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Familie ist Fluch und Segen zugleich - und in Katis Fall sogar lebensgefährlich!
Katis Eltern kommen aus Australien zu Besuch – und Schwiegermutter Anke fällt aus allen Wolken, sehen sich Kati und ihre Mutter doch sowas von ähnlich! Ob sie zwei von dieser Sorte ertragen kann?
Eigentlich wollte die Familie bloß entspannt den Geburtstag von Katis Vater feiern und die Richard-Wagner-Festspiele besuchen. Doch dann wird ihre Reisebekanntschaft Marion Vogt tot aufgefunden, und Kati scheint plötzlich vom Pech verfolgt.
Obwohl all die Unfälle im Einzelnen harmlos wirken, muss es eine Verbindung geben, davon ist Kati überzeugt. Ihr Verdacht bestätigt sich, als sie zur Eröffnung der Festspiele gekidnappt wird. Kati muss beweisen, dass sie viel pfiffiger ist als ihre Clowns von Entführern, und kann in all dem Chaos glücklicherweise auf die Unterstützung von Lars zählen …
"Trouble im Gepäck" ist Band 10 der Serie „Kati Blum ermittelt” von Erfolgsautorin Birgit Gruber. Dieser Roman ist in sich abgeschlossen. Alle Teile können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
KATI BLUM ERMITTELT
BUCH 10
Verlag:
Zeilenfluss Verlagsgesellschaft mbH
Werinherstr. 3
81541 München
_____________________
Text: Birgit Gruber
Cover: Zeilenfluss
Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
_____________________
Alle Rechte vorbehalten.
Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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ISBN 978-3-96714-558-8
Alle Bände der Reihe »Kati Blum ermittelt« sind in sich
abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen
werden.
Bisher in der Reihe erschienen:
Band 1 – Ohne Wenn und Aber
Band 2 – Eine Herausforderung zum Küssen
Band 3 – Planlos ins Chaos
Band 4 – Cocktail mit Schuss
Band 5 – Dreamteam süßsauer
Band 6 – No Risk, no Fun
Band 7 – Winterwunder sind Schnee von gestern
(Kurzkrimi)
Band 8 – Alles außer Kontrolle
Band 9 – Betreutes Morden
Band 10 – Trouble im Gepäck
»Puh! Das hat ja ewig gedauert.« Susanne Mendel strich sich eine verschwitzte Haarsträhne hinters Ohr, während sie vor ihrem Mann Martin durch die automatische Faltflügeltür trat.
»Na, jetzt haben wir es doch geschafft. Der Zoll macht auch nur seinen Job. Passkontrolle wird heutzutage eben großgeschrieben«, erwiderte er.
»Hast recht. Es ist nur dieser ewig lange Flug! Wir sind seit über zwanzig Stunden unterwegs und immer noch nicht am Ziel.«
»Deshalb fliegen wir so selten nach Deutschland, auch wenn wir Kati dadurch praktisch gar nicht mehr sehen.«
Aus Susannes Kehle schlüpfte ein unverständliches Knurren. Prompt plagte sie wieder das schlechte Gewissen, weil sie ihre Tochter auf Grund dieser Umstände aus mütterlicher Sicht völlig vernachlässigte.
Wohl wissend um diese Gedanken strich ihr Martin über den Arm.
»Aber jetzt sind wir ja hier. Sie ist ein großes taffes Mädchen und hat sich die letzten Jahre prächtig ohne uns in der Nähe durchgeschlagen«, beruhigte er sie.
»Ja. Ich bin gespannt, wie sie aussieht. Ob sie sich verändert hat?«
»Nein! Wir skypen doch jede Woche. Das hätten wir mitbekommen.«
»Auch wieder wahr. Ach, ich freue mich schon, sie endlich in die Arme zu schließen.«
»Nur noch ein Flug und dann kannst du sie an deine Brust drücken.«
»Hm.«
»Von Frankfurt nach Nürnberg ist es bloß ein Kurzstreckenflug. Das packen wir jetzt auch noch.«
»Natürlich. Ach Martin, du bist ein so positiver Mensch. Was würde ich nur ohne dich machen?« Liebevoll hauchte ihm Susanne einen Kuss auf die Wange.
»Du meinst, ohne mich, der die Fahne immer hochhält?« Lächelnd schaute er sie an. »Das kannst du gleich herausfinden. Ich muss mich nämlich mal kurz frischmachen.« Er deutete auf ein Toilettenschild und ging davon.
Susanne blieb zurück. Um sie herum eilten Geschäftsleute und Urlauber vorbei. Auf Deutschlands größtem Flughafen herrschte Hochbetrieb. Sie drehte sich um und trat auf die Anzeigetafeln zu. Zu welchem Gate mussten sie jetzt eigentlich?
»Da! Nürnberg«, murmelte sie vor sich hin.
»Hey, müssen Sie auch in die Maschine?«, fragte plötzlich die Frau neben ihr.
Susanne musterte sie.
»Sie sind doch ebenfalls grad aus Dubai gekommen, hab ich recht? Wir saßen im selben Flieger und nun gleich noch einmal. Das ist ja ein Zufall.«
»Oh, stimmt. Sie waren in der Reihe gegenüber von uns.«
»Allerdings.« Die Frau nickte grinsend. »Hat Ihnen Dubai auch so gut gefallen wie mir? Ich fand es grandios. Ja, das ist das richtige Wort für den Überschwang, den man dort erlebt. Anfangs hatte ich ehrlich gesagt ein wenig Bedenken, so allein als Frau dort Urlaub zu machen. Aber die Woche hat sich wirklich gelohnt«, plapperte sie drauflos.
