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Tödliche Kanutour.
Hannah, Tochter von Inspektor Green, bricht mit ihrer neuen Liebe Scott Lasalle und zwei seiner Kumpel zu einer Kanu- und Trekking-Tour im Nahanni-Nationalpark auf. Doch Scott benimmt sich seltsam und scheint anderes im Sinn zu haben, als einen normalen Urlaub. Daheim wartet Green auf Nachricht von seiner Tochter. Als er nichts hört, wächst seine Unruhe und er kontaktiert die Nationalparkbehörden. Die wissen nichts von einer Tour, dafür aber von einem gestrandeten Kanu. Green ahnt Schlimmes und bricht mit seinem Kollegen Sullivan und zwei Rangern auf, Hannah zu suchen. Schon bald stoßen sie auf die erste Leiche ...
»Ein Pageturner, so schnell wie die Strömung des berühmtem Nahanni River.« Publishers Weekly.
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Seitenzahl: 514
Veröffentlichungsjahr: 2014
Barbara Fradkin
Tote Spur
Verschollen in den Wäldern Kanadas
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Bela Wohl
Die Originalausgabe unter dem Titel
The Whisper of Legends
erschien 2013 bei Dundurn, Toronto.
Das Buch wurde gefördert vom Canada Council for the Arts
ISBN 978-3-8412-0760-9
Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juni 2014
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Copyright © Barabara Fradkin 2013
THE WHISPER OF LEGENDS: First published in English by Dundurn Press Limited, Canada (www.dundurn.com)
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Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich
unter Verwendung eines Motivs von plainpicture/Glasshouse und © istockphoto/pashabo
E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de
www.aufbau-verlag.de
Inhaltsübersicht
Cover
Impressum
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Kapitel Dreizehn
Kapitel Vierzehn
Kapitel Fünfzehn
Kapitel Sechzehn
Kapitel Siebzehn
Kapitel Achtzehn
Kapitel Neunzehn
Kapitel Zwanzig
Kapitel Einundzwanzig
Kapitel Zweiundzwanzig
Kapitel Dreiundzwanzig
Kapitel Vierundzwanzig
Epilog
Anmerkungen
Informationen zum Buch
Informationen zur Autorin
Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …
Flüsternd, beinahe geräuschlos glitt der Fluss an Hannahs Zehen vorbei. In der späten Abendsonne glänzte seine Oberfläche wie polierte Bronze. Dankbar atmete sie tief durch und schaute hinüber zum anderen Ufer, wo die zerklüftete Silhouette der Schwarzfichten vor den fernen Gipfeln der Mackenzie Mountains aufragte.
So friedlich jetzt!
Hannah presste die Handflächen gegen den Felsen, auf dem sie saß, und konnte kaum glauben, dass er sich nicht gleich bewegen würde. Vor ihrem inneren Auge brodelte und rauschte der Fluss immer weiter, aus feinen Schaumnebeln tauchten unaufhörlich neue Felsblöcke auf. In ihrem Kopf hämmerte es. Jeder Muskel in ihrem Körper zitterte vor Erschöpfung.
Drei anstrengende Tage lang hatten sie mit dem Wildwasser am Oberlauf des South Nahanni River gerungen. Atemberaubende Wildnis hatte Scott ihr versprochen, als er ihr die Reise schmackhaft machte. Und aufregende Stromschnellen mit einem Schwierigkeitsgrad von II – IV auf einer Strecke von sechzig Kilometern. Ihm war klar, dass sie einen ordentlichen Adrenalinstoß zu schätzen wusste; je abgelegener und wilder, desto besser – aber das hier war mehr als wild. Es war selbstmörderisch.
