibung

A torn Hart can only be mended by the right woman.

In Lydia Sullivans Leben läuft gerade alles schief. Frisch getrennt lebt sie ohne Freunde in einer neuen Stadt und wurde nun auch noch in ihrem Traumjob gefeuert. Frustriert betrinkt sie sich und stolpert in der Lobby über ihren attraktiven Nachbarn Rex Hart.  Die Chemie zwischen ihr und Rex stimmt sofort und nach und nach wird Lydias Leben wieder schöner. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge und Lydia fragt sich, ob sie ihren Verstand verliert - oder ob es jemand auf sie abgesehen hat.

Rex Hart verliebt sich normalerweise jede Nacht in eine neue Frau. Nicht aber dieses Mal. Seine neue Nachbarin weckt sofort seine Beschützerinstinkte, als er sie weinend und betrunken in der Eingangshalle findet. Doch nach der anfänglichen Euphorie, findet er ihr Verhalten immer sonderbarer. Passieren die seltsamen Vorfälle wirklich, von denen sie ihm erzählt? Oder erfindet sie das alles nur, um seine Aufmerksamkeit zu erreichen? Rex ist hin- und hergerissen. Zu gerne möchte er glauben, dass Lydia ehrlich ist, aber sein Instinkt lässt ihn alles in Frage stellen - auch seine Gefühle ...

Die Hart Familie - eine Familie, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte. Nur eines haben sie gemeinsam: ihre Herzen sind schwer zu erobern.

Dritter Teil der neuen Romantic Suspense Serie von Bestseller-Autorin Whitley Cox. Wir empfehlen die Titel in der richtigen Reihenfolge zu lesen.

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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

A torn Hart can only be mended by the right woman.

In Lydia Sullivans Leben läuft gerade alles schief. Frisch getrennt lebt sie ohne Freunde in einer neuen Stadt und wurde nun auch noch in ihrem Traumjob gefeuert. Frustriert betrinkt sie sich und stolpert in der Lobby über ihren attraktiven Nachbarn Rex Hart. Die Chemie zwischen ihr und Rex stimmt sofort und nach und nach wird Lydias Leben wieder schöner. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge und Lydia fragt sich, ob sie ihren Verstand verliert – oder ob es jemand auf sie abgesehen hat …

Rex Hart verliebt sich normalerweise jede Nacht in eine neue Frau. Nicht aber dieses Mal. Seine neue Nachbarin weckt sofort seine Beschützerinstinkte, als er sie weinend und betrunken in der Eingangshalle findet. Doch nach der anfänglichen Euphorie, findet er ihr Verhalten immer sonderbarer. Passieren die seltsamen Vorfälle wirklich, von denen sie ihm erzählt? Oder erfindet sie das alles nur, um seine Aufmerksamkeit zu erreichen?

Rex ist hin- und hergerissen. Zu gerne möchte er glauben, dass Lydia ehrlich ist, aber sein Instinkt lässt ihn alles in Frage stellen – auch seine Gefühle …

Die Hart Familie – eine Familie, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte. Nur eines haben sie gemeinsam: ihre Herzen sind schwer zu erobern.

Dritter Teil der neuen Romantic Suspense Serie von Bestseller-Autorin Whitley Cox. Wir empfehlen die Titel in der richtigen Reihenfolge zu lesen.

Über Whitley Cox

Whitley Cox ist an der kanadischen Westküste geboren und aufgewachsen. Sie studierte Psychologie und unterrichtete zeitweise in Indonesien, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte. Heute ist sie mit ihrer Highschool-Liebe verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

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Übersicht

Cover

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Impressum

Lust auf more?

Whitley Cox

Torn Hart

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Charlotte Petersen

For Jodie Esch

A fellow author, a friend and a beautiful soul gone too soon.

I will forever treasure our VIRA picnics on your patio, your kind words, constant support and encouragement.

The world is certainly a lot less bright without you in it.

Inhaltsübersicht

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

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Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Impressum

Kapitel 1

Verdammt, süßsaures Schweinefleisch war einfach köstlich. Und er musste sein Sechs-Personen-Menü mit niemandem teilen.

Rex' Magen knurrte vor Hunger und Vorfreude.

Das war alles für ihn allein, bis zum letzten Bissen, und damit war er sehr einverstanden.

Gab es etwas Besseres auf der Welt als den Duft von chinesischem Essen, der von der Rückbank des Wagens herüberweht?

Ganz sicher nicht.

Na gut, vielleicht den Duft von chinesischem Essen, der von der Rückbank des Wagens herüberweht, während man vorn sitzt, den auf und ab wippenden Kopf einer Frau im Schoß.

Aber im Moment hatte er nur eines von beidem, und sein vor Hunger schon ganz zorniger Bauch war mächtiger als die Sehnsüchte seines einsamen Schwanzes und seiner prall gefüllten Eier.

Vor allem nach diesem verdammt langen Tag – er war seit vier Uhr wach und seit fünf Uhr bei der Arbeit gewesen, und danach war er noch für eine Stunde ins Fitnessstudio gegangen und hatte auf den Sandsack eingeschlagen. Er hatte sich jede verdammte Kalorie aus Kohlenhydraten verdient, die er zu sich nehmen würde, und noch einige mehr.

Was seinen Schwanz betraf, würde er sich heute Abend mit seiner eigenen Hand begnügen müssen. Er war zu müde, um irgendeiner der Frauen zu schreiben, von denen er wusste, dass sie für einen kleinen, unverbindlichen Spaß zu haben wären.

Vielleicht morgen Abend.

Mit genug chinesischem Essen, um eine sechsköpfige Familie zu ernähren, und einem Sechserpack Bier von einer lokalen Kleinbrauerei auf dem Rücksitz seines Pick-up-Trucks war er bestens auf einen netten Abend allein vorbereitet.

Es war erst später Nachmittag, aber wenn man bedachte, dass er noch vor Sonnenaufgang mit der Arbeit angefangen hatte, lag ein langer Tag hinter ihm. Ein sehr langer. Er würde zu seiner Wohnung gehen, sich seinen Hund Diesel schnappen und kurz mit ihm nach draußen gehen. Nachdem Diesel sein Geschäft verrichtet hatte, würden sie wieder reingehen, er würde seinen Hund füttern, sich aus den verschwitzten Klamotten schälen, duschen und sich einen runterholen. Und dann endlich würde er sich in seinen unglaublich teuren Sessel sinken lassen, die Füße hochlegen und einen ganzen Berg Chow Mein und süßsaures Schweinefleisch in sich reinschaufeln und es mit Bier runterspülen, während er irgendeine spannende Doku auf dem Discovery Channel ansah, den schnarchenden und furzenden Hund zu seinen Füßen.

Gab es eine bessere Art, seinen Abend zu verbringen?

Nein, ganz sicher nicht.

Es sei denn natürlich, seine Abendplanung würde zusätzlich beinhalten, dass währenddessen der Kopf einer schönen Frau in seinem Schoß auf und ab wippte.

Aber nein. Heute Abend würde er sich mit Chow Mein und Bier begnügen.

Mit knurrendem Magen, der klang wie ein wütender Bär, der mitten im Winterschlaf erwachte, fuhr Rex seinen großen schwarzen Chevy in die Parklücke hinter dem Haus und stellte den Motor ab.

Gott sei Dank wurde das Wetter langsam besser.

Der Frühling war da und mit ihm längere Tage, wärmere Temperaturen und der süße, berauschende Duft von Blüten.

Er war immer auf der Hut, auch wenn er nicht im Einsatz war. Sah sich auf dem Parkplatz um, als er aus dem Wagen stieg, die Tür zuschlug und dann die hintere Tür öffnete, um Bier und Abendessen von der Rückbank zu holen.

Er wohnte seit fast zwei Jahren hier, und bisher war nie was passiert. Es war eine anständige Gegend, nicht allzu weit von der Universität von Victoria entfernt, und das Gebäude war erst etwa fünf Jahre alt. Die meisten seiner Nachbarn waren Studenten, aber keiner war unhöflich oder laut. Manchmal bekam er mit, dass eine Party stattfand, aber das störte seinen Schlaf nicht im Geringsten.

