Tot oder lebendig - Richard Lifka - E-Book

Tot oder lebendig E-Book

Richard Lifka

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  • Herausgeber: 110th
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

"Außerdem Kehlkopf eingedrückt, vier Rippen gebrochen, Nase zertrümmert. Keine Abwehrspuren. Ihr könnt die Leiche abtransportieren...", so oder ähnlich kommen Lebende zu Tode, stirbt Arm wie Reich in der großen Stadt oder der idyllischen Provinz. In kurzen spannenden Geschichten reisen Sie durch die kriminelle Republik, treffen auf arme Ritter, blaue Engel, Goethe oder Rotkäppchen, schon ein wenig tot oder gerade noch lebend. "Facettenreich, faszinierend und immer unterhaltsam."

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2014

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TOT ODER LEBENDIG!

Kurzkrimis

 

 

 

 

Impressum:

Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency

Foto: fotolia.de

© 110th / Chichili Agency 2014

EPUB ISBN 978-3-95865-386-3

MOBI ISBN 978-3-95865-387-0

 

Urheberrechtshinweis:

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Kurzinhalt

„Außerdem Kehlkopf eingedrückt, vier Rippen gebrochen, Nase zertrümmert. Keine Abwehrspuren. Ihr könnt die Leiche abtransportieren…“ so oder ähnlich kommen Lebende zu Tode, stirbt Arm wie Reich in der großen Stadt oder der idyllischen Provinz.

In kurzen spannenden Geschichten reisen Sie durch die kriminelle Republik, treffen auf armer Ritter, blaue Engel, Goethe oder Rotkäppchen, schon ein wenig tot oder gerade noch lebend.

Autor

Richard Lifka, von 1983 bis 1989 Dozent an der Universität in Iasi / Rumänien für Literaturwissenschaft. Seit 1990 selbstständig als freier Autor und Journalist.

www.lifka.de

Arme Ritter

Die Sterne über ihm. Klar und unzählbar. Vereinzelt erhellte Fenster, gelblich schimmernde Straßenlaternen unter ihm. In der Ferne die Brücke über den Rhein, orange leuchtend. Neben ihm das grobe Gemäuer. Etwas weiter links die Luke, hinter der das unglückliche Falkenpärchen wohnt. Er steht auf dem Handlauf des eisernen Treppengeländers, das außen an der Burg entlangführt. Er hält sich mit einer Hand am Mast der schlaff herunterhängenden Deutschlandfahne. Schwankt vor und zurück. Er ist nackt bis auf die Strümpfe, und die sind rutschig. Er kann sich kaum noch halten. Tränen laufen über sein schmerzverzerrtes Gesicht, kullern die Wangen entlang zum Kinn und stürzen in die dunkle Tiefe. „Brunhilde!“ schreit er in die Nacht hinaus, schreit es in die Welt und hoch zu den Sternen…

Der orangefarbene Müllwagen bog ein in die schmale Burgstraße des Wiesbadener Vororts. Nur knapp kam er an der niedrigen, aus unbehauenen Steinen errichteten Mauer vorbei. Die Mauer umrandete das von ehrenamtlichen Helfern liebevoll gepflegte Blumenbeet, das wiederum den Sandplatz umfriedete, auf dem die riesige, uralte Linde stand, die in sommerlicher Pracht mit ihren weit ausholenden Ästen und dem dichten Blätterwerk den gesamten Platz überschattete. Dahinter ragte, auf Faulfels stehend, die tausendjährige Burgruine auf, das Wahrzeichen des Wein- und Kirschenorts, dessen Name an ein Raubrittergeschlecht erinnerte, das im späten Mittelalter hier hauste. Der Burgverein hatte dem verarmten Land Hessen die einsturzgefährdete Ruine für einen Euro abgekauft, um sie zu erhalten, zu restaurieren und den Bürgern wieder zugänglich zu machen.

Das Dach des tonnenschweren Müllwagens streifte die Äste der Linde, während er langsam zu den am Straßenrand zusammengestellten grauen Tonnen fuhr.

