Trau dich doch - Ellen Berg - E-Book

Trau dich doch E-Book

Ellen Berg

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8,99 €

Beschreibung

Heirate doch selber!

Hochzeitsplanerin Amelie könnte vor Verzweiflung in den Brautstrauß beißen: Der Bräutigam kann vor Restalkohol kaum stehen, die Braut dreht ohnehin durch, die weißen Tauben haben keine Lust zu fliegen. Noch dazu ist Amelies eigener Traum vom "für immer" gerade zerplatzt – nach ihrer unerfreulichen Scheidung muss sie sich in einem ganz neuen Leben zurechtfinden. Dass sie bei ihrem nächsten Auftrag einem Mann begegnet, der all das zu sein scheint, was sie sich sehnlichst wünscht, macht es auch nicht gerade besser. Denn dummerweise ist er der Bräutigam …

Ein einmalig komischer und natürlich hochromantischer Roman über die Liebe im Ausnahmezustand – beim Heiraten.

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Seitenzahl: 511

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Über Ellen Berg

Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reiseleiterin und in der Gastronomie. Heute schreibt und lebt sie mit ihrer Tochter auf einem kleinen Bauernhof im Allgäu. Getraut hat sie sich schon so einiges, vor den Altar bisher noch nicht. Doch wer weiß? Ihr neuer Roman hat ihr definitiv Lust aufs Heiraten gemacht …

Mehr Informationen zur Autorin unter www.ellen-berg.de

Informationen zum Buch

Heirate doch selber!

Hochzeitsplanerin Amelie könnte vor Verzweiflung in den Brautstrauß beißen: Der Bräutigam kann vor Restalkohol kaum stehen, die Braut dreht ohnehin frei, die weißen Tauben haben keine Lust zu fliegen. Noch dazu ist Amelies eigener Traum vom Für immer gerade zerplatzt – nach ihrer unerfreulichen Scheidung muss sie sich in einem ganz neuen Leben zurechtfinden. Dass sie bei ihrem nächsten Auftrag einem Mann begegnet, der all das zu sein scheint, was sie sich sehnlichst wünscht, macht es auch nicht gerade besser. Denn dummerweise ist er der Bräutigam …

Ein einmalig komischer und natürlich hochromantischer Roman über die Liebe im Ausnahmezustand – beim Heiraten!

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Ellen Berg

Trau dich doch

(K)ein Hochzeits-Roman

Inhaltsübersicht

Über Ellen Berg

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Impressum

Kapitel 1

Der schönste Tag im Leben – flaumiges Schweben, trommelndes Herzklopfen, himmelstürmendes Glück. Ein Tanz der ganz, ganz großen Gefühle. Unversehens geriet Amelie ins Träumen, und ein blütenumflorter Bilderstrom taumelte an ihr vorbei. Sie erinnerte sich an jede Sekunde ihrer Hochzeit. An den Brautstrauß aus pfirsichfarbenen Ambridge-Rosen, durchwirkt mit schimmernden kleinen Perlen. An die duftigen Tüllwolken, in denen sie zum Altar geschritten war, an ihren hartnäckigen Schluckauf, der fast das Ehegelöbnis gesprengt hätte. Und wie vor ihren Augen alles verschwamm, als Roland sie nach dem Ringetausch küsste. So sanft, so innig. Wie grenzenlos verliebt sie damals gewesen war …

»Wir brauchen einen Visagisten, einen Video-Artisten, einen Hochzeitssong!«, zerschnitt eine schrille Stimme die Luft.

Womit Amelie jäh aus ihren Blütenträumen gerissen wurde und in der Gegenwart landete. Genauer gesagt, in einem nüchternen Büro, in das soeben zwei Frauen gestürmt kamen, die sehr, nun ja, eigenwillige Vorstellungen vom schönsten Tag im Leben hegten.

»Wir brauchen Konfettikanonen mit Rosenblättern, ein spektakuläres Feuerwerk und, nicht zu vergessen, die Termine für Intimwaxing, Tan Shower, Wimpernkleben!«, rief Frau Trautwein, eine blondgesträhnte Mittfünfzigerin im beigefarbenen Kaschmirhosenanzug. »Wir brauchen noch so ziemlich alles, Frau Vogelsang! Und Sie? Sitzen hier nur rum? Ist das Ihre Vorstellung von Organisation?«

Herrje, manche Menschen glauben ernsthaft, je öfter sie den Fahrstuhlknopf drücken, desto schneller kommt der Aufzug, dachte Amelie innerlich seufzend. Frau Trautwein war so ein Mensch. Sie machte Druck. Sie sprach sehr laut. Und wieder einmal pochte sie darauf, alles müsse viel, viel schneller gehen, was sie mit hiebartigen Gesten ihrer üppig beringten Hände unterstrich.

Amelie hätte ihr gern mitgeteilt, dass es nun mal Dinge gab, die sich nicht von null auf hundert beschleunigen ließen. Schon gar nicht, wenn es um etwas so Wunderbares und Kompliziertes wie eine große Hochzeitsfeier ging. Stattdessen lächelte sie verbindlich, denn Frau Trautwein war nicht nur eine unfassbare Nervensäge, sie war vor allem eine wichtige Kundin von Wedding de luxe – Amelie Vogelsang & Team. Da hieß es, die Zähne zusammenzubeißen, bis es knirschte.

»Keine Sorge«, beteuerte sie. »Das Timing geht in Ordnung.«

»Ja, wie eine kaputte Uhr, die zweimal am Tag die richtige Uhrzeit anzeigt«, giftete Frau Trautwein.

Ihre Tochter, eine schlanke, wenngleich auffallend kurvig gestaltete junge Frau in Designerjeans und buntgemusterter Seidenbluse, hob theatralisch die Arme.

»Wenn Sie auch nur an-satz-wei-se wüssten, was Timing ist, hätten Sie uns schon was zu trinken angeboten.«

Na toll. Dabei waren die beiden doch gerade erst reingerauscht, unangemeldet wie ein Platzregen aus heiterem Himmel. Amelie stöhnte unhörbar. Wie war sie bloß auf den irren Gedanken verfallen, Hochzeitsplanerin sei ein romantischer Beruf? Manchmal fühlte es sich an, als müsste sie mit verbundenen Augen einen Jumbojet steuern, nebenbei für die Bordunterhaltung sorgen und obendrein Getränke servieren.

»So nehmen Sie doch bitte erst mal Platz«, sagte sie so freundlich wie möglich. »Was darf’s denn sein?«

Frau Trautwein setzte sich auf einen der mit weichem grauem Leder bezogenen Besuchersessel und schlug die Beine übereinander.

»Entkoffeinierter laktosefreier Vanilla Latte mit Süßstoff.«

»Für mich Jahrgangschampagner, gern von zweitausendacht«, ergänzte ihre Tochter.

Klar. So was hatte man ja dauernd irgendwo rumstehen. Amelie erhob sich, um die riesige chromglänzende Espressomaschine zu aktivieren, die auf einem silbergrauen Sideboard am Fenster stand.

»Latte kommt sofort, nur beim Champagner muss ich leider passen.«

»Kein Champagner?« Unwillig schüttelte Frau Trautwein junior ihr langes glänzendes Haar in einem raffinierten Honigton, den Amelie nur aus der Shampoowerbung kannte. »Was ist das denn für ein Saftladen hier?«

Eins stand mal fest: Die Tochter war mindestens so eine Klemmschwester wie die Mutter. Schon bei den Gesprächsterminen im luxuriösen Trautwein-Domizil, standesgemäß in München-Grünwald gelegen, hatte sie bei jeder Gelegenheit gezickt. Seitdem schien sich ihre Stimmung nicht gerade gebessert zu haben. Auch gut, sagte sich Amelie, wir wollen hier ja keine Freundschaftsbändchen flechten, nur eine Hochzeit vorbereiten.

Aufs Geratewohl drückte sie an der Espressomaschine herum und stellte einen weißen Porzellanbecher unter das Auslaufrohr. Dann wartete sie skeptisch. Sie und die Maschine waren nämlich nicht gerade die besten Freunde. Es handelte sich um eines dieser einschüchternden Hightech-Ungetüme, deren völlige Unverwendbarkeit sofort ins Auge sprang. Zu viele Knöpfe, zu viele Hebel, verwirrend viele Tasten, da konnte man von Glück reden, wenn das Ding überhaupt was ausspuckte. Allerdings war es ja auch nicht Amelies Kaffeemaschine. Dies war nicht mal ihr eigenes Büro. Und ob es sich um ihr eigenes Leben handelte, dessen war sie manchmal auch nicht ganz sicher. Wo blieb die gute Fee, die das vergangene Jahr ungeschehen machte? Ein Jahr, in dem sie fast alles verloren hatte, was ihr wichtig gewesen war?

Jetzt mal halblang, redete sie sich gut zu. Spar dir die sentimentale Rolle rückwärts, schau lieber nach vorn. Schlimmer kann’s eigentlich nicht mehr werden.

Gespannt beobachtete sie, wie mit viel Gezische und Geratter ein bräunliches Getränk aus der Maschine sprudelte, von dem sie inständig hoffte, dass es kaffeeähnlich schmeckte. Nachdem sie der Brautmutter den Becher gereicht hatte, setzte sie sich wieder an den Schreibtisch aus gehärtetem Glas, auf dem ein Laptop und eine Silberschale mit drei weißen Orchideen standen.

»Gnädige Frau«, Amelie beugte sich ein wenig vor, »ich werde alles so rasch wie möglich erledigen, wie unlängst besprochen.«

Doch Frau Trautwein, die an ihrem Latte-was-auch-immer nur genippt hatte, verzog das nach allen Regeln der kosmetischen Chirurgie gestraffte Gesicht. Im Rahmen der von ihrem Beauty Doc bemessenen Möglichkeiten sozusagen.

»Ihre Definition von ›rasch‹ ist genauso fragwürdig wie dieser Kaffee. Die Hochzeit meiner über alles geliebten Tochter Saskia findet bereits in drei Monaten statt. Ich will Ergebnisse sehen! Wo sind die weißen Tauben, die beim Jawort hochfliegen?«

»Sind bestellt«, versicherte Amelie.

