Träger - Lukas Teusch - E-Book

Träger E-Book

Lukas Teusch

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Beschreibung

Dämonen in seinen Körper einzulassen ist ein gefährliches Unterfangen. Das wissen auch die Mitglieder des Dämonenclans aus Lexington, die sich, wie alle 18 Jahre, auf ihr traditionelles Ritual vorbereiten. Doch dann kündigen sich immer mehr Probleme an. Undeutbare Träume, Verstöße gegen Abkommen und ein neues Mitglied voller Geheimnisse führen letztlich in einen Kampf ums Überleben, bei dem anfangs noch nicht abzusehen ist, wie viele Opfer seine Beendigung kosten wird.

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Seitenzahl: 713

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ein König... ein König muss gieriger sein, er muss lauter lachen, und er muss rabiater sein. Er muss sämtliche Extreme verkörpern, damit sein Volk zu ihm aufsieht. Sowohl die guten, als auch die bösen Extreme. Genau aus diesem Grund wird er von seinem Gefolge geliebt und geehrt. Und so brennt die Sehnsucht des Königs auch in den Herzen seines Volkes.

Alexander der Große Fate/Zero

Ich werde sie aus dieser Welt vertreiben und auslöschen! Jeden Einzelnen von ihnen!

Eren Jeager Attack on Titan

Wenn der König nicht zieht, folgen ihm seine Untergebenen nicht.

Lelouch vi Britannia Code Geass

Inhaltsverzeichnis

Erster Abschnitt: Das letzte Mitglied

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Zweiter Abschnitt: Die Trägerzeremonie

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Dritter Abschnitt: Einer für alle; Alle für einen

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Vierter Abschnitt: Das Turnier der Anführer

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Fünfter Abschnitt: Widerstand

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Sechster Abschnitt: Das letzte Gefecht

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Erster Abschnitt:

Das letzte Mitglied

Simon

Kapitel 1

Blitze erhellten den Raum. Draußen tobte ein Gewitter, wie es Lexington schon seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Durch die große Fensterfront am Ende des Zimmers konnte Simon den Strudel aus dunklen Gewitterwolken am Himmel sehen. Riesige Tropfen prasselten gegen das Glas und erzeugten dadurch eine Komposition der harschen Naturgewalten, untermalt von dem pfeifenden Wind, der wie ein Grundrauschen das Fundament dieser orchestralen Symphonie zu bilden schien.

Vor dieser Wand aus Glas stand ein schwarzer Schreibtisch, hinter dem der Anführer des Dämonenclans, Regias Sturrneck, thronte. Dessen feurig roten Augen schienen neben den Blitzen die einzige Lichtquelle zu sein, die Simon in dem Raum erkennen konnte und genau diese starrten seine Tochter Celia an, welche sich gerade mit fassungsloser Miene über seinen Tisch beugte.

Ihre schwarzen, langen Haare gaben nur ein Teil ihres Gesichts frei, welches in Simons Augen auch ohne Make-up schöner und makelloser als alles war, was er jemals hatte sehen dürfen.

Neben ihrer Schönheit war sie stark, klug und kühn. Nicht nur er sah in ihr die perfekte Anführerin. Trotz dass normalerweise bei einem Ableben des vorherigen Anführers der nächste über einen Wettstreit bestimmt werden würde, hatte niemand Zweifel daran, dass sie diesen Posten bekleiden würde.

„Ist das dein Ernst?“, fragte Celia ihren Vater hörbar überrascht. „Simon und ich sind nicht einmal Träger! Wir befinden uns gerade mal in der Ausbildung und du willst uns diesen Einsatz anvertrauen?“

Zwar versuchte sie wie immer ihre Fassung zu wahren, doch gerade jetzt schien es ihr sichtlich schwerzufallen, ihre freudige Erregung im Zaum zu halten. Insbesondere ihre blauen Augen glühten förmlich vor Enthusiasmus. Er hatte sie schon lange nicht mehr so aufgeregt erlebt.

Seitdem er mit ihr zusammen die Ausbildung als Träger begonnen hatte und sie daraufhin als Mitglieder derselben Einheit auserkoren worden waren, war ihr Ausdruck zumeist abweisend und hart gewesen. Deshalb war sie einmal so energetisch zu sehen, für Simon etwas ungewohnt, aber er freute sich trotzdem, dass sie sich manchmal erlaubte, so ausgelassen zu sein.

„Natürlich vertraue ich meiner Tochter diesen Einsatz an“, sagte Regias zu ihr in einem selbstverständlichen Tonfall. „Und du, Simon, wirst mir ja auf sie aufpassen, denn sonst ...“ Er bedachte ihn mit einem drohenden Blick und erhob sich von seinem Stuhl. Selbst im Dunkeln erkannte Simon die muskelbepackten Arme, welche seine Lederjacke zum Zerreißen spannten.

Und noch etwas ließ ihn erschauern. Die Augen ihres Anführers brannten förmlich, so intensiv war der Blick geworden, mit dem Regias ihn scheinbar zu durchbohren versuchte. Simon spürte eine unglaubliche Präsenz von ihm ausgehen, welche die Erdanziehungskraft um ein Dreifaches ansteigen lassen hatte. Er konnte sich kaum auf seinen Beinen halten, so groß war der Druck geworden, der da urplötzlich auf seinen Gliedern lastete.

Für einen kurzen Moment erschien es ihm, als würde eine weitere Person hinter Regias stehen, die direkt aus den Schatten dieses mächtigen Mannes auf ihn, Simon, herabsah. Doch es war keine Person, weil das würde implizieren, dass sie menschlich gewesen wäre. Und so wie Simon das sah, konnte nichts Menschenähnliches solch eine bestialische Aura ausstrahlen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Simon sich mit einer Bestie konfrontiert gesehen hätte, aber diese hier war nicht nur eine, sondern mehrere Nummern größer, als alles andere, dem er so jemals gegenüber gestanden hatte. So viel mächtiger und gefährlicher.

Jeglicher Instinkt in Simons Körper hielt ihn zur Flucht an. Er wusste, dass er sterben würde, und zwar in absehbarer Zeit; zerfleischt von einem Monster ... diesem Monster, das sich mittlerweile drohend vor ihm aufgebaut hatte ...

Da entspannten sich Regias Züge schlagartig und er begann aus vollem Halse zu lachen. Der Druck war verschwunden und Simon fragte sich, ob sein Verstand ihm nur einen Streich gespielt hatte.

Dabei sagten ihm seine immer noch zitternden Knie etwas anderes. Erleichtert entspannte sich seine Brust und er holte einmal tief Luft, um sich wieder zu beruhigen.

„Du hättest dein Gesicht sehen sollen“, prustete Regias und Simon wurde aus seinen Gedanken gerissen. Er hatte wohl ziemlich verängstigt drein geschaut, aber wenn der Anführer des Dämonenclans hier in Virginia, Lexington, einen so ansieht, bekam man es nun einmal mit der Angst zu tun.

Kein Wunder, dass Celia genauso drohend schauen kann. Der Apfel fällt wohl nicht weit vom Stamm.

Erst grinste Simon bei dem Gedanken an sie und sah dabei zu ihr herüber. Aber als er dann bemerkte, wie verträumt er sie gerade angestarrt haben musste, schüttelte er sich, wandte seinen mittlerweile hochroten Kopf von ihr ab, und begann, wahllos in der Gegend herum zu schauen.

„Was grinst du denn jetzt, du solltest dich schämen!“, gluckste Regias weiterhin lachend. „So, zu aller erst muss es hier mal hell werden. Dunkelheit hatte ich heute schon zu Genüge. Es werde Licht!“

Während er das sagte, klatschte er zweimal lautstark in seine muskulös aussehenden Hände und der goldene Kronleuchter an der Decke des Zimmers erhellten den Raum.

Durch das aufflammende Licht kam der vorhandene Prunk voll zur Geltung. Die Wände wurden von Bannern bedeckt, von denen jedes die Farben Rot und Gold beinhaltete. Erstere Farbe wurde dabei zumeist als fundamentaler Grundton der Seide verwendet, während die Goldfäden den unterschiedlichen Wappen eine Form verliehen. Jedes stand dabei für einen der Dämonenclans, die auf der ganzen Welt verteilt waren.

Und nicht nur ihre Form unterschied sich immer wieder bei der Bannergestaltung, sondern auch die Größe des Banners variierte zum Teil drastisch. Da sie das Ansehen und den Einfluss des jeweiligen Clans repräsentierten, glich keines dem anderen.

Zwei waren dabei besonders riesig. Zum einen war das ein mächtiges Näherzeugnis an der linken Wand, das von einer goldenen Flamme geziert wurde, während ihm gegenüber auf der rechten Seite ein Wandteppich großer Stoffvorhang mit dem Symbol einer goldenen Uhr bestickt worden war.

Die goldene Rose, die Regias Clan repräsentierte, war jedoch auf keinem Banner zu finden. Stattdessen zierte sie den antiken Teppich, der einen Großteil des Bodens in dessen Arbeitszimmer bedeckte und erst kurz vor seinem Schreibtisch aufhörte.

„War das Magie?“, fragte Simon erstaunt, während er noch versuchte, seine Augen an das grelle Licht zu gewöhnen.