„Der Anruf kam vor einer halben Stunde. Von einer Nachbarin, die ihre Katze suchte. Die Haustür hätte offen gestanden. Mach mal das Fernlicht an, genau, da vorne musst du rechts abbiegen. Die Kollegen vom 3. Revier sind schon am Tatort. Eigentlich habe ich heute keinen Dienst. Aber bei Bernds Frau haben die Wehen eingesetzt. Vielleicht ist er jetzt schon Vater. Erinnere mich dran, dass ich ihn nachher anrufe. Da vorne steht schon der Einsatzwagen. Stell dich einfach dahinter.“

Heute war Restmüll dran. Die beiden Müllfacharbeiter sprangen sofort ab, als der Wagen anhielt. Der kleinere der beiden, ein in Wiesbaden geborener Türke, ging zu den sechs Müllbehältern, der größere blieb stehen und schaute, wie immer, wenn er durch diese Straße kam, hoch zum neu errichteten Dachstuhl der Burgruine. Seit seiner Kindheit faszinierte Siegfried, dass dort oben, Jahr für Jahr, ein Falkenpärchen nistete und, Jahr für Jahr, ein oder zwei Junge großzog. Früher hatten die Raubvögel ihr Nest in einer Mauernische gebaut. Als vor ein paar Jahren endlich wieder ein Dach auf die Ruine gesetzt worden war, hatte man extra eine Öffnung gelassen, worin die Falken ihr Nest bauen sollten, was sie auch prompt taten. Warum er die Falken beobachtete, konnte er nicht sagen. Auf der Holzbank unter der Linde sitzen und nach oben schauen, bis ihm der Hals wehtat, machte er, so lange er sich erinnern konnte. Es war für ihn der Ort der Ruhe, der Ort der Besinnung, der Ort des Rückzugs. Immer wenn er das keifende Gezeter seiner Mutter nicht mehr ertragen konnte, immer wenn seine Klassenkameraden, seine Freunde und Bekannten ihn gehänselt, ihn verspottet hatten, war er hierhergekommen, hatte still in sich hineingeheult und das Falkenpärchen beobachtet. Wie oft hatte er sich danach gesehnt, sich wie die Vögel einfach in die Luft erheben zu können und fortzufliegen. Weit fort, und vielleicht irgendwo ein Weibchen zu finden, das zusammen mit ihm ein Nest bauen, Kinder aufziehen wollte.

„Ein geruhsamer Ort, dieses Frauenstein. Früher sind wir hier regelmäßig sonntags essen gegangen. Mama, Papa, Kinder, Oma und Opa. Anschließend ein Spaziergang durch die Wingerte oder über die Kirschbaumfelder. Okay. Dann wollen wir mal sehen, was die Kollegen Schönes gefunden haben.“

Siegfried seufzte, beschirmte mit einer Hand die Augen und blinzelte nach oben. In diesem Moment kam aus der Öffnung ein grauer Vogel gehüpft, der ins Freie sprang, unsicher und ungeschickt mit den Flügeln schlug, immer tiefer nach unten stürzte, dann aber langsam wieder an Höhe gewann. Ein erleichtertes, jubilierendes Schreien signalisierte den nervösen Eltern, dass wieder einmal ein Falke flügge geworden war.

Befriedigt drehte Siegfried sich ab, ging seinem Kollegen hinterher, ohne jedoch zu vergessen, vorher noch eine von den gelben Rosen abzuschneiden. Mülltonne für Mülltonne arbeiteten sie sich die Straße entlang. Die Tonne von Hausnummer 67 stellte er nicht wie die anderen einfach vors Tor, nein, er schob sie in den Hof und stellte sie an ihren Platz. Bevor er ging, legte er noch die Rose vorsichtig, fast liebevoll auf den Deckel des grauen Müllbehälters. Sie, sein zukünftiges Weibchen, würde sie finden und würde wissen, dass sie von ihm war.

