Totenfänger - Marc Lepson - E-Book

Totenfänger E-Book

Marc Lepson

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Beschreibung

Ein Groupie wurde während eines Rockkonzerts ermordet – und Jack Temple wird das Gefühl nicht los, dass der Fall mit dem Verschwinden seiner Tochter in Verbindung stehen könnte. Der psychisch labile Kriminalreporter der Seattle Sun verbeißt sich krampfhaft in die Vorstellung, sein Kind eines Tages wiederzusehen, und beginnt allen polizeilichen Untersuchungen zum Trotz, selbst zu ermitteln. Doch je näher er der Lösung des Verbrechens kommt, desto mehr Menschen um ihn herum werden getötet. Die Taten tragen eine ungewöhnliche Handschrift – und das wichtigste Puzzlestück hat Temple bisher übersehen ... Marc Lespsons Debütroman steht für perfekte Cliffhanger, temporeiche Schnitte und unablässig zunehmenden Thrill. »Totenfänger« ist so nervenzerreißend spannend wie David Finchers Blockbuster »Sieben«.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Christiane Winkler

 

© Marc Lepson Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Ten«Deutschsprachige Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2020Covergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCovermotiv: Ksenia Ivashkevich / Shutterstock.com

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhalt

Cover & Impressum

Prolog

1 – Jack Temple öffnete …

2 – »Zum Glück ist …

3 – Jack erwartete ein …

4 – Ellis wirkte abwesend …

5 – Jack saß in …

6 – Lieutenant Chen reagiert …

7 – Jack fuhr unkonzentriert …

8 – »Hi, Junge!«, sagte …

9 – Nervös tippte Jack

10 – Jack schüttelte die …

11 – Jack wachte vor …

12 – Mit einem rasselnden …

13 – Auf dem Krankenhausparkplatz …

14 – »Werdet ihr nach …

15 – Der Regen hatte die …

16 – Die Fremont Abbey …

17 – Jack verließ den …

18 – Catherine nahm bereits …

19 – Nachdem die Tür …

20 – Jack klappte eine …

21 – Jack bog bei …

22 – Jessica saß im

23 – Sie wohnte in …

24 – Jack sprang auf …

25 – »Du brauchst nicht …

26 – Eine Stunde später …

27 – Der Schein der …

28 – Jack fuhr auf …

29 – Hohl klingende Aufschläge …

30 – Jessica stand in …

31 – Sie hatte so …

32 – Die kühle Luft …

33 – Jack fuhr nach …

34 – Kühler Nebel drang …

35 – Alle Augen waren …

36 – Im schweißnassen Jogginganzug …

37 – Vom Herumirren fühlte …

38 – Der Morgen kündigte …

39 – »Hast du die …

40 – Das erste Klingeln …

41 – Nichts kommt dem …

42 – Der Regen peitschte …

43 – »Jack«, sagte Randy …

44 – »He, Junge!«, sagte …

45 – Die Augenbinde saß …

46 – Jack erreichte die …

47 – Dean kniete neben …

Epilog

Prolog

Nur an ihrem rauen Hals merkt sie, dass sie schreit. Ihr Herz hämmert wie wild, die Menge drängelt so heftig, dass sie kaum Luft bekommt, sie fährt mit den Fingern durch das schweißnasse Haar, die Hitze staut sich unter ihrer Jeansjacke; dann wühlt sie sich weiter in die Menschenmenge hinein, alle lechzen nach mehr. Ein Scheinwerfer geht wieder an, die Menge tobt, sie will mehr, Lichtkegel fahren über die verschmutzten Fenster, es wirkt wie ein Feuerwerk. Sie sucht in der Menge nach Lupe. Als das Licht ausgegangen war, war ihr ihre Hand entglitten. Alle hatten ihre Handys herausgeholt, um den Augenblick einzufangen, und sie hatte ihres hochgehalten, um die Menge zu knipsen.