Sie hatten drei lange Tage hinter sich, hatten erkundet und diskutiert, hatten versucht, den Fluss zu lesen und ihre Route durch Felsen und tückische Wasserwalzen zu planen. Scott ging ihr allmählich auf den Geist. Er wirkte unkonzentriert und kopflos, als hätte er es eilig, irgendwohin zu kommen, und nicht die Zeit, sich an der Reise zu erfreuen. Umgeben von fantastischen, mit Gletschern bedeckten Berggipfeln und Urwäldern aus Schwarzfichten, galt es doch, die Kanutour zu genießen. Jede Biegung sollte ausgewertet werden, um den sichersten Paddelkurs zu planen, jedes Kehrwasser sollte als Rastplatz dienen, um die rosa Wildblumen am Ufer zu bewundern und die Berghänge nach Schafen abzusuchen. Hier lebten Alaska-Schneeschafe, hatte Scott ihr erklärt, als ob diese seltenen, scheuen Geschöpfe sich Gottes besonderer Gunst erfreuten. Nicht dass sie an Gott glaubte, aber hier oben, unter den erhaben aufragenden Gipfeln und einem Himmel, der von einem Blau war, wie man es in der Stadt niemals sah – hier hörte selbst Hannah das leise, eindringliche Wispern von etwas Göttlichem.
Wozu also die Eile? Seit die Twin Otter ihre Gruppe samt Ausrüstung im Quellgebiet des Nahanni abgesetzt hatte, wollte Scott nur noch so schnell wie möglich den Fluss runterfahren. Anstatt den Nervenkitzel jeder erfolgreich gemeisterten Strecke auszukosten und am Ende im Kehrwasser anzuhalten, sich zu erholen und zu feiern, hatte er sie in halsbrecherischem Tempo durch die flache Strömung der berüchtigten Rock Gardens getrieben, in denen es von Felsblöcken nur so wimmelte. Drei Tage lang hatte Hannah gekantet, rückwärts gepaddelt und gegen jede Welle gekämpft, die vor ihnen anschwoll. Die unablässigen, aufwühlenden Überraschungen, die der Fluss ihnen bereitete, hatten sie erschöpft und in einen tranceartigen Zustand versetzt.
Am Mittag des dritten Tages rebellierte ihr Kanu. Rammte mitten in den Hollywood Rapids einen Felsen, kenterte und schleuderte Scott und sie in den rasenden Schaum. Sie erinnerte sich, wie sie in eiskalte Dunkelheit stürzte und sich abrackerte, um sich so zu positionieren, wie sie es gelernt hatte: Augen flussabwärts, Rückenlage, Gefahren im Blick.
Sie war die Stromschnellen hinuntergeritten, beinahe taub vom Tosen des Wassers. Ein glatter, glänzender Felsblock tauchte vor ihr auf. Zu spät hatte sie die Arme nach rechts geworfen. Ihr Kopf prallte gegen den Stein, der Helm krachte, ihr ganzer Körper wurde durchgerüttelt. Schmerz durchzuckte sie. Sie strampelte, um sich wieder in Position zu bringen, fühlte jedoch, wie sie herumgewirbelt und unter Wasser gezogen wurde, wie ihre Lungen barsten und ihr Kopf zersprang.
Bis die Strömung sie in einem Kehrwasser wieder ausspuckte und ans Ufer spülte.
Scott erwartete sie schon, das geborgene Kanu im Schlepptau. Er ließ ihr kaum Zeit, durchzuatmen, geschweige denn, ihre Schürfwunden und Prellungen unter die Lupe zu nehmen. Sobald sie das Wasser aus dem Boot geschöpft und ihre Spritzdecken befestigt hatten, hetzte er sie wieder den Fluss hinunter, den nächsten Stromschnellen entgegen. Sie konnte kaum paddeln. Ihr Kopf tat weh, und die Welt schwankte.
Endlich hatten sie das Ende der Strecke erreicht und steuerten an Land, um auf Daniel und Pete zu warten. Erschöpft und zitternd war sie auf einen flachen, sonnigen Felsen gekrochen.