»Stopp, stopp«, meldete sich die zukünftige Braut zu Wort, »ich will aber keine Tauben. Mein Hardy und ich, wir feiern doch auf Sylt, da würden Möwen besser passen.«

»Möwen?«, fragten Amelie und Frau Trautwein senior wie aus einem Mund.

Himmel noch eins. Es war Amelie ein Rätsel, wie man auf so eine hirnverbrannte Idee kommen konnte. Tagelang hatte sie mit sämtlichen Taubenzüchtern zwischen Husum und Bremerhaven telefoniert. Und das sollte jetzt alles umsonst gewesen sein? Andererseits gehörte es zu ihrer heiligen Pflicht und Routine, die Mediatorin zu spielen. Denn nie, wirklich nie waren sich Braut und Brautmutter über die Feierlichkeiten einig.

»Na ja«, sie schluckte, »Möwen sind ja letztlich auch nur, äh, Tauben mit Seepferdchenabzeichen, oder?«

Unauffällig schaute sie zur Uhr. Es war zwanzig vor zwei, und der Deal mit ihrem alten Kumpel Sebastian lief so: In seiner Mittagspause, von eins bis zwei, durfte sie das Schild Wedding de luxe – Amelie Vogelsang & Team – Wir geben Ihren Träumen eine Bühne neben die Tür seiner Büroetage hängen. Dort empfing sie ihre Kunden, in einem angenehm klimatisierten Raum mit hellgraugewischten Wänden und teuren Designermöbeln. Punkt zwei war’s vorbei. Dann hatte das Schild zu verschwinden, und darunter kam wieder die polierte Messingplakette mit dem Schriftzug Dr. Sebastian Hemmerle, Notar zum Vorschein.

Es war eine Notlösung. Nur so lange, bis die Hochzeitsagentur gut genug lief, damit sich Amelie solch ein Fünfsternebüro in bester Lage leisten konnte – hier am Münchner Odeonsplatz beispielsweise, mit Blick auf die imposante Feldherrnhalle. Oder wenigstens ein Zweisternebüro im Glockenbachviertel, wo sich Galerien, gemütliche kleine Cafés und Antiquitätenläden aneinanderreihten. Okay, ihr hätte auch ein Nullsternebüro in einer unspektakulären Gegend gereicht, Hauptsache, sie konnte vernünftig darin arbeiten.

Leider war Amelie noch weit davon entfernt. Erst vor einem halben Jahr hatte sie ihre Agentur gegründet, gleich nach der Scheidung, bei der sie komplett leer ausgegangen war. Selbst ihr angeblich mit allen Wassern gewaschener Anwalt war machtlos gegen die Finanztricks ihres Exmannes gewesen. Roland hatte das gesamte Vermögen in seine Charity-Aktion fließen lassen und angeblich so wenig Einkünfte, dass es nicht mal für einen anständigen Unterhalt reichte. Seitdem holperte Amelie finanziell auf der Felge und kämpfte tapfer um jeden Auftrag. Auch um diesen. Jetzt im Mai hatten Hochzeiten Hochsaison, für den Rest des Jahres sah es allerdings nach einer ziemlichen Flaute aus. Da kam die Trautwein-Heirat im August äußerst gelegen.

»Dressierte Möwen, schön, gar kein Problem«, nahm sie den Faden wieder auf.

Natürlich war es ein Problem. Sogar ein dickes, fettes. Unter Tierschutzgesichtspunkten sowieso, und was ein Möwenschwarm mit dem Fingerfoodbuffet unter freiem Himmel anstellen würde, wollte sich Amelie gar nicht erst ausmalen. Doch zu diesem Zeitpunkt ging es um Vertrauensbildung. Heiraten war emotionaler Extremsport, da machte es keinen Sinn, bereits in der Trainingsphase Zweifel zu schüren. Das dicke Ende würde sowieso noch kommen. Amelie graute schon vor den Extrawünschen, die den meisten Hochzeitspaaren bis zur letzten Sekunde vorm Jawort einfielen. Last-Minute-Partnerpiercings, mannshohe Eisskulpturen für die Hochzeitstafel oder ein Extrastühlchen für den geliebten Zwergpinscher – der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Und bei den Trautweins musste man mit allem rechnen.

»Können Sie uns wenigstens schon einen brillanten Hochzeitsredner präsentieren?«, erkundigte sich Frau Trautwein senior streng.

»Die Rede übernehme ich selbst«, antwortete Amelie. »Das ist meine Spezialität.«

Wohl wahr. Nach zwanzig lesebegeisterten Jahren in ihrem Literaturzirkel (mit Wein, Häppchen und lauter Gattinnen, die deutlich mehr Glück mit ihren Ehemännern gehabt hatten) verfügte sie über einen reichen Fundus gefühlvoller Zitate über die Liebe. Schließlich gab es keinen ernstzunehmenden Dichter, der dieses unsterbliche Thema ausließ.

»Ach ja?« Saskia Trautwein schob ihre nudefarben geschminkte Unterlippe vor. »Und was sondern Sie da so Herzwärmendes ab, Frau Vogelsang?«

»Das entscheide ich spontan.«

»Spontan? Tut mir leid, ich mag keine Hippies«, verkündete Frau Trautwein senior spitz. »Ich will Ihre Rede in Schriftform, spätestens nächste Woche. Außerdem Fotos von der geplanten Tischdekoration, eine belastbare Wetterprognose, Vorschläge für ausgefallene Gastgeschenke und Entwürfe für die Menükarten.«

Amelie musste sich schwer beherrschen, um die Fassung zu wahren. Sie war doch kein achtarmiger Oktopus, der alles gleichzeitig erledigen konnte. Na gut, unter diesen Umständen musste sie eben ein achtarmiger Oktopus sein.

»Einverstanden, Frau Trautwein. Sie bekommen das Gewünschte bei unserem Termin in der kommenden Woche, einschließlich der Rede.«

»Aber bloß keine kitschige Sülze!«, nörgelte Saskia Trautwein. »Sonst heule ich Rotz und Wasser, und dann ruinieren Sie mir das Hochzeits-Make-up.«

Für eine Millisekunde stellte sich Amelie vor, wie jemand dieser verwöhnten jungen Frau einen ganzen Eimer Wasser über den Kopf kippte, um das Make-up zu ruinieren, und erschrak zutiefst. Amelie! Was ist los mit dir? Du liebst die Menschen, du liebst Hochzeiten, deshalb hast du doch diesen Beruf ergriffen! Lass dich bloß nicht provozieren. Auch eine zickige Braut hat das Recht auf eine Traumhochzeit, also bleib gelassen und mach sie glücklich.

Geschäftig klappte sie Sebastians Laptop auf, dessen Bildschirmschoner einen jungen knackigen Adonis im Leopardentanga zeigte (was ihre beiden Kundinnen zum Glück nicht sehen konnten).

»Ich fasse mal zusammen«, sagte sie und versuchte, ihrer Stimme einen professionellen Klang zu geben. »Sie wünschen eine Hochzeit im maritimen Stil. Location ist das Hotel Strandkrone Supérieur auf Sylt, bei gutem Wetter unter Einbeziehung der Terrasse mit Meerblick. Farbkonzept: Blau-Weiß. Deko: weißer Sand, Muscheln, blaue Glaskugeln. Blumenschmuck: weiße Lilien und blaue Hortensien. Essen regionaltypisch auf Feinschmeckerniveau, zum Beispiel ein …«

»Sylter Austern!«, schnitt Frau Trautwein ihr das Wort ab. »In Champagnervinaigrette!«

»Wird notiert.«

Mit konzentrierter Miene tat Amelie so, als tippe sie alles in Sebastians Laptop. Wer nahm ihr denn schon ab, dass ihr Hirn genügend Speicherkapazität für jedes Detail besaß? Sie entstammte halt noch der analogen Ära, als man Gedichte auswendig lernte und Kopfrechnen für unverzichtbar hielt. Ihr Gedächtnis ließ sie deshalb selten im Stich. Eigentlich nie.

Während ihre Finger über die Tastatur flogen, poppten mehrere Fenster auf, die sie über Sebastians neueste Online-Flirts informierten. Lauter gutgebaute hübsche Jungs: Timo, dunkelhaarig, süße neunzehn. Ken (nie im Leben war das sein echter Name), weißblond und muskulös. Raffael, ein mediterraner Loverboy mit sinnlichem Schmollmund. Sebastian schien ein rasantes Liebesleben zu haben.

»Austern sind so was von gähn«, beschwerte sich die Braut. »Ich will Barramundi, aber nicht die aus Aquakultur, die schmecken wie Klobürste.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Amelie, obwohl sie keine Ahnung hatte, was das sein sollte. »Barra… also, äh, Dings, aus Hochseefang.«

»Hab ich neulich mit Ingwer-Limetten-Kokosnuss-Emulsion gegessen, genau so will ich sie haben.«

Von mir aus kannst du sie auch mit Grünkohl und Gummibärchen haben, dachte Amelie. Hauptsache, das hier wird noch was vor Weihnachten. Die Zeit lief ihr davon. Jeden Moment würde Sebastian aus seiner Mittagspause zurückkehren, und sie wollte seine Großzügigkeit auf keinen Fall überstrapazieren. Pflichtbewusst riss sie sich vom Anblick der beeindruckenden Bauchmuskulatur los, die dieser sagenhafte Ken auf seinem Profilbild zur Schau stellte.

»Noch heute vereinbare ich ein zeitnahes Probeessen im Hotel Strandkrone. Weiter im Text. Die Trauungszeremonie findet in einem schneeweißen Zelt am Strand statt. Blau-weiße Blumenspaliere und Fackeln im Sand säumen den Weg dorthin. Passend zum Blumenschmuck nehmen wir weiße Stuhlhussen aus Satin, dazu blaue Ripsbandschleifen an den Lehnen. An welche Musik haben Sie gedacht?«

»Kulturell wertvolles Streichquartett«, antwortete Frau Trautwein senior. »Einen angesagten Rapper«, kam es zeitgleich von Frau Trautwein junior.

»Was?«, kreischten beide.