 

Der Kampf hatte sich gelohnt. Sie hatte ihre Mutter zum Teufel gewünscht, war durch die Hintertür entwischt und im Regen bis zur Fremont Abbey geradelt. Vielleicht würde sie danach ja nie mehr nach Hause zurückkehren und die grauen Tage hinter sich lassen. Vielleicht ging sie auch nur kurz nach Hause, um ihre Geige zu holen. Danach würde sie sich wie neugeboren fühlen. Er streckt die Arme in die Menge hinunter, die Ringe an seinen Fingern glitzern im Scheinwerferlicht, auf seiner Haut glänzt der Schweiß. Er streicht einem Mädchen in der ersten Reihe über die Wange, es greift nach seiner Hand und küsst sie. Die Menge hinter ihr drängt nach vorn. Sie spürt eine starke Hand im Rücken, wendet sich um, versucht zu entkommen und sich der Bühne zu nähern, schwelgt in seiner Wärme und spürt das vertraute Gefühl in sich aufsteigen. Nun steht sie im dichten Gewühl ganz vorn. Von allen Seiten drängen sich die Körper um sie. Ein Mädchen mit glattem schwarzem Haar, das nicht Lupe ist, lehnt sich mit geschlossenen Augen an sie und wiegt sich im Takt. Der Schweiß des Mädchens hinterlässt einen feuchten Fleck, ein prickelndes Gefühl durchfährt sie. Neben ihr steht ein Mann in schwarzem T-Shirt, er riecht süßlich, sie sieht zu ihm auf, in sein Gesicht, er ist älter. Sie lächelt, sie wiegen die Köpfe zum Rhythmus der Musik, sein Blick wirkt entrückt, hingebungsvoll, vertraut. In ihrer Tasche liegt etwas Schweres, Glattes. Sie spürt einen stechenden Schmerz, auch der ist ihr vertraut; wie ein alter Freund. Dann überkommt sie ein warmes Gefühl, es wärmt den ganzen Körper, sie schwankt, das Licht scheint gedämpfter, sie geht wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt wurden, zu Boden. Jetzt ist er weg. Die Menge skandiert, verlangt nach mehr, schwappt wie ein Ozean über sie hinweg und zieht sie in sanften Wellen zu Boden. Und Mercers Stimme singt nur für sie allein.

 

Singt sie zurück in die tiefschwarze Nacht.

1 – Jack Temple öffnete …

Jack Temple öffnete die Augen. Sein Körper zuckte und tauchte beim Klingelton des Aufzugs wieder aus der inneren Dämmerung auf. Sein Gesicht war feucht. Er trank den letzten Schluck Kaffee, warf den Becher in den Mülleimer neben der Sicherheitsschleuse. Als sich die silbernen Türen öffneten, trat er ein und sah auf die Uhr. Sein langer Reporterblock lugte aus der Tasche seines Ledermantels hervor. Er hatte keine Tasche dabei; Schlüssel, Brieftasche und Dienstbuch steckten in seiner Jacke. Temple trug nie einen Aktenkoffer oder sonst etwas bei sich, das seine Beweglichkeit eingeschränkt hätte, und immer Schuhe, mit denen er rennen konnte. Für manche war der Reporterberuf ein Schreibtischjob, für Jack war es wie Speed, und zwar in jeder Hinsicht. Er machte süchtig. Er wollte bei einer Story der Erste sein und sichergehen, dass er gut darüber berichtete. Er wollte das erfahren, was andere nicht wussten. Und das zahlte sich aus. Dafür war ihm der George Polk Award verliehen worden. Hohe Auszeichnung. Preis für Enthüllungsjournalismus. Er hob sich jeden Tag von der Masse ab. Hatte die meisten Klicks auf der Website.

Der Aufzug hielt im zweiten Stock, eine Frau stieg ein.

Sie hatte dunkle Augen, trug einen maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug und flache Schuhe. Ihr braunes Haar war kurz, adrett geschnitten und aus der Stirn gekämmt. Eine schlichte Silberkette, an deren Ende sich ein nicht identifizierbarer kleiner Anhänger befand, hing zwischen ihren Brüsten unter der weißen Seidenbluse. Sie lächelte ihm kaum merklich, fast anerkennend zu, wandte sich dann ab und sah geradeaus. Als sich die Fahrstuhltüren öffneten, ging er hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Sicherheitsschleuse am Ende des Flurs piepste, er ging unter dem grellen Licht in die Nachrichtenzentrale der Sun, die großen Fenster hinter den Schreibtischen gaben den Blick über Seattle frei. Berge und dunkelgrüne Wälder begrenzten die Stadt, dahinter lugte weißes Sonnenlicht durch die Wolken und fiel auf die Bucht des Puget Sound.

