Trau niemals einem Tiger - Hanna Alkaf - E-Book

Trau niemals einem Tiger E-Book

Hanna Alkaf

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Beschreibung

Auch ohne magische Tiger geht in Hamras Leben gerade alles drunter und drüber. Eigentlich will sie sich gar nicht dauernd mit ihrer Familie streiten, doch dann sagt sie immer genau das falsche, und könnte sich danach die Zunge abbeißen. Wo ist bloß die Hamra von früher geblieben, und warum ist es so schwer, herauszufinden, was für ein Mensch man eigentlich sein will? Als Hamra dann mit ihrem besten Freund Ilya einem magischen Tiger helfen soll, seine menschliche Gestalt zurückzuerlangen, findet sie sich auf einmal in einem fantastischen Abenteuer wieder. Ihre Mission führt sie kreuz und quer durch die tropische Inselwelt Malaysiens und dabei sollen sie noch herausfinden, was es eigentlich bedeutet, wirklich ein Mensch zu sein.

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Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Manchmal scheint es, als würde die Welt zerbrechen, und durch die Risse dringen dann Kummer, Wut, Frustration, Angst und viele weitere Gefühle, die viel zu groß und zu beängstigend erscheinen, um sie alle zu bewältigen. Wenn auch du mit solchen Gefühlen zu kämpfen hast: Ich sehe und verstehe dich.

Dieses Buch ist für Malik, für Maryam und für dich.

 

 

 

 

Sometimes people leave you, halfway through the wood. Do not let it grieve you. No one leaves for good.

– Stephen Sondheim, »Children Will Listen/Finale«, aus Into the Woods

Diese Geschichte beginnt auf Langkawi, einer Insel im Nordwesten von Malaysia an der Grenze zu Thailand. Obwohl das Buch auf Englisch geschrieben und ins Deutsche übersetzt wurde, sind viele Begriffe – wie beispielsweise typisch malaysische Gerichte, traditionelle Kleidungsstücke, mythologische Figuren oder Zitate aus dem Koran – auf Malaiisch oder Arabisch. Das liegt daran, dass Malaiisch die offizielle Sprache in Malaysia ist und Arabisch unter der muslimischen Bevölkerung weitverbreitet ist. Im gesprochenen Wort werden die Sprachen häufig vermischt. Die entsprechenden Stellen wurden zum besseren Verständnis übersetzt und sind in Fußnoten und einem Glossar am Ende des Buches zu finden.

1

Es war einmal ein Mädchen namens Hamra, das lebte in einem schiefen Häuschen neben dem grünen Blättergewirr des Dschungels auf der Insel Langkawi in Malaysia. Sie hatte eine Mutter und einen Vater, die ihr sagten, was sie zu tun hatte, einen Großvater, der ihr Geschichten erzählte, und eine Großmutter, die ihr die Wahrheit sagte. Mit der Zeit sollte sie erkennen, dass all diese Dinge gleichermaßen wichtig für sie waren.

Ja, wenn Hamra die Zeit zurückdrehen könnte, würde sie sich fest vornehmen, drei sehr wichtige Regeln zu befolgen:

1. Hör auf Atok.1

2. Hör auf Opah.2

3. Hör auf deinen Vater und binde dir um Himmels willen die Schnürsenkel richtig zu.

Da sich aber die Zeit leider nicht zurückdrehen lässt, verstehen wir manchmal erst hinterher, welche folgenschweren Konsequenzen unser Handeln haben kann. Und genau aus diesem Grund war Hamra, als sie am Dienstag in den Dschungel ging, völlig unvorbereitet auf das, was dort in den dunkelgrünen Schatten lauerte und auf sie wartete.

Und sie mit hungrigen Augen beobachtete.

Aber wir wollen nicht vorgreifen.

Weil Hamra ja nicht wusste, was dort im Dschungel auf sie wartete, lag sie um 6 Uhr 57 am Dienstag nach dem Fadschr-Morgengebet in ihrem Bett und zählte die Sekunden, bis der große Zeiger ihres Minnie-Maus-Weckers sich wieder ein Stück bewegte.

5…4…3…2…1… Tick.

6 Uhr 58.

»Herzlichen Glückwunsch, Hamra«, flüsterte sie. Doch anstatt zu antworten, lächelte Minnie nur ihr breites Plastikgrinsen.

Hamra war ein Einzelkind, deshalb war ihr Geburtstag immer eine GANZ große Sache gewesen.

»Du bist mit der Morgendämmerung zu uns gekommen«, hatte ihre Mutter gesagt, »gleich nach dem Fadschr, als wolltest du, dass der Tag noch ganz neu und frisch ist für deine Ankunft.«

Hamra starrte an die Risse in der Zimmerdecke und fragte sich, welche Überraschungen heute wohl auf sie warteten. Zu ihrem siebten Geburtstag hatte sie den Wecker geschenkt bekommen. In dem Jahr hatte sich alles um Minnie Maus gedreht, ihre Lieblingszeichentrickfigur: Hamra hatte ein rotes Kleid mit einem schwingenden Rock getragen und eine große rote Schleife im Haar, und Opah, ihre Großmutter, hatte einen wunderschönen Kuchen in Minnie-Maus-Form gebacken, ein kunstvoll zurechtgeschnittenes Meisterwerk aus Teig und buntem Zuckerguss. Damals waren Opahs Kuchen immer das Beste an ihren Geburtstagen gewesen. Aber das war lange her, so lange, dass es sich wie eine ganz andere Welt anfühlte.

Mit zehn hatte sie ihre eigene Gitarre und einen Gutschein für Gitarrenunterricht bekommen, nachdem sie das ganze Jahr über wie wild zu Taylor Swifts Album 1989 herumgeklimpert hatte. Der Kuchen war ein Oreo-Kuchen, der eilig vom Bäcker in der Stadt geholt wurde, weil Opah ihren Kuchen im Backofen vergessen hatte, sodass er verbrannte und das ganze Haus mit seinem beißenden Gestank erfüllte. Damals hatten sie alle noch darüber gelacht.

»Was für ein dummes Missgeschick«, hatte Opah gesagt und Tränen in den Augen gehabt, weil sie so kichern musste. »Aber das kann jedem mal passieren.« In dem Jahr begann ihre Großmutter damit, überall Klebezettel hinzuhängen, um sich an Dinge zu erinnern. »Ich bin einfach gerade ein bisschen vergesslich«, sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung dazu. »Ala3, du weißt doch lah4, wie das mit uns alten Leuten so ist.«

Aber im Laufe des Jahres stellte sich heraus, dass der verbrannte Kuchen nur ein kleiner Vorgeschmack war auf das, was noch kommen sollte.

An Hamras elften Geburtstag dachte keiner daran, ihr ein Geschenk zu geben. Die Familie deckte gerade den Tisch für Hamras Lieblingsessen Nasi Ayam, und wenn sie sich anstrengte, konnte sie immer noch das Hühnchen im Ofen riechen, auf dessen Tür ein verblichener Klebezettel warnte: HEISS, nicht ANFASSEN, wenn das LICHT brennt, nur eine Notiz in einem ganzen Wald aus Zetteln. Doch plötzlich bemerkten sie, dass Opah nicht mehr da war. Sie war einfach aus dem Haus marschiert, mitsamt dem Kuchen, den Hamra und ihre Mutter mit ihr zusammen gebacken hatten, aber ohne Schuhe. Schließlich fanden sie sie am Rand des Dschungels, mit dreckigen Füßen.

