Toskanische Totenwache - Gianni Volpe - E-Book

Toskanische Totenwache E-Book

Gianni Volpe

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Beschreibung

Ein starkes Ermittlerduo im Kampf gegen das Verbrechen: Der packende Krimi-Sammelband »Toskanische Totenwache« von Gianni Volpe als eBook bei dotbooks. Dunkle Schatten ziehen über der Toskana auf ... Vittoria Pucci, Commissaria aus Florenz, stößt bei einem Ausflug in die Toskana auf zwei entstellte Leichen. Gemeinsam mit Leonardo Vanucci, dem zuständigen Commissario der Region, kommt sie einer Verschwörung auf die Spur, die sich nicht nur bis in die höchsten Ränge der Politik, sondern auch in die eigenen Reihen zieht – und mit diesem Fall noch lange nicht abgeschlossen ist. Können Vittoria und Leonardo es schaffen, die toskanische Polizei von ihren schwarzen Schafen zu befreien und die Korruption zu beenden? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der Sammelband »Toskanische Totenwache« von Gianni Volpe enthält die fesselnden Italien-Krimis »Mord in der Toskana«, »Kalte Schatten über der Toskana« und »Tödliches Spiel in der Toskana«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 1119

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch:

Dunkle Schatten ziehen über der Toskana auf ... Vittoria Pucci, Commissaria aus Florenz, stößt bei einem Ausflug in die Toskana auf zwei entstellte Leichen. Gemeinsam mit Leonardo Vanucci, dem zuständigen Commissario der Region, kommt sie einer Verschwörung auf die Spur, die sich nicht nur bis in die höchsten Ränge der Politik, sondern auch in die eigenen Reihen zieht – und mit diesem Fall noch lange nicht abgeschlossen ist. Können Vittoria und Leonardo es schaffen, die toskanische Polizei von ihren schwarzen Schafen zu befreien und die Korruption zu beenden?

Über die Autoren:

Gianni Volpe ist das Pseudonym der Autoren Heike Reinecke und Andreas Schlieper. Beide waren lange Jahre in verschiedenen Positionen für das Land Nordrhein-Westfalen tätig. Heute lebt und arbeitet das Paar in Düsseldorf – mit vielen Abstechern in ihre Wahlheimat: die Toskana.

Gianni Volpe veröffentlichte bei dotbooks bereits »Kalte Schatten über der Toskana«, »Mord in der Toskana« und »Tödliches Spiel in der Toskana«, die in diesem Band zusammengefasst sind.

***

Originalausgabe Februar 2023

Copyright © der Originalausgabe 2022 dotbooks GmbH, München

Eine Übersicht über die Copyrights der einzelnen Bücher finden Sie am Ende dieses eBooks.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-98690-132-5

***

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Gianni Volpe

Toskanische Totenwache

Drei Kriminalromane in einem eBook

dotbooks.

Gianni Volpe

Kalte Schatten über der Toskana

Frühsommer in der Toskana. Eigentlich wollte Vittoria Pucci, Commissaria aus Florenz, nur ein paar Tage auf dem Land ausspannen. Doch dann legt ein Kater ihr etwas Seltsames vor die Füße: einen abgeschnittenen Finger! Kurz darauf werden in der Umgebung zwei entstellte Leichen entdeckt. Scheinbar verbindet diese Toten nichts. Jemand hat alles darangesetzt, ihre Identität zu verschleiern. Vittoria zögert nicht und beginnt zu ermitteln. Je tiefer sie in den Sumpf aus Politik, korrupten Behörden und eiskalten Investoren eindringt, desto näher kommt sie einer gefährlichen Wahrheit, die bald tödliche Schatten auf ihre Familie zu werfen droht …

Die folgende Geschichte spielt in Italien. Und deshalb sprechen und denken die handelnden Personen in italienischer Sprache. Der besseren Verständlichkeit wegen und aus Höflichkeit gegenüber dem Leser sind ihre Worte und Gedanken allerdings nach bestem Wissen ins Deutsche übersetzt worden. Die dennoch verbliebenen Fehler und Missverständnisse sind allein vom Autor zu verantworten.

Düsseldorf, 2016

Kapitel 1

While you see a chance, take it! – Gherardo sprach kein Englisch, aber er hätte sofort verstanden, um was es geht: Vielleicht kommt die Chance nie wieder! Nimm, was du kriegst! Da lag es vor ihm, mitten auf dem Weg: ein länglicher, blasser, sogar ziemlich weicher Gegenstand, wie er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Gherardo betastete ihn vorsichtig, roch ausgiebig daran, rollte ihn ein paar Mal hin und her und befand schließlich, dass es gut war. Also nahm er ihn vorsichtig auf und trug ihn den Berg hinauf zu dem Haus, in dem er wohnte. Ein besonderes Ding würde auch besonders belohnt werden.

Die Sonne ging gerade über den Bergen auf und ihr Flimmern verkündete einen weiteren heißen Tag. Gherardo genoss die Wärme ihrer ersten Strahlen, als er auf die große Terrasse trat. Es roch erdig, nach dem Tau auf den Blättern, nach den großen Pinien links und rechts vom Haus. Gerade hatte der Kauz seine letzte Zugabe beendet und nun schwirrten frühe Bienen emsig von Blüte zu Blüte. Ihr Summen mischte sich in die Symphonie des Morgens, getragen vom Gesang der Amseln und Meisen, der Gartenbaumläufer und Heckenbraunellen, der Zaunkönige und Sperlinge, dazwischen nur das beifällige Krächzen der Elstern und Raben und Eichelhäher. Gherardo hätte es zwar nicht so ausdrücken können, aber das wahre Glück hat man erst dann gefunden, wenn man auch weiß, dass man gerade glücklich ist. Das ist ein seltener Moment, für den Erinnerung und Hoffnung nur ein matter Ersatz sind.

Noch ließ sich niemand von den anderen sehen, also setzte sich Gherardo in aller Ruhe mitten auf die Terrasse. Es dauerte etwas länger als sonst, bis dann tatsächlich jemand aus der Tür trat. Aber jetzt sollte es nur noch wenige Momente dauern, bis dieser Jemand ihn ausgiebig lobte, freudig das Geschenk entgegennahm und ihn zum Essen ins Haus bat. Er stellte sich schon vor, welche Köstlichkeiten man ihm vorsetzen würde – fein gewürztes Lamm oder zartes Huhn oder vielleicht sogar ein wenig Thunfisch, zubereitet mit viel Liebe, vor allem aber mit Öl und Käse. Gherardo spürte, wie ihm langsam der Speichel im Mund zusammenlief und sogar ein kleiner Tropfen über die Lippen das Kinn entlangfloss und auf den Boden fiel. »Überraschung!«, wollte er gerade sagen und erhob sich, um das Geschenk in all seiner Pracht zu präsentieren.

Micaela war an jenem Morgen etwas später aufgestanden als sonst, denn der Abend zuvor hatte auch etwas länger gedauert als üblich. Alle wussten, dass es erst um neun Uhr Frühstück gab. Das war die einzige Mahlzeit, die sie in ihrem kleinen Guesthouse anbot, dafür aber mit umso mehr Einsatz und Aufwand. Micaela hatte vor ein paar Jahren ihr Mediterranea Luxury House oder kurz MLH eröffnet. Von Anfang an war es gut gelaufen, obwohl es hier, 10 Kilometer südlich von Livorno, im kleinen Dörfchen Quercianella, keinen Sandstrand und kein Nachtleben gab. Aber gerade deswegen kamen die Gäste hierher, wegen der Ruhe und Stille und der Einsamkeit hoch auf dem Berg. Inzwischen musste man sogar viel Glück haben oder schon ein Jahr im Voraus buchen, um eines der nur drei Zimmer zu ergattern, die groß und geräumig waren, vor allem aber individuell und mit viel Aufmerksamkeit eingerichtet. Und weil es nicht billig war, kamen auch nur Gäste, die sich den Luxus von Ruhe und Stille leisten konnten.

Schon als sie aus der Tür trat, hatte Micaela Gherardo bemerkt; unmöglich, den dicken Kater mitten auf der Terrasse zu übersehen. Sie musste schmunzeln, denn mit seinem schwarz-weißen Fell sah er aus, als trage er ein Trikot von Juventus Turin. Und wie jeden Morgen war Micaela darauf vorbereitet, dass der Kater etwas von seinem nächtlichen Streifzug mitgebracht hatte. Und nun wartete er darauf, gelobt und in die Küche gebeten zu werden. Sie hatte schon einen Teller mit feinster Putenbrust neben den Herd gestellt und für alle Fälle eine Kehrschaufel mit nach draußen gebracht. Alles war so, wie es sein sollte! Micaela freute sich auf den neuen Tag. Erst als sie nur noch zwei Schritte von Gherardo entfernt war, konnte sie erkennen, was er an diesem Morgen mitgebracht hatte. Noch ehe sie einen Gedanken fassen konnte, begann sie zu schreien, laut und spitz, so, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte. Gherardo wich voller Schrecken und Angst zurück.

»Ein Finger«, schrie Micaela immer wieder, »ein Finger!« Und dann: »Madonna mia, woher hast du den Finger?«

In seiner tiefen Verwirrung konnte Gherardo ihr nicht antworten, aber was hätte ihr der Kater auch schon sagen sollen? Micaela hätte es ohnehin nicht verstanden.

