7,99 €
Geheimnisvoll, gruselig, grandios!
Tyler Lawless hat eine ungewöhnliche Gabe: Sie kann Tote sehen. Das Problem ist, dass niemand ihr glaubt – alle gehen davon aus, dass sie sich nur interessant machen will und alles erfindet. Als Tyler schließlich deswegen von der Schule fliegt, nimmt sie sich fest vor, an ihrer neuen Schule niemandem etwas von ihrem unheimlichen Talent zu verraten. Doch dann macht der seltsam schweigsame Junge aus der letzten Reihe ihr klar, dass er ihre Unterstützung braucht – und Tyler beschließt, ihm zu helfen. Aber wird man ihr diesmal glauben?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2015
© John Mitchell
DIE AUTORIN
Cathy MacPhail ist in Schottland aufgewachsen und lebt bis heute in ihrem Geburtsort Greenock. Sie schrieb Kurzgeschichten für Zeitschriften, Radiobeiträge und zwei Liebesromane, bis sie entdeckte, dass ihr das Schreiben für Jugendliche liegt. Ihr erstes Jugendbuch gewann den Kathleen Fidler Award for a first novel und auch die folgenden wurden mehrfach ausgezeichnet. Sie versteht es meisterhaft, aktuelle, ernsthafte Themen literarisch zu verarbeiten, und wird als die schottische Jacqueline Wilson bezeichnet.
Cathy MacPhail
Tote Lehrer gehen nicht shoppen
Aus dem Englischenvon Ivana Marinović
Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House
1. Auflage
Erstmals als cbj Taschenbuch Oktober 2015
© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House, München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© 2010 Catherine MacPhail
Die Originalausgabe erschien 2010
unter dem Titel »Out of the Depths«
bei Bloomsbury Publishing Plc, London
Übersetzung: Ivana Marinović
Umschlaggestaltung: bürosüd, München
unter Verwendung eines Fotos von © Gettyimages/Christy Elle Photography
MP · Herstellung: ReD
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-16227-6
www.cbj-verlag.de
Kapitel 1
Letztes Weihnachten habe ich meine Lehrerin in der Schlange an der Supermarktkasse gesehen. Miss Baxter. Ich war überrascht, sie zu sehen.
Sie war damals schon seit sechs Monaten tot.
Und sie sah mich. Ich weiß, dass sie mich sah. Ich könnte sogar schwören, dass sie mich richtiggehend musterte. Als habe sie nach mir Ausschau gehalten.
Als habe sie auf mich gewartet.
Ich lief auf sie zu, schubste die Leute beiseite, aber ihr wisst ja, wie das im Weihnachtsgeschäft ist. Riesige Schlangen an allen Kassen, Unmengen von Menschen mit überquellenden Einkaufswagen, alles und jeder steht einem im Weg. Als ich dort ankam, wo ich sie gesehen hatte, war sie verschwunden. Weit und breit keine Spur von ihr.
Und als ich es den anderen an der Schule erzählte, wollte mir niemand glauben. »Typisch, Tyler Lawless«, sagten sie, »ständig musst du dir irgendwelche Geschichten zusammenspinnen.«
Selbst meine beste Freundin, Annabelle, pflichtete ihnen bei und klang dabei genervt. Sie wollte wohl, dass ich eine stinknormale, durchschnittliche beste Freundin wäre, eine, die ihr nicht peinlich sein muss.
Meine Fantasie sei mit mir durchgegangen, behaupteten alle. Für sie war dies nur eine weitere meiner Geschichten. Und es stimmt ja, ich will Schriftstellerin werden und bin immer auf der Suche nach einer guten Story. Das wird als Schriftstellerin schließlich von einem erwartet. Doch dieses Mal hatte ich es mir nicht ausgedacht. Ich habe unsere Lehrerin wirklich gesehen.
Miss Baxter war während der Sommerferien im Ausland umgekommen. Ein tragischer Unfall, hieß es, ein Unfall, der nie hätte passieren dürfen. Man hatte ihren Leichnam zurückgebracht und sie irgendwo in England begraben.
Aber ich hatte sie gesehen!
Ich konnte nicht aufhören, über sie nachzudenken, eine Erklärung für das Unfassbare zu finden. Und dann kam mir der Gedanke … Was, wenn sie überhaupt nicht gestorben war? Wenn man einen fremden Leichnam als ihren identifiziert hatte und das alles eine betrügerische Masche war, um an ihre Lebensversicherung ranzukommen?