„Nein, Smart Home“, gluckste Regias. „Auch traditionelle Familien eines Dämonenclans dürfen modern leben, oder nicht? Außerdem ist das verdammt praktisch! Ich meine, ich kann sogar die Heizung hier anmachen, wenn ich gerade auf dem Rückweg von einem Einsatz bin, und dann ist es hier wohlig warm.“ Simon sah seinem verträumten Grinsen an, dass er eine warme Umgebung deutlich bevorzugte.

„Na ja, genug geplaudert“, ermahnte Regias Celia und Simon. Damit schien er aber mehr sich selbst zurechtzuweisen wollen, denn der Einzige von ihnen, der sich bemühte, seine Ernsthaftigkeit beizubehalten, war er selbst.

„Wie ich gerade schon Celia erklärt habe, wird demnächst die Trägerzeremonie stattfinden. Dabei wird auch unsere Tradition abermals vollzogen, bei dem wir einen Aussätzigen, welcher die nötigen Fertigkeiten besitzt, ebenfalls die Möglichkeit geben, daran teilzunehmen. Ihr werdet diesen Aussätzigen bestimmen. Dabei obliegt euren Mentoren, Girot und Henry, die Beurteilung der Kompetenzen und euch die Entscheidung nach Eindruck und Charakter. Es wird zwar nicht viele Qualifizierte geben, die wirklich eine Chance haben, die Trägerzeremonie zu überleben, jedoch wird die Person, falls er oder sie überlebt, das letzte Mitglied eurer Einheit werden. Und eure Einheit wird eure Familie sein. Sie wird euch näher stehen, als jeder andere. Wählt also mit Bedacht!“

Simon schluckte und sah auch bei Celia eine leichte Anspannung, welche sich unter ihre anfängliche Euphorie mischte.

Der Gedanke, das letzte Mitglied der Einheit selbst auswählen zu müssen, beunruhigte Simon. Die Vorstellung, die nun schon gewohnte Zweisamkeit mit Celia aufzugeben und eine neue Person in ihren Reihen zu empfangen, ließ seine Muskeln verkrampfen und sein Herz vor panischer Aufregung schneller schlagen. Würde er diesem Menschen vertrauen können, als wäre von Anfang an Teil seiner Familie gewesen?

Natürlich macht mir das nichts aus. Die Einheit ist die Einheit. Alle anderen sind auch zu dritt, also warum sollte das bei uns jetzt ein Problem werden? Ich meine, wir werden ein Team sein und dabei sollte man sich gegenseitig vertrauen. Wir müssen uns gegenseitig vertrauen!

Außerdem war jemandem, der niemanden mehr hatte, eine neue Familie zu geben, etwas, dass Simon eigentlich nur unterstützen konnte. Er selbst war vor Jahren von Regias und den anderen aufgenommen worden und hatte dadurch ebenfalls eine neue Familie gewonnen. Obwohl neu wohl das falsche Wort war, wenn man nicht einmal mehr wusste, ob es dort mal eine alte gegeben hatte.

Er atmete abermals tief durch und merkte, wie seine Muskeln sich ein wenig entspannten und sein Herzschlag langsamer wurde. „Ich werde alles tun, um Celias Sicherheit zu gewährleisten“, stammelte er aufgeregt und versuchte dabei, so entschlossen wie möglich zu klingen. Regias grinste.

„Das wollte ich hören“, sagte er mit einem respektvollen Nicken, während Celia zwischen beiden Parteien hin und her schaute.

„Jetzt mal langsam!“, warf sie verständnislos in den Raum. „Für meine Sicherheit garantiere ich schon selbst.“ Sie sah Simon an. „Und außerdem“, sagte sie, wobei sie genervt auf ihrer Unterlippe kaute, „kann er doch sowieso nicht viel ausrichten. Er sollte sich lieber verstecken, damit ich mir nicht auch noch um ihn Sorgen machen muss.“

„Kinder, Kinder, beruhigt euch!“, warf Regias dazwischen. Simon war dankbar für den Einwand des Anführers. Er wusste, dass seine Erscheinungsform nicht viel hermachte, da er zwar recht groß, dafür aber nicht sonderlich muskulös war. Außerdem zogen ihn immer alle mit seinen blonden, verstrubbelten Haaren auf, die mehr Ähnlichkeit mit denen der Abgesandten des Engelsclans hatten. Deshalb war sein Spitzname Engelsknabe, welchen sich Celia am ersten Tag der Ausbildung für ihn ausgedacht hatte. Trotzdem gefiel es ihm nicht gerade, vor allem von ihr solche Bemerkungen direkt an den Kopf geworfen zu bekommen.

„Ich bin aber ein ausgezeichneter Tracker, auch ohne den Trägerpakt“, entgegnete Simon mit mehr Selbstvertrauen in der Stimme, als noch im Gespräch mit Regias. „Und deshalb werde ich dich garantiert nicht enttäuschen“, fügt er an Celia gewandt hinzu. Sie atmete seufzend aus und schüttelte den Kopf, während sie sich zum Gehen wandte.

„Na ja, das werden wir ja sehen. Wir müssen los, Engelsknabe! Auf Wiedersehen, Vater.“ Sie marschierte in Richtung der großen Eingangstür und Simon stolperte hinter ihr her.

Als er ihr nachlief, stach ihm noch einmal ihre ganze Schönheit ins Auge. Ihr langes schwarzes Haar reichten ihr ein wenig über die Schultern und glänzten im goldenen Licht des Kronleuchters. Unter der Lederjacke verbarg sich eine athletische Figur und die enge Cargohose um schmiegten ihre trainierten Beine, sodass sie voll zur Geltung kamen. Kein Wunder, dass er in ihrer Gegenwart nicht mehr klar denken konnte.

Und auch in diesem Moment ging es ihm so, denn er merkte viel zu spät, dass er gerade nicht die Eingangstür, sondern den Türrahmen anpeilte.

Celia

Kapitel 2

Celia hörte ein dumpfes Klock hinter sich. Ursprung des Geräuschs war Simon gewesen, welcher gegen den Türrahmen gelaufen war, und sich nun mit schmerzverzerrten Gesicht den Kopf rieb.

Sie war immer wieder fassungslos, wie er so tollpatschig sein konnte. Seit sie beide zusammen in eine Einheit gewählt worden waren, hatte sie bemerkt, wie viel Potenzial er in sich trug und es nervte sie zu sehen, wie wenig er doch mit diesem anzufangen wusste.

Sie rollte einmal kurz mit den Augen und drehte sich dann wieder zur Tür um. „Komm schon, Engelsknabe“, rief sie Simon zu. Dieser folgte ihr taumelnd, scheinbar immer noch benommen von dem Zusammenstoß mit dem Türrahmen.

Gemeinsam traten sie auf die Empore hinaus. Diese bildete das oberste Stockwerk des Anwesens, welches nach vorne hin zu einem großen Treppenhaus geöffnet war. Roter Teppich säumte auch hier den Boden und die Wand hinter ihnen war ebenfalls mit Rot- und Goldtönen tapeziert, den repräsentativen Farben des Dämonenclans.

Die große und imposante Art der Halle hatte ihr schon immer das Gefühl gegeben, Teil einer Gemeinschaft zu sein, da alles so offen und luftig gestaltet worden war. Das Dach, welches Celias persönliches Highlight war, bestand aus Glas und hatte die Form einer Kuppel, die am Tag das Sonnenlicht einließ und damit die ohnehin schon heimelige Atmosphäre im Anwesen weiter verstärkte. Aktuell war dadurch aber nur die draußen vorherrschende Wetterdystopie beobachtbar.

Das rotbraune Geländer aus Sappanholz, welches an der offenen Seite des Flurs angebracht war, verlieh dem ganzen eine rustikale und doch warme Art, die Celia schon als Kind geliebt hatte. Sie lehnte sich dagegen und sah durch die große Glasfront über dem Eingang auf das untergehende Lexington hinab.

Die aufleuchtenden Blitze erhellten die Halle nur sporadisch, aber genug, um sich zurechtzufinden. Zudem war Celia eine überaus kompetente Scout, wodurch sie mit ihren scharfen Augen in der Lage war, auch in dieser Dunkelheit das Allermeiste zu erkennen. Ihr fiel es deshalb nicht sonderlich schwer, sich geschmeidig über den Flur zu bewegen, was man, wie Celia feststellen musste, von Simon nicht behaupten konnten.

Dieser hatte es nämlich geschafft, eine Vase von ihrem Sockel zu stoßen und bemühte sich mit hochrotem Kopf, diese zurück auf ihre alte Position zu hieven. Sie sah sich zu ihm um, betrachtete die goldenen Engelslocken, die ihm seinen Spitznamen eingebracht hatten, die schlanke Figur, die von einem hellgelben T-Shirt bedeckt wurde, und über die sich die etwas zu große Lederjacke legte.

Das passiert, wenn du das Training nicht ernst nimmst. Wann merkst du endlich, dass das hier alles kein Spiel ist, Simon?

„Sei leise! Denk an die Nachtruhe!“, fuhr Celia ihn an, welcher es gerade geschafft hatte, die Vase wenigstens halbwegs wieder an Ort und Stelle zurückzustellen.

