Tru & Nelle. Eine Weihnachtsgeschichte - Greg Neri - E-Book

Tru & Nelle. Eine Weihnachtsgeschichte E-Book

Greg Neri

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Beschreibung

Tru hatte die Hoffnung, dass das Leben mit seiner Mutter in New York City endlich perfekt und aufregend würde. Doch es kommt alles ganz anders … Tru ist nicht nur traurig, er ist geradezu unglücklich und beschließt, zurück nach Monroeville zu fliehen, zurück zu Nelle, der einzigen Freundin, die er je hatte. Aber auch dort läuft anfangs einiges schief. Überall, wo er hinkommt, scheinen schlimme Dinge zu passieren. Die einzige Erklärung ist für ihn: Er muss verflucht sein. Doch nun steht Weihnachten vor der Tür, und Tru wünscht sich nichts sehnlicher, als glücklich zu sein. Aber dafür braucht es ein Wunder, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht. Glücklicherweise ist Weihnachten ja bekanntlich das "Fest der Wunder" … Tru und Nelle basiert auf der wahren Freundschaft von Truman Capote und Nelle Harper Lee und auf realen Begebenheiten - von zärtlichen persönlichen Momenten bis hin zur schrecklichen Wahrheit des Lebens in den USA in Zeiten der Rassentrennung. Auch heute noch hochaktuell!

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Maggie und Zola, wie immer

Mir ist egal, was man über mich sagt,

solange es nicht stimmt.

— Truman Capote

Zehn Tage vor Weihnachten, 1935

1 Überraschungsbesuch

«Denkst du, er ist inzwischen ein bisschen gewachsen?», fragte Big Boy.

Nelle blinzelte in die heiße Sonne Alabamas. Es waren milde 25 Grad in diesem Dezember. So viel zu weißen Weihnachten. Sie hatten nun schon über eine Stunde lang an der unbefestigten, rötlichen Schotterpiste aus Montgomery gestanden. Das einzige Anzeichen von etwas Lebendigem waren die Bussarde, die über ihren Köpfen am Himmel kreisten.

«Na, ich schätze, er ist immer noch ein Shrimp», antwortete sie.

Big Boy nahm seine Brille ab und putzte mit dem Hemdsärmel den Staub weg. «Vielleicht ist er jetzt total schick und großstädtisch», meinte er nachdenklich.

Nelle sah ihn an, als sei er verrückt. «Erinnerst du dich noch an den weißen Anzug, den er dauernd anhatte? Ich glaube, er war der einzige Junge in Monroeville, der überhaupt einen Anzug besaß!»

Nelle war ein zehnjähriges Mädchen von der Sorte, die sich nie im Leben in einem Kleid sehen lassen würden. Sie trug ihre typischen jungenhaften Sachen: verwaschene Latzhose und weißes T-Shirt. Dazu war sie barfuß. «Zum Kuckuck, er könnte, sogar wenn er es versuchte, gar nicht schnöseliger und großstädtischer sein», fügte sie hinzu. Dann spuckte sie in den Staub und sah zu, wie der Fleck dunkelrot wurde.

Big Boy war ein Farmerjunge. Egal, wie oft er badete, er roch immer nach Kuhstall. Und die Mädchen zogen ihn dauernd damit auf. Trotz seines Spitznamens war er für einen Elfjährigen nicht mal besonders groß.

Eine rote Staubwolke, die sich über dem Horizont bildete, erregte seine Aufmerksamkeit.

Sie standen einfach da und starrten der sich nähernden Wolke entgegen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie einen schwarzen Fleck erkennen konnten, der den roten Staubwirbel verursachte. Eine Minute später war aus dem schwarzen Fleck ein schickes schwarzes Cabriolet geworden.

«Na endlich», sagte Big Boy.

Je näher der Wagen kam, desto schneller schien Nelles Herz zu schlagen. Es war jetzt über zwei Jahre her, dass ihr gemeinsamer bester Freund Truman aus ihrem Leben gerissen worden war. Anfangs bekam sie mindestens einmal pro Woche einen Brief von ihm. Geschichten über das Leben der High Society in New York, über endlose Partys, über berühmte Schriftsteller und Schauspielerinnen, die er gesehen hatte, und über Wolkenkratzer die hoch genug waren, um die Sonne zu berühren.

Als dann der Winter vom Frühling abgelöst wurde, ein neuer Herbst und Winter vergingen, waren die Berichte immer kürzer geworden, bis sie schließlich ganz ausblieben. In den letzten fünf Monaten hatte sie keinen Mucks von ihm gehört – jedenfalls bis seine Großcousine Jenny ein Telegramm erhielt, in dem es hieß, er, seine Mutter und sein Stiefvater würden überraschend in die Stadt kommen, um die Feiertage hier zu verbringen.