Oder was, wenn sie in einem Zeugenschutzprogramm war und ihre Identität wechseln musste?
»Dann würde sie ja wohl kaum im Supermarkt auftauchen, oder?«, spottete Annabelle. Und wenn schon sie mir nicht glaubte, welche Aussichten hatte ich da bei irgendjemand anderem?
Ich hatte Miss Baxter früher mal dabei erwischt, wie sie heimliche Anrufe tätigte. Zumindest wirkten sie auf mich sehr heimlich. Sie klappte schnell ihr Handy zu, wenn sie bemerkte, dass ich sie beobachtete. Ich überlegte mir, ob sie nicht ein Doppelleben als Undercoveragentin führte und mit irgendwelchen dubiosen Absichten an unsere Schule gekommen war. Und dann ihren eigenen Tod vortäuschen musste, damit sie sich zu ihrer nächsten Mission aufmachen konnte.
Es waren diese »Was wäre, wenn?«-Fragen, die mich ständig in Schwierigkeiten brachten.
Meine lebhafte Fantasie hatte mir schon früher einen Haufen Probleme eingehandelt.
Eines Abends, nach der Schule, sah ich die Französisch-Aushilfe, Mademoiselle Carlier, und den neuen Physiklehrer zusammen in seinem Wagen nach Hause fahren. Ich hatte schon zuvor bemerkt, wie sie sich Blicke zuwarfen oder ein Lächeln tauschten, wenn sie dachten, dass niemand sie beobachtete. Nur dass unser Physiklehrer verheiratet war.
»Was, wenn sie eine Affäre haben?«, flüsterte ich.
Doch ich flüsterte es der falschen Person. Die gab es weiter, und prompt wurde ich ins Büro des Rektors zitiert, wo man mich eindringlich davor warnte, weiterhin derartige Gerüchte zu verbreiten. Das war meine erste Verwarnung gewesen.
Die erste von vielen.
***
Doch es war insbesondere diese Geschichte – mein Beharren darauf, Miss Baxter gesehen zu haben –, die mir die größten Schwierigkeiten einbrachte. Aber ich ließ nicht zu, dass man behauptete, das wäre alles erfunden. Ich hatte sie gesehen. Es war keine Einbildung gewesen. Ich wurde wütend, wenn sich die Leute über mich lustig machten. Und das wiederum sorgte für noch mehr Ärger.
Schließlich beschlossen meine Eltern, es sei das Beste, mich von der Schule zu nehmen und irgendwo anders unterzubringen. Zu dieser Zeit hatte ich bereits meine letzte Verwarnung erhalten. Meiner Meinung nach war das nicht fair. Ich sorgte nie für ernsthafte Schwierigkeiten. Weder mobbte ich jemanden noch störte ich den Unterricht … Ich bemerkte nur Dinge, die anderen entgingen. Letzten Endes hatte ich recht mit der Sache mit Mademoiselle Carlier. Sie und der Physiklehrer brannten zusammen durch und sorgten damit für einen nicht enden wollenden Skandal. Aber natürlich lobte mich niemand für meine Beobachtungsgabe! Oh nein … eigentlich schien es alles nur noch schlimmer zu machen. Als hätte ich dadurch, dass ich den Leuten von meinem Verdacht erzählte, erst dafür gesorgt, dass es tatsächlich passierte. Als hätte ich etwas falsch gemacht.
Fabulantin nannte mich einer der Lehrer.
Fabulantin, ein tolles Wort … das so viel bedeutet wie gerissen, schwindlerisch und nicht vertrauenswürdig. Ein wirklich toller Begriff, aber keiner, mit dem ich bezeichnet werden möchte.
***
Ich hatte mir geschworen, dass an meiner neuen Schule, dem St Anthony College, alles anders würde. Keine Geschichten mehr. Ich würde meine Vorstellungskraft für die Seiten meines Notizbuchs aufbewahren. Hier wollte ich einen guten Eindruck hinterlassen, neu anfangen.
Warum also fiel mir an jenem ersten Tag dort plötzlich wieder ein, dass ich meine tote Lehrerin gesehen hatte?