Scott beobachtete beunruhigt den Himmel. Über ihnen war er von einem tiefen klaren Blau, doch hinter der Bergkette im Westen zogen sich graue Wolken zusammen. »Gleich kommt die letzte Stromschnelle«, sagte er. »Dann geht’s mit der leichten Strömung runter zum Little Nahanni, dort ist ein toller Platz, um das Lager aufzuschlagen.«
»Leichte Strömung«, brummte sie. »Warum nicht gleich hier?«
»Wir haben noch mehrere Stunden Tageslicht und sollten das gute Wetter ausnutzen.« Er hockte sich neben das Kanu und fischte das GPS aus seiner durchnässten Schwimmweste. Seine feuchten, dunklen Locken fielen ihm über die Augen, und als er zu ihr aufsah, warf er sie ungeduldig nach hinten. In seinem Blick lag keine Spur von Besorgnis, obwohl sie wusste, dass der Schnitt auf ihrer Stirn blutete. Wut durchzuckte sie. Was war nur los mit diesem Wichser?
Scott musste ihren zornigen Blick verstanden haben, denn sofort ließ er sein Superlächeln aufblitzen. »Das Ding ist kaputt. Batterie oder Schaltungen sind bei unserem unfreiwilligen Bad nass geworden. Kein Problem, ich hab alle Landkarten dabei. Morgen legen wir einen Ruhetag ein, um unsere Sachen zu trocknen und es zu reparieren. Vielleicht machen wir eine kleine Wanderung.«
In einem Augenblick brichst du Geschwindigkeitsrekorde, und im nächsten planst du Wanderungen, dachte sie, doch zum Streiten fehlte ihr die Kraft. Er hatte wieder diesen entrückten Blick, den sie inzwischen nur allzu gut kannte. Als sie weiterpaddelten, sprach er kaum noch mit ihr. Stattdessen ließ er sie steuern und suchte die Berge vor ihnen mit dem Fernglas ab. Unter dem Kanu zischte der Fluss, der sie mit seiner schnellen, gleichmäßigen Strömung davontrug.
Scott zog eine topographische Karte aus ihrer Plastikhülle und breitete sie vor sich aus. Das kann doch nicht so kompliziert sein, dachte Hannah. Der Fluss fließt nur in eine Richtung, und irgendwann werden wir wohl ankommen. In ihrem Kopf hämmerte es, ihre Hände waren voller Blasen. Wofür zum Teufel war ein Freund gut, wenn er nicht ab und zu ein bisschen Mitgefühl zeigte?
Es war schon nach zehn Uhr abends, als sie eine weitere Flusswindung durchfuhren und einen Bach erreichten, der zwischen breiten Kiesstränden in den Nahanni mündete. Sie schaute fragend zu Scott hinüber, doch sein Fernglas war auf die hohen, zerklüfteten Berge vor ihnen gerichtet, die in der goldenen Abendsonne schimmerten – kupferrot und schwarz.
Bevor er widersprechen konnte, steuerte Hannah das Kanu auf die breiteste Stelle der Schotterbank zu. Ein vorzüglicher Platz für die Zelte, und sie wollte verdammt sein, wenn sie noch einen Schritt mehr machte als unbedingt notwendig.
Überrascht ließ Scott den Feldstecher sinken, als das Kanu am Ufer auf Grund lief, erhob jedoch keine Einwände. Hinter sich hörte sie Pete und Daniel jubeln, als auch sie die Biegung durchfuhren und den Strand erblickten. Gemeinsam zogen sie die Boote weit auf den Kies hinauf und schwärmten aus, um das Ufer auf Gefahrenzeichen zu überprüfen. Frischen Grizzlykot oder Wolfsspuren.
Hannah konnte kaum laufen. Der Boden schien zu schwanken, während Schwindelanfälle wie Wellen über sie hinwegspülten. Sie nahm den Helm ab und betastete vorsichtig ihren Kopf. Ihre rechte Schläfe fühlte sich geschwollen und hart an, das Licht stach ihr in die Augen. Sie sprühte noch mehr Insektenspray über sich, setzte sich auf einen langen Baumstamm und hoffte, dass ihr Körper sich ein bisschen erholen konnte. Pete und Scott schienen sie gar nicht wahrzunehmen, doch Daniel beobachtete sie mit besorgtem Blick. Er schlenderte zu ihr hinüber.
