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Es geschehen seltsame Dinge um Friedrich Becker und seiner Familie. Seine Alkoholsucht lässt ihn Dämonen sehen. Unheimliche Geisterscheinungen und paranormale Phänomene versetzen ihn in Angst und Schrecken. Doch das Schlimmste steht ihm noch bevor.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Die Sonne lag in den letzten Zügen an diesem schönen, wenn auch etwas böigen Maitag in Potsdam. Die Staus, die ständig den Feierabendverkehr begleiteten, lösten sich allmählich auf, und die eigenwillige Ruhe, wie sie den Vororten eigen ist, kehrte kaum merklich zurück. Nur noch wenige Autos befuhren die Straßen von Potsdam. Friedrich Becker sah nachdenklich auf die Uhr im Armaturenbrett, als er seinen dunkelblauen Mercedes auf die Einfahrt zu seinem Haus steuerte.
»Einundzwanzig Uhr und siebzehn Minuten. Verdammt, schon wieder zu spät!«
Der einunddreißigjährige Mann hielt auf dem Heimweg noch an einem Lokal an und genehmigte sich ein paar Bier. Eigentlich hatte er seiner um ein Jahr jüngeren Frau Johanna versprochen, daß er nicht später als sieben nach Hause käme. Die beiden wollten sich noch einen schönen Abend machen, irgendwo gepflegt essen und sich anschließend vielleicht einen Film im Kino ansehen.
Doch er kam wieder mal zu spät. Was sollte es, daran ändern konnte man jetzt auch nichts mehr. Alles drehte sich, als er ausstieg und an die frische Luft kam. Das war jedesmal das gleiche, und auch wenn er sich stets vornahm, daß es der letzte Schluck Alkohol in seinem ganzen Leben gewesen ist, so wußte er doch ganz genau, daß es anders kommen würde. Der Drang nach diesen berauschenden Mitteln, war einfach stärker. Becker suchte mit dem Schlüssel nach dem Schloß in der Wagentür, doch für den betrunkenen Mann schien es so, als würde das Auto sich bewegen.
Zuerst vorwärts, dann rückwärts. Immer und immer wieder. Becker war ein Mann, der manchmal heftigen Jähzorn an den Tag legen konnte, wenn etwas nicht nach seinem Willen ging. Er rastete aus. Auch dieses Mal trat er mit dem Fuß gegen den Wagen.
»So, da hast du es. Vielleicht bleibst du jetzt stehen.« Eine große Beule zierte nun die Fahrertür, und merkwürdigerweise glitt der Schlüssel jetzt auf Anhieb ins Schloß.
Riesige Haufenwolken zogen seit einiger Zeit auf. Ziemlich schnell, und man konnte meinen, daß sich das alles im Zeitraffertempo abspielen würde. Die Wolken schienen von innen zu leuchten. Erst blau, dann grün, und zum Schluß blieb es bei einem beständigen Rot. Das Leuchten erschuf ein gespenstisches Bild der Natur. Die Schatten wurden länger. Es schien, als bewegten sie sich, als tanzten sie den nächtlichen Walzer des Unheils.
»Wenn ich weiter so trinke, dann werden aus den Wolken noch die wildesten Ungeheuer.« Kaum sprach er es, so klar er es konnte noch vor sich hin, da formte sich schon ein riesiger Hundekopf am Himmel empor. Von seinen feuchten Lefzen tropfte Speichel herab, und in seinen Augen glomm eine Glut, die auch den Tapfersten furchtsam zurückweichen ließ. Wie hypnotisiert blieb Friedrich stehen. Seine Glieder gehorchten nicht seinen Befehlen. Gebannt starrte er auf den gleichmäßig wiederkehrenden roten Lichtreflex. Das, was Friedrich durch den Kopf ging, war in einen Dunstschleier von Bier gehüllt, den ein klarer Gedanke nur sehr schwer durchdringen konnte.
Der starke Duft der Rosen im Vorgarten seines Hauses lenkte ihn kurz ab. Nur wenig, aber lang genug, um sich wieder zu besinnen. Er riß seinen Blick los und taumelte langsam rückwärts. Becker zuckte zusammen, als er sich den Kopf an einem Balken, der das Dach der Veranda hielt, stieß.
»Verdammte Scheiße!« Seine Hand glitt automatisch zu der Stelle, wo sich allmählich eine lästige Beule bildete.
