Traumgefährten - Annika Rings - E-Book

Traumgefährten E-Book

Annika Rings

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Beschreibung

Tarek und Johanna sind beste Freunde. Sie verstehen sich sogar so gut, dass sie oft den gleichen Traum haben. Als sie eines Tages in den Besitz magischer Steine gelangen, werden ihre Träume plötzlich Wirklichkeit und ihr Abenteuer beginnt. Gemeinsam mit Prinz Marco genießen sie das zauberhafte Leben auf der Mondburg. Doch Marcos Welt wird von "der Kälte" bedroht, einer dunklen Macht, die alle Menschen einsam und traurig werden lässt. Wird es Tarek und Johanna gelingen, sich ihrer Angst zu stellen und die Kälte zu besiegen? Ein Buch über Träume, Ängste und Freundschaft. Ein Roman für Kinder und alle, die noch Träume haben.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 1

Alles begann an einem warmen Sommertag auf der Mondburg. Die großen Ferien standen unmittelbar bevor. Tarek und Johanna waren zu der alten Ruine hochgeklettert, die sich auf einem Hügel am Waldrand hinter dem Dorf befand. Wobei der Begriff „Ruine“ schon stark übertrieben war - außer ein paar verloren herumliegenden Steinen und der ungefähr einen Meter hohen Grundmauer war von der mittelalterlichen Burg nichts übrig geblieben. Dennoch nannten Tarek und Johanna sie ihre „Mondburg“, da man von dort aus so gut den Mond und die Sterne beobachten konnte. Die Stadt mit ihrem Lichtermeer war ein Stück weit entfernt, so dass es hier noch dunkel genug war, um die Sterne und den Mond klar zu sehen. Tarek interessierte sich sehr für die Himmelskörper. Sein größter Wunsch war ein eigenes Teleskop, mit dem er sie genau beobachten konnte. Er hatte Johanna schon oft erklärt, dass man ihre Flugbahnen genau berechnen und seine Berechnungen dann durch Beobachtung überprüfen konnte. Johanna interessierte sich dagegen nicht so sehr für Dinge, die mit Rechnen zu tun hatten. Sie saß einfach gerne mit Tarek auf der Mauer und beobachtete die Sterne.

Tarek und Johanna waren nicht nur Freunde, sondern sogar die besten Freunde. Da ihre Eltern ebenfalls befreundet waren, kannten sie sich seit frühster Kindheit. Sie hatten zusammen Sandburgen gebaut, Rad fahren gelernt, im Gras Heuschrecken gefangen und fast alle ihrer Schulferien gemeinsam verbracht. In diesem Sommer würde das anders werden: in zwei Wochen, nach dem Abschluss der 6. Klasse, würde Tarek für einen Monat zu seiner Tante nach Wien fahren. Wenn Johanna ehrlich war, versetzte ihr der Gedanke einen kleinen Stich ins Herz. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals schon für so lange Zeit von Tarek getrennt gewesen zu sein. Er war fast wie ein Bruder für sie, vor allem, weil sie keine Geschwister hatte. Naja, keine richtigen Geschwister jedenfalls. Nur Corinna, aber das war etwas anderes.

„Wirst Du unsere Mondburg vermissen?“ fragte sie traurig. „Ach was. In Wien gibt es ein ganz tolles Schloss, das ist mindestens tausendmal so groß wie diese Burg. Vielleicht treffe ich sogar den Kaiser!“

„Quatsch, Kaiser gibt’s doch gar nicht mehr.“

Plötzlich hörten sie Stimmen hinter sich. Erschrocken sprangen sie von der Mauer, auf der sie saßen, und duckten sich dahinter. Die Stimmen und Schritte kamen näher. Da die Ruine hinter einem kleinen Hügel lag, konnte man sich nähernde Besucher erst sehen, wenn sie auf der Spitze des Hügels angekommen waren. Tarek legte die Fingerspitzen auf die Steinmauer und zog sich gerade soweit daran hinauf, dass seine Augen die Mauer überragten.

„Oh Mist. Kevin“, zischte er.

