Tote Wale - Sólveig Pálsdóttir - E-Book
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Tote Wale E-Book

Sólveig Pálsdóttir

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Beschreibung

Ein prominenter Geschäftsmann wird ermordet. In Reykjavík explodiert eine Bombe auf einem Walfangboot und eine Gruppe Walfanggegner hat sich an Restaurants festgekettet, die Walfleisch auf der Speisekarte anbieten. Die an Personalmangel leidende Polizei hat jede Menge zu tun, und dann kämpft ausgerechnet Guðgeirs engste und fähigste Mitarbeiterin auch noch mit privaten Problemen. Bald überschlagen sich die Ereignisse – und der zunächst so stille Herbst bringt plötzlich eine Menge Verwicklungen und Unruhe mit sich ...

»Ein Krimi mit aktuellem Bezug, menschlichen und alltäglichen Problemen. Gut geschrieben und raffiniert konstruiert.« morgunbladid daily.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Informationen zum Buch

Ein prominenter Geschäftsmann wird ermordet. In Reykjavík explodiert eine Bombe auf einem Walfangboot und eine Gruppe Walfanggegner hat sich an Restaurants festgekettet, die Walfleisch auf der Speisekarte anbieten. Die an Personalmangel leidende Polizei hat jede Menge zu tun, und dann kämpft ausgerechnet Guðgeirs engste und fähigste Mitarbeiterin auch noch mit privaten Problemen. Bald überschlagen sich die Ereignisse – und der zunächst so stille Herbst bringt plötzlich eine Menge Verwicklungen und Unruhe mit sich.

»Ein Krimi mit aktuellem Bezug, menschlichen und alltäglichen Problemen. Gut geschrieben und raffiniert konstruiert.« morgunbladid daily

Sólveig Pálsdóttir

Tote Wale

Ein Island-Krimi

Aus dem Isländischen von Gisa Marehn

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Dank

Über Solveig Palsdottir

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

»Fanatismus ist des Schwachen letzter verzweifelter Versuch, Schwäche in Stärke umzuwandeln.«

Þórarinn Björnsson, Schulleiter Oberschule von Akureyri (1905–1968)

1. KAPITEL

PITS ARE FOR PIGS stand quer über die Stirn des Toten geschrieben. Guðgeir kniff die Augen zusammen, um die krakeligen Buchstaben besser zu erkennen. Sie schienen mit schwarzer Tinte geschrieben zu sein. Für das S von PIGS war kein Platz mehr gewesen, so dass der letzte Bogen bis ins Haar des Mannes reichte und wie ein dunkler Klecks aussah.

Guðgeir sah seine Mitspieler an. Sie waren offensichtlich schockiert und standen schweigsam hinter der unsichtbaren Grenzlinie, die er um den Tatort gezogen hatte. Kurz zuvor war einer von ihnen, der Anwalt Magnús Ísleifsson, beinahe in die Sandgrube hineingestapft, den Bunker, in dem die Leiche lag. Guðgeir hatte ihn gerade noch stoppen können, bevor er alle Spuren zertrampelte. Magnús hielt sich krampfhaft an seinem Golftrolley fest. Seine eine Hand war mit einem schwarzen Golfhandschuh bekleidet, die Knöchel der anderen leuchteten weiß und waren mit Narben überzogen. Sein eigentümliches Gesicht war angespannt, der Mund zusammengepresst, seine Lippen bildeten einen schmalen Strich. Guðgeir wandte sich ab und starrte wie gebannt über das kurzgemähte, kreisförmige Grün auf die dünne Fahnenstange, die aus dem Loch emporragte. Dem Loch, das ihnen eben noch so wichtig gewesen war. Die zerfledderte Flagge flatterte in dem schwachen Lüftchen. Dann sah er wieder zu Magnús, der ebenfalls in seine eigene Welt abgetaucht zu sein schien und unverwandt auf den tosenden weißschäumenden Fluss jenseits des Grüns starrte. Guðgeir konnte Magnús’ Reaktion nachvollziehen. Es war leichter, sich auf die grandiose Natur ihrer Umgebung zu konzentrieren als auf das, was sich ihnen am Loch dreizehn darbot. Allein der dritte Golfkamerad, Freymóður Skaftason, ein aufgeweckter Typ mit niedrigem Handicap und einem beeindruckenden Schuppenkragen um den Hals, schaute unverwandt auf den Toten im Bunker.