Während seiner Zeit bei der Joint Task Force 2 und dem Sondereinsatzkommando, dem er und seine Brüder nach ihrer Zeit bei der kanadischen Marine beigetreten waren, war er durch die Hölle gegangen und wieder zurück. Er konnte auf dem nackten Betonboden schlafen, wenn es sein musste, direkt neben einem moskitoverseuchten Sumpf, während zehn andere Männer um ihn herum furzten und schnarchten.

Wenn er müde war, schlief er. So einfach war das.

Er warf seinen Mantel über den Arm und steckte sich den Schlüssel zwischen die Zähne, schnappte sich seine Sporttasche und holte Essen und Bier vom Rücksitz seines Trucks. Dann jonglierte er den ganzen Kram erfolgreich bis zur Lobby.

Er war gerade dabei, seine Post durchzusehen, als Schluchzen und Schniefen durch den Flur drang, gefolgt von dem süßen Duft nach Walderdbeeren und Sommersonne.

Er hatte schon immer die Nase eines Bluthunds gehabt.

Als Kind hatte er, wenn seine Mutter ihn und seine Brüder von der Schule abholte, meist schon an ihrem Geruch erkannt, was es zu essen geben würde.

Er blickte von einem falsch adressierten Brief auf und sah sich einer schönen Frau mit tränenverschmierten Wangen und rot geränderten Augen gegenüber.

Sie war atemberaubend. Hochgewachsen und geschmeidig mit weiblichen Kurven, kastanienbraunem Haar, das ihr bis kurz über die Schultern fiel, und großen haselnussbraunen Augen. Traurigen Augen. Sie blickte zu ihm auf, die Nase ganz gerötet, und die tränennassen Wangen schimmerten rosig.

Rex hatte dieser Frau noch nie direkt gegenübergestanden, obwohl er sie gelegentlich schon mal gesehen hatte – allerdings nur aus der Ferne. An den Wochenenden ging sie laufen, und er beobachtete sie gern, wenn sie aufbrach. Er hatte noch nie eine Frau gesehen, der Lulu Lemons besser standen als ihr.

In ihm flammte das Bedürfnis auf, sie zu beschützen. Herauszufinden, was oder wer sie zum Weinen gebracht hatte, und ihn dafür bezahlen zu lassen.

Er war nicht sicher, ob er ihr helfen konnte, aber er wollte es sehr gern versuchen. Das war nicht die Art Tränen, wie man sie vergoss, wenn man einen traurigen Film gesehen hat oder Mitleid mit einem dreibeinigen Hund am Straßenrand empfand. Das waren Tränen, hinter denen echter Schmerz steckte. Ein gebrochenes Herz. Tiefe Verzweiflung.

Schütze diejenigen, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützen.

Und obwohl dieses Motto oft so ausgelegt wurde, dass man »die Schwachen« beschützen solle, empfand er diese Frau nicht als schwach, sondern nur als traurig. Verletzt.

Wie auch immer, er wollte ihr helfen.

So waren er und seine Brüder erzogen worden.

Wenn jemand in Schwierigkeiten war oder Hilfe brauchte, halfen sie. Und diese Frau sah aus, als könnte sie Hilfe gerade gut gebrauchen.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf und rang atemlos nach Worten. »N-nein.«

»Kann ich dir irgendwie helfen? Soll ich deinen Ex-Freund verprügeln oder so?«

Sie stieß ein Geräusch aus, halb Schnauben, halb Lachen, und wischte sich die Tränen von den Wangen. »Ich glaube nicht, dass du bereit bist, eine sechsundzwanzigjährige Tussi von hundertdreißig Pfund zu vermöbeln, also habe ich wohl keine Verwendung für deine Muskelkraft.«

»Äh …« Er kratzte sich im Nacken. »Ex-Freundin?«

»Nein.« Sie schniefte laut. »Ich bin gefeuert worden!« Und ehe er sich versah, stürzte sie auf ihn zu und brach schluchzend an seiner Brust zusammen.

Er hatte sein ganzes Zeug abgestellt. Sanft legte er ihr eine Hand auf den Rücken, der sich unter seiner breiten Pranke anfühlte wie der eines Kinds. Er ertappte sich dabei, dass er ihr beruhigend den Rücken streichelte, so wie er es bei seinen Nichten und Neffen tat, wenn sie hingefallen waren und sich wehgetan hatten. »Ist schon okay«, brummte er. »Es wird alles gut.«

Er legte ihr einen Arm um die Schultern und raffte mit der freien Hand sein Abendessen, Mantel, Sporttasche und – das war das Wichtigste – das Bier zusammen und führte sie zum Aufzug.

»In welchem Stockwerk wohnst du?«, fragte er leise.

Statt einer Antwort drückte sie den Knopf mit der Drei darauf. Schweigend fuhren sie nach oben, und als sich die Tür öffnete, dachte er, sie würde rasch in ihrer Wohnung verschwinden und ihn mit seinem chinesischen Essen und seinem Bier stehen lassen, aber dann fand er sich plötzlich zu seinem eigenen Erstaunen in der Wohnung dieser Fremden wieder und sah ihr dabei zu, wie sie ihre Schuhe auszog, sich aufs Sofa fallen ließ und sich die Nase putzte.

»Weißt du was? Ich hab noch nie eine nette Odette kennengelernt.« Sie grinste. »Nicht dass ich viele Odettes kenne, aber die wenigen, die ich bisher getroffen habe, waren die größten Schlampen überhaupt. Die, mit der ich in die Grundschule gegangen bin, war echt gemein – sie war zwei Jahre jünger als ich, aber trotzdem eine richtige kleine Hexe -, und diese Kuh auf der Arbeit war ihr ganz schön ähnlich. Ich hab erst einen Monat dort gearbeitet, aber ich habe alles richtig gemacht, war früh da, bin lange geblieben, hab mein Arbeitsmaterial selbst gekauft und Arbeit mit nach Hause genommen. Ich habe drei Stunden meiner Freizeit damit verbracht, die Löcher im Fallschirm und den großen ausgestopften Alligator in der Leseecke zu flicken. Ich hab nie um Bezahlung dafür gebeten. Ich habe es nicht einmal erwähnt. Ich habe es einfach getan. Ich war eine vorbildliche Mitarbeiterin, und dann kommt sie als frischgebackene Leiterin einfach reinspaziert, ist noch keine Woche da und feuert mich, weil sie denkt, ich wäre hinter ihrem Job her.«

Rex beobachtete, wie sie in ihre Handtasche griff und eine braune Papiertüte herauszog, aus der der Hals einer Schnapsflasche ragte. Sie nahm einen Schluck, verzog das Gesicht und nahm einen weiteren Schluck, bevor sie ihm die Flasche anbot.

»Nein, danke.« Er schnitt eine Grimasse. »Ich hab Bier.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Mehr für mich.« Sie nahm noch einen Schluck. »Hast du jemals eine nette Odette getroffen?« Sie fing einen eher zahmen Rülpser mit dem Handrücken auf und bedachte Rex mit einem schiefen, leicht verlegenen Lächeln.

Er schnaubte. »Ich hab noch nie eine Odette getroffen. Aber ich war mal kurz mit einer Odessa zusammen. Sie hat mich abserviert.«

»Warum?« Wieder ein süßer kleiner Rülpser, gefolgt von Schluckauf.

»Ach, weißt du, die alte Geschichte … sie hat sich beschwert, dass mein Penis zu groß sei.« Er grinste breit und hoffte, dass sein Witz sie zum Lächeln brachte.

Ihr blieb der süße kleine Rosenknospenmund für einen kurzen Moment offen stehen, bevor sie ihm einen skeptischen Blick zuwarf, erneut Schluckauf bekam und dann in Gelächter ausbrach.

Sehr gut. Sein Witz hatte gezündet.

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sie hatte ein wirklich bezauberndes Lachen, und zumindest für den Moment hatte er es geschafft, sie von ihren Problemen abzulenken. Sie wusste ja nicht, dass die Geschichte stimmte – Odessa hatte ihn tatsächlich abserviert, weil sie meinte, sein Schwanz sei zu groß. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte sie ihn Godzilla-Schwanz genannt, sich beklagt, er hätte sie fast in zwei Hälften gespalten, und ihn dann aus ihrer Wohnung geworfen, nur mit Boxershorts und Arbeitsstiefeln bekleidet.