»Ich bringe ihn zu meiner Mutter«, erklärte Opah verärgert. »Victoria-Kuchen ist doch ihre Leibspeise.« Nur war Opahs Mutter zu dem Zeitpunkt bereits über zehn Jahre tot.

Sie brachten sie nach Hause und wuschen ihr die Füße, klebten vorsichtig Pflaster auf die winzigen Schnitte, wo Opah, ohne es zu merken, in Steine oder in Dornen getreten war. Später stach Hamra ihre Gabel in den Kuchen und aß nur einen einzigen Bissen davon. Er schmeckte köstlich, und aus irgendeinem Grund musste sie da noch mehr weinen.

Zu ihrem zwölften Geburtstag bekam Hamra einen einfachen Fertigkuchen aus dem Supermarkt und ein eigenes Handy. Ihre Eltern erklärten nicht, warum, nur dass sie jetzt alt genug dafür sei. Aber die zwölfjährige Hamra verstand Dinge, die der elfjährigen Hamra vermutlich verborgen geblieben wären. Die zwölfjährige Hamra verstand, dass Eltern manchmal Dinge sagten, auch wenn sie sie nicht offen aussprachen. Das Handy war dazu da, dass ihre Eltern sich immer nach Opah erkundigen konnten. Damit sie sich vergewissern konnten, dass Hamra sich auch um Opah kümmerte, wenn sie selbst nicht zu Hause waren.

Das alles ging Hamra an diesem Morgen durch den Kopf. Sie dachte an die Pandemie und an ihre Eltern und an ihre besorgten Gesichter, die vor Erschöpfung ganz blass waren. Dann schaute sie zu Minnie hinüber. An ihrer Nase war die schwarze Farbe schon abgeblättert. Das ganze letzte Jahr hatte Hamra ihre Eltern damit genervt, dass sie den alten Wecker endlich wegwerfen und ihr etwas Cooles kaufen sollten, das besser zu einem Teenager passte. Aber ihre leidenschaftlichen Argumente waren auf taube Ohren gestoßen. Ayah5 hatte nur gesagt: »Wir verschwenden kein Geld, um Dinge zu ersetzen, die noch sehr gut funktionieren.« Und das war das Ende der Diskussion.

»Vielleicht brauchen wir dieses Jahr auch keine Überraschungen«, sagte Hamra zu Minnie.

Minnie lächelte ihr breites Plastikgrinsen.

Tick.

Um 7 Uhr 34 saß Hamra geduscht und angezogen am Frühstückstisch, knabberte an einem Nutella-Toast und wartete darauf, dass ihr jemand zum Geburtstag gratulierte.

Das Warten und Knabbern beschäftigte sie so sehr, dass sie nicht darauf achtete, was Atok vor sich hin redete. Dabei hatte es auch mal eine Zeit gegeben, in der Hamra den Geschichten ihres Großvaters eifrig gelauscht hatte, egal, wie oft er sie schon erzählt hatte. Aber das war vor dem Virus gewesen und vor dem Lockdown, durch den sie alle schon seit Wochen zu Hause eingesperrt waren.

Na ja, alle außer ihren Eltern.

»… und deshalb ist der Tiger bis heute auf Rache aus!«

Atok hob die Arme und fletschte drohend die Zähne. Eigentlich eine recht gute Nachahmung eines fauchenden Tigers, wenn ihm nicht genau in diesem Moment sein Gebiss aus dem Mund gerutscht und in seine Tasse geplumpst wäre. Heißer, milchiger Tee ergoss sich über die Falten und Wellen des Plastiktischtuchs mit dem aufgedruckten Spitzenmuster, das nie wirklich flach lag, egal wie oft Hamra es glatt strich.

Na toll. Ohne ein Wort stand Hamra auf und holte den Lappen, der neben dem Spülbecken hing. Eine winzige Flamme der Wut loderte in ihr auf und brannte sich in ihre Brust. Eigentlich sollten Erwachsene die Sauerei der Kinder aufwischen, schoss es ihr durch den Kopf. Und nicht umgekehrt.

Opah murmelte leise ein paar scharfe, unverständliche Worte vor sich hin und wischte mit dem verblichenen Ärmel ihrer Baju Kurung, die sie an diesem Morgen verkehrt herum trug, ein paar Krümel von ihrer Hand. Opahs Worte sagten genau das, was Hamra auch gerade fühlte; es waren Worte, für die Ayah ihr den Mund mit Chilischoten ausgewaschen hätte.

An guten Tagen konnte man sich fast vormachen, dass Opah noch die Großmutter war, die Hamra aus ihrer Kindheit kannte: klug und großzügig und lustig, die einen liebevoll umarmte und die zielsichere Angewohnheit hatte, auch die unbequemsten Wahrheiten offen auszusprechen. An solchen Tagen wachte Hamra vom Duft frischen Gebäcks auf, oder sie sah Atok und Opah im Wohnzimmer zu Musik tanzen, als wären sie wieder jung, oder sie hörte, wie Opah so wunderschön und melodisch aus dem Koran rezitierte, dass einem die Tränen kamen. An schlechten Tagen, wenn die Demenz wie ein Schatten über ihnen lag und Opah ihre Erinnerungen und die Persönlichkeit raubte, ging sie allen auf die Nerven. Dann war sie mürrisch, streitlustig und sturköpfig wie ein kleines Kind, das nicht ins Bett geschickt werden will.

Heute war … nun ja. Belassen wir es dabei, dass heute kein guter Tag war.

»Tigern darf man nicht trauen«, verkündete Opah am Ende von Atoks Geschichte und starrte Hamra spitz an, als diese sich über den Tisch beugte und den Tee aufwischte.

»Stimmt, Opah.«

»Das ist mein Ernst. Gemeine, gerissene Viecher.«

»Okay, Opah.« Seufzend rutschte Hamra zurück auf ihren Stuhl und versuchte bei dem Anblick, wie Atok die teegetränkten Zähne zurück in seinen Mund schob, nicht zusammenzufahren.

»Was?«, sagte er, als er ihren angewiderten Blick bemerkte. »Der Tee war noch heiß! Und Hitze tötet Bakterien, wie du weißt. Sie sind jetzt also praktisch keimfrei …«

Das laute Ping von ihrem Handy war eine willkommene Ablenkung.

»Deine Mutter?«, fragte Atok.

»Ja.« Vielleicht würde Ibu6 die erste sein, die ihr zum Geburtstag gratulierte.

Guten Morgen, mein Sayang7. Wie läuft’s zu Hause? Bei mir ist alles gut. Bin nur müde von einer langen Nachtschicht gestern und geh jetzt in mein Zimmer, um zu schlafen. Wie geht es den beiden?

Hamra schaute ihre Großeltern an und fragte sich, was sie auf diese Frage antworten sollte. Opah saß mit verschränkten Armen am Tisch und starrte mit rebellischer Miene auf ihren Reisbrei. Atok dagegen furzte, seufzte, nahm die Zeitung und verzog sich mit einer Sprühdose Lufterfrischer ins Bad.

Ibu, die bestimmt müde war nach einem weiteren langen Arbeitstag als Krankenschwester in einem überlasteten, überfüllten Krankenhaus weit weg von zu Hause und umgeben von Tod und Krankheit, brauchte davon nichts zu wissen.