Kevin war der große, kräftige Junge aus der Parallelklasse, der seine Stärke und seine Anführerqualitäten gerne durch Schlägereien unter Beweis stellte. Da Kevin die vierte Klasse wiederholt hatte, war er ein Jahr älter und daher größer als die anderen Sechstklässler und diese Überlegenheit nutzte er gerne aus. Besonders hatte er es auf Tarek abgesehen. Johanna fand das ziemlich feige, denn Tarek war kleiner und schwächer als Kevin, und Schwächere zu verprügeln war bekanntlich ein Zeichen von Feigheit. Kevin bezeichnete dagegen Tarek oft als Feigling, weil sich dieser meistens nicht wehrte, sondern immer als erster nachgab.

Begleitet wurde Kevin wie immer von seiner Gang, bestehend aus seinen vier besten Kumpels. Tarek duckte sich schnell wieder hinter die Mauer, denn zu zweit hatten er und Johanna keine Chance gegen die fünf Jungs. Doch zu spät, Kevin hatte ihn schon gesehen.

„Ah, da ist ja unser kleiner Prinz!“ rief er. „Mal sehen, ob du deine Burg verteidigen kannst. Kommst du raus und stellst dich einem Duell? Nur wir beide, Tarek, du und ich. Meine Leute schauen nur zu.“

Tarek stand auf. Johanna versuchte, ihn an seinem T-Shirt wieder nach unten zu ziehen, es gelang ihr jedoch nicht. Zögerlich stand sie ebenfalls auf. Tarek war nicht besonders groß, Johanna überragte ihn um einen halben Kopf. Sie sah, wie er zitterte. „Oh, deine kleine Freundin ist ja auch da! Sie kann auch zuschauen. Na, was ist?“

„Sie ist nicht meine Freundin“, entgegnete Tarek, und Johanna verspürte einen leichten Schmerz in ihrer Brust. Als Kevin bis auf fünf Meter an die Ruine herangekommen war, nahm Tarek Johannas Hand, drehte sich um und rannte los.

“ Feigling!“ brüllte Kevin, und dann, an seine Gang gerichtet: „Feuer!“

Sofort begannen die vier Jungs, kleine Steine zu werfen, die sie wohl auf dem Weg gesammelt hatten. Ein Stein traf Tarek am Schuh. Er lies Johannas Hand los und drehte sich um. Ein weiterer Stein flog auf ihn zu und verfehlte seine Schläfe nur um wenige Zentimeter. Als er sich wieder umdrehte, war Johanna bereits im Wald verschwunden.

Keuchend erreichte Tarek den Waldrand. Der Steinhagel hatte aufgehört, hinter sich hörte er noch das schallende Gelächter seiner Angreifer. Geschafft, dachte er. Aber wo war nur Johanna? „Johanna? Wo bist Du? Johanna!“

Sollte er wirklich in den Wald gehen? Angeblich gab es dort Wölfe, deshalb nannten ihn die Dorfbewohner auch den „Wölfewald“. Er hatte ein bisschen Angst. Aber andererseits konnte er Johanna auch nicht mit den Wölfen allein lassen. Er musste sie schnell finden, damit sie schnell wieder aus diesem gruseligen Wald verschwinden konnten. Er rannte wie wild in alle Richtungen, stolperte über Wurzeln und heruntergebrochene Äste und fiel schließlich hinter einem kleinen Hügel den Abhang hinunter. Vor Schreck schrie er auf, doch es war ihm nichts passiert. Als er sich von seinem Schrecken erholt hatte, entdeckte er, was sich in dem Hügel verbarg: eine kleine Höhle! Im inneren der Höhle saß - mit eingezogenem Kopf, da die Höhle recht klein war - Johanna.

„Wo warst Du denn? Ich hab dich überall gesucht!“

„Ich habe diese Höhle entdeckt und mich hier drin vor Kevin versteckt. Ist sie nicht cool? Und schau mal, was ich hier gefunden habe.“

Sie öffnete ihre Hände und zum Vorschein kamen zwei glatte, fast perfekt oval geformte, orangefarbene Steine.