Vittoria Pucci wurde von den Schreien geweckt. Sie schreckte aus dem Bett hoch und versuchte, die Augen zu öffnen. Vergeblich. Ihr Kopf schmerzte so sehr, dass sie es erst nach mehreren Versuchen endlich schaffte. In diesem Moment schossen ihr drei Fragen durch den Kopf: »Wo bin ich?«, »Woher kommt der Lärm?« und am drängendsten von allen: »Wie werde ich die Schmerzen los?« Die erste Frage war schnell beantwortet: Sie saß auf dem Bett in ihrem Lieblingszimmer des MLH, wo sie ein verlängertes Wochenende bei ihrer alten Freundin Micaela verbringen wollte. Auch die zweite Antwort war schnell gefunden, als sie sich aus dem Bett gerollt hatte, um durch das Fenster auf die Terrasse schauen zu können. Was nun die dritte Frage anging, so wurde Vittoria schnell klar, dass es noch einige Zeit und Aspirin brauchen würde, bis sich dafür eine Lösung fände. Im grellen Sonnenlicht der Terrasse wurde die Frequenz ihrer Kopfschmerzen schier unerträglich.

Sie hatten mit Micaelas Familie zu Abend gegessen, nichts Besonderes, nur Pecorino, Salsiccia und Prosciutto aus dem Umland, dazu aber reichlich Wein getrunken, schließlich war es ja Samstagabend. Vittoria und Micaela hatten es sich danach auf der Terrasse in zwei Deckchairs gemütlich gemacht und einen Eiskübel mit einer Flasche Vin Santo mitgenommen, die sie nach und nach mit viel Genuss geleert hatten.

Doch auf der Suche nach einem letzten, kühlen Schluck Mineralwasser hatte Micaela eine zweite Flasche Vin Santo im Kühlschrank entdeckt. Eigentlich ist dieser Wein aus der Toskana eine unerlässliche Beigabe zum süßen Dessert, aber zugleich ziemlich hochprozentig. In Cantuccini getränkt, dieses wunderbare Mandelgebäck aus Prato, nahm man den Alkoholgehalt kaum noch wahr.

Für einen kurzen Moment konnte Vittoria gar nichts sehen, als sie auf die Terrasse getreten war. Nach ein paar Schritten und mit der Sonne im Rücken, erfasste sie schnell die Situation. Der inzwischen vom Schreien völlig irritierte Kater hatte seine Beute fallen lassen und versuchte, sich zu verstecken. Vittoria genügte ein Blick, um zu erkennen, dass es sich tatsächlich um einen menschlichen Finger handelte, den der Kater angeschleppt hatte. Und sie verstand auch Micaelas Panik – so etwas sieht man schließlich nicht alle Tage. Vor allem nicht mitten auf der eigenen Terrasse.

Auch Vittoria war im ersten Moment überrascht von der skurrilen Situation, aber schnell gewann die berufliche Routine als Commissaria der Polizia di Stato in Florenz die Oberhand. Eigentlich hätte man den Tatort so belassen müssen, wie man ihn vorgefunden hatte. Möglichst nichts kontaminieren, bevor die Spurensicherung ihre Arbeit getan hatte! Aber am Horizont über dem Meer zogen dunkle Wolken auf und es war bald mit Gewitter und Regen zu rechnen, wodurch sich die Spuren ohnedies in nichts auflösen würden. Sie musste handeln, Kopfschmerzen hin oder her, und zwar rasch.

Sie rief die zuständige Questura in Livorno an. Nun ging Vittoria wieder in die Küche und bat Micaela um ein paar Plastiktüten, eine Zange und einen Filzschreiber, um das Beweisstück, also den Finger, sicherzustellen.

Die Terrasse hätte trotz der immer drohenderen Wolken ein friedlicher Ort sein können, wenn da nicht dieser Finger gelegen hätte, der dort nicht hingehörte. Vittoria hatte einmal gelesen, dass etwas dann »böse« sei, wenn es sich am falschen Ort befände. Dieser Finger war nun ganz eindeutig am falschen Ort.

Zweifellos war der Finger einem Mann abhandengekommen; wann, wie und wodurch ließ sich allerdings auf den ersten Blick nicht erkennen. Der Finger war sorgfältig manikürt, so dass man den Ablagerungen unter dem Nagel wahrscheinlich Hinweise auf die Vorgänge vor der Tat würde entnehmen können. Und damit wäre man der Frage, wo sich der Rest des Mannes jetzt aufhielt, näher gekommen. Aber das wollte Vittoria der Professionalität der Forensiker überlassen. Denn vom Kater waren selbst bei intensivster Befragung wohl keine Auskünfte über den Fundort des Fingers zu erwarten.

Eine Stunde und viele Tassen Kaffee später trafen die Experten der Spurensicherung aus Livorno ein. Sie waren ziemlich mürrisch, immerhin war es Sonntag und außerdem regnete es inzwischen in Strömen. Und alles, was es zu sichern gab, war ein menschlicher Finger in einem profanen Frischhaltebeutel.

»Da, wo das herkommt, ist sicherlich noch mehr«, sagte einer der Beamten. Offenbar hatte er etwas zu sagen, denn die anderen nickten beifällig.

»So ist es wohl«, parierte Vittoria, »denn es ist kaum anzunehmen, dass sich der Finger von allein selbstständig gemacht hat.«

»Oder«, brummte der Chef zurück, »es handelt sich um einen japanischen Gangster, der sich für irgendein Vergehen den Finger zur Strafe selbst abschneiden musste.«

»Oder«, entgegnete sie deshalb, »das Opfer hatte Lepra und der Finger ist doch von selbst abgefallen.«

Ob es denn weitere Spuren zu sichern gäbe, fragte der Mann daraufhin indigniert. Vittoria mailte ihm die Fotos aus ihrem Handy und wies dann auf den Kater Gherardo, der sich inzwischen satt und müde in die Tiefen eines Küchenschrankes zurückgezogen hatte. Gegen einigen Widerstand wurde er hervorgeholt, auf den Küchentisch gesetzt, und dann strich einer der Beamten mit Wattestäbchen über seine Pfoten und tupfte das Fell mit Klebeband ab. Bedauerlicherweise floss dabei auch einiges an Blut, nämlich das des Beamten. Aber wenigstens konnte im Rahmen dieser Untersuchungen Gherardo als Täter ausgeschlossen werden.

Die Zeit zog sich scheinbar endlos hin, bis die Beamten der Spurensicherung schließlich ihre Arbeit beendet hatten. Vielleicht wären sie auch schon viel früher fertig gewesen, wenn nicht Micaelas Mutter ihnen immer wieder Kaffee und Brote angeboten hätte. Vittoria wollte packen, aber auch möglichst viel von dem mitbekommen, worüber die Beamten aus Livorno sprachen.

»Ist die da nicht die lange Pucci aus Rom?«, hörte sie einen von ihnen tuscheln. »Die mit dem pikanten Verhältnis?« Er lachte kurz auf.

»Nein«, antwortete ein anderer, »die hier kommt aus Florenz. Ich habe ihren Ausweis gesehen.«

»Aber eine namens Pucci war doch die Vorzeigefrau aus dem Ministerium, oder?«

»Und sie war die Geliebte von diesem hohen Tier – wie hieß er noch gleich? … Cioni oder so ähnlich.«

»Quatsch, sie ist die Nichte von Dottore Emilio Cioni«, ließ sich nun der Chef der Truppe vernehmen. »Und ja, sie war früher in Rom, aber jetzt ist sie schon seit ein paar Jahren in Florenz. Und zwar als Commissaria, also bitte etwas mehr Respekt, meine Herren!«

Die anderen schwiegen betreten und griffen verlegen zu den Brötchen und zum frischen Kaffee.

Ja, so war es tatsächlich gewesen. Vittoria hatte in der Zentrale der Polizia di Stato in Rom gearbeitet. Warum sie schließlich wieder nach Florenz zurückgekehrt war, ging und geht niemand etwas an. Auch wenn ihr immer wieder aufs Neue irgendwelche Gerüchte zu Ohren kamen, hatte sie längst aufgehört, sich darum zu kümmern. Vittoria war zufrieden mit ihrem Leben.

Kurz vor dem Aufbruch der Truppe ergab sich noch die Gelegenheit für ein Gespräch zwischen Vittoria und dem Leiter der Spurensicherung. Abseits von neugierigen Blicken tauschten sie Vermutungen über den Fall aus. Endlich, am frühen Nachmittag, verstaute die Truppe ihre Sachen im Wagen und fuhr unter lautem Hupen davon.

Gepackt war schnell, allein die Verabschiedung von Micaela und ihrer Familie dauerte etwas länger. Vittoria hätte gerne auch noch Gherardo Lebewohl gesagt, aber der Kater schmollte offenbar und war unauffindbar verschwunden.

Vittoria überlegte kurz, ob sie bei der Questura in Livorno vorbeifahren sollte, beließ es dann jedoch bei einem Anruf, um ihre Unterstützung bei dem Fall des Fingers anzubieten. Aber man bedeutete ihr, dass sie im Moment ohnehin nichts weiter tun könne.

Obwohl es den ganzen Tag geregnet hatte, waren mehr Menschen an die Küste gefahren, als Vittoria erwartet hatte. Die Zeit, die sie auf der Fi-Pi-Li, einer der wenigen mautfreien Autobahnen, im Stau zwischen Pisa und Florenz verbrachte, war dadurch noch länger als ohnedies befürchtet.