Amelie gab ihren Klientinnen eine Minute, um sich zu fetzen. Ja, insgeheim sprach sie von Klientinnen. Das klang ein bisschen nach psychotherapeutischer Praxis, was gar nicht mal so falsch war. Wenn man Hochzeiten organisierte, gehörte Hysterie zu den täglichen Herausforderungen. Allein die Wahl des Brautkleids hatte in den vergangenen Monaten ein heilloses Gefühlschaos ausgelöst. A-Linie, Prinzessin oder Meerjungfrau? Spitze, Perlenstickerei oder Strass? Organza, Taft, Satin? Kalkweiß oder Elfenbein, züchtig oder sexy? Daran hatten sich endlose Diskussionen entzündet, garniert mit Schreikrämpfen der Mutter und Tränenausbrüchen der Tochter.

Wenigstens war das Thema Einladung abgehakt. Die hatte die Brautmutter höchstpersönlich schon vor einem Jahr verschickt. Gesellschaftliche Ereignisse wie diese Hochzeit seien keine popelige Party, zu der man vier Wochen vorher einlade, wurde Frau Trautwein nicht müde zu betonen.

Erneut schaute Amelie zur Uhr. Höchste Zeit, das Büro zu räumen. Natürlich auf die hochdiplomatische Art.

»Meine Damen, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?«, unterbrach sie den lautstark entbrannten Streit über die musikalische Untermalung. »Gleich habe ich eine Hochzeit zu begleiten. Im Laufe des morgigen Vormittags sende ich Ihnen dann eine Mail mit dem Stand der Dinge. Keine Sorge, es wird ein rauschendes Fest, und …«

Verunsichert hielt sie inne. Warum nur breitete sich auf einmal ein peinliches Schweigen aus? So als hätte jemand seine Körperwinde nicht unter Kontrolle gehabt? Die Braut rümpfte die Nase, die Brautmutter öffnete kopfschüttelnd ihre beigefarbene Chanel-Handtasche, holte ein durchsichtiges Röhrchen heraus und genehmigte sich zwei rosafarbene Tabletten.

»Ein rauschendes Fest? Das klingt ja nach Kegelclub bei Hempels unterm Sofa! Fehlen nur noch der Käseigel und die Erdbeerbowle! Was qualifiziert Sie eigentlich für Ihre Tätigkeit, Frau Vogelsang?«

Amelie presste die Lippen aufeinander. Nein, dies war kein Jumbojet, dies war ein Atomkraftwerk, das ihr jederzeit um die Ohren fliegen konnte. Trotz ihrer zweiundvierzig Jahre hatte sie zugegebenermaßen bis vor kurzem keinen Schimmer vom Heiratsbusiness gehabt. Allerdings verfügte sie über ein ausgeprägtes Organisationstalent und die hohe Motivation einer Frau, die entschlossen war, beruflich durchzustarten. Unablässig besuchte sie Hochzeitsmessen, fahndete im Internet nach ausgefallenen Locations, informierte sich in den einschlägigen Hochglanzmagazinen über die neuesten Hochzeitstrends. Sie gab wirklich alles, und das wollte sie sich keineswegs miesmachen lassen.

»Gnädige Frau, seit zwanzig Jahren arbeite ich in leitender Funktion im Management«, erklärte sie. »Außerdem habe ich Erfahrungen in der Gastronomie, beim Relocation Service sowie als persönliche Assistentin eines wichtigen Entscheiders gesammelt.«

Hochgestapelt? Nein, eindeutig tiefgestapelt. Schließlich musste man es als Management bezeichnen, wenn man zwei Jahrzehnte lang Haushalt, Kindererziehung und Gattinnenpflichten gewuppt hatte. Auch die kulinarische Expertise stimmte, denn Amelie hatte täglich für die Familie gekocht und sämtliche beruflichen Abendessen ihres Mannes ausgerichtet. Hinzu kam der Relocation Service: alle drei Jahre ein karrierebedingter Umzug, inklusive Wohnung suchen, Schulen recherchieren, Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants ausspähen. Dass sie überdies die persönliche Assistentin ihres Mannes gewesen war, hatte sich quasi von selbst verstanden, vom Unterhosenkauf bis zur Führung seines privaten Terminkalenders. Allein die Koordination seiner Golfturniere hatte sie Monate ihres Lebens gekostet.

»Soso, Management, Personal Assistance, Gastronomie, na, dann wissen Sie offenbar, was Sie tun«, ließ sich Frau Trautwein senior etwas gnädiger vernehmen.

»Aber die Blumen sind voll Panne«, zeterte die zukünftige Braut. »Lilien gehen gar nicht. Das sind Beerdigungsblumen! Da könnten wir auch gleich Trauerkränze bestellen!«

»Kind, die Lilie steht von alters her für Reinheit und Unschuld«, wurde sie von ihrer Mutter belehrt.

»Ja, toll, aber ich bin zu jung für den uralten Quatsch. Frau Vogelsang, retten Sie mich! Ich bin fünfundzwanzig, nicht Anfang ranzig!«

Amelie zeigte auf den Blumenschmuck des Schreibtischs.

»Wir nehmen weiße Orchideen. Ein Meer weißer Orchideen. Die symbolisieren Luxus und Reinheit zugleich, damit fügen sie sich ideal in das Konzept ein.«

Beide Frauen nickten ergeben, so resolut hatte Amelie geklungen. Vielleicht waren sie sogar froh, dass jemand ein Machtwort sprach und die Debatte damit beendete – eine Taktik, die Amelie ihrer Erfahrung als Mutter zweier erwachsener Söhne verdankte. Bloß nicht zu viel diskutieren, Grenzen setzen, klare Kante zeigen. Mit diesen drei Maximen hatte sie sogar die Klippen der Pubertät erfolgreich umschifft. Und da sage noch einer, Hausfrau und Mutter sei ein minderwertiger Job, bei dem man geistig verblödet, dachte sie. Dieses Märchen konnte nur ein Mann in die Welt gesetzt haben. Die meisten Herren der Schöpfung hatten doch keine Ahnung, was man alles lernte und leistete, wenn man den Laden daheim ganz allein schmiss.

»Orchideen also«, bekräftigte sie.

»Zauberhafte Idee«, zirpte Frau Trautwein senior.

Im Kopf addierte Amelie schon die voraussichtlichen Preise. Der Spaß würde ein Vermögen kosten, doch bei diesem Mutter-Tochter-Duo spielte Geld ja keine Rolex. Je teurer, desto besser, lautete deren Devise. Wie gern hätte Amelie mal eine richtig charmante Low-Budget-Hochzeit ausgerichtet. Klein, aber fein, preiswert, aber phantasievoll. Warum nicht Bohème mit Zirkuszelt und Gitarrenkapelle? Oder Vintage, in einem verwunschenen alten Gemäuer mit dem Dresscode zwanziger Jahre? Aber Leute, die auf so was Abgefahrenes standen, nahmen die Sache wohl selbst in die Hand und engagierten keine Hochzeitsplanerin. Schade. Ihr einziger Lichtblick zurzeit war ein kleiner Empfang, der zwei Tage später stattfinden würde: für Freunde von Sebastian, die sich anlässlich ihrer standesamtlichen Trauung einen Hochzeitscocktail in ungewöhnlicher Atmosphäre gewünscht hatten. Dafür hatte Amelie ein kleines Hallenbad gemietet, das sie mit farbigem Licht, künstlichen Palmen und aufblasbaren Flamingos zu dekorieren gedachte.

Eine Minute vor zwei. Demonstrativ klappte sie den Laptop zu, stand auf und zog ihr lindgrünes Bouclékostüm mit den Goldknöpfen gerade (ein Relikt aus besseren Zeiten, neuerdings ihre Hochzeitsplaner-Uniform).

»Danke für das konstruktive Gespräch. Wir sehen uns nächste Woche.«

»Nein, nein, morgen früh um zehn ist die letzte Anprobe bei der Brautkleiddesignerin«, protestierte Saskia Trautwein. »Sie müssen unbedingt dabei sein, sonst sehe ich aus wie meine eigene Hochzeitstorte. Mami hat ja so den fiesen Gruftigeschmack, außerdem dreht sie durch, weil mein Hardy adelig ist.«

Frau Trautwein streifte ihre Tochter mit einem pikierten Du-kleine-Maus-hast-keine-Ahnung-Blick, bevor sie wieder das Wort an Amelie richtete.

»Mein designierter Schwiegersohn ist nicht nur der ideale Ehemann für meine Saskia, er gehört dem Hochadel an. Dem Hoch-a-del, verstehen Sie? Da existieren gewisse Regeln. Adel verpflichtet, auch zu einem standesgemäßen Hochzeitskleid. Ich zähle auf Sie, Frau Vogelsang. Auf Ihre Erfahrung. Ihr Stilbewusstsein.«

Sie hätte genauso gut sagen können: Ich zähle darauf, dass wir beide dieses unreife Ding komplett unterbuttern werden.

»Selbstverständlich.« Amelie zwang sich zu einem optimistischen Lächeln. »Zehn Uhr. Mailen Sie mir bitte die Adresse, ich werde da sein. Doch jetzt muss ich wirklich darum bitten …«

Sie verstummte, als die Tür aufging und Sebastian hereinspaziert kam. Dr. Sebastian Hemmerle, seines Zeichens Notar und ein Bild von einem Mann. Ein offensichtlich gutgelaunter Schöpfer hatte ihm ebenmäßige Gesichtszüge und olivgrüne Augen verliehen, überdies tat Sebastian selbst so einiges dafür, um diese Vorzüge gebührend zur Geltung zu bringen. Sein nachtblauer Nadelstreifenanzug saß perfekt, sein breites Kreuz war perfekt trainiert, seine dunkle Kurzhaarfrisur wirkte so perfekt wie seine gleichmäßige Bräune. Und dann dieses Lächeln – gewinnend, eine Spur kess. Warum gab es so was Atemberaubendes nicht in Hetero?

»Hallo, die Damen«, sagte er lässig, und nur ein winziges Anheben seiner linken Augenbraue verriet, dass er eventuell ungeduldig sein könnte. »Amelie, alles okay?«

»Ja, alles top.«

Eine Pause entstand, in der ihre Klientinnen hörbar nach Luft schnappten. Amelie kannte das schon: Sebastian hatte einfach eine phänomenale Wirkung auf die weibliche Welt zwischen siebzehn und siebzig (von seiner Wirkung auf den männlichen Teil der Bevölkerung ganz zu schweigen). Frau Trautwein senior betrachtete ihn mit sehnsuchtsvoll schmelzenden Augen, die angehende Braut warf ihm einen glühenden Blick zu.