Gut, dass sie nicht versucht hatte, mit seinem Bruder Heath zu schlafen. Heath war das Nesthäkchen der Familie, aber er war von ihnen allen am besten bestückt. Vermutlich hätte sie ihn durch den Flur gejagt – breitbeinig wie ein Cowboy – und behauptet, er sei zur Hälfte ein Pferd.

Die Vorstellung entlockte ihm ein belustigtes Schnauben.

Er zog eine Schulter hoch. »Also … äh, kannst du dir nicht einfach einen anderen Job suchen? Was machst du denn eigentlich beruflich?«

Sie zuckte mit den Schultern, bevor sie einen weiteren Schluck aus ihrer diskreten braunen Papiertüte nahm. »Ich hab ganztags in dieser Kindertagesstätte gearbeitet. Ich bekam die Stelle zur Jahresmitte, weil eine andere Erzieherin in Mutterschaftsurlaub gegangen ist. Es war perfekt, hat mir echt Spaß gemacht. Montag bis Freitag von acht bis fünf. Dann haben sie eine neue Leiterin eingestellt. Sie ist jünger als ich und hat nicht annähernd so viel Erfahrung. Ich passe auf Kinder auf, seit ich dreizehn bin, und habe während meines gesamten Studiums als Kindermädchen und Babysitterin gearbeitet. Direkt nach meinem Pädagogik-Studium hab ich mich als Vorschullehrerin zertifizieren lassen, weil ich gern mit kleinen Kindern arbeiten wollte. Eine Zulassung für die Arbeit an Montessori-Schulen und die Arbeit mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen habe ich ebenfalls.

Aber Vorschulen haben nicht so lange geöffnet wie Kindertagesstätten, und man verdient nicht besonders – es sei denn, man ist in einer ganztägigen Montessori- oder Waldorfschule oder in einer schicken privaten Vorschule. Dort habe ich mich auch beworben, aber sie hatten keine freien Stellen – oder ich bekam zu hören, ich sei überqualifiziert, und sie könnten sich mein Gehalt leider nicht leisten. Dann habe ich diesen Job gefunden. Er vereint sozusagen das Beste aus beiden Welten. Morgens ist Vorschule, danach dann Tagesbetreuung bis zum späten Nachmittag. Ich kann also unterrichten … Entschuldigung, ich konnte unterrichten, Vergangenheitsform und so, weil ich ja gefeuert wurde.« Sie seufzte. »Ich hab den perfekten Job verloren dank der größten Schlampe an der Westküste.«

»Hast du versucht, dich zu wehren?«

»Pfft«, schnaubte sie. »Ich war noch in der dreimonatigen Probezeit. Sie hätten mich wegen jedem Scheiß feuern können.«

Er ließ den Blick schweifen, unsicher, was er sagen sollte. Ihre Wohnung war keine genaue Kopie von seiner, aber doch sehr ähnlich. Offen geschnitten, etwas kleiner. Ein großes Schlafzimmer, ein schmaler, aber gemütlicher Wohnbereich und eine durch einen Tresen davon abgetrennte Küche mit neuen Geräten, ein winziges Badezimmer.

Vielleicht kam das Bad aber auch nur Rex eng und klein vor, und für einen durchschnittlich großen Menschen war alles in bester Ordnung. Sie hatte ihre Wohnung sehr feminin eingerichtet, mit lauter sanften Orange- und hellen Blautönen. Vor dem Fernseher stand ein weißes gepolstertes Ledersofa mit säuberlich aufgereihten Kissen darauf, und hinter dem Sofa hingen schwarze Plastikbilderrahmen mit Gemälden von Muscheln und Blumen. Fotos konnte er nirgendwo entdecken, mit Ausnahme eines kleinen gerahmten Schwarz-Weiß-Bilds, von dem er annahm, dass es sie als kleines Mädchen zeigte, vielleicht sechs oder acht Jahre alt; sie war gerade am Strand, gemeinsam mit einem Mann und einer Frau, die wohl ihre Eltern waren.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte sie mit leicht undeutlicher Stimme. Offenbar fing das Thema an, sie zu langweilen, oder vielleicht regte es sie auch zu sehr auf. »Ich hab dich schon mal gesehen. Du bist doch der Typ mit dem großen schwarzen Pick-up-Truck und dem jungen Pitbull, oder?«

Er nickte. »Ich bin Rex. Wie heißt du?«

»Lydia.« Sie gähnte. »Rex, was? Wie T-Rex.«

Er verdrehte die Augen. »Ja, wie T-Rex.«

»Ist das eine Abkürzung für irgendwas? Rexworth vielleicht, oder Rexwell oder Rexington … Rexthalomew?«

»Rexthalomew?«

Sie zuckte wieder mit den Schultern. »Rexly?«

Er schnaubte nur, lächelte und ignorierte das dumpfe Grollen seines hungrigen Magens. Mann, sie war ganz schön betrunken. »Es ist keine Kurzform.«

Sie zuckte wieder mit den Schultern. »Hast du Geschwister?«

»Drei Brüder.«

»Und haben die auch alle so seltsame Namen?«

»Ich persönlich halte Rex nicht für einen seltsamen Namen. Aber nein, haben sie nicht. Einsilbig sind unsere Namen aber alle. Brock, Chase und Heath. Und unser Vater hieß Zane, unsere Mutter heißt Joy.«

Nachdenklich spitzte sie die Lippen. »Und wie lautet dein zweiter Vorname?«

»Willst du meine Identität stehlen? Fragst du als Nächstes nach meiner Sozialversicherungsnummer?«

Sie streckte ihm die Zunge raus.

Er grinste. »Mein zweiter Vorname ist Barry.«

Als sie die Nase rümpfte, erinnerte sie ihn an ein Kaninchen. »Warum Barry?«

»Was stimmt denn mit Barry nicht?«

Sie zuckte mit den Schultern. Ihr Blick verlor ein wenig an Schärfe. Ja, sie war wirklich ganz schön betrunken. »Nichts. Aber warum Barry? Irgendein familiärer Hintergrund oder so?«

Er stieß Luft durch die Nase aus. »Meine Eltern – in ihrer unendlichen Weisheit – fanden es amüsant, meinen Brüdern und mir Zweitnamen zu geben, die an die Musik erinnern, die sie jeweils bei unserer Zeugung gehört haben.«

»Ekelhaft.«

»In der Tat.«

»Du heißt also Rex Barry nach … Manilow?«

»White. Du weißt schon, Let's Get It On …« Er sang die kurze Zeile im tiefen Bariton.

Sie nickte. »Und deine Brüder?«

»Brock Lionel, Chase Marvin und Heath Leppard.«

»Leppard?«

»Pour Some …«

»Sugar On Me!«, vollendete sie mit einem breiten Grinsen. »Das ist urkomisch.«

»Wenigstens sind es unsere Zweitnamen und nicht unsere Vornamen.«

»Das stimmt. Wie heißt du mit Nachnamen?«

»Hart.«

Sie rollte seinen Namen verspielt auf ihrer rosa Zunge herum. »Rex Hart … Rex Barry Hart«, murmelte sie, neigte den Kopf zur Seite und betrachtete ihn eingehend. »Das gefällt mir.«

Er musterte sie und fragte sich, wann der Alkohol, mit dem sie ihren Schmerz betäubte, sie treffen würde wie ein Güterzug und sie ins Badezimmer hastete, um sich zu übergeben.

»Wie lautet denn dein vollständiger Name?«, fragte er. »Fair ist fair, oder?«

»Lydia Andréa Sullivan.« Sie hob erneut die Flasche und stellte fest, dass sie leer war. Stirnrunzelnd stellte sie die leere Flasche auf dem Couchtisch ab, und ihr Blick wanderte zu seinem Bier. »Also, sexy Rexy … wie willst du mich dazu bringen, meinen Kummer wegen des verlorenen Jobs zu vergessen?«

Er musterte ihr Gesicht einen Moment lang.

Sein Magen grollte laut auf.

Er musste mit Diesel rausgehen.

Er musste duschen.