»Das freut mich für Sie. Wir waren dort nur zum Zwischenstopp. Ich kann da also leider nicht mitreden.«
»Ach? Wo kommen Sie denn dann her?«
»Australien.«
»Wow. Wie lange fliegt man da?«
Susanne seufzte. »Von Melbourne nach Dubai knapp vierzehn Stunden und dann nochmal die sechseinhalb bis hierher.«
»Oh je, da sind Sie ja schon ziemlich lange unterwegs.«
»Wem sagen Sie das.« Susanne schielte noch einmal auf die Tafel mit den Abflügen. Sie würde drei Kreuze machen, wenn sie endlich angekommen waren. »Aber in Nürnberg sind wir leider noch immer nicht am Ziel. Dann müssen wir noch eine knappe Stunde Autofahrt nach Bayreuth hinter uns bringen. Zumindest hat uns das unsere Tochter so mitgeteilt.«
»Was? Sie wollen nach Bayreuth? Also, das ist ja lustig. Ich auch.« Die Mitreisende gluckste, während Susanne nur mühsam lächelte. Sie war völlig erschöpft, und der Jetlag setzte bereits ein. Sie rechnete gerade die Zeitverschiebung im Kopf aus, als ein Pärchen auf sie zulief. Er hielt sie umschlungen, und sie sagte mit aufgerissenen Augen etwas zu ihm. Vermutlich steckten ihr die unliebsamen Nebenwirkungen langer Reisen ebenso in den Gliedern, dachte Susanne noch, dann fielen die Lider der Frau zu, und sie sackte sichtbar zusammen. Glücklicherweise hatte ihr Begleiter sie fest im Griff, sodass sie nicht zu Boden ging.
»Oh Gott. Kann ich Ihnen helfen?« Susanne trat sofort einen Schritt nach vorn.
»Soll ich einen Sanitäter rufen?«, bot ihre Mitreisende an.
Der Mann, vielleicht Ende dreißig, gutaussehend, schwarzhaarig, mit markanten Gesichtszügen und einer kleinen Narbe am Kinn, schaute perplex drein. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein, vielen Dank. Meine Freundin ist nur ohnmächtig geworden. Das passiert ihr leider hin und wieder. Der Kreislauf. Sie verstehen? Sie braucht nur ein paar Spritzer kaltes Wasser ins Gesicht, dann wird es ihr gleich wieder besser gehen.«
Unvermittelt steuerte er das Behindertenklo an.
»Aber danke für Ihr Angebot«, meinte er noch, schon schloss sich hinter den beiden die Tür.
Susanne und ihre Mitreisende warfen sich einen Blick zu und zuckten schließlich mit den Schultern. Der Mann wusste offenbar, was zu tun war.
Gleich darauf erschien Martin wieder auf der Bildfläche, und sie suchten gemeinsam die Abflughalle, von der aus sie die letzte Etappe nach Nürnberg antreten würden.
Hibbelig hüpfte ich vor dem Terminal auf und ab. Die ersten Passagiere der Maschine aus Frankfurt waren bereits herausgekommen. Wo blieben sie nur?
Ich reckte den Hals, um immer wieder einen schnellen Blick in den Bereich hinter der sich unaufhaltsam öffnenden und schließenden Automatiktür zu werfen. Es war viel zu lange her, dass ich meine Eltern gesehen hatte! Jahre, um genau zu sein.
Als wir uns zuletzt in den Armen lagen, waren sie dabei gewesen, nach Australien auszuwandern, und ich hatte meine Traumreise nach Hawaii angetreten. Damals hatte ich noch meinen Mädchennamen getragen: Kati Mendel. Dass ich auf Oáhu meinen zukünftigen Mann Thorsten treffen würde, damit hatte ich allerdings nicht gerechnet. Ebenso wenig damit, dass wir noch an Ort und Stelle Hals über Kopf heiraten würden. So kam es, dass ich als Kati Blum zurückgekehrt war und für mich ein neues Leben im oberfränkischen Bayreuth begonnen hatte.
Statt Eltern hatte ich damit ab sofort Schwiegereltern, mit denen ich mich abgeben konnte. Oder musste. Denn meine Schwiegermutter Anke war alles andere als begeistert, dass ihr einziger Sohn mich ihr quasi als Urlaubsmitbringsel vorgestellt hatte. Ein Blick auf mich hatte ihr genügt, um festzustellen, dass ich absolut nicht standesgemäß war. Die Blums hatten schließlich einen Ruf zu verteidigen, wie sie nie müde wurde zu erwähnen. Nun ja, ein klitzekleines bisschen hatte sie damit wohl recht, denn dass sie einflussreich waren und zur Bayreuther High Society gehörten, war nicht von der Hand zu weisen.
Sie waren eine alteingesessene und vermögende Juweliersfamilie. Ihr Grundbesitz, der fast mitten im Herzen der Stadt lag, erstreckte sich über mehrere tausend Quadratmeter. Eine lange Auffahrt verlief durch eine parkähnliche Anlage zu dem in der Mitte gelegenen Prunkstück, der Villa Blum. Sie war ausladend groß, mit zwei Treppenflügeln, die zur Eingangstür hinaufführten. Von dort aus überblickte Schwiegermama gerne ihr Reich. Das war einer der Gründe, weshalb sie insgeheim auch die ›Queen von Bayreuth‹ genannt wurde. Ein anderer war, dass sie im Stadtrat saß und praktisch überall ihre Finger im Spiel hatte. Nichts geschah ohne ihr Wissen oder ihr Eingreifen. Passend dazu verfügte Anke über eine erhabene wie herrische Art. Ich hatte selten jemanden getroffen, der so perfekt Leute von oben herab behandeln konnte. Genau genommen niemanden. Weshalb ihr mein Schwiegervater Klaus vermutlich auch einst Personal an die Seite gestellt hatte, das sie nach Herzenslust herumkommandieren konnte. Er selbst verzog sich die meiste Zeit in sein Juweliergeschäft am Markt. Ich konnte es ihm nicht verdenken.