Uns geht es allen gut, tippte Hamra. Ich vermisse dich. Und nach einem kurzen Zögern fügte sie noch hinzu: Kommst du bald nach Hause?

Das geht leider nicht, Sayang. Jedes Mal die gleiche Antwort.

»Morgen.« Ihr Vater tappte mit zerzausten Haaren in die Küche und rieb sich den letzten Schlafsand aus den Augen. Auf dem Weg zur Kaffeekanne drückte er allen einen Kuss auf den Kopf. Opah fuhr bei der Berührung zurück. Hamra lächelte, aber es fühlte sich nicht wie ihr gewohntes strahlendes, unbekümmertes Lächeln an, sondern gezwungen und dünn, als wäre nicht genug davon da, um auch ihre Augen und ihr Herz zu erreichen. Sie versuchte es noch mal. Schon besser.

»War es spät gestern?«, fragte sie.

Seufzend suchte Ayah auf dem Abtropfgestell nach einer Tasse. »Wie immer. Du weißt ja, wie das ist. Aber wir haben es geschafft, ein paar Familien mit Lebensmitteln zu versorgen, die wir schon eine Weile nicht mehr erreicht haben.«

»Das ist doch gut, oder?«

»Es ist immer gut, wenn Kinder keinen Hunger leiden müssen.«

Die Uhr an der Wand trällerte ihr fröhliches, kleines Lied und zeigte damit acht Uhr an. In einer normalen Welt wäre Hamra längst in der Schule und würde sich bemühen, im Naturkundeunterricht möglichst aufmerksam zu wirken, während sie heimlich Nachrichten an ihre Freundinnen schrieb. Ibu wäre in der Klinik und würde Medikamente und gute Laune verteilen. Ayah wäre schon lange unterwegs, um den Van oder das Boot vorzubereiten und die Touristenscharen, die das ganze Jahr über nach Langkawi strömten, zu ihrem nächsten exotischen Naturabenteuer zu befördern: eine Radtour, die durch Reisfelder und über Dschungelpfade das Flussufer entlangführte, eine Bootsfahrt durch die stillen Mangrovenwälder bei Sonnenuntergang, wenn der Himmel mit rosa und orangefarbenen Streifen bemalt war, eine Inseltour, bei der das Boot auf dem dunkelblauen Meer durch schäumende Wellen pflügte.

Aber die Welt war nicht normal, die Welt war krank, sie litt an einer Krankheit, die keiner so recht zu verstehen schien. Deshalb saß Hamra an diesem Morgen zu Hause am Esstisch anstatt an ihrem Tisch in der Schule und erledigte Haushaltsaufgaben anstelle von Hausaufgaben. Ibu pflegte die vom Virus betroffenen Patienten in einem weit entfernten Krankenhaus wieder gesund und ruhte sich zwischen den Schichten in einer winzigen Wohnung aus, anstatt zu Hause bei ihrer Familie zu sein, wo sie hingehörte. Und anstatt lachende, laute Touristen durch die Gegend zu fahren, benutzte Ayah seinen Wagen, um Freiwillige und Hilfsgüter über die Insel zu transportieren und die ärmsten Familien und die Pflegeheime zu versorgen und die Flüchtlingsgemeinden, die keine Hilfe von der Regierung wollten. Das Boot blieb unterdessen im Hafen abgestellt, so wie Hamra bei ihren Großeltern. Alle dümpelten an Ort und Stelle vor sich hin und sammelten Staub an.

Mittlerweile bestand Hamras Welt nur noch aus Krankheit. Da war die Demenz, diese heimtückische Diebin, die ihnen Opah auf so grausame Weise geraubt hatte und sie nur ab und zu auf einen Besuch zurückkommen ließ. Jedes Mal gaukelte sie ihnen vor, dass Opah nun für immer bleiben würde, nur um sie ihnen dann doch wieder wegzunehmen. Dazu kam das Virus. Es hatte ihr die Mutter gestohlen und in eine rote Zone entführt, wo sie mehr medizinisches Personal brauchten. Es hatte ihr den Vater gestohlen, weil er sich nur noch auf die Not der anderen konzentrierte. Und es hatte Hamra die Freiheit gestohlen und dafür gesorgt, dass nicht mal mehr die GANZ besonderen Tage beachtet wurden, wie zum Beispiel ihr dreizehnter Geburtstag, an dem sie die Kindheit hinter sich ließ und endlich ein Teenager wurde.

Niemand hier schien sich bewusst zu sein, dass genau das schon vor über einer Stunde passiert war.

»Ich muss gleich los und noch ein paar Schutzausrüstungen verteilen«, erklärte Ayah und schlürfte seinen Kaffee. »Wir bekommen eine Lieferung aus Kuala Lumpur. Endlich! Überall herrscht Mangel, in den Fabriken fahren sie bestimmt schon Doppelschichten …«

»Okay.«

In diesem Moment ertönte ein lautes Poltern.

Mit klopfendem Herzen fuhr Hamra herum. Hinter der geschlossenen Badtür hörte sie Atoks Stimme rufen: »YATUHANKU8, WASWARDAS??« Aber Hamra konnte sehen, was Atok nicht sah: Am Tisch saß Opah mit verschränkten Armen und rebellischer Miene, und ihre hellrosa Plastikschüssel – Plastik, kein Porzellan, das hatte Hamra auf die harte Tour lernen müssen – lag umgedreht neben ihren Füßen auf dem Boden. Der Reisbrei, den Hamra erst kurz zuvor in die Schüssel gefüllt hatte, lag auf dem abblätternden grünen Linoleum verteilt und sah genauso aus, wie Hamra sich fühlte: gräulich, klumpig, zu einer dünnen Schicht verschmiert.

»Das ist Müll«, sagte Opah zu ihr. »MÜLL. Ich will Nasi Ulam.«

Hamra seufzte. Nasi Ulam war das Lieblingsessen ihrer Großmutter. Es bestand aus Reis, köstlich gewürzt mit einer Mischung aus frischen Kräutern und Erinnerungen.

»Na gut, Opah.«

»Jetzt.«

»Schon gut.«

»Sei nicht so frech zu deiner Großmutter«, bellte Atok hinter der geschlossenen Badtür.

»Und mach ja nicht dieses Supermarkt-Zeugs rein. Das ist voller Chemikalien, die deinen Körper vergiften.«

Opah beharrte darauf, dass das Nasi Ulam nur schmeckte, wenn es mit Blättern frisch vom Baum oder Strauch gekocht wurde. Seufzend sah Hamra zum Küchenfenster, wo die Sonne bereits erbarmungslos durch die Jalousien strahlte.

»Okay, Opah.«

»Wieso nennst du mich Opah? Ich kenne dich nicht.« Opah runzelte die Stirn. »Und wann gehen wir endlich nach Hause? Wir sind schon viel zu lange hier.«

»Das ist dein Zuhause, Opah.«

Atok tauchte aus dem Bad auf, er hatte die Zeitung unter den Arm geklemmt und zog ein äußerst zufriedenes Gesicht. »Regelmäßigkeit lohnt sich«, sagte er wie aufs Stichwort und tätschelte seinen Bauch.

Ayah stöhnte in seine Kaffeetasse.

»Ich wollte eigentlich duschen. Du kannst mich doch nicht mit diesem Gestank …«

Der künstliche Geruch von Lavendel-Lufterfrischer zog durch den Raum, und Hamra spürte, wie sich ihr Ärger zu einem Flammenball zusammenzog und in ihrem Magen niederließ. Rastlos kribbelte die Hitze unter ihrer Haut. So ist es also, wenn man dreizehn ist.