Baustelle reihte sich an Baustelle, denn auch in der Toskana rotteten die Straßen unaufhörlich vor sich hin. Es war spät am Abend, als Vittoria endlich in Florenz ankam.

Kapitel 2

Vittoria traf am nächsten Tag fast pünktlich um neun Uhr in der Regionalstelle Florenz der Polizia di Stato ein. Eigentlich war diese Agentur schon vor einigen Jahren im Zuge des Bürokratieabbaus abgeschafft worden. Ein paar kleine Abteilungen wie bespielsweise der Fahrdienst oder das Gebäudemanagement der Polizei waren irgendwie – wohl versehentlich – bestehen geblieben. Auch das Centro Interregionale della Coordinazione in Casi Eccezionali gehörte dazu, das Zentrum für die interregionale Zusammenarbeit in außergewöhnlichen Kriminalfällen, kurz »CIRCCE« genannt. Man hatte ihm ein paar spärlich möblierte Büroräume in einem nicht mehr ganz taufrischen Gebäudekomplex in einem auch schon in die Jahre gekommenen Stadtviertel zugewiesen. Umgeben von einer baufälligen Mauer standen rund um einen großen gepflasterten Innenhof ein paar niedrige Gebäude. Das Ganze war einem Gutshof ähnlicher als einer Polizeistation. Aber es ging auch gar nicht darum, auf jemanden Eindruck zu machen, denn mit den Bürgern, den guten oder den bösen, hatte man hier eigentlich nichts zu tun. Man verwaltete die Grundstücke und den Fuhrpark der Polizia di Stato und koordinierte eben die Polizeiaktionen in außergewöhnlichen Fällen. Dabei war der Kontakt zum Bürger zwar nicht unbedingt schädlich, aber auch nicht dringend erforderlich, so dass man eine Begegnung mit ihm vermied, wann immer es möglich war.

Vittoria Pucci war mit ihren 1 Meter 84 zweifellos eine groß gewachsene Frau. Sie fühlte sich äußerst wohl damit, genoss manchmal geradezu das Gefühl der physischen Überlegenheit und hatte eine diebische Freude daran, bei gewissen Gelegenheiten Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen. Ihre Schönheit hätten die meisten Betrachter eher als »herb« bezeichnet und ihr Gesicht als »kantig«, aber ihr blondes, kinnlanges Haar wirkte wie eine Art Weichzeichner. Und das war auch nötig, denn sie machte ab und an einen verschlossenen Eindruck, so, als wolle sie ihre kostbare Lebenszeit nicht mit Geplänkel verschwenden. Dass sie daher als nicht sonderlich beliebt galt, störte sie jedoch kaum.

Sie hatte früher Volleyball gespielt, und zwar ziemlich gut. Nach ihrem Abitur war sie von einem Profiverein engagiert und sogar zwei Mal für die Nationalmannschaft nominiert worden. Einer glänzenden Zukunft als erfolgreiche Sportlerin schien nichts im Wege zu stehen. Aber dann zog sie sich eine schwere Knieverletzung zu und ihre Karriere war abrupt beendet. Von einem Tag auf den anderen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als zu studieren, Jura und Ökonomie, nicht spannend, aber nützlich. Genauso diszipliniert, wie sie bisher für ihren Sport gelebt hatte, stürzte sie sich nun in das Studium, kümmerte sich um nichts anderes und schaffte in fünf Jahren in beiden Fächern den Abschluss als dottoressa magistrale. Aber was nun?

Eines hatte sie von Anfang an entschieden: Unter keinen Umständen würde sie dem Drängen ihres Vaters nachgeben und in seiner Kanzlei in Florenz arbeiten. Nicht, dass ihr ein Dasein als Anwältin zuwider gewesen wäre, aber nach dem Studium in Bologna und einem selbstbestimmten Leben wollte sie nicht so einfach wieder in den Schoß der Familie zurückkehren. Ihr Onkel, Emilio Cioni, der Bruder ihrer Mutter, schlug ihr vor, in den Polizeidienst einzutreten. Vittoria hatte zwar keine Ahnung, worauf sie sich da einließ, aber in den zwei Jahren Vorbereitungsdienst bei der Polizia di Stato fand sie Gefallen daran. Sie kam in Italien herum, lernte neue Orte und Menschen ebenso kennen wie die Höhen und die Abgründe des menschlichen Lebens und freute sich schließlich darauf, endlich ihre Arbeit als Commissaria antreten zu können.

Zunächst kam sie in die Zentrale nach Rom. Und schon bald galt sie dort als role model der modernen Polizei: klug, jung, schön und vor allem weiblich; der eindeutige Beweis, dass es nicht am Geschlecht liegt, wenn man in der Bürokratie Karriere macht. Denn dass sie auf jeden Fall demnächst Karriere machen würde, bezweifelte niemand. Tatsächlich wurden schon nach wenigen Monaten Wetten darüber abgeschlossen, wann die hübsche Dottoressa Vittoria Pucci ein eigenes Commissariato oder gar eine Questura übernehmen würde. Man rechnete mit allenfalls einem Jahr, eher weniger. Zumal Onkel Emilio als Polizeidirektor mehr als nur einen gewissen Einfluss darauf haben würde. Die Zeichen standen gut für Vittoria und sie schien die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Aber irgendwann verliebte sich Vittoria in den falschen Mann. Verheiratet und den höchsten Rängen angehörend. Die Gerüchteküche kochte hoch und jeden Tag konnte es zum Skandal kommen. Die einstigen Gönner und Förderer ließen kaum noch etwas von sich hören. Vielleicht war bei einigen auch ein wenig Enttäuschung im Spiel, weil gerade sie, die kluge, schöne Vittoria, die hohen Erwartungen nicht erfüllte, die man in sie gesetzt hatte. Dass sie eben doch »nur« eine gewöhnliche Frau war und im Zweifel der Liebe und nicht der Politik folgte.

Es dauerte ein paar Wochen, bis Vittoria begriff, was sich abspielte, und auch sah, dass ihre große Liebe niemals offiziell zu ihr stehen würde. Genau so hatte sie sich gefühlt, als das sportliche Aus feststand und genauso wie damals war sie auch jetzt nicht bereit, sich dem Schicksal widerstandslos zu fügen. Nach ein paar durchweinten Nächten beschloss sie, sich von einer Karriere in Rom zu verabschieden. Sie fand mit Onkel Emilios Hilfe eine Stelle bei der Polizia di Stato in Florenz, nahe der Familie, die nun doch, allem Stolz zum Trotz, zur Seelentröstung beitrug.

Vittorias Arbeit an jenem Morgen nach dem Fund des Fingers war die gleiche wie immer. Sie hatte die unzähligen Berichte aus den Questure und Commissariate über den aktuellen Stand der Kriminalfälle in der Toskana zu lesen. Und dabei musste sie darauf achten, in welchen Fällen vielleicht eine »interregionale Koordination« und damit ein Eingreifen von CIRCCE nötig werden könnten. Vittoria hatte schnell gemerkt, dass es gar nicht so einfach war, solche Fälle zu finden, denn entweder waren sie mehr oder minder lokal begrenzt, so dass es einer Koordination gar nicht bedurfte. Oder sie waren von »außerordentlicher« Bedeutung, sei es tatsächlich so oder nur aus Sicht der Medien, dann erklärte sich umgehend die Zentrale der Polizia di Stato in Rom dafür zuständig. Wie auch immer: Für CIRCCE blieb wenig zu tun, wenn überhaupt. Was vielleicht auch besser war, denn mit ihrer sehr überschaubaren finanziellen und personellen Ausstattung hätte CIRCCE bei wirklich bedeutenden Fällen ohnehin nur wenig ausrichten können. Und so war sie inzwischen ganz dankbar dafür, dass es keinen spontanen Ausbruch von Serienmorden in der Toskana gab und jemand auf den Gedanken hätte kommen können, CIRCCE mit den übergeordneten Ermittlungen zu betrauen. Es wäre ein Desaster geworden.

Und so saß Vittoria auch an diesem Morgen an ihrem Schreibtisch, trank Kaffee und arbeitete sich durch die Meldungen und Berichte. Das meiste davon war uninteressant und langweilig: Einbruch, Drogendeals, die Entdeckung einer Marihuanaplantage auf einem heruntergekommenen Bauernhof, Raub, Falschgeld, eben das Übliche. Ab und an wurden ein paar sizilianische Vagabunden in einem baufälligen Wohnwagen festgenommen oder ein paar armselige Afrikaner, die naiven Touristen auf handgreifliche Weise Gebühren für eigentlich kostenfreie Parkplätze abverlangten. Die Toskana war kein Sündenpfuhl, die Kriminalität war nicht höher als anderswo. Allerdings hatten in Lucca und in Livorno während der vergangenen Jahre vor allem die Eigentumsdelikte zugenommen: Betrug, Diebstahl, Raub. Die Myriaden von Touristen, die alljährlich über Florenz, Pisa, Siena und die Versilia herfielen, waren schließlich eine leichte Beute für versierte Ganoven aus aller Welt, nicht zuletzt aus den Campi Nomadi in Rom, Florenz oder wo sonst auch immer. In gewisser Weise waren auch diese Kriminellen so etwas wie »Touristen«, denn sie kamen meist nur im Sommer in die Toskana.