«Vielleicht sollten wir ihn Sherlock nennen? Du weißt schon, um der alten Zeiten willen», meinte Big Boy.

Nelle musste lächeln, wurde dann aber rasch wieder ernst. Truman war jetzt elf und auf einigen teuren Privatschulen gewesen. Bestimmt hatte er sich verändert. Vielleicht würde er sich nicht mal mehr an sie beide erinnern. Vielleicht hatte er all die Abenteuer, die sie gemeinsam bestanden, und sogar die Rätsel, die sie zusammen gelöst hatten, schon vergessen.

Das Auto kam schnell näher. Am Steuer saß ein dunkelhäutiger Mann in einem eleganten cremefarbenen Anzug und rauchte eine dicke Zigarre. Auf dem Beifahrersitz schlief eine Frau.

«Sind sie das?», fragte Big Boy aufgeregt.

Eine Hupe ertönte. Vor Schreck wichen Nelle und Big Boy an den Straßenrand zurück. Als der Wagen vorbeisauste, konnte Nelle einen kurzen Blick auf jemand erhaschen, der auf dem Rücksitz hockte. Tief in sich zusammengesunken, sodass er kaum zu sehen war. Sein weißblondes Haar flatterte im Wind.

Dann entschwand das Automobil auch schon ihren Blicken. Doch Monroeville war nur ein staubiges, altes Nest und nicht so groß, dass sie einen so schicken Wagen nicht wiedergefunden hätten. Als Nelle und Big Boy mit den Fahrrädern den Marktplatz überquerten, brachten die Ladenbesitzer gerade ihre Weihnachtsdekorationen an. Das war immer ein lustiger Anblick, denn Weihnachten in Monroeville war nie so wie das verschneite in Kinofilmen. In dieser Gegend war eine winterliche Hitzewelle nichts Ungewöhnliches.

«Vielleicht sollten wir ihm vorher noch ein Weihnachtsgeschenk kaufen», schlug Big Boy vor.

«Erst mal müssen wir rauskriegen, warum er überhaupt hier ist. Mir kommt das irgendwie verdächtig vor», sagte Nelle.

Vor der Eisenwarenhandlung sah Nelle Mr Barnett stehen, der ein Holzbein hatte. Er hielt einen Schneemann aus Plastik in der Hand und starrte die Straße hinunter. Sie folgte seinem Blick und landete direkt bei dem schicken Auto, das doch tatsächlich genau vor dem Büro von A. C. Lee parkte!

Nelle und Big Boy ließen ihre Räder bei einer der riesigen Eichen stehen, die in der Mitte der Alabama Avenue wuchsen. Dann bahnten sie sich den Weg durch eine kleine Gruppe von Schaulustigen, die sich um das Cabriolet versammelt hatte. Truman saß zwar nicht mehr auf dem Rücksitz, aber jemand hatte das Kreuzworträtsel der New York Times mit krakeliger Kinderschrift ausgefüllt.

Nelle blickte zum Fenster des Büros ihres Vaters im ersten Stock hinauf. «Glaubst du …?»

Big Boy zuckte mit den Schultern. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

So leise sie konnte, schlichen sie die Treppe hinauf und blieben oben vor der Bürotür mit folgender Aufschrift stehen:

Amasa Coleman Lee

Rechtsanwalt · Abgeordneter

Finanzberater · Berichterstatter

Anstatt zu klopfen, winkte Nelle Big Boy zu einer Seitentür ohne Aufschrift, die in eine Kammer voller Kartons und Putzutensilien führte.

«Was sollen wir hier?», flüsterte Big Boy.

Sie legte einen Finger an ihre Lippen und schloss die Tür hinter ihnen. Jetzt standen sie im Dunkeln. Nur durch den Spalt einer anderen Tür weiter hinten fiel ein schmaler Streifen Licht.

Nelle zeigte darauf. «Das ist A. C.s Büro», flüsterte sie.

Sie bewegten sich auf Zehenspitzen, bis eine Stimme sie erstarren ließ.

«Für wen hält der sich?», rief eine Frau. «Sich so etwas zu den Feiertagen herauszunehmen? Das ist so typisch für ihn. Es allen verderben!»

Nelle warf Big Boy einen Blick zu. Das war Trumans Mutter, Lillie Mae, die da sprach.

«Nina, Nina, lass dich von ihm nicht so ärgern», sagte eine Männerstimme mit starkem Akzent.