So kam überwiegend Maria in den Genuss von Ankes herzerfrischendem Wesen. Maria war nämlich das ›Mädchen für alles‹ und führte den Blumschen Haushalt. Mit ihren Anfang sechzig arbeitete sie praktisch schon ihr ganzes Leben für die Queen und hatte im Laufe der Zeit gelernt, mit ihr umzugehen. Sie wohnte sogar am Anwesen, in dem kleinen Häuschen neben der Villa, um auch immer parat zu stehen.
Ebenfalls dort, in einer Einliegerwohnung, lebte seit wenigen Jahren Erik, der Hüne. Er hatte nach dem Tod von Marias Ehemann dessen Job als Hausmeister und Gärtner übernommen. Er war etwas jünger als ich, Ende zwanzig, und ein wahrer Augenschmaus. Groß, muskulös und besaß schulterlanges blondes Haar, das er immer zu einem Pferdeschwanz zusammenband.
Die beiden waren zu meiner Familie geworden, besonders nachdem mein Mann Thorsten nach gerade mal dreijähriger Ehe plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben war. Aber da meine Eltern nach Australien ausgewandert waren, hatte ich beschlossen, trotzdem in dem kleinen Appartement an der Auffahrt zum Blumschen Anwesen wohnen zu bleiben. Auch wenn ich damit weiterhin den Allüren der Queen ausgesetzt war, hatte ich mich doch gut in Bayreuth eingelebt und war nicht bereit gewesen, mich schon wieder zu verändern.
Das winzige Appartement lag über den Garagen, und gegenüber stand eine große alte Eiche, die mit ihren Ästen schon an die Fenster kitzelte, weshalb wir es liebevoll ›Baumhaus‹ getauft hatten. Außerdem hatte ich in Bayreuth die beste Freundin kennengelernt, die man sich vorstellen konnte. Nina! Frisörin und Lebemensch. Sie arbeitete fleißig, genoss aber auch ihre freie Zeit. Sie liebte es zu flirten und wurde irgendwie nie müde, nach dem richtigen Mann zu suchen, was zu vielen lustigen und interessanten Episoden in ihrem Dasein führte. Sie war quirlig, eigentlich immer gutgelaunt und der verlässlichste Mensch überhaupt. Auf sie konnte ich in jeder Lebenslage zählen! Auch, wenn ich mal wieder verbotenerweise ermittelte.
Das war seit geraumer Zeit quasi zu meiner Berufung geworden, sehr zum Ärger von Lars Winkelmann – seines Zeichens Kriminalhauptkommissar und mein Freund.
Nun ja, Letzteres war momentan etwas unklar. Als Statusabfrage würde es wohl heißen: ›Es ist kompliziert.‹
Wir hatten uns durch den Mord an Marias Mann kennengelernt, und die Spannungen zwischen uns waren sofort spürbar gewesen – in zweierlei Hinsicht. Einerseits natürlich wie bereits angedeutet persönlicher und körperlicher Natur. Andererseits mochte Lars es gar nicht, wenn ich mich in polizeiliche Ermittlungen einmischte. Was ich selbstverständlich dennoch tat und somit unausweichlich immer wieder für Disharmonie zwischen uns sorgte. Dabei konnte ich im Grunde nicht mal was dafür! Ich besaß eben einfach ein Talent, in Kriminaldelikte hineinzustolpern. Logisch, dass ich dann auch zusehen musste, wie man die Sache lösen konnte. Oder meinen Sie nicht?
Lars jedenfalls hatte da so seine eigenen Vorstellungen, die sich meist nicht recht mit meinen decken wollten. Doch wenn er dann mal einsah, dass er besser mit mir, statt gegen mich arbeitete, waren wir ein supererfolgreiches Team. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Trotzdem weigerte er sich bei jedem Fall auf´s Neue, mich von Anfang an mit einzubeziehen, weshalb ich eben auf eigene Faust losmarschierte. Als es dann einmal echt gefährlich wurde und mir sogar die Kugeln um die Ohren gesaust waren, war das Gefüge zwischen uns so richtig in Schieflage geraten. So sehr, dass er sich für eine Weile sogar lieber mit einem Undercover-Einsatz weit weg von mir ›vergnügt‹ hatte. Nun, die ›Auszeit‹ war vorüber und er wieder auf der Bildfläche erschienen, das war aber schon alles. Wie es zwischen uns stand, wusste ich nach wie vor nicht. Er weigerte sich, mit mir über ›uns‹ zu reden, und ich sprach es ebenfalls nicht an. Ein bisschen Stolz besaß ich schließlich auch. So gingen wir momentan eher freundschaftlich miteinander um, mehr oder weniger …
Unwillkürlich schnalzte ich mit der Zunge und konzentrierte mich erneut auf die ankommenden Reisenden, die der Flughafen tröpfchenweise aus dem Terminal auszuspucken schien. Jetzt freute ich mich erst mal auf meine Eltern, von denen allerdings nach wie vor nichts zu sehen war.
Wieder einmal konnte ich es kaum fassen, dass ich sie noch nie in Australien besucht hatte. Dabei war es schon einige Male in Planung gewesen. Aber kurz nach ihrem Neustart im Land der Kängurus und Koalabären hatte ich ja selbst einen hingelegt, mit Thorsten in Bayreuth. Dann war sein überraschendes Ableben dazwischengekommen, das mich zur jungen Witwe gemacht hatte, und schließlich diverse Mörder, Gauner und Ganoven, denen ich das Handwerk hatte legen müssen. Hinzu kam meine finanzielle Situation. Als freiberufliche Mitarbeiterin der örtlichen Zeitung verdiente ich mir keine goldene Nase, weshalb ich mir zusätzlich etwas Geld im Hotel zur Sonne als Servicekraft am Frühstücksbuffet erwirtschaftete. All das in Summe hatte mich bisher daran gehindert, mich endlich mal unter der Sonne Australiens zu tummeln.
Umso mehr jubelte ich, dass wenigstens meine Eltern nun wieder die alte Heimat besuchen wollten. Wobei Franken das eigentlich nicht war. Wir kamen ursprünglich aus dem Harz, aber aus genannten Gründen hatte es mich ja nach Bayreuth verschlagen.