Anfangs hatte Vittoria die Akten nur überflogen. Nach einigen Wochen aber nahm sie sich mehr Zeit dafür, fasziniert von den Abgründen krimineller Kreativität: ab und zu eine Schlägerei, meist im Zusammenhang mit Alkohol, Drogen, Eifersucht, manchmal auch wegen Ehrverletzung; gelegentlich auch Stalking. Von Tötung im Affekt bis zu Schafdiebstahl und illegalem Fleischverkauf, zunehmend Diebstähle von Benzin oder Kupfer oder der berüchtigte »Enkeltrick«, der hierzulande angesichts der vielfältigen und engen Familienbande ganz besonders gut funktionierte. Die Bandbreite krimineller Energie war schier unerschöpflich.

Manche Berichte waren durchaus vergnüglich zu lesen. An diesem Morgen stolperte sie über die Meldung, dass sich die Polizei um eine bissige, ausländische Schildkröte am Ufer eines Baches hatte kümmern müssen. ›Überall Migranten‹, dachte Vittoria. Allerdings würde es nicht leichtfallen, ihr Herkunftsland festzustellen, um sie dorthin abzuschieben.

Man kann mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks voraussagen, wo welche Straftaten verübt werden: Betrug und Taschendiebstähle, vor allem an den zahllosen Touristen, in den Straßen, in den Hotels, an den Stränden, von morgens bis abends. Allerdings fehlten Polizisten, die sich darum kümmern konnten, statt sich bei Fußballspielen in Florenz oder Livorno mit Hooligans herumprügeln zu müssen. So sehr die Bürokratie in Italien auch aufgebläht sein mochte, an Polizisten mangelte es allenthalben.

Vittoria fand tatsächlich in den Meldungen den Hinweis auf den »Finger« in Quercianella. Darauf war sie natürlich gefasst gewesen. Nicht aber auf den Bericht über einen Leichenfund am Strand von Forte dei Marmi. Ein paar Muschelsuchern war kurz nach Sonnenaufgang ein Toter vor die Füße gespült worden.

Im ersten Moment hatte Vittoria sogar gedacht, man habe dort vielleicht den passenden Körper zum Finger gefunden. Aber laut Bericht war der Tote einigermaßen vollständig, zumindest fehlte ihm kein Finger. Wie man schnell herausfand, war er aber nicht ertrunken. Das wäre den Behörden natürlich am liebsten gewesen. Doch zum allseitigen Bedauern war er offenbar erst nach seinem Tod im Wasser entsorgt worden. Ansonsten wusste man wenig: Tatzeit, Tatort, Todesursache waren zunächst noch unklar. Vittorias Interesse erlahmte ein wenig, obwohl sie es durchaus bemerkenswert fand, dass es in der ansonsten so ruhigen Versilia offenbar zwei Verbrechen innerhalb so kurzer Zeit gegeben hatte.

Die nächsten Tage vergingen ereignislos. Dann aber war es endlich wieder einmal Zeit für das große, gemeinsame Abendessen bei der Großmutter. Es hatte sich seit Vittorias Rückkehr nach Florenz zu einer familiären Tradition entwickelt. Es kamen Vittoria, ihr Bruder Aldo und meistens auch Onkel Emilio. Seit einiger Zeit war auch der Commendatore Carlo Casini dabei – oder »Triple C«, wie die Nonna ihn nannte. Er war irgendwann im Leben der Großmutter aufgetaucht – und geblieben. Sie hatte sich in ihrer lakonischen Art nicht weiter dazu geäußert, nur gesagt, er sei ein Nachbar und Freund, der auch ab und zu ein gutes Essen verdient habe. Vittoria und auch alle anderen bemerkten, wie sehr die Nonna die Gegenwart des Commendatore genoss. Und da er ein charmanter, höflicher Mann war, gehörte er bald dazu und man wunderte sich eher, wenn er einmal nicht anwesend war. Vittoria konnte die Faszination, die er offenbar auf ihre Großmutter ausübte, gut verstehen. Er war eine angenehme Erscheinung: groß, schlank, mit zwar weißem, aber immer noch vollem Haar, witzig, kultiviert – ein eleganter Mann, der alterslos wirkte.

Emilio Cioni war wie so oft erst spät aus Rom angereist und kam gerade noch rechtzeitig zum Aperitif, den wie üblich der Commendatore vorbereitet hatte. Auch wenn Emilio immer ein wenig Unruhe mitbrachte, hatte man doch in der Familie großes Verständnis für ihn. Man freute sich, dass er sich Zeit nahm, an den Familientreffen teilzunehmen. Als Primo Dirigente hatte er eine hohe Position in der Hierarchie der Polizia di Stato inne, und dass er in der DCA, der Direzione Centrale Anticrimine arbeitete, verstärkte noch sein innerfamiliäres Prestige. Immerhin befasste er sich tagtäglich mit schwersten internationalen Verbrechen und musste sich mit den Spitzen aus Politik und Wirtschaft auseinandersetzen. Über die Polizeiarbeit wurde bei Familientreffen prinzipiell nicht gesprochen.

An diesem Abend war es anders. Emilio nahm zwei Gläser von der Anrichte, reichte eines an Vittoria weiter und führte sie hinaus in den Garten. Es war noch immer angenehm warm und es roch nach Zitronen und Lavendel, nach Rosen und Rosmarin, jene Sommerdüfte, die Vittoria schon als Kind geliebt hatte.

Emilio trank einen Schluck und sagte dann: »Ich wollte dich nach diesem seltsamen Finger fragen, den du da in Quercianella gefunden hast.«

»Was ist damit?«, fragte Vittoria erstaunt.

»Wie ich höre, gibt es die ersten Ergebnisse der Forensik. Man hat die Erde unter dem Fingernagel und die Proben von diesem Kater analysiert. Es sieht alles danach aus, als käme er von einem Bachufer im Tal neben dem Guesthouse. Die Questura in Livorno will demnächst eine Suche starten. Sie haben sogar bei uns zusätzliches Personal angefordert.«

»Ach was«, sagte Vittoria verblüfft.

»Hast du Interesse, an diesem Fall weiter mitzuarbeiten? Immerhin hast du den Finger ja gefunden. Kein Problem, kostet mich nur einen Anruf. Na, was sagst du?«

»Ja. Natürlich. Gerne. Warum nicht?«, konnte Vittoria gerade noch erstaunt, aber ohne große Begeisterung sagen, als sie aus der Küche zum Essen gerufen wurden.

An diesem Abend hatte die Großmutter, La Nonna, wie alle außer dem Commendatore sie nannten, eine einfache Küche vorbereitet, cucina povera. Vittoria liebte diese traditionellen Gerichte und freute sich jedes Mal darauf. Zuerst gab es Panzanella, den kleinen Salat aus der Toskana, nur aus eingeweichtem alten Brot und Tomaten gemacht, mit ein paar Kräutern, Essig und Öl, aber »gutem Öl«, wie die Nonna stets betonte. Die Schiacciata, das frische Brot, das es dazu gab, hatte sie schon am Nachmittag gebacken, schnell gemacht aus Mehl, Hefe und Öl, natürlich auch mit »gutem Öl«.

Leider war es in der letzten Zeit immer schwieriger geworden, an einheimisches Öl von bester Qualität zu kommen. Und so freute man sich, dass der Commendatore diese Aufgabe übernommen hatte. Er schien offenbar über beste Beziehungen zu den Bauern in der näheren und weiteren Umgebung zu verfügen. Für diesen Abend hatte er beim Metzger Sergio Falaschi in San Miniato auch noch genügend Soppressata besorgt, Presskopf aus diversen Teilen des Schweins, stundenlang gekocht und gewürzt mit Orangen- und Zitronenschale. Und die Nonna hatte es sich nicht nehmen lassen, ein Gran Farro zu kochen, die deftige Suppe mit Emmer, Mangold, Porree, reichlich Bohnen und Wurst. Denn, wie sie nicht zu betonen vergaß, die Kinder brauchten kräftiges Essen.

Nach dem Essen saß man noch einige Zeit beisammen, der Commendatore und Aldo halfen der Nonna beim Aufräumen. Emilio schaute ständig auf seine Uhr, wandte sich schließlich Vittoria zu und deutete auf den Garten. Sie nahmen beide ihren Kaffee und gingen hinaus.

»Also«, sagte Emilio, »wenn du magst, ruf ich morgen bei der Questura in Livorno an. Die werden dir dann alles Weitere sagen können.«

»Die wissen schon Bescheid?«, fragte Vittoria irritiert.

»So gut wie. Ich habe nur gesagt, dass sie nicht überrascht sein sollen, wenn du dich demnächst bei ihnen meldest.«

»Aber ich weiß gar nicht, ob ich das tun soll. Und ich muss meinen Chef fragen.«

»Mach dir darüber keine Gedanken! Wird alles geregelt. Aber jetzt muss ich wirklich los. Ich habe morgen sehr früh eine wichtige Besprechung.«

Emilio trank hastig seinen Kaffee aus, nahm Vittoria in die Arme, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und ging zurück in die Küche. Ein paar kurze Worte des Abschieds und schon war er verschwunden. Vittoria blieb noch im Garten, um ihre Gedanken zu ordnen. Sie wusste mit Emilios Angebot nichts anzufangen. Neugierig genug war sie schon, um die Ermittlungen im Fall des »Fingers« zu verfolgen, blieb aber die Frage, warum Emilio ihr dieses Angebot gemacht hatte. Zwar war der Fund eines abgetrennten Fingers durchaus als »außergewöhnlich« einzuschätzen, aber bisher hatte sich alles allein in Livorno abgespielt – es gab also aus dortiger Sicht keinen Bedarf an »interregionaler« Koordination oder Zusammenarbeit. Weshalb also sie? Am nächsten Morgen würde sie mit ihrem Chef sprechen und alles Weitere von seiner Reaktion abhängig machen.