Ayah wandte sich an Hamra.

»Glaubst du, du kannst Opah das Nasi Ulam kochen? Die Kliniken sind auf die Schutzausrüstungen angewiesen.«

»Wenn’s sein muss.« Ayah zog ein schuldbewusstes Gesicht, und Hamras Magen krampfte sich vor schlechtem Gewissen zusammen. Nein, Hamra, das kannst du besser.

»Ich meine, ja. Natürlich kann ich das kochen. Mach dir keine Sorgen, Ayah, ich kümmere mich um alles.«

Er lächelte sie an.

»Braves Mädchen.«

So bin ich eben, dachte sie verdrossen. Die gute, alte, zuverlässige Hamra. Immer bereit, alles zu tun, was ihre Eltern wollen, immer bereit, die perfekte Tochter und eine perfekte Enkelin zu sein. Und dafür bekomme ich nicht mal einen Glückwunsch zum Geburtstag.

Atok drückte sanft ihre Schuler.

»Ich putze das auf, Sayang. Du kannst die Kräuter für das Nasi Ulam sammeln.«

»Danke, Atok.« Hamras Lächeln verwandelte sich in Misstrauen. »Moment mal. Hast du dir die Hände gewaschen?«

»Natürlich habe ich das!« Atok blinzelte gekränkt. »Was denkst du denn von mir? Diese Kinder heutzutage …«

»Mit Seife?«

Er wartete ein bisschen zu lange für ihren Geschmack, bevor er seinen Gehstock von der Stuhllehne pflückte, wo er ihn eingehängt hatte, und an ihr vorbeiging.

»Natürlich. Also, wo ist der Putzlappen?« Dann drehte er sich zu Opah. »Komm, meine Liebe, wir hören ein bisschen Musik.«

Die leisen Klänge eines Lieds von P. Ramlee, dem bekannten malaysischen Sänger, folgten Hamra in ihr winziges Zimmer ganz hinten im Haus. Es als Zimmer zu bezeichnen, war vielleicht ein bisschen übertrieben – es ähnelte eher einem Besenschrank, in dem gerade so ein Bett und eine Kommode Platz fanden. Tatsächlich hatte es nur zwei gute Eigenschaften: eine Tür, um den Rest der Welt auszuschließen, und ein kleines Fenster, durch das sie in die Welt hinausschauen konnte, auf das Dunkelgrün des Dschungels und den unendlich weiten Himmel dahinter. Wenn sie nachts die Fensterläden öffnete und sich auf einen fernen Punkt jenseits der winzigen Quadrate des Fliegengitters konzentrierte, das die Käfer und Stechmücken fernhalten sollte, war es, als würde sie zwischen den Sternen fliegen.

Auf der anderen Seite der Tür hörte sie durch das Rauschen der Dusche ihren Großvater krumm und schief zur Musik singen: »Engkau laksana bulan …«9

Hör auf, Hamra. Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war, sich in Erinnerungen zu verlieren. Für Hamra war die Vergangenheit nichts weiter als ein Minenfeld unangenehmer Gefühle. Da war es weitaus besser, sich auf einfache, konkrete Aufgaben zu konzentrieren als auf Dinge, die man nicht ändern konnte. Nicht ablenken lassen.

Hamra zog die unterste Schublade auf, in der sie einen Stapel ordentlich zusammengelegter Hidschabs aufbewahrte, und fuhr mit der Hand an den weichen Stoffen entlang, bis sie ihr Lieblingstuch gefunden hatte. Es war rot und passte perfekt zu ihrem Namen, der auf Arabisch ebenfalls »rot« bedeutete. »Ich habe dich Hamra genannt, damit du immer ein Feuer in dir brennen hast«, hatte Ibu gesagt und ihre Hand auf Hamras Herz gedrückt. Das Problem war, dass ihre Eltern nicht wirklich erklärt hatten, was das für ein Feuer sein sollte. Vermutlich hatten sie damit so etwas wie Leidenschaft gemeint, etwas, das einen antreibt, irgendetwas zu tun oder zu sein oder zu erschaffen. In letzter Zeit hatte es aber keine Gelegenheiten mehr gegeben, kreativ zu sein. Und das Feuer, das in ihr brannte, war mittlerweile ein ganz anderes.

Das Feuer, das jetzt in ihr brannte, war Wut.

Hamra hatte es so satt, ständig aufzuwischen und zu kochen und Opah zuzuhören, wie sie etwas sagte, das keinen Sinn ergab, und dabei immer nett und brav und höflich und verantwortungsvoll zu sein. Sie hatte es satt, ihre Freundinnen als kleine Quadrate auf einem Monitor zu sehen. Sie hatte es satt, im Supermarkt stundenlang für ein bisschen Brot und Eier anzustehen. Sie hatte es satt, immer eine Maske zu tragen, sich immer verstecken zu müssen. Und am schlimmsten von allem war, dass Hamra auch ihre Großeltern so, so satthatte.

»Kau tinggalkan diriku …«10 P. Ramlees Gesang zog von der Küche zu ihr herüber.

Hamra hasste dieses Lied, weil sie beim Hören immer das Gefühl hatte, ein dunkler Abgrund würde sich in ihrer Brust auftun. Wie der Sänger mit seiner tiefen Stimme seine Liebe mit dem Mond verglich und traurig Verlust, Schmerz und Leid beklagte … Es war schon bitter genug, das zu hören, aber noch schlimmer war es, sich vorzustellen, wie Atok diese Worte Opah vorsang. Das machte sie nur noch wütender.

Schon wieder. Konzentrier dich, Hamra.

Hastig raffte sie ihre dunklen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen, zog das schlichte, schwarze Untertuch über, das theoretisch dafür sorgen sollte, dass keine Haare entwischten – auch wenn das ein aussichtsloser Kampf war, da Hamras Locken mindestens so sturköpfig waren wie sie selbst –, dann legte und faltete sie das Tuch geschickt um ihren Kopf. Sie trug den Hidschab erst seit diesem Jahr und hatte viele Stunden üben müssen, bis er genauso saß, wie sie es wollte.

Als sie fertig war, schnappte sie sich ihre große, braune Stofftasche, warf sie über ihre Schulter und betrachtete sich selbst im Spiegel: Der ordentliche Hidschab, die runden Wangen, das spitze Kinn, die dunklen Ränder unter den noch dunkleren Augen. Widerwillen blitzte aus diesen Augen hervor wie die Laserstrahlen eines Zeichentrickhelden. Wollte sie ihren dreizehnten Geburtstag wirklich damit verbringen, in der drückenden Hitze eines Vormittags auf Langkawi zu schwitzen und bei lebendigem Leib von Moskitos aufgefressen zu werden? Nein. Aber sie war ja die brave, zuverlässige Hamra, deshalb würde sie es trotzdem tun.

Im Wohnzimmer saßen ihre Großeltern auf zwei Polstersesseln nebeneinander, die wie sie schon weit bessere Tage gesehen hatten. Opahs Augen waren geschlossen, Atok hielt ihre Hand und streichelte sie sanft, während er leise sang. Bei seinem liebevollen Blick fingen Hamras Augen an zu kribbeln.

»Ich gehe jetzt«, verkündete sie laut.

Atok nickte ihr zu.