Und er musste verdammt noch mal was essen.

Er nahm die schwarze Wollmütze ab und fuhr sich mit der flachen Hand über die Glatze. »Ich habe nicht die Angewohnheit, betrunkene Frauen auszunutzen«, sagte er langsam und sehr bedacht. »Ich kann dir gern ein Abendessen anbieten, ich habe genug chinesisches Essen dabei, um eine sechsköpfige Familie sattzukriegen – aber was den sexy Rexy angeht, muss ich leider passen.«

Sie verzog das Gesicht. »Wie alt bist du?«

Ein sehr abrupter Themenwechsel, aber er war dankbar dafür.

»Sechsunddreißig. Und du?«

»Achtundzwanzig.« Sie schürzte die Lippen. »Du lässt mich also abblitzen, bietest mir aber zum Trost Essen an. Was soll der Scheiß?« Sie klang wütend, und instinktiv huschte sein Blick zur Tür. Es entging ihr nicht, und er sah, wie sich ihr Hals und die Wangen röteten.

Er holte tief Luft. Trotz ihrer Trunkenheit und trotz seiner aus Hunger geborenen Ungeduld war er davon überzeugt, dass sie ein guter Mensch war. So wie die meisten Leute, die gern mit Kindern arbeiten wollten. Ihm würde schon einfallen, wie er ihr helfen konnte. »Was für berufliche Qualifikationen hast du eigentlich?«

»Hab ich dir doch schon gesagt. Einen Abschluss in Pädagogik und eine Zertifizierung als Vorschullehrerin und Montessori-Lehrerin. Ich habe auch weiterbildende Kurse besucht, um mit Kindern aus dem Autismus-Spektrum und mit anderen besonderen Bedürfnissen arbeiten zu dürfen. Ich habe ein Erste-Hilfe-Zertifikat vorzuweisen, ein einwandfreies Führungszeugnis und einen Führerschein – immer unfallfrei gefahren. Warum? Hast du Kinder, für die du einen Babysitter brauchst?« Sie schluckte schwer, bevor sie aufstand und in die Küche ging, um sich am Wasserhahn einen kleinen Becher zu füllen.

»Ich habe keine Kinder. Aber ich kenne viele Leute, die welche haben und eine Betreuung suchen. Es wird vielleicht nicht ganz Vollzeit sein, aber wahrscheinlich nahe dran. Natürlich kannst du auch erst mal deine Wunden lecken und dein Ego ein bisschen heilen lassen und dann zusehen, dass du wieder einen ähnlichen Job findest wie den, den du verloren hast. Ich habe den Eindruck, dass du wahnsinnig qualifiziert bist und die Leute sich darum reißen werden, dich einzustellen.«

Sie stand in der Küche, mit der Hüfte gegen den Tresen gelehnt, und nippte an ihrem Wasser. Bei seinen Worten kniff sie die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Es ist schwer, im März eine Anstellung an einer Schule zu finden. Ich hatte Glück, dass ich im laufenden Jahr etwas gefunden habe, um einen Mutterschaftsurlaub abzudecken. Und ich hab wirklich alles abgeklappert, ehe ich an diesen Job gekommen bin. Es gibt nicht viele Optionen, und ich will keine älteren Kinder unterrichten.« Sie wirkte verärgert. »Und selbst wenn ich es wollte – die Liste der Bereitschaftslehrer ist ellenlang, und die Schulbezirke haben ein Moratorium für die Einstellung neuer Vertretungslehrer verhängt.«

Okay, das klang wirklich ungut.

Ein Fellknäuel kam aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer herübergewandert: Eine dreifarbige Katze mit leuchtend gelben Augen schlenderte auf ihn zu und rieb sich an seinem Bein. Diesel fiel ihm ein. Er musste dringend mit ihm Gassi gehen, der arme Kerl tappte wahrscheinlich schon ganz verzweifelt mit zum Platzen voller Blase im Wohnzimmer hin und her.

Er wollte aufstehen, aber als er aus der Küche ihren durchdringenden Blick auf sich spürte, hielt er inne.

»Ich werde aus dir nicht schlau, Rex Barry Hart. Du lässt mich abblitzen, bietest mir stattdessen Essen an, und jetzt hast du vielleicht einen Job für mich? Was ist los mit dir, Alter?« Für jemanden, der so viel getrunken hatte wie sie, klangen ihre Worte noch erstaunlich klar artikuliert.

Er ließ die Schultern sinken, stand auf und griff nach Seesack, Bier, Mantel und chinesischem Essen. »Ich wohne in Vier-Elf, wenn du hochkommen willst. Ich muss schnell mal mit meinem Hund raus, aber falls du mitessen möchtest, würde ich mich sehr freuen.«

Sie kam ins Wohnzimmer zurückgestolpert und blinzelte ihn an. Auf ihn machte es den Eindruck, als könne sie jeden Moment ohnmächtig werden oder kotzen. Normalerweise fand er betrunkene Mädels fast so nervtötend wie Katzen, die sich um Mitternacht lautstark paarten, aber Lydia war irgendwie niedlich in diesem Zustand. »Was hast du vor … Rexly?«

Rexly? O Gott.

Er schüttelte den Kopf. »Gar nichts. Ich bin einfach nur ein netter Kerl. Gib mir zwanzig Minuten. Ich muss mit Diesel raus und dann schnell duschen, war gerade im Fitnessstudio.«

Sie musterte ihn auf eine neue Weise – anerkennend –, auch wenn sie Mühe zu haben schien, den Blick richtig zu fokussieren. Schließlich lächelte sie. »Vielleicht komme ich gleich hoch.«

Er war nicht der Typ für Psychospielchen. Wenn sie nicht auftauchte, dann war es halt so. Mehr Essen für ihn. Aber wenn sie zum Abendessen hochkommen wollte, beeilte sie sich besser, ehe er alles aufgegessen hatte. Sein Magen knurrte schon wieder, ungeduldig und verzweifelt.

»Bin ich nicht hübsch genug?«

Ach du meine Güte.

Das war mit das Schlimmste an betrunkenen Mädels: Selbstmitleid und Drama.

Allerdings lag bei Lydia der Fall noch ein bisschen anders. Sie hatte sich nicht zum Spaß betrunken. Es ging ihr nicht gut. Sie hatte aus heiterem Himmel den Job verloren, den sie liebte. Es stand ihr zu, sich eine Nacht lang in Selbstmitleid zu suhlen, wenn es das war, was sie jetzt brauchte, und er musste nachsichtig mit ihr sein.

»Lydia, du bist verdammt hübsch, und das weißt du auch. Lass uns dieses Spiel nicht spielen. Aber du bist sturzbetrunken, und ich ficke keine betrunkenen Mädels.« Er dachte kurz nach. »Es sei denn, man ist bereits zusammen, und es ist eine einvernehmliche Sache. Du weißt, was ich meine. Ich schlafe nicht mit dir, weil wir uns gerade erst kennengelernt haben, du sturzbetrunken bist und traurig. Die einzige Sorte Mann, die dich in diesem Zustand anbaggern würde, ist jemand, dem man lieber nicht begegnen will. Wenn wir Sex haben, möchte ich, dass du nüchtern bist und weißt, worauf du dich einlässt. Wenn ich dich ficke, dann ficke ich dich so, dass du nicht mehr weißt, wo oben und unten ist. Verzeih mir, aber dafür möchte ich eine wache Frau, die bei klarem Bewusstsein ist.« Er ging zur Tür und legte eine Hand auf den Knauf. »Ich bin oben in der Vier-Elf, wenn du Appetit auf chinesisches Essen hast und mehr über den Job wissen willst.«

»Ich weiß, was ich will«, lallte sie, als er gerade die Tür öffnen wollte.

Das bezweifelte er sehr.

Sie zog die Füße aufs Sofa und ließ sich in die Horizontale gleiten. Ihre Augen klappten zu wie bei einer dieser alten Porzellanpuppen, sobald ihr Kopf das orange-rosa karierte Kissen berührte. Seine Mutter würde diese Farbe wahrscheinlich Koralle nennen.