„Einer für dich, einer für mich“, sagte sie.

„Damit du mich nicht vergisst, wenn du in Wien bist.“

Tarek nahm einen der Steine und drehte ihn in seiner Hand.

„Wow. Sicher ein Halbedelstein.“

Dann passierte etwas Seltsames: der Stein begann, orangefarben zu leuchten, so, als sei eine kleine Lampe darin.

„Was ist das?“ rief Tarek erschrocken und ließ den Stein fallen. Er schaute zu Johanna. Auch ihr Stein hatte angefangen zu leuchten. Tarek hob seinen Stein vorsichtig wieder auf und betrachtete ihn genau. An einer kleinen Stelle auf dem Stein war etwas Schwarzes zu erkennen. Es schien etwas auf den Stein gemalt zu sein: ein Stern, dessen Ecken durch einen Kreis verbunden waren, und in dem Stern ein sichelförmiger Mond.

„Was hat das zu bedeuten?“ fragte Johanna. Doch das Leuchten hatte schon wieder aufgehört.

„Das ist bestimmt Bernstein“, meinte Johannas Mutter, als ihr Johanna später zu Hause den Stein zeigte. „Wo, sagst du, habt ihr ihn gefunden?“

„Im Wölfewald. Was ist Bernstein?“

„Wenn ein Baum verletzt wird, blutet er, so wie ein Mensch. Sein Blut ist aber nicht rot, sondern orangefarben und klebrig, damit es die Wunde in dem Baum gut verschließen kann. Es heißt Harz. Wenn das Harz trocknet und lange Zeit unter der Erde liegt, wird es zu einem harten Stein. Das ist dann ein Bernstein.“

Johanna rollte die Augen. Sie fragte sich, warum ihre Mutter sie immer noch wie ein kleines Kind behandelte.

„Und das Leuchten?“

„Das war bestimmt die Sonne, die sich in dem Stein gespiegelt hat.“

Johanna war sich nicht sicher, was sie von dieser Erklärung halten sollte. In der Höhle war es ziemlich dunkel gewesen. Wie konnte sich da die Sonne in den Steinen spiegeln? Aber wenn es nicht die Sonne gewesen war, was war es dann gewesen? Johanna setzte sich auf Ihr Bett, drehte den Stein in ihren Fingern und betrachtete ihn prüfend von allen Seiten.

„Was ist dein Geheimnis?“ dachte sie.

Dann legte sie den geheimnisvollen Stein sorgsam unter ihr Kopfkissen. Man konnte ja nie wissen. Kurz darauf schlief sie ein.

In derselben Nacht beschloss Johanna, nochmal in den Wald zu gehen. Sie musste wissen, was es mit den Steinen auf sich hatte. Sie zog ihren grünen Lieblingspulli an und machte sich auf den Weg zur Burg, wo Tarek bereits auf sie wartete.

„Meinst du wirklich, es ist eine gute Idee, nachts in den Wölfewald zu gehen?“ fragte er skeptisch.

„Deshalb sind wir doch hergekommen. Willst du jetzt etwa kneifen?“

Tarek seufzte.

„Manchmal hast du schon verrückte Ideen, Johanna!“

Im Wölfewald war es ziemlich dunkel.

„Zu dumm, dass wir keine Taschenlampe dabei haben“, sagte Johanna.

Da sahen sie plötzlich in der Ferne etwas leuchten. Es war ein helles, orangefarbenes Licht, so wie das Leuchten der Steine, die sie gefunden hatten. Als sie näher kamen, erkannten sie, was es war. „Ein leuchtender Brunnen“, stellte Tarek fest. „Das ist ja interessant. Sowas hab ich noch nie gesehen.“

Er lief einmal ganz um den Brunnen herum und betrachtete ihn genau. Da fiel ihm auf, dass an einer Seite etwas in die Mauer gehauen war, eine Art Zeichen.

„Schau mal, Johanna.“

Johanna schaute das Zeichen an.