»Denk an die Regeln.«

»Ja, klar.« Man konnte immer schon die Großbuchstaben hören, wenn Erwachsene über REGELN sprachen.

»Sag nicht einfach nur klar! Ihr jungen Leute mit eurem ›Klar‹ hier, ›Klar‹ da.« Atok schnaubte. »Es endet immer böse, wenn man die Regeln vergisst.«

»Wie könnte ich sie vergessen?« Hamra setzte sich auf einen Stuhl und zog ihre Socken an, die mit winzigen Faultieren bedruckt waren. »Du schärfst sie mir doch jeden Tag ein, seit ich laufen kann …«

Atok stupste sie mit seinem Stock.

»Ich bin vielleicht alt, junge Dame, aber freches Gerede kann ich immer noch gut erkennen.«

»Entschuldigung.«

»Und binde dir die Schuhe richtig zu!«, dröhnte Ayas Stimme aus seinem Zimmer. »Zwäng nicht einfach die Füße in die Schuhe wie sonst. Damit machst du sie kaputt, und ich habe kein Geld, um dir neue zu kaufen!«

Wieder loderte die Wut in ihrem Bauch auf. Sie brannte heiß in ihrer Brust und ließ sie genervt die Augen verdrehen.

»O-kaay.«

Das brachte ihr einen neuen Stups von Atoks Gehstock ein.

Auch Opah erwachte nun wieder aus ihrem Dämmer und starrte Hamra mit einer Mischung aus Traurigkeit und Angst an.

»Sudah masuk ke dalam mulut harimau«11, sagte sie leise, ohne den Blick von Hamra abzuwenden.

»Was, Opah?«

»Sag nicht einfach nur ›was‹!« Atok schlug ihr leicht mit dem Stock gegen die Beine. »Es heißt ›Wie bitte‹.«

»Du steckst schon im Maul des Tigers«, sagte Opah und schüttelte bekümmert den Kopf. »Es gibt kein Zurück. Es gibt kein Zurück.«

»Was? Wovon redest du d– aua!« Noch ein Klaps auf die Beine.

»Es heißt ›Wie bitte‹!«

»Ihr beide seid einfach unmöglich!« Die Worte flogen aus ihrem Mund, bevor Hamra sich bremsen konnte, sie waren heiß und beißend und voller Feuer. »Ich kann es kaum erwarten, bis das alles endlich vorbei ist und ich nicht mehr mit euch beiden hier im Haus festsitze.«

Damit zog sie ihre Gesichtsmaske an und schob die Füße in ihre Schuhe – und nein, sie würde die Schnürsenkel nicht zubinden, auf keinen Fall, und niemand konnte sie dazu zwingen. Mit einem lauten Rums schlug sie die Tür hinter sich zu und versuchte, den gekränkten und enttäuschten Ausdruck auf den faltigen Gesichtern ihrer Großeltern zu vergessen.

Es war nun 8 Uhr 37, und im Dschungel setzte sich etwas im Schatten auf und verzog das Gesicht zu einem wissenden, heimtückischen Grinsen.

Sie war auf dem Weg.

1Opa.

2Oma.

3Ach, tatsächlich.

4Sehr häufig benutztes Einschubwort am Ende eines Satzes, so wie auf Deutsch »mal«.

5Papa.

6Mama.

7Schatz, Liebling.

8»Oh mein Gott«.

9»Du bist wie der Mond …«.

10»Du hast mich verlassen …«.

11»Du steckst schon im Maul des Tigers« ist ein malaiisches Sprichwort für »Es ist zu spät, da kann man nichts mehr machen«.

2

Die Regeln sind ganz einfach. Wenn du ein Kind bist, das in der Nähe des malaysischen Dschungels aufwächst, hast du sie vermutlich schon dein ganzes Leben lang gehört. Die Erwachsenen wiederholen sie ständig, beten sie einem so lange vor, bis man sie nie wieder vergisst.

Regel Nr. 1:

Frage immer um Erlaubnis, bevor du den Dschungel betrittst.

Regel Nr. 2:

Fordere nichts heraus, was du nicht sehen kannst.

Regel Nr. 3:

Nenne niemals deinen richtigen Namen.

Regel Nr. 4:

Nimm nichts mit, was nicht dir gehört.

Regel Nr. 5:

Dreh dich auf keinen Fall um, wenn jemand deinen Namen ruft.

Und normalerweise war Hamra auch sehr vorsichtig. Normalerweise befolgte sie die Regeln.

Doch leider war dieses Jahr kein normales Jahr, und der heutige Tag war kein normaler Tag.

Später würde sie erzählen, dass es an dem Feuer lag, das sich langsam in ihrem Herzen ausbreitete und unter ihrer Haut brannte und in ihrem Gehirn kribbelte, sodass sie nicht mehr richtig denken konnte. Später würde sie sagen, sie hätte auf die anderen hören sollen – auf Atok, auf Opah, auf alle. Später würde sie über eine Menge Dinge viel besser Bescheid wissen. Wie das eben so ist, wenn man etwas bereut.

Aber wie schon gesagt, das Leben wartet nicht wirklich auf dich, bis du solche Dinge herausgefunden hast.

Dass Hamra gegen die erste Regel verstieß, war ein Versehen.

Sie war schon gut fünf Schritte in den Dschungel hineingegangen, bevor ihr einfiel, dass sie ganz vergessen hatte, um Erlaubnis zu fragen. Sie hatte vergessen zu flüstern: »Darf ich eintreten, wenn ihr gestattet?«, wie sie es sonst immer tat. (Die Erwachsenen sagten einem nämlich nie, wen genau man um Erlaubnis bitten sollte, nur dass es wichtig war zu fragen. Hamra fand ja, dass es schon praktisch wäre, das zu wissen, aber leider wollten Erwachsene nur selten ihre Meinung zu solchen Fragen hören.)

Sobald sie ihr Versäumnis bemerkte, blieb sie abrupt stehen. Es fühlte sich furchtbar unangenehm an, als hätte sie ihre (nicht zugebundenen) Schuhe falsch herum angezogen. Unsicher zögerte sie. Soll ich lieber wieder zurückgehen? Noch mal neu starten?

Da erinnerte sie sich an den gekränkten, gequälten Blick ihrer Großmutter, und das Feuer loderte wieder in ihr auf. NEIN, sagte sie zu sich. Sei nicht albern, Hamra. Du bist dreizehn, also fast erwachsen. Du weißt es besser. Die Regeln sind einfach nur dazu da, dass die Erwachsenen einem vorschreiben können, was man tun soll. Sie sind nicht wirklich wichtig.

Also ging sie weiter und hielt dabei aufmerksam nach Schlangen am Boden Ausschau – Hamra hasste Schlangen und hielt sich möglichst weit von ihnen fern. Mit ihrer Schere schnitt sie überall dort, wo sie die gesuchten Kräuter zwischen den Bäumen und Sträuchern entdeckte, ein paar Stängel ab und legte sie in ihre Tasche: Kurkuma-Blätter, die sich ganz weich anfühlten, herzförmige Betelpfefferblätter mit ihrem milden Pfeffergeschmack, die leicht nach Pfefferminz duftenden Blätter des Vietnamesischen Korianders, runde Tigergrasblätter und vor allem Ulam Raja, der sogenannte Königssalat, der seine Blätter in der Nacht fein säuberlich zusammenfaltete, damit er ohne neugierige Blicke schlafen konnte. Opah selbst hatte Hamra die verschiedenen Kräuter schon vor langer Zeit erklärt und ihr gezeigt, wo sich die Blätter gerne versteckten, wie man die besten fand und wie man die Stängel abknipste. Es war eine vertraute, beruhigende Tätigkeit, und das kühle Grün linderte das Feuer in ihrer Brust. Schnipp und schnapp machte ihre Schere, und ein Blatt nach dem anderen wanderte in ihre Tasche.