»Ist dir übel?«
Sie nickte, zuckte bei der Bewegung zusammen und zwang sich zu einem kurzen Lachen. »Von dem ganzen Auf und Ab in den Stromschnellen ist mir schlecht geworden.«
Er schaute ihr prüfend in die Augen. Medizinstudenten im ersten Jahr sind als Freunde unerträglich. Ständig finden sie irgendwelche tödlichen Krankheiten bei dir.
»Wird schon wieder. Der Helm hat das meiste abgefangen.«
»Trotzdem solltest du dich ausruhen. Wir schlagen das Lager ohne dich auf.« Daniel lächelte. Er erinnerte sie an ein Kaninchen, mager und nervös, aber er hatte ein nettes Lächeln. Freundlich, mit einem Anflug von Wehmut. Warum war ihr das bisher nie aufgefallen? Sie wusste, warum. Weil er neben dem wilden, gefährlichen, unglaublich attraktiven Scott so betulich und langweilig wirkte wie eine kleine alte Dame. In diesem Moment war sie dankbar dafür.
»Ich ruf dich, wenn das Abendessen fertig ist«, sagte er.
Scott war im Busch verschwunden, wahrscheinlich auf der Suche nach einem Standort für das Klo. Daniel und Pete murrten, als sie ohne ihn anfingen, die Zelte aufzubauen und Treibholz zu sammeln. Hannah sah von ihrem Baumstamm aus zu und hatte ein schlechtes Gewissen, aber gleichzeitig auch Angst, der Länge nach hinzufallen, sobald sie versuchte aufzustehen. Das Lagerfeuer brannte schon munter, und die Vorbereitungen fürs Abendessen waren weit fortgeschritten. Die beiden Männer begannen sich zu fragen, wo Scott blieb. Anfangs wurde ihr Flüstern vom Zischen des Flusses übertönt, doch schließlich kam Daniel zu ihr herüber. Sein schmales Gesicht wirkte besorgt.
»Wir müssen ihn suchen.«
Unsinnigerweise reagierte sie gereizt. »Wahrscheinlich ist er nur losgegangen, um die Wanderstrecke für morgen auszukundschaften. Ihr kennt doch Scott, immer plant er schon das nächste Abenteuer.«
»Er würde sich hüten, das allein zu tun.«
Hannah versuchte trotz des Hämmerns in ihrem Kopf zu denken. Ihre Stimmen dröhnten wie Kanonenschüsse in ihren Ohren. »Hat er was gegen die Bären mitgenommen? Pfefferspray? Knallkörper?«
Pete gesellte sich zu ihnen. Er war Scotts Freund von der Universität, und Hannah war nicht sicher, ob sie ihn mochte. Kein Sinn für Humor und ein Panzer, der noch stacheliger war als ihrer. Von Anfang an hatte sie gespürt, dass es ihm nicht passte, sie auf der Reise dabeizuhaben.
»Wenn jemand die Wildnis kennt, dann Scott«, bemerkte Pete. »Er wird schon kommen. Er hofft, dass wir morgen auf den Gipfel da klettern können.« Er deutete auf den nächstgelegenen Berg, dessen kahle Flanke weit über den Wald hinausragte. Sie wirkte unbezwingbar steil und hoch. Allein bei dem Gedanken hob sich Hannahs Magen, und Daniel warf ihr einen besorgten Blick zu.
Eine blitzschnelle Bewegung auf halber Höhe des Abhangs erregte ihre Aufmerksamkeit, doch bis sie ihr Minifernglas aus dem Tagesrucksack gefischt hatte, war es zu spät. Sie stellte die Bildschärfe ein und suchte langsam den Hang ab. Nichts. Hatte sich dort irgendwas bewegt, oder spielten ihre Augen ihr einen Streich? Hatten die vielen Stunden auf dem wirbelnden Wasser sie in Trance versetzt?
Sie könnte schwören, dass sie etwas Braunes hatte aufblitzen sehen. Einen Grizzly, eine Maus? Oder einen Menschen? Doch bevor sie ihre Gedanken äußern oder die Männer bitten konnte, noch einmal nachzuschauen, brach Scott aus dem Wald hervor und kam über den Kies im Laufschritt auf sie zu. Gereiztheit und Ungeduld waren aus seinem Blick verschwunden. Seine Augen strahlten. Er blieb stehen und umarmte Hannah herzlich.