»Als nächstes kommt dieses verfluchte Holzgestell hier weg, und wenn ich es eigenhändig abreißen muß.« Das sagte er meist im ersten, etwas hitzigen Moment, wenn ihn irgend etwas störte. Doch man sollte es nicht für bare Münze nehmen. Ein leicht erregbarer Mensch, wie Becker einer war, neigte leicht zu großen Übertreibungen. Wenigstens brachte es ihn auf andere Gedanken. Jedoch spürte er in seinem Nacken die feuchte Hitze wütenden Atems. Noch einmal drehte er sich um, und vor ihm stand-nichts. Die Häuser der Nachbarn wirkten so friedlich und ruhig wie sonst auch immer. Am Himmel funkelten unzählige Sterne. Die wie aus dem Nichts aufgetauchten Wolken waren verschwunden. Das alles geschah so plötzlich und unerwartet, als wäre überhaupt nichts Derartiges geschehen. Mit der festen Absicht, in dieses Lokal keinen Fuß mehr zu setzen, verschwand er hinter der Haustür.
»Na, wie war dein erster Tag, mein Kleines?« Friedrich Becker schob eine Vielzahl von Spielzeug beiseite und setzte sich auf das Bett seiner Tochter.
»Ich weiß nicht.«
»Das mußt du doch wissen. Hat es dir denn nicht gefallen?«
»Schon, alle waren sehr lieb zu mir. Doch irgend wie war es ein wenig ... «, die Siebenjährige setzte sich auf und suchte nach dem passenden Wort »Langweilig?« Friedrich sah sie überrascht an und fing an zu grinsen.
»Ja. Die waren nur damit beschäftigt, meine Stirn zu trocknen. Und wenn das nicht kam, gingen sie mit dem Maßband auf mich los und dann immer dasselbe.«
Das Mädchen verzog das Gesicht.
»Wir haben mehr als siebzehnmal dieselbe Szene gedreht.«
»Warum denn das?« fragte der Vater ein wenig amüsiert und dabei stets darauf bedacht, seinen angetrunkenen Zustand zu verbergen.
»Weiß nicht. Vielleicht habe ich etwas falsch gemacht.« Indes sich die beiden unterhielten. bewegte sich Schmidt, der fast lebensgroße Pandabär, ein wenig, und ein winziger Rauchfaden stieg aus seinem linken Auge empor. Er lag im Rücken von Friedrich, genau neben der Zimmertür und konnte somit zunächst nicht bemerkt werden.
»Du solltest die Fehler nicht immer bei dir selber suchen. Es ist doch immerhin wahrscheinlich, daß einer von den anderen daneben gelegen hat.«
»Geht nicht.«
»Warum geht das nicht?«
»Na, weil ich ganz alleine vor der Kamera gestanden habe.«
»Mach dir nichts draus, meine Blume. Du bist ein kluges Kind ... «
Becker drehte sich ein wenig zur Seite und rümpfte schnüffelnd die Nase.
»Riechst du das auch?«
»Du meinst wohl deine Schnapsfahne?« Friederike kicherte leicht, als sie den überraschten Gesichtsausdruck ihres Vaters sah und hielt auf einmal mne.
Der Gestank wurde immer stärker. Sie wollte gerade aufschreien und ihren Papa warnen, da packte dieser sie schon und brachte das Kind aus dem Zimmer.
»Geh zu deiner Mutter und verlaßt so schnell wie möglich das Haus.«
Der Panda hatte vollends Feuer gefangen. Die Flammen züngelten nach neuer Nahrung. Sie fraßen sich in den Teppichboden und in die Holzdielen.
Der Qualm reizte Friedrichs Atemwege, als er versuchte, in die Nähe des Feuerlöschers zu gelangen. Man hätte meinen können, daß nun alles glatt gehen würde, Becker würgte und hustete, er zog und riß, doch der Löschbehälter ließ sich nicht aus seiner Halterung lösen. Er verfluchte den Tag, an dem er mit dem Trinken angefangen hatte. Seine Sinne spielten verrückt, und dieses verdammte Ding, er zog noch einmal kräftig, kam ihm jetzt regelrecht mit der ganzen Halterung entgegen. Der Brandherd hatte sich erstaunlicherweise kaum vergrößert, dadurch war es um so leichter, ihn zu bekämpfen. Nach nicht einmal fünf Minuten war alles gelöscht.
Während die Feuerwehr noch mit den Aufräumungsarbeiten im Haus der Beckers beschäftigt war, trafen sich Theo Müller und seine Ehefrau Lea mit Freunden im `Zum alten Fritz´ unweit der Brandenburger Straße zum Abendessen. Müller kam gerade aus dem Studio und schaffte es noch eben, rechtzeitig bei Tisch zu sein.