Er warf Dienstbuch und Notizblock auf den Schreibtisch, im Großraumbüro gab es keinerlei Privatsphäre. Der Raum war lang und nach allen Seiten offen, die Tische waren zusammengerückt. Einige Meter weiter tippte Lindsey Mathews ihre Kolumne über ganzheitliche Gesundheit herunter, sie hatte sich eine Zigarette hinters Ohr gesteckt, ihr Schreibtisch war mit Imbissboxen und Papierstapeln übersät. Catherine Liberatore saß neben seinem Platz, sie durchwühlte gerade mit einer Hand seinen Schreibtisch, tippte mit der anderen etwas ein und hielt dabei das Telefon zwischen Schulter und Ohr. Sie trug Jeans, ein weißes Leinenhemd und hatte ihre schwarzen Locken mit einem Stift hochgesteckt. Ihre vollen Lippen waren rot geschminkt, hinter ihrer Brille mit schwarzer Fassung wirkten ihre grünen Augen heller als sonst, an ihrer rechten Hand steckte ein Ring mit einem Amethyst.

Jack setzte sich und zog den großen Aktenschrank neben ihr auf. Sie formte mit den Lippen ein Dankeschön und kramte darin, bis sie den Stapel Notizblöcke fand, zwei herauszog und ihm den Daumen hoch zeigte.

Andy Ciezalgos am Tisch gegenüber sah auf und nickte zur Ecke hinüber, wo der Teamfotograf Walter Ellis saß und auf sein Telefon starrte. Ciezalgos verdrehte die Augen. Ellis wirkte ruppiger als sonst. Er war achtundzwanzig, groß und trug meist schwarze Jeans und ein zerknittertes Flanellhemd. Er hatte beide Ohren gepierct. Etwas an dem jungen Kerl war attraktiv und schmuddelig zugleich. Er sieht aus, als hätte er sich seit Tagen nicht rasiert, und wirkt verkatert, dachte Jack. Vielleicht war er aber auch gleich nach einem One-Night-Stand zur Arbeit gekommen. Der Lärm des Scanners, Finger, die auf Tastaturen hämmerten, klingelnde Telefone, ernste, neugierige, schnelle Stimmen der Reporter erfüllten den Raum mit einem wohligen Geräusch, das Jack inzwischen schätzte. Das würde ein guter Tag werden. Er würde sich beschäftigen, in der Arbeit aufgehen und keinen zweiten Gedanken daran verschwenden, welcher Tag heute war.

Er hatte gerade den Beitrag aufgerufen, an dem er zurzeit arbeitete, als Danny Conlan, Verleger der Sun, aus seinem verglasten Büro trat.

»Temple, gut. Du bist da. Genau der Mann, den ich sehen wollte«, sagte er.

Conlan war groß und schlank, langbeinig und bereits etwas älter, er hatte dichtes weißes Haar und haselnussbraune Augen.

Conlan reichte Jack einen klebrigen gelben Notizzettel, auf dem eine Adresse stand.

»Was ist das?«

»Unser Vorspann, Schätzchen. Was steht im Bericht über die Fremont Abbey Show gestern Abend?«

»Überdosis, Micaela Crawford, sechzehn, kam tot im Cherry Hill an. Vielleicht fünfzehn Spalten, könnte daraus aber eine Serie über Drogenhandel und Drogentote machen.«

»Bist du sicher, dass es eine Überdosis war?«

Jack zuckte die Achseln. »Bisher gibt es keine Autopsie. Aber ja, schon. Also eine Jugendliche bei einem Rockkonzert? Der Rettungsdienst hat von einer Überdosis Heroin und ein paar Kratzern vom Moshpit gesprochen.« Er betrachtete den klebrigen Zettel. »Was ist das für eine Adresse?«

»Die von Micaela Crawford. Habe gerade mit ihrer Mutter Valerie Crawford telefoniert. Sie behauptet, die Polizei lügt.«

Jack holte Luft. Es war nicht ungewöhnlich, dass Familien von Selbstmördern oder Drogentoten anderswo die Schuld suchten, besonders in den ersten Tagen nach dem Verlust. Das war Jack so vertraut wie sein eigenes Gesicht im Spiegel. Plötzlich fühlte sich der Raum kalt an.

Conlan musterte ihn durchdringend, sein Blick enthielt eine stumme Frage, dann nickte er wie zu sich selbst, als hätte er den richtigen Anruf getätigt. »Okay«, sagte er. »Ich habe ihr gesagt, dass du und Ellis in der kommenden Stunde bei ihr vorbeischaut und mit ihr redet.«

Catherine hatte inzwischen aufgelegt und tippte. Sie blickte weder auf, noch sah sie sich um, sondern sagte nur: »Ich gehe, Danny.« Dann suchte sie ihre Sachen zusammen.

»Das ist mein Gebiet, Cat«, sagte Jack.