«Nina?», flüsterte Big Boy.

Nelle machte wieder «Pscht», damit sie zuhören konnte.

«Mi corazón. Er kann nicht gewinnen. Das kann er nicht», sagte der Mann. «Ist es nicht so, Mr A. C.?»

«Ist das Trus Dad – ich meine, Stiefvater … Wie heißt er noch mal? Kuba-Joe?», fragte Big Boy. «Und von wem redet er überhaupt?»

Eine Pause trat ein. Nelle konnte ein vertrautes leises Geräusch hören. A. C. ließ immer ein kleines Taschenmesser auf- und zuklappen, wenn er nachdachte.

Ihr Vater sprach langsam und bestimmt. «In dieser Welt ist nichts jemals gewiss. Aber man sollte ein verwundetes, in die Enge getriebenes Geschöpf nie unterschätzen.»

«Dann sollten wir tun, was man mit einem tollwütigen Hund macht», zischte Nina. «Man erlöst ihn aus seinem Elend!»

«Nina, mi amor!», rief Joe. «Ich habe Mitleid mit deinem Exmann. Er ist verwundet, weil er den Kampf um dein Herz verloren hat. Siehst du nicht, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als zu versuchen, sich an dir zu rächen? Óyeme, weißt du: Verzweifelte Männer begehen Verzweiflungstaten. Das Einzige, was ihm noch übrigbleibt, ist, uns unseren Truman wegzunehmen.»

Nelle wich einen Schritt zurück und stieß an einen Karton, auf dem eine alte Lampe stand. Sie drehte sich gerade noch rechtzeitig um, sodass sie die Lampe wackeln sah. Doch bevor sie sie auffangen konnte –

Klirr!

«Was war das denn?», hörten sie Joe fragen.

Ein Stuhl wurde zurückgeschoben, danach Schritte auf dem Holzboden, bevor der Türgriff gedreht wurde. Nelle und Big Boy standen erstarrt wie Rehe im Scheinwerferlicht eines herannahenden Autos.

Die Tür schwang auf und A. C. Lee stand in voller Größe vor ihnen. «Es scheint sich schon herumgesprochen zu haben. Nelle, Big Boy, warum kommt ihr nicht einfach rein, anstatt Mr und Mrs Capote aus der Besenkammer zu belauschen?»

Nelles Blick fiel auf Lillie Mae, die wie eine Nina angezogen war. Oder so, wie Nelle sich jemand, der Nina hieß, vorstellte. Ihr Haar war zu einem kinnlangen Bob geschnitten und glänzte seidig, dazu lange Wimpern und ein schimmerndes Kleid, von dem Nelle sich ausmalte, dass eine elegante Frau es zum Abendessen in einem Restaurant trug. Joe hielt ihre Hand. Er war dunkelhäutig und hatte einen so breiten Brustkorb wie ein Boxer. Seine Hornbrille ließ ihn aber sanft und freundlich wirken.

A. C. räusperte sich. Nelle sah ihn mit ihrem traurigsten Hundewelpen-Blick an. «Wir haben uns nichts dabei gedacht, A. C., ehrlich. Wir wollten gar nicht lauschen. Wir waren bloß neu-»

Ihr Blick fiel auf Truman, der auf einem Stuhl in der Ecke saß und etwas in ein kleines Notizbuch kritzelte. Er schaute hoch und sah sie an. Seine Augen waren genauso blassblau, wie sie sie in Erinnerung hatte. Er wirkte älter, aber irgendwie kleiner als früher. Seine Füße berührten nicht einmal den Boden. Sein blondes Haar war länger und noch weißer, falls das überhaupt möglich war. Er trug einen schlichten Anzug und dazu Leinenschuhe.

«Hi …», setzte sie an.

Doch Lillie Mae fiel ihr ins Wort. «Na toll! Jetzt wird jeder es erfahren», sagte sie und stand von ihrem Stuhl auf. «Diesen beiden kann man nicht trauen.»

«Aber –», widersprach Big Boy.

«Nina, das sind doch nur Kinder, die ihren Freund gesucht haben», sagte Joe. «Die werden kein Wort sagen. Die Anhörung zum Sorgerecht wird doch eine simple Angelegenheit sein, von der sonst niemand zu wissen braucht. Stimmt’s, Kinder?»

«Ja, Sir», antworteten sie im Chor, während sie Truman anstarrten.

Nelle musste nun doch fragen: «Heißt das, du wirst bei deinem Dad – bei Arch Persons – leben?»