Ich schauderte. Im Korridor wurde es kühler. Heißt es nicht, dies geschehe, wenn ein Geist in der Nähe sein Unwesen treibt? Ich schob den Gedanken beiseite, fest entschlossen, mir durch meine Fantasie hier nicht wieder alles verderben zu lassen.
Kapitel 2
Ich saß im Gang vor dem Büro des Rektors. Mr Hyslops buschiger Haarschopf war erst vor einigen Minuten in der Tür erschienen. Er hatte mich durch einen ebenso buschigen Vollbart hindurch angelächelt. »Ich schau, dass ich dich nicht allzu lange warten lasse, Tyler«, hatte er gesagt. »Im Moment habe ich noch jemanden bei mir drin.« Und ich hatte zurückgelächelt und genickt und war eigentlich ganz zufrieden damit gewesen, noch ein Weilchen nicht dran zu sein.
Ich blickte hinauf zu der hohen, reich verzierten Decke und den hölzernen Säulen, die sich entlang der Wand reihten. Engel waren in das dunkle Holz geschnitzt: Engel mit Posaunen, die das Jüngste Gericht ankündigten; Engel mit aufgeschlagenen Gebetbüchern; Engel, die mit ausgebreiteten Flügeln herumflogen – Engel überall. Unterhalb des Dachgiebels befand sich ein wunderschönes Buntglasfenster in der Form eines großen Wagenrades, das Szenen aus der Bibel darstellte.
Wieder überkam mich ein plötzlicher Schauder. Es ist nur die Kälte in diesem alten Schulflur, sagte ich mir, das ist alles. Eine Knochenkälte, ganz typisch für Februar hier.
In diesem Augenblick wünschte ich, Mum wäre bei mir.
Sie hatte mich heute Morgen hergebracht. Als wir die Auffahrt entlanggefahren waren, schien das St Anthony College sich geradezu drohend über uns aufzutürmen, seine gemeißelten Umrisse hoben sich stechend scharf vor den dunklen Wolken ab.
»Wow! Das ist wirklich ein imposantes Gebäude«, hatte Mum bemerkt.
Ich musste ihr beipflichten. St Anthony war einer dieser Orte, um die sich Geschichten ranken. Ursprünglich war es als Internat für Knaben aus ärmlichen Verhältnissen erbaut worden, das von Mönchen eines katholischen Ordens geführt wurde. Damals im 19. Jahrhundert. Es war aus roten Backsteinen erbaut, die leuchteten, als seien sie in das warme Licht eines Sonnenuntergangs getaucht, selbst an einem tristen, nebligen Morgen wie diesem. Fast als würde es von innen heraus glühen. Es sah gotisch aus mit seinen Spitzbogenfenstern, den üppig verzierten Turmspitzen und diesen runden Wagenradfenstern zu beiden Seiten der kunstvoll gemeißelten Eingangstüren. Es gab sogar Wasserspeier, die unter den Dachvorsprüngen hervorlugten. Rote, teuflische Wesen, und all ihre grotesken Fratzen waren verschieden. Einer grinste, einer spuckte, ein anderer entblößte seine roten Fänge, bereit zuzubeißen. Und jedes dieser monströsen Gesichter schien mich anzustarren.
»Sie waren dazu gedacht, böse Geister zu verscheuchen«, erklärte Mum. »Sie daran zu hindern, das Gebäude zu betreten.«
»Ich glaube, es klappt«, erwiderte ich. »Ich will schon selbst nicht mehr rein.«
Und obgleich ich es im Spaß sagte, fand ich die Fratzen dieser Wasserspeier wirklich gruselig. Es war, als würden sie mir zuraunen, diesem Ort fernzubleiben, mich warnen, dass, wenn ich durch jenes Tor trat, schlimme Dinge geschehen würden.
Deine Fantasie, Tyler! Ich packte die Gedanken zurück in jene Kiste, die ich mir geschworen hatte, verschlossen zu halten, bis ich sie für eine Geschichte öffnen musste.
»Bisschen wie die Kathedrale von Notre-Dame, nicht wahr?«, sagte Mum und unterbrach meine düsteren Gedanken.
Sie hatte recht. Genau daran erinnerte es mich. Wir, meine Mum und ich, waren erst letztes Jahr dort gewesen, und die Kathedrale und die Geschichten, die sich um sie rankten, hatten meine Fantasie befeuert – vor allem die Wasserspeier. Und hier waren sie nun wieder, als wären sie mir den ganzen Weg von Paris hierhergefolgt. Halb erwartete ich, den buckligen Glöckner Quasimodo zwischen ihnen auftauchen zu sehen, wie er vom Dach zu mir herabspähte.