Celia wusste, wie stressig es werden konnte, einen der anderen zu wecken. Häufig endete es in einem wilden Wortgefecht, gefolgt von einer kleinen Rangelei, bei der meist irgendwelche Schäden an der Einrichtung oder dem Anwesen entstanden. Das letzte Mal war die große Glasfront über dem Eingang zerstört worden, da ihr Vater von einem der anderen geweckt worden war, als dieser sich aus Hunger einen Snack in der Küche genehmigt hatte. Dieser jemand war prompt von ihrem Vater auf dem direkten Weg nach draußen geschleudert worden.

Das war das erste und letzte Mal gewesen, dass Regias einen solchen Tumult veranstaltet hatte. Jedoch zeigte er Wirkung. Seit dem Tag, erinnerte sich Celia, hatte sich keiner mehr getraut einen Mucks zu machen, während die Nachtruhe galt, da jeder wusste, dass bei so etwas mit dem Anführer nicht zu spaßen war.

Diese Präsenz, die ihr Vater ausstrahlte, bewunderte sie so an ihm. Deswegen hatte sie sich immer angestrengt, ihm ebenbürtig zu werden. Sie war zur Stärksten der Nachwuchsträger gekürt worden und erhielt vor allem von ihrem Mentor Henry häufig Lob. Dabei sahen viele, wie hart sie dafür arbeiten musste, doch einige wenige schoben es auf den Fakt, dass Regias ihr Vater war.

„Starke Gene, da kann man wohl nichts machen“, sagten sie dann immer, wenn Celia in einem Trainingskampf mal wieder gegen sie gewann oder bei einer Scoutprüfung besser war.

Mit diesen Aussagen war Celia schon ihr Leben lang bombardiert worden und sie war es leid, immer nur mit ihrem Vater verglichen zu werden oder zu hören, dass er allein der Grund für ihre Stärke sein sollte.

„Genau deshalb werde ich ein noch stärkerer und mächtigerer Anführer als mein Vater einer ist und dann werde ich euch zeigen, dass wahre Kraft nicht einfach vergeben wird, sondern sich hart erarbeitet werden muss“, zischte sie zwischen vor Wut zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Hast du was gesagt?“, fragte Simon, welcher, wie Celia bemerkte, direkt neben ihr am Geländer stand und ihre, mittlerweile weiß gewordenen, Finger anstarrte, mit denen sie scheinbar versucht hatte, das Holz zu zerdrücken.

„Nein, alles gut“, entgegnete Celia mit aufgesetzter Gelassenheit. „Komm! Wir wollen nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregen, als ohnehin schon. Außerdem müssen wir uns beeilen. Henry und Girot warten schon.“

Sie liefen Richtung Treppe und schlichen diese herunter. Unten ankommen kamen sie an ihrem Zimmer vorbei und Celia sah auf das Schild, auf dem geschrieben stand: Raum 15, Bewohner: Celia Sturrneck, Simon Willia.

Dass darunter bald der Name ihres neuen Einheitenmitglieds stehen würde, ließ sie unruhig werden. Die letzte Trägerzeremonie war schon eine Generation her und obwohl Celia versucht hatte, aus verschiedenen Trägern herauszubekommen, wie es so war einen völlig Fremden in ihre Reihen aufzunehmen, wusste keiner mehr so genau, wer denn der Fremde beim letzten Mal gewesen war. Nur ihr Vater erinnerte sich, dass dieser Jemand mit seiner Einheit nach New York begeben hatte, um dort bei den großen Älteren des Dämonenclans in die Lehre zu gehen. Somit hatte sie noch immer keine Ahnung, wie man am besten mit so einer Situation umging.

Doch eines wusste sie genau, und zwar, dass es nichts bringen würde, jetzt lange darüber nachzudenken. Sie wandte ihren Blick von dem Schild ab und schritt weiter auf leisen Sohlen den Gang des ersten Stocks hinab, während Simon hinter ihr her stolperte.

Dabei kamen sie an den Räumen anderer Träger und Nachwuchsträger vorbei und Celia fiel auf, dass schleichen eher überflüssig war, da das Schnarchen, welches aus einigen der Zimmer drang, in dieser Nacht so laut war, dass sie nicht einmal Simon hinter ihr poltern hörte.

Die jeweiligen Zimmertüren waren alle unterschiedlich gestaltet. Keine glich der anderen und sie wurden von den Bewohnern der dahinterliegenden Gemächer selbst entworfen, wodurch jede Tür den individuellen Charakter der Bewohner widerspiegelte. Man konnte sogar schon an der Tür erkennen, wer darin wohnte, was dazu führte, dass die Türnummern keine Relevanz hatten.

„Erinnerst du dich noch, wie wir Olivia, Jay und Jessy geholfen haben ihre Türidee umzusetzen?“, fragte Simon Celia, als sie an einer Tür vorbeikamen, welche in der Mitte ein großes Katana und drum herum zahlreiche leere Süßigkeitenpackungen aufwies.

„Natürlich erinnere ich mich“, antwortete Celia. Sie hatten damals Süßigkeiten im Überfluss essen müssen, um genug Packungen zum ankleben zu haben und die Streitereien bei der Planung zwischen den dreien waren einfach urkomisch gewesen. Jay hatte unbedingt seine Faszination für Samurai darstellen wollen, während Jessy und Olivia ihren Süßigkeitenwahn zu verewigen versucht hatten. Am Ende war das dabei heraus gekommen.

„Ich finde, es ist wunderschön geworden“, sagte Simon fröhlich und grinste sie an und Celia wusste, dass dies einer der wenigen Momente war, wo sich der Engelsknabe ihr gegenüber öffnete und nicht nur versuchte, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Das bedauerte sie zwar, aber sie hatte schon länger beschlossen, dass sie nicht nachlässig mit ihm sein durfte. Er würde nie lernen, sich nicht ständig selbst im Weg zu stehen, wenn es ihm niemand aufzeigte.

„Wir sollten weiter“, hielt sie Simon zu Eile an, während sie ihren Blick wieder auf die restlichen Etagen richtete, die sie noch hinabzulaufen hatten. „Wir haben immerhin eine Mission zu erledigen.“

Unten vor dem Eingang warteten schon Henry und Girot auf ihre Schüler.

Henry war seit Celias zwölften Geburtstag ihr Mentor gewesen. Das Erreichen dieses Alters stand im Dämonenclan für den Beginn der Ausbildung zum Träger und die Tradition besagte, dass man einen Mentor zur Seite gestellt bekommt, der sich einem annimmt. Dabei sind die Mentoren immer Träger mit schon einigen Generationen Erfahrungen und da die Trägerzeremonie nur alle achtzehn Jahre stattfand, bedeutet dies, dass nicht wenige von ihnen ein durchaus hohes Alter vorweisen konnten.

Celia dachte häufiger darüber nach, konnte beim Anblick von Henry aber keine Spur von einer Alterung erkennen, die über das zwanzigste Lebensjahr hinausging. Seine kurzen, braunen Haare fielen ihm leicht ins Gesicht und seine durchdringenden, grünen Augen wandten sich ihr zu, als er sie kommen sah.

Er lächelte bei ihrem Anblick und entblößte dabei seine makellos, weißen Zähne. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift 'Not even hell is hotter than me', welches ihm definitiv eine Nummer zu klein war, und durch das sein athletischer Körper in Szene gesetzt wurde. Seine Lederjacke, mit dem orange brennenden Auge darauf, trug er locker über der Schulter.

„Jo“, rief er nur und kam mit zum Gruß erhobener Hand auf Celia zu. Sie mochte ihn. Er war cool und hatte Humor, wusste aber auch, wann es Zeit war, ernst zu bleiben.

„Hey“, entgegnete sie und schlug in Henrys Hand ein.

Simon begrüßte indessen seinen Meister Girot, dem man im Gegensatz zu Henry sein gehobenes Alter deutlich ansah. Doch da Träger langsamer alterten, als gewöhnliche Menschen, konnte Celia nur Vermutungen anstellen, wie alt Girot wirklich war. Simon hatte mal gemeint, dass er schon über zweihundert sei, und das war bei seiner Erscheinung auch nicht unbedingt aus der Luft gegriffen. In seinem braunen Umhang und wie er sich so an seinen Holzstab klammerte, welcher ihm wohl beim gehen helfen sollte, wirkte er eher wie kurz vor einer Einlieferung ins Altersheim. Jedoch hatte Celia schon einige erstaunliche Dinge von Simon über ihn gehört, unter anderem, dass er beim Training deutlich agiler und wendiger sein sollte, als man aufgrund seines Auftretens annehmen würde.

Erst hatte sie Simon skeptisch beäugt, doch sein ernster Blick hatte ihr gezeigt, dass er, genau wie sie, ein Zweifler gewesen war, bis er es selbst zu spüren bekommen hatte. Außerdem zeigte das Zeichen auf dem Rücken von Girot eindeutig, dass er einer von ihnen war. Zwei graue Krallen umschlossen dort eine ebenfalls graue Rose, was ihn als ein einen Tracker auswies. Auch Simons Jacke zierte dieses Symbol, der Unterschied lag hierbei aber in der farblichen Gestaltung, denn dessen Krallen waren nicht grau sondern gelb.