„Gewürgt und den Kopf eingeschlagen. Zerschmettert, würde ich sagen. Hier, hier und hier, das ist Hirnmasse. Ist nur so herausgespritzt. Ziemlich schnell mausetot, aber noch nicht lange. Gib mir doch mal die Handschuhe. Ja, ja, ich pass schon auf. Will mir nur mal das Gesicht anschauen ... Morgen, Doktor. Lang nicht mehr gesehen. Wie geht es der Gattin? Den Kinderchen? Na ja, Sie sehen es ja selbst. Da kommt einiges auf Sie zu.“

Und morgen, dachte Siegfried, morgen würde er sie ansprechen, würde ihr seine Liebe gestehen. Morgen, während des Burgfests, am Abend beim Tanz oder später im Mondenschein auf der Bank unter der Linde. Sie wird ihn umarmen, vielleicht einen Kuss auf seine Wange hauchen, an einen Kuss auf den Mund konnte er gar nicht denken, und er würde glücklich sein.

„Außerdem Kehlkopf eingedrückt, vier Rippen gebrochen, Nase zertrümmert. Keine Abwehrspuren. Ihr könnt die Leiche abtransportieren.“

Die Frauensteiner waren gekommen, um ihr Burgfest zu feiern, saßen auf den harten Bänken oder standen vorm Bierwagen. Eine vierzigjährige Blondine betätigte sich als DJ und legte einen Hit nach dem anderen auf: Es gibt kein Bier auf Hawaii oder We are the Champions. Gegen zehn Uhr lagen die ersten Alkoholleichen irgendwo im Gebüsch, keiner kümmerte sich um sie, weil es immer dieselben waren und alle wussten, dass sie nach einem kurzen, aber intensiven Schläfchen wieder aufstehen würden, um die nächste Runde einzuläuten.

„Der Doc meint, heute Nacht, so zwischen zwölf und zwei Uhr. Stell dich mal hierhin, so, genau so. Der Täter kommt von hinten, schleicht sich an, umklammert den Hals und drückt zu. Das Opfer ist überrascht oder erschrickt, wehrt sich jedenfalls nicht, stolpert und stürzt nach vorne. Mach mal, als ob du stolperst. Jetzt fällst du nach vorne. Nicht so schnell. Exakt so!“

Siegfried saß am hinteren Tisch, am Ende der Bank, ihm gegenüber Brunhilde. Sie sah aus wie eine Prinzessin. Ihr hochgestecktes Haar hatte sich etwas gelöst, kleine Fransen hingen ihr in die Stirn und in den Nacken. Sie hatte beide Arme ineinander verschränkt auf den Tisch gelegt, stützte ihren großen Busen darauf und gewährte Siegfried Einblicke, die er unter normalen Umständen genossen hätte. Die ihn fasziniert hätten, hätte nicht neben seiner Angebeteten Günther gesessen. Günther, sein langjähriger Kumpel. Günther, der Schönling, der seinen Arm um Brunhildes Taille gelegt hatte, was diese nicht nur zuließ, sondern auch sichtlich genoss. Sie strahlte Günther mit glänzenden Augen an. Siegfried trank sein Glas mit dem trockenen Frauensteiner Herrnberg auf einen Zug leer.

„Der Täter, immer noch damit beschäftigt, mit beiden Händen den Kehlkopf zu zerquetschen, verliert ebenfalls das Gleichgewicht, kommt ins Straucheln, kann sich nicht abstützen und fällt mit vollem Gewicht auf das Opfer, das mit dem Gesicht auf den Boden knallt. So, ich lege mich mal auf dich. Kollegen, bleibt ernst! Die Nase bricht, die Wangenknochen und mehrere Rippen. So könnte es gewesen sein, oder was meint ihr?“