Catherine drehte sich zu ihm und sah ihm in die Augen.

»Bist du sicher, Jack?«, fragte sie.

Er nickte kurz.

»Wenn Valerie Crawford mit jemandem reden sollte, dann mit mir«, erklärte er.

2 – »Zum Glück ist …

»Zum Glück ist es kein Unfall«, sagte Ellis geistesabwesend, wischte mit dem Finger über sein Handy und tippte etwas mit dem Daumen ein. Ellis war die Standleitung der Sun zur nationalen Nachrichtenagentur. Fast jedes Foto, das der Kerl schoss, wurde landesweit aufgenommen. Er war ununterbrochen in eigener Sache unterwegs und postete jeden Augenblick seines Lebens. Für Jack wirkte Ellis sogar noch aufgekratzter als sonst. Seit sie sich ins Auto gesetzt hatten, redete er wie ein Wasserfall. Jack musste so ziemlich alles ausblenden, was er sagte. Nun nahm das Riesenbaby den Deckel von seinem Kameraobjektiv und steckte ihn wieder an, das Klicken machte Jack wahnsinnig.

»Ich hasse es, zu Unfällen zu fahren«, sagte Ellis.

»Geht mir genauso«, stimmte Jack zu.

»Ich hasse es, wenn man da ankommt, das Auto in Flammen steht und noch irgendwer drinnen steckt und ans Fenster hämmert. Das mag zwar super für die Titelseite sein, aber irgendwie hasse ich das echt.«

»Irgendwie«, kommentierte Jack trocken und versuchte krampfhaft, nicht hinzuhören.

»Oder Unfälle mit Sattelschleppern. Die sind einfach nur …« Seine Stimme verebbte, und er ging die Fotos auf seinem Smartphone durch. Dann beugte er sich vor und hielt Jack das Handy unter die Nase. »Schau, hab ich dir das schon gezeigt?«

Jack stieß Ellis’ Hand weg. »Ich fahre gerade«, sagte er, konnte es sich aber nicht verkneifen, kurz draufzusehen. »Was ist das?«

»Brianna. Sie ist praktisch das kleinste Mädchen, das ich je getroffen habe. Ich will jemanden finden, der klein ist, weißt du, weil …«

Falls Ellis noch irgendetwas sagte – Jack hörte ihm nicht mehr zu. Stattdessen konzentrierte er sich auf das Geräusch, das der Regen und die Scheibenwischer verursachten, obwohl irgendetwas in ihm heute auf blauen Himmel gehofft hatte, nicht unbedingt auf ein Wunder, einfach nur auf blauen Himmel. Er linste in den Rückspiegel, ärgerte sich, dass er keine Sicht hatte und es weiterregnete. Ein paar Autos hinter ihm scherte ein weißer Lieferwagen auf die rechte Spur aus.

»Was?«, fragte Ellis und drehte sich auch um. »Bullen?«

Jack schüttelte den Kopf.

Sie hielten vor einer Doppelhaushälfte am Fuß des Tukwila Hill. Die Häuser auf den zaunlosen Parzellen waren alle kittfarben gestrichen, die Hecken ordentlich gestutzt, einfache kleine Mittelklassewagen in der Farbe der Häuser standen vor den Einfahrten. Der Garten vor dem Haus der Crawfords wirkte ungepflegt verwildert und wurde durch einen Maschendrahtzaun eingegrenzt, überall wuchsen Gänseblümchen und Sonnenhut.

»Ich kann im Auto warten«, sagte Ellis. »Draußen ein paar Aufnahmen machen, Respekt der Privatsphäre und so.«

Jack starrte ihn an. »Mann, Ellis, sie hat angerufen und uns beide zu sich gebeten.« Der Gedanke, Ellis Walter könne ängstlich sein oder sogar moralische Bedenken bei einem Auftrag haben, war unvorstellbar. Er arbeitete seit Teenagerzeiten bei der Zeitung und hatte dann ein Praktikum absolviert. Mit zweiundzwanzig begleitete er die Spurensuche der Polizei auf der Suche nach Leichenschauplätzen des Green River Killers und hatte Fotos gemacht, die einen erfahren Kriegsfotografen das Fürchten gelehrt hätten, als er noch nicht einmal richtig erwachsen war. Nie im Leben ging es Ellis um den Respekt der Privatsphäre.

»Du bist im Dienst«, erinnerte ihn Jack.