Gabriele Galvano war als Commissario Capo schon seit einiger Zeit der Leiter von CIRCCE. Jeder wusste, dass er sich nicht darum beworben hatte, sondern dorthin versetzt worden war, weil die Polizeiführung in Rom keine andere Verwendung für ihn gefunden hatte. Galvano machte sich keine Illusionen über die Bedeutung von Rang und Amt, doch er schien zufrieden damit, vorausgesetzt, dass man ihn in Ruhe ließ. Er stand jetzt kurz vor der Pensionierung und hatte Vittoria von Anfang an spüren lassen, dass er keine neuen beruflichen Herausforderungen mehr suchte. Vittoria konnte das nur recht sein, hatte sie doch genügend damit zu tun, ihr eigenes Leben und ihr gebrochenes Herz wieder in den Griff zu bekommen. Trotzdem wäre ihr manchmal ein wenig mehr Dynamik im Büro doch ganz lieb gewesen. Sie war unsicher: Wie würde Galvano reagieren, wenn sie ihm von den neuen Entwicklungen berichtete? Sie atmete einmal tief durch, straffte ihren Körper und betrat sein Büro.

Natürlich war es nirgends erlaubt, aber man hatte es längst aufgegeben, Galvano das Rauchen auch in seinem Büro zu verbieten. Und daher wusste man immer genau, wer zuletzt bei ihm gewesen war, weil die Kleidung jedes Besuchers noch Stunden später den Geruch von kaltem Rauch verströmte. An diesem Morgen jedoch hatte Simonetta die Fenster sperrangelweit aufgerissen, um, wie sie sagte, die kühle Luft des Morgens hineinzulassen, wohl aber eher, um den Gestank des Vortages zu vertreiben. Glücklicherweise lagen die Büros von CIRCCE in der obersten Etage des Gebäudes, so dass sich niemand über die Rauchschwaden beschweren konnte. Jedenfalls herrschte noch erträgliches Klima und auf seltsame Weise schien die frische Luft auch Galvanos Stimmung zu beflügeln. Vittoria berichtete haarklein von dem Gespräch, das sie am Abend zuvor mit ihrem Onkel geführt hatte. Galvano strich sich mehrmals über den Schädel und schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Aha«, begann er dann nach einer längeren Pause, »mein Freund Cioni kann es also nicht lassen. Man weiß doch nie, was er im Schilde führt. Er liebt es, die Figuren hin und her zu schieben. Und nun sind wir also an der Reihe. Und, wie haben Sie sich entschieden, meine liebe Dottoressa? Wonach steht Ihnen der Sinn?«

»Ich weiß nicht recht«, antwortete Vittoria und hob verlegen die Hände. »Interessieren würde mich die Sache schon. Aber passt das in die Planungen von CIRCCE?«

»Es gibt keine Planungen für CIRCCE«, erwiderte Galvano unwirsch, um dann versöhnlicher fortzufahren: »Also, wenn Sie wollen, dann rede ich mit Livorno und kündige Sie an. Aber damit das klar ist: Nur als Besucherin, wir werden nicht offizieller Teil der Ermittlungen. Keine Kommentare, keine Ratschläge, keinerlei Einmischung. Sie bleiben sozusagen unsichtbar. Ich will keine Beschwerden aus Livorno hören. Das fehlte uns gerade noch.«

Ihre anfängliche Sorge, dass Galvano vielleicht ungehalten reagieren könnte, war also unbegründet. Im Gegenteil: Vittoria war sehr zufrieden mit dem Ergebnis dieses Gesprächs; immerhin wusste sie ja selbst noch nicht, ob und wieweit sie sich auf diesen Fall einlassen sollte.

Simonetta hatte Galvano mit der Questura in Livorno verbunden und war nun mit den umfangreichen Formalitäten fertig geworden, die für so eine Dienstreise nötig waren. Es war Simonetta sogar gelungen, einen Alfa 159 aus der Fahrbereitschaft zu ergattern, zwar ohne Fahrer, wie sie Vittoria bedauernd eingestand, aber immerhin. Vittoria unterschrieb das Dutzend Formulare und hörte von Galvano, dass mit Livorno alles geregelt sei. Sie müsse sich allerdings beeilen, da man schon an diesem Vormittag mit der Suche nach der zum Finger passenden Leiche beginnen wolle. Vittoria machte sich also auf den Weg und diesmal bereitete ihr der Verkehr keine Probleme, denn sie schaltete – kaum auf der Fi-Pi-Li angekommen – übermütig Sirene und Blaulicht ein. Wenn man ihr den Weg nicht frei machte, fuhr sie dicht auf und schaltete die Sirene eine Stufe höher. Diese kleine Machtdemonstration bereitete ihr fast kindliche Freude. Am Stadtrand von Livorno angekommen, schaltete sie Sirene und Blaulicht ab. Besser, bei ihrer Ankunft nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen, immerhin sollte sie ja nur stille Beobachterin sein.

Der Ort, an den man sie bestellt hatte, lag abseits der üblichen Straßen. Das Navigationssystem auf ihrem Handy war keine große Hilfe, denn es bot ihr immer wieder Trampelpfade an, um die selbst eine Ziege einen weiten Bogen gemacht hätte. Endlich traf sie dann doch auf einem Hügel ein, wo schon ein halbes Dutzend Polizeiautos parkten. Jetzt war sie auch für Galvanos Rat dankbar, feste Schuhe, besser noch Gummistiefel mitzunehmen, denn der Weg hinab zum Bach war halsbrecherisch. Aber Vittoria war immer noch sportlich genug, um den steilen Abstieg einigermaßen elegant zu bewältigen. Als sie heil unten ankam, hatte man schon die ersten Spuren gefunden. Sie stellte sich vor und wurde mit der Höflichkeit empfangen, die ihrem Dienstrang zustand. Sie erkannte den Beamten wieder, der vor einigen Tagen mit der Spurensicherung im MLH gewesen war, und begrüßte ihn freundlich. Er zeigte zwar keine große Wiedersehensfreude, war aber immerhin bereit, sie zu informieren.

Man war den Analysen der forensischen Geologen gefolgt, die die Zusammensetzung der Erde auf den Pfoten des Katers bestimmt und das Ufer jenes kleinen Baches als Fundort identifiziert hatten. Dort wiederum hatte man nach einigem Suchen diese Stelle entdeckt, die offensichtlich vor Kurzem von Wildschweinen umgepflügt worden war. Man hatte – berichtete der Mann von der Spurensicherung weiter – dann die verstreuten Überreste eines menschlichen Körpers gefunden. Zwar noch nicht alle, wie er mit Blick auf die Sammlung von Einzelteilen einräumte. Aber zumindest schon eine Hand, der ein Finger fehlte. Man war sich ziemlich sicher, dass es sich um einen Mann handelte, der aber bestimmt nicht das Opfer eines Raubüberfalls geworden war: In einer zerrissenen Jacke hatte man Wertgegenstände gefunden – Portemonnaie, Ausweise, ein goldenes Feuerzeug.

»Leider«, fügte der Kollege von der Spurensicherung mit großem Bedauern in der Stimme hinzu, »haben die Wildschweine die meisten Spuren zerstört, sowohl an der Leiche als auch hier am Fundort. Und da es außerdem in den vergangenen Tagen ziemlich heftig geregnet hat, werden wir wahrscheinlich kaum viel Verwertbares finden.«

Kurze Zeit später – als das Team der Spurensicherung schon abziehen wollte – wurden dann doch noch, ein paar Schritte von der Fundstelle der Leiche entfernt, einige Zigarettenstummel gefunden und sorgfältig eingesammelt. Die Questura in Livorno verfügte über keinerlei forensische Einrichtungen, deshalb wurde alles ins Labor nach Florenz geschickt, wo man einige Tage benötigte, um die Spuren wissenschaftlich auszuwerten. Dem Bericht war zu entnehmen, dass die Zigarettenstummel eindeutig aus osteuropäischer Produktion stammten. Trotz der Verwitterung ließen sich darauf noch brauchbare DNS-Spuren finden, die die Vermutung nahelegten, dass zwei Osteuropäer (Männer, wahrscheinlich blutsverwandt) in der Nähe des Fundorts der Leiche gewesen waren. Vorerst jedoch wurden diese Funde als »Zufall« klassifiziert und zunächst nicht weiter beachtet.

Kapitel 3

»Ich verbinde Sie mit Dottore Fedrizzi«, sagte tags darauf eine freundliche Frauenstimme am Telefon.

Vittoria atmete tief durch. Mit diesem Anruf hatte sie nun gar nicht gerechnet und am liebsten hätte sie sofort aufgelegt. Aber das hätte kaum geholfen, denn wie sie Fedrizzi kannte, würde er keine Ruhe geben. Also sich lieber jetzt dem Unausweichlichen stellen.