Guðgeir selbst hatte sich dem Mann vorsichtig genähert und ihn auf Lebenszeichen hin untersucht, worauf natürlich kaum Hoffnung bestand. Er wusste es in dem Moment, als er den Mann in dem Bunker entdeckt hatte. Der Mann mittleren Alters lag kerzengerade in dem hellen Sand, als hätte er beschlossen, dort zu ruhen. Er war gepflegt, bekleidet mit einer blauen Hose und einem hellbraunen Golfpullover mit kleinen grünen, gelben und blauen Rauten. Unter seinem Kopf war eine zerdrückte dunkelblaue Golfmütze mit Ohrenklappen aus Fleece zu erkennen. Mitten auf der Brust war der Pullover aufgeschlitzt, dunkelrotes Blut war in die lebhaften Farben hineingeflossen. Auf den ersten Blick schien der Mann zwischen fünfzig und sechzig zu sein. Er war durchtrainiert, mittelgroß, und sein Haar hatte jene aschblonde Farbe, die so verbreitet auf Island ist. Guðgeir hatte schon einmal gehört, wie sie als Leberwurstfarbe bezeichnet wurde.

Der Mund stand halb offen, als wollte er gerade etwas sagen. Unterhalb der Nase, die mehr an einen Falken als an einen Adler denken ließ, saß eine auffällige Warze oder ein Muttermal, was ihm einen beinahe weiblichen Zug verlieh. Seine Ohren waren groß, lagen aber dicht am Schädel an, wodurch ihre Größe kaum ins Auge fiel. Direkt unter dem rechten Ohr klebte dunkles geronnenes Blut, von dem Guðgeir nicht ohne weiteres sagen konnte, ob es aus dem Ohr oder dem Thorax stammte. Aus der Entfernung wirkte es, als lägen die Augen tief, doch als Guðgeir näher kam, sah er, dass sie halb geschlossen waren. Unwillkürlich oder vielleicht aus alter Gewohnheit beschrieb er in der Luft ein Kreuz in Richtung des Toten, bevor er innehielt, um dessen Lage zu begutachten und mit seinem Smartphone Fotos aufzunehmen.

Dann zwang er sich stillzustehen, was ihm einiges an Zurückhaltung abverlangte. Das Verlangen, eine Runde um den Bunker zu gehen, war überwältigend, doch seine Vernunft behielt die Oberhand. Sein Blick wanderte über die Umgebung, die moosbewachsenen Felsbrocken zu seiner Rechten, danach über die weite, hügelige Landschaft auf der anderen Seite des Flusslaufes. Die kräftigen Farben des Herbstes reichten über die ganze Farbskala, von Grün über Gelb bis zu Rottönen. Es herrschte Stille, abgesehen von dem beruhigenden Tropfen des Regens und dem kräftigen Rauschen des Flusses.

Die Polizei aus Selfoss würde zweifellos bald eintreffen, seine Kollegen aus Reykjavík würden länger brauchen. Guðgeir Fransson schaute in regelmäßigem Abstand auf seine Uhr und zählte die Minuten. Der Regen wurde immer stärker, und im gleichen Maße wuchsen die Sorgen des Kriminalpolizisten. Diese galten nicht nur dem Wetter, sondern eher dem nächsten Flight, der vier Personen zählte und sich bereits näherte. Es würde nicht lange dauern, bis ihnen weitere folgten, und das wären nicht nur Golfspieler, sondern auch Leute aus den Sommerhäusern ringsum. Guðgeir stöhnte laut bei dem Gedanken, tröstete sich jedoch damit, dass an einem Werktag im Herbst wahrscheinlich nicht allzu viele Sommerhausbesitzer vor Ort wären. Er stelzte vorsichtig zu seinen Golfkameraden zurück, versuchte dabei, auf dem kurzen Wegstück genau derselben Fährte zu folgen, die er gekommen war. Magnús und Freymóður sahen ihn an, ohne ein Wort zu sagen. Ersterer fuhr sich mit dem Ärmel über die Wange.