Endlich traten sie aus dem Ankunftsbereich. Mein Arm schoss in die Höhe, und ich hüpfte winkend auf und ab wie eine Fünfjährige. Nur Sekunden später lag ich meiner Mutter im Arm.
»Kati! Es ist so schön!«, murmelte sie mit erstickter Stimme. »Du bist so –«
»Jetzt sag nicht ›groß geworden‹«, warf mein Vater lachend ein.
Schniefend ließ sie von mir ab und übergab mich meinem Dad.
»Hallo Mädchen«, brummte er mit seiner angenehmen tiefen Stimme und drückte mich so fest, dass ich für eine Sekunde Mühe hatte, Luft zu bekommen. Trotzdem schmiegte ich mich wohlig an seinen starken Körper.
»Wie ich spüre, treibst du immer noch fleißig Sport«, meinte ich lächelnd, als er mich wieder losließ, und begutachtete ihn.
Er war einen halben Kopf größer als ich und drahtig wie eh und je. Sein volles Haar war inzwischen grau meliert, was ihm hervorragend stand. Es verlieh ihm eine anziehende geheimnisvolle Note.
»Ach, das bisschen joggen jeden Tag …« Er winkte ab.
»Und die Sit-ups und Liegestützen …«, zählte meine Mutter weiter auf.
Grinsend zuckte er mit den Schultern, und der Blick, den die beiden tauschten, zeugte von jahrelanger Liebe. Es tat so gut, sie wieder um mich zu haben. Sie wirkten glücklich, das Gefühl ging sofort auf mich über.
»Also tschüss dann und gute Fahrt«, rief eine Frau, die an uns vorbeilief.
»Tschüss und ebenfalls«, antwortete meine Mutter und hob grüßend die Hand. »Wir haben uns auf der Reise kennengelernt. Wir saßen im selben Flieger von Dubai nach Frankfurt und jetzt hierher. Sie kommt übrigens aus Bayreuth«, klärte sie mich auf.
»Schön. Na dann wollen wir mal aufbrechen, ins Königreich der Familie Blum. Oder möchtet ihr erst einen kleinen Spaziergang durch Nürnberg machen, wenn wir schon hier sind?«, bot ich an.
»Oh Gott, nein! Bitte keine Stadtführung jetzt. Ich will erst mal ankommen«, japste meine Mom.
Dad lachte. »Sie braucht dringend eine Pause. Das Reisen war noch nie ihr Ding, wie du dich bestimmt erinnerst.«
»Richtig. Deshalb sind wir auch ausgewandert. Weil ich dieses ständige Unterwegssein nicht vertrage«, beteuerte sie.
Ich nickte verständig. Schließlich wusste ich, wie ungern sie flog und dass sie schnell reisekrank wurde. Als mein Vater vor Jahren den Job am Goethe-Institut in Melbourne angenommen hatte, waren sie permanent hin und her gependelt. Was dem Biorhythmus meiner Mutter überhaupt nicht bekam. Sie war zunehmend unausgeglichener geworden und hatte andauernd gekränkelt.
In der Folge hatte es auch in ihrer Ehe gekriselt. Weshalb sie sich entscheiden mussten. Entweder würde mein Dad sich wieder eine Arbeitsstelle hierzulande suchen müssen, oder sie verlegten ihren Wohnsitz ganz nach Australien.
Sie hatten sich für Letzteres entschieden, weil mein Vater ziemlich heftig an rheumatischer Arthritis litt und ihm das trockene, warme Klima dort äußerst guttat. Deswegen hatte er die Stelle auf dem anderen Kontinent überhaupt erst angenommen.
* * *
Eine Stunde später rollten wir am Blumschen Anwesen ein.
»Wow! Wirklich beeindruckend«, meinte mein Vater und schaute die Auffahrt hinauf zur Villa, die man von hier aus bruchstückhaft erkennen konnte. Der Weg war links und rechts von ordentlich gemähten Rasenflächen gesäumt, in denen blühende Stauden und Büsche wuchsen.
»Die Eiche!«, frohlockte derweil meine Mutter. Natürlich hatte ich ihnen von ihr erzählt. Zumal mein Kater Max sie gerne als Abkürzung nutzte, um wahlweise ins Freie oder in meine Wohnung zu kommen. Andere hatten eine Katzenklappe, ich ein Wohnzimmerfenster mit angrenzenden Ästen, die bei den aktuell warmen Temperaturen herrlichen Schatten spendeten.
»Jetzt bin ich auf dein Baumhaus gespannt«, sagte Mom und griff nach ihrem Gepäck.
Wir zerrten die Koffer den schmalen Treppenaufgang hoch, was mir bei knapp dreißig Grad die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Meinen Eltern hingegen schien das nichts auszumachen. Sie waren in Australien sicherlich weit höhere Temperaturen gewöhnt.
Dann waren wir da. Das Gepäck verstellte fast den gesamten minimalistischen Eingangsbereich samt Garderobe. Ich schielte zum Bad. Wer da hinein wollte, würde sich durchschlängeln müssen. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass es womöglich keine so gute Idee gewesen war, meine Eltern für die Zeit ihres Besuchs bei mir einzuquartieren. Die Wohnung war doch recht klein. Aber …
»Wie nett du es hier hast!«, befand meine Mutter, und ich musste ihr recht geben. Das Baumhaus war klein, aber fein. Ich hatte es mir darin gemütlich gemacht und dem Appartement meine persönliche Note aufgedrückt. Rechts lag die Küchenzeile mit Tresen, vor dem drei Barhocker Sitzplätze boten. Gleich angrenzend ging die Einrichtung in eine kleine Wohnlandschaft über, ausgestattet mit einem bequemen Sofa plus Sesseln. An der Wand befand sich ein Regalschrank, in dessen Mitte der Fernseher hing. Für mich war es ausreichend, und weniger Platz bedeutete gleichermaßen weniger zum Putzen. Was mir durchaus entgegenkam. Denn eine emsige Hausfrau war ich noch nie gewesen. Ich tat, was zu tun war, mehr aber auch nicht. Das bezog sich ebenso auf´s Kochen.
