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Der 11-jährige Kalle aus den pfannkuchenplatten Niederlanden verbringt die Sommerferien bei seiner Freundin Kimberley in den Schweizer Bergen. Ein Baumhaus, ein Trampolin und aufregende Abenteuer – eigentlich fehlt nichts zum perfekten Ferienglück. Noch besser wäre es allerdings, wenn Kalles Mama und Kimberleys Papa sich auch finden würden. Dann wären alle wieder eine Familie…
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Seitenzahl: 121
Veröffentlichungsjahr: 2019
Aus dem Niederländischen von Sonja Fiedler-Tresp
Mit Illustrationen von Meike Hamann
KOSMOS
Umschlaggestaltung von Weiß-Freiburg GmbH Graphik & Buchgestaltung,
unter Verwendung einer Illustration von Meike Hamann
Illustrationen im Innenteil von Meike Hamann
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Niet zoenen op de trampoline“ von
Bette Westera, Uitgeverij De Fontein, Utrecht, Niederlande © 2013
Unser gesamtes lieferbares Programm und viele
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© 2019, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-440-16544-7
eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
Es ist fünf vor neun. In ein paar Minuten fährt der Bus ab. Es ist ein Doppeldecker und Kalle sitzt oben, ganz vorn. Auf dem zweitschönsten Platz, den es gibt, hat der Fahrer mit dem Schnurrbart gesagt. (Der schönste Platz ist natürlich hinter dem Lenkrad.)
Neben Kalle sitzt eine Frau mit roten Haaren. Sie hat eine riesige Tasche bei sich und er kann sehen, dass jede Menge zu essen und zu trinken darin ist. Kein Wunder, die Fahrt ist nämlich ziemlich lang.
Draußen unterhält sich seine Mutter mit dem Busfahrer. Kalle kann zwar durch die Scheibe nichts hören, aber er weiß ganz genau, was sie sagt: „Würden Sie ein bisschen auf meinen Sohn aufpassen? Und ihm sagen, dass er unterwegs genug trinken soll? Könnten Sie vielleicht auch darauf achten, dass er nach den Pausen wieder im Bus sitzt? Ich habe da mal eine Geschichte über einen achtjährigen Jungen gelesen, der an einer Tankstelle in Frankreich vergessen wurde …“
„Es ist jetzt kurz nach neun Uhr“, ruft der Busfahrer danach durchs Mikro. „Eigentlich sollte es jetzt losgehen. Aber laut unserer Liste fehlt noch ein Herr De Later.“ Sofort blicken sich alle Leute im Bus um.
„Sollte Herr De Later doch schon im Bus sitzen, würde er sich dann bitte jetzt bei mir melden?“, sagt der Fahrer.
Doch niemand reagiert.
Kalle sieht aus dem Fenster. Seine Mutter schaut zu ihm herauf und er winkt ihr zu. Hoffentlich geht die Fahrt bald los. Sonst muss er am Ende doch noch heulen, und das will er auf keinen Fall. Beeil dich, Herr De Later!
Der Fahrer kommt die Treppe hoch und zählt die Leute, die oben sitzen.
„Sechsundvierzig, siebenundvierzig, achtundvierzig …“
Kalle dreht sich um. Wenn er sich hinkniet, kann er gerade so über die Rückenlehne gucken. Hinter ihm sitzt ein Mann mit Glatze und ziemlich großen Kopfhörern. Er hat die Augen zu und wippt mit dem Kopf, als würde er tanzen. „Achtundvierzig plus achtzehn macht sechsundsechzig“, zählt der Fahrer. „Komisch. Das stimmt doch.“
Er schaut auf seine Liste und sieht sich eine Weile im Bus um. Dann geht er schließlich zu dem kahlköpfigen Mann mit den Kopfhörern und tippt ihm kräftig auf die Schulter.
„Hallo? Sind Sie vielleicht Herr De Later?“
Der Mann zieht die Kopfhörer von den Ohren.
„Reden Sie mit mir?“
„Das hoffe ich doch. Sind Sie Herr De Later?“
„Sie können ruhig Joost sagen.“ Der kahlköpfige Mann streckt ihm freundlich die Hand entgegen.
Aber der Fahrer macht nur einen Haken auf der Liste und verschwindet nach unten.
Jetzt schauen alle Leute, die oben sitzen, zu Herrn De Later. Manche kichern sogar ein bisschen.
„Ist was?“, fragt Herr De Later verwirrt.
Kalle und die Leute um ihn herum schütteln lachend die Köpfe. Es ist ja nichts passiert. Und alle hier sind bester Laune. Endlich geht es los, in den Urlaub!