Später würde sie sagen, dass ihr gar nicht auffiel, wie tief sie in den Dschungel wanderte, dass sie nicht bemerkte, wie das Sonnenlicht, das durch die Bäume drang, dunkler und kühler wurde, bis es um sie herum schließlich fast dämmerte.

Aber das war eine Lüge. Als Hamra gegen die zweite Regel verstieß, wusste sie genau, was sie tat.

»Ich habe keine Angst«, verkündete sie laut und erschrak über den Klang ihrer Stimme – darüber, wie laut und wie deutlich sie unter dem Stoff der Maske zu hören war. Beim Aussprechen der Worte fühlte Hamra sich schwindelig und tollkühn und wild zugleich. Deshalb wiederholte sie den Satz noch einmal. »Ich habe KEINE Angst. Mir sind eure blöden alten Regeln ganz egal. Hier ist nichts, was mir Angst macht.«

Das war auch eine Lüge. Und weil sie das wusste, sagte sie es noch mal, aber diesmal schrie sie es förmlich, denn wenn man schon nicht wirklich überzeugt ist, muss man wenigstens laut sein.

»HIERISTNICHTS, WASMIRANGSTMACHT.«

Kaum waren die Worte zwischen den Bäumen verklungen, hörte sie ein Rascheln hinter sich.

Wie angewurzelt blieb sie stehen. Bitte lass das keine Schlange sein, bitte lass das keine Schlange sein …

Dann war da noch ein Geräusch: das leise Brechen eines Zweigs.

Das Einzige, was sich nun noch regte, war ihr Herz; es klopfte so panisch, dass es ihr fast die Brust sprengte. Da ist nichts, beruhigte sie sich selbst. Nur ein Tier, das durch den Dschungel läuft. So wie du. Es geht einfach nur vorbei; schließlich gibt es hier nichts Interessantes zu sehen. Vermutlich nur ein Eichhörnchen. Oder ein Affe. Oder … oder eine kriechende, schleimige, giftige Schlange …

Während sie noch überlegte, wie sie eine Begegnung mit einer Schlange überleben könnte – hinlegen und sich tot stellen? Einen Baum hochklettern? Ihr einen Schuh an den Kopf werfen und wegrennen? –, raschelte es hinter ihr in den Bäumen.

Hamra duckte sich, zog einen ihrer roten Turnschuhe aus und versuchte, ihre feuchten Hände und das Dröhnen in ihren Ohren zu ignorieren.

Nun ertönte, noch näher, das Knirschen von trockenem Laub.

Und dann endlich, als sie schon fürchtete, sich gleich in die Hose zu machen, sagte eine Stimme: »Bist du verrückt geworden, oder was?«

Und ihre Panik verschwand so plötzlich, wie eine Welle im Sand versickerte. Seufzend richtete Hamra sich auf. Die Stimme kenne ich.

»Komm raus, du Idiot.«

Und gleich darauf stand er vor ihr, mit rotem Gesicht und schwer atmend unter seiner Maske, die Brille schief auf der Nase: Ilyas Chang Abdullah, der in dem Haus neben ihnen wohnte. Ilyas war damit der Junge von nebenan, und manchmal war er Hamras bester Freund, aber meistens nervte er nur.

»Was machst du da?«

Ilyas zupfte ein Blatt von seiner Kaki-Shorts und schob seine Brille die Nase hoch. Seine Maske saß schief, und sein Gesicht glänzte vor Schweiß in dem dämmrigen Licht. »Ich konnte dich sogar noch von da drüben schreien hören.«

Hannah zuckte nur mit den Schultern.

»Ich habe Königssalat gepflückt.«

»Und wieso hast du dabei so rumgebrüllt?«

»Ich kann eben am besten arbeiten, wenn ich richtig laut bin.« Ilyas schaute nur genervt, fragte aber nicht weiter nach.

Sie wischte sich ein paar Dreckkrümel von der Hose. »Und was machst du hier? Bist du mir gefolgt?

»Ja.«

So wie Hamra sah auch Ilyas keinen Sinn darin, groß herumzureden, sondern kam gleich zur Sache. Das war einer der Gründe, warum sie ihn … nun ja, mochte war irgendwie das falsche Wort. Sie duldete ihn eher. »Ich wollte dir dein Geburtstagsgeschenk geben.«

»Ehrlich?« Ilyas hatte an ihren Geburtstag gedacht? Für einen kurzen Moment dämpfte eine Welle der Dankbarkeit ihren Ärger und ihre Wut. Jemand denkt an dich. Jemand sieht dich. »Was ist es denn?«

Er reichte ihr ein kleines, knubbeliges Päckchen. Es war in Zeitungspapier gewickelt und mit einem pinkfarbenen Band verschnürt, auf dem der Name einer Eisdiele prangte.

»Tut mir leid«, murmelte er. »Wir hatten kein Geschenkpapier mehr.«

»Das macht doch nichts.«

Wie sehr durfte man sich als Dreizehnjährige über Geschenke freuen? Hamra überlegte kurz. Aber angesichts dessen, dass das vermutlich das einzige Geschenk in diesem Jahr war, verzichtete sie darauf, cool zu tun, und riss voller Freude das Papier auf.

Heraus kam ein kleiner Holzvogel, der sich warm in ihre Handfläche schmiegte. Er war fein geschnitzt und kunstvoll bemalt in Rot und Braun. Die Details seines Gefieders in Schwarz und Grau waren sorgsam herausgearbeitet, und der Vogel sah so echt aus, als würde er jeden Moment davonfliegen. Er war wunderschön.

»Weißt du, was das ist?«, fragte Ilyas leise.

»Ein Karmesinnektarvogel«, sagte sie. Ilyas liebte Vögel und hatte ihr beigebracht, die verschiedenen Arten zu unterscheiden, während sie stundenlang auf Bäume starrten oder auf dem Rücken im Gras lagen und einfach nur den Himmel beobachteten. »Hast du den gemacht?«

Er nickte und mied ihren Blick.

»Du weißt doch, wie gut mein Vater schnitzen kann. Und wenn ich ihn das nächste Mal sehe, will ich ihm zeigen, wie sehr ich mich verbessert habe.« Er räusperte sich. »Wann immer das sein wird.«

Hamra nickte. Ilyas redete nicht oft von seinem Vater; er lebte mit seiner neuen Familie in Kuala Lumpur, und Ilyas hatte ihn seit Beginn der Pandemie, als die Fähr- und Flugverbindungen zur Insel eingestellt wurden, nicht mehr gesehen. Aber weil sie Ilyas schon so viele Jahre kannte und oft bei ihm zu Hause gewesen war, wusste sie noch ein paar Dinge über ihn, zum Beispiel, dass er beim Lachen immer so komisch schnaufte, dass er seine Bücher mit Eselsohren markierte, dass er ebenfalls eine Brille trug und dass das Schnitzen tatsächlich sein Hobby war. Und sie wusste auch, dass Ilyas, nachdem sein Vater vor einem Jahr weggegangen war, fest davon überzeugt gewesen war, er würde bald zurückkommen, und wochenlang jeden Tag nach der Schule am Fenster nach ihm Ausschau gehalten hatte.