Fertig mit den Begrüßungsformalitäten drehte sich ihr Einheitskollege zu ihr um und sie sah in seinen Augen einen Blick voller Entschlossenheit.

„Na dann los, Engelsknabe!“, spornte sie sich und ihn ein letztes Mal an. „Zeit für unsere erste Mission!“

Simon

Kapitel 3

Sie waren gerade mal ein paar Meter gelaufen, da wollte Simon schon wieder umdrehen und ins Anwesen zurückkehren. Ihm war kalt, es regnete in Strömen und Donner grollte.

Er stöhnte auf. Warum musste denn genau heute so ein Wetter herrschen? Gewitter waren noch nie sein Ding gewesen. Er wusste nicht, weshalb dem so war, doch irgendwie fühlte er sich unwohl, fast als würden sie ihn an etwas erinnern.

„Engelsknabe!“, rief Celia seinen Namen und er schreckte aus seinen Gedanken. Verdutzt sah er sich um und bemerkte den abschätzigen Blick, mit dem sie ihn musterte. Sie, Henry und Girot waren schon ein ganzes Stück von ihm entfernt.

„Du fällst zurück“, bedeutete sie ihm. „Beeil dich ein bisschen, sonst gehst du nur verloren und tust dir weh.“

„J... Ja, ich komme“, gab Simon immer noch etwas verdattert zurück und beeilte sich, wieder zur Gruppe aufzuschließen. Dabei bemerkte er den Bordstein nicht, welcher sich ihm direkt in den Weg stellte und ehe er sich versah, fand er sich bäuchlings auf dem angrenzenden Fußweg, der eben überquerten Straße, wieder.

„Wie ich sehe, verletzt du dich auch, wenn wir dich noch nicht verloren haben“, kommentierte Celia den Sturz, bevor sie ihren Weg fortsetzte und ihn am Boden liegen ließ. Simon lief puterrot an und Girot half ihm schnell wieder auf die Beine.

Muss sie mich denn immer behandeln, als wäre ich noch ein Kind?

Den restlichen Weg den Berg hinab, auf dem das Anwesen stand, geschah nichts Außergewöhnliches. Simon hörte, wie Celia sich mit Henry unterhielt und sah, dass sie sogar ein wenig schmunzelte, nachdem er wohl einen Witz gemacht hatte.

Der Anblick ließ ihn neidisch werden. Er würde auch gerne mal mit Celia so entspannt reden und sie vielleicht sogar zum Lachen bringen können. Dafür fehlte ihm aber das nötige Selbstvertrauen. Seitdem er sich erinnern konnte, hatte sie in ihm nie mehr gesehen, als einen nervigen kleinen Bruder, auf den man immer aufpassen musste, damit er nicht in Schwierigkeiten geriet. Würde sie ihn jemals mit anderen Augen ansehen, als mit den jetzigen? Mit Augen, in denen wohlige Wärme lag und nicht nur klirrende Kälte?

Sie erreichten den Fuß des Berges und vor ihnen erstreckte sich Lexington. Es war eine recht kleine Stadt in Virginia, jedoch groß genug, um sich zu verlaufen. An vielen Stellen war sie sehr schön anzusehen und übersät mit Einfamilienhäusern, die durch ihre akribisch gepflegten Vorgärten voller bunter Blumen bestachen.

Aber es gab auch weniger schöne Viertel in der Stadt, Viertel, in die man sich normalerweise nicht freiwillig begab. Und genau auf die schienen sie, wie Simon bemerken musste, geradewegs zuzusteuern. Auf der einen Seite beunruhigte ihn das, doch auf der anderen wusste er, dass es für ihre Mission sinnvoller wäre, dort nach einem Aussätzigen zu suchen, als hier in den wohlhabenden Abschnitten.

Doch die Stadt ließ ihn seine Nervosität vergessen. Alles leuchtete in roten und weißen Farben, da zu diesem Zeitpunkt das Fest der Übersinnlichkeit gefeiert wurde.

Viele Menschen in Lexington waren abergläubisch. Das beruhte auf Mythen und Legenden, welche besagten, dass vor langer Zeit die Einheimischen hier Dämonen und Engeln Zugang zu ihren Körpern gewährt haben sollten. Dabei gab es wohl zwei mögliche Ausgangsszenarien. Entweder seien sie von den Kräften, die sie aufgenommen hatten, übernommen und versklavt worden, oder sie hatten die Kontrolle darüber erlangt, wodurch ihnen übermenschliche, gar magische Kräfte zuteilgeworden sein sollten.

Simon musste schmunzeln, als er sich in Gedächtnis rief, dass selbst hier in Lexington dies immer noch nur als Legende galt, obwohl Vertreter dieser beiden Clans direkt vor ihrer Nase lebten. Doch das Schmunzeln hielt nicht lange an, als er bemerkte, dass seine Gedanken ihn wohl wieder vereinnahmt hatte.

Er sah sich nach allen Seiten um, aber weder Girot, noch Celia oder Henry waren irgendwo zu sehen. Nun doch wieder etwas nervös, beschleunigte Simon seine Schritte und versuchte so, zu ihnen aufzuschließen, aber er konnte sie nirgendwo entdecken. Sein schnelleres Gehen wurde zu einem seichten Laufen, bis hin zu einem panischen Rennen.

Er hetzte immer angestrengter durch die Straßen und hatte schon bald keine Ahnung mehr, wo er sich genau befand. Doch eines fiel ihm auf. Er schien sich tiefer in den unfreundlicheren Teil der Stadt vorgewagt zu haben, denn der Anblick der Umgebung ließ ihn erschaudern.

Die Häuserfronten waren angefressen von Wind und Wetter und der Putz war so weit abgebröckelt, dass man schon die nackten Ziegel darunter erkennen konnte. In der Straße, auf der er sich befand, reihte sich ein Schlagloch an das nächste und auf dem sich anschließenden Gehweg türmten sich Berge aus Müll, alter Kleidung und Schrott.

Durch die vernagelten Fensterläden der Gebäude starrten leuchtende Augenpaare auf Simon hinab. Es beunruhigte ihn generell, Aufmerksamkeit zu erregen, doch gerade hier wollte er das auf keinen Fall. So rannte er einfach weiter, in der Hoffnung, bald auf Celia und die Anderen zu treffen.

Doch da endete die Straße in einer Sackgasse.

Verblüfft sah Simon sich um. Wo waren sie denn hingegangen, wenn er sie bis jetzt nicht gefunden hatte? Sie mussten hier gewesen sein, oder hatte er sie etwa verpasst?

Während er sich weiterhin suchend umsah, sprang ihm ein kleiner Pfad ins Auge, der neben einem der Häuser entlangführte. Laut seinem Wissen besaß hier niemand einen Garten oder sonstige zusätzliche Grundstücke, sodass der Weg irgendwo anders hinführen musste.

Vielleicht sind sie ja da entlang.

Mit neuem Mut machte er sich sofort auf Erkundungstour in der Hoffnung, wieder zu ihnen aufschließen zu können. Der Weg war eng und die Erde durch den Regen aufgeweicht worden, wodurch es schwierig war, nicht ins Rutschen zu geraten. Er führte zwischen zwei Häuserreihen hindurch, deren rote Backsteinwände durch den abbröckelnden Putz zu sehen waren. Simon fragte sich wirklich, wie die Menschen hier wohl leben mussten.

Der Pfad führte ihn auf einen Hof, direkt vor einem augenscheinlich verlassenen Betriebsgelände. Eine riesige, halb verrottete Lagerhalle mit teils eingestürztem Blechdach war zu sehen. Moos und etwaige Ranken hatten schon begonnen, diesen Abschnitt der Stadt wieder ins Reich der Natur zurückzuholen, wodurch der verfallene Rest des Bauwerks vor ihm noch älter wirkte, als er wahrscheinlich war.

Interessiert sah sich Simon zu allen Seiten um. Er konnte weder Girot noch Henry oder Celia irgendwo entdecken. Aber wo sollten sie sonst stecken? Er hatte doch bereits überall nach ihnen gesucht.

„Du traust dich ja wirklich was“, bemerkte eine Stimme aus Richtung der Lagerhalle und sofort schreckte Simon herum. Es war schon gruselig genug gewesen, als nur die Stille ihn bedrückt hatte, doch da schienen weitere Probleme auf ihn zuzukommen, neben der zwielichtigen Umgebung, die allein zu erkunden nicht unbedingt seine Lieblingsbeschäftigung war.

Er versuchte, den Ursprung der Stimme ausfindig zu machen, und er stellte fest, dass jemand aus der Lagerhalle gekommen war. Ein Mann, schätzungsweise Anfang bis Mitte zwanzig, mit schulterlangen, hellblau gefärbten Haaren, die durch ein Stirnband aus seinem Gesicht gehalten wurden. Er trug eine zerschlissene, helle Lederjacke, deren Ärmel abgerissen worden waren, wodurch sie eher als Weste durchging, und eine löcherige Jeanshose, obwohl Simon da auch nicht ganz wusste, ob das nicht sogar gewollt schäbig aussah. Beim Thema Mode war er wahrlich kein Experte.