Bevor Truman darauf antworten konnte, presste Lillie Mae zwischen ihren dunkelrot geschminkten Lippen hervor: «Wenn mir zu Ohren kommen sollte, dass ihr beiden getratscht habt –»

A. C. unterbrach sie und schob Nelle und Big Boy in Richtung der Bürotür. «Vielleicht ist es das Beste, wenn ihr jetzt geht. Ihr könnt später Neuigkeiten mit Truman austauschen», meinte er.

«Aber … Tru …», sagte Nelle und blickte über ihre Schulter. Truman beobachtete nur, wie A. C. die beiden sanft auf den Flur hinausschob.

«Und kein Wort zu niemand», sagte A. C., bevor er ihnen die Tür vor der Nase wieder zumachte.

Nelle und Big Boy sahen sich an.

«Boy, das ist die überspannteste Person, die mir je begegnet ist», sagte Nelle.

«Warum nennt er sie Nina?», fragte Big Boy. «Hast du gesehen, wie sie angezogen sind? Total High Society und so. Joe muss steinreich sein.»

Nelle schnippte mit den Fingern. «Vielleicht versucht Arch, Truman zu entführen, um Lösegeld zu erpressen. Ich hab gehört, er hätte alles verloren.»

«Ich kann euch immer noch hören», sagte A. C. auf der anderen Seite der Tür. «Geht nach Hause. Jetzt.»

Nelle seufzte, während sie und Big Boy sich umdrehten und in den Sonnenschein trotteten.

Auf dem Heimweg blieben sie vor dem Haus von Großcousine Jenny stehen. Nelle konnte sehen, dass den ganzen Vormittag über schon Vorbereitungen aus Vorfreude über Trumans Rückkehr im Gange gewesen waren. Die Weihnachtsdekoration hatten sie früher als sonst angebracht, weil sie wussten, wie sehr Truman die Feiertage liebte. Nelle bemerkte den köstlichen Duft von Sooks Zitronen-Baiser-Torte, eine von Trus Leibspeisen, der aus der Küche wehte. Doch sie und Big Boy mussten bereden, was sie bei A. C. gehört hatten. Und es gab nur einen Ort für geheime Besprechungen: das Baumhaus.

Seit Truman weg war, hatten sie das Baumhaus in der Doppelkrone des Zedrachbaums zwischen ihren Gärten kaum benutzt. Big Boy wohnte auf einer Farm draußen an der Drewry Road, und er kam nur selten vorbei, um Nelle zu sehen. Die wurde, obwohl sie sich größte Mühe gab, das zu verhindern, langsam ein junges Mädchen.

Sie schlichen an Jennys Haus vorbei und stiegen die Leiter hinauf. Big Boy als Erster. Kaum hatte er den Kopf durch die Einstiegsklappe gesteckt, erstarrte er.

«Hey, Big Boy. Nimm dir ruhig alle Zeit der Welt, ja?», sagte Nelle. «Aber ich kann nicht den ganzen Tag hier rumstehen, weißt du.»

«Ähm …»

Nervös sah Big Boy zu ihr hinunter.

Sie wich ein bisschen zurück. «Ist da eine Schlange?»

Als Arch Persons Kopf sichtbar wurde, stellte sie fest, dass sie damit nicht ganz falsch lag.

«Was machen Sie denn hier?», fragte sie. «Können Sie nicht lesen?» Sie zeigte auf das Schild «ZUTRITT FÜR ERWACHSENE VERBOTEN!» neben der Leiter.

«Hey, hey, hey! Ich freue mich auch, euch zu sehen», sagte Arch. «Und jetzt seht zu, dass ihr hier raufkommt, bevor euch noch jemand sieht.» Big Boy schob sich an ihm vorbei, und Arch streckte Nelle eine Hand hin.

«Ich komme allein rauf, vielen herzlichen Dank», knurrte sie.

Als sie oben angekommen war, spähte Arch durch eine Fensterluke in Richtung Jennys Haus. «Sie sind noch in A. C.s Büro», meinte Big Boy.

«Dann wisst ihr also Bescheid», sagte Arch, als sei irgendein großes Geheimnis enthüllt worden. Er sah albern aus: Ein großer Mann in einem alten Anzug und mit einer billigen Brille, in ein Baumhaus von Kindern gequetscht.

«Sie verstecken sich mal wieder vor der Polizei, oder?», fragte Nelle misstrauisch. «Ich dachte, Sie wären schon unterwegs ins Gefängnis.»

«Um Himmels willen, diese Anschuldigungen waren allesamt nur leeres Gerede», stellte Arch klar. «Ich bin jetzt ein frommer Kirchgänger, wenn du’s wissen willst.»