Mißmutig warf er sich auf den Stuhl. Das Restaurant war wie fast jeden Tag gut besucht. Hier kamen viele Leute aus der Filmbranche zusammen. Regisseure, Schauspieler. Kurzum, alles, was diese Sparte zu bieten hat. Nur die wirklichen Stars sah man hier eher selten. Die meisten Anwesenden unterhielten sich über ihre Arbeit, als ob sie nicht genug davon bekommen könnten. Da hörte man des öfteren, wie viel Spaß es auf dem Set gibt. Alles Schaumschläger. Theo bemitleidete diese Leute, und er mochte es nicht, hierher essen zu kommen. Doch er konnte nichts gegen die Wünsche seiner Frau sagen. Lea war zwanzig Jahre jünger als er, und eines mußte er eingestehen. Sie brachte es fertig, daß er seine Arbeit wenigstens für einige Stunden aus seinem Kopf bekam. Doch heute war es anders.
»Hallo, Max. Hallo, Paula! Tut mir leid, daß ich etwas spät dran bin, aber das war heut mal wieder ein Tag!« Und zu seiner Frau gewandt: »Du siehst heute ganz bezaubernd aus.« Er wußte genau, daß ein Kompliment ihm jedes mal half, sich aus der Zwickmühle zu befreien. So war es auch diesmal, und ein strahlendes Lächeln Leas bestätigte seine Vermutung.
Das befreundete Paar machte auf Außenstehende einen solchen Eindruck, als ob es das Traumpaar schlechthin wäre. Während Max, ein achtundzwanzigjähriger Mann mit kurzen braunen Haaren und von ungewöhnlich gutem Aussehen, stets maßgeschneiderte Anzüge trug, brachte Paula nicht nur Männerherzen zum Rasen. Ihr fast formvollendeter Körper, durch teure Designerkleider noch mehr zur Geltung gebracht, konnte eine noch so schöne und selbstbewußte Frau, wie Lea es war, vor Neid erblassen lassen. Doch das war nur Schein. Meist stritten sie um die unwichtigsten Dinge, die man sich vorstellen kann, wie z. B. nicht zugeschraubte Zahnpastatuben oder nicht heruntergeklappte Klodeckel. Hin und wieder kam es auch vor, daß einem die Hand ausrutschte und der Partner die nächste Zeit mit einer Blessur unter dem Auge herumlaufen mußte. Doch kaum war der Streit abgeklungen, hielten sie sich wieder bei den Händen und schworen sich, es nie wieder zu tun. Jedoch wußten beide, daß es kurz danach wieder zu solchen .Streicheleinheiten kommen würde.
"Ist alles so gelaufen, wie du dir das vorgestellt hast, Theo?« Die Erschöpfung stand ihm im Gesicht geschrieben. Ganz zu schweigen davon, daß er sich das Jackett seines Anzugs falsch zugeknöpft hatte. Es war ihm gar nicht aufgefallen. Erst als er die mitfühlenden Blicke der anderen auf sich gerichtet sah, korrigierte er mit einem verlegenen Lächeln seine Sachen.
"Schön wär's. Nichts hat geklappt, gar nichts. Aber lassen wir das bitte.« Müller machte eine abweisende Handbewegung, die der näher kommende Kellner für sich beanspruchte und sich wieder davonmachen wollte. Erst die freundliche Aufforderung von Max, er solle ihm doch endlich die Bestellung abnehmen, überzeugte ihn davon, daß ihm hier keine Unannehmlichkeiten drohten. Er notierte das bestellte Essen und verschwand so flink, wie man es nur noch selten in den Restaurants der Stadt sieht. Vielleicht lag es aber auch an Theo.
Der grübelte noch über die vergangenen Stunden nach, die ihm nicht viel Gutes geboten hatten. Normalerweise besprach er die Probleme, die er hatte, mit seinen Freunden, und mit Lea, die eine gute Zuhörerin war und es einem wirklich leicht machte, sich vom Arbeitsstreß zu erholen. Aber wie sollte er erklären, was in seinem Innersten vorging? Wurde er langsam verrückt? Demnach zu folgern, was er heute gesehen hatte, müßte man das eigentlich denken. War es denn normal, daß die Kameras, die das Spiel der Protagonisten aufnehmen sollten, nur die Truppe hinter den Kulissen filmten, und das, obwohl sie vollkommen einwandfrei funktionierten? Daß alle Spiegel im Hintergrund zerbarsten? Das war nicht anzunehmen.
Ben Schwarz, der eine der Hauptrollen spielte, war ein ausgezeichneter Schauspieler und als ein Mann mit einem fast phänomenalen Gedächtnis bekannt, doch heute mußte er schon bei einem Satz passen, der aus lächerlichen drei Wörtern bestand.