Sie rannten im Regen zur Treppe. Jack drückte die Klingel, und kurz bevor sich die Tür öffnete, versuchte er nicht mehr daran zu denken, wo er gerade war. Die Frau in der Tür war ungefähr in seinem Alter, trug ausgewaschene Jeans, dazu ein weißes Oberteil mit U-Boot-Ausschnitt und einen braunen Ledergürtel mit großer Silberschnalle. Ihr ovales, kantiges, pferdeähnliches Gesicht wirkte aufgedunsen, ihre Augen waren schmal und zugeschwollen. Sie hatte sich nur flüchtig das Haar gekämmt.

»Jack Temple, Seattle Sun«, sagte er reflexartig. »Dies ist Walter Ellis.«

Sie nickte, dann fiel ihm wieder ihr Name ein.

»Missis Crawford«, sagte er. »Es tut uns leid.«

Ellis zappelte neben ihm und senkte den Kopf.

»Mein Verleger hat mir von Ihrem Anruf heute Morgen erzählt. Ich hoffe, es passt gerade«, sagte Jack.

Die Frau nickte kurz. »Bitte nennen Sie mich Valerie«, sagte sie. Sie trat zur Seite und bedeutete den beiden hereinzukommen.

Jack sah sich um; er befand sich in einer typischen Vorstadtwohnung, in der es nach Raumspray und sauberen Fußböden roch. Es gab einen großen Fernseher und Bücherregale, in denen nur Familienfotos standen. Kopien von Bildern von Andrew Wyeth hingen an den Wänden. Jack hatte gelernt, innerhalb weniger Augenblicke alle Einzelheiten eines Raums in sich aufzunehmen. Um Menschen zu verstehen, musste man auch wissen, womit sie sich umgaben. Als Jack einen Notenständer neben dem Fenster sah, fing sein Herz wie wild an zu pochen. Er vermied es, einen Blick auf den Geigenkoffer zu werfen, der daneben auf dem Boden stand. Ellis hatte ihnen bereits den Rücken zugewandt und fotografierte die Wohnung. Die Sachen, die das Mädchen zurückgelassen hatte. Das Gefühl von Verlust und Trauer war überwältigend.

»Dürfen wir ein paar Fotos machen?«, fragte Jack.

Valerie nickte schnell. Ihr Blick wirkte glasig und niedergeschlagen.

»Danke, dass Sie gekommen sind«, sagte sie. »Ich wollte mit jemandem reden, bevor Micaela durch den Schmutz gezogen wird.«

Jack hörte aufmerksam zu. »Erzählen Sie uns, was passiert ist!«, bat er.

Ihre Stimme klang heiser, als sie die beiden durch das Haus führte. »Es ist einfach nicht möglich, dass mein Kindchen sich gestern Abend eine Überdosis verabreicht hat«, sagte sie. »Unmöglich. Das sage ich Ihnen. Ich weiß genau, was alle sagen, und trotzdem … es ist nicht möglich.« Er wusste, was sie tat, sie redete, um ihre Gefühle zu unterdrücken, der Redeschwall diente dazu, dass weder Stille noch Gedanken sich ausbreiten konnten.

In der Küche stand eine Kanne Kaffee, sie holte eine Tasse für Jack, ohne ihn zu fragen, ob er Kaffee wollte. Der Autopilot ist eingeschaltet, dachte Jack. Die Küche wirkte so sauber und ordentlich, dass sie vermutlich die ganze Nacht das Haus geputzt hatte. Ellis gesellte sich nicht zu ihnen, Jack hörte aber im Nebenzimmer das Klicken seiner Kamera.

»Ich halte mich nicht für eine dieser überfürsorglichen Mütter, die denken, dass ihr Kind nie etwas anstellt …« Valerie Crawford errötete. »Nie etwas angestellt hat. Micaela hat Drogen genommen, sie hatte in der Vergangenheit Probleme damit, doch in letzter Zeit war sie nur nach Snapchat und Facebook süchtig.« Sie lachte bitter und unterdrückte einen Seufzer. »Sie war seit über einem Jahr clean. Hatte alle zwölf Schritte gemacht, war bei den Narcotics Anonymous. Nie im Leben wäre sie rückfällig geworden … Das hier hat nichts mit Drogen zu tun, hier steckt was anderes dahinter.«

Jack hatte seinen Block herausgezogen und schrieb schnell mit. »Und was könnte das Ihrer Meinung nach sein?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht«, sagte sie hilflos. »Ich … ich glaube, es hat mit Mercer zu tun. Sie war schon richtig besessen, würde ich sagen.« Ihre Stimme klang dumpf. Erstaunen und Trauer schwappten mit einem giftigen Unterton zu ihm herüber.