Lapo Fedrizzi war ein Kollege in Rom gewesen, aber auch ihr Geliebter. Ein paar Jahre älter als sie, gut aussehend, charmant und weltgewandt, so dass man über seine Arroganz und Gier leicht hinwegsehen konnte.

»Meine liebe Dottoressa, ich rufe Sie an, um eine wichtige dienstliche Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen.«

Aha! Wir sind wieder beim Sie gelandet. Komisch, wenn man so viel Zeit miteinander im Bett verbracht hat.

»Also«, sagte Lapo, und Vittoria fand zu ihrem großen Vergnügen, dass seine Stimme jetzt etwas zittrig klang. »Also, ich darf Sie davon in Kenntnis setzen, dass man hier im DPS entschieden hat, Sie zur offiziellen Beraterin im Fall jenes Fingers in Livorno zu erklären.«

›Wie schön zu hören, dass er nervös ist‹, dachte Vittoria, schwieg aber.

»Ja, weil … also …, nun, man hat auf dieser Leiche fremde Blutspuren gefunden, deren DNS wiederum zu einer anderen Leiche passt. Sie haben vielleicht schon von der Wasserleiche in Forte dei Marmi gehört. Also von der stammt dieses Blut. Wieso und weshalb, das wissen wir noch nicht. Möglicherweise gibt es zwischen beiden Verbrechen irgendeinen Zusammenhang.«

Vittoria war einigermaßen überrascht, aber Lapo sprach weiter:

»Ja, und da hat sich jemand daran erinnert, dass es in der Toskana CIRCCE gibt, das sich um solche Fälle kümmern sollte. Aber damit das klar ist: Nur beratend, denn man weiß ja noch gar nicht so viel. Alles ziemlich obskur.«

Vittorias Erstaunen wuchs, aber Lapo war noch nicht zum Ende gekommen.

»Also jedenfalls kümmern Sie sich darum und erstatten vor allem regelmäßig Bericht. Noch Fragen? Nein? Ach ja, ein Erlass an CIRCCE ist unterwegs. Auf Wiederhören!«

Eigentlich, so erfuhr Vittoria später, hatte die Spurensicherung zunächst nur herausgefunden, dass sich fremdes Blut auf der Leiche aus Quercianella befand. Auch das hätte man als »Zufall« abgetan, wenn nicht der zuständige Beamte, kurz vor Feierabend, auf die falsche Taste an seinem Computer gedrückt hätte. So löste er den Befehl »Vergleich mit allen Daten« aus, und kurze Zeit später fand sich zur allergrößten Überraschung eine Übereinstimmung mit den Daten aus Forte dei Marmi. Mit einer gewissen Verärgerung schrieb der Beamte diesen Befund in seinen Bericht, gab ihn an die zuständige Stelle weiter, und der Vorgang nahm seinen Lauf. Natürlich hatte zunächst niemand daran gedacht, CIRCCE einzuschalten, nicht aus bösem Willen, eher, weil niemand in Livorno sich daran erinnerte, dass diese Stelle überhaupt existierte.

Vittoria war sofort klar, dass sie natürlich keinerlei Kompetenzen haben würde und weder in dem einen noch in dem anderen Fall die Ermittlungen leiten könnte. Aber immerhin: CIRCCE war dabei, und zwar ganz offiziell, auf Weisung der Zentrale in Rom. Vittoria hätte eigentlich ganz zufrieden sein können, aber so sehr sie sich auch bemühte, ihre Gedanken zogen immer wieder die gleiche Schleife und sorgten schließlich für ein unbehagliches Gefühl.

Gut, CIRCCE war eingeschaltet, aber man musste wohl davon ausgehen, dass der Ruhm für die Aufklärung der Fälle zwischen Livorno und Lucca geteilt und von CIRCCE keine Rede mehr sein würde. Und dass man allerdings im Fall des Scheiterns alle Schuld auf CIRCCE würde abladen können. Aber noch war es nicht so weit. Bis dahin würde noch viel Wasser den Arno hinabfließen. Eher stellte sich die Frage, weshalb die Zentrale in Rom sich nicht selbst dieser Fälle annahm. Ein Mann wie Lapo Fedrizzi hätte doch normalerweise Gott weiß was für eine entsprechende Publicity gegeben, wenigstens solange es der Karriere diente. Oder gab es etwa für die Polizeiführung in Rom Gründe, die Öffentlichkeit zu meiden? Vielleicht weil eine allzu ausführliche Berichterstattung in den Medien über eine Mordserie in der Toskana der Politik jetzt völlig ungelegen käme? – Aber selbst wenn dem so wäre, gäbe es für CIRCCE und damit Vittoria irgendeine Möglichkeit, sich diesem Auftrag zu entziehen?

Nein, gab es nicht, wie sich herausstellte. Selbst Gabriele Galvano, der sonst immer einen Ausweg fand, fiel diesmal nichts ein. Direkt nach jenem denkwürdigen Telefonat mit Lapo war Vittoria zu ihm gegangen und hatte ihn darüber informiert, was man in Rom entschieden hatte. Er zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Galvano war 60 Jahre alt, von durchschnittlicher Größe, aber massig, mit großen Händen und einem Stiernacken. Er kleidete sich auf eine Weise, wie es schon seit längerer Zeit nicht mehr der Mode entsprach. Und irgendwann hatte er beschlossen, nicht mehr gegen den Haarausfall zu kämpfen. Den spärlich verbliebenen Rest seines Haupthaars rasierte er bartstoppelkurz. Dadurch waren lange Narben auf der Kopfhaut sichtbar geworden, die ihm das Aussehen eines müden Piraten gaben. Es fehlte nur noch ein Ring im Ohr, aber das hätte den internen Vorschriften der Polizia di Stato widersprochen. Er sprach nur wenig, versuchte auch ansonsten den Kontakt zu den meisten Menschen zu vermeiden, und wirkte stets etwas mürrisch. Allein zu Simonetta, seiner Sekretärin, schien er ein offeneres Verhältnis zu haben, ohne dass man jedoch schon von Vertrautheit hätte reden können.

»Vermutlich nichts zu machen«, sagte er, nachdem sich ein Hustenanfall gelegt hatte. »Ich habe gerade die Mail aus Rom erhalten. Der Erlass ist per Boten unterwegs. Per Boten! Ein Aufwand – man glaubt es nicht!«

Galvano drückte die Zigarette aus und griff automatisch sofort wieder zur Schachtel, sah, dass sie leer war, öffnete die untere Schublade seines Schreibtisches und holte ein neues Päckchen hervor. Vittoria konnte gerade noch sehen, dass die gesamte Schublade voll davon war. Irgendwie gelang es Galvano offenbar immer wieder aufs Neue, genügend Schachteln Nazionali Filtro aufzutreiben, nach denen man selbst in Florenz lange suchen musste. Für Galvano war das Verschwinden der Nazionali aus den Tabacchi-Regalen ein überdeutliches Zeichen für den Niedergang Italiens.

»Also gut, Dottoressa«, nahm Galvano das Gespräch wieder auf. »Dann fangen Sie mal an. Telefonieren Sie als Erstes mit Lucca und Livorno und teilen Sie denen die frohe Botschaft mit. Und sagen Sie auch gleich, dass wir keinerlei Zuständigkeit für uns fordern. Sonst stellen die sofort die Arbeit ein und wir haben den ganzen Mist allein am Hals.«

Auch wenn Vittoria lieber etwas mehr Engagement bei ihrem Chef gesehen hätte, so musste sie sich doch eingestehen, dass er nicht ganz unrecht hatte. Von ihm war also keine Hilfe zu erwarten. Und vermutlich auch nicht von den beiden jungen Polizisten, die für ein paar Monate zur Ausbildung zu CIRCCE abgeordnet waren. Vittoria hatte sich bisher kaum mit ihnen befasst, kannte gerade einmal ihre Namen.

Auf dem Nachhauseweg fand Vittoria, dass sie sich in der Gelateria an der Ponte al Carraia ein Eis verdient hätte. Natürlich gab es keinen freien Parkplatz, weshalb Vittoria ihren Wagen nicht ganz legal direkt an der Ampel abgestellt und ihren Polizeiausweis gut sichtbar unter die Windschutzscheibe gelegt hatte. Vielleicht würde es ja helfen, und wenn nicht, könnte sie Simonetta bitten, mit der Polizia Municipale, der Stadtpolizei, zu telefonieren und dabei irgendetwas von wichtigen verdeckten Observationen zu erzählen. Simonetta hatte inzwischen darin eine perfekte Routine entwickelt.

Zu Hause angekommen, wählte Vittoria die Nummer ihres Onkels Emilio in Rom. Sie hatte richtig vermutet – er war es, der hinter der ganzen Angelegenheit steckte.

»Hat Fedrizzi dich also angerufen. Und wie hat er sich angestellt?«, fragte er.