»Ich rufe dich in der Mittagspause an, Mum«, sagte ich, als ich aus dem Wagen stieg, »und erzähle dir, wie es mir ergangen ist.«
»In Ordnung, mein Schatz«, sagte Mum. Sie bestand sogar darauf, mir einen Abschiedskuss zu geben. Ich hoffte nur, dass niemand uns dabei sah. Dabei ist sie eine großartige Mum und Dad ist auch toll. Selbst nach all dem Ärger, den ich ihnen an meiner alten Schule bereitet hatte, standen sie hinter mir. Natürlich glaubten sie mir trotzdem nicht und dachten, es sei nur meine blühende Fantasie, die mir Streiche spielte. Sie sind ja so bodenständig, die beiden, genauso wie mein großer Bruder, Steven. Er bereitet sich darauf vor, Automechaniker zu werden, so wie mein Dad, und bodenständiger geht überhaupt nicht. Dad meint, er wisse nicht, woher ich meine Vorstellungskraft habe. Er sagt immer, ich entstamme einer langen Ahnenreihe von Automechanikern.
***
Hier saß ich nun also, allein, wartete auf Mr Hyslop und versuchte, diese meine Fantasie in ihre Schranken zu weisen. Ich ließ meinen Blick wieder über die hohe, verzierte Decke schweifen, über die hölzernen Säulen und das große Buntglasfenster. Und wieder schauderte ich, als wären eiskalte Fingerspitzen meinen Rücken hinabgetrippelt. Es ist nur die Kälte, sagte ich mir. Es gibt einfach nicht genügend Heizkörper in dem großen Schulgebäude.
Ich lehnte mich wieder auf dem unbequemen Plastikstuhl zurück. Ein Plastikstuhl … hier. Er wirkte völlig fehl am Platz in dieser altehrwürdigen, prachtvoll ausgestatteten Umgebung. Wieder blieb mein Blick an den Säulen hängen. Und an den Heiligen und Engeln und den Teufeln, die sie zur Sünde verlockten. Kein Wunder, dass es ein denkmalgeschütztes Gebäude war, das nicht abgerissen oder verändert werden durfte.
Gegenüber von mir hing eine große Glasvitrine an der Wand, in der all die Sporttrophäen ausgestellt waren, welche die Schule über die Jahre gewonnen hatte. Plaketten, Pokale und Abzeichen. Es gab auch eine Fotografie von Mr Hyslop, einem deutlich jüngeren Mr Hyslop, als sein Haar nicht so grau und sein Bart noch kohlrabenschwarz war, auf der er einen Schulmeisterschaftspokal in seinen Händen hält. Dem Zeitungsartikel nach, der darunter angebracht war, war Mr Hyslop in jüngeren Jahren ein herausragender Athlet gewesen. An der Wand über der Vitrine hing ein Bild vom Papst, keine Ahnung, welcher. Ich bin nicht katholisch und eigentlich ist auch St Anthony heutzutage keine katholische Schule mehr. Vor langer Zeit wurde sie nicht nur zu einer gemischtgeschlechtlichen, sondern auch zu einer nicht konfessionsgebundenen Einrichtung. Vor dreißig Jahren jedoch war es noch ein von einem Mönchsorden geführtes Knabeninternat gewesen.
Ich schaute auf meine Uhr. Mr Hyslop ließ sich Zeit. Lehrer liefen über den Flur an mir vorbei, einige nickten mir zu und lächelten. Andere ignorierten mich, diese merkwürdige Schülerin, die krumm auf dem Stuhl lümmelte.
Ich fragte mich, ob es mir hier gefallen würde. Es war so anders als meine alte Schule. Die war hell und modern gewesen, mit weitläufigen Fluren und offenen Treppenhäusern, die zu den oberen Stockwerken führten. St Anthony hingegen war alt und düster, mit Nischen und Ecken und Winkeln und Statuen, wohin man auch blickte. Es war eine dieser Schulen, wo man sich alles Mögliche ausmalen konnte …
Reiß dich zusammen, Tyler! Du fängst schon wieder damit an. Neuanfang– schon vergessen?