Er drehte den Knauf und öffnete die Tür, warf aber einen Blick zurück in ihre Wohnung. »Nun, wenn du es morgen nach dem Ausnüchtern immer noch willst, weißt du ja, wo du mich findest.«

Aber sie antwortete nicht. Stattdessen ertönte ein leises und sehr undamenhaftes Schnarchen. Die Katze sprang aufs Sofa und schmiegte sich an ihr Bein.

Rex atmete tief durch, dann zog er die Tür wieder zu und kehrte in die Wohnung zurück. Das Wasserglas, aus dem Lydia getrunken hatte, stand leer auf dem Tresen, und er füllte es wieder auf. Dann öffnete er ein paar Küchenschränke, bis er schließlich eine Pillenflasche mit Advil fand. Er schüttelte zwei Tabletten heraus und legte sie neben dem Wasserglas auf ihren Couchtisch.

Dann griff er nach der babyblauen Wolldecke, die auf der Rückenlehne des Sofas lag, und deckte Lydia zu, wobei er sorgsam darauf achtete, die Katze nicht zu stören. »Ich kenne dich kaum, aber es gefällt mir nicht, wie traurig du bist. Ich würde dir gern helfen«, flüsterte er.

Kapitel 2

So sehr sie Pia auch liebte, die Katze hatte ein denkbar schlechtes Timing, wenn es darum ging, Lydia zu wecken. Und heute war keine Ausnahme.

Ein Miauen, ein Schnurren, und dann zog sie wild und sehr schmerzhaft die Krallen über Lydias Hüfte und riss sie aus den schmutzigen Träumen von einem glatzköpfigen Riesenkerl mit tiefen Grübchen und einem tödlich hinreißenden Lächeln. Lydia schreckte hoch, bevor sie die Chance hatte, den sexy BH auszuziehen, den sie in ihrem Traum trug.

Sie öffnete die Augen. Im Wohnzimmer brannte kein Licht. Sie blickte zum Fenster – es war schon dunkel draußen.

Wie spät war es?

Sie fand ihr Handy auf dem Couchtisch – neben einem Glas Wasser und zwei Advil-Tabletten.

Huch?

Ihr Handy behauptete, es sei halb zehn Uhr abends.

Hatte sie über zwanzig Stunden geschlafen?

Nein. Pia würde ihr das niemals durchgehen lassen. Die Katze hing an ihr wie der Dreck unter den Fingernägeln eines Kleinkinds, vor allem, wenn es um ihre pünktlichen Mahlzeiten ging, und wenn Lydia auch nur zehn Minuten zu spät dran war, kratzte Pia an den Möbeln und warf alles zu Boden, was sie erwischte.

Sie sah wieder nach draußen. Es war Ende März. Den dunklen Himmel konnte sie sich also erklären. Aber was sie sich nicht erklären konnte, war die Tatsache, dass sie um diese Zeit zugedeckt auf dem Sofa lag.

Sie entdeckte eine Papiertüte auf dem Tisch und griff danach. Fand eine leere Flasche darin.

Ach ja. Deshalb schlief sie um diese Zeit an einem Mittwoch auf ihrem Sofa.

Weil eine Schlampe, die sie nicht leiden konnte, sie gefeuert hatte. Sie hatte einen Job verloren, den sie wirklich gemocht hatte, und dann hatte sie sich betrunken und ein sehr interessantes und möglicherweise etwas peinliches Gespräch mit einem Mann geführt, der zu sexy war, um echt zu sein.

An dieser Stelle schienen Traum und Realität ein wenig ineinander zu verschwimmen.

War Rex echt?

Oder hatte sie ihn sich nur eingebildet?

Ihr feuchtes Höschen und das Aufblitzen der Erinnerung an ihren Traum legten nahe, dass er echt war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie von einem so umwerfenden Mann geträumt, ohne dass ein echter Mann sie zu dieser Fantasie inspiriert hatte.

Und sie hatte ihn definitiv schon vorher gesehen. Der Mann hatte unfassbare Grübchen und Wadenmuskeln, in die sie gern mal kräftig hineingebissen hätte.

Kurz schloss sie die Augen, ließ den Kopf wieder aufs Kissen sinken und drückte sich den Handballen gegen die Stirn.

Dumm. Dumm. Dumm.

Sie hatte ihn angebaggert, oder?

Mit fest geschlossenen Augen dachte sie nach.

Ja, hatte sie definitiv.

Scheiße.

Stöhnend rollte sie sich vom Sofa, und Pia hopste sichtlich erschrocken zu Boden. Lydia steckte sich eine Advil in den Mund und leerte das Wasserglas, bevor sie auf allen vieren loskroch, an der Katze vorbei, die eben noch die Krallen in ihr Fleisch geschlagen hatte. Bis zu ihrem Bad waren es etwa zwölf Meter, und sie krabbelte den ganzen Weg. Sie hatte nicht das Gefühl, dass sie kotzen musste, aber sie wollte sehen, wie schlimm sie aussah.

Sie zog sich am Waschbecken hoch und schaltete das Licht ein. Beim Anblick der Frau, die sie aus dem Spiegel anstarrte, zuckte sie zusammen, als hätte man ihr einen Dolch in den Rücken gestoßen.

Ihr Make-up war rings um die Augen so stark verschmiert, dass es aussah, als hätte man sie geschlagen, das kastanienbraune Haar wirkte verfilzt, und sie hatte salzverkrustete Tränenflecken auf den Wangen und ein paar ziemlich tiefe Kissenfalten.

Hatte sie im Schlaf gesabbert?

Das würde das Bild der Verwüstung ganz gut abrunden.

Sie brauchte eine Dusche.

Sie schälte sich aus ihren Kleidern und mied den Blick in den Spiegel. Dann stellte sie das Wasser sehr heiß und stellte sich so lange unter den Strahl, bis sie sich wieder wie ein Mensch fühlte.

Sie war gerade dabei, sich das Shampoo aus den Haaren zu spülen, als es an der Wohnungstür klopfte. Vor Schreck zuckte sie zusammen und stieß mit dem Ellbogen die Shampooflasche an, die gegen die Duschlotion prallte. Beides krachte lautstark in die Duschwanne.

»Scheiße.« Fluchend bückte sie sich nach den Flaschen.

Klopfklopf.

»Lydia? Ich wollte nur nachsehen, ob du noch lebst.«

Sie keuchte auf, bekam feuchte Luft und Tröpfchen in den Hals und musste fürchterlich husten.

Verfickte Scheiße.

Von so hellen Lichtern geblendet, als würde sie jeden Moment ins Jenseits einfahren, bekam sie mühsam ihre Atmung wieder in den Griff, stellte die Flaschen auf ihren Platz zurück und drehte den Wasserhahn ab. Jetzt musste sie es nur noch schaffen, aus der Wanne zu steigen, ohne zu stolpern und sich den Kopf an der Kante der Granitplatte zu stoßen.

Wäre das nicht ein schöner Anblick für die Feuerwehrleute?

Sie, nackt und tot mit Schädelbruch auf dem Boden ihres Badezimmers, daneben eine halb verhungerte Pia, die ihre Augäpfel aß, um zu überleben.

»Lydia? Geht es dir gut? Ich habe ein Krachen gehört. Die Tür ist nicht abgeschlossen, aber ich will nicht einfach so reinkommen.«

Doppelt verfickte Scheiße.

»Nur eine Sekunde!«, rief sie durch die offene Badezimmertür.

Sie trocknete sich hastig ab, suchte ihren flauschigen pinkfarbenen Bademantel und warf ihn über, dann wickelte sie ihre Haare in einen Handtuchturban. Nachdem sie sich rasch vergewissert hatte, dass keine Make-up-Reste mehr ihr Gesicht verunzierten, atmete sie tief durch und machte sich auf den Weg zur Tür.

Lieber Himmel, war sie vorhin betrunken gewesen. Niemals in einer Million, Billion und ihretwegen auch einer erfundenen Bajillion Jahren hätte eine nüchterne Lydia den Mumm gehabt, einer solchen breitschultrigen Sexkanone wie Rex Hart ein so eindeutiges Angebot zu machen.

Wie verdammt tief waren bitte diese Grübchen? Wie blau diese Augen? Und sie waren auch nicht von so einem typischen Himmelblau. Nein, sie erinnerten sie an einen sternübersäten Mitternachtshimmel. Mit hellen Flecken um die Pupille und einer Intensität, bei der ihr ganzer Körper anfing zu kribbeln.