»Nun ja«, antwortete Vittoria, »gefallen hat es ihm nicht.«

»Geschieht ihm recht. Geht eben nicht immer alles einfach im Leben.«

»Warum hast du das alles eingefädelt?«

»Ich kann doch nicht einfach mit ansehen, wie dein Talent in Florenz verkümmert. Du brauchst eine vernünftige Aufgabe, und da kommt diese seltsame Angelegenheit in der Versilia gerade recht.«

»Aber dir ist schon klar, was du mir damit antust? Ich bin hier ganz allein, denn Galvano wird mir keine große Hilfe sein.«

»Unterschätz den Mann nicht. Das ist ein ganz gewiefter Fuchs, dem kann man nichts vormachen. Ich rate dir, seine Erfahrungen zu nutzen. Wenn du jetzt alles richtig machst, dann werden wir noch sehen, wohin dich das führen kann.«

Dann sprach Emilio noch davon, wie wichtig die »Familie« sei, gerade hier und jetzt, da die Gesellschaft in Scherben liege. Dass man sich nur noch auf sie verlassen könne. Dass er jederzeit für sie da sei. Und dass sie bald erkennen würde, was zu tun und was zu lassen sei. Da habe er gar keine Zweifel, schließlich sei sie die klügste Nichte von allen. Vittoria unterließ den Hinweis, dass sie Emilios einzige Nichte war.

Mit einem Glas Wein machte Vittoria es sich auf der Couch gemütlich und liess ihre Gedanken um die Ereignisse des Tages kreisen.

Als sie genug vom Grübeln hatte, legte sie Kill Bill in den DVD-Player ein. Ihr war jetzt nach jener unendlich langen Ballettszene in der zweiten Hälfte des ersten Teils, wenn Uma Thurman im Alleingang eine Bande von Yakuza massakriert.

Vittorias gute Laune am nächsten Morgen war ansteckend. Im Büro hatte Simonetta schon Kaffee aufgesetzt und versprach Vittoria, sie sofort zu informieren, sobald Galvano auftauchen würde. Mit der Tasse Kaffee in der Hand schlenderte sie durch den Raum, in dem die beiden Polizei-Anwärter saßen, und schaute sie sich zum ersten Mal aufmerksam an. Eigentlich machten die beiden gar keinen schlechten Eindruck.

Beide waren Mitte 20 und absolvierten ihre Ausbildung zum Ispettore. Offenbar war es Teil dieser Ausbildung, dass sie über mehrere Monate praktische Erfahrungen in den verschiedenen Dienststellen sammeln sollten. Was genau sie gerade hier, bei CIRCCE, lernen sollten, war Vittoria allerdings schleierhaft, aber nun waren sie einmal da und deshalb sollten sie gefälligst auch mitarbeiten. Anna Lea Bompensiere war eine selbstbewusste junge Frau, die ihre geringe Körpergröße nicht durch hohe Schuhabsätze zu kompensieren versuchte; wie zum Trotz trug sie stets flache Sportschuhe oder Sneakers. Zusammen mit ihren kurzen Haaren und der sportlichen Kleidung gab ihr das eine eher maskuline, aber alles in allem doch attraktive Ausstrahlung. Sie stammte aus Sizilien und war mit hohen Erwartungen in die Toskana gekommen, wo sie aber laut Simonetta immer noch Schwierigkeiten hatte, sich einzuleben.

Und dann war da noch Davide Franton Billi, ein rundlicher junger Mann aus der Nähe von Mailand. Er trug eine dunkle Hornbrille, einen noch nicht ganz ausgereiften Bart und hatte lange Haare. Abnehmen sollte er, dachte Vittoria. Billi war froh – auch das wusste Simonetta –, dass man ihn für die praktische Ausbildung nur nach Florenz und nicht noch weiter nach Süden versetzt hatte, denn so nutzte er jede Gelegenheit, am Wochenende nach Hause zu fahren. Ganz am Anfang, als er nach einem angemessenen Fast-Food-Restaurant suchte, hatte er sich einmal aufgerafft, die Sehenswürdigkeiten von Florenz zu erkunden. Allerdings musste er schnell feststellen, dass man am Computer die Gemälde und Statuen der Uffizien viel besser betrachten konnte, ohne von der Meute der Touristen erbarmungslos weitergeschoben zu werden. Überhaupt schien er ausgeprägte Fähigkeiten bei der Nutzung des Computers zu haben. Das könnte durchaus hilfreich sein, überlegte Vittoria. Davide war nicht sehr gesprächig und schien sich am liebsten um die Realität auf dem Bildschirm zu kümmern.

Galvano war noch immer nicht ins Büro gekommen. Also noch Gelegenheit, mit den Questure in Livorno und Lucca zu telefonieren. Dort war man zu Vittorias Überraschung bereits darüber informiert, dass CIRCCE in die Ermittlungen eingebunden worden war. Offenbar hatte man auch dort am vergangenen Nachmittag eine entsprechende Weisung aus Rom erhalten. Aber das hieß natürlich noch lange nicht, dass man darüber sonderlich erfreut war. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Questure würde schon lästig genug sein; da hatte CIRCCE gerade noch gefehlt. Vittoria bemühte sich darum, die Kollegen zu beruhigen. Nein, man übernehme seitens CIRCCE nicht die Leitung, nein, man werde sich nicht in die laufenden Ermittlungen einmischen, und nein, es gäbe keinen Anlass zur Sorge. Es gehe ihr ausschließlich darum, informiert zu werden, über den Sachstand und über den weiteren Fortgang. Nach einigem Hin und Her sagte man ihr alle Informationen zu, und Vittoria bedankte sich wortreich für die Kooperation. Sie bat noch darum, auf die internen Nachrichten-Verteiler gesetzt zu werden, was man ihr ebenfalls zugestand, zwar mit wenig Enthusiasmus, aber immerhin.

Galvano war immer noch nicht aufgetaucht, weshalb Vittoria mit Simonetta ein Schwätzchen hielt. Von Zeit zu Zeit tat es gut, mit ihr über Frauenkram zu reden, wie Galvano ihre Gespräche spöttisch nannte.

Als Galvano endlich auftauchte, hatte er sein Pokerface aufgesetzt und bat Vittoria, sich noch eine Stunde zu gedulden. Vittoria war die Verzögerung recht, so konnte sie sich vorher noch mit den Informationen aus Livorno und Lucca vertraut machen, die inzwischen per Mail angekommen waren. Sie zog einen Schreibblock aus der Schublade und schrieb sorgfältig auf, was ihr wichtig erschien. Fünf Seiten hatte sie in der Hand, als sie eine Stunde später in Galvanos vollgerauchtem Büro erschien.

»Jetzt ist es also offiziell?«, fragte Vittoria, als sie sich hingesetzt hatte.

»Ja, so ist es, Gott sei es geklagt«, antwortete Galvano mit grimmiger Stimme. Er hustete heftig. »Was haben wir?«

»Einiges«, sagte Vittoria und nahm sich die Blätter vor. »Man hat die Leiche in Quercianella inzwischen anhand der gefundenen Dokumente identifiziert. Es handelt sich um einen gewissen Francesco Travecchio, einen hohen Beamten bei der Soprintendenza per i Beni Architettonici in Pisa. 52 Jahre alt, hat Kunstgeschichte studiert, ledig, lebt mit seiner Schwester zusammen, ansonsten keine Angehörigen, wohnhaft in Pisa.«

»Ach, du meine Güte«, warf Galvano ein, »eine dritte Questura, die sich zuständig fühlt. Das wird ja immer besser!«

»Nun ja! Man kann auch sagen: ein Grund mehr, dass wir als CIRCCE uns damit befassen«, erwiderte Vittoria mit einem gewinnenden Lächeln.

Galvano winkte ab und zündete sich eine weitere Zigarette an.

»Jedenfalls«, hob Vittoria wieder an, »hatte er alle Papiere und einiges an Bargeld bei sich, so etwa 600 Euro, alles in eher kleinen Scheinen. Dazu dann noch die EC-Karte einer Bank, von der ich noch nie gehört habe, der Credito Cooperativo di Capannori. Aber das werden die Kollegen in Livorno noch genauer prüfen. Ebenso wie sie Familie, Freunde und Kollegen befragen wollen, wenn sie erst einmal mit Pisa geklärt haben, wer zuständig ist. Außerdem weisen sie darauf hin, dass es ihnen an Personal fehlt und alles noch seine Zeit dauern wird.«

»Das war zu erwarten«, sagte Galvano. »Das sagen die immer.«

Vittoria raschelte mit den Blättern, suchte eine bestimmte Notiz und fuhr dann fort: »Interessant ist vielleicht noch, dass Travecchio den Mitgliedsausweis einer sogenannten Fondazione per la Protezione e il Mantenimento d’il Retaggio Culturale e Naturale bei sich trug. Dieser Ausweis der ›Stiftung für den Schutz und den Erhalt des kulturellen und natürlichen Erbes‹ scheint das einzige private Element zu sein. Hat man noch nicht weiter geprüft, aber mir scheint das wichtig zu sein. Man sollte da einmal nachfragen, vielleicht findet sich etwas Aufschlussreiches.«

»Machen Sie ruhig«, sagte Galvano. Von seinem Gesicht konnte man durch die Rauchnebel hindurch jedoch ablesen, dass er es nicht für sehr dringlich hielt. »Und was ist mit der zweiten Leiche? Kommt die etwa aus Sardinien? Dann könnten wir den Fall wieder abgeben, weil wir dafür nun wirklich nicht zuständig sind.«