»Hey, schöner Mann, kann man Sie auch buchen?«, gurrte sie kehlig. »Als Gast? Oder«, sie zwinkerte kokett, »warum nicht gleich als Bräutigam?«

Oh, là, là. Das sah aber nach einem ziemlich ungenierten Fremdflirt aus. Und Amelie war nicht die Einzige, der das auffiel. Augenblicklich verlor sich der Schmelz in den Augen von Frau Trautwein senior.

»Was soll das denn werden? Jugend forscht?«, rüffelte sie ihre Tochter. »Contenance, Kind! Du bist verlobt!«

Deutlich verstimmt marschierte sie aus dem Büro, und ihre Tochter folgte ihr gesenkten Hauptes, wobei sie Sebastian noch einmal verstohlen zuzwinkerte.

»Drei Worte«, hauchte sie fast unhörbar. »Sie. Sind. Heiß.«

Vollkommen unbeweglich starrte Sebastian sie an.

»Vier Worte: Und. Leider. Sehr. Beschäftigt.«

Krachend fiel die Tür ins Schloss. Dann wurde es eigentümlich still in dem eleganten Büro, so dass man nur noch das schwache Blubbern der Kaffeemaschine hörte.

Kapitel 2

Ja, so fing das manchmal an: Ein Blickwechsel, eine freche Bemerkung, offenes Ende, Fortsetzung folgt. Nun, nicht im Falle von Saskia Trautwein und Sebastian Hemmerle; die würden nie ein Traumpaar werden. Doch bei Amelie war es so gewesen. Damals, als sie den Studentenjob in dieser netten verklebten Schwabinger Eckkneipe gehabt hatte. Roland war einfach hereinspaziert, hatte sich an den Tresen gesetzt und nach dem dritten Bier plötzlich und unerwartet den Mund aufgemacht: »So wie ich muss sich der Mond gefühlt haben, als der erste Mensch darauf landete.« Amelie hatte geschmeichelt losgekichert (nicht wegen des Spruchs, sondern weil Roland damals unwiderstehlich lächeln konnte) und dann nach längerem Nachdenken entgegnet: »Öh. Wenn ich die Astronautin wäre, dann wäre die Mondfähre ja wohl unbemannt.«

So ein galaktischer Schwachsinn fiel einem natürlich nur ein, wenn man unter Schockverliebtheit litt. So kam es, wie es kommen musste: Auf die ersten Dates folgten die ersten Frühstücke, dann die ersten Liebesschwüre, wenig später die erste gemeinsame Wohnung. Und der Antrag. Auf dem Oktoberfest, neben einer Achterbahn, aus der Amelie mehr gekrochen als gestiegen war, ganz grün im Gesicht und mit einer Maß Bier sowie zwei Portionen Zuckerwatte im Magen, die ungestüm nach oben drängten. Roland hatte ihr einfach einen Ring vor die Nase gehalten, mit den Worten: »Im Auf und Ab des Lebens wird das mit uns für immer sein.« Jep. So konnte man sich irren.

»Amelie?«

War das Sebastians Stimme? Ja, und sie befand sich immer noch in seinem Büro. Wie eine Gewitterwolke hingen die schweren Parfüms der beiden Damen Trautwein in der Luft, und Sebastian klang ein wenig enerviert. Es war Amelie sehr unangenehm, dass sie ihr Zeitlimit überschritten hatte. Schließlich wollte sie ihrem Freund nicht zur Last fallen. Nur seine Mittagspause nutzen und ihn dann ungestört seinen Geschäften überlassen.

»Puh.« Sie schnippte ein Stäubchen von der polierten Glasplatte des Schreibtischs. »Entschuldige, Problemkunden, deshalb hat’s etwas länger gedauert.«

Langsam knöpfte er seine Anzugjacke auf und ließ sich in den Schreibtischsessel fallen, bequem, drehbar, mit handschuhweichem anthrazitfarbenem Leder bezogen.

»Die Braut wird demnächst einen guten Scheidungsanwalt brauchen.«

»Einen – wieso das denn?«

»Ich taxiere die Ehe auf ein Jahr. Höchstens.«

»Seit wann gibst du denn das Ergebnis schon vor dem Anpfiff bekannt?«, wunderte sich Amelie.

»Menschenkenntnis, in jahrelanger Arbeit als Notar erworben.« Mit der rechten Hand deutete Sebastian auf einen hohen silberfarbenen Schrank, hinter dessen Glastüren sich die Rücken unzähliger Aktenordner aneinanderreihten. »Eheverträge, Testamentseröffnungen, Immobiliendeals, da gewinnt man tiefe Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Braut mag offiziell verlobt sein, für alles Weitere würde ich meine Hand nicht gerade ins Feuer legen.«

Amelie sank in einen der Besuchersessel. Ihr war etwas schwindelig, weil sie außer ein paar Reiscrackern an diesem Tag noch nichts gegessen hatte. Komisch. Irgendwie war ihr der Appetit vergangen, seit sie nicht mehr für die Familie kochte.

»Könnte tatsächlich was dran sein«, überlegte sie laut. »Die Tochter dreht ziemlich frei, und je näher die Hochzeit rückt, desto hibbeliger wird sie. Möglicherweise hat ihr ja die Frau Mutter den hochwohlgeborenen Ehemann ausgesucht.«

Sebastian legte seine Handflächen an die Wangen und schob die obere Gesichtshälfte hoch, bis er wie seine eigene Latexmaske aussah.

»Die Mutter konsultiert jedenfalls einen teuren Chirurgen – die ist ja glatt wie eine folienverpackte Putenbrust.« Er nahm die Hände wieder herunter und faltete sie auf der Glasplatte des Schreibtischs. »Könntest der Dame bei Gelegenheit beibiegen, dass Lächeln die preiswerteste Alternative wäre, ihr Gesicht zu verschönern.«

Beide brachen in Lachen aus. Sebastian amüsiert, Amelie zutiefst erleichtert. Wie herrlich, einen Freund zu haben, der es gut mit einem meinte und obendrein die fabelhafte Fähigkeit besaß, jede Anspannung verfliegen zu lassen. Jetzt erst merkte sie, dass sich ihr ganzer Körper verkrampft hatte im Bemühen, einen untadeligen Eindruck auf die beiden Trautweins zu machen.

»Schön, dass du wieder lachen kannst«, freute sich Sebastian. »Schon gewusst? Immer wenn man lacht, stirbt irgendwo ein Problem.«

»Wenn’s doch bloß so wäre«, seufzte Amelie. »Familie Trautwein ist eine harte Nuss. Schwer zu knacken und absolut ungenießbar. Mutter und Tochter zoffen sich über jedes Detail. Die eine will Tauben, die andere Möwen, die eine will ein Streichquartett, die andere – ach, was weiß ich.«

Sebastian grinste verschmitzt.

»Sag doch gleich, das Irrenhaus hat Wandertag.«

»Das trifft es ziemlich präzise«, stöhnte Amelie. »Langsam wird der Braut wohl bewusst, auf was für eine spaßarme Sache sie sich da eingelassen hat mit dieser adeligen Sause.«

»Sag ich doch. Das hält kein Jahr.«

»Was hält schon für die Ewigkeit?« Zerstreut begutachtete Amelie die ramponierten Absätze ihrer Pumps, die sie am Morgen kostenschonend mit einem schwarzen Edding »repariert« hatte. In jedem Fall hingen die Absätze schiefer als demnächst der Haussegen des adeligst vermählten Fräulein Trautwein. »Aber vorher sollte die Ehe überhaupt erst mal geschlossen werden. Was bedeutet, dass ich die Hochzeit unfallfrei über die Bühne bekommen muss.«

»Das kriegst du locker hin«, wurde sie von Sebastian beruhigt.

Die Hochzeitsagentur war seine Idee gewesen (»Ich kenne viele Leute, du kennst viele Leute, geheiratet wird immer«), und seit einem halben Jahr betete er ihr dieses Mantra vor: Das kriegst du locker hin. Dummerweise kriegte Amelie so gut wie gar nichts hin. Jedenfalls keine schwarzen Zahlen. Seit der desaströsen Scheidung musste sie sich heftig abstrampeln, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen. Ohne eigene Wohnung. Ohne Auto. Ohne den gewohnten Komfort eines Lebens im noblen Villenviertel von München-Grünwald. Allein die Miete für ihr dunkles kleines WG-Zimmer mit der Aussicht auf eine verwitterte Brandmauer bereitete ihr Kopfzerbrechen. Aber länger hätte sie es nicht ausgehalten bei ihren Eltern, die sie nach der Trennung aufgenommen, mit Mitleid überschüttet und mit viel zu viel Kuchen gefüttert hatten. Am meisten vermisste Amelie jedoch ihre neunzehnjährigen Zwillingssöhne Leon und Pascal, die auf Papas Kosten in England studierten. Weit weg. Viel zu weit weg.

Inzwischen hatte Sebastian seinen Laptop aufgeklappt, und der entgeisterte Blick, den er Amelie zuwarf, sprach Bände.

»Entschuldigung.« Sie räusperte sich verlegen. »Ich wollte dich nicht ausspionieren, nur einen professionellen Eindruck auf die beiden Damen machen. Was soll ich sagen – da sind mir diese Typen irgendwie ganz von selbst entgegengeploppt.«

»Und? Auf den Geschmack gekommen?« In Sebastians Augen tanzten Schalk und Besorgnis miteinander. »Tu mir einen Gefallen, Amelie, peinige dich nicht mit Selbstzweifeln. Wieso glaubst du, du müsstest immer noch eine Schippe drauflegen? Sei einfach selbstbewusster. Du machst einen tollen Job.«

»Und du bist ein großartiger Freund«, murmelte sie. »Ich weiß das wirklich zu schätzen. Aber mal ehrlich: Meine Agentur ist noch lange nicht in der Gewinnzone. Für den Sprung von der Hausfrau zur Businessfrau bin ich vielleicht nicht sportlich genug. Unterschätzt werde ich sowieso.«

Sebastian verschränkte die Arme und betrachtete sie prüfend von oben bis unten.