Sie hatte sich noch nie besonders für glatzköpfige Männer interessiert – na ja, abgesehen von The Rock, Vin Diesel, Jason Statham … okay, vielleicht hatte sie eine Schwäche für Glatzköpfe oder zumindest für die Schauspieler der The-Fast-and-the-Furious-Reihe. Aber keiner dieser Stars konnte dem Mann das Wasser reichen, der jetzt mit einem Teller Essen und einem sexy Lächeln vor ihrer Tür stand.

»Ich dachte mir, dass du vielleicht Hunger hast«, sagte er und hielt ihr den mit Alufolie abgedeckten Teller hin. »Außerdem wollte ich mich vergewissern, dass du noch am Leben bist. Wie geht es dir?«

Ohne ein Wort – denn ihre Zunge schien urplötzlich auf die vierfache Größe angeschwollen zu sein und passte nicht mehr richtig in ihren Mund – nahm sie ihm den Teller ab und machte ihm Platz. Er trat ein.

»Hat die Katze deine Zunge gefressen?«, fragte er mit einem Grinsen, das die Grübchen gefährlich aufblitzen ließ. Im Ernst, eigentlich bräuchte er dafür einen Waffenschein. Zumindest sollte er verpflichtet sein, alle Frauen in größerem Umkreis zu warnen, bevor er sie aktivierte.

Pia kam ins Wohnzimmer stolziert und wickelte sich um Rex' Knöchel.

Er trug eine gottverdammte graue Trainingshose und ein verfluchtes weißes T-Shirt, das nichts der Fantasie überließ.

Lieber Gott, es war viel zu lange her, dass sie mit einem Mann geschlafen hatte.

Viel. Zu. Lange.

Sie hatte alles gegeben, um die Erinnerung an diesen letzten Kerl aus ihrem Gehirn zu löschen. Ihre Sammlung an inneren Pornos war das reinste Trauerspiel.

Sein Lächeln verblasste, und er musterte sie aufmerksam. »Geht es dir gut? Du weißt doch, wer ich bin, oder?«

Sag schon was, du idiotisches Weib! Sag was!

Sie nickte. »Ja, ich weiß, wer du bist.« Sie hob den Teller mit dem Essen. Es war warm. Ihr Bauch knurrte. »Danke.«

Das schien ihn etwas zu beruhigen. »Wie geht es dir?«

»Nicht so gut.« Sie zog einen Hocker unter der Kücheninsel hervor, nahm Platz und entfernte die Folie vom Teller. Das Abendessen sah unglaublich aus. Süßsaures Schweinefleisch, Chow Mein, Zitronenhühnchen, Chop Suey, gebratener Reis. Und er hatte sogar eine Frühlingsrolle für sie übrig gelassen. Sie stürzte sich darauf.

Rex zog sich den zweiten Barhocker heraus, wodurch sie sich nicht nur seiner Größe bewusst wurde, sondern auch seine Wärme spürte und seinen Duft roch. Frisch aus der Dusche mit einem Hauch von … war das Mandel? Es war nicht übermäßig süß, aber es roch definitiv nach Mandeln.

Interessant. Sie hatte noch nie einen Mann getroffen, der ein nach Mandeln duftendes Körperwasser benutzte.

Aber dieser Mann könnte sich wahrscheinlich mit Kaugummi-Duschlotion waschen, ohne dass es seiner rohen, animalischen Anziehungskraft etwas anhaben konnte.

»Ich habe es wieder aufgewärmt«, sagte er. »Ich war mir nicht sicher, ob du eine Mikrowelle hast oder nicht.«

Sie bedankte sich erneut, den Mund voller Essen. Sie hatte zwar eine Mikrowelle, aber es rührte sie sehr, wie umsichtig er war.

»Erinnerst du dich an unser Gespräch, bevor du ohnmächtig wurdest?«, fragte er mit einem ganz leichten Grinsen.

Nein, sie erinnerte sich nicht mehr an viel.

Nicht dass sie das wirklich wollte. Sie wusste, dass sie ihm Sex angeboten hatte, ja, daran erinnerte sie sich noch sehr gut, obwohl sie es viel lieber vergessen hätte. Und wer weiß – vielleicht tat ihr Gehirn ihr ja den Gefallen und verdrängte irgendwelche noch peinlicheren Momente aus ihrem Gedächtnis?

Sie hoffte, dass es nicht so war und sie sich nicht noch mehr zum Narren gemacht hatte.

»Ich nehme dein Schweigen mal als Nein.« Er stand auf, ging zu ihrem Schrank und holte zwei Wassergläser heraus. Dann füllte er beide aus dem Wasserhahn und kam zu ihr, stellte ein Glas vor ihr ab und trank einen Schluck aus dem anderen. »Ich hab dir ja gesagt, dass ich vielleicht eine Jobidee für dich hätte.«

Genau!

Der Job als Kindermädchen. Nicht dass sie angesichts ihrer Ausbildung unbedingt Kindermädchen werden wollte, aber für ein paar Monate, um den Sommer zu überstehen, wäre es in Ordnung.

Sie nippte an ihrem Wasser. »Ja, ich erinnere mich daran.«

»Gut. Ich habe meine Brüder angerufen, und sie und ihre Frauen hätten Interesse. Mein Kumpel James und seine Frau Emma würden sich ebenfalls über Hilfe freuen. Sie würde sehr gern wieder in Teilzeit arbeiten. Und meine Schwägerin Krista ist Polizistin und mag es nicht, sich bei der Kinderbetreuung allein auf meine Mutter zu verlassen. Sie soll ganz Oma sein dürfen, keine Dauerbabysitterin, und sie wollen die großmütterliche Großzügigkeit nicht ausnutzen, wenn du weißt, was ich meine.«

Das tat sie. Nicht dass sie ein solches Familienleben gekannt hätte – sie war immer allein mit ihrer Mutter gewesen, aber sie verstand, was er sagen wollte.

»Ich meine, natürlich wollen sie dich erst mal kennenlernen und sehen, wie du mit den Kindern zurechtkommst, und sie wollen ein paar Referenzen – Odette musst du ja nicht auf die Liste setzen. Aber es ist zumindest ein Anfang, oder?«

Das stimmte. Zumindest war es ein Anfang.

Ihr Erspartes reichte aus, um die Miete für zwei Monate zu bezahlen, aber danach musste sie dann Flaschen sammeln gehen, wenn sie nicht einen Weg fand, etwas Geld zu verdienen.

»Wie nüchtern bist du inzwischen?«, fragte er, trank sein Wasser aus und stellte das leere Glas auf den Tresen. An seiner Oberlippe schimmerte ein Tropfen, und Lydia starrte ihn fasziniert an. Er funkelte im Schein der Küchenlampe wie ein Diamant, der in der Sonne glitzert. Rex runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. »Alles in Ordnung?« Seine Zunge zuckte hervor – o Hilfe – und leckte rasch über seine Lippen. Der Tropfen war weg.

Lydia schüttelte den Kopf, um ihre schmutzigen Gedanken abzuschütteln, dann nahm sie einen viel zu großen Bissen von der Frühlingsrolle. »Mhmm. Ganz gut«, antwortete sie mit vollem Mund und fühlte sich wie ein unzivilisierter Höhlenmensch. Na, wenigstens passte das zu ihren Gedanken – was dieser Mann in ihr auslöste, war erschreckend urtümlich und sehr fleischlich, und an Kleidung kam in ihrer Fantasie nicht mal ein Lendenschurz vor. Wenn T-Rex ihr einen Mastodon-Knochen über den Kopf ziehen und sie in seine Höhle schleifen wollte, würde sie sich kein bisschen beschweren. Wahrscheinlich würde sie eher mit ihm um die Wette rennen, in seiner Höhle alle Tierfelle zusammenraffen, auf einen großen Haufen werfen und Rex zurufen: »Nimm mich, du großer Kerl!«

»Bist du sicher, dass du nüchtern bist?« Rex musterte sie, als würde er überlegen, ob sie vielleicht verrückt sei. Als ob er gerade stumm ausrechnete, wie er am schnellsten zur Tür gelangte.