Siegfried wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, setzte sich aufrecht, räusperte sich und flüsterte mit seiner hohen, dünnen Stimme: „Brunhilde, ich wollte dir sagen...“ Er brach ab. Sie hatte nicht reagiert. „Brunhilde!“ stieß er mit nun sich überschlagender Stimme hervor. „Ich liebe dich... die Blumen auf deiner Mülltonne sind von mir... das musst du doch wissen!“ Stille. Mit einem Schlag herrschte am Tisch vollkommene Stille. Zufällig hatte in diesem Moment die Musik ausgesetzt, so dass Siegfrieds Liebeserklärung über den ganzen Burghof schallte. Alle Köpfe drehten sich zu ihm hin, mit ungläubig erstaunten Blicken. Und mit einem Mal brach das Gelächter los. Ein höhnisches, durch Mark und Bein dringendes Gelächter. Rufe wurden vernehmbar: „Hört, hört, der Mülli liebt die Bruni... Müll-Siggi auf Freiersfüßen... Hey, Siggi, du musst dich vor deiner Prinzessin hinknien, sonst wird das nichts!“ verwirrt zuckte Siegfrieds Kopf hin und her, er wollte sich die Ohren zuhalten, diese Stimmen, diese verächtlichen Stimmen! Schon als Kind hatten sie ihn wegen seiner hohen Fistelstimme geneckt. Obwohl er größer und stärker als alle anderen war, hatten sie leichtes Spiel mit ihm gehabt, hatten sich über seine Tollpatschigkeit lustig gemacht. Immer war er der Außenseiter gewesen, der Dorfdepp. Nur Brunhilde war freundlich zu ihm gewesen. Hatte nicht über ihn gelacht, sondern hatte ihn angelacht, angestrahlt.

„Das Opfer bleibt regungslos liegen, der Täter steht auf holt sich was auch immer und schlägt zu. Einmal, zweimal, dreimal ... immer auf den Kopf. Die Tatwaffe wird noch gesucht. Der Doc hat Metallsplitter gefunden. Die Löcher im Schädel sind in der Mitte tiefer und am Rand flacher. Könnte also ein runder Schlagkopf gewesen sein. Rund und aus Metall.“

„Hinknien, hinknien“, grölte die Meute im Chor. „Hinknien, hinknien!“ Hört auf, hört auf, wollte er brüllen, lasst mich in Ruhe. Aber kein Wort kam über seine Lippen. Er zitterte am ganzen Körper, sein Kopf war rot wie eine Kirsche, und er blickte nach oben, zum angestrahlten Dach der Burg, zur Falkenluke. Aber die hielten sich zurück, ließen sich nicht sehen.

Schwerfällig stand er auf. „Hinknien, hinknien!“ Ging um das Tischende herum, bis er hinter Brunhilde stand. Er hob seine Hände, streckte sie nach vorne. Der liebliche, weiße Nacken, die zarten, blonden Haare, ein kleines Muttermal am Übergang zum Hals. „Hinknien, hinknien!“, dröhnte es in seinem Kopf.

„Kommen Sie mal hier rüber ins Schlafzimmer! Vorsicht. Der Boden ist nass, war nass. Frische Flecken. Gehen Sie hier links an der Wand entlang. Achtung, dass Sie da nicht drauftreten. Und dann schauen Sie sich das hier an. Unglaublich!“

Er konnte sein Glück nicht fassen. Trotz des Vorfalls beim Burgfest vor zwei Wochen hatte sie ihn eingeladen. Er hatte sich einen neuen Anzug gekauft, ein weißes Hemd, eine schicke bunte Krawatte und die teuersten Schuhe, die er in seiner Größe finden konnte, hatte früher Schluss gemacht, ausgiebig gebadet, die Hände geschrubbt, dass sie fast blutig waren, die Zehen- und Fingernägel geschnitten und gefeilt. Ganz war der Dreck darunter nicht wegzukriegen gewesen. Vielleicht hätte ich doch zum Frisör gehen sollen, dachte er, als er sich im Spiegel betrachtete und gleichzeitig versuchte, seine widerborstigen Haare zu bändigen. Dann rasierte er sich zweimal und rieb dezent duftendes Aftershave auf die Gesichtshaut, die ganz schön brannte. Noch etwas Deo unter die Achseln gesprüht, das Hemd angezogen und faltenfrei in die Hose gesteckt, so wie es ihm Mutter immer erklärt hatte. Zehn Minuten später war er fertig und bereit.