»Oh, du hast uns sogar einen Willkommenskuchen gebacken?« Mein Vater trat interessiert an die Anrichte, auf der wie von Zauberhand ein Käse-Mandarinen-Kuchen stand.
Selbst von dem Anblick überrascht, blinzelte ich. »Äh, nein. Den hat bestimmt Maria hergebracht.«
»Die Haushälterin.« Es war eine Feststellung, keine Frage meiner Mutter. »Ich bin schon gespannt auf sie. Sieht lecker aus.« Sie wusste, dass mich Maria während ihrer Abwesenheit unter ihre Fittiche genommen hatte, und ich freute mich, dass sich die beiden nun endlich treffen würden.
Ich schob mich vorbei und holte Teller wie Gabeln aus dem Schrank.
»Ihr könnt eure Koffer schon mal ins Schlafzimmer bringen.« Ich deutete auf die Tür, die von der Küche abging. »Für die Dauer eures Aufenthalts gehört es euch.«
Neugierig kamen sie dem Angebot nach.
»Hübsch. Aber wo wirst du denn dann schlafen?«, fragte meine Mutter.
»Auf dem Sofa. Es ist eine Schlafcouch.«
»Hm. Wird aber ziemlich eng hier drin, wenn sie aufgeklappt ist.« Sie guckte in den kleinen Raum.
Ich zuckte mit den Schultern und schlichtete Kuchenstückchen auf die Teller. »Das klappt schon, irgendwie.«
Dankend nahm mein Vater seinen Kaffee entgegen. »Kati, das ist echt lieb, dass du uns aufnimmst. Aber vielleicht sollten wir doch besser in ein Hotel gehen.«
Ich schüttelte vehement den Kopf. »Nein. Das hatten wir doch schon. Wir haben uns ewig nicht gesehen und so viel nachzuholen. Ich bin nicht bereit, euch – kaum, dass ihr da seid – schon wieder aus den Augen zu verlieren!«
Meine Mutter nahm mich in den Arm. »Wir doch auch nicht. Es ist uns eine Ehre, in deinem Baumhaus zu Gast zu sein.«
Ich grinste zufrieden, und wie auf’s Stichwort drang ein schabendes Geräusch vom Fenster herein. »Oh, seht mal. Max will euch ebenfalls begrüßen.«
Mein stattlicher grau melierter norwegischer Waldkater musste über meine Aussage jedoch offensichtlich erst nachdenken. Denn er zögerte, als ich das Fenster öffnete. Neugierig, aber zurückhaltend musterte er die unbekannten Menschen in unserer Wohnung.
»Nun komm schon rein, du Feigling«, forderte ich ihn auf, griff nach ihm und machte schnell wieder zu, weil bereits ein Schwall heißer Luft von draußen mit ihm hereingeweht war.
Meine Mutter war sofort von seinem Anblick entzückt, also drückte ich ihn ihr in die Hand. »Max, darf ich vorstellen: Susanne, meine Mutter.«
Vorsichtig schnupperte er an ihr.
»Weiß er, dass wir drei Wochen bleiben werden?«, feixte mein Dad. Er war von der beengten Wohnsituation offenbar immer noch nicht überzeugt.
»Ja! Er schläft bei mir auf dem Sofa, also keine Sorge. Außerdem beginnt dieser Tage die Festspielzeit. Die Hotels in Bayreuth sind bestimmt alle ausgebucht«, informierte ich ihn etwas zickig.
»Ach bist du ein Süßer«, säuselte meine Mom indes, und Max begann zu schnurren. Er hatte wohl beschlossen, dass es nicht schaden würde, sich ein paar Streicheleinheiten meiner Mutter gefallen zu lassen. »Apropos. Wann lernen wir denn Lars kennen?«, kam sie dann ohne Umschweife zum Punkt ihres größten Interesses.
»Heute nicht. Er ist beschäftigt«, antwortete ich vage.
»Oh. Wie schade. Und Nina?«
»Die triffst du übermorgen. Ich dachte, ihr wollt euch bestimmt erst mal ausruhen nach der langen Reise. Außerdem steht heute Abend die Einladung zum Essen bei der Queen an. Glaubt mir, da kann ein wenig Ruhe vor dem Sturm nicht schaden.«
Mein Vater gluckste. »Na, so schlimm wird es wohl nicht werden.«
»Wenn du wüsstest«, murmelte ich nur.
Dem Zusammentreffen zwischen meinen Eltern und Schwiegereltern sah ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Zu gut erinnerte ich mich daran, wie Anke mich zum ersten Mal begutachtet und sofort ihr Urteil über mich gefällt hatte. Hoffentlich war sie meinen Eltern gegenüber etwas höflicher. Nun ja, ihnen kam zugute, dass sie nicht vorhatten, am Anwesen einzuziehen. Vielleicht war die Queen also ein wenig kulanter gestimmt als bei mir damals … Sie hatte es sich jedenfalls nicht nehmen lassen, uns noch am Ankunftstag zum Dinner einzubestellen. Aber das war vorhersehbar gewesen. Schließlich musste Anke Blum wissen, mit wem sie es zu tun hatte, zumal der Besuch auf ihrem Grundstück residierte.
So kam es, dass wir pünktlich um sieben vor der Villa standen. Formell drückte ich auf den Klingelknopf und kam mir dabei ziemlich seltsam vor.
Normalerweise betrat ich das Haus immer durch die Hintertür, die vom Garten direkt in die Küche zu Maria führte. Doch mit meinen Eltern im Schlepptau die übliche Abkürzung zu nehmen, wäre einem Affront gleichgekommen.
Nach einer angemessenen Wartezeit schwang die Tür auf.