Kalle setzt sich wieder richtig hin. Als er rausschaut, sieht er, dass seine Mutter ihm immer noch zuwinkt. Oder schon wieder, das weiß er nicht so genau.
„Jetzt sind wir vollständig, wir brechen auf“, sagt der Fahrer durch das Mikro.
Der Motor geht an. Kalle spürt ein Kribbeln im Bauch, ein heftiges, brodelndes Kribbeln. Jetzt geht es wirklich los. Er fährt weg, ganz weit, bis in die Schweiz. Und seine Mutter kommt nicht mit, sondern steht vor dem Bus und winkt. Jetzt winkt sie sogar mit beiden Händen.
Ob es in ihrem Bauch auch so kribbelt? Oder geht das nur Kindern so, wenn etwas Aufregendes passiert?
„Ist das da draußen deine Mutter?“, fragt die Frau neben ihm.
Kalle nickt.
„Fährt sie denn nicht mit?“
Was für eine doofe Frage, denkt Kalle. Wenn sie mitfahren würde, würde sie doch jetzt nicht mehr auf dem Bürgersteig stehen, sondern im Bus sitzen.
Er schüttelt nur den Kopf und denkt an Kimberley. Sie hätte jetzt bestimmt etwas Cooles geantwortet. Zum Beispiel: „Ja, klar kommt meine Mutter mit, sie rennt bloß lieber hinter dem Bus her.“
Oder: „Natürlich, aber sie hat einen Platz im Gepäckraum.“ So was in der Art halt.
„Tschüüüs“, ruft seine Mutter draußen auf dem Fußweg.
„Tschüüüs“, ruft Kalle zurück.
Der Bus fährt los. Kalle winkt so wild, wie er kann. Seine Mutter schickt ihm einen ganzen Schwarm voller Küsse hinüber.
„Tschüüüs!“
„Tschüüüs!“
Und weg sind sie.
Inzwischen hat die Frau ihre Brotdose herausgeholt. Unglaublich, wie viel da reinpasst! Kalle sieht einen ganzen Berg belegter Brote, zwei Karotten, eine Banane, ein Stück Käse und ein Ei. So viele Sachen in so einer riesigen Brotdose hat Kalle noch nie gesehen.
Die Frau nimmt sich eine Karotte.
„Willst du auch eine?“, fragt sie.
„Nein, danke.“ Kalle schüttelt den Kopf.
Aber sie drückt ihm die Karotte einfach in die Hand.
„Karotten sind sehr gesund“, sagt sie. „Sie haben viel Vitamin C. Und außerdem sind sie gut für die Augen. Darum können Kaninchen im Dunkeln so gut sehen. Müssen sie auch, sonst verlaufen sie sich in ihren dunklen Löchern.“
Aber ich bin kein Kaninchen, denkt Kalle. Und ich wohne auch nicht in einem Loch. Ich habe ein ganz normales Zimmer, in dem ich abends das Licht anschalten kann.
Er legt die Karotte zurück in die Brotdose.
„Willst du keine?“, fragt die Frau erstaunt.
Kalle schüttelt den Kopf. „Ich habe selber Karotten dabei.“
Zum Glück, das hilft. Die Frau nimmt ein Buch aus ihrer Tasche und beginnt darin zu blättern. Auch Kalle zieht sein Buch heraus. Es handelt von zwei Jungs, Bert und Bart, die die Welt retten wollen. Er hat es schon zwei Mal gelesen, findet es aber immer wieder lustig. Auch die Bilder sind klasse. Wenn er das Buch durchgelesen hat, will er sie anmalen.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragt die dicke Frau, als Kalle gerade eine halbe Seite gelesen hat.
„Kalle.“
„Ich heiße Ans. Dein Buch gefällt mir, es hat so viele Bilder. In Büchern für große Leute gibt es fast nie Bilder. Eigentlich schade, oder? Darf ich es lesen, wenn du es aushast? Mit den vielen Bildern bist du bestimmt schnell fertig.“
„Von mir aus“, sagt Kalle.
Eigentlich hätte er Nein sagen müssen, er will ja die Bilder anmalen, wenn er das Buch durchgelesen hat. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt hat er schon zugestimmt.
„Schön“, sagt Ans und nimmt sich wieder ihr eigenes Buch.
Kalle liest weiter. Bert und Bart schießen mit einem Abfluss-Gummireiniger in der Gegend herum. Natürlich tun sie nur so, als ob. Aber ihre Mutter findet das trotzdem nicht so toll und nimmt ihnen das Saugding weg.
Neben ihm seufzt Ans tief auf.