Das Essen war bereits serviert, und Theo stellte zu seiner großen Genugtuung fest, daß die anderen drei in ein anregendes Gespräch vertieft waren und ihm jetzt weniger Aufmerksamkeit schenkten. Man kann sich vorstellen, daß es dem Zweiundvierzigjährigen nur allzu recht war, denn wer möchte schon gerne über Dinge reden, die dermaßen merkwürdig klangen wie diese Sachen hier. Geschweige, daß er es selbst nicht ganz verstand. In das Restaurant kamen und gingen die Leute, und zur großen Erleichterung Müllers war kein einziges Gesicht dabei, das er kannte, beziehungsweise niemand, der ihn erkannt hätte. Der aromatische Geruch des Gerichts vor ihm auf dem Tisch machte ihn einigermaßen hungrig. Zu seinem großen Erstaunen konnte er sich nicht erinnern -Taube- bestellt zu haben. Aber was sollte es, so lecker wie die aussah, würde sie sicher auch schmecken. Die Augen essen bekanntlich mit, und so sollte es auch keineswegs verwundern, daß sich Theo zuerst über die garnierten Früchte, die in ihrem Arrangement an wunderschöne Blumen erinnerten, hermachte und sich das Beste für den Schluß aufhob.
Hatte sich da eben nicht etwas bewegt? Sein Atem ging jetzt schwerer, aber immer noch gleichmäßig. Er schaute wiederholt auf seinen Teller. Der Braten lag ruhig darauf, und nichts schien das kaum Bemerkbare zu bestätigen. Wieder bewegte sich etwas in seinen Augenwinkeln. Und? Wieder nichts.
»Ich bekomme schon Halluzinationen.« Verwirrt schüttelte Theo seinen graumelierten Schopf und schluckte plötzlich vor Ekel.
»Das kann doch nicht wahr sein. Kriegen die denn überhaupt nichts mit?«
Lea und das befreundete Paar aßen mit Wohlgenuß.
Sie bemerkten kaum, was sie da zu sich nahmen. Frisches Blut lief ihre Mundwinkel herab, es floß in kleinen Rinnsalen das Kinn hinunter und tropfte auf die weiße Tischdecke, die es aufsog. Max nahm die ganze Taube auf einmal. Sie zappelte noch ein wenig und kratzte ihn mit ihren Krallen im Gesicht. Es schien ihm nicht das geringste auszumachen, denn er biß genüßlich in den Hals und trennte so den Kopf vom Rumpf.
Theo würgte. Er fühlte, wie der Brechreiz immer stärker wurde, und sein Gesicht verfärbte sich erst rot, dann wurde es aschfahl. Die beiden Frauen schienen sich satt gegessen zu haben. (Müllers Frühstück steckte wohl schon fast in der Mundhöhle.) Sie wischten sich den Mund und die Hände ab und zogen rosa Federn aus ihren Zahnzwischenräumen.
Das war zuviel für einen Mann, der den ganzen Tag schwer im Streß war. Noch ehe die anderen begriffen, was eigentlich los war, warf er den Stuhl beiseite und rannte wie ein gehetztes Schaf aus dem Restaurant, wobei er ein älteres Paar, das gerade auf dem Weg zu seinem Tisch war, zur Seite drängte.
»Unerhört!« zischte die Frau während ihr Begleiter dem Flüchtenden eine gehörige Tracht Prügel androhte. »Theol Wo willst du hin? Warte doch!« Lea hatte zwar noch versucht ihn aufzuhalten, hatte aber kein Glück damit.
»Komisch. Er verhält sich schon den ganzen Tag über seltsam.«
»Hast du gesehen, wie er uns beim Essen zugeschaut hat?« Max schüttelte verblüfft den Kopf.
»Ja, als ob wir uns nicht gut genug benehmen könnten. Er hat sich richtig geschämt für uns.« Paula konnte diesen exzentrischen Künstler, so nannte sie Theo Müller insgeheim, überhaupt nicht leiden. Eigentlich gab sie sich nur mit ihm ab, weil sie ihre Freundin Lea nicht vor den Kopf stoßen wollte. Aber was zuviel war, war zuviel. Sollte er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.
Zuerst tuschelten die drei noch ein wenig, ließen sich aber bald von den schöneren Seiten des Lebens mitreißen und plauderten über angenehmere Dinge.