»Wie meinen Sie das?«, fragte er. Den Tod der eigenen Tochter der Besessenheit durch Dämonen zuzuschreiben war nicht unbedingt etwas für die Öffentlichkeit.

»Besessen«, flüsterte sie.

Jack dachte an die Geige im Wohnzimmer, hörte auf zu schreiben und versuchte, das Gespräch wieder in konkretere Bahnen zu lenken. »Hat Micaela musiziert?«

Bei der Frage rannen Valerie die ersten Tränen über die Wangen. Sie zog ein Taschentuch heraus und wischte sie fort.

»Ja, hat sie«, sagte Valerie. »Seit ihrem vierten Lebensjahr. Sie hat bei der Jr. Philharmonic Geige gespielt und sollte bald bei der USC Thornton School vorspielen, ein vorgezogener Eintritt. Wir haben uns deswegen gestritten … aber …«

Jack wurde schwindelig, er hörte das Blut in den Adern rauschen. Valeries Stimme wurde immer leiser, bis es fast nur noch ein Flüstern war. Er holte tief Luft und schüttelte den Gedanken ab. Heute, an genau diesem Tag. Wie konnte ausgerechnet das die Geschichte sein, über die er an diesem Tag berichtete?

»Ich weiß, dass sie keine Überdosis genommen hat«, bekräftigte Valerie. »Sie hat geübt und sich monatelang auf das Vorspielen vorbereitet, das hätte sie nicht einfach so sausen lassen.«

Jack suchte nach tröstenden Worten, doch in Valeries Trauer spiegelte sich seine eigene Wehmut wider. Er wusste, wie kalt Worte klingen konnten und dass Schicksal, Glück und falsche Entscheidungen keinen Unterschied machten. Übung spielte keine Rolle. Gut zu sein spielte keine Rolle. Träume zu haben spielte keine Rolle. Kinder starben bei Konzerten, ehemalige Liebhaber drückten während eines Streits auf den Abzug. Menschen mit glorreicher Zukunft verschwanden und verblassten wie weit entfernte Sterne in der Erinnerung.

Ellis stand in der Tür und sah die beiden an. »Ich wusste nicht, dass sie Musikerin war«, sagte er ruhig.

»Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas«, schlug Valerie vor und blickte Ellis diesmal unverwandt an. Im fahlen Licht, das durch die Fenster fiel, beobachtete Jack, wie der junge Mann plötzlich erblasste.

3 – Jack erwartete ein …

Jack erwartete ein typisches Teenagerzimmer, doch als er von der Tür aus hineinspähte, verschwamm plötzlich alles vor seinen Augen, er konnte kaum mehr erkennen, wo der eine Gegenstand begann und der andere aufhörte. Als er wieder klar sehen konnte, fiel ihm auf, dass das Zimmer überall mit Fotos und Worten übersät war. Sie klebten wie eine riesige Collage an den Wänden oder waren daran festgenagelt worden. Und nicht nur die Wände, auch die Decke, der Schreibtisch, das Bücherregal, das Bettgestell – alles war mit Postern, Zeitungsausschnitten, Fotos aus Zeitschriften und Schnappschüssen von Mercer aus dem Internet bedeckt. Alle sorgfältig geglättet und aneinandergereiht. In der Mitte des Zimmers hing das Poster von Sonic Cathedral, Mercers bekanntestem Album. Micaela hatte sogar die Fenster mit Bildern beklebt, sodass sie wie Kirchenfenster aussahen.

Ellis drückte sich an ihm vorbei und knipste systematisch alles, er wirkte wie gelähmt.

Jacks Blick fiel auf etwas an der Wand neben ihm, das ihm bekannt vorkam. Der Titel der Sonntagsausgabe der Sun aus der Moderubrik mit einem Foto von Mercer in Lebensgröße, strahlend blaue Augen und dunkellila Schmalztolle, darunter Jacks Signatur. Er hatte den Beitrag vor zwei Jahren verfasst. Nicht gerade das Gebiet, mit dem er sich sonst befasste. Er war für Catherine eingesprungen, die auf Reha war. Auch Ellis war mitgekommen und hatte ganz vorn ein paar Fotos gemacht – von der Band, vom Publikum, Mercer auf der Bühne auf dem Rücken liegend, während die Fans ihm Blumen und Unterwäsche zuwarfen. Jack fragte sich, ob sein Artikel Micaela Crawford für Musik begeistert hatte.

»Sind Sie gläubig?«, fragte Valerie.