Am anderen Ende der Wand thronte eine Statue auf einem Sockel. Überall in St Anthony standen anscheinend Statuen von Heiligen herum. Dieser hier hielt sanft ein Baby in den Armen. Eine Hand war zum Segen erhoben, während der Blick liebevoll auf dem Kind ruhte.
Ich konnte das Scharren von Stuhlbeinen in Mr Hyslops Büro hören, so als würde, wer auch immer da bei ihm war, sich bereit machen zu gehen.
Ich stand ebenfalls auf und drehte mich zur Wand hinter mir um, die mit gerahmten Fotografien von Abschlussklassen bedeckt war. Sie erstreckten sich zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert und gingen von Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu Farbfotos über. In den frühen Jahren waren die Lehrer allesamt Priester und Mönche gewesen. Es gab Jahrgänge, in denen alle so glücklich aussahen. Im Jahr 1950 warfen sie freudig ihre Arme in die Luft. Doch 1984 sah nach einem schlimmen Jahr aus. Ich sah mir die Gesichter der Lehrer und Schüler aus der Nähe an. Wieder entdeckte ich einen sehr viel jüngeren Mr Hyslop, der jedoch diesmal mürrisch dreinschaute. Und da war ein großer, schwarz gewandeter Priester, dessen Gesicht zu einer missbilligenden Grimasse verzogen war. Tatsächlich sah man kaum so etwas wie ein Lächeln, von niemandem, nur die starren Blicke in die Kamera.
Ich wandte mich wieder ab, als ich hörte, wie die Klinke heruntergedrückt und die Tür einen Spalt geöffnet wurde, während der Rektor und sein Besucher ihr Gespräch beendeten.
»Ja, das geht selbstverständlich in Ordnung. Wir werden das so schnell wie möglich klären«, sagte Mr Hyslop.
Da zog etwas meinen Blick zurück zu der Statue und ich schaute auf ihre Augen.
Doch die ruhten nicht mehr auf dem Baby …
Jetzt sahen sie geradewegs mich an.
Kapitel 3
Ich taumelte zurück, stolperte über den Stuhl und warf ihn polternd um. Mein Kopf knallte gegen die Vitrine mit den Trophäen. Finsternis senkte sich über mich. Ich ging unter in dieser Finsternis, die mich wie dunkler Rauch verschluckte, bis ich nichts mehr sehen konnte, außer das Gesicht jener Statue … und diese Augen, die mich unverwandt anstarrten.
***
Ich kam wieder zu mir und wusste erst nicht, wo ich war, doch da beugte sich schon der Rektor, Mr Hyslop, über mich und sah mich besorgt an. Ich war froh, dass er mir den Blick auf die Statue versperrte. Ich hatte viel zu viel Angst, sie noch einmal anzusehen.
»Tyler, was ist passiert?«
Mir schwirrten immer noch schwarze Punkte vor den Augen und mein Kopf schmerzte. Ich wollte mit allem herausplatzen, auf die Statue zeigen und schreien: »Die Statue hat sich bewegt! Die Augen! Die Statue, sie hat mich angesehen!«
Doch was würde er daraufhin sagen? Ich konnte mir den Blick vorstellen, mit dem er mich bedenken würde. Einen Blick, den ich nur allzu oft auf den Gesichtern anderer Lehrer gesehen hatte …
»Ich hab Miss Baxter im Supermarkt gesehen und…«
»Sei nicht albern, Tyler. Miss Baxter ist seit sechs Monaten tot.«
Ich konnte immer noch die Kälte in ihren Stimmen hören, den Unglauben in ihren Augen sehen.
Mr Hyslop wartete auf meine Antwort. »Tyler, soll ich die Krankenschwester rufen?«
Das war das Letzte, was ich an meinem ersten Tag an der neuen Schule wollte. »Ich bin nur gestolpert.« Meine Stimme bebte und ich fühlte kalten Schweiß auf meine Stirn treten.
»Du bist sehr blass«, sagte er und half mir auf die Beine. »Sicher, dass alles in Ordnung ist? Ich denke, du solltest dich in meinem Büro eine Weile hinsetzen.«
Meinen Blick auf den Boden gerichtet, trat ich hinter ihm ein.
Das war nur deine Einbildung, Tyler, sagte ich mir wieder und wieder. Deine durchgeknallte Fantasie.
ENDE DER LESEPROBE