Das Klingeln des Telefons zerriss das monotone Geräusch der Tropfen, die auf ihre wasserdichten Jacken prasselten. Guðgeir angelte sein Telefon hervor. Auf dem Display erschien das fröhliche Gesicht von Andrés.

»Grüß dich, seid ihr losgefahren?«

»Ja, wir sind gerade aus der Stadt raus«, antwortete Andrés. Seine Stimme wurde von dem gedämpften Heulen der Sirene des Polizeiwagens begleitet. Warum auch immer, die Sirene erinnerte Guðgeir jedes Mal an das Singen seines Brummkreisels, den er als Kind in den Westfjorden besessen hatte. Er wusste noch genau, dass der Stab, der aus der Mitte herausragte, einen goldenen Knauf gehabt hatte. Wenn der Stab mehrfach schnell hinuntergedrückt wurde, tanzte der Kreisel unzählige Runden auf dem Holzfußboden. Plötzlich musste er daran denken, dass seine Großmutter das Spielzeug stets Spindel genannt hatte und nicht Brummkreisel.

Schwarze Rinnsale sickerten in das Haar des Mannes, die Buchstaben auf seiner Stirn waren kaum noch lesbar.

»Es wäre gut, wenn ihr euch beeilt«, sagte Guðgeir. »Ich weiß nicht, wie lange ich es noch schaffe, das Gelände abzuschirmen. Außerdem gießt es in Strömen. Hier muss alles so schnell wie möglich abgedeckt und anständig geregelt werden. Bei allem Respekt für die in Selfoss, ich finde es besser, wenn wir uns um die Sache kümmern. Hast du das Bild von der Leiche gesehen, das ich geschickt habe? Wer das auf die Stirn von dem Mann geschrieben hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach kein Golfspieler.«

Guðgeir öffnete mit den Zähnen einen Druckknopf seines Golfhandschuhs und zog ihn anschließend auf dieselbe Weise von der Hand ab. Das Leder war inzwischen nass, und ein unangenehmer Geschmack verbreitete sich in seinem Mund.

»Wie kommst du darauf?« Aus Andrés’ Stimme sprachen Zweifel.

»Ein Golfspieler würde nie pit schreiben, sondern bunker. Auf Isländisch heißt das im Übrigen glompa.«

»Du machst einen gutinformierten Eindruck. Hast du nicht erst in diesem Jahr angefangen, Golf zu spielen? Oder war das letztes Jahr?«

»Das weiß doch jeder«, entgegnete Guðgeir und wandte sich um, um die saftig grüne Böschung zu betrachten, die zum dreizehnten Loch hinunterführte. Hier auf diesem Platz wurde kräftig gedüngt. Er stieg ein paar Schritte den Hang hinauf, um über einen aufragenden Felsen blicken zu können, der ihm die Sicht versperrte.

»Nein«, sagte Andrés mit Nachdruck.

»Was, nein?«, fragte Guðgeir geistesabwesend.

»Nein, das weiß nicht jeder. Aber was hat es mit diesem Regenschirm neben der Leiche auf sich?«

»Das ist wirklich merkwürdig. Es ist weder ein normaler Regenschirm noch ein Golfschirm, denn die sind riesengroß. Das hier ist ein kleiner Sonnenschirm mit dem Logo einer Firma darauf, die Golfartikel herstellt. Du konntest auf dem Foto wahrscheinlich nicht sehen, dass er richtig im Sand steckt. Jemand hat ihn hier im Bunker aufgestellt, was ziemlich seltsam ist. Es sieht aus, als nähme die Leiche ein Sonnenbad am Sandstrand, mitten im Regen von Kiðjaberg. Und dann lag noch eine Speisekarte auf seinem Bauch, die ich wegpacken musste, damit sie durch den Regen nicht völlig ruiniert wird.« Guðgeir schaute sich noch einmal um. »Hier ist weit und breit kein Trolley zu sehen. Also ist es denkbar, dass die Leiche hierherverfrachtet wurde. Es sei denn, der Golftrolley ist in den Fluten der Hvítá gelandet.«

»Hvítá? Jemand hier auf dem Revier hatte den See Hestvatn erwähnt.« Andrés schien verwirrt.

»Hvítá natürlich! Der See ist allerdings gleich hier in der Nähe. Du musst mal wieder aus der Stadt rauskommen, Kumpel«, stichelte Guðgeir und spielte mit einem Golfball in seiner Tasche. Das entspannte ihn.