Der Gesichtsausdruck des Typen wirkte zwar etwas misstrauisch, aber nicht von Grund auf feindselig. „Also? Was willst du hier?“

Simon hob beschwichtigend die Hände. „Ich habe mich nur verlaufen“, erklärte er wahrheitsgemäß. „Ich kenne mich hier in der Gegend nicht sonderlich gut aus und habe ein paar meiner Freunde verloren. Ich dachte vielleicht, sie wären hier entlang gelaufen. Aber das scheint nicht der Fall zu sein.“

„Da gebe ich dir Recht“, pflichtete ihm der junge Mann bei. „Du siehst auch nicht so aus, als kämst du von hier. Also geh lieber zurück, von wo du hergekommen bist, bevor dich noch jemand anderes sieht. Die sind nämlich nicht so nachsichtig, wie ich.“

„Bin schon weg“, stimmte Simon diesem Vorschlag zu und wandte sich wieder zu dem Pfad um, der ihn überhaupt erst hergeführt hatte. Immerhin hatte er auch hier keine Anzeichen für den Verbleib der anderen gefunden, also lohnte es sich nicht, sich weiter in Gefahr zu bringen.

Aber wo soll ich denn sonst suchen?

„Halt, warte mal!“, ertönte da abermals die Stimme des Mannes und diesmal zwar weniger erschreckt, jedoch mehr verwirrt drehte sich Simon erneut zu ihm um.

Wollte er nicht eben noch, dass ich so schnell wie möglich verschwinde?

„Eine interessante Jacke, die du da hast“, sagte der Typ und zeigte auf die schwarze Lederjacke, die locker Simons Schultern umspielte, da sie ihm noch immer etwas zu groß war.

„Oh, danke“, gab dieser nervös zurück. „Ich mag sie auch sehr gerne.“

„Das Zeichen hinten drauf sieht ziemlich einzigartig aus, gehörst du irgendwie zu einer Bikergang, oder so?“, bohrte der Typ nach und Simon bemerkte, dass der Blick des Mannes sich verändert hatte. Er war nun starr, beinahe fanatisch. Schweiß brach auf Simons Stirn aus, doch er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

„Nicht direkt, aber so etwas in der Art.“

„Verstehe.“

In diesem Augenblick traten zwei andere Gestalten aus den Schatten der Lagerhalle an die Seite des Stirnbandträgers. Als ihnen dann die beistehende Laterne ein Gesicht verlieh, bemerkte Simon, dass der Begriff Gestalten wirklich am allerbesten zu den äußeren Erscheinungsbildern der beiden passte. Über das Antlitz des einen zog sich eine große Narbe, wie von einem Messer verursacht. Der andere sah aus, als hätte man ihn mit dem Kopf voran in einen Bottich aus Säure getaucht.

„Alles in Ordnung, Gale?“, fragte Narbengesicht.

„Stört der Junge dich etwa?“, fügte Säurekopf an. Gale starrte weiterhin fassungslos auf das Zeichen auf Simons Jacke. Dann biss er wutverzerrt seine Zähne zusammen und zischte nur: „Dämon!“

Seine beiden Kameraden richteten schlagartig wieder ihren Blick auf Simon, in ihren Augen einen ähnlichen Hass brennen, wie auch schon in Gales. Simon wusste, dass es spätestens jetzt an der Zeit war, sich aus dem Staub zu machen.

„Töte ihn!“, schrie Narbengesicht seinem Kumpanen zu und zog ein Messer aus seiner Jackentasche. Säurekopf ließ seinen Nacken knacken und zog ebenfalls eine rostige Klinge hervor. Beide sprinteten hinter Simon her, welcher sich bemühte, den Weg wieder zurückzulaufen, der ihn hergeführt hatte. Doch laufend war der schlammige Boden noch viel tückischer und da fegte ihn schon sein eigener Eifer von den Füßen, als er versuchte, den Weltrekord im 100-Meter-Sprint zu brechen.

Seine beiden Verfolger kamen immer näher und als sie brüllend und johlend zu ihrem Angriff ansetzten, hob Simon schützend seine Arme, um wenigstens seinen Kopf soweit wie möglich vor Schaden zu bewahren.

Doch er spürte keinen Schmerz. Stattdessen hörte er nur ein Geräusch, was sich wie ein brechendes Stück Holz anhörte. Darauf folgte ein schmerzverzerrter Schrei und Simon nahm die Arme herunter, um zu sehen, woher dieser kam.

Auf dem Boden lag Säurekopf und krümmte sich vor Schmerz, während Celia sich über ihm aufgebaut hatte und mit ausdrucksloser Miene auf diesen hinabsah. Säurekopfs Arm war etwas in Mitleidenschaft gezogen worden und stand in einem unnatürlichen Winkel von seinem Körper ab, was wohl nicht nur unschön mitanzusehen, sondern auch sehr schmerzhaft war. Narbengesicht schaute mit hasserfüllten Blick zu Celia und bleckte seine gelben Zähne.

„Du Dämonenhure!“, kreischte er. „Dafür werde ich dich töten!“ Er sprintete, mit zum zustechen erhobenen Messer auf sie zu, doch Celia zuckte nicht einmal mit der Wimper.

Als er zustach, geschah alles ganz schnell. Celia wich dem Messerstoß geschwind aus und trat Narbengesicht die Beine weg. Mit einem gezielten Abwärtshaken rammte sie ihm dann zum Schluss ihren Ellenbogen in die Brust und ihn somit in den zerrütteten Asphaltboden. Ein letztes Röcheln war zu hören, bevor Narbengesicht keinen Mucks mehr von sich gab.

Bewundernd sah Simon zu ihr auf, als hätte er gerade einen Engel gesehen, der ihn vor seinem Untergang gerettet hatte. Da fiel ihm wieder ein, dass das Wort Engel in ihrem Umfeld eher als Beschimpfung verwendet wurde, weshalb er schnell zurückruderte und sie lieber mit einer wunderschönen Amazone verglich.

Doch als sie sich zu ihm umdrehte, fühlte sich Simon wie im Zentrum einer in diesem Moment angebrochenen, neuen Eiszeit. Kalt und emotionslos durchbohrte ihr Blick seinen Schädel und er wusste genau, was sie dachte. Er hatte es abermals nicht geschafft, auf sich selbst aufzupassen, und so hatte sie ihm schon wieder zur Hilfe kommen müssen.

Und das, obwohl ich mir vorhin noch vorgenommen hatte, dass so etwas nicht wieder vorkommt.

Doch sie hatten keine Zeit, sich einen länger andauernden Anstarrwettwerb zu liefern, den Simon bereits von Anfang an verloren gehabt hatte, da in diesem Moment ein alter, schon etwas zerkratzter Opel Corsa aus der Lagerhalle hinter Gale geflogen kam und direkten Kurs auf Celia zu nehmen schien. Simon wollte sie warnen, doch das Autowrack kam gar nicht erst bei ihnen an. Stattdessen schmetterte Henry mit einem perfekt ausgeführten Reverse Roundhouse-Kick seine Hacke in eine Tür des Viersitzers und schoss ihn über den ganzen Hof.

Als es auf dem Boden aufschlug, zerbarsten auch die letzten Scheiben, die noch intakt geblieben waren, und der Motorblock verabschiedete sich von seinem langjährigen Zuhause unter der verrosteten Motorhaube des beinahe Oldtimers.

„Gerade noch rechtzeitig“, sagte Henry, während er geschmeidig wie eine Katze wieder auf dem Boden landete. „Dann wollen wir doch mal sehen, wer für das hier verantwortlich ist.“

Wie aufs Stichwort trat eine Junge mit schulterlangen schwarzen Haaren aus den Schatten des Lagerhalleninneren. Das ebenfalls schwarze Tank-Top, das seinen Oberkörper bedeckte, wurde von einem brennenden Totenkopflogo geschmückt und betonte seine muskulöse Statur. Sein Gesichtsausdruck ähnelte dem von Celia, nur mit mehr Ablehnung gegenüber allem, was er vor sich sah. Er missbilligte ohne Frage die Anwesenheit jedes Einzelnen auf dem Hof. Lediglich Gale bedachte er mit einem weniger genervten und mehr erwartungsvollen Blick, als wollte er von eben diesem wissen, was hier eigentlich los war.

Schön, dass er so unentschlossen erst mal ein tonnenschweres Auto nach uns wirft.

„Gut, dass du hier bist, Nathan“, bemerkte Gale. „Du wirst es nicht glauben, aber das sind sie. Die Dämonen!“

Sofort änderte sich die Atmosphäre um den Jungen herum. Er riss seine Lieder auf und schien schwerer zu atmen, als noch zuvor. Zähne wurden gebleckt und Muskeln bis zum zerreißen angespannt, während seine Augen fassungslos zu Simon und den anderen herüber geschwenkt wurden und der Blick, der in ihnen lag, sie zu fokussieren begann. Nun nicht mehr nur voller Missbilligung, sondern erfüllt mit einem Blutdurst.

Alles an ihm strahlte eine immense Zerstörungswut aus und Simon war sich kurz nicht sicher, ob da nicht Regias vor ihm stand, wenn er sich mal wieder einen Spaß mit ihm erlaubte.

Doch hier schien es keine lustige Auflösung der Spannung zu geben. Dieser Nathan würde erst aufhören, wenn ihre Köpfe gerollt waren.