»Das wird eine fantastische Wanderung! Ich habe einen Wildpfad durch die Wälder entdeckt, und wenn wir erst mal den Hang da erreichen, schaffen wir den Aufstieg zum Gipfel an einem Tag.« Er deutete auf die kahle Bergspitze ganz oben. »Von dort haben wir eine tolle Sicht bis zum Yukon!«
Hannah dachte an ihren hämmernden Kopf und ihre zittrigen Beine, auch an die geheimnisvolle braune Gestalt am Abhang. »Hast du irgendwas gesehen, Scott? Oder gehört?«
Er wirbelte herum und starrte sie an. »Was meinst du damit?«
»Beim Kundschaften. Andere Wanderer?«
Er zögerte. Ein Anflug von Besorgnis blitzte in seinem Gesicht auf, doch bevor er antworten konnte, fiel ihm Pete ins Wort.
»Natürlich nicht! Niemand wandert auf diesen Berg. Er steht nicht in den Reiseführern. Aber seht ihn euch an! Scott hat recht. Was für eine Herausforderung!«
Zum zehnten Mal in zehn Minuten legte Michael Green, Inspector der Polizei in Ottawa, den langweiligen Einsatzbericht beiseite und schielte auf sein Blackberry. Es ging langsam auf Mittag zu. Wie spät war es jetzt in Yukon? Neun Uhr morgens? Begann dort gerade der Arbeitstag? Natürlich hatte er keine Ahnung, um welche Uhrzeit der Inhaber des Reiseveranstalters »Nahanni River Adventures« normalerweise in sein Büro kam und ob er überhaupt so etwas hatte wie ein Büro. Doch Green befand, neun Uhr sei eine angemessene Zeit für ein Telefonat. Es würde wie eine vernünftige Bitte um aktuelle Informationen klingen, was es ja auch war, und weniger wie ein panischer Anruf zur eigenen Beruhigung.
Was es ebenfalls war.
Hannah hatte ihm nachdrücklich erklärt, im Naturschutzgebiet des Nahanni Nationalpark Reserve gäbe es weder Mobilfunkmasten noch Internet-Signale. Der Park umfasste eine Gebirgslandschaft von dreißigtausend Quadratkilometern mit Gletschern, Schluchten und Wasserfällen entlang eines spektakulären, unberührten Flusses, der zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt worden war. Man bekam dort keine Verbindung, basta. War von der Außenwelt abgeschnitten. So ist das eben, Papa.
Der Polizeibeamte in ihm hatte entsetzt reagiert. Was ist, wenn du dich verletzt oder verläufst oder dein Kanu kaputtgeht?
Jüdische Eltern bleiben jüdische Eltern: immer besorgt, hatte er ironisch gedacht, doch er konnte nicht anders. Er war in Ottawa aufgewachsen, auf den Straßen der Innenstadt, und fühlte sich in finsteren Seitengassen und umgeben von umherziehenden Gangs heimischer als unter Bäumen und Felsen. Zunächst hatte Hannah seine Frage nicht mal einer Antwort für würdig befunden, räumte jedoch schließlich ein, dass der Reiseleiter ein batteriebetriebenes Satellitentelefon dabeihaben würde, allerdings ausschließlich für Notfälle.
Es war jetzt fast eine Woche her, seit sie zu ihrer Odyssee aufgebrochen war. Eine Woche Schweigen. Er spielte kurz mit dem Gedanken, seine Exfrau anzurufen, Hannahs zur Hysterie neigende Mutter. Falls irgendjemand in der Lage war, Neuigkeiten über ihre Tochter herauszufinden, dann Ashley. Doch das würde bedeuten, Ashley gegenüber zuzugeben, dass er sich Sorgen machte; dabei hatte er unklugerweise – um es sich mit Hannah nicht zu verderben – ihre Behauptung unterstützt, eine Flussfahrt mitten durch ein Gebiet voller Bären sei genau das Richtige für die Sommerferien.
Ashley würde ihn gar nicht erst zu Wort kommen lassen.