»Ist da nicht alles voller Sommerhäuser? Der Mörder könnte dich gerade aus einem von ihnen beobachten«, entgegnete Andrés.

»Eine ganze Masse, aber ich glaube, wer das getan hat, hat das Gelände längst verlassen. Auch wenn ich keine Hinweise darauf habe, ist so ein Gefühl. Wie weit seid ihr jetzt?«

»Wir nähern uns dem Bláfjöll-Abzweig«, antwortete Andrés in dem Moment, als Guðgeir gerade abermals den Hügel zur Bahn dreizehn hinaufblickte.

»Verflixt und zugenäht, der nächste Flight ist da. Beeilt euch!«

Er wedelte mit beiden Armen in Richtung der Leute, die auf der Anhöhe standen und darauf warteten, ihre Bälle abschlagen zu können. Dann machte er sich forschen Schrittes auf den Weg und ging ihnen entgegen. Auf dem kurzen Stück blickte er in regelmäßigem Abstand zurück, um den Tatort und seinen eigenen Flight nicht aus den Augen zu verlieren. Schon eine unbedachte Bewegung könnte die bevorstehenden Ermittlungen beeinträchtigen.

Es waren vier Golfer, von denen Guðgeir zwei flüchtig kannte. Kurz schilderte er die Situation und gab ihnen die wesentlichsten Informationen zur Lage am Grün dreizehn. Er bat sie, ihm den Gefallen zu tun, den Flight, der nach ihnen kam, aufzuhalten, da es ihm noch nicht gelungen war, den Platzwart zu erreichen.

»Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Golfplatz ganz für den Betrieb gesperrt wird«, erklärte er. Die Männer sahen einander an, ein wenig ratlos. »Das Turnier ist damit abgeblasen«, fügte Guðgeir zur weiteren Untermauerung an.

»Ich bin ins Klubhaus gelaufen, um aufs Klo zu gehen, nach dem Neunten«, sagte einer der Männer. »Soviel ich gesehen habe, kam der Pick-up, den der Platzwart fährt, gerade an, als ich wieder rausging. Eigentlich ist schon geschlossen wegen der Winterpause, doch sie wollten Suppe und Brot für uns bereitstellen. Ihr wart ja im ersten Flight, also sind sie jetzt bestimmt da, um das Essen vorzubereiten. Ich kenne den Platzwart ein bisschen, weil ich hier so häufig spiele. Sein Name ist Valgeir, und er leistet gute Arbeit, wie du am Platz sehen kannst. Seine Frau betreibt die Gastronomie. Sie führen den Platz seit zwei Jahren.«

Der Mann spielte sich ganz schön auf. Er warf Guðgeir einen vertraulichen Blick zu.

»Meinst du, dieser Mann da im Bunker hat einen Herzinfarkt bekommen?«, fragte er. »Oder einen Schlaganfall? Oder könnte es sein, dass ein Aortenaneurysma geplatzt ist? Man hat ja so was in der Art nun schon öfter gehört.« Da kannte sich aber jemand aus. Er öffnete den Reißverschluss einer Tasche seiner Golfjacke, holte eine Zigarette heraus und zündete sie an.

Guðgeir konnte nicht anders, als diesen Optimismus zu bewundern, denn die Zigarette war augenblicklich nass.

»Das liegt alles noch im Dunkeln zum jetzigen Zeitpunkt. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass der Mann tot ist.« Guðgeir lächelte höflich und verabschiedete sich, bevor die Männer Gelegenheit hatten, ihn mit weiteren Fragen zu überschütten. Wackeren Schrittes stieg er den Hang wieder hinab, drosselte sein Tempo aber, als sich der altbekannte Schmerz, der länger nicht von sich hatte hören lassen, unter seiner Kniescheibe bemerkbar machte und von dort hinauf in den Oberschenkel zog. Der Duft von Heidekräutern legte sich auf seine Sinne, und in dem Versuch, die Schmerzen auszublenden, wanderte sein Blick suchend über das Heideland unterhalb des Felsens, um nach Beeren Ausschau zu halten. Es war schon spät im September, doch der Herbst war bisher sonnig und warm gewesen, so dass bestimmt noch ein paar zu finden waren. Guðgeir blieb einen Moment stehen, schloss die Augen und atmete tief ein. Es gibt einfach keinen Weg, sich an den Anblick eines Menschen zu gewöhnen, der umgebracht worden ist, dachte er und sah eine übel zugerichtete Leiche von einem zwei Jahre alten Fall vor sich. Der über und über zerschnittene Körper und der durchdringende Geruch saßen bombenfest auf der Festplatte seines Hirns, wie ein Computervirus, dem nicht beizukommen war. In manchen Nächten schreckte er schweißgebadet hoch. Guðgeir hatte das bisher nie mit einem Psychotherapeuten besprochen, wusste jedoch, dass er das bald einmal angehen müsste. So konnte es nicht weitergehen.