„Komisch. Irgendwo habe ich das schon mal gesehen... “

Plötzlich hörten sie ein Geräusch im Gebüsch. Sie erstarrten vor Angst.

„Die Wölfe!“ flüsterte Tarek.

„Mist. Wir hätten meinen Hund Spencer mitnehmen sollen!“ Wieder hörten sie das Geräusch.

„Lass uns hier verschwinden!“ sagte Tarek.

Dann rannten sie los.

Kapitel 2

Schweißgebadet und zitternd wachte Johanna auf. Sie hatte geträumt, das wurde ihr soeben bewusst. Dennoch fiel es ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie konnte sich genau an den Traum erinnern. Der nächtliche Ausflug mit Tarek zur Ritterburg, die gruseligen Geräusche im Wölfewald hinter der Burg, der seltsame Brunnen, den sie entdeckt hatten - nichts davon war wirklich passiert. Johanna versuchte, sich zu beruhigen, doch selbst als ihr Herz wieder normal schlug, blieben ihre Gedanken wirr. Sie hatte schon oft von der Burg geträumt, eigentlich war nichts Besonderes an diesem Traum. Und doch war irgendetwas anders. Dieser Traum hatte sich anders angefühlt -realer. So real, dass sie nicht einmal genau wusste, an welchem Punkt er begonnen hatte. Den Brunnen hatten sie nicht wirklich entdeckt, der gehörte zum Traum. Aber was war mit den Steinen? Hatten sie die wirklich gefunden? Und die Höhle? Moment. Es gab eine Möglichkeit, das herauszufinden. Johanna hob ihr Kopfkissen hoch, und da lag er auf ihrer Matratze: der Bernstein. Der gehörte also zur Wirklichkeit. Aber das Leuchten? Vielleicht war das Teil des Traumes gewesen. Sie musste unbedingt Tarek fragen.

In der Schule konnte sie sich kaum konzentrieren. Sie musste immer an den seltsamen Traum denken. Ein paar mal versuchte sie, während des Unterrichts mit Tarek darüber zu reden. Er saß direkt neben ihr, sie tuschelte daher relativ oft mit ihm. Doch dieses Mal war sie unvorsichtig, sprach vor Aufregung zu laut. Nachdem der Lehrer sie dreimal ermahnt hatte, gab sie es auf. Es musste bis zur Pause warten. Leider.

In der großen Hofpause nach der dritten Stunde bat sie Tarek, mit auf den Schulhof zu kommen. Dort gab es eine kleine Wiese mit zwei Bäumen, da war man meist ungestört. Doch auf dem Weg dorthin wurden die beiden von Kevin aufgehalten.

„Ach, sieh an, da ist ja unser Prinzenpaar!“ sagte er mit lauter Stimme. Tarek zuckte zusammen.

„Warum hast du denn gestern deine Burg nicht verteidigt? Was wird denn jetzt deine Freundin denken, wenn du so ein Feigling bist?“

Tarek lies Johannas Hand los.

„Sie ist nicht meine Freundin.“

Diesmal war es Johanna, die zusammenzuckte. „Ach ja, richtig. Du bist ein Feigling und ein Opfer. Welches Mädchen würde schon deine Freundin sein wollen?“

Sag was, Tarek, los, gib’s ihm zurück, dachte Johanna. Doch Tarek stand nur da und fing wieder an zu zittern, genau wie am Tag zuvor bei der Burg. Johanna ärgerte sich ein bisschen. Warum ließ sich Tarek immer so von diesem Blödmann fertig machen? Warum hatte er nicht den Mut, sich zu wehren? Und warum konnte er nicht zu ihrer Freundschaft stehen? In dem Moment läutete die Pausenglocke. Mist. Wieder keine Zeit, mit Tarek zu reden. Da musste es wohl bis nach der Schule warten.