»Alles eine Frage des Auftretens. Daran könntest du nämlich noch arbeiten. Dein Kostüm zum Beispiel …«

»… ist von einem namhaften Designer. Na gut, und zehn Jahre alt.«

»Es schreit Hausfrau und Mutter, Amelie. Knielang, körperfern, lindgrün? Goldknöpfe? Viel zu trutschig. Du brauchst einen modernen, frischen Look. Subtil sexy, verstehst du?«

Ratlos schaute sie an sich herab. In ihrem Kleiderschrank hingen ausschließlich Klamotten, die dezent, parketttauglich – und ja, wahrscheinlich absolut unsexy wirkten. So wie es sich eben für die Ehefrau eines erfolgreichen Kardiologen gehörte, der in der besten Gesellschaft verkehrte. In dieser Welt hatte sie gelebt. Nun gab es diese Welt nicht mehr. Nur die Klamotten waren übrig geblieben. Dabei hatte sie sogar wieder ihren Mädchennamen angenommen, um die Trennung auch nach außen hin zu unterstreichen. So war aus Amelie Heeremann wieder Amelie Vogelsang geworden. Auf dem Papier, optisch jedoch keineswegs.

»Woher nehmen und nicht stehlen?«, fragte sie achselzuckend. »Ich habe nur solche Teile im Die-Frau-an-seiner-Seite-Stil. Shoppen liegt momentan außerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten, also muss ich wohl noch eine Weile in den Sachen rumlaufen.«

»Dann mach wenigstens was mit deinem Haar.«

Reflexhaft glitten ihre Hände zu der Frisur, die sie seit gefühlt hundert Jahren trug. Jeden Morgen absolvierte Amelie das gleiche Ritual: Nach dem Fönen bändigte sie ihr schulterlanges brünettes Haar mittels mehrerer Hornkämmchen zu einer »Banane«. Haarspray drauf, fertig. Das war praktisch, sah stets gepflegt aus … und etwa so kreuzbrav und spießig wie ihre Klamotten?

»Schneid es ab«, sagte Sebastian knapp.

»Was? Abschneiden? Roland meinte immer …«

Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Es war schon verrückt: Obwohl ihr Mann sie vor einem Jahr verlassen hatte, machte sie sich immer noch zurecht, als sei sie seine Ehefrau.

»Doktor Roland Heeremanns Meinung hat deutlich an Relevanz verloren«, schmunzelte Sebastian. »Hör zu, ich habe eine Idee fürs preiswerte Umstyling. Pedro, ein Freund von mir, ist Friseur. Demnächst will er heiraten. Berate ihn ein bisschen, dann macht er dir im Gegenzug zum Freundschaftspreis eine Frise, die zu dir passt. Zu deinem neuen Leben.«

Ein Freund von Sebastian? Ein – Friseur? Amelie spürte auf einmal ein freudiges Pochen an den Schläfen.

»Moment, sprichst du etwa von einer weiteren schwulen Hochzeit?«

»Exakt.« Mit Daumen und Zeigefingern formte Sebastian ein Herz. »Pedro ehelicht seinen langjährigen Lover Timo. Ist übrigens ein ziemlich exzentrisches Pärchen, da kannst du dich mal richtig austoben.«

»Danke, tausend Dank!«, jubelte Amelie. »Das wird meine nächste Herausforderung nach dem Flamingo-Cocktail am Sonntag! Diese konventionellen Hochzeiten sind schön, aber meist so steif und unpersönlich … Dabei wollte ich mit der Agentur meine kreativen Ideen verwirklichen. Weißt du, als Kind habe ich mich dauernd verkleidet und mein Zimmer mit selbstgebastelten Girlanden dekoriert. Ich liebte Glitzer und Einhörner und Phantasiekostüme. Zu viel war nie genug.«

»Ach du meine Güte«, lächelte Sebastian. »So ein Kind warst du?«

»Genau.« Auch Amelie musste lächeln. »Als Teenager war ich dann richtig flippig drauf – Secondhandklamotten, grüne Fingernägel, selbstgebastelter Modeschmuck. Das blieb auch eine Weile so. Erinnerst du dich noch, als wir uns kennenlernten, damals an der Uni?«

»Erstes Semester, Vorlesung über Rechtsgeschichte, und wie ich mich erinnere«, strahlte Sebastian. »Schade, dass du das Jurastudium damals abgebrochen hast. Warst ein echter Blickfang mit deinen Outfits. Allein deine megakurzen Lederröcke mit den bunten Fransen – Legende!«

Für einen Augenblick schwelgte Amelie in den glorreichen alten Zeiten, als die Zukunft noch eine Wundertüte gewesen war, randvoll mit hochfliegenden Hoffnungen und Träumen. Dann verdüsterte sich ihre Miene.

»Roland hat das nie verstanden. Der wollte immer eine Lady aus mir machen.«

»Was ihm ja auch gelungen ist.«

Wieder schaute Amelie an sich herab. Sebastian hatte recht. Sie war durch und durch eine Lady. Das heißt, sie sah so aus. Ein nicht unerheblicher Unterschied, denn hinter ihrer madamigen Fassade brodelte es gewaltig. Als sei der Teenager von einst wiedererwacht, nur eben als Lady getarnt. Doch was half das schon? Sie konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Mit zweiundvierzig war das Leben so gut wie gelaufen, fand Amelie.

»Ich bin eine dieser Frauen geworden, die ich mit siebzehn bemitleidet hätte«, bestätigte sie Sebastians Worte. »Alles musste vornehm-zurückhaltend sein, meine Kleidung, mein Auftreten, die Wohnungseinrichtung. Understatement, Baby, sagte Roland immer.«

»Vergiss ihn.« Sebastian lehnte sich zurück und sog scharf die Luft ein. »Du sprichst noch viel zu viel über Roland.«

»Er hat mir das Herz gebrochen«, rechtfertigte sich Amelie.

»Dann lass dir ein neues wachsen und schenk es jemandem, der es verdient.«

Als ob das jetzt ihr Thema wäre. Sie musste ja erst mal mit sich selbst ins Reine kommen. Den Schmerz verarbeiten, die Enttäuschung, das Gefühl, versagt zu haben.

»Es ist sehr schwer, jemanden zu mögen, der sich selbst nicht mag«, flüsterte sie.

»Um Gottes willen!« Sebastian sprang auf, umrundete den Schreibtisch und zog Amelie vom Besuchersessel hoch, um sie in die Arme zu nehmen. »Schatzi? So was darfst du nicht mal denken, ja? Du bist eine tolle Frau. Punkt. Keine Ahnung, was Roland mit dir angestellt hat, vermutlich Gehirnwäsche oder so was, aber das ist jetzt durch, okay?«

Plötzlich kämpfte Amelie mit den Tränen. Nichts war durch. Sie versuchte zwar, in der Gegenwart anzukommen, in Wahrheit dachte sie permanent über die Vergangenheit nach. Darüber, was sie falsch gemacht hatte. Wie es hatte passieren können, dass das weitgehend sorgenfreie Leben als Hausfrau und Mutter für immer vorbei war. Sie neigte wahrlich nicht zu Selbstmitleid. Eher zu Selbstzweifeln, ganz so, wie Sebastian es sagte. Die Trennung erschien ihr deshalb wie eine Bestätigung dessen, was sie immer befürchtet hatte: dass sie es einfach nicht wert war, ohne Wenn und Aber geliebt zu werden.

»Wenn dir das Leben einen Tritt verpasst, nutze den Schwung, um vorwärtszukommen«, raunte Sebastian dicht an ihrem Ohr. »In ein paar Jahren wirst du die Scheidung als Glücksfall betrachten. Sortier dich neu, erfinde dich neu, betrachte das Ganze als Riesenchance. Und wenn du mal schlecht drauf bist, guck dir zur Aufmunterung lustige Filme an. Zum Beispiel den alten Schmachtfetzen Wedding Planner mit Jennifer Lopez. Da kommst du auf andere Gedanken.«

Behutsam befreite sich Amelie aus seinen Armen.

»Besser nicht. Das ist die Sorte Filme, die dick macht.«

»Wieso das denn?«

»Weil diese Filme so wenig mit dem wahren Leben zu tun haben, dass ich sie nur mit Schokolade durchstehe.«

»Versuch’s mit Möhrensticks, ist ein super Life Hack, um deine oralen Gelüste auszutricksen.« Sebastian hauchte ihr einen Kuss auf den Scheitel, danach zeigte er bedauernd auf seine Armbanduhr. »Sorry, im Büro nebenan wartet ein Klient auf mich. Ende sechzig, ledig, gut erhalten, geländegängig. Interesse? Ich könnte euch einander vorstellen.«

»Nee, lass mal«, wehrte Amelie ab. »Ich bin längst noch nicht so weit, mich in was Neues zu stürzen. Und als Hochzeitsplanerin geht es mir ohnehin wie einer Bäckereiverkäuferin: Wenn du den ganzen Tag Kuchen siehst, vergeht dir der Appetit auf Süßes.«

Ein durchtriebenes Lachen kräuselte Sebastians Züge.

»Dann wäre der Typ genau richtig für dich – eine deftige Currywurst, runzlig gegrillt, aber immer noch knackig. Das ideale Kontrastprogramm zum täglichen Süßkram.«

»Besten Dank auch«, schmollte Amelie. »So siehst du mich also? Als spießige Lady, für die nur noch ein Kandidat aus der Rentnerliga drin ist?«

Ja, das wurmte sie irgendwie. Auch wenn Amelie es niemals zugegeben hätte – manchmal grübelte sie durchaus darüber nach, wie es mit ihrem Liebesleben weitergehen könnte. Ob da noch jemals irgendwelche Männer in ihr Leben schneien würden. Und wenn ja, wie viele, haha. Doch sie wollte sich Zeit lassen, durchatmen, über alles nachdenken.

Ihre Mutter hingegen lag ihr fast täglich in den Ohren, sie müsse so rasch wie möglich wieder heiraten. Eine Frau ohne Mann sei wie ein Ei ohne Salz. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Da habe man doch nur Nachteile (Amelie sagte dann gern, sie störe eigentlich nur der Mindestbestellwert beim Pizzaservice, weil sie die erforderlichen Mengen nicht allein runterkriege). Das hinderte ihre Mutter allerdings nicht daran, sich als analoges Parship zu betätigen. Frei nach der Devise: Alle elf Minuten verliebt sich Gertrud Vogelsang – stellvertretend für ihre Tochter – in einen männlichen Single. Sie hatte Amelie bereits einen soliden Sparkassenfilialleiter, einen zackigen Steuerberater sowie den verwitweten Inhaber eines Pelzgeschäfts vorgestellt. Womit sie auch recht deutlich zu verstehen gab, wie sie sich die glorreiche Zukunft ihrer Tochter vorstellte: finanziell konsolidiert und in dicke Pelze gehüllt.