Dreifach verfickte Scheiße.

Sie schluckte den Bissen Frühlingsrolle hinunter, spülte ihn mit einem Schluck Wasser hinunter und lächelte, wobei sie stumm betete, dass keine Essensreste zwischen ihren Zähnen steckten. »Ich bin ziemlich nüchtern. Ich meine, ich fühle mich, als hätte ich gerade eine ganze Flasche billigen Alk runtergekippt, mein Kopf pocht, und mir geht es echt nicht so irre gut. Aber kognitiv bin ich nüchtern … also, na ja.«

Die Flasche war nicht ganz voll gewesen, als sie angefangen hatte – zum Glück. Denn wenn sie voll gewesen wäre und sie alles getrunken hätte – und das hätte sie getan -, wäre sie jetzt wahrscheinlich zum Magenauspumpen im Krankenhaus, statt mit ihrem appetitlichen Nachbarn und seinen Grübchen in der Küche zu sitzen.

Sie nahm noch einen Bissen von der Frühlingsrolle. »Fahren sollte ich aber gerade lieber nicht. Nicht dass ich irgendwo hinmüsste. Kein Freund, kein Job, auch keine Freunde, da ich erst vor ein paar Monaten hergezogen bin. Meine Mutter wohnt weiter weg. Wo sollte ich also schon hinfahren? Nirgendwo.«

»Ich könnte dein Freund sein.«

Mit Benefits?

Sie befahl ihrer Libido, sich in die Ecke zu stellen und die Klappe zu halten.

»Warum? Du kennst mich doch kaum.«

Rex' gewaltige Schulter hob sich, und die kräftigen Muskeln, die seine Schultern mit dem Rücken verbanden, zogen sich zusammen. Wenn sie sich korrekt an ihren Biologieunterricht erinnerte, waren das die Trapezmuskeln.

Ob sie nun wirklich so hießen oder nicht, jedenfalls waren sie groß, sexy und sehr ausgeprägt. Aus irgendeinem Grund verspürte sie den Impuls, darüberzulecken.

Ganz ruhig, Libido. Zurück in die Ecke. Setz dich hin und halt die Klappe.

»Ich mag es, anderen zu helfen«, sagte er. »Und ich bin ein netter Kerl.« Er wurde rot. »Zumindest sagt man mir das nach. Warum sollten wir denn keine Freunde sein?«

Weil du so umwerfend bist, dass ich nicht glaube, dass ich mit dir befreundet sein kann. Freunde wollen ihre Freunde schließlich nicht immerzu bespringen.

Vierfach verfickte Scheiße.

Ihre Libido hörte nicht auf sie. Sie musste diese gierige kleine Göre in ihr Schlafzimmer schleifen, sie ans Bett fesseln und die Tür abschließen – was ihrer Libido angesichts ihrer Neigungen allerdings vermutlich sogar gefallen würde.

Fünffach verfickt, verdammt noch mal.

»Ich … es ist mir peinlich, was ich vorhin gesagt habe.« Und das stimmte auch. Trotzdem wünschte sie sich sofort, sie hätte nichts gesagt. Er hatte freundlicherweise so getan, als wäre nichts gewesen. Warum hatte sie sich kein Beispiel an ihm genommen?

»Dass du mich gefragt hast, ob ich mit dir schlafen will?«

Lydia nickte, und ihre Wangen wurden heiß – ihr ganzer Körper schien plötzlich in Flammen zu stehen. Sie griff nach der Gürtelschlaufe ihres Bademantels und wollte ihn sich gerade hastig vom Leib reißen, als sie sah, wie Rex die Augen aufriss.

Sechsfach verfickt.

Oh, warum musste Sechs denn so verdammt ähnlich klingen wie Sex?

»Scheiße! Tut mir leid.« Sie zog den Bademantel enger um sich, sprang vom Hocker und rannte in ihr Zimmer, wo sie die Tür so eilig zuschlug, dass sie um ein Haar Pias Schwanz erwischt hätte.

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, rief Rex ihr hinterher, und seiner Stimme war die Belustigung deutlich anzuhören. »Ich würde einer Frau nie sagen, dass sie sich vor mir nicht ausziehen soll. Obwohl ich eigentlich gehofft hatte, dich vorher mal zu einem Date einladen zu dürfen.«

Ein Date?

Sie fand ihre flauschige Flanell-Pyjamahose, die rosafarbene mit den Katzen aus Avocadohälften darauf. Avo-cat-o, deshalb. Dann kramte sie ein schwarzes Tanktop mit integriertem BH heraus und zog es an. Rasch kämmte sie sich die gewellten kastanienbraunen Locken, öffnete die Tür und kehrte, sich einen Zopf flechtend, in die Küche zurück.

»Das ist auch süß«, sagte Rex, und sein umwerfendes Lächeln ließ die Grübchen aufblitzen.

Ihre Wangen waren so heiß, dass man wahrscheinlich ein Ei darauf hätte braten können. Sie schlang das Haargummi, das sie ums Handgelenk trug, ums Zopfende und warf den Zopf über ihre Schulter. »Entschuldigung. Ich hatte vergessen, dass ich unter dem Bademantel nichts anhatte. Du hast geklopft, als ich gerade aus der Dusche kam.«

Na siehst du. Eine freundliche, wohlartikulierte Unterhaltung unter Erwachsenen. Du bist ja doch in der Lage, ein normales Gespräch zu führen.

Er hob eine Hand und schüttelte protestierend den Kopf. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Wie gesagt, ich würde nie eine Frau davon abhalten, sich vor mir auszuziehen. Und mich darüber beschweren auch nicht. Und fürs Protokoll: Das bisschen, was ich gesehen habe … sehr schön.« Er führte Daumen und Zeigefinger fürs OK-Zeichen zusammen.

Lydia senkte den Blick. »Willst du mich noch mehr demütigen?«

»Ganz im Gegenteil.« Er klang ein wenig verletzt. »Ich versuche, dich zum Lächeln zu bringen, vielleicht sogar zum Lachen. Du hattest einen beschissenen Tag. Von jetzt an kann es nur noch aufwärts gehen, oder?«

Sie hob den Blick, hielt aber den Kopf gesenkt. Er lächelte sie an.

Es war beunruhigend, wie entwaffnend diese Grübchen waren. Wie ansteckend dieses Lächeln war. Sie gab dem Impuls nach und lächelte zurück. Es war geradezu unmöglich, etwas anderes zu tun, wenn ein derart wundervolles Exemplar von Mann einen so anstrahlte.

»Geht doch«, sagte Rex. »Und, ist es schlimm?«

Immer noch lächelnd – inzwischen sogar eher grinsend – wickelte sie etwas Chow Mein mit ihrer Gabel auf wie Spaghetti und schaufelte es in ihren Mund. »Nein.«

»Gut. Denn du hast ein sehr hübsches Lächeln.« Sein Grinsen schwand. »Nicht dass ich einer dieser Idioten wäre, die Frauen sagen, sie sollten doch mal lächeln. Dass sie hübscher wären, wenn sie lächelten. Ich bin ein moderner Mann – oder zumindest hoffe ich, dass ich mich so nennen darf. Meine Brüder und ich wurden von unserer alleinerziehenden Mutter aufgezogen, die Feministin ist und außerdem Sexual- und Beziehungstherapeutin. Keiner von uns Jungs hat je einer Frau gesagt, sie wäre hübscher, wenn sie lächelt … hätte unsere Mutter das herausgefunden, dann hätte sie ihren Pantoffel nach uns geworfen und uns dazu gezwungen, einen Aufsatz über Frauenrechte und die feministische Bewegung zu schreiben.«

Jetzt war Lydias Lächeln so spontan und natürlich wie der nächste Atemzug. »Klingt nach einer tollen Mutter.«

Rex lächelte versonnen. »Das ist sie wirklich. Du würdest sie mögen. Und ich glaube, sie dich auch.«

Bei der Vorstellung, Rex' Mutter zu treffen, ihr vorgestellt zu werden als … seine Freundin, oder auch nur als eine Freundin, kribbelte es warm in ihrem Bauch.