Ilyas grinste.

»Weißt du noch, wie wir diesen Vogel zum ersten Mal gesehen haben? Ich dachte sofort: Das ist Hamras Vogel. Er ist schnell und zielstrebig und flattert nicht einfach planlos herum. Außerdem ist er klein und rot. Ein kleiner Roter. So wie du.« Er grinste.

Und plötzlich war da wieder die Hitze, die unter ihrer Haut loderte und ihre Dankbarkeit verschlang und sich von innen herausfraß. Kleine Rote war Ilyas Dschungel-Spitzname für Hamra – die Regeln schrieben ja vor, dass sie hier nicht ihren richtigen Namen benutzen sollten, deshalb war sie die kleine Rote. Sie war als kleines Kind nämlich winzig gewesen (und eigentlich auch heute noch, obwohl sich niemand traute, ihr das ins Gesicht zu sagen, nachdem sie dem letzten Kind, das das gewagt hatte, eine verpasst hatte). Und er war Käferauge, wegen seiner großen Brille, hinter der seine Augen so aussahen, als würde sie aus seinem Kopf quellen. Außerdem hatte er früher ab und zu versucht, Käfer zu essen, »nur um zu sehen, ob sie gut schmecken«, was er heute allerdings entschieden abstritt.

Kleine Rote. Nur eine Sache von vielen, aus denen sie mittlerweile herausgewachsen war. Immerhin war sie verdammt noch mal gerade dreizehn geworden – und ja, sie hatte geflucht, na und? – und brauchte deshalb keine kindischen Spitznamen mehr.

Als Hamra auch die dritte Regel brach, war sie fast froh darüber.

»Hamra«, sagte sie laut.

Die Bäume rauschten. Das ist nur der Wind, dachte Hamra. Sie ignorierte den Schweiß, der von ihrer Stirn tropfte, und die leise Stimme in ihr, die flüsterte: Aber es weht kein Wind, Hamra.

Ilyas hatte seine Brille abgenommen, um sie mit dem Saumseines karierten Hemds zu putzen. Als sie ihren Namen aussprach, fuhr er so schnell zu ihr herum, dass sie schon fürchtete, er würde sich den Rücken zerren. »Was hast du gesagt?«

»Mein Name ist Hamra«, sagte sie ruhig und gelassen, obwohl der kalte Schweiß auf ihrer Stirn diesmal nicht von der tropischen Hitze kam. »Übrigens ein sehr schöner Name. Du kannst ihn ruhig benutzen.«

Ilyas antwortete mit zusammengebissenen Zähnen: »Du weißt doch, warum wir unsere Namen nicht –«

»Nein, weiß ich nicht.« Hamras Worte schnitten wie ein scharfes Messer durch seine. »Du etwa? Die ganze Zeit beten sie uns diese sinnlosen Regeln vor und erwarten, dass wir uns daran halten, aber niemand erklärt uns wirklich, warum. Kein bisschen. Zu irgendwas.« Sie schob den Vogel mitsamt dem Papier in ihre Tasche und wandte sich zum Gehen.

»Weil wir noch Kinder sind!«

»Na und?« Sie drehte sich so schnell zu ihm um, dass Ilyas erschrocken zurückwich. »Deswegen sind wir noch lange nicht dumm. Wieso erklärt uns dann keiner was?« Sie zog ihre Maske herunter, breitete die Arme aus und neigte den Kopf zum Himmel. Durch die Wipfel hoch über ihr konnte sie undeutlich einen Streifen Blau erkennen. »ICHHEISSEHAMRA!«, rief sie aus voller Kehle.

»Hör auf!!!« Auf Ilyas’ Gesicht lag der gleiche Ausdruck faszinierten Entsetzens wie damals, als sie versuchte hatte, Parkour zu lernen und vom Dach seines Geräteschuppens sprang. Sechs Wochen musste sie einen Gips am Arm tragen.

»Was ist?«, sagte sie möglichst schnippisch. »Was soll schon passieren?«

Und in genau diesem Moment lernten sie, warum Regel Nummer zwei existierte – fordere nichts heraus, was du nicht sehen kannst.

Denn sobald Hamra diese Worte sagte, drang ein Lichtstrahl durch die Baumwipfel, schnitt einen fein säuberlichen Streifen durch das Dämmerlicht und erhellte eine Lichtung mit einem Jambubaum, an dem die schönsten Früchte wuchsen, die Hamra je gesehen hatte. Die Jambus waren wie aus einem Bilderbuch: glänzend und frisch, in einem dunklen Beerenrosa, das oben an ihrem glockenförmigen Körper etwas heller wurde. Ein Blick genügte, und Hamra wusste genau, wie sie schmecken würden. Sie konnte die knackige, süße Frische schon förmlich auf der Zunge spüren.

Und plötzlich gab es nichts, was sie lieber wollte.

Da zupfte etwas an ihrem Ärmel.

»Tu das nicht«, warnte Ilyas leise und versuchte, sie aufzuhalten. Hamra blinzelte. Sie hatte nicht mal gemerkt, wie sich ihre Füße in Bewegung gesetzt hatten.

»Ach, komm schon.« Sie versuchte, möglichst verächtlich zu klingen. »Sei nicht albern. Das ist nur ein Baum.« Sie befreite sich aus seinem Griff – der überraschend stark war – und näherte sich dem Baum, die Augen auf die köstlichen Früchte gerichtet.

Später würde sie schwören, dass sie von dem, was er danach zu ihr sagte, kein Wort mehr mitbekommen hatte. Später würde sie sagen, sie hätte nur eine Stimme gehört, leise und rau, die merkwürdig verführerisch klang und sie immer wieder drängte: »Nimm die Frucht. Nimm sie, Hamra. Willst du nicht davon kosten? Sieht sie nicht lecker und saftig aus? Nur eine, Hamra, was kann das schon schaden?«

Und das war der Moment, in dem Hamra gegen die vierte Regel verstieß.

3

Die Jambufühlte sich so schön an und schmiegte sich perfekt in ihre Hand. Hamra erinnerte sich nicht mal, wie sie die Frucht vom Baum pflückte, aber sobald sie die Jambu in der Hand hielt, hätte sie sie am liebsten nie wieder loslassen wollen. Es schien fast, als gehöre sie dorthin, in ihren Griff. Als wäre es schon immer so gewesen.

Aus der Nähe sah sie noch schöner aus, als hätte jemand sie sorgsam modelliert und liebevoll in perfekten Farben bemalt. Als würde sie in ein Museum gehören, als Muster für alle Jambusauf dieser Welt. Hamra hielt sich die Jambu an die Nase und roch eine leichte Süße, die alles um sie herum auf einmal viel heller und lebendiger erscheinen ließ.

»KLEINEROTE.« Endlich drang der alte Spitzname durch den rosa Nebel in ihrem Kopf. »WAS. MACHST. DU. DA?«

»Hmmm?« Hamra hob den Kopf und lächelte Ilyas träumerisch an. Nur langsam wurde ihr bewusst, dass sein Blick voll Entsetzen war.