Zitternd wie Espenlaub kauerte sich Simon nur noch mehr am Boden zusammen, während Henry hingegen seine Fingerknöchel knacken ließ und mit einem verschmitzten Grinsen ihren neuen Herausforderer musterte. „Wollen wir mal raus finden, ob du geeignet bist.“

„Ich töte euch!“, fauchte dieser und jagte mit einem Affenzahn auf Henry zu. Doch der ankommende Schlag wurde ohne Probleme von Henry blockiert, obwohl Simon ihn auf den ersten Blick nicht einmal hatte sehen können. Eine Salve aus weiteren Angriffen folgte, aber auch diesen wich Henry aus, parierte oder konterte sie schon, bevor sie auch nur ansatzweise hätten gefährlich werden können.

Statt selbst zurückgedrängt zu werden, zwang er seinen Angreifer, immer wieder vor potenziellen Gegenangriffen in Deckung gehen zu müssen, die Henry geschickt andeute.

„Reflexe besitzt du auf jeden Fall“, stellte Henry fest.

„Hör auf, mit mir zu spielen!“, schrie Nathan im Gegenzug und schien diesmal mehr Kraft in einen Schlag zu legen, um seinen Gegner zum Schweigen zu bringen. Doch eben diese zusätzliche Wucht brachte ihn leicht aus der Balance und ehe er sich versah, hatte Henry ihn schon mit einem gezielten Schlag seines Handballens in den nächsten Kiesberg geschleudert, der sich verloren auf dem Hof auftürmte.

„Ja doch, deine Muskulatur ist auch in Ordnung“, führte Henry seine Untersuchung fort. „Guter Widerstand, annehmbarer Härtegrad. Wir müssen noch ein wenig an deiner Standfestigkeit arbeiten, aber das kommt mit genug Übung. Und vor allem, wenn du nicht mehr so wütend bist.“

„Aber gerade bin ich wütend!“, brüllte Nathan und jagte wieder auf Henry zu. Seine Erscheinung hatte sich leicht verändert. Sein Blick war ohnehin schon bestialisch gewesen, doch hatten mittlerweile seine Pupillen die Schlitzhaftigkeit angenommen, die man sonst vor allem bei Raubkatzen vorfand. Seine Eckzähne waren länger geworden und glichen nun Reißzähnen, sowie seine Fingernägel, die sich zu scharfen Krallen ausgefahren hatten.

Und da war noch etwas. Ein kaum wahrnehmbares, rötliches Licht umspielte seinen Körper. Wie eine Flamme flackerte sie ungleichmäßig, als wäre sie kurz davor zu erlöschen.

Das ist doch nicht etwa...?

Mit einem gefährlich klingenden, kehligen Knurren setzte er zum Schlag gegen Henry an, doch diesem schien es langsam langweilig zu werden, diesen Kampf zu bestreiten.

„Aus dir kriege ich jetzt eh keine brauchbaren Informationen mehr“, stellte er fest und gerade als Nathan versuchte, seine scharfen Klauen in Henrys Brustkorb zu bohren, war dieser schon von der Stelle verschwunden, an der er eben noch gestanden hatte.

Verdutzt sah sich Nathan auf der Suche nach einem Gegner um, doch die Erkenntnis über seinen Verbleib kam erst, nachdem Henry ihn mit einem gezielten Handkantenschlag gegen die Schläfe getroffen hatte.

Die Anspannung wich aus Nathans Körper und er klappte zusammen wie ein nasser Sack. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, ging Henry zu Gale hinüber und ließ dabei jeden seiner Fingerknöchel einzeln knacken.

Als wäre der letzte Angriff nicht schon Machtdemonstration genug gewesen.

Schweiß brach auf Gales Stirn aus und er machte langsam einen Schritt rückwärts, um den Abstand zwischen sich und seinen immer näher kommenden Untergang zu vergrößern. Doch selbst das ließ er bleiben, als Henry ihm seine ganze Mordlust präsentierte. Mit einem übertrieben breiten Grinsen auf den Lippen hüllte er sich in eine leicht orangene Flamme und ließ sie dann für einen kurzen Moment auflodern. Nun vollkommen eingeschüchtert, fiel Gale auf seinen Hosenboden und blieb verängstigt sitzen.

„So und jetzt erzähl mir mal, was ich sonst noch so wissen möchte, okay?“, bat Henry übertrieben freundlich. „Ihr anderen holt euch schon mal den Jungen.“ Er zeigte, ohne sich umzudrehen, zurück auf Nathan. „Ich bin hier gleich fertig.“

Nathan

Kapitel 4

Die Dunkelheit um Nathan herum war pechschwarz, als er seine Augen wieder öffnete. Er hatte Kopfschmerzen, spürte dafür aber nicht die ihm vertraute Kälte, die sonst bei jedem Erwachen auf ihn wartete. Immerhin war die zugige Lagerhalle nicht sonderlich gut isoliert und bot besonders im Winter nur begrenzt Schutz vor den Witterungen, die diese Jahreszeit so mit sich brachte.

Als er sich aufsetzte, fiel ihm auf, dass der Untergrund ungewöhnlich federnd und weich war, fast so, als säße er auf einer Wolke.

Nicht einmal Müllsäcke waren so weich.

Mittlerweile hatten sich seine Augen einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt und so ließ er neugierig seinen Blick durch das Zimmer wandern. Es war, bis auf das Bett, in dem er sich befand, nur spärlich eingerichtet. Es gab einen Schrank, einen Nachttisch und der Boden war mit Teppich ausgelegt. Der Schrank wies eine goldene Verzierung auf den Türen auf, während der Rest nur aus schlichtem, roten Holz bestand. Der Nachtisch war ebenfalls in dieser Farbe gehalten, genauso wie der Teppich.

Die Wände und die Decke unterschieden sich ebenfalls nicht vom Rest des Zimmers. Außerdem besaß der Raum keine Fenster und das einzige Licht schimmerte durch einen Spalt unter der Tür herein.

Da wurde ihm schlagartig wieder seine sonst so allgegenwärtige Vorsicht bewusst und er schlug die Bettdecke beiseite. Als er an sich herunter sah, stellte er fest, dass er neue Kleidung trug. Sein schwarzes Tank-Top und seine zerschlissene Skaterjeans waren einem rotgoldenen Schlafanzug gewichen, welcher erstaunliche Ähnlichkeiten mit den Verzierungen des Mobiliars hatte.

Fragen überschlugen sich in Nathans Kopf. Wo war er? Wer hatte ihn hierher gebracht? Warum hatten sie ihn hergebracht? Was wollten sie von ihm?

Da erinnerte er sich wieder, an die beiden Jugendlichen, die da vor auf ihrem Hof aufgetaucht waren, gefolgt von diesem jungen Kerl, mit dem er sich einen Kampf geliefert hatte.

Und ich habe ... verloren. Zum ersten Mal .... Aber wie?

Da hallte das Letzte in seinem Kopf wieder, was Gale ihm zugerufen hatte, bevor sich Nathan in den Kampf hatte einmischen wollen. Er sagte: „Das sind sie. Die Dämonen!“

Mit einem Satz stand selbiger nun an der Tür. Schnell, aber bedacht. Wenn er mit seiner Vermutung Recht haben sollte, dann war er im Inneren ihres Zielobjektes. Seit Wochen hatten sie nach einem Weg gesucht, in das Anwesen des Dämonenclans eindringen zu können, um dann alle hier lebenden Mitglieder auszulöschen.

Doch soweit, wie er jetzt durch Zufall gekommen war, hatten sie gar nicht geplant gehabt. Vor allem hatten sie nicht gewusst, dass ihre Gegner so stark waren. Nathan wusste, dass er sich hier nicht einfach raus kämpfen konnte, da mindestens einer ihrer Widersacher in der Lage war, ihn so oft zu besiegen, wie er wollte.

Und der ist locker nichtmal der Anführer dieses Clans. Wie stark der dann wohl sein muss. Haben wir dagegen überhaupt eine Chance?

Er umschloss die Klinke mit seiner Hand und drückte sie leise herunter. Gleißendes Licht strahlte ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Er musste seine Augen zu Schlitzen verengen, um ansatzweise etwas erkennen zu können.

Noch immer geblendet, streckte er langsam den Kopf durch den Türschlitz und sah sich vorsichtig um. Als er sich sicher war, dass keine akute Gefahr zu sehen war, trat er aus der Tür hinaus, bedacht, unnötige Geräusche zu vermeiden, und sah sich nach einer Tür oder einem geeigneten Ausgang um.

Ich sollte zuerst einmal verschwinden und zu den anderen zurück. Immerhin haben wir nun Kampferfahrung gegen sie und ich kenne das Innere ihres Anwesens. Gale wird schon wissen, wie es weitergeht. Er hat immer einen Plan.

Als sich seine Augen an das helle Licht gewöhnt hatten, sah er, dass der Raum deutlich größer erschien, als der, indem er aufgewacht war. Die rotgoldenen Töne, welche schon in dem anderen Zimmer vorherrschend waren, durchzogen auch hier alles, vom Teppich bis zur Wandtapete, was Nathan ziemlich abstoßend fand. Er war noch nie ein Fan von solch prunkvollen Villen gewesen, da er es als überheblich ansah, seinen Reichtum so zur Schau zu stellen, und genau das wurde hier gemacht.