Nein, es war wohl das Vernünftigste, den Reiseveranstalter anzurufen und mit dem Verantwortlichen zu sprechen. Von Mann zu Mann. Laut seiner Website verfügte der Inhaber über dreißig Jahre Erfahrung darin, im Norden geführte Kanutouren für Gruppen zu organisieren – er würde ganz genau wissen, wie es Hannahs Gruppe gerade ging.
Ian Elliott klang am Telefon so zuversichtlich und beruhigend, als würde er ständig solche Anrufe entgegennehmen. »Wie heißt Ihre Tochter?«
»Hannah Green. Oder vielleicht Hannah Pollock. Sie benutzt beide Namen.« Je nachdem, über welchen Elternteil sie sich gerade mehr aufregt, dachte er bekümmert.
Es entstand eine lange Pause, und als Elliott endlich sprach, klang seine Stimme schon weniger zuversichtlich. »Nahanni, sagten Sie?«
Green bejahte. Wieder eine lange Pause. Er hörte, wie der Mann vor sich hin murmelte. »Ich habe alle unsere Listen überprüft. Bei uns ist sie nicht. Deshalb kam mir ihr Name nicht bekannt vor.«
»Sie muss bei Ihnen sein, sie ist seit fast einer Woche da oben. Zuletzt haben wir gehört, dass sie mit Ausrüstung von Ihnen von Fort Simpson aus gestartet ist, in einem Wasserflugzeug.« Auch dieser Gedanke war beängstigend, doch Green hatte erfolgreich dem Drang widerstanden, die South Nahanni Airways anzurufen und sich zu vergewissern, dass die Maschine sicher gelandet war.
»Vielleicht ist sie mit einem anderen Touristikunternehmen unterwegs. Es gibt außer uns noch zwei, die Touren auf dem Nahanni anbieten.« Er gab Green Namen und Telefonnummern. »Beides ausgezeichnete Veranstalter mit erfahrenen Reiseleitern. Ich bin sicher, Ihrer Tochter geht es gut«, fügte er in geduldigem Tonfall hinzu, der vermuten ließ, dass er diese Formulierungen häufiger benutzte.
Doch bei keinem der beiden Unternehmen war Hannah registriert. Weder unter Pollock noch unter Green. Nach dem zweiten Anruf starrte Green fassungslos auf sein Telefon. Es musste eine Erklärung geben. Ein anderer Veranstalter. Vielleicht eine privat organisierte Tour von Vancouver aus, wo Ashley wohnte.
Ihm blieb jetzt keine andere Wahl, als Ashley anzurufen. Sie hob erst nach dem fünften Klingeln ab, ihre Stimme klang belegt. In Vancouver war es halb neun Uhr morgens. Er malte sich aus, wie sie mit halbgeschlossenen Lidern über ihrer ersten Tasse Kaffee hing und mühsam versuchte, den neuen Tag zu begrüßen. Fred würde klugerweise schon zur Arbeit gefahren sein, bevor sie überhaupt aufstand. Ashley war noch immer eine schöne Frau, aber mit vierzig zeigte sich die Schönheit erst nach längerem gutem Zureden. Im Augenblick böte ihr Anblick eher eine Mischung aus zu stark blondiertem Haar und verschmierter Wimperntusche.
»Du hast was?«, fragte sie.
Er erläuterte ihr noch einmal seine Anrufe in Whitehorse. Diesmal entstand eine Pause.