»Ich war schon seit Jahren nicht mehr in der Kirche«, gestand Jack. »Sind Sie gläubig, Valerie?«

»Nicht immer ist die Kirche der geeignete Ort, um Gott zu begegnen«, sagte sie. »Ich bin Mitglied eines Bibelkreises. Ich dachte, ich hätte Sie in der Kirche gesehen«, sagte sie. »In der Heavenly Rest. Sie kommen mir so bekannt vor.«

Jack nickte, antwortete aber nicht.

»Ich wollte Micaela mit in die Kirche … und zum Bibelkreis mitnehmen, aber sie war dagegen. Weil Mercer dagegen war! Seine ganzen Songs über Gott ist Musik und Gott ist Freiheit. Sie sagte immer, dass das ihre höhere Macht sei.«

»War sie mit Freunden beim Konzert?«, fragte Jack und brachte Valerie zum Thema zurück.

Valerie nickte »Mit Lupe.«

»Lupe?«

»Lupe Barnat. Sie waren seit Jahren befreundet und beide Studenten am Northeast Konservatorium.«

Diese Worte waren zu viel für Jack. Einen Moment lang schien die Zeit ohne ihn weiterzulaufen. Als sie zurückkehrte, saß er auf Micaelas Bettkante, und auch das Licht im Raum schien sich verändert zu haben, der Regen draußen hatte nachgelassen. Er sah auf seinen Notizblock – wenigstens hatte er weitergeschrieben, während sie geredet hatte.

»… verschlüsselte Botschaften in Mercers Songs und in den Interviews, die sie sammelte«, erwiderte Valerie auf eine Frage, an die er sich nicht mehr erinnerte. »Mercer hat Micaela das angetan. Er hat sie reingezogen und umgebracht! Oder irgendwas hat sie umgebracht. Sie hätte sich niemals mit Drogen das Leben genommen, nicht einmal versehentlich. Ich weiß nicht genau, wie er das angestellt hat oder weshalb. Aber ich bin sicher, dass bei der Autopsie herauskommen wird, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmt.«

»Sie haben eine vollständige Autopsie beantragt?«

»Ja. Natürlich.«

Valerie saß in der Mitte des Zimmers ihrer Tochter, umgeben von Postern und Zeitungsausschnitten. Ellis hockte vor ihr, sein Fotoapparat klickte leise.

4 – Ellis wirkte abwesend …

Ellis wirkte abwesend, als sie wieder im Auto saßen. »Und du glaubst, hier gibt es eine Story?«, fragte er. »Also, ich meine, mehr als nur die über den Tod des Mädchens?«

Jack schaute auf die Straße und zurück zur Einfahrt, bevor er den Motor anließ, dann sah er zu Ellis hinüber und zuckte die Achseln. »Ja«, sagte er. »Eine Mutter trauert. Ein Talent musste vorzeitig gehen, ein trauriges Ende nach einem erfolgreichen Drogenentzug. Da gibt es ziemlich viele Storys.«

Diesmal scrollte Ellis nicht wie sonst nach einem Auftrag seine Fotos durch.

»Ich meine, was ist ihrer Meinung nach wohl passiert? Sie gibt Mercer die Schuld, aber wenn keine Drogen im Spiel waren, was sollte es dann gewesen sein?«

»Sie weiß es nicht«, erklärte Jack geduldig. »Und wir auch nicht. Vielleicht liegt sie mit ihrem Bauchgefühl ja richtig. Hier geht es nicht um Besessenheit von Dämonen oder Mercer, aber es gibt gewisse Dinge, auf die niemand achtet. Ich werde die Fakten aus dem Polizeibericht für die heutige Ausgabe übermitteln und morgen an dem Profil arbeiten. Konntest du ein paar gute Aufnahmen machen?«

»Klar«, meinte Ellis. »Soll das ein Witz sein? Bei dem Zimmer?« Er wirkte erschüttert, fast so, als wäre ihm übel.