»Ja bitte?«, fragte die Queen, als wäre sie von dem Besuch völlig überrascht.
Sie trug ein schwarzes ärmelloses Etuikleid, das zur Julihitze passte und sie dennoch edel erscheinen ließ. Zumal ihr eine lange Perlenkette übers Dekolleté baumelte. Sie machte eine tolle Figur! Für ihr Alter besaß sie kaum ein Gramm Fett, obwohl ich sie nie Sport treiben sah. Tja, manche Leute waren diesbezüglich wohl einfach gesegnet.
Ihr dunkles schulterlanges Haar im frechen Wellenschnitt hingegen musste auch sie regelmäßig tönen, wie ich wusste. Zumindest das zeigte, dass sie ebenso wie wir anderen sterblich war. Auch wenn sie sich nicht gern so gab! Aber auf diese Kleinigkeiten ging sie natürlich wie üblich nicht ein.
»Hallo Anke! Hier sind wir«, flötete ich und trat zur Seite, um meine Eltern zu präsentieren. »Darf ich vorstellen? Susanne und Martin Mendel.«
Die Queen schaute mit musterndem Blick die Stufen herab, und ich wartete auf die Begrüßung seitens meiner Eltern. Doch die fiel etwas anders aus, als ich gedacht hatte.
»Wer ist denn das?«, hauchte meine Mutter, und ich guckte verwirrt zu ihr. Sicherlich, Anke Blum war eine Erscheinung, doch eine derart andächtige Reaktion hatte ich nicht erwartet.
Dann bemerkte ich, dass meine Mutter gar nicht in Ankes Richtung blickte, sondern über deren Schulter hinweg in den Garten.
Ich stellte mich auf Zehenspitzen, um an ihr vorbeischauen zu können, und entdeckte Erik.
Er lief gerade mit einer Schubkarre zum Geräteschuppen, vermutlich war er dabei, den heutigen Arbeitstag zu beenden. Wie immer zu dieser Jahreszeit steckte er in khakifarbenen Cargoshorts und Turnschuhen. Seinen gut geformten Oberkörper bedeckte er bei diesen Temperaturen nur selten. Er mochte es lieber, wenn der Wind seine nackte Haut bei der schweißtreibenden Gartenarbeit abkühlen konnte. Sehr zur Freude aller weiblichen Wesen, die dadurch in den Genuss seines Anblicks kamen. Meine Mutter bildete da keine Ausnahme.
»Oh, das ist Erik«, teilte ich ihr mit und winkte ihm zu. »Erik, das sind meine Eltern«, rief ich zu ihm hinab.
»Hallo!« Er blieb stehen und winkte lächelnd zurück. Sein Pferdeschwanz mit dem goldblonden Haar schwang fröhlich dazu hin und her.
»Hi.« Meine Mutter hob grüßend die Hand und grinste wie ein Teenager. Sie erinnerte mich dabei an Nina und mich, als wir dem Hünen zum ersten Mal am Grundstück begegnet waren.
Mein Vater schielte zu meiner Mutter und gab ihr einen kaum merklichen Stoß in die Seite.
»Susanne!«, murmelte er halb fassungslos, halb belustigt, grüßte sogleich aber ebenfalls mit einem männlichen Nicken.
Ich kicherte in mich hinein. Die Queen jedoch räusperte sich lautstark. Dass ihr Besuch sie einfach ignorierte, passte ihr überhaupt nicht.
Mein Vater wandte sich um. »Oh, Verzeihung! Es freut uns sehr, Sie kennenzulernen. Vielen Dank für die Einladung. Martin Mendel.«
Er streckte ihr die Hand entgegen.
Meine Schwiegermutter schüttelte sie. »Sehr angenehm.«
Mom riss sich von Eriks Anblick los und konzentrierte sich nun ebenfalls auf sie. »Und ich bin Susanne.«
Wie bei Hofe üblich zog meine Schwiegermutter mit dieser erhabenen Haltung ihre Hand zurück, um sie auch ihr zu reichen. Doch als sie sie ergriff, weiteten sich ihre Augen, und die Worte »Ach du heiliger Strohsack!« entschlüpften ihr wenig damenhaft.
Verblüfft starrten wir alle sie an.
»Sie sind Kati ja wie aus dem Gesicht geschnitten!«, schob Anke etwas schrill hinterher.
Meine Mutter und ich betrachteten uns gegenseitig. Mein Vater musterte uns, als sähe er uns zum ersten Mal, und Maria, die sich nun nicht mehr im Hintergrund halten konnte, drängte sich neugierig neben die Queen.
»Allerdings! Ihr beide könntet Schwestern sein«, rief die Haushälterin strahlend.
Grinsend zuckten wir synchron mit den Achseln. Wir glichen uns tatsächlich sehr. Wir waren gleichgroß, besaßen fast dieselben Gesichtszüge und trugen unser braunes Haar in ähnlicher Länge.
»Um Himmels willen. Es gibt zwei von der Sorte?«, jaulte meine Schwiegermutter völlig perplex. Sie wurde etwas weiß um die Nasenspitze.
»Na ja, ich bin die Mutter. Ist das ein Problem?«, konnte sich meine Mom nun ihrerseits nicht verkneifen. Die Situation war wirklich komisch.
»Also, ich find´s schön, dass Sie beide da sind. Kommen Sie doch herein«, bat Maria, weil Anke weiterhin reglos dastand.
Meine Eltern setzten sich in Bewegung, während die Haushälterin unwirsch »Mach mal Platz« rief. Prompt wurden meine Augen groß. Was war denn nur in sie gefahren? Seit wann erlaubte sie sich so mit der Queen zu reden?
Doch dann vollführte sie eine Handbewegung, und ich kapierte, dass sie mit Susi sprach. Die Deutsche Dogge meiner Schwiegermutter hatte sich inzwischen ebenfalls zum Begrüßungskomitee gesellt.
Trotzdem trat die Queen mechanisch einen Schritt zurück und kam damit gleichermaßen Marias Aufforderung nach.
Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht laut loszulachen. Dass meine Schwiegermutter Befehle entgegennahm, statt sie zu erteilen, war bizarr und aberwitzig sondergleichen. Unser Anblick schien sie wahrlich umzuhauen.
Das Dinner fand auf der Terrasse statt und entpuppte sich erfreulicherweise als Grillabend. Der Tisch war zwar wie immer herrschaftlich von Maria eingedeckt worden, besaß jedoch eine hübsche legere Note. Zwischen lupenreinen Gläsern und weißen Tellern, die mit zarten pinken und grünen aufgemalten Bändern verziert waren, lagen kleine Sonnenblumen.
Die frische Luft tat meiner Schwiegermutter gut. Nach einem Brandy, den sie als Begrüßungsdrink vermarktet hatte, bekam sie allmählich wieder Farbe im Gesicht. Der Schock schien sich gelegt zu haben. Sie thronte standesgemäß wie immer am Tafelende und überwachte meinen Schwiegervater, der es sich nicht nehmen ließ, selbst am Grill zu stehen.
Anders als seine Frau verzichtete Klaus darauf, meine Eltern wie Staatsgäste zu behandeln. Mit umgebundener Schürze und Grillzange in der Hand drückte er sie halb an seine Brust.
»Ihr seid doch Familie«, meinte er und versprühte mit seinem Verhalten auch dieses Gefühl. Meine Eltern entspannten sich sichtlich, und die Männer verfielen quasi sofort in ein Gespräch über die Eigenschaften des neuen Luxusgrills, den sich mein Schwiegervater erst kürzlich angeschafft hatte. Natürlich ein Weber mit Haube und vermutlich schweineteuer. Ebenso wie die dicken T-Bone-Steaks, die darauf brutzelten.
»Ein Gedicht«, frohlockte mein Vater wenig später, als er sich den ersten Bissen davon in den Mund schob.
Wir anderen konnten sein Lob nur bestätigen. Es schmeckte wahrhaft grandios.
»Wisst ihr, Thorsten und ich haben damals auf Hawaii ein Kalua Pig gegessen. Das war auch zum Niederknien lecker«, fiel mir plötzlich wieder ein.
»Ach, habt ihr damals deshalb so schnell geheiratet? Weil du seinen Kniefall fälschlicherweise als Antrag aufgefasst hast?«, fragte mein Vater amüsiert.
»Ich wusste es!«, schnappte Anke und rang nach Luft.
»Nur ein Scherz«, beschwichtigte mein Dad und drückte meine Hand.
»Ja, das war es wohl«, antwortete ich zweideutig und bedachte die Queen mit einem bösen Blick.
»Also, von dieser hawaiianischen Spezialität habe ich auch schon gehört. Sie wird zu Festen zubereitet«, brachte uns Klaus wieder auf unverfängliches Terrain zurück.
»Allerdings. Ich habe mich bei einer Urlaubsreise einmal ausführlich damit beschäftigt und in die Geheimnisse des Imu-Ofens einweihen lassen«, erklärte mein Vater.
»Ach wirklich? Interessant.«
»Oh ja, er war zwei Tage mit nichts anderem beschäftigt. Ich habe mich derweil allein am Strand amüsiert«, erinnerte sich meine Mutter.
»Am Waikiki Beach?«, wollte Anke wissen.
Sie nickte. »Ist schon irgendwie beeindruckend, mit den Hochhäusern direkt im Hintergrund.«
»Stimmt und mit den ruhigeren Stränden wie dem Lanikai Beach nicht zu vergleichen«, meinte die Queen.
»Wann wart ihr denn dort?«, erkundigte ich mich verblüfft. Denn seitdem ich hier lebte, waren meine Schwiegereltern nie verreist.
Anke lachte etwas versnobt. »Oh, du wunderst dich? Glaubst du etwa, wir wüssten nicht, wie die Welt außerhalb von Bayreuths Stadtgrenzen aussieht? Da täuschst du dich aber gewaltig. Wir sind sehr viel gereist, früher. Haben Thorsten die Welt gezeigt. London, Paris, Rom. In den USA waren wir sogar mehrfach während der Sommerferien, jeweils für vier Wochen. In China, Shanghai, waren wir ebenfalls, und ach, was weiß Gott wo noch.«
Sie zupfte ihre Serviette zurecht.
Ich war beeindruckt. »Und wieso habt ihr das Reisen aufgegeben?«
Unweigerlich stellte ich mir vor, wie es wäre, für vier Wochen das Blumsche Anwesen ohne die Queen genießen zu können. Dabei fing ich Marias verträumten Blick auf, die soeben frisches Brot reichte. Als sie meinen bemerkte, wippte sie aufmüpfig mit den Brauen, und ich hatte sofort das Bild vor Augen, wie sie seinerzeit vermutlich auf den Tischen getanzt hatte, und kicherte.
»Hach, in der ersten Klasse zu fliegen ist auch nicht so toll, wie man es sich vielleicht vorstellen mag«, brachte mich Anke wieder ins Geschehen zurück. »Außerdem hat man irgendwann einfach alles gesehen.«
»Na ja, alles nicht. Vom Imu-Ofen hab ich bislang nichts gehört. Warum eigentlich? Wenn wir doch auf den hawaiianischen Inseln waren?«, warf Klaus ein.
Anke winkte ab. »Das ist nichts für unseren Geschmack.«
Die Brauen meines Schwiegervaters verengten sich. Ganz bestimmt dachte er sich zu Recht, dass sie damit wohl sich selbst meinte, weniger ihn. Mit fremden Kulturen hatte sie es nicht so, sie pflegte lieber ihre eigene ausgiebig. Doch er erwiderte nichts und stach nur auf sein Steak ein. Was vermutlich besser war. Er hatte schließlich jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit ihr. Aber eine gewisse Spannung war dennoch spürbar.