Er spähte über den Hang, konnte aber auf die Schnelle keine Beeren ausmachen und merkte, wie enttäuscht er davon war. Er schüttelte den Kopf über sich selbst. Wusste er doch aus Erfahrung, dass je schlimmer die Umstände waren, der menschliche Geist umso mehr nach irgendetwas Normalem und Unversehrtem suchte, um gegen die Abscheulichkeiten anzukommen. Guðgeir kannte diese Neigung inzwischen, das Problem war nur, dass sie mit jedem Fall, den er übernahm, stärker zu werden schien.

Als Guðgeir dem Grün wieder näher kam, sah er zu seiner Erleichterung, dass seine beiden Partner sich noch an demselben Fleck befanden, wie er es angeordnet hatte. Freymóður hatte doch tatsächlich inzwischen seine Regenhose angezogen und sich ins Gras gesetzt, während Magnús immer noch gebeugt dastand und sich auf seinen Golftrolley stützte, wie es schien, noch genauso außer Fassung wie zuvor. Guðgeir betrachtete sein sonderbar geformtes Gesicht, das so unharmonisch war, dass es nicht leicht war, die Augen von ihm loszureißen. Er erinnerte sich, etwas über einen Unfall an einem Silvesterabend gehört zu haben, dass Magnús eine Handfackel ins Gesicht bekommen oder mit Sprengkörpern hantiert hatte. Guðgeir wusste es nicht mehr genau. Er hatte Magnús seit Ewigkeiten weder gesehen noch an ihn gedacht. Erst heute war er ihm wiederbegegnet bei diesem Golfturnier, das sie im Gedenken an einen ehemaligen Schulkameraden durchführten, der jahrelang gegen den Krebs gekämpft und im Frühjahr letztlich verloren hatte.

Einige gute Freunde und Bekannte hatten das Golftreffen organisiert, mit dem Ziel, Geld für die Familie zu sammeln. Die jüngsten Kinder hatten noch nicht einmal das Grundschulalter erreicht. Die Teilnehmenden kamen aus den verschiedensten Regionen und waren unterschiedlich starke Golfspieler, die alle auf die eine oder andere Weise ein kürzeres oder längeres Stück des Wegs zusammen gegangen waren mit diesem früheren Schulkameraden von Guðgeir aus der Oberschule am Sund.

Was für ein Wahnsinn, diese Silvesterabende auf Island, dachte Guðgeir. Alle ballern wie die Blöden rum, und ich natürlich mit. Eigenartig, dass Magnús sich das Gesicht nicht richten lässt. Schönheitschirurgen konnten die unglaublichsten Dinge vollbringen, doch Magnús hatte sich offenbar an sein Spiegelbild gewöhnt. Eigentlich war er ein gutaussehender Mann, sogar ausgesprochen gutaussehend. Guðgeir wusste nur, dass er Jurist war, nicht aber, was genau er tat, und er fragte sich, ob sein entstelltes Gesicht nicht womöglich Klienten abschreckte. Guðgeir schob diesen Gedanken gleich wieder von sich. Meine Inga wird irgendwas darüber wissen, dachte er. Sie blieben sich gegenseitig ziemlich gut auf der Spur, diese Juristen.

»Magnús, bist du sicher, dass du diesen Mann nicht kennst?« Der Angesprochene reagierte nicht sofort, und Guðgeir entging es nicht, dass ihn ein leichtes Frösteln schüttelte.

»Ich kenn den nicht«, antwortete er endlich, ohne den Blick von der reißenden Hvítá abzuwenden.