Auf dem Heimweg konnte es Johanna kaum noch erwarten, Tarek den Traum zu erzählen. Es sprudelte geradezu aus ihr heraus. Sie erzählte, wie sie im Traum noch mal bei der Burg gewesen waren, wie sie in den Wald gegangen waren, der bei den Kindern des Dorfes den Namen „Wölfewald“ trug, weil es dort angeblich Wölfe gab. Sie erzählte von dem Brunnen, den sie dort gefunden hatten, und davon, dass dieser so seltsam geleuchtet hatte. Auch von den Geräuschen im Wald erzählte sie, welche sie an die Geschichte mit den Wölfen hatten glauben lassen. Erst als sie ohne Unterbrechung den ganzen Traum erzählt hatte, blieb sie stehen und sah Tarek an. Er hatte die ganze Zeit ruhig zugehört, ohne ein Wort zu sagen oder nachzufragen. Jetzt sah sein Gesicht blass aus und er wirkte wie erstarrt.

„Das ist nicht möglich“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu Johanna.

„Was ist?“

„Ich hatte genau den selben Traum.“

Johannas Gesichtsausdruck wurde zuerst fragend, dann böse.

„Verarschen kann ich mich selbst!“ schnaubte sie und rannte davon.

„Johanna! Warte! Johanna!“

Tarek, der nicht so flink war wie sie, schaute ihr hinterher. Er würde sie nicht mehr einholen. Tarek war nicht besonders sportlich, ganz im Gegensatz zu Johanna, die jede Woche im Leichtathletikverein trainierte und außerdem verschiedene Kampfsportarten beherrschte. Er bewunderte ihre Schnelligkeit und Ausdauer, mit der er nie würde mithalten können. Dafür war er ein schlauer Junge, war Klassenbester in Mathe und las Bücher, die für Erwachsene gedacht waren.

Kurz vor ihrem Haus holte er sie aber doch ein. Sie hatte aufgehört zu rennen. Er legte ihr den Arm um die Schulter. Inzwischen hatte er eine Idee, wie er sie überzeugen konnte.

„In dem Traum hattest du deinen grünen Lieblingspulli an. Und als es im Gebüsch geraschelt hat, hast du gesagt, du hättest deinen Hund Spencer mitnehmen sollen.“

Johanna fing langsam an, ihm zu glauben. Er konnte unmöglich all diese Details wissen, die sie nicht erzählt hatte, wenn es nicht stimmte, was er sagte. Und außerdem - warum sollte Tarek sie anlügen? Er war schließlich ihr bester Freund.

„Wir müssen noch mal in den Wald!“ beschloss Johanna. Sie klingelte an ihrer Tür. „Warte hier. Ich hole Spencer!“

Doch ihre Mutter, die gerade das Mittagessen gekocht hatte, war nicht so begeistert von Johannas Idee, zuerst noch mit Spencer Gassi zu gehen.

„Das kann doch bis nach dem Essen warten!“ bestimmte sie. „Aber Tarek nicht“, entgegnete Johanna. „Er steht vor der Tür und wartet auf mich.“

„Dann bitte ihn doch herein! Oder willst du ihn verhungern lassen?“ erwiderte ihre Mutter. „Du isst ja eh so wenig, da bleibt bestimmt noch etwas für Tarek übrig!“

Johanna konnte sich nicht vorstellen, dass Tarek in so einer Situation Hunger haben konnte; sie selbst hatte keinen. Doch sie hatte sich getäuscht. Tarek ließ sich von ihrer Mutter einen Berg Spaghetti auf den Teller laden und aß ihn hastig auf.

„Du bist ja eine tolle Gastgeberin, Johanna, wenn du deine Gäste hungern lässt“, tadelte ihre Mutter. Johanna schämte sich ein bisschen.

Nach dem Essen machten sich die beiden endlich auf den Weg in den Wald, den Münsterländer an der Leine. Tarek musste zu Hause nicht bescheid sagen, seine Eltern arbeiteten sowieso den ganzen Tag.

„Meinst du wirklich, wir sollten noch mal in den Wald gehen? Du weißt doch, dass es dort Wölfe geben soll!“

Tarek zögerte, doch Johanna war schon einige Schritte vorausgegangen.