»Du brauchst eine Affäre«, befand Sebastian.

Amelies Augenbrauen schoben sich ungläubig zusammen. Wie konnte er das nur so beiläufig sagen? Aus seinem Mund hörte es sich an, als sage er: Du brauchst einen guten Zahnarzt, oder: Du brauchst mal Urlaub.

»Einen Mann nur zum Spaß«, fügte er hinzu, »damit du dich wieder lebendig fühlst. Sofern dir die Herren in den besten Jahren nicht gefallen, suchst du dir eben einen süßen Youngster. Du glaubst gar nicht, wie erfrischend das junge Gemüse ist. So ein Mittzwanziger, von mir aus auch ein Mittdreißiger, wäre super für dich.«

Jetzt zog Amelie ein dermaßen entsetztes Gesicht, als hätte Sebastian ihr allen Ernstes empfohlen, eine Vogelspinne mit ins Bett zu nehmen.

»Für so was bin ich doch viel zu alt!«

»Weit gefehlt.« Er warf ihr eine Kusshand zu. »Wusstest du nicht, dass junge Männer neuerdings auf MILFs stehen?«

Amelie kniff die Lider zusammen. Was sollte das denn heißen?

»Ist das was Unanständiges?«

»Ja und nein«, druckste Sebastian herum. »Heijeijei, also, eine anständige Version fällt mir gerade nicht ein …«

»Dann kannst du es gern für dich behalten!«

Mit einer beschwichtigenden Geste brachte er sie zum Schweigen.

»Die wörtliche Übersetzung erspare ich dir. Fakt ist, dass reife Frauen bei jungen Männern ganz groß im Kommen sind. Im Übrigen bist du jünger, als du denkst. Oder, um es mal salopp zu sagen: Du hast noch jede Menge Profil auf dem Reifen. Mach dich locker. Lieber eine gute Liaison als eine miese Beziehung. Affären sind genial. Volles Hormongestöber, Genuss ohne Reue, ein bisschen Herz, kein Schmerz.«

Eigenartige Theorie. Für Sebastian mochte das mit den schnellen Affären angehen, der hatte immer was laufen und mit dem World Wide Web ein unendliches Jagdgebiet entdeckt. Für Amelie war das nichts. Schneller Sex ohne Gefühle lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Sie kam eben aus einer Ära, in der man geduldig darauf gewartet hatte, dass einem die große Liebe leibhaftig über den Weg lief. Und sich nicht einfach online was für zwischendurch angelte. Energisch streckte sie das Kinn vor.

»Falls ich gegen jede Wahrscheinlichkeit jemals wieder einen Mann date, dann nur mit der Option auf was Festes. Ich weiß, alle reden über Bindungsangst, aber ich bin ein Bindungsfreak. Ich liebe Bindungen! Ich bin hundertprozentig der Beziehungstyp!«

Ein Argument, das Sebastian nicht gelten ließ, wie sie seinem mitleidigen Gesichtsausdruck entnehmen konnte.

»Siehst du denn gar nicht, was dir da entgeht? Genieße diese tolle Phase! Genieße deine Unabhängigkeit! Glaub mir, aus eigener Erfahrung weiß ich: Das Leben fängt erst an, wenn der Hund tot ist und die Kinder aus dem Haus sind.«

»Du hast doch gar keine Kinder«, bemerkte sie trocken.

»Ja, aber vor drei Jahren ist mein Hund gestorben.« Sebastian stieß einen tragischen kleinen Seufzer aus. »Okay, wenn du eine liebevolle, vertrauensvolle, rundum erfüllende Beziehung willst, schaff dir eben eine Katze an.«

Das hatte sie nun davon, sich auf ein derart heikles Thema einzulassen. Amelie griff nach ihrer Handtasche, einem abgeschabten, turnbeutelgroßen Designerteil in verblichenem Grün, passend zur Farbe ihres Kostüms.

»Ich muss los, zu einer Hochzeit. Carlas Sohn Max heiratet. Schwieriger Fall. Du kennst ja Carla …«

»Bedauerlicherweise. Wenn Carla dereinst in die Hölle kommt, ärgert sich der Teufel, dass er Konkurrenz kriegt.« Mit einem Daumen strich Sebastian zart über ihre Wange. »Kopf hoch, Kleines. Das wird schon. Und mach bitte kein Gesicht, als müsstest du zu deiner eigenen Hinrichtung.«

Amelie fühlte sich ertappt. Sah man es ihr so überdeutlich an? Ihre Unsicherheit? Ihre Ängste? Und dass ihr manchmal alles über den Kopf wuchs?

Speziell die heutige Hochzeit lag ihr schwer im Magen. Ein Riesenevent, das die Dimensionen ihrer bisherigen Hochzeiten um einiges übertrumpfte, gesellschaftlich wie auch organisatorisch. Noch nie hatte Amelie so viele erlauchte Gäste und so viele schwierige Programmpunkte koordinieren müssen. Zugleich war es eine Bewährungsprobe; die Chance, sich einen soliden Namen als Hochzeitsplanerin der besseren Gesellschaft zu machen. Immerhin ging es um den Grünwalder Geldadel. Der Bräutigam war der Sohn von Carla, einer Freundin aus ihrem Literaturzirkel (der Amelie auch die Empfehlung an Familie Trautwein verdankte). Wobei Amelie das Wort Freundin mittlerweile mit doppelten Gänsefüßchen versah. Im Laufe der vergangenen Monate hatte Carla ihr nämlich deutlich zu verstehen gegeben, dass sich neuerdings eine Kluft zwischen ihnen auftat: Amelie, die bedauernswerte Single-Frau, Carla, die wohlversorgte Gattin, die nur zu gern raushängen ließ, welch hohe Ansprüche sie stellte.

»Stolpern ist weder gefährlich noch eine Schande, Amelie, Liegenbleiben wäre beides«, sagte Sebastian im Brustton der Überzeugung. »Die Heiratsagentur ist genau deins. Du bist sympathisch, kreativ, strukturiert. Schau dir mal die phantastischen Bewertungen auf deiner Website an. Die bisherigen Hochzeiten sind doch spitzenmäßig gelaufen, und der Cocktailempfang im Hallenbad mit Palmen und Flamingos wird alles toppen.«

Es lag so viel aufrichtige Anerkennung in seiner Stimme, dass Amelie eine Welle der Zuversicht in sich aufsteigen spürte. Vielleicht machte sie sich ja doch zu viele Sorgen?

Nachdenklich sah sie zu, wie Sebastian seine violette Seidenkrawatte richtete und die Anzugjacke schloss. In den vergangenen Monaten war nicht jeder aus ihrem alten Leben so hilfreich gewesen wie er. Gleich nach der Trennung hatte Roland von sämtlichen Freunden und guten Bekannten verlangt, sie sollten sich entscheiden: für ihn oder für Amelie. Da der überwiegende Teil dieser angeblichen Freunde und guten Bekannten aus Rolands Leben stammte, hatten sich die meisten kommentarlos von Amelie zurückgezogen – bis auf Sebastian und ihre Freundinnen aus dem Literaturzirkel. Doch selbst diese behandelten sie jetzt, als hätte sie ein Warndreieck auf der Stirn kleben: Vorsicht, Single mit Frustrationshintergrund, bitte Abstand halten!

Allen voran Carla, eine ihrer einstmals engsten Freundinnen, war auffällig auf Distanz gegangen. Vorbei die Zeiten der spontanen Kaffeerunden und Spielplatzverabredungen, als die Kinder klein gewesen waren. Vorbei auch die innige Vertrautheit, mit der sie ihre Sorgen und Nöte geteilt hatten.

Gut, eine gewisse Entfremdung hatte Amelie schon gespürt, als die Kinder größer wurden. Ein verbreitetes Phänomen, das wusste sie. Kinder waren der Kitt so mancher Frauenfreundschaft, und sobald dieser Kitt bröckelte, stellten die Mütter ernüchtert fest, dass es nicht für eine echte Freundschaft reichte. Hier lag der Fall jedoch etwas anders. Carla und Amelie hatten sich immer noch eine Menge zu sagen gehabt; bis zu Amelies Scheidung. Seitdem schien Carla der Meinung zu sein, dass Amelie nicht mehr richtig dazugehörte. Sebastian war da ganz anders. Er hielt zu ihr, in guten wie in schlechten Tagen.

»Wenn du nicht auf Männer stehen würdest, wärst du der ideale Ehemann für mich: loyal und zuverlässig«, stellte Amelie versonnen fest.

»War das etwa ein Antrag?«, lachte er. »Sorry, ich hab’s nicht so mit platonisch – das ist, als ob du ein Bonbon lutschst, ohne es vorher auszuwickeln. Amelie, ernsthaft, du hast einen echten Heterokracher verdient. Mit deiner tollen Ausstrahlung kannst du jeden um den Finger wickeln. Und dann hast du auch noch Herz ohne Ende. Du bist doch immer noch am Start mit diesem Nachhilfeprojekt, oder?«

»Ja, natürlich.«

Das Projekt mit dem schlichten Namen Du kannst das! hatte Amelie sogar selber gegründet. Für sie war das im Übrigen keine große Sache. Einfach nur eine Frage der Menschlichkeit. Irgendwann hatte sie ihren Jungs nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen können (bei der Vektorrechnung mit Kollinearität und Komplanarität war sie ausgestiegen). Weil sie sich danach so furchtbar nutzlos gefühlt hatte, war die Idee entstanden, dass sie doch Grundschulkinder unterstützen könnte, die Probleme mit der deutschen Sprache hatten. Seit dieser Zeit erteilte sie dreimal die Woche unentgeltlich Nachhilfeunterricht und hatte auch einige Freundinnen ihres Literaturzirkels für das Projekt begeistern können.