»Du bist doch wieder betrunken. Das brauchst du nicht zu leugnen. Ich sehe es an deinen Augen, und eine üble Fahne hast du auch.«
Johannas anfängliche Furcht um das Leben ihrer Lieben wich unbändigen Zorn. Die junge Frau schien nicht im geringsten daran interessiert zu sein, ihre blonde Haarpracht unter Kontrolle zu bringen, deren Locken ein seltsames Spiel mit ihrem Mund und ihren verschlafen dreinblickenden Augen spielen wollten. Sie schien jeden einzelnen Quadratmeter des Wohnzimmers vermessen zu wollen. Dabei lief sie mit geöffnetem Morgenmantel umher, unter dem sie nur ihr äußerst kurzes Nachthemd trug, das Friedrich ihr vor wenigen Tagen erst geschenkt hatte.
»Könntest du bitte ein wenig leiser schreien. Du wirst noch Friederike wecken.«
»Das hättest du dir früher überlegen müssen. Bevor du ihr Zimmer in eine Räucherhöhle verwandelt hast.«
»Ich habe nicht geraucht.« Es war schon weit nach Mitternacht und das erste Mal an diesem Abend spürte er den Drang, sich eine Zigarette anzuzünden. Seine Hände zitterten, doch vielleicht kam er wenigstens noch diese Nacht ohne Glimmstengel aus. Rauch hatte er fürs erste genug eingeatmet, der sengende Gestank nagte an seinen Schleimhäuten und er meinte, für eine ganze Weile nicht richtig riechen zu können.
»Und das soll ich dir glauben? Willst du mir weis machen, daß das Stofftier sich von selbst entzündet hat?« Johanna warf sich auf die große Eckcouch und zog den Morgenmantel über ihre entblößten Beine.
»Ich habe wirklich nicht geraucht. Glaub es mir bitte.« Er dachte kurz nach und fügte schließlich resignierend hinzu: »Es tut mir leid. Wenn ich irgendeinen Fehler gemacht haben sollte, so kann ich mich nicht mehr daran erinnern. «
Mehr bekam er nicht über seine Lippen. Er schämte sich über alle Maßen. Vielleicht hatte er in seinem Alkoholrausch geraucht und die Kippe fallen gelassen. Wenn er doch wenigstens seinen benebelten Verstand einsetzen könnte. Aber nichts. Alles, was sich jetzt noch in seinem Gehirn abspielte, war das Bedürfnis nach Schlaf. Ein monotones Gefühl, das alles andere verdrängte.
»Lassen wir das. Es ist schon spät, und morgen«, Becker sah auf seine Armbanduhr, nein, es ist ja schon Donnerstag. Heute wird ein anstrengender Arbeitstag.« Ohne auf ein Wort von seiner Frau zu warten, verschwand er im Badezimmer und versuchte. sich den Schmutz. den er gestern Abend aufgewirbelt hatte. abzuwaschen. Johanna war zwar erbost. daß er sie so einfach links liegengelassen hatte und schimpfte noch ein paar Minuten. aber sie merkte bald. daß es sinnlos war weiterzureden. Sie schluckte den ganzen Ärger hinunter und ging ins Schlafzimmer, wo sie, von außerordentlicher Müdigkeit ergriffen, wenige Augenblicke später einschlief.
Ihr Mann stand in einer Ecke der Duschkabine. Seine Pupillen waren geweitet. Er bewegte sich nicht, stand nur da und preßte sein überhitztes Gesicht an die hellblauen Fliesen. Das warme Wasser streifte sein aschblondes Haar am Hinterkopf und lief in kleinen Rinnsalen seinen Rücken hinunter. Vielleicht hätte er noch in einer Stunde so dagestanden, doch plötzlich wurde das Wasser kalt. Ein Schauer nach dem anderen fiel auf ihn herab. Erst strömte es eiskalt, dann wieder dermaßen heiß, daß der Dampf, der dadurch entstand, das ganze Bad in einen Nebel hüllte, dicht und undurchsichtig. wie man es sich kaum vorstellen kann. Dann gefror alles. Eiskristalle formten die wundersamsten Figuren, meist teuflische Fratzen, deren Gesichter sich Friedrich nicht mal als zwölfjähriger Junge hätte vorstellen können, und Gott weiß, seine Eltern konnten ein Lied davon singen, wie viel Phantasie ihr Kind hatte. Aus der Duschbrause wuchs ein langer, unförmiger Eiszapfen, der sich Beckers Rückgrat entlang schlängelte und eine zweite Wirbelsäule bildete. Der junge Mann versuchte loszukommen, er zog und drückte so fest er konnte. Das einzige, was er jedoch damit erreichte, war ein brennender, stechender Schmerz, der sich in Windeseile durch seine Knochen fraß.