»Siehst du etwas da draußen?« Bei der Frage schien es, als würde ein Bann von ihm abfallen. Magnús wandte sich dem Polizeibeamten zu und antwortete dann.

»Was – im Fluss? Nein, nichts, gar nichts!« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe nur gedacht, wie sonderbar das Leben doch spielt. Wir befinden uns hier, alte Bekannte, die sich jahrelang nicht gesehen haben, spielen zusammen Golf in einem Gedenkturnier für unseren Halli, und dann stolpern wir über eine Leiche, und das auf Bahn dreizehn!«

Freymóður stimmte lebhaft mit ein, wie unwahrscheinlich das doch alles wäre, und beteuerte, die Zahl Dreizehn wäre eine gewaltige Unglückszahl. Er sprang auf die Beine und schritt auf seinen Trolley zu. Griff sich seinen Driver, dessen Kopf die Größe eines Handballs hatte, zog ihn aus dem Golfbag, machte ein paar Schritte und stellte sich auf. Er strich ausgiebig über den Griff und schickte sich an, seinen Golfschwung zu üben. Guðgeir traute seinen Augen kaum.

»Ich tendiere dazu, den Rückschwung nicht sauber auszuführen«, rief Freymóður ihnen zu. »Werde mal ein paar Stunden bei diesem neuen Trainer von Básar nehmen und das ein für alle Mal bereinigen.« Er tat einen Übungsschwung nach dem anderen und hielt den Schläger zum Abschluss jedes Schwunges eine Weile still vor sich hoch oben in der Luft. »Die Spitze vom Schlägerkopf muss in die richtige Richtung weisen, sonst macht man immer einen Slice! Ich neige dazu, sie nach rechts zu kippen. Auf Bahn zwei hätte ich garantiert den Vogel abgeschossen, wenn mir kein Slice passiert wäre.«

Guðgeir schaute zu Magnús, der seinem Blick begegnete. Die dunklen Augen des Polizeibeamten blieben unwillkürlich an den buschigen, geschwungenen Augenbrauen des Juristen hängen.

»Wenn ich mich nicht irre, ist das Hinrik Eggertsson, der da in dem Bunker liegt. Er war ziemlich umtriebig, vor allem in der Gastronomiebranche«, sagte Magnús leise.

»Hattest du nicht gerade eben gesagt, du hättest keine Ahnung, wer das sein könnte?«, fragte Guðgeir verwundert. Magnús sah ihn müde an.

»Ich habe mir die Regel angewöhnt, nichts zu sagen außer dem, was ich einigermaßen mit Sicherheit behaupten kann«, antwortete er kühl.

Kurz darauf kam die Polizei den schmalen Pfad hinuntergefahren, der für Golfautos angelegt worden war, nicht aber für Polizeiwagen. Der Landrat aus Selfoss war mit von der Partie, diesmal nicht mit Schärpen dekoriert, sondern in Jeans und Anorak. Zwei Wagen von der Spurensicherung trafen gleich danach ein. Eine Forensikerin, eine junge Deutsche, äußerst gewissenhaft und eine Expertin ihres Fachs, stieg aus einem der Wagen und sah sich aufmerksam um. Guðgeir bemerkte, wie sie die Schönheit der Natur in sich aufsog, bevor sie sich auf den Bunker zubewegte. Es regnete immer noch.

2. KAPITEL

Særós war stinksauer. Warum wurde sie dazu verdonnert, hier auf der Dienststelle herumzuhängen, statt mit Andrés und allen anderen ostwärts nach Kiðjaberg zu fahren? Sie schaute sich um, auf der Suche nach etwas, womit sie sich beschäftigen könnte. Stieß eine Weile später einen lauten Seufzer aus, als sie alles weggeworfen hatte, was weg konnte, und alles sortiert hatte, was sortiert werden musste. Særós hatte die Angewohnheit, sämtliche Dokumente und Schriftstücke stets unverzüglich an ihrem Platz im System abzulegen. Sie gab es auf, nach Missständen im Computer zu suchen, und glitt mit dem Blick über das Regal beim Schreibtisch, wo ihre gleichfarbigen Ordner in einer dichtgedrängten Reihe ausharrten. Dort war auch nichts mehr zu korrigieren.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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