„Wir haben keine Wahl. Wir müssen alles genauso machen wie im Traum, sonst finden wir nie heraus, was es damit auf sich hat. Außerdem haben wir doch Spencer. Papa sagt immer, Münsterländer sind Jagdhunde. Er kann uns doch beschützen.“

Der Münsterländer zog an der Leine, und die Beiden folgten ihm. Mit großen Augen starrten sie auf das, was sich vor ihnen befand: der Brunnen aus ihrem Traum!

„Das ist ja. . . unglaublich!“ rief Tarek. Vorsichtig trat er näher und berührte die Mauer des Brunnens mit einer Hand. Sie reichte ihm etwa bis zum Bauchnabel. Der Brunnen war nicht tief, es musste lang her sein, dass hier Wasser geschöpft worden war. Das Loch reichte nur bis zum Waldboden. Im Vergleich zum Rest der Ruine war er aber relativ gut erhalten. „Komisch“, dachte Tarek. Der Brunnen sah wirklich genau aus wie in seinem Traum.

„Was hat das zu bedeuten?“ fragte Johanna, doch sie erwartete keine Antwort. Tarek sah genauso ratlos aus wie sie selbst.

„Also, lass uns zusammenfassen“, sagte er. „Wir finden sonderbare Steine, die manchmal leuchten. Dann haben wir den gleichen Traum. Wir träumen von einem Brunnen, den wir noch nie gesehen haben, und kurz darauf finden wir ihn genau an der selben Stelle, an der er auch im Traum gestanden hat.“

„Es gibt nur einen Unterschied“, unterbrach Johanna.

Sie musste es nicht aussprechen. Tarek wusste genau was sie meinte: der echte Brunnen leuchtete nicht. Die Beiden konnten sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte. Es war wie ein Puzzle, das man nicht zusammensetzen konnte, weil irgendwo noch ein Teil fehlte. Tarek überlegte scharf. Er war ein sehr intelligenter Junge, dem meistens etwas einfiel.

„Natürlich! Die Steine!“ rief er plötzlich. Johanna schaute ihn fragend an.

„Vielleicht hat der Brunnen ja gar nicht geleuchtet“, führte Tarek seinen Gedanken zu Ende. „Vielleicht sah es nur so aus, als würde er leuchten, weil etwas Leuchtendes im Brunnen lag: die Steine, die wir gefunden haben.“

„Hast du deinen Stein dabei?“ fragte Johanna.

Tarek nickte.

„Dann lass es uns ausprobieren.“

Kaum hatten sie die Steine in den Brunnen gelegt, sahen sie vor sich genau das Bild aus ihrem Traum: den leuchtenden Brunnen. „Da war noch etwas“, sagte Johanna, als sie sich auf den Rückweg machten. „Im Traum kam irgendein Zeichen vor, eine Art Wappen. Ich erinnere mich aber nicht daran, wie es aussah.“

Auch Tarek erinnerte sich nicht.

„Falls du noch mal davon träumst, zeichne es am besten gleich auf, schlug er vor. „Wer weiß, was es zu bedeuten hat.“

Als sie auf dem Rückweg an der Burg vorbei kamen, beschlossen sie, noch eine Weile dort zu bleiben. Sie setzen sich wieder an ihre Lieblingsstelle auf die kleine Mauer. Johanna sah in Tareks dunkelbraune Augen. Sie sahen so freundlich und ehrlich aus. Sie betrachtete sein Gesicht mit den süßen Grübchen in den Wangen und seine wuscheligen schwarzen Locken. Für ein paar Sekunden sah auch Tarek ihr in die Augen. Dann senkte er den Blick zu seinen Füßen, die vor der Mauer baumelten. Johanna schaute ebenfalls herunter zu ihren Füßen. Sie dachte traurig an die Ferien, in denen sie Tarek nicht sehen würde.