»Ja, vielleicht haben wir Glück«, antwortete Vittoria, »aber das weiß man noch nicht so genau. Jedenfalls ist er noch nicht identifiziert. Ein Unfall ist es aber auf gar keinen Fall gewesen, denn irgendjemand hat sich alle Mühe gegeben, die Identität zu verschleiern. Bei der Obduktion hat man festgestellt, dass Fingerabdrücke und sogar Tätowierungen entfernt worden sind, post mortem. Man hat nur so viel herausgefunden: männlich, Mitte 30, abgesehen von Fingern und Haut in guter körperlicher Verfassung, muskulös, keine organischen Schäden, einige alte, aber verheilte Brüche an Finger- und Rippenknochen, eine ebenfalls verheilte Schussverletzung an der rechten Schulter. Lucca glaubt, dass er wahrscheinlich einen kriminellen oder militärischen Hintergrund gehabt hat. Und: Sie nehmen nach der Untersuchung der DNS an, dass er aus Osteuropa stammt. Dafür spricht auch, dass die Zähne offenbar dort behandelt und gerichtet worden sind.«

»Sieh an, jetzt kommt auch noch die russische Mafia ins Spiel. Als ob wir nicht genug mit unserer eigenen zu tun hätten.« Galvanos Gesicht verzog sich. »Meine Güte! Was kommt da noch alles auf uns zu! Gibt es etwa noch mehr?«

»Ja, kann man so sagen. Anfangs hatte man nur das Blut der Wasserleiche auf der anderen gefunden. Jetzt weiß man aber, dass beide auf die gleiche, na ja, sagen wir, ähnliche Art und Weise ums Leben gekommen sind. Beide sind erschossen worden, und zwar mit einem Genickschuss. Bei Travecchio hat man ein Projektil des Kalibers 9 mm gefunden, ›vier Züge, Rechtsdrall‹. Die Wasserleiche ist ebenso getötet worden; die Ballistiker meinen, mit dem gleichen Kaliber, können aber angesichts des Zustandes der Leiche nichts Genaueres sagen, da die Kugel fehlt. Bis auf Weiteres sind wir also auf Vermutungen angewiesen.«

»Heilige Muttergottes im Himmel, hört sich ja an wie Hinrichtungen«, entfuhr es Galvano und für einen kurzen Moment schien seine ansonsten übliche Gelassenheit verschwunden. »Das wird eine ganz harte Nuss. Wie wollen Sie weiter vorgehen?«

Vittoria zögerte. Darüber hatte sie sich bisher nur wenige Gedanken gemacht. Sie war vollauf damit beschäftigt gewesen, den aktuellen Stand der Dinge zu erfassen. Also musste sie auf Galvanos Frage hin improvisieren.

»Nun ja«, sagte sie, »das Wichtigste ist, dass wir uns auf gar keinen Fall in die Debatten über die Zuständigkeiten einmischen. Uns muss nicht interessieren, ob Livorno, Lucca oder Pisa sich für zuständig halten.«

»Gut so«, entgegnete Galvano, der Schlimmeres erwartet hatte und sich nun erleichtert die nächste Zigarette anzünden konnte, die wer weiß wievielte an jenem Morgen.

»Vielleicht können wir irgendwann später zu einem runden Tisch einladen«, fuhr Vittoria fort, »wenn es allzu heftig wird.«

»Auch gut«, sagte wiederum Galvano und hoffte, dass eine solche Situation nie eintreten würde.

»Aber vielleicht sollten wir erst einmal unsere zwei Apprendiste einbeziehen, damit die auch einmal ›richtige‹ Polizeiarbeit kennenlernen. Ich kümmere mich gleich darum«, fügte Vittoria noch rasch hinzu, als sie Galvanos zweifelnde Miene bemerkte.

»Gut«, sagte Galvano schließlich. »Das liegt nun alles bei Ihnen. Ich gehe davon aus, dass Sie mich laufend informieren. Und keine Aktionen ohne meine Zustimmung.«

Vittoria wusste noch nicht so recht, ob sie zufrieden sein konnte, aber auf jeden Fall war das Gespräch bei Galvano damit beendet. Sie war irritiert, dass er ihr noch viel Glück wünschte, als sie das Zimmer verließ. Ihr war jedoch längst klar geworden, dass sie es brauchen würde. Jetzt also hatte sie ihren eigenen Fall. Und da sie ihn hatte, was sollte sie damit machen? Now that we found love, kam es ihr in den Sinn, what are we gonna do with it? Sie wusste noch keine Antwort.

Kapitel 4

Als Vittoria nach einer kurzen Mittagspause wieder in ihr Büro zurückgekehrt war, rief sie Anna Lea und Davide zu sich. Die beiden waren irritiert und etwas eingeschüchtert, hatte Vittoria sie doch bisher kaum beachtet, seit sie ihr Praktikum bei CIRCCE begonnen hatten. Doch Vittoria gelang es, den beiden schon sehr bald das Gefühl zu geben, eine bedeutsame Rolle bei der Lösung eines wichtigen Falls spielen zu können. Als Erstes berichtete sie ausführlich über den Stand der Dinge bei den Mordfällen in Livorno und Forte dei Marmi. Anna Lea und Davide hörten interessiert zu, stellten hier und da eine Frage, machten sich Notizen und konnten es kaum erwarten, dass Vittoria zum Ende kam. Sie waren wie zwei Welpen, die zum ersten Mal mit auf die Jagd genommen wurden. Die Vorschläge, wie man die Ermittlungen zu gestalten habe, sprudelten nur so aus ihnen heraus. Alles gut, alles richtig, das Problem war nur, dass man bei CIRCCE eigentlich gar keine Zuständigkeiten hatte. Anna Lea und Davide waren nach der anfänglichen Euphorie sichtlich enttäuscht; ihr erster großer Fall und ihnen blieb offenbar nichts anderes zu tun, als andere bei der Arbeit zu beobachten.

Nein, munterte Vittoria die beiden auf, man könne sich schon um einiges durchaus selbst kümmern. Während man sich in Livorno, Lucca und Pisa daranmache, Dutzende von Zeugen zu befragen, könne man hier bei CIRCCE versuchen, das Umfeld von Travecchio umfassender zu untersuchen. Man könne sich ein Gesamtbild verschaffen. Und das sei vermutlich sehr viel spannender als öde Routinearbeit. Womit sei eigentlich jene »Soprintendenza« befasst? Um wen handele es sich bei dieser »Fondazione«? Und bei jener Bank, von der noch niemand je etwas gehört hatte? – Daraus werde man sicherlich nicht sofort auf Motiv oder Täter schließen können, aber es sei eben gut zu wissen. Man solle einen Blick hinter die Fakten werfen. Aber als Erstes müsse man einen »Ermittlungsplan« erstellen: was zu tun sei und wer es zu tun habe.

Anna Lea erhielt den Auftrag, sich noch einmal um all die Zeugenaussagen zu kümmern, deren Protokolle nun hoffentlich nach und nach eingehen sollten. Und ganz sicherlich würde sie beim Abgleich auf Fragen stoßen, die noch nicht gestellt worden waren oder deren Antworten sich auf seltsame Weise voneinander unterschieden. Da könnte man dann nachhaken, die Zeugen noch einmal befragen und auf diese Weise mehr Klarheit erhalten.

»Achte dabei nicht nur auf die harten Fakten«, ermunterte Vittoria Anna Lea, »schau vor allem auch auf die Psychologie. Wir müssen ja noch kein richtiges Profil entwickeln, aber was wir haben, das haben wir. Später können wir immer noch prüfen, was davon brauchbar ist.«

Davide hingegen sollte sich um die Bankkonten, die Mail- und Telefondaten von Travecchio kümmern. Auf seine Fähigkeiten mit dem Computer setzte Vittoria besonders große Hoffnungen. Mit wem hatte Travecchio telefoniert, mit wem hatte er Mails gewechselt, welche Bewegungen hatte es auf seinem Konto (oder seinen Konten) in der letzten Zeit gegeben, wo hatte er sich aufgehalten? Da müsse sich doch etwas finden lassen, sagte Vittoria, denn ein Beamter der Denkmalschutzbehörde werde nicht so ohne Weiteres »hingerichtet«. Und könne es sein, dass Travecchio besondere Beziehungen zu Osteuropa hatte, wenn der andere Tote aus Forte dei Marmi wahrscheinlich dorther komme? Vielleicht könne man dann schon eine erste Verbindung erkennen.

Anna Lea hatte Vittorias Büro schon verlassen, aber Davide blieb im Türrahmen stehen.

»Es wird nicht ganz einfach sein«, sagte er, »auf normalem Weg an all diese Daten zu kommen. Sie kennen ja diese blöden Bestimmungen zum Datenschutz.«

»Ja, kenne ich«, murmelte Vittoria.

»Ich meine, die Daten sind alle gespeichert, bei den Telefonaten sogar für zwei Jahre, da wird man sicherlich Hinweise finden, und die passenden Algorithmen für die Auswertung gibt es im Internet. Aber man muss zuerst ellenlange Anträge stellen. Das ist eben nicht ganz einfach.«

»Mmh«, wiederholte Vittoria.

»Das dauert sehr, sehr lange, der Untersuchungsrichter muss zustimmen, der Staatsanwalt informiert werden. Ich habe das schon in Mailand einmal mitgemacht, das ist zum Verzweifeln. Wahrscheinlich warten wir nächstes Jahr noch auf Antwort.«

»Und das heißt jetzt was?«, erwiderte Vittoria ungeduldig, weil Davide nicht zum Punkt kam.