„Blut, Blut, Blut! Im Bett und darunter, durchgetropft. Die Bettlaken sind sicher weiß gewesen. Als Kind habe ich mal zugesehen, wie sie ein Schwein geschlachtet haben. Mit der stumpfen Beilseite eins auf die Nuss gedonnert, aufgehängt und zack in die Halsschlagader gestochen. Hat noch ein paar Mal gezuckt, das Schwein, und geblutet wie Sau. Aber ich sehe hier kein Schwein. Von unserer Leiche im Flur kann das jedenfalls nicht sein. Hier hat noch einer oder eine geblutet.“

Er würde pünktlich sein. Nachdem er das Haus verlassen hatte, ging er, fast schwebte er, die Hauptstraße entlang, vorbei am Winzerhaus, am Bäcker und am Metzger. Als er in die Burgstraße einbog, blieb er am Blumenbeet stehen, schnitt eine Rose ab und blickte hinauf zu „seinen“ Falken. In diesem Moment kam ein Falkenjunges aus der Luke, schwang sich in die Luft und gewann heftig mit den Flügeln schlagend an Höhe. Dann schrie es auf und bewegte sich nicht mehr. Mit Entsetzen sah Siegfried, wie der Vogel wie ein Stein zu Boden sauste, gegen einen Felsvorsprung schlug und wenige Meter von ihm entfernt liegen blieb. Wie hypnotisiert starrte er auf den Leichnam des kleinen Falken. Oben setzte das jämmerliche Kreischen der Eltern ein.

„Auf dem Boden liegt Kleidung, Männerkleidung. Das sind aber keine Blutflecke, heller, eher Wasser, scheint dennoch ziemlich frisch zu sein. Hier ist noch mehr Blut. Tropfen. Uff, in meinem Alter sollte man sich nicht mehr so bücken. Was haben wir denn da! Ein hübsches, kleines Hackebeilchen und schöne Flecken darauf. Ich glaube, ich muss kotzen.“

Plötzliche Übelkeit übermannte Siegfried, kroch in ihm hoch und ihm wurde hundeelend. Er schaffte es gerade noch bis zur Linde, wo er sich keuchend übergab. Schwer atmend richtete er sich auf, wischte sich mit einem Papiertaschentuch über den Mund, rückte die Krawatte zurecht und ging los.

Brunhilde schaute auf die alte Pendeluhr, die über dem Kamin im Wohnzimmer hing. Noch ein paar Minuten. Die Suppe war fertig. In der Küche brutzelte das Hühnchen im Backofen, und der Reis köchelte vor sich hin. Den Esstisch hatte sie festlich gedeckt. Kristallene Gläser für Wasser und dickbauchige Römer mit goldenem Rand und grünem Fuß für den Wein standen neben den silbernen Platztellern. Die feinen Porzellanteller und das Silberbesteck, das schon ihre Großmutter bei festlichen Anlässen aufgelegt hatte, waren frisch poliert und funkelten. Zwei große, schwere Kerzenständer standen in der Mitte, und im Weinkühler lehnte eine Flasche vom trockenen 98er Frauensteiner Herrnberg Riesling Spätlese. Sie zündete die Kerzen an, blies nachdenklich das Streichholz aus, warf es in den Kamin und ging ins Schlafzimmer. Sie schaute zur Decke, prüfte das Seil und kontrollierte die Schranktür. „Jetzt muss ich nur noch den Nachtisch vorbereiten“, sagte sie halblaut und ging in die Küche.

„Okay, kannst die Spusi reinlassen, die haben jede Menge zu tun. Wir schauen uns mal im Haus um. Du gehst raus in den Garten, und ich nehme mir den Keller vor. Hast du den Tisch gesehen?“

Er stand vor ihrer Wohnungstür und fast hätte ihn aller Mut verlassen. Seine Hand ging nach vorne, er zögerte, gab sich einen Ruck, klingelte und trat einen Schritt zurück. Er blickte auf seine Armbanduhr. Punkt acht. Wie verabredet. Er klingelte noch einmal und trat noch zwei Schritte zurück. Er hörte etwas hinter der Tür. Getuschel, Schritte? Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht, die Tür ging auf. Da stand sie. Lächelte. Er hielt ihr die Rose hin.

„Komm rein.“

Siegfried ging hinter Brunhilde her, durch den dunklen Flur ins Wohnzimmer. Er bewunderte den prachtvoll gedeckten Tisch, die Flammen der roten Kerzen zuckten leicht hin und her, aus den Lautsprechern an der Wand drang gedämpfte Musik. Die Beatles, das weiße Doppelalbum, meine Lieblingssongs, dachte er, während er sich setzte. Siegfried war glücklich.