»Oh.«
»Was soll das heißen, oh?«
»Ich nehme an, sie hat dir nichts erzählt.«
»Was erzählt?«
»Werd jetzt nicht böse auf mich, Mike.«
»Was erzählt?«
»Sie ist nicht mit einer Reisegruppe unterwegs.«
Green erstarrte. »Mit wem dann?«
»Mit Scott und ein paar anderen Freunden.«
»Ein paar Freunden? Ein paar Freunde haben ihren Rucksack gepackt, sind zweitausend Kilometer rauf in den Norden geflogen und wollten einfach mal zelten gehen?«
»Ich dachte, sie hätte es dir erzählt.«
»Nein, sie hat mir nichts erzählt! Sie hat gesagt, sie sei mit Nahanni River Adventures unterwegs. Wie konntest du sie nur auf eigene Faust fahren lassen?«
Ihre Stimme wurde lauter. »Seit wann hätte ich sie denn aufhalten können? Seit wann bist du dazu in der Lage?«
»Du hättest dich weigern können zu zahlen …«
»Sie ist neunzehn, Mike. Sie hat immer gemacht, was sie wollte, seit sie zwei war!«
Er atmete tief durch. Wenn er Ashley anbrüllte, würde er nichts erreichen; sie konnte nichts dafür. Doch er hasste dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Hannah lebte jetzt seit über sechs Monaten wieder bei ihrer Mutter in Vancouver. Ursprünglich wollte sie nur über die Weihnachtsferien dortbleiben, aber eine wilde Silvesterparty hatte alles geändert. Sie hatte einen Studenten kennengelernt, einen Doktoranden der Geologie an der UBC, der Universität von British Columbia: verteufelt charmant und mit einem ausgeprägten Hang zum Abenteuer. Für Hannah eine unwiderstehliche Kombination, wenn es um Männer ging. Ashley hatte erklärt, dass sich Hannah nicht aus Vancouver wegbewegen würde, bis seine Anziehungskraft ihren natürlichen Lauf genommen hatte. Bevor Green auch nur davon erfuhr, hatte seine Tochter sich an der UBC beworben und war zum Herbstsemester angenommen worden. Das war Greens größte Angst gewesen.
Bis jetzt. Er wusste sehr wenig über Scott. Hannah hatte ein einziges Foto von ihnen beiden geschickt, per E-Mail. Scott war groß und schlank, der athletische Typ, den Green schon immer beneidet hatte. Hannah reichte ihm kaum bis zur Brust und schaute mit ihrem Kleinmädchengesicht bewundernd zu ihm auf. Green hatte ihn vom ersten Augenblick an nicht gemocht.
Er zügelte sich. Für kleinliche Eifersucht war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. »Was weißt du über Scott und seine Freunde? Weißt du, was sie so machen?«
»Während seiner Collegezeit hat Scott die Sommerferien immer oben im Norden von British Columbia verbracht und schon einige Flussfahrten unternommen. Von Kindheit an war er oft zum Campen in der Wildnis. Seine Freunde auch.«
»Das heißt noch lange nicht, dass …«
»Ist doch klar, sie suchen die Herausforderung, Mike. Sie wollten nicht mit einer Gruppe reisen und am Gängelband geführt werden.«
»Aber Hannah ist ein Stadtmensch. Sommerlager zählen da nicht.«
»Sie ist in guten Händen. Scott ist in Ordnung, und sie hat ihren eigenen Kopf.«
Green schaute auf seinen Schreibtischkalender, wo er die Daten ihrer Reise eingetragen hatte, und zwang sich, ruhig zu bleiben. »Okay. Montag wird sie sowieso in Fort Simpson zurückerwartet. Hoffen wir, dass sie sich meldet, wenn sie dort ankommt. Sobald du was hörst, ruf mich an.«
»Oh«, sagte Ashley. Wieder so ein unheilverkündendes Oh.
»Was ist denn jetzt wieder?«
»Sie wird erst in über zwei Wochen zurückerwartet.«
»Sie hat behauptet, die Tour dauere zehn Tage. Ich weiß zwar, dass sie nicht mit einer Reisegruppe unterwegs ist, aber so lange dauert die Fahrt den Fluss hinunter.«
»Sie …« Ashleys Stimme wurde immer leiser. »Sie ist am Oberlauf des Flusses, Mike. Sie sind oben im Quellgebiet losgefahren.«
»Aber das …« Er unterbrach sich, seine Angst nahm wieder zu. Als er sich über Hannahs Expedition informiert hatte, galt seine Aufmerksamkeit weniger dem Oberlauf des Nahanni, sondern vielmehr den Virginia Falls und den Schluchten unterhalb dieses Wasserfalles, durch die sie seines Wissens fahren würde. Doch er erinnerte sich vage an extrem schwierige Wildwasserstrecken, denen nur geübte Kanuten gewachsen waren.