„Mein Buch ist wirklich sehr langweilig“, sagt sie. „Aber ich lese es trotzdem zu Ende. Es hat nämlich neunzehn Euro fünfundneunzig gekostet. Nächstes Mal kaufe ich ein Kinderbuch mit richtig vielen Bildern. Wie viel hat dein Buch gekostet?“
„Nichts“, antwortet Kalle. „Ich hab es geschenkt gekriegt, als ich ein anderes Buch gekauft habe.“
„Ehrlich?“
Kalle nickt.
„Und das andere Buch? Wie teuer war das?“
„Das weiß ich nicht mehr. Das hat mein Opa bezahlt.“
„Glückspilz!“, ruft Ans aus. „Mir schenkt nie jemand ein Buch.“
Kalle findet sie zwar ganz nett, aber sie redet ein bisschen viel. Wenn sie so weitermacht, wird er mit der Geschichte nie fertig.
Er blickt sich im Bus um. Manche Leute lesen. Andere schauen aus dem Fenster oder reden mit ihrem Sitznachbarn. Herr De Later tanzt immer noch mit dem Kopf. Außer der Musik hört er gar nichts, egal, wie laut man ihn anspricht.
Kalle nimmt seinen MP3-Player und steckt sich die Kopfhörer in die Ohren. Dann drückt er ein bisschen an den Knöpfen herum, damit es so aussieht, als ob er Musik auswählt.
„Was tust du denn jetzt?“, hört er Ans sagen. „Mit Musik in den Ohren lesen? Kannst du das? Ich nicht.“
Kalle fängt an, mit dem Kopf zu tanzen, genau wie Herr De Later. Und es funktioniert: Ans hält auf einmal den Mund. Erst blättert sie noch eine Weile in ihrem langweiligen Buch und dann schläft sie ein. Kalle hört sie leise schnarchen.
Er liest das Buch über Bert und Bart, die die Welt retten, zum dritten Mal aus. Dann nimmt er sein Mäppchen aus dem Rucksack und fängt an, die Bilder anzumalen. Als er mit einer Zeichnung von der Mutter mit dem Abfluss-Reiniger und einem Staubsaugerrohr beinahe fertig ist, fährt der Bus auf einen Rasthof.
Ans schreckt aus dem Schlaf hoch.
„Was ist los? Sind wir schon da? Nein, nein. Uiuiui, was bin ich steif. Und ich muss ganz dringend aufs Klo. Du doch sicher auch? Komm ruhig mit mir mit, das mit den Toiletten ist nämlich auf Autobahnen sehr kompliziert. Erst musst du zahlen, dann einen Zettel ziehen, und wenn du gepinkelt hast, kannst du dir mit dem Zettel im Restaurant etwas zu trinken holen. Davon musst du wieder pinkeln, sodass du an der nächsten Raststätte schon wieder einen Zettel fürs Klo ziehst und dir damit etwas zu trinken holst. Oder du nimmst Schokolade. Dann musst du nicht so oft auf Toilette, das ist gut. Verstehst du?“
Kalle hat kein Wort verstanden. Aber er ist froh, dass Ans ihm hilft. Erst mit dem Zettel am Klo und danach mit der Flasche Cola im Laden. Wenn er mit Ausmalen fertig ist, darf sie gern Bert und Bart ausleihen. Dann schläft sie bestimmt nicht wieder ein.
Für das letzte Stück Weg müssen Kalle, Ans, Herr De Later und einige andere Fahrgäste in einen kleineren Bus umsteigen. Weil der große Bus zu einem anderen Hotel weiterfährt. Kalle darf jetzt ganz vorne sitzen, direkt neben dem Fahrer mit dem Schnurrbart. Er heißt Gijs und er erzählt Kalle, dass er zu dem Hotel gehört, zu dem sie unterwegs sind. „Du bist also Kalle“, sagt Gijs. „Der Freund von Kimberley. Sie redet schon seit drei Wochen nur von dir, die verrückte Nudel.“
Kalle lacht. Kimberley ist wirklich eine verrückte Nudel. Die verrückteste, die er kennt. Aber auch die netteste. Er hat sie letztes Jahr auf dem Campingplatz kennengelernt, zu dem er mit seiner Mutter geradelt ist. Sie hat dort mit ihrem Vater in einem winzigen Zelt Urlaub gemacht. Es war so winzig, dass nicht mal Kalle darin stehen konnte.