„Na, endlich wach?“, fragte eine weibliche Stimme zu seiner rechten und das Blut in seinen Adern gefror sofort. Er drehte sich blitzschnell zu ihrem Ursprung um und sah das Mädchen und den Jungen auf sich zukommen, die schon bei seinem letzten Kampf zugegen gewesen waren. Das Mädchen hatte schwarze, zu einem Pferdeschwanz zurückgebundene Haare und sah ihn mit einem stählernen Blick an, während der Junge sich eher hinter ihr zu verstecken schien. In seinen Augen waren die beiden ein durchaus ungleiches Paar, da er vor allem schmächtig wirkte, während sie zwar ebenfalls schlank, dabei aber nicht untrainiert daherkam. Allein ihre jeweiligen Körperhaltungen verrieten Nathan alles, was er über die beiden fürs erste Wissen musste.

„Wie hast du geschlafen?“, fragte das schwarzhaarige Mädchen, obwohl ihr Unterton zeigte, dass die Antwort sie nicht die Bohne interessierte. Er machte abermals keine Anstalten, auf ihre Frage zu antworteten und wandte seinen Blick wieder ab, um weiter nach einem Ausgang zu suchen.

„Du willst also nicht reden“, stellte das Mädchen fest. „Soll mir recht sein. Dann folge mir! Unser Anführer erwartet dich bereits. Oh und Ausgang musst du gar nicht erst suchen. Alle Türen hier sind verriegelt und sie werden bis nach der Unterredung nicht geöffnet werden. Also zeig dich kooperativ. Vorher kommst du hier sowieso nicht lebend raus.“

Sie drehte sich um und stakste die Treppe hinauf, den schmächtigen Jungen im Schlepptau.

Echt anstrengend. Wie kommt die nur darauf, mich herumzukommandieren? Aber im Grunde ist das eine gute Möglichkeit, Informationen über ihren Anführer zu sammeln. Wenn ich mich schon in dieser Lage befinde, kann ich wenigstens versuchen, das Beste daraus zu machen.

Er verdrehte zwar genervt die Augen, folgte den beiden Jugendlichen aber mit genügend Abstand die Treppe empor, während er sie weiterhin mit einem misstrauischen Blick musterte.

Sie stiegen immer weitere Stufen nach oben, bis sie vor einer großen, roten Doppeltür standen. Diese befand sich auf der obersten Etage direkt unter der Decke, bei der es sich um eine Kuppel aus Glas handelte, durch die Sonnenstrahlen den Raum erhellten. Ihr gleißend heller Ursprung stand senkrecht über dem Gebäude, woraus Nathan schlussfolgerte, dass es ungefähr Mittag sein musste.

Als das schwarzhaarige Mädchen sich umdrehte und sah, dass er die beiden mittlerweile fast erreicht hatte, drehte sie sich wieder zur Tür und öffnete sie.

Die schwer aussehenden Holzpforten glitten mit einem dunklen Knarren auf und gaben den Blick auf ein Büro frei. Dieses unterschied sich nicht von der Farbgebung des restlichen Hauses. Auch hier waren rot und Gold die vorherrschenden Farben und dominierten damit den prunkvollen Gesamteindruck, den der Raum vermittelte. Der goldenen Kronleuchter trug ebenfalls dazu bei.

Doch noch etwas erregte Nathans Interesse. Am Ende des Raumes stand ein Schreibtisch, an dem ein überdurchschnittlich breit gebauter Mann saß, der aber keine Notiz von ihm zu nehmen schien, da sein Kopf in einem Berg aus Papierkram vertieft war.

Das muss der Anführer des Clans sein. Unser Ziel! Obwohl er ja nicht nach viel aussieht. Ich meine klar, er ist ein Muskelprotz, aber irgendwie hatte ich mir ihn etwas furchterregender vorgestellt. Das Gefühl von damals ... ich spüre nicht ein bisschen davon, wenn ich ihn ansehe. Ist das hier wirklich ein Dämonenclan?

Doch da erregte jemand anderes seine Aufmerksamkeit. Der junge Mann, der ihn bewusstlos geschlagen hatte, lehnte ein Stück abseits von dem Eingang an einer Wand und grinste zu ihm herüber. Nathan erschrak, als er ihn sah und begab sich reflexartig in Kampfposition, was das Lächeln des Typen nur breiter werden ließ.

Er hat wohl nicht vor, mich sofort wieder umzuhauen. Gut zu wissen. Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt. Selbst wenn der Anführer ein Lappen sein sollte, vor dem da hab ich Respekt.

„Ah, da bist du ja“, sagte der Muskelprotz, der mittlerweile Wind der Existenz des Neuankömmlings bekommen zu haben schien und stand von seinem Platz auf. Erst jetzt wurde Nathan bewusst, dass die Bezeichnung Muskelprotz die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen war. Es handelte sich eher um einen Muskelberg, obwohl Nathan es nur dabei beließ, weil ihm keine Sache einfiel, die noch größer war.

„Nathan Hall, geboren am 19.7.2002, somit 18 Jahre alt“, fuhr der Mann fort und ratterte dabei nur so dessen Lebensdaten herunter. „Du bist in Winchester aufgewachsen als Sohn eines Nudelrestaurantbesitzers und einer Straßenkünstlerin, sowie großer Bruder einer vier Jahre jüngeren Schwester. Alle verstorben.“

Nathan ballte seine Fäuste, als er den Anführer so beiläufig über den Tod seiner Familie reden hörte. Er hatte von so jemandem zwar nicht sonderlich viel Mitgefühl erwartet, doch dass er so kalt reagiert, zeigte Nathan nur eins: Er war hier wirklich gefangen unter Dämonen.

„Also, was macht jemand wie du hier in Lexington, Virginia?“, fragte der Muskelberg forschend und beugte sich nachdrücklich nach vorne. Nathan sah keinen Grund, ihm zu antworten. Er hatte nicht vor mit diesem Mann über seine Vergangenheit zu sprechen. „Laut meinen Vertrauten soll ein Komplize von dir uns als Dämonen identifiziert haben“, bohrte sein Gegenüber weiter. „Dass ihr hier seit, muss also etwas mit uns zu tun haben. Wie viel wisst ihr?“

Was fragte der Typ so blöd? Natürlich hatte es etwas mit ihnen zu tun. Sie waren ihr Ziel. Die Vernichtung dieses Clans hatte für sie alle oberste Priorität gehabt.

Wie kann man nur so dumm sein. Typisch Dämonen!

„Ich weiß, dass ihr blutrünstige Monster seit!“, keifte Nathan zurück. Er hatte versucht, sich zu beherrschen, doch länger hielt er es nicht aus.

„Oh, sind wir das?“, gab der Anführer überrascht zurück. „Aber warum lebst du denn dann noch, genauso wie deine Freunde, obwohl ihr zuerst uns angegriffen und wahrscheinlich versucht habt, einen Anschlag auf uns und dieses Anwesen zu planen?“

„Das gehört bestimmt zu irgendeiner Masche von euch“, behauptete Nathan, doch sein Gegenüber schmunzelte nur ein wenig.

„Du magst Recht haben, dass wir manchmal etwas hinterlistig sind, wenn wir es denn müssen, aber sei dir sicher, dass wir normalerweise viel Wert auf einen fairen Umgang legen, Nathan.“

„Und warum sperrt ihr mich dann hier ein?“

„Du bist kein Gefangener. Im Gegenteil. Es steht dir jederzeit offen zu gehen. Aber erst, wenn wir dich ein wenig herumgeführt haben. Wir wollen dir einen Platz bei uns anbieten. Einen Platz in unserer Familie.“

„Das ich nicht lache!“, rief Nathan ungläubig aus und spuckte neben sich auf den Boden. „Ich reiße hier alles bis auf die Grundmauern nieder und töte jeden Einzelnen von euch eigenhändig! Gegen meine volle Stärke habt ihr doch eh keine Chance!“ Er drehte sich wutentbrannt zu dem jungen Kerl um, der ihn besiegt hatte. „Du hast mich nur überrumpelt, klar? Mit diesen Kräften werde ich euch Dämonen auslöschen! Koste es, was es wolle!“

„Glaub gerne weiterhin, dass du der Allergrößte bist“, bekräftigte ihn der Muskelberg in seiner Annahme. „Wirklich, das ist toll. Lieber zu viel Selbstbewusstsein, als zu wenig. Aber...“ Er erhob sich zu seiner vollen Statur, zog seine Schultern nach hinten und türmte sich zu dem Giganten auf, der er war. „Wenn du es wagen solltest, auch nur einen meiner Leute ohne Erlaubnis anzufassen, solange wir dir hier unsere Gastfreundschaft erweisen, schwöre ich dir, dass das für dich kein gutes Ende nehmen wird.“

Nathan verstand sofort, was er meinte. Als er den Raum betreten hatte, war er enttäuscht von dem gewesen, was er da gesehen hatte. Doch jetzt zeigte der Anführer des Dämonenclans sein wahres Gesicht.