»Siehst du«, sagte Sebastian, »du bist ein Engel, noch dazu ein höllisch attraktiver.«

Amelies Freude über seine Komplimente währte nicht lange. Das ausdauernde Pulsieren ihres Handys zeigte eine Nachricht an. Von Frau Trautwein, von wem sonst.

Der Bräutigam will Sie treffen. Am besten gleich morgen Vormittag nach der Anprobe des Hochzeitskleids. Verständlicherweise legt Louis Meinhard Graf von und zu Jagsdorff größten Wert darauf, die Person kennenzulernen, der er den wichtigsten Tag seines Lebens anvertraut. Beste Grüße, Regina Anastasia Natalia Trautwein

Amelie starrte auf das Display. Ihr Herz begann zu hämmern, in ihren Ohren rauschte es, eine verräterische Erregung schnürte ihr die Kehle zu. Das konnte doch nicht sein. Dieser »Hardy« war Graf Jagsdorff? Wenn das stimmte, hatte Kommissar Zufall einen äußerst üblen Humor.

»Was ist los?«, fragte Sebastian. »Du bist ja weiß wie die Wand.«

Mit einer Hand stützte sich Amelie an der Schreibtischplatte ab, mit der anderen rieb sie sich über die kalte Stirn.

»Die Braut von eben. Sie heiratet meinen, na ja, meinen Scheidungsanwalt.«

»Ach nee.« Sebastian schnippte aufgeregt mit den Fingern. »Etwa den Schwachmaten, der deinem Ex die ganzen Finanztricks hat durchgehen lassen? Und den du trotzdem so schnuckelig fandst?«

Jetzt bereute Amelie, dass sie Sebastian überhaupt davon erzählt hatte. Ja, da war was gewesen. Auffällig oft hatte dieser Anwalt sie für persönliche Gespräche einbestellt, und jedes Mal hatte sich das eigenartige Flirren zwischen ihnen intensiviert. Nein, Flirren traf es nicht ganz. Es war eine gewisse Anziehungskraft gewesen, ein warmes Gefühl der Nähe, für das sie sehr empfänglich gewesen war. Amelie hatte das damals auf ihre desolate emotionale Verfassung nach der Trennung geschoben. Welche verlassene Frau suchte denn nicht instinktiv männlichen Beistand? Und sei es auch nur der ihres Advokaten?

»Eigentlich praktisch, dass die Braut einen Scheidungsanwalt ehelicht, da bleibt alles in der Familie«, schlug sie einen unverbindlichen Plauderton an.

»Tu mir einen Gefallen«, sagte Sebastian warnend, »verliebe dich nie in einen Bräutigam.«

Herrje, wie kam er denn darauf? Entnervt spielte Amelie mit dem defekten Reißverschluss ihrer Handtasche.

»Das ist ein sehr gruseliger Gedanke, Sebastian.«

»Unter keinen Umständen, hörst du?«, insistierte er. »Ich fürchte, im wahren Leben gibt’s kein Happy End für solche Konstellationen. Falls es überhaupt so was wie Happy Ends gibt.«

Eine Wolke aus Tüll schwebte an Amelie vorbei, ein pfirsichfarbener Brautstrauß flog durch die Luft.

»Doch, gibt es. Roland war meine große Liebe. Nur – seit ich weiß, was nach dem Happy End kommt, bin ich nicht mehr scharf drauf. Und schon gar nicht auf einen Mann, der eine andere heiratet.«

»Du denkst doch nicht ernsthaft, du könntest dein Herz eintuppern und kalt stellen«, entgegnete Sebastian.

»Schon geschehen.« Amelie legte feierlich ihre Hände auf die Brustgegend. »Ist meine geheime Superkraft: Gefühle in Eiswürfel verwandeln.«

Was natürlich geschwindelt war, denn ihr Herz raste mittlerweile, und in ihrem Magen rumpelte es, als hätte sie Cola getrunken und zwei Mentos hinterhergeworfen. Trotzdem, sie würde das alles professionell durchziehen, basta. Emotional entkernt sozusagen. Sie war Amelie Vogelsang, die Hochzeitsplanerin, die den Träumen anderer Leute eine Bühne gab. Nicht den eigenen.

»Willst du einen guten Rat?«, unterbrach Sebastian ihre Überlegungen. »Lass die Hochzeit von jemand anderem organisieren.«

»Kann ich mir nicht leisten«, bekannte Amelie. »Mein Honorar richtet sich nach dem Gesamtbudget, und diese Leute sind gewillt, eine Riesensumme zu verbrennen. Ohne die hochadelige Sause würde ich den Herbst finanziell nicht überstehen.«

Sebastians Stirn umwölkte sich, beschwörend ergriff er ihren Arm.

»Schatzi, das hört sich nach einem Riesenfehler an.«

»Nein, nach einem lukrativen Auftrag.« Sie machte sich los und steuerte die Tür an, wo sie zaudernd stehen blieb. »Übrigens, das gnädige Fräulein will einen angesagten Rapper für die Zeremonie. Kennst du vielleicht einen?«

Ein spitzbübischer Ausdruck huschte über Sebastians Gesicht, und in diesem Augenblick wirkte er so gar nicht wie der seriöse Notar, sondern wie ein kleiner Schlawiner. Der er ja irgendwie auch war.

»Ich kenne eine tolle Mundharmonikaspielerin. Echt süß – na ja, ist eigentlich ein Kerl, aber eine hübschere Transe hast du nie gesehen.« Er lachte leise. »Apropos Transe – arbeitest du eigentlich immer noch mit dieser Edeltraut zusammen?«

»Sebastian!«

Amelie drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. Edeltraut Menke hatte ihr das WG-Zimmer vermietet und ging ihr neuerdings bei den Hochzeiten zur Hand. Auf eine durchaus maskuline Weise, denn Edeltrauts raubeiniger Charme wurde nur von ihrem markigen Auftreten übertroffen.

»In jedem Fall kann diese Edeltraut ein bisschen auf dich aufpassen, damit du dich vom Bräutigam fernhältst«, grinste Sebastian. »Ich meine – wenn ich es richtig verstanden habe, willst du doch auch gar keinen Mann, oder?«

»Manchmal weiß ich, was ich will, manchmal nicht«, antwortete Amelie wahrheitsgemäß. »Und das immer gleichzeitig.«

Kapitel 3

Der Mittag vor der Hochzeit. Diese verrückten Stunden würde Amelie nie vergessen. Unüberwindbares Lampenfieber. Knisternder Stress, der sich zu kopfloser Hektik und gleich darauf zu blanker Panik steigerte. Einer der Brautschuhe war unauffindbar gewesen, Amelies unverheiratete Freundinnen hatten sich mit einem abenteuerlichen Prosecco-Jägermeister-Gemisch zugeschüttet, ihre Mutter war unablässig in Tränen ausgebrochen (Aufregung, Rührung, emotionale Überforderung, sie fand immer einen Grund zu weinen – wirklich, sie weinte ausgesprochen gern). Und mitten in diesem Chaos hatte Amelie auf dem Sofa des elterlichen Wohnzimmers gehockt (Chippendale mit einem Schuss Gelsenkirchener Barock im progressiven Modeton Erdbeer-Sahne). Mit eiskalten Händen und rebellierendem Magen hatte sie die Bemühungen der Friseurin ihrer Mutter über sich ergehen lassen – eine weißblondgefärbte Vorstadtbeauty, deren Künste vor allem darin bestanden, einen gefährlich aussehenden Lockenstab aufzuheizen. Am Ende hatte Amelies Aufsteckfrisur einer Yuccapalme geähnelt. Mit geringelten Blättern.

Woran lag das bloß? Warum drehten alle durch, nur weil jemand heiratete? Gab es nicht Wichtigeres? Den Weltfrieden, die medizinische Forschung, das Bruttosozialprodukt, die Malereien der Sixtinischen Kapelle? Nein, gab es nicht. Heiraten war der absolute Ausnahmezustand. Ein ultimativer emotionaler Belastungstest. Und neuerdings Amelies Beruf.

Sie saß längst im proppenvollen Linienbus, als ihr Herz immer noch wild hämmerte – als sei sie die Braut von einst, die vor lauter Aufregung fast kollabierte, und nicht die Hochzeitsplanerin, die sich im Hintergrund zu halten hatte. Grundgütiger! Warum passierte das ausgerechnet ihr? Von wegen professionell sein, und basta. Sie bekam ja jetzt schon feuchte Hände bei der Vorstellung, dass sie Louis Meinhard Graf von und zu Jagsdorff wiedersehen würde.

Nach der unerfreulichen Scheidung hatte er ihr noch diverse Nachrichten geschickt. Man könnte doch mal einen Kaffee trinken gehen. Oder ein Glas Wein. Ja, Wahnsinn, was für eine selten schuftige Idee – wo er doch zu diesem Zeitpunkt längst mit dem liebreizenden Fräulein Trautwein liiert gewesen sein musste! Im Nachhinein konnte Amelie heilfroh sein, dass sie nie auf seine Einladungen reagiert hatte. Sie hatte sich einfach nicht getraut mit ihrem wunden Herzen und ihrer demoralisierten Seele.

Und er? Wusste bestimmt noch gar nichts von seinem Glück. Amelie war sich völlig darüber im Klaren, dass sie für Frau Trautwein allenfalls in der Liga von Putzfrauen, Gärtnern und Hausmeistern rangierte. Da nannte man keine Namen, da sprach man nur von »der Hochzeitsplanerin«. Von »der Person«. Louis Meinhard Graf von und zu Jagsdorff, verflixt. Ein nervöses Kribbeln überlief Amelie von den Fußsohlen bis zu den Haarwurzeln. Um die Hochzeit dieses Mannes zu überstehen, brauchte sie die Gelassenheit eines Buddhas und die Abgebrühtheit eines Serienkillers. Zwei Charakterzüge also, die ihr absolut nicht zu eigen waren.

Ihre Nervosität steigerte sich, als sie an die heutige Hochzeitsfeier dachte. Es war ja nicht nur eine berufliche Herausforderung, es war vor allem eine Wiederbegegnung mit ihrem alten Leben. Und mit ihrer Gänsefüßchenfreundin Carla.