»Gut. In der Zwischenzeit werde ich Chen im West Precinct anrufen und sehen, was sie noch hat. Dann mache ich mich auf die Suche nach Lupe Barnat, diesem Mädchen, das mit Micaela auf dem Konzert war. Mal sehen, ob sie was genommen haben.«

»Klar, Mann. Ich meine nur, ist das nicht Aufgabe der Cops?«

»Hast du schon mal was von Enthüllungsjournalismus gehört? Rein zufällig?«

»He, ich weiß nicht, wie du das machst!«, rief er und grinste. Sein Handy surrte, er sah auf das Display. »Kannst du mich statt bei der Sun beim Pike Place rauslassen? Catherine möchte, dass ich Fotos für dieses Klimawandeldings in der Puget-Sound-Bucht mache.«

»Na klar.« Jack konnte es kaum erwarten, Ellis aus dem Auto zu haben. Er wusste ja selbst nicht, wie er es in dem Zimmer des Mädchens ausgehalten hatte und sich auf die Story konzentrieren konnte, während die Bilder seiner eigenen Tochter so gegenwärtig waren, als stünde sie neben ihm.

Es war fast Mittag, er musste eine Story einreichen, Chen und Lupe befragen. Der nächste Tag war Mittwoch. Er würde sich mit Dean zum Mittagessen treffen, fragen, wie es in der Schule lief. Erleichterung und Dankbarkeit ergriffen Jack, als er an seinen Sohn dachte. Er hoffte, der heutige Tag würde nicht zu hart für den Jungen, ihn nicht entmutigen. Jack hatte den heutigen Tag extra straff durchorganisiert. Fünf Jahre Erfahrung hatten ihn gelehrt, dass es für ihn keinen anderen Weg gab, um ihn zu überstehen. Er musste wieder an Valerie Crawford denken, an den verheerenden Schmerz, der gerade erst eingesetzt hatte. Er dachte daran, dass sie das Kinderzimmer entweder wie einen Schrein hüten oder von allem befreien würde, was ihrem Kind lieb gewesen war.

Doch wenigstens gab es eine Leiche. Wenigstens musste sie sich nicht weiter fragen. Autos fuhren an ihnen vorbei, er merkte sich jedes, das schnell von hinten heranfuhr.

»Alles in Ordnung?«, fragte Ellis.

Jack nickte und fuhr in die Western Avenue.

»Macht es dir was aus, wenn du von hier aus zu Fuß gehst?«, fragte er Ellis. »Mir ist gerade eingefallen, dass ich noch einen Termin habe.«

5 – Jack saß in …

Jack saß in Shorts und schwarzem T-Shirt im Arztzimmer. Sein kräftiger, wohlproportionierter Körper stand unter Spannung, er wartete aufmerksam und besorgt darauf, was der Arzt ihm zu sagen hatte.

»Das MRT ist unauffällig«, sagte Sklar.

Jack spürte, wie sich seine Schultern entspannten.

Dr. Sklar war untersetzt, etwas rundlich und ungefähr zehn Jahre jünger als Jack. Er hatte hellbraunes Haar, das am Oberkopf allmählich dünner wurde. Er trug eine runde Brille mit Drahtgestell, einen gut gestutzten Bart, der um das Kinn herum fast blond war. In der Tasche seines offenen blauen Hemds steckten zwei Stifte, ein kleiner Notizblock und ein Zungenspatel in einer Papierhülle. Ein kleiner tanzender Bär aus Emaille war an der Brusttasche befestigt. Er klappte eine Seite in Jacks Grafik auf und runzelte die Stirn.

»Hilf mir! Wie alt warst du noch mal?«

»Acht«, sagte Jack.

»Acht.« Sklar nickte. »Du musst dich besser um deine Grundbedürfnisse kümmern. Du schläfst zu wenig, isst schlecht und trainierst wie besessen. Trinken hilft auch nicht, genauso wenig wie Rauchen und Sechzehnstundentage.«

»Mit dem Rauchen habe ich aufgehört«, beteuerte Jack.

»Glückwunsch«, sagte Sklar trocken. »Was ist mit der Angst?«

Jack zuckte die Achseln.

»Bist du auf dem Weg hierher über die Brücke gefahren?«

Jack nickte, lachte kurz auf und sah weg. Allein die Frage verursachte ihm Übelkeit. Er wartete darauf, dass Sklar ihm seine monatlich wiederkehrende Frage nach einer Überweisung an einen Psychiater stellte.

»Erinnerst du dich daran, dass du rübergefahren bist?«

»Klar«, antwortete Jack.

»Du weißt, mehr kann ich nicht tun«, sagte Sklar und stöhnte. »Ich kann dich einweisen. Als du noch klein warst, gab es noch keine Therapeuten für Kinder, die das durchgemacht hatten, was du durchgemacht hast. Das Gehirn ist sehr formbar, aber …«

»Es geht mir gut« sagte Jack.

Ohne hinzusehen, nahm er sein Hemd, fühlte nach den Knöpfen und steckte einen Arm in den Ärmel.