Eigentlich wollten sie sich dieses Jahr wieder auf dem gleichen Campingplatz treffen, aber dann kam alles anders. Kimberleys Vater erfuhr, dass er sechs Wochen lang in einem Hotel in der Schweiz arbeiten musste. Dort war der Koch abgehauen, kurz bevor die Sommerferien anfingen und viele Väter und Mütter mit ihren Kindern kommen wollten. Kimberleys Vater musste für ihn einspringen.
Kimberley war furchtbar wütend.
„Ich will in kein Hotel! Hotels sind dumm! Ich will mit Kalle auf den Campingplatz vom letzten Jahr. Das hast du mir versprochen, und was man verspricht, muss man halten.“
Kimberleys Vater zuckte mit den Schultern und Kimberley schloss sich in ihrem Zimmer ein. Sie kam einfach nicht mehr raus, auch nicht zum Essen.
„Dann isst du halt nichts“, rief ihr Vater.
Später rief er aber in dem Hotel an und fragte, ob sie Kalle mitbringen durften. Die Leute dort waren einverstanden. Allerdings nur, wenn sich Kalle mit Kimberley und ihrem Vater das Zimmer teilte, weil alle anderen Zimmer belegt waren.
„Und was ist mit mir?“, fragte Kalles Mutter, als er ihr davon erzählte.
„Vielleicht darfst du ja auch noch mit.“
„Kann sein, aber dann müsste ich wahrscheinlich bei Kimberleys Vater im Bett schlafen. Und ganz ehrlich: Er ist wirklich sehr nett, aber in sein Bett will ich trotzdem nicht.“
„Nein, du brauchst dir nur das Zimmer mit uns zu teilen“, sagte Kalle. „Kimberley kann in seinem Bett schlafen.“
„Ach nein, das will ich auch nicht“, sagte seine Mutter. „Ich möchte nämlich lieber campen. In meinem eigenen Zelt und auf meiner eigenen Matte. Mit dir. Ganz davon abgesehen sind sechs Wochen viel zu lang. So viel Urlaub habe ich gar nicht.“
„Aber ich“, sagte Kalle. „Die Ferien dauern genau sechs Wochen. Kann ich nicht alleine fahren? Kimberleys Vater passt bestimmt auf mich auf.“
„Du? Sechs Wochen ohne mich von zu Hause weg? Da kriegst du garantiert schon nach drei Tagen Heimweh. Ich kenn dich doch.“
In dieser Nacht konnte Kalle nicht schlafen. Seine Mutter hatte recht. Sechs Wochen waren lang. Als er mal bei Oma und Opa übernachtet hatte, bekam er nach drei Tagen Heimweh. Aber das war früher, als er noch acht war. Elfjährige Kinder bekamen sicher kein Heimweh mehr.
„Zwei Wochen“, verkündete seine Mutter am nächsten Morgen beim Frühstück. „Zwei Wochen finde ich gut. Jeden Sonntag fährt ein Hotelbus von hier in die Schweiz. Du bist dann einen ganzen Tag unterwegs. Wir brauchen nur den Bus zu bezahlen.“
„Und du?“
„Ich gehe zelten. Ohne dich und mit einem Stapel Bücher.“
„Aber … findest du das denn nicht ganz schrecklich?“
„Nein, im Gegenteil. Ich werde es mir so richtig gemütlich machen.“
Wahnsinn, dachte Kalle. Ich darf ganz allein mit dem Bus in die Schweiz fahren. In ein echtes Hotel. Und dann kann ich zwei Wochen lang mit Kimberley etwas Tolles unternehmen. Bergsteigen, Hütten bauen, in eiskalten Bächen schwimmen. Aber traue ich mich das auch wirklich?
Natürlich traute er sich. Und jetzt sitzt er neben Gijs, dem Busfahrer, im kleinen Bus. Bald schon werden sie am Hotel ankommen.
„Ich finde das ganz schön stark von dir“, sagt Gijs. „Dass du so ganz allein in die Schweiz fährst. Warst du eigentlich aufgeregt?“
„Ein bisschen.“
„Ich glaube, deine Mutter war noch viel aufgeregter. Stell dir vor, sie hat mich gebeten, auf dich aufzupassen.“
„Und, haben Sie auf mich aufgepasst?“
„Klar.“
„Hab ich gar nicht gemerkt.“
„So soll es auch sein.“
„Ans hat auch ein bisschen auf mich aufgepasst.“
„Das hast du bestimmt gemerkt, oder?“
Kalle nickt.
Gijs lacht so sehr, dass sein Schnurrbart wippt.
Wenn Ans irgendetwas tut, bekommt es gleich der ganze Bus mit. Egal, was es ist. Reden, schlafen, lachen, Karotten essen. Jetzt gerade unterhält sie sich mit Herrn De Later.