„Mit wem wirst du denn in Wien deine Zeit verbringen? Wirst du da nicht sehr allein sein?“

„Ach, meine Cousine ist doch da. Sie zeigt mir bestimmt die Stadt. Das wird echt cool!“

Johanna hatte Tareks Cousine einmal gesehen. Sie war zwei Jahre älter und sah mit ihren schwarzen Locken aus wie die frühere österreichische Kaiserin. Viel schöner als sie selbst, fand Johanna. Sie war zwar groß und sportlich, aber ihre glatten, braunen Haare und ihre grünen Augen fand sie langweilig. Johanna wurde noch trauriger und bereute, dass sie gefragt hatte. Klar war es schön, wenn Tarek dort in Wien jemanden hatte, sie sollte sich für ihn freuen. Aber Johanna wollte Tarek nicht mit jemandem teilen. Kurz dachte sie an Corinna. Ob sie Tarek wohl mit ihr geteilt hätte? Was, wenn Corinna Tareks beste Freundin geworden wäre und nicht sie? Johanna fühlte sich schlecht bei dem Gedanken. Es war gemein, so etwas zu denken. Um sich abzulenken, sprang sie von der Mauer und streichelte Spencer. Immerhin hatten sie seine Hilfe nicht gebraucht. Falls es im Wald Wölfe gab, schienen sie zumindest tagsüber nicht herauszukommen.

Als sie am Abend ins Bett ging, legte Johanna gleich Stift und Papier auf den Nachttisch neben ihrem Bett, damit sie Tareks Ratschlag befolgen und das Wappen gleich aufzeichnen konnte, falls sie wieder davon träumte. Erst als sie den schönen Bernstein unter ihr Kopfkissen legen wollte, bemerkte sie, dass er nicht mehr in ihrer Tasche war. Sie hatten die Steine im Brunnen vergessen.

Kapitel 3

Als Tarek und Johanna zum Wald zurückgingen, um die Steine aus dem Brunnen zu holen, war es bereits Nacht. Spencer hatten sie diesmal nicht dabei, dafür aber Tareks Taschenlampe. Beide hatten ein bisschen Angst, bei Nacht in den Wölfewald zu gehen. Tareks Vater hatte zwar gesagt, es sei nur dummes Zeug, was die Leute erzählten, in Wirklichkeit gab es gar keine Wölfe im Wölfewald. Aber ganz sicher waren sie sich nicht, dass er damit recht hatte.

Vorsichtig näherten sie sich dem Leuchten, das schon von Weitem zu erkennen war. Auf diese Weise war der Brunnen auch nachts leicht zu finden, was sich als sehr hilfreich herausstellte. Als sie den Brunnen schon fast erreicht hatten, hörten sie etwas hinter sich. Es klang ein wenig wie die Hufe eines Pferdes. Erschrocken drehten sie sich um und leuchteten mit der Taschenlampe den Weg hinter sich ab, doch es war nichts zu erkennen. Sie drehten sich wieder zum Brunnen.

„Komm, lass uns schnell die Steine nehmen und abhauen!“ schlug Tarek vor. Doch Johanna hatte schon wieder etwas gehört. Sie nahm die Taschenlampe aus Tareks Hand und leuchtete damit ins Gebüsch. Es war nichts zu erkennen. Vorsichtig lief sie um den ganzen Brunnen herum. Sie fand keine Ursache für das Geräusch, entdeckte aber etwas anderes: in die Steinmauer des Brunnens war etwas hinein gehauen, eine Art Zeichen oder Wappen. Irgendwo hatte sie es schon mal gesehen. . .

Auf einmal bemerkte Johanna, dass Tarek hinter ihr stand und ihr auf die Schulter tippte. Sie drehte sich um und traute ihren Augen nicht: in der Ferne galoppierte eine Gruppe von ungefähr zehn Reitern in Richtung der Burg. Johanna und Tarek schauten einander verwundert an. Seit wann gab es Reiter im Wölfewald? Sie hatten hier noch nie jemanden reiten sehen, schon gar nicht so viele Leute auf einmal und in solch einem Tempo. Vielleicht gab es irgendwo einen Reitverein? Das hätte Johanna sehr gefallen, sie wünschte sich nichts mehr als ein eigenes Pferd. Doch warum sollten die Mitglieder des Reitvereins ausgerechnet mitten in der Nacht durch den Wald reiten? Das ergab keinen Sinn. Bevor sie eine Erklärung finden konnte, hörte sie schon wieder Hufschläge. Diesmal kamen mindestens 20 Reiter auf riesigen, schwarzen Pferden direkt auf sie zu!