»Sie hat mir erzählt …« Er sackte auf seinem Stuhl zusammen. »Verdammt, davon hat sie mir nichts gesagt.«
Ashley machte brummelnd eine abschätzige Bemerkung, doch als sie weitersprach, klang ihre Stimme weicher. »Sie haben ein Satellitentelefon, und falls sie in Schwierigkeiten geraten, werden sie Hilfe rufen. Damit beruhige ich mich selbst die ganze Zeit, Mike.«
Nachdem Green aufgelegt hatte, öffnete er die Website mit den Beschreibungen der Fahrtroute und informierte sich über das Quellgebiet. Für ihn als Stadtmenschen war die Wildnis eine fremde Welt voller Tücken und Gefahren. Es versetzte ihm einen beschämenden Stich, dass Ashley die Vernünftigere war. Sie schien gespürt zu haben, was er mit seinem Ärger und seiner Entrüstung überspielte. Nicht nur Angst um die Sicherheit seiner Tochter, sondern auch Kränkung. Weil sie ihn belogen hatte.
Als müsste sie ihren Vater, der seit fast fünfzehn Jahren Polizist bei der Mordkommission war, beschützen – vor den Gefahren, in die sie sich begab.
Um acht Uhr früh, als sie zu ihrer Bergwanderung aufbrachen, stand die Sonne schon hoch am Himmel, glitzerte auf dem Fluss unter ihnen und polierte die Rosa- und Grüntöne entlang seiner Ufer auf Hochglanz. Hannah wusste, dass der Ausblick fantastisch war, aber trotz Sonnenbrille und Hut, den sie tief ins Gesicht gezogen hatte, bohrte sich die Helligkeit schmerzhaft in ihren Kopf. Punkte tanzten vor ihren Augen, in ihrem Schädel hämmerte es. Sie stolperte auf dem steinigen Pfad, der sich erbarmungslos bergauf schlängelte, um Felsblöcke herum und durch dornige Nadelgehölze. Bei jeder Erschütterung hob sich ihr Magen.
Das geht vorbei, sagte sie sich immer wieder. Ist ja nur, weil ich nicht gefrühstückt habe. Sie hatte die Haferflocken in ihrer Schüssel kaum angerührt und gehofft, Daniel würde es nicht merken. Er beobachtete sie mit Adleraugen, doch es kam überhaupt nicht in Frage, dass sie im Camp zurückblieb, während die anderen wanderten. Selbst wenn es hier keine gefährlichen Bären gäbe, würde sie Scott niemals im Stich lassen. Er war so aufgeregt, dass er letzte Nacht kaum schlafen konnte, und am Morgen hatte er zum Aufbruch gedrängt, sobald das Geschirr abgewaschen und jeder Rucksack gepackt war. Er hatte darauf bestanden, den größten Teil der Ausrüstung mitzunehmen, für den Fall, dass der Aufstieg länger als einen Tag dauerte. Alles, was man zurückließ, kam einer Einladung für die Bären gleich.
Einer Einladung, auf die sie verzichten konnte.
Sie vermutete, dass sie einem Wildpfad folgten, auch wenn nur Scott zu wissen schien, wohin er führte. Er stürmte voraus und hielt an Aussichtspunkten inne, um die topographische Karte zu studieren und die Berge vor ihnen mit dem Fernglas abzusuchen. Sie schienen nicht gerade die leichteste Route zu nehmen, aber was wusste sie schon? Ein Orientierungslauf im Sommerlager war mit dem hier nicht vergleichbar – wirklich nicht.
Schließlich wurden die Bäume spärlicher, und sie traten hinaus auf einen steilen, felsigen Hang. Ein flacher Stein, der mit glitschigen Flechten überzogen war, rutschte unter ihrem Fuß zur Seite, und sie stürzte auf den harten Boden. Schmerz schoss durch ihre Hüfte, und sie schrie so laut »Scheiße!«, dass selbst Scott, der weit voraus war, sich umdrehte.
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