Schon irgendwie komisch, überlegte Amelie. Wenn Ehen scheitern, dann mit einem Knall: Ende, aus, Scheidung. Ganz anders bei Freundschaften: Sofern man sich nicht tödlich zerstreitet, erkalten sie langsam. So wenig, wie man sich feierlich das Jawort gibt, zelebriert man das Ende von Freundschaften mittels einer offiziellen Scheidung. Es ist ein schleichender Prozess. Das Interesse erlahmt, die Vertrautheit weicht lauwarmer Unverbindlichkeit, irgendwann verliert man einander aus den Augen.

Manchmal wusste Amelie nicht, ob sie Carla vermisste oder ob sie im Grunde froh über diese schleichende Trennung sein konnte. Letztlich passte es nicht mehr. Dafür hatten sich ihre Lebensumstände zu sehr verändert.

Amelie konnte keine aufwändigen Abendessen in illustrer Runde mehr geben, Grillpartys im Garten schmeißen oder zu Champagner und Häppchen ins weitläufige Wohnzimmer ihrer schicken Villa einladen. Aber was zählte schon eine Freundschaft, die von solchen Statusdingen abhing? Früher hatte ein schlapper Hamburger mit den Kindern ausgereicht, damit sie zusammen mit Carla lachen und tratschen konnte. Und wie sie gelacht hatten! Tränen! Jetzt betonte Carla bei jeder Gelegenheit den neuen Standesunterschied. Und Amelie hatte keine Lust zu beteuern, dass sie auch ohne den ganzen Luxus überraschend gut zurechtkam. Carla hätte das gar nicht verstanden.

Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, gab es schon ein paar Annehmlichkeiten, die Amelie abgingen. Im Gegensatz zu ihr verschwendete Carla keinen Gedanken an so banale Probleme wie Miete oder Klamottennotstand. Oder wie man pünktlich und ausgeruht beim nächsten Termin antrat, wenn man sich in einen Bus quetschen musste, in dem die Geisterbahn mal wieder einen Betriebsausflug veranstaltete.

Mit hochgezogenen Schultern presste sich Amelie an die Fensterscheibe, um bloß nicht dem korpulenten, penetrant nach Bier duftenden Herrn nahe zu kommen, der in kurzen Hosen neben ihr saß und jede Kurve zur körperlichen Kontaktaufnahme nutzte. Vergeblich hatte sie beim Spurt zur Bushaltestelle ihr neues Mantra gemurmelt: »Mein rechter Platz ist leer, dass das so bleibt, wünsch ich mir sehr.« Keine Chance. Sie konnte froh sein, dass sie überhaupt einen Platz ergattert hatte. Sitze und Gänge quollen über vor mürrischen alten Leuten, grölenden Jugendlichen und quengelnden Kindern. Als sei das nicht genug, roch die Luft wie mit altem Käse überbacken. Alle Duschmuffel der Stadt schienen sich in diesem Bus verabredet zu haben – am ersten warmen Frühlingstag des Jahres, der überdies zur Entblößung von Körperteilen animierte, die besser verhüllt geblieben wären.

Da gab’s nur eins: innerlich in den Flugmodus schalten und hoffen, dass es schnell vorüberging.

Willkommen in der Wirklichkeit, Amelie Vogelsang, wisperte ihre innere Stimme. Falls du geglaubt hast, du würdest ewig mit deinem feschen roten Mini durch die Stadt düsen, hast du dich geschnitten. Tut dir vielleicht sogar ganz gut, endlich mal aus deiner privilegierten Villenidylle rauszukommen. Übrigens gibt es Millionen und Abermillionen von Menschen, die tagaus, tagein auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Also beschwer dich nicht.

Tue ich ja gar nicht, verteidigte sich Amelie. Ich hab’s nur total eilig, kriege kaum Luft, und wenn dieser aufdringliche Shortsträger noch näher rückt, bekomme ich allein von seinem Bieratem einen Schwips.

Ihre Uhr zeigte halb drei. Spätestens um drei musste Amelie in der Magdalenenkapelle sein, eine Stunde vor der Trauung, die sie seit Monaten akribisch vorbereitete. Mehrfach war sie wegen des Blumenschmucks beim besten Floristen Münchens vorstellig geworden. Sie hatte sogar einen Spezialisten für Raumdüfte engagiert, weil die Kapelle bei der ersten Besichtigung eher nach Gruft als nach Heirat gerochen hatte. In mühsamer Kleinarbeit hatte sie außerdem den Pfarrer und den Organisten instruiert. Letzterer war erst nach einem saftigen Extra-Trinkgeld bereit gewesen, »Dein ist mein ganzes Herz, du bist mein Reim auf Schmerz« auf der Orgel zu spielen statt seines üblichen Repertoires.

Ob alles nach Plan laufen würde? Sehr witzig. Lief denn jemals etwas nach Plan? Fünf Hochzeiten hatte Amelie mittlerweile organisiert, und immer war irgendwas fröhlich in die Hose gegangen. Wie konnte es auch anders sein? Erfahrungsgemäß wuchs das Pannenpotenzial mit den Erwartungen, und da beim Heiraten die Erwartungen ins Unermessliche hochschnellten, gab es viel Luft nach oben für Katastrophen aller Art. Verschwundene Trauringe, weinende Blumenmädchen. Hochzeitskleider, die plötzlich zu eng, zu weit oder mit Make-up-Flecken übersät waren. Schwiegermütter, die verzweifelt schluchzten, weil sie bis zur letzten Sekunde gegen die Eheschließung gekämpft hatten. So viel zum Thema Der schönste Tag im Leben.

Nur eines hatte Amelie immer im Griff: ihr Haar. Während sich der Bus träge schlingernd durch den beginnenden Feierabendverkehr quälte, zog sie einen kleinen Klappspiegel aus ihrer Handtasche und kontrollierte den Sitz ihrer Frisur. Alles in Ordnung. Kein Härchen tanzte aus der Reihe – ihrem betonharten Haarspray sei Dank, das locker eine Tube Sekundenkleber ersetzte. Ob sie es wirklich mit einem neuen Look versuchen sollte?

Als sie den Spiegel wieder zurücksteckte und aufsah, bemerkte sie, dass sie von einem jungen Mann beobachtet wurde, der ihr gegenübersaß. Verlegen strich sie über eine besonders abgewetzte Stelle ihrer Tasche.

»Stimmt was nicht?«

»Na jaaa«, er legte den Kopf zur Seite, »offen gestanden stelle ich mir gerade die Frage, warum eine elegante Lady wie Sie mit dem Bus fährt.«

Resigniert hob sie die Schultern, dann kratzte sie ihr letztes bisschen Galgenhumor zusammen.

»Weil mein Ferrari gerade in der Werkstatt steht?«

Der Anflug eines Lächelns glitt über sein Gesicht. So als habe er mühelos erraten, dass sie gerade ganz andere Sorgen hatte als exklusive Transportmittel.

»Ach – und was ist mit Ihrem Helikopter? Den hat wohl heute der Butler?«

Jetzt grienten sie beide, und Amelie betrachtete ihr Gegenüber etwas genauer. Sein offenes Gesicht mit auffallend hellblauen Augen wirkte überaus anziehend. Das Haar war an den Seiten modisch geschoren und auf dem Kopf zu einer Sturmfrisur hochgegelt. Sie schätzte ihn auf etwa Anfang dreißig, war aber nicht ganz sicher, weil sein Lächeln etwas weise Abgeklärtes hatte, als sei er schon ewig auf der Welt. Alles in allem kam er ziemlich unkonventionell rüber. Zu schwarzen Jeans und Schnürstiefeln trug er ein seltsames schwarzes Gewand, eine Kreuzung aus Kutte und Poncho, das seine schnörkelig tätowierten Unterarme freiließ.

»Zweiunddreißig«, sagte er.

Irritiert starrte Amelie ihn an. Hatte sie sich verhört?

»Na, Sie haben mich doch gerade gescannt.« Sein Lächeln wurde breiter. »Bei Ihnen hingegen ist das Alter nicht so leicht zu bestimmen. Ihr Style liegt bei fünfzig plus, Ihre Augen sind keinen Tag älter als siebzehn.«

Hallo? Entweder hatte er soeben einen wirklich genialen Anmachspruch abgespult, oder … Amelie stutzte. Was sollte man davon halten, wenn ein Wildfremder haargenau erriet, was in ihr vorging? Es stimmte ja. Sie kleidete sich hoffnungslos altmodisch, doch in gewisser Weise fühlte sie sich wieder wie ein Teenager.

»Können Sie Gedanken lesen?«, fragte sie perplex.

»Ist mein Beruf.« Der junge Mann vollführte eine ausladende Geste und hielt plötzlich eine rote Rose in der Hand, die er ihr galant überreichte. »Gestatten, Manuel – Illusionist, Mentalist, Zauberer.«

Leicht konsterniert betrachtete Amelie die Rose. Sie war echt und duftete betörend.

»Alles Betrug«, mischte sich der kurzbehoste Mann mit der Bierfahne ein. »Die Tricks stehen doch alle im Internet. Damit können Sie nichts reißen.«

Auch das rothaarige junge Mädchen in Jeans und gelbem Tanktop, das neben dem angeblichen Zauberer saß, fühlte sich bemüßigt, ihren Senf dazuzugeben.

»Zaubern? Was’n öder Kram«, murmelte sie, ohne den Blick von ihrem Handydisplay zu nehmen.

»Junge Dame, Sie leiden darunter, dass Sie selber angeödet sind«, erwiderte Amelies Gegenüber vollkommen ruhig. »Die Friseurlehre finden Sie ätzend, Ihr Freund hat Sie verlassen, und das Schokoladeneis, das Sie nach Ihren Pommes-Mayo zum Mittagessen hatten, konnte Sie auch nicht glücklich machen.«

Mit zunehmender Verblüffung hatte das junge Mädchen zugehört.

»Woher wissen Sie das? Sind Sie so ’n kranker Stalker?«

»Nein, wie gesagt, ich bin Mentalist, Illusionist und Zauberer. Manche sprechen auch von hellseherischen Kräften.«

Amelie wusste nicht, ob sie misstrauisch oder fasziniert sein sollte. Von Hellseherei und anderem Spuk hielt sie absolut gar nichts. Andererseits hatte dieser Manuel offenkundig schon zum zweiten Mal ins Schwarze getroffen.

»Wenn Sie so ’n ausgeschlafenes Kerlchen sind, sagen Sie mir doch mal was über mich«, brummte der Bierfahnenmann.