„Johanna, geh aus dem Weg!“ brüllte Tarek, doch das Mädchen war so überwältigt von dem Anblick der schönen Tiere, dass sie wie angewurzelt stehen blieb. Tarek packte sie am Kragen und konnte sie gerade noch rechtzeitig zur Seite ziehen. Die Reiter rauschten direkt an ihnen vorbei. Sie trugen eine Art Uniform aus weißen Hemden und langen, schwarzen Umhängen, die zwischen den Schlüsselbeinen durch eine Kordel zusammengebunden waren und von dort aus locker über ihre Schultern auf den Rücken der Pferde fielen. Die Männer waren jung, Johanna schätzte sie auf 20-30 Jahre.

„Komisch“, bemerkte Johanna, „Ich kann schon wieder nicht sagen, ob das hier ein Traum ist oder ob es wirklich passiert.“

„Kneif mich!“ verlangte Tarek.

Johanna sah ihn irritiert an. „Warum?“

„Meine Eltern sagen, im Traum spürt man nichts“, erklärte Tarek.

„Wenn du mich kneifst und es tut weh, ist es kein Traum!“

Johanna kniff Tarek in den Arm und er schrie: „Au!“

„Jetzt kneif du mich!“

Auch Johanna spürte es deutlich, obwohl Tarek sehr zögerlich in ihren Arm kniff. Also war es diesmal kein Traum. Plötzlich hörten sie im Wald noch etwas Komisches, es klang ein bisschen wie ein Heulen.

„Was war das?“ fragte Johanna.

Auch Tarek war verunsichert. „Meinst du, es gibt doch Wölfe im Wölfewald?“

Ein weiteres mal war das Heulen zu hören.

„Los, schnell weg hier!“ rief Tarek.

„Halt! Die Steine!“

Johanna griff in den Brunnen und nahm die Steine in ihre Hand.

In dem Moment wachte sie auf.

Kapitel 4

Johanna war verwirrt. Also doch ein Traum! Aber er hatte sich so real angefühlt, noch viel realer als der letzte Traum. Und hatte Tarek nicht gesagt, man spüre nichts im Traum? Aber auch das war Teil des Traumes gewesen, vielleicht stimmte es ja gar nicht. Aber da war noch etwas: die Bernsteine! Sie hielt sie immer noch in ihrer Hand. Wie konnte das sein? War sie mit den Steinen in der Hand eingeschlafen? Sie hatten doch die Steine im Brunnen vergessen. Deshalb waren sie doch in der Nacht nochmal in den Wölfewald gegangen! Wie kamen also die Steine plötzlich wieder in Johannas Hand?

Als sie die Steine neben sich auf den Nachttisch legte, sah sie dort Papier und Stift liegen, sowie sie sich diese am Abend zuvor zurechtgelegt hatte. Plötzlich erinnerte sie sich an das Zeichen aus dem Traum. Schnell malte sie es auf, bevor sie wieder müde wurde und in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.

Am nächsten Tag regnete es. Johanna saß am Abend traurig in ihrem Zimmer und starrte aus dem Fenster, weil ihre Mutter ihr verboten hatte, bei dem Wetter zur Mondburg hochzuklettern. Sie sollte eigentlich ihre Hausaufgaben machen, doch das war nicht gerade ihre Lieblingsbeschäftigung. Außerdem konnte sie sich überhaupt nicht konzentrieren, weil sie immer an die Träume denken musste. Sie wollte endlich wissen, was es damit auf sich hatte, und sie hatte das Gefühl, das nur im Wald herausfinden zu können.

„Wer braucht schon blöde Matheaufgaben“, dachte sie, und schob das Heft von sich weg. In der Schule hatte sie Tarek von dem Traum erzählt. Wieder hatte er das Gleiche geträumt. Wie