»Oh Gott! Wenn ich hier heil herauskomme, hör ich mit dem Saufen auf.« Zuerst hielt es Friedrich für ein furchtbares Trugbild oder für eine Halluzination, die er schon des öfteren hatte und führte es auf seinen hohen Alkoholgenuß zurück. Aber bisher fühlte sich alles so real an, dermaßen real, daß er seine Glieder auf unangenehme Art und Weise zu spüren bekam. Er konnte sich kaum bewegen. Das Eis hielt ihn fest auf dem befliesten Boden. Die Angst stieg in ihm auf, als alles um ihn herum sich zu bewegen schien. Selbst die Spiegel deformierten sich. Wenn zuerst nur leicht, dennoch spürbar. Friedrich sah aus seinen Augenwinkeln heraus, wie eine Gestalt sich auf ihnen projizierte.
Das Gesicht gehörte einer Frau, einer so alten Frau, das man vor den vielen Runzeln und Falten auf deren Haut erschrecken konnte. Ihre Haare waren weiß und dünn. Sie hingen in dürren Fäden bis zur Schulter hinab. Ganz gleich was man für grauenhaft hält, ihr düsterer Blick und das grimmige Lächeln, das von einem Ohr zum anderen zu gleiten schien, beeindruckte auch einen hart gesottenen Menschen, wie Becker es von sich glaubte, einer zu sein.
»Verschwinde und laß mich in Ruhe!« Er ruckte jetzt stärker an seinen zu Klumpen erstarrten Gliedern, doch ein schier unerträglicher Schmerz durchzuckte seinen durch die Auskühlung geschwächten Körper. Friedrich schrie verstört auf. Es konnte alles nur ein Traum sein. Ein schrecklicher, davon kann man ausgehen, aber eben nur ein Traum.
»Was willst du denn von mir? Ich habe dir doch nichts getan!“ Becker versuchte seinen Kopf ein wenig zur Seite zu drehen, um die Person noch deutlicher ansehen zu können, und siehe da, es klappte. Wenn auch nur ein paar Zentimeter, doch das war schon genug.
»Gib mir einen Kuß und du kannst tun und lassen was du willst. Ha. ha!«
Ihre heisere Stimme dröhnte im ganzen Raum. Die Wände vibrierten. Angst- und Kälteschauer liefen Friedrich Becker abwechselnd den Rücken hinunter.
»Pfui Teufel, der alten Hexe einen Kuß geben! Die denkt wohl, daß ich mich vor gar nichts ekle. So hart im Nehmen bin ich auch wieder nicht. Sie ist nicht real!« »Wie nennst du mich? Alte Hexe? Ich bin doch eine hübsche Person, und jeder normale Mann würde sich glücklich schätzen, mit mir ausgehen zu dürfen.« Und wieder ließ sie das unangenehme Lachen los, das vielleicht noch ein bißchen schlimmer klang, als wenn ein rostiger Nagel aus dem Holz gezogen wird.
»Hör auf! Hör endlich auf damit. Das Ganze ist nur eine Illusion. Du kannst nicht die Wahrheit sein. Das ist völlig unmöglich. »Alles fing an sich zu bewegen. Die Waschutensilien im Spiegelschrank über dem Waschbecken polterten hinaus, glitten den mit einer dünnen Eisschicht bedeckten Fußboden entlang und froren letztendlich auf der Stelle ein, an der sie liegen blieben.
»Du solltest doch mittlerweile wissen, daß nichts unmöglich ist.« »Papa, ist alles in Ordnung?« Als Friederikes verschlafene Stimme durch die Tür drang, war alles wieder beim alten. Das Gesicht auf den Spiegelflächen war verschwunden. Der Eiszapfen in seinem Genick war wieder angenehm warmes Wasser, das seinen Rücken herunterlief und ohne anzufrieren, den Ausguß hineinlief.
Nichts erinnerte daran, daß noch vor wenigen Augenblicken das Badezimmer einem Kühlschrank glich, in dessen Innern sich die wundersamste Erscheinung abspielte, die Friedrich je gesehen hatte.
»Ja Schatz, es ist alles in Ordnung.« Noch vor Schreck zitternd, warf Friedrich sich seinen Bademantel über und konnte nicht schnell genug von diesem schrecklichen Ort verschwinden.
»Wieso schläfst du nicht?« Friedrich sah auf die Uhr an der Flurwand und bekam einen Ruck, als er sah, daß, seitdem er in die Dusche gestiegen, ganze sieben Minuten vergangen waren. Ihm kam es dagegen vor wie die halbe Ewigkeit.
»Es ist zwanzig nach drei, und normalerweise schlafen um diese Zeit alle braven kleinen Mädchen.« Erst jetzt bemerkte Friedrich, daß seine Haare naß waren.