Um ihn herum schien sich eine Aura zu materialisieren. Dunkles Rot loderte energetisch und kraftvoll auf und umgab ihn wie ein riesiges, alles verschlingendes Inferno. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt und seine Eckzähne zu Reißzähnen herangewachsen. Krallenartige Fingernägel blitzen rasiermesserscharf auf und die Lederjacke, die der Typ trug, schien zum Zerreißen gespannt zu sein.

Doch das Furchteinflößenste war diese dunkle Präsenz, die sich hinter dem Anführer auftürmte. Zwei tiefrote Augenpaare starrten wie direkt aus der Hölle auf ihn, Nathan, herab, als würden sie ihn verhöhnen. Dieses Gefühl erinnerte ihn an einen Moment in seinem Leben. Doch das, was ihn damals erfüllt, ihm die Luft zum Atmen abgeschnürt hatte, war lange nicht so intensiv gewesen, wie das, was er in diesem Augenblick fühlte. Auf Nathans Stirn brach Schweiß aus und seine Knie wurden weich.

Wie konnten wir nur einen Moment lang geglaubt haben, diesen Clan auslöschen zu können? Wir hatten nie auch nur den Hauch einer Chance ...

Doch so schnell wie die Präsenz aufgetaucht war, war sie auch wieder verschwunden gewesen. Innerhalb eines Wimpernschlages hatte sich der ernste Gesichtsausdruck auf dem Gesicht des Anführers in ein ausgelassenes Grinsen verwandelt.

„Das funktioniert echt immer wieder“, feixte er jetzt und klatschte dabei freudig erregt in die Hände. „Dieser Blick. Egal wie oft ich ihn sehe, es wird nie langweilig. Ich bin übrigens Regias. Schön, dich hier willkommen heißen zu können.“

Simon

Kapitel 5

Simon fühlte mit Nathan, als er dessen fassungslosen Blick sah. Ihm ging es immerhin auch jedes Mal so, wenn Regias seine Muskeln spielen ließ. Doch bei ihrem Neuankömmling klang es wirklich nach einer Drohung. Er hoffte inständig, dass niemals jemand ihren Anführer dazu bringen würde, ernst zu machen, denn das würde wohl weder die Person, noch jegliches weitere Leben in einem Umkreis von 50 Kilometern überleben.

Irgendwie tat ihm Nathan jetzt ein wenig leid. Zu hören, dass seine ganze Familie gestorben war, hatte Simons Sicht auf ihn verändert.

Es muss etwas Schreckliches passiert sein, was mit einem Dämonenclan zusammenhängt, wenn er uns so unbedingt alle tot sehen möchte.

Er beschloss, mal ein wenig auf ihn zuzugehen, jetzt wo dieser kurzzeitig nicht so aussah, als wollte er alles und jeden vernichten, der ihm unter die Augen kam. Immerhin hatte Simon immer noch den Wunsch, später Teil eines harmonischen Teams zu sein und da würde es wohl nicht schaden, den Neuankömmling so freundlich wie möglich zu empfangen.

Wie immer etwas tapsig, ging Simon unsicher auf Nathan zu, während er versuchte, ein halbwegs selbstbewusstes Lächeln aufzusetzen.

„Hey, Nathan“, begann er die Unterhaltung. „Mein Name ist Simon und das da drüben ist Celia. Ich dachte ich stell uns mal vor, da du ja sonst noch niemanden hier wirklich kennst, na ja daher dachte ich, dass ...“

Ein einschüchternder Blick von Nathan reichte aus, um jegliches Selbstbewusstsein in Simon auf einen Schlag auszulöschen.

„Und scheinbar sind dir unsere Namen völlig egal“, flüsterte er noch leise, bevor er den Kopf einzog und sich wieder zu Celia zurückbegab.

Kopf hoch, gib nicht auf Simon! Das sind nur Anlaufschwierigkeiten. Das wird schon. Er meint das bestimmt nicht so.

Doch als er sich ein letztes Mal umdrehte, zeigte der immer noch währende Blick in Nathans Augen sehr wohl, dass er es genau so meinte.

„Dann führt ihn doch mal ein wenig herum“, ordnete Regias an und fuchtelte dabei mit seinen Händen, als wollte er ihnen nachdrücklich zeigen, dass sie verschwinden sollten. „Celia, übernimm du die Führung. Girot, du bleibst noch hier.“

Seine Tochter tat wie geheißen und ging vorneweg, und Simon schloss sich ihr sofort an, während Henry Nathan den Vortritt ließ.

„Wir wollen ja nicht, dass du Ärger machst, mein Freund“, stichelte er grinsend und kurz sah es so aus, als ob ein neuer Kampf zwischen den beiden entbrennen könnte, doch Nathan knirschte nur ein wenig mit den Zähnen, akzeptierte dann aber seinen Platz in der Reihenfolge. Simon glaubte, ein paar Schweißperlen auf seiner Stirn zu erkennen, doch konnte er nicht genau festmachen, ob die von Regias Einschüchterungsversuch, oder durch die bloße Anwesenheit von Henry hervorgerufen worden waren.

Im Gänsemarsch verließen sie den Raum, während Regias und Girot ihnen noch freudig zuwinkten, stiegen die Treppe bis ins Erdgeschoss hinab und steuerten dort direkt auf zwei große Holztüren zu, die rechts neben dem Haupteingang in der Wand verankert waren. Henry öffnete sie und gab den Blick auf die riesige, immer breiter werdende Treppe frei, die zu ihrem Trainingskeller hinab führte.

Simon liebte diesen Ort. Fackeln, welche mit bläulich brennenden Flammen bestückt waren, hingen in Wandhalterungen warfen gespenstische Schatten in die schwächer beleuchteten Ecken des Raumes. Die Wand selbst hatte eine leicht grünliche Farbe, doch durch das spärliche Licht war er sich nicht sicher, ob das wirklich die originale Wandfarbe war. Die Decke wies dieselben Merkmale auf, aber sie hatte noch eine weitere Besonderheit: Im Gegensatz zu anderen Treppenhäusern verlief sie hier nicht gleichmäßig mit den Stufen abwärts, sondern blieb auf gleicher Höhe, wie der Eingang. Dadurch entstand ein riesiger Raum, der sich kegelartig nach vorne und unten ausdehnte.

Girot hatte ihm einmal gesagt, dass schon seitdem es Aufzeichnungen über die Träger gab, dieses Gestein und dieser Raum im Keller dort erwähnt wurden. Simon erinnerte sich an das erste Mal, dass er hier herunter geführt worden war. Die bläulich leuchtenden Flammen, die in den Fackeln an der Wand brannten, waren erloschen gewesen. Die immer breiter werdende Treppe schien ihm gigantisch lang vorzukommen, da er das Ende nicht hatte sehen können. Als er dann vor der Tür zum eigentlichen Trainingskeller gestanden, konnte er sich noch nicht vorstellen, was dahinter auf ihn wartete.

Das Tor war so hoch wie der Raum selbst. Gefertigt war sie aus reinem Osmium, was sie überaus schwer zu öffnen machte. Ein normaler Mensch war dazu nicht in der Lage und selbst Jungträger, wie er einer war, hatten Schwierigkeiten, wenn sie nicht so talentiert waren, wie Celia. Deshalb hatte er sie schon öfter mal darum bitten müssen, die Türen für ihn zu öffnen, falls er mal Lust auf eine nächtliche Trainingssequenz gehabt hatte.

Als sie den Fuß der Treppe erreicht hatten, wies Henry sie mit einer Handbewegung an, ein Stück zurückzutreten. Er schritt auf die gigantische Metalltür zu und Simon sah, wie er begann, seine Muskeln anzuspannen.

Langsam veränderte sich die Atmosphäre um Simon herum. Sie war geladen, drückend und schwer. Dieser Moment der vollkommenen Konzentration ließ ihn nach Luft schnappen. Es war beeindruckend, jemanden so fokussiert zu sehen, so vertieft in nur eine Sache, als gäbe es nicht anderes, nichts Wichtigeres in diesem Moment.

Da veränderte sich auch Henrys Antlitz. Es schien, als würde eine gelbe Kraft aus seinem Körper hervorquellen und beginnen, ihn zu umhüllen. Diese Energie staute sich an seinem Kopf und formte spitze Hörner, sowie an seinem Steißbein, jedoch entstand dort ein Schweif mit einer Pikespitze.

Sein restlicher Körper veränderte sich ebenfalls. Seine Eckzähne schienen länger zu werden und sie begannen, mehr nach Fangzähnen als nach normalen, menschlichen Zähnen auszusehen. Seine Fingernägel wurden schärfer und spitzer, so wie Krallen. Sogar seine Muskeln traten noch mächtiger hervor und man konnte die sehnige Struktur seiner Arme deutlicher erkennen.

Doch das Imposanteste an der Verwandlung war Henrys Auge. Während das eine nun geschlossen war, entflammte vor dem anderen eine orangene Flamme.

Simon stockte der Atem. Voller Begeisterung sah er zu Henry herüber und wartete auf das Finale, auf den Moment, wo dieser seine aktivierte Kraft einsetzen würde.

Als Henry mit seinem aktuellen Zustand zufrieden zu sein schien, legte er seine Hände an die gigantische Tür und spannte seine Muskeln weiter an. Simon glaubte seinen Augen nicht, als die Tür innerhalb eines Sekundenbruchteils aufschwang.