„Im Keller nichts Besonderes, mal abgesehen von den wirklich guten Weinen. Vom einfachen QbA über Spätlesen bis hin zum Eiswein. Alles, was des Weinkenners Herz begehrt. Was gibt’s im Garten?“

Er beobachtete jede Bewegung Brunhildes, wie sie die Suppe in die tiefen Teller füllte, sich geschmeidig ihm gegenüber hinsetzte, ihre Serviette auseinander schlug und auf ihren Schoß legte. Dear Prudence, see the sunny skies - The wind is low the birds will sing – that you are part of everything... „Lass es dir schmecken.“

Wie sie den Löffel in die Suppe tauchte, ihn nach oben führte und vorsichtig blies. Ihre Lippen! So rot, so voll, dann ihr leicht geöffneter Mund, ihre schönen Zähne.

„Schmeckt es dir nicht?“

„Doch, doch. Gut, sehr gut. Ich ... ich ...“ Siegfried errötete, spürte Hitze ins Gesicht steigen, beugte sich nach unten und aß konzentriert seinen Teller leer. And one day his woman ran off with another guy - Hit young Rocky in the eye - Rocky didn‘t like that - He said I‘m gonna get that boy... Er wollte ihr helfen, die Teller in die Küche bringen.

„Lass uns mal überlegen. Eine Leiche im Hausflur, erdrosselt und erschlagen. Fundort gleich Tatort, richtig? Jede Menge Blut im Schlafzimmer. Das aber nicht von unserer Leiche stammt. Vom Täter? Sehr unwahrscheinlich. Oder meinst du, dass sich jemand nach der Menge an Lebenssaftverlust noch bewegen kann?“

„Du bleibst schön hier sitzen. Bist doch mein Gast. Ich bringe jetzt die Hauptspeise.“

Wie sie sich bewegte, so anmutig, so grazil und – aufreizend! Der enge, kurze Rock, die Pobacken abzeichnend, das Höschen zu erahnen. Lange, dünne Beine und die zarten Füße in hochhackigen Stiefeletten. Er sehnte sich so danach, diese Beine zu streicheln, ganz zart, ganz langsam, von den Zehen über die Waden, die Schenkel bis hinauf zum Undenkbaren. Brunhilde!

„So, Hühnchen und Reis. Du magst doch Geflügel, oder?“

Siegfrieds Magen hob sich, die Suppe kam ihm hoch. Im letzten Moment konnte er sie zurückhalten, schluckte mehrmals, atmete tief durch.

„Sicher. Ich...“

„Darf ich dir auftun?“

Sie trat hinter ihn, legte ihm einen Hähnchenschenkel auf den Teller, etwas Reis und goss Soße darüber. Dabei streifte ihr Busen seinen Rücken, ihre Arme berührten sich. Siegfried wagte nicht, sich zu bewegen. Why don ‘t we do it in the road? - No one will be watching us... Würde sie doch immer so stehen bleiben. Ihr süßliches Parfüm umspielte seine Nase, vermischte sich mit Reis- und Soßenduft.

„Wie passt das Beil in diese Geschichte? Wer hat da wem etwas abgehackt? Und wo sind die Teile?“

Während sie schweigend aßen, schaute er mehrmals hoch, suchte ihren Blick, fand ihn und schaute wieder auf seinen Teller. Ihre braunen Augen unter den langen schwarzen Wimpern beobachteten ihn, das merkte er ganz deutlich, spürte es nahezu mit allen seinen Sinnen. Who knows how long I’ve loved you - You know I love you still…

„So, jetzt machen wir eine kleine Pause“, sagte sie, nachdem beide ihr Besteck auf die Teller gelegt hatten.

„Während ich den Nachtisch zubereite, kannst du ja eine andere Musik auflegen und eine Zigarette rauchen. Die CDs stehen dahinten.“

„Ich rauche doch gar nicht... andere Musik, okay.“

„Scheiße, dass ich daran nicht früher gedacht habe. Mach mal auf! Oh, mein Gott!“