Er trocknete sie so gut es ging ab, vergaß aber dabei nicht den strengen Blick von seiner Tochter zu nehmen.
»Du hast so laut geschrien, Papa. Du zitterst ja! Ist dir kalt?« Friedrich hatte gedacht, daß er sich soweit unter Kontrolle halten konnte, daß Friederike seine Furcht nicht merken konnte. Doch da hatte er sich gewaltig getäuscht. Kinder bekommen in der Regel viel mehr mit, als man unverständlicherweise zu glauben denkt. Bei Friederike war das kein bißchen anders und ihre wunderschönen blauen Augen schienen bis in sein innerstes Selbst sehen zu können. Immer wenn sie so dastand wie jetzt und ihre Blicke ihn durchbohrten, fühlte er sich verloren. Aber äußerst falsch wäre es anzunehmen, daß er das nicht mochte. Am allerwenigsten jetzt, wo es ihm das Gefühl des Lebens gab. Er freute sich sogar und im stillen dankte er Gott dafür, daß er hier und jetzt lebte.
»Ist Johanna nicht aufgewacht?« Becker nahm sein Kind auf den Arm und schwenkte deren Teddy hin und her.
»Nein, sie schläft noch ,«
»Friederike?«
»Ja Papa?«
»Habe ich wirklich laut geschrien?«
»Ja, als ob dich jemand verhauen würde.« Erst war Friedrich verblüfft über diese Antwort, doch dann mußte er lachen. Wie komisch mußte sich das angehört haben. Das Lächeln entspannte sein Gesicht zusehends, und als ob es ansteckend wirkte, setzte auch bei Friederike kicherndes Gelächter ein.
»Als ob mich jemand verhauen würde? Glaubst du denn wirklich, daß ich so laut schreien würde, wenn mich irgend jemand verprügelt?« fragte Friedrich noch einmal, als er die Kleine sorgfältig zudeckte. Er sprach leise, denn Johanna schlief bereits fest, und er wollte sie keinesfalls aufwecken.
»Die Jungs in meiner Klasse tun das.«
»Sehe ich etwa aus, wie ein siebenjähriger .Junge?« Er beantwortete sich die Frage selber und grinste dabei über das ganze Gesicht.
»Nein. Diese Zeiten sind leider schon lange vorbei. Nun aber gute Nacht, mein kleiner Schatz!« Er legte sie ins Bett, deckte sie zu und gab ihr einen Kuß auf die Stirn. Einige Dokumente waren noch durchzuarbeiten, nichts Wichtiges, aber es mußte auch erledigt werden. Er ging eine dreiviertel Stunde später schlafen. Der Tag war lang und hart gewesen, und Friedrich wünschte sich nichts sehnlicher, als das zuvor Erlebte so schnell wie möglich zu vergessen. Doch es blieb nur bei dem Wunsch. Schon bald schloß er die Augen und fiel in einen unruhigen wenig erholsamen Schlaf.
Die Tage vergingen wie im Fluge. Friedrich Becker arbeitete noch härter, noch effektiver, als er es ohnehin schon tat. Johanna und Friederike Luise bekamen ihn jetzt seltener zu sehen als je zuvor. Aber das lag vor allem daran, das Friederikes Filmszenen in den nächsten zwei Wochen, ziemlich früh abgedreht werden mußten. Die Filmproduzenten machten äußerst viel Druck. Die merkwürdigen Zwischenfälle, die die Dreharbeiten vom ersten Tag an begleiteten, schienen in ihrer Stärke allmählich nachgelassen zu haben. Aber trotzdem wirkte das Team total verunsichert. Noch vor kurzem war die Stimmung geradezu explosiv. Regisseur Theo Müller und der verantwortliche Produzent des Films, Arnold Rosenzweig, gerieten sich unentwegt in die Haare, bis schließlich, auf derm Höhepunkt des Streits um die jeweiligen Kompetenzfragen, nur noch durch das entschlossene Handeln einiger gerade anwesender Stuntleute, Handgreiflichkeiten verhindert werden konnten.