»Also, wenn du jetzt so weit nüchtern bist …« Rex stand auf und ging mit seinem Glas zum Waschbecken. Er füllte es wieder auf, lehnte sich gegen den Tresen und überkreuzte die Knöchel.

Lydia rang mit ihrer Selbstbeherrschung.

»Wie wär's, wenn wir ein richtiges Date verabreden würden?«

Ein Date?

Ihre Libido befreite sich von ihren Fesseln, knackte das Schloss der Schlafzimmertür und rannte nackt, jubelnd und mit den Armen wedelnd in ihr herum wie eine Flitzerin beim Super Bowl.

»Ein Date?« Plötzlich schrecklich durstig, leerte sie ihr Glas. Er beugte sich vor und nahm es ihr aus der Hand, wobei sich ihre Finger ganz leicht berührten. Tausend Funken und Stromstöße schossen in ihre spinnwebverhangenen Intimregionen. Er füllte das Glas wieder auf und reichte es ihr.

»Ja, ein Date. Du hast gerade gesagt, dass du keinen Freund hast, und du hast mich zum Sex aufgefordert. Wenn sich nicht nur die betrunkene Lydia zu mir hingezogen fühlt, dachte ich mir, es ist wahrscheinlich eine sichere Wette, dich um ein Date zu bitten. Was sagst du dazu?« Er nippte an seinem Wasser und musterte sie über das Glas hinweg. Dann zog er eine Augenbraue hoch. »Möchtest du mit mir ausgehen, Lydia?«

Kapitel 3

Verdammt, sie war süß. Nein, nicht süß wie ein Welpe oder ein Kätzchen – er war im Laufe der Jahre oft genug von seiner Mutter ermahnt worden, Frauen nicht als süß zu bezeichnen. Aber Lydia war wirklich süß. Sie war bezaubernd in ihrer Direktheit. Sehr lebhaft und ein bisschen seltsam. Eine erfrischende Abwechslung zu den Frauen, mit denen er sich in letzter Zeit verabredet hatte – alles über so eine Abschlepp-App. Toller Körper, nichts dahinter. Ein zweites oder gar drittes Date gab es nur selten.

»Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass du über diese App nur eine bestimmte Sorte Frauen triffst?«, hatte seine Mutter nicht nur einmal geschimpft. »Warum versuchst du es nicht mal mit einer App, die nicht Huukup heißt? Sieht man doch schon am Namen, was man davon zu erwarten hat, du Kasper.«

»Du willst mit mir ausgehen?«, stieß Lydia hervor und presste eine Hand auf die Brust, als hätte sie gerade einen Oscar gewonnen und wäre vollkommen überrumpelt davon, dass man sie Meryl Streep und Kate Winslet vorgezogen hatte.

Rex nickte. »Ja. Was ist daran denn so merkwürdig?«

»Nun ja …« Ihre haselnussbraunen Augen wanderten von seinen Schuhen bis zur Glatze hoch und wieder zurück und weiteten sich. Ihre Wangen färbten sich dunkler, und die rosa Zunge fuhr heraus und glitt über ihre Lippen.

Süß. Sie war wirklich verdammt süß.

Und natürlich auch heiß.

Verdammt heiß, um genau zu sein. So heiß, dass sie womöglich die Bettlaken in Brand setzen könnte. Ja, sie war verdammt süß, aber er war sicher, dass sie auch eine verruchte Seite an sich hatte. Sich aus einer Flasche betrinken, die in einer Papiertüte steckte, einen Fremden zum Sex auffordern – so benahm sich kein tugendhaftes Mädchen von nebenan.

Und je länger er sich in ihrer Wohnung umsah, desto mehr Details fielen ihm auf, die ebenfalls in diese Richtung deuteten. Vorhin schon hatte er im Wohnzimmer auf dem Bücherregal ein gerahmtes Foto von ihr im Burlesque-Outfit entdeckt. Ein sehr kleines Foto, aber er war ein geübter Beobachter und dazu ausgebildet, Bedrohungen in seiner Umgebung rasch wahrzunehmen. Nicht dass Lydia in ihrem schwarzen Bustier eine Bedrohung gewesen wäre – na ja, vielleicht eine Bedrohung für den Schritt seiner Trainingshose. Aber sie sah aus, als würde sie sich in diesem Outfit wohlfühlen, und irgendetwas sagte ihm, dass diese Frau eine wilde Seite hatte, die nur die Menschen zu sehen bekamen, die sie gut kannten.

»Lass uns morgen zusammen frühstücken gehen.« Er warf einen raschen Blick auf das Foto der Burlesque-Lydia und prägte es sich für später ein, ehe er die echte Lydia wieder ansah. Ihr wie gebannter, fragender Blick wirkte, als würde sie überlegen, ob er nicht eine Liga zu hoch für sie war.

Au contraire, Miss Lydia. Wenn hier jemand eine Liga zu hoch für den anderen ist, dann bist du es.

»Frühstücken?«, fragte sie, als hätte sie das Wort noch nie zuvor gehört.

Er presste die Lippen zusammen, um seine Belustigung zu verbergen. »Ja. Du weißt schon … die erste Mahlzeit des Tages? Normalerweise besteht sie aus einer großen Tasse Kaffee, vielleicht ein paar Eiern und Speck oder auch Müsli. Und wenn man meinen kleinen Bruder fragt, dann all das auf einmal und noch mehr. Du frühstückst doch, oder?«

Sie nickte. »Das tu ich, ja.«

»Dann lass uns zusammen frühstücken. Ich lade dich ein. Ich hab morgen frei, und du, na ja …« Er verzog den Mund.

»Ich hab sowieso keine Arbeit mehr«, ergänzte sie seinen Satz, ließ die Schultern hängen und blickte betrübt drein.

»Ich wollte es nicht laut aussprechen.« Sie tat ihm leid. Er wusste nicht viel über sie, aber das Wenige, was er wusste, mochte er. Und einen Job zu verlieren, den man liebte – nun, das war einfach beschissen.

»Nicht nötig«, sagte sie mit einem tiefen Seufzer. »Es ist die Wahrheit, ob wir sie aussprechen oder nicht. Ich bin arbeitslos. Es ist das erste Mal, dass ich gefeuert worden bin. Sonst war ich ständig Mitarbeiterin des Monats und habe immer hervorragende Referenzen und Empfehlungen erhalten. In der ersten Vorschule, in der ich je gearbeitet habe, wurde ich zur Lehrerin des Jahres ernannt. Ich bin nicht der Typ, der gefeuert wird. Das fühlt sich ganz absurd an.«

»Wir finden einen neuen Job für dich. Vertrau mir.«

»Ich kenne dich doch gar nicht.«

Das stimmte, aber sie hatte ihn immerhin schon zweimal in ihre Wohnung eingeladen und ihm außerdem Sex angeboten, und er bekam nicht aus dem Kopf, wie sie sich unten in der Lobby in seine Arme geworfen und an seiner Brust geweint hatte. So sehr er es verabscheute, sie weinen zu sehen und zu wissen, dass es ihr schlecht ging, so gut fühlte es sich auch an, für sie da zu sein. Er mochte es, gebraucht zu werden.

Er schenkte ihr ein Grinsen und wusste genau, dass sich dabei die Grübchen tief in seine Wangen bohrten. »Dann lass uns das ändern. Was willst du über mich wissen?«

Misstrauisch beäugte sie ihn, schien sich dann aber zu entspannen. Sie spießte ein Stück süßsaures Schweinefleisch auf und steckte es sich in den Mund. »Was machst du beruflich?«

»Das eine oder andere. Ich arbeite als Klempner, wenn ich nicht gerade meinem anderen Job nachgehe.«

»Und der wäre …?«

Das war immer der Punkt, an dem es ein bisschen kritisch wurde. Manche Frauen fühlten sich von einem Mann mit seinen »Talenten« extrem angezogen, andere machten sich hastig aus dem Staub. Aber ihm war Ehrlichkeit wichtig, und er hatte sich mit sehr unterschiedlichen Frauen aus unterschiedlichsten Berufen getroffen, ohne sie zu verurteilen, und erwartete umgekehrt dieselbe Offenheit. Wenn einer Frau nicht gefiel, was er tat, dann war sie eben nichts für ihn.