»Was ist denn los? Wieso regst du dich so auf?«

»Du kannst doch nicht einfach deine Maske abnehmen! Und du kannst dir nicht einfach was aus dem Dschungel nehmen, das EINDEUTIG nicht dir gehört!« Ilyas fuchtelte so wild herum, dass er sich fast die Brille von der Nase gehauen hätte. »Vor allem, wenn es EINDEUTIGVERZAUBERT ist!« Er packte sie am Arm und zog sie mit sich. »Komm jetzt. Wir müssen hier weg. Wir müssen –«

Aber Hamra rührte sich nicht. Sie konnte nicht. Und sie schien auch nicht den Blick von der Frucht in ihrer Hand abwenden zu können.

Zumindest, bis sie das Brüllen hörte.

Hamra war schon ein paar Mal im Zoo von Langkawi gewesen, ein müder Ort mit müden Gebäuden und müden Tieren, darunter ein ausgesprochen gleichgültig aussehender Tiger, der eher daran gewöhnt war zu gähnen, als zu brüllen. Tatsächlich kannte sie Raubtierbrüllen bisher nur aus Filmen und Fernsehsendungen: kämpfende Bären in Naturdokus, der Löwe von dem MGM-Logo am Anfang der alten Tom-und-Jerry-Zeichentrickfilmen, die immer noch manchmal im Fernsehen liefen, oder die computeranimierten Dinosaurier aus den Jurassic-Park-Filmen.

Aber so ein Brüllen hatte sie noch nie gehört.

Dieses Brüllen klang tief und grausam; es war so laut, dass es die Bäume erschütterte und sämtliches Vogelgezwitscher und Insektensurren verstummen ließ. Es war wild und böse und extrem furchterregend.

In der Stille, die darauf folgte, hörten sie es beide: dieses feuchte, schwere Keuchen. Und dann, aus der Dunkelheit hinter den Bäumen, ein leises, drohendes Knurren.

Hamra drehte sich zu Ilyas. Er sah genauso erschrocken aus wie sie. Eine Mischung aus »Was zur Hölle war das?« und »Ich mach mir gleich in die Hose«.

»Weg hier?«, fragte sie.

»Weg hier!«

Und fast gleichzeitig drehten sie sich um und rannten los, an Bäumen und Dickichten vorbei, über Pfade, die ihnen fast so vertraut waren wie die Linien auf ihren Handflächen. Sie rannten und rannten, als würde ihr Leben davon abhängen, und bemühten sich nach Kräften, das Rascheln von Blättern und Gestrüpp zu ignorieren. Doch selbst das laute Getrampel ihrer Schritte und ihr angestrengtes Keuchen konnten die schnellen, immer näher kommenden Schritte nicht übertönen.

»Dreh – dich – nicht – um.« Pfeifend presste Ilyas die Worte zwischen seinen Atemzügen hervor.

Aber es war zu spät. Gerade als sie den Dschungelrand erreicht hatten, stolperte Hamra über ihre nicht zugebundenen Schnürsenkel und flog zu Boden. Und als sie sich aufrappelte, hörte sie wieder diese vertraute, verführerische Stimme, die nur ein Wort knurrte: »Hamra.«

Und so kam es schließlich – und vielleicht unvermeidlich –, dass Hamra auch die letzte Regel brach. Beim Klang ihres richtigen Namens drehte sie sich um und sah ihn zum ersten Mal.

Den Tiger.

Nur besaß dieser hier keinerlei Ähnlichkeit mit dem gelangweilten alten Tiger im Zoo von Langkawi. Er war mindestens drei Mal so groß und hatte einen dicken, prachtvollen orange-schwarzen Pelz, seine scharfen, bösen Zähne waren gefletscht, und sein Gesicht schwebte so dicht vor ihr, dass sie seinen feuchten Atem auf ihrer Haut spüren konnte.

Mit einem wissenden Leuchten in den goldenen Augen wiederholte er noch einmal ihren Namen.

»Hamra.«

Dann hörte sie nichts mehr, weil Ilyas sie am Arm packte und wieder auf die Füße zerrte. Gemeinsam rannten sie weiter, bis sie schließlich im sicheren Garten des schiefen, kleinen Häuschens erschöpft zusammenbrachen.

Da erst merkte sie, dass sie immer noch dieJambu in der Hand hielt, so fest, dass ihre Finger schon schmerzten.

Und schon drehte Ilyas sich mit einem anklagenden Blick zu ihr um und stellte genau die Frage, die sie am liebsten verdrängt hätte.

»Hamra, WASHASTDUGETAN?«

4

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie das Gehirn damit fertigwerden kann, etwas ganz und gar Unmögliches gesehen zu haben. Zum Beispiel einen sprechenden Tiger inmitten des Langkawi-Dschungels. Es kann:

a. akzeptieren, dass unmögliche Dinge manchmal doch … existieren,

oder

b. einen Weg finden, wie dieses Unmögliche vielleicht doch irgendwie Sinn ergibt.

Hamras Gehirn wählte Möglichkeit b.

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, sagte sie abwehrend, stand auf und wischte sich den Schmutz von den Händen. »Das war eindeutig nur ein … ein … ein normaler, malaysischer Panther, der hungrig war und uns zum Abendbrot fressen wollte.«

»Er war gestreift.« Ilyas blinzelte zu ihr hoch.

»Das waren keine Streifen«, blaffte Hamra. »Die Sonne hat nur so durch die Bäume geschienen, dass er … gestreift ausgesehen hat.« Die Jambulag immer noch in ihrer Hand, aus irgendeinem Grund konnte sie die Frucht nicht aus den Augen lassen.

»Panther jagen nachts! Und es ist noch nicht mal Mittag!«

»Dann eben zum Brunch!«

»ERHATDEINENNAMENGESAGT!« Mittlerweile sah Ilyas so aus, als würde er jeden Moment an seiner Wut und Spucke ersticken.

»Nein, hat er nicht! Er … er …« Verzweifelt suchte Hamra nach einer glaubwürdigen Erklärung. »Er hat gehustet.«

Ilyas seufzte so tief, dass es direkt aus seiner Seele zu kommen schien.

»Du bist unmöglich.«

Da er das mindestens zwölf Mal pro Woche zu ihr sagte, nahm Hamra die Worte nicht persönlich.

»Wenigstens haben wir es gesund und unversehrt nach Hause geschafft. Und ich habe die Kräuter für Opahs Essen gesammelt.«

»Und noch was anderes dazu.« Ilyas Augen musterten die Frucht in ihrer Hand. Sein Blick war Hamra unangenehm. »Was willst du … damit machen?«

Hamra blinzelte. »Weiß ich noch nicht.«

»Du solltest sie loswerden.«

»Was? Auf keinen Fall!« Aus irgendeinem Grund schloss sich Hamras Hand noch ein bisschen fester um die Frucht. »Die Zeiten sind schwer genug. Wir verschwenden kein Essen«, verkündete sie und wiederholte damit einen Lieblingsgrundsatz ihres Vaters. »Ich werde sie Opah geben. Als Überraschung. Sie liebt Jambus, das weißt du doch.« Hamra wusste genau, dass sie Ilyas damit besänftigen würde. Seine eigenen Großeltern lebten weit weg, und er hatte sie schon vor der Pandemie nur zu besonderen Anlässen wie dem Zuckerfest oder dem chinesischen Neujahr gesehen oder ab und zu bei einer Hochzeit oder Beerdigung. Opah und Atok waren so was wie Ersatz-Großeltern für ihn, und er liebte sie, als wäre er tatsächlich mit ihnen verwandt.