»Vergessen Sie es. Ich habe es nicht nötig, mir von jemanden Vorschriften machen zu lassen. Wenn Sie unbedingt Regie führen wollen, dann übernehmen Sie doch das, und ich gönne mir eine schöne Zeit zu Hause.«
»Daraus wird wohl nichts werden, Herr Müller, Sie haben einen gültigen Vertrag, und den werden Sie auch auf alle Fälle erfüllen. Ist das klar?« Rosenzweig, ein kleiner, untersetzter Mann mit dünnen grauen Haaren, lief rot an. Er hatte ständig mit solchen Leuten zu tun, die sich für Künstler hielten. Aber für einen Film, der erfolgreich in den Kinos laufen sollte, brauchte man mehr als künstlerische Ambitionen. Nämlich eine kräftige Partie Professionalität, und das fehlte diesem aufgeblasene Theo Müller ganz bestimmt. Auf dem Gebiet des Phantasiefilms galt er als einer der Besten in seinem Beruf. Dafür wurde er engagiert, und das mußte man so wie es war akzeptieren. Aber sich ständig auf dem Kopf herumtanzen zu lassen, das wäre zu viel des Guten.
»Ich mach', was ich will. Damit Sie's wissen. Für eine sehr gute Arbeit brauch' ich freie Hand und keine dummen Ratschläge, wie man die Drehzeit verkürzen kann.«
»Wenn Sie wirklich so gut sind, wie Sie uns weismachen wollen, dann würden Sie nicht die Zeit mit unwichtigen Details vergeuden. Sie würden dafür sorgen, daß es gleich richtig gemacht wird.« Rosenzweigs Stimme glich einem dünnen Piepsen, denn jedes mal. wenn er eine lautstarke Auseinandersetzung hatte, verschlug es ihm seine ansonsten robuste Stimme.
»Wie bitte? Sie wissen doch gar nicht, von was sie da reden.«
»Natürlich tue ich das. Und jetzt tun Sie gefälligst was. Sie werden dafür auch gut bezahlt.« Mit einer abfälligen Handbewegung ließ der Produzent Müller stehen und schickte sich an, zurück in sein Büro zu gehen.
Theo schäumte vor Wut, riß seinen Kontrahenten an der Schulter zurück und schrie ihm ins Gesicht: »Wie können Sie es wagen, mir einfach so den Rücken zuzudrehen und dann zu verschwinden. Ich war noch nicht mit Ihnen fertig.«
Rosenzweigs Augen glichen Schlitzen. Am liebsten würde er diesem Strolch mit der Faust direkt ins Gesicht schlagen.
„Aber Ich mit Ihnen.“ Das schien das Signal zu sein, auf das die beiden eigentlich gewartet hatten. Müller gab dem dicken Produzenten eine schallende Backpfeife. Verwirrt starrten sich die übrigen Teammitglieder an.
Bis jetzt hatten sie die Streithähne gewähren lassen, denn keiner wollte sich den Unwillen eines der beiden Männer zuziehen. Das könnte fatale Folgen für ihre Arbeit haben und gefährdete vielleicht sogar die zukünftige Arbeit in der Filmindustrie. Jetzt ist es aber genug!« Jo Willi Edward, der Stuntkoordinator des Films stellte sich in genau dem selben Moment zwischen beide, als Rosenzweig seinem Gegner mit einem Fußtritt antworten wollte. Er traf Jo Willis Schienbein. Jeder dem das gleiche schon einmal wiederfahren ist, kann sich vorstellen, wie schmerzlich das war. Edward, ein muskulöser Mann von einsneunzig und kurzen schwarzen Haaren, bereute sofort seine Einmischung.
»Was mischen Sie sich denn da ein. Kümmern Sie sich gefälligst um Ihren eigenen Kram.« Mit diesen Worten verließ er nun endgültig die Anwesenden, und man brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, daß er mit allen nur möglichen Tricks versuchen würde, sein Ziel doch zu erreichen. Arnold Rosenzweig galt zwar im großen und ganzen als überaus freundlich, aber auch als ziemlich hinterhältig. Deshalb sollte es auch nicht verwundern, wenn sich das gesamte Team, vom Schauspieler bis zum Fahrer, ernsthaft Gedanken darüber machte, was wohl als nächstes passieren wird. Dem Regisseur war das schlicht und einfach egal. Er freute sich darüber, daß er aus dieser Konfrontation als Sieger hervorging.
Theo war ein äußerst arroganter und selbstzufriedener Zeitgenosse. Wenn ihm etwas nicht in den Kram paßte, dann wurde das eben mal zurechtgebogen. Da war es ihm einerlei, ob er damit andere Gefühle verletzte. Was kümmerte ihn fremdes Elend. Es zwingt die Leute ja niemand, mit ihm zusammenzuarbeiten.
»Alles geht auf seine Plätze. Es gibt noch viel zu tun. Also los! »
Diese hitzige Situation, war nicht die einzige an diesem Tag gewesen. Aber es blieb bei verbalen Beschimpfungen. Das Stargehabe, das man sonst von den Schauspielern erwartet hätte, färbte auf das Team