»Also, wenn du willst, Klaus, kann ich mal so ein Kalua Pig für uns alle machen. Wir sind ja etwas hier. Da sollte genug Zeit für die Vorbereitungen bleiben. Ich wollte das sowieso schon immer mal selbst ausprobieren«, überbelegte mein Dad laut, erntete damit von Anke jedoch nur ein pikiertes Stirnrunzeln.
Klaus hingegen war angetan von der Idee. »Klar. Das klingt klasse.«
»In den nächsten Tagen bleibt dafür aber keine Zeit«, schritt die Queen ein. »Am Donnerstag beginnen die Festspiele. Susanne, Martin, ich würde mich freuen, wenn Sie mich zum roten Teppich begleiten. Wie immer wird eine Menge Prominenz erwartet. Es sind die aufregendsten Stunden des gesamten Jahres.«
»Oh!«, hauchte meine Mutter interessiert.
Anke nickte zufrieden. Als wäre die alljährliche Chose ihr zu verdanken und nicht der Familie von Richard Wagner.
»Es freut mich, dass Ihnen die Idee gefällt. Denn ich habe noch eine weitere Überraschung. Da Sie ja hier sind, um mit Ihrer Tochter Ihren sechzigsten Geburtstag zu feiern, lieber Martin, habe ich Ihnen beiden zwei Karten für Siegfried besorgt.«
»Ein Opernbesuch?« Die Stimme meines Vaters klang plötzlich rau. Vermutlich war sein Mund trocken geworden bei der Vorstellung, über Stunden hinweg in den Genuss von Opernklängen zu kommen. Denn wer meinen Dad kannte, wusste, dass dies so gar nicht seine Welt war.
Meine Schwiegermutter deutete seine Reaktion jedoch anders. Ich tippte mal darauf, dass sie darin unbändiges Glück wahrnahm.
»Keine Ursache. Das ist unser Geburtstagsgeschenk an Sie«, erklärte sie und vollführte eine Handbewegung, als wäre es ein Leichtes, an Eintrittskarten zu kommen. Nun, für die Queen von Bayreuth war es das möglicherweise sogar. Für den Rest der Bevölkerung gab es teils jahrelange Wartelisten.
»Ähm … ja also«, stotterte mein Vater, dann kam ihm Maria zu Hilfe.
Das Telefon am Ohr mischte sie sich in die Unterhaltung ein.
»… ja, die ist hier. Einen Moment«, sagte sie, trat hinter meine Mutter und reichte ihr den Hörer.
»Für mich?«, fragte die überrascht, und Maria nickte.
»Hallo? Susanne Mendel?«, meldete sich meine Mutter zögerlich. Doch niemand schien am anderen Ende der Leitung zu sein. »Seltsam. Wer war denn dran?«, wollte sie von der Haushälterin wissen.
»Ein Mann. Seinen Namen hat er, glaub ich, gar nicht gesagt. Er hat nach Ihnen gefragt. Was mich etwas stutzig gemacht hat, weil Sie doch gerade erst angekommen sind. Haben Sie die Nummer jemandem für Notfälle mitgeteilt?«
»Ich? Nein. Warum auch? Außerdem kenn ich die Nummer selbst nicht einmal.«
»Komisch. Er hat aber definitiv nach Susanne Mendel gefragt.«
Alle sahen verdutzt drein.
»Kann es möglicherweise jemand von der Uni gewesen sein?«, fragte mein Vater.
»Glaub ich nicht. Die hätten mich höchstens am Handy angerufen.« Sie kramte es aus ihrer Tasche. »Kein Anruf.«
»Wie kommen Sie denn auf die Universität?« Wissbegierde stand meiner Schwiegermutter plötzlich ins Gesicht geschrieben.
»Susanne arbeitet in Melbourne an der Uni. Es besteht eine Partnerschaft mit der Universität Bayreuth. Weshalb ein Besuch geplant ist, wo sie doch schon mal in der Stadt ist«, klärte mein Vater sie auf.
Die Queen strahlte. Diese Information war Musik in ihren Ohren. Ich konnte regelrecht zuschauen, wie meine Mutter in ihren Augen an Ansehen gewann.
»Sind Sie etwa Professorin? Besitzen Sie einen Doktortitel?«
Meine Mutter schüttelte jedoch lachend den Kopf. »Nein, ich bin nur so was wie das Mädchen für alles und in der Verwaltung tätig.«
»Ach so.« Enttäuscht erstarb das Lächeln der Queen um die Augen herum. Nur noch ihre Mundwinkel blieben hochgezogen. »Und was machen Sie beruflich, Martin?«, wollte sie nun wissen.
»Ich bin am Goethe-Institut tätig. Germanistik.«
»Lehrer also, richtig?« Was die Hoffnungen auf etwas Glanz in der neuen Verwandtschaft ihrer Meinung nach wohl ebenfalls nur unbefriedigend erfüllte.
»Genau«, stimmte mein Vater zu.
Anke nickte lediglich. Irgendwann sah sie zu mir. Unsere Blicke trafen sich, und die Furche in ihrer Stirn wurde tiefer. Es war wahrscheinlich der Moment, in dem sie begriff, dass meine Eltern trotzdem deutlich vorzeigbarere Jobs hatten als die unliebsame Schwiegertochter, mit der sie sich tagtäglich herumschlagen musste. Ich hätte schwören können, dass in ihren Pupillen das Wort ›Kellnerin‹ aufblinkte. Aber hey, das war mir doch bekannt.
* * *
Die Nacht war kurz und ungewohnt. Die Schlafcouch war bequem, aber eben nicht mein Bett. Max hingegen schien es zu gefallen, dass er mit mir darauf ausgiebig kuscheln konnte. Irgendwann in aller Herrgottsfrühe war ich dann jedoch mit einem Haarbüschel im Mund aufgewacht. Mein Kater hatte sich scheinbar aus Platzgründen über meinen Kopf gelegt und mir seinen Schwanz elegant übers Gesicht geworfen.