«Aha …» Nelle glaubte ihm kein Wort. «Hören Sie mal, wir wissen nichts und uns interessiert auch nicht, was für einen Plan Sie in Ihrem Kopf ausgeheckt haben.»

Big Boy räusperte sich. «Also, außer dass Nina sich furchtbar aufgeregt hat, weil Sie ihr Truman wegnehmen wollen und alles –»

Arch strahlte. «Wirklich? Das habt ihr gehört? Geschieht Nina recht.»

Nelle warf Big Boy tödliche Blicke zu.

«Beruhig dich wieder, Kleines. Ich bin bloß hier, um euch ein frühes Weihnachtsgeschenk zu machen, also lass das Theater jetzt mal, okay?», sagte Arch und versuchte, in der Hocke eine bequeme Position zu finden. «Ihr wollt doch, dass Truman zurückkommt, oder?»

Big Boy schielte zu Nelle rüber, die sich nichts anmerken lassen wollte. «Wie meinen Sie das?», fragte sie misstrauisch.

Arch wusste, dass er jetzt ihre Aufmerksamkeit hatte. «Ich meine, wenn Truman seine Karten richtig ausspielt, dann könnte er Ende der Woche schon wieder bei seiner Großcousine Jenny wohnen, und ich meine für immer.»

Nelle sah ihn durchdringend an. Sie wusste genau, dass man Arch Persons nicht trauen konnte. Er hielt nämlich nichts von Plänen, bei denen nicht etwas für ihn raussprang. «Was muss er dafür tun?»

Er seufzte, als würde es ihn schmerzen, das zu sagen. «Seht mal, ihr wisst doch beide so gut wie ich, dass seine Mutter sich nicht wirklich um ihn kümmert. Sie ist eine heimtückische Frau, die Truman nur benutzt, um mir eins auszuwischen. Und ich bin es einfach leid, mitanzusehen, wie der Junge benutzt wird. Ich will das Sorgerecht gar nicht. In dem Punkt bin ich so gut wie geschlagen. Aber wenn ich gewinne, dann könnte ich –» Er brach mitten im Satz ab, sah sich theatralisch um und flüsterte dann: «Hört zu, ich habe mit dem Richter gesprochen, und er war auch der Meinung, dass es das Beste für den Jungen wäre, bei Jenny und seinen anderen Verwandten zu leben. Also, falls ich gewinne, tue ich, was das Beste für ihn ist.»

«Sie meinen … Sie würden ihn dann für immer hier wohnen lassen?», fragte Big Boy.

Arch nickte. «Falls ich Truman bei der Anhörung morgen in den Zeugenstand kriege und er anfängt zu erzählen, was für ein liederliches Leben sie in New York führen, mit all den Partys, dem Glücksspiel, Alkohol und was weiß ich noch – dann würde jeder Richter bei Verstand erkennen, was Lillie Mae wirklich ist: eine Sünderin, die einen dunkelhäutigen Ausländer und Spieler wegen seines Geldes geheiratet hat, zum Kuckuck. Sie ist ein verantwortungsloses Kind, dem man Einhalt gebieten muss.»

Big Boy überlegte fieberhaft. «Und was wollen Sie jetzt von uns?»

Arch lächelte freundlich. «Dass ihr mit Truman redet. Damit er erkennt, dass das, was sie ihm versprechen, nicht ehrlich gemeint ist. Weil er hier bei Sook, Queenie und euch zwei Schafsköpfen viel besser aufgehoben wäre.»

«Was versprechen sie ihm denn?», fragte Nelle. Doch in dem Moment hupte draußen ein Auto und sie spähten alle hinaus. Dort sahen sie Joe vor Jennys Haus parken.

«Gut, da sind sie», sagte Arch. «Schaut sie euch an. Ihre Protzerei kränkt mich. In dieser Stadt leiden Menschen Not, und sie führen sich auf, als hätten wir noch die Goldenen Zwanziger. Sie haben reichlich Moneten, aber sie gehen mich wegen Unterhaltszahlungen an? Das ist nicht recht.» Nelle merkte, wie sein Gesicht rot wurde.

Archs Stimme wurde leiser und klang jetzt richtig ernst. «Jetzt steigt da runter und fangt an, ihn nach all den skandalösen Sachen zu fragen, die sie in der Großstadt treiben. Ich weiß, wie sehr Truman es liebt, Geschichten aufzupeppen, um Leute zu unterhalten. Mehr muss er gar nicht machen. Vor einem Publikum erzählen. Damit man hört, in was für unmoralischen Verhältnissen er aufwächst.»

«Tut er das denn?», fragte Nelle.

Arch beugte sich vor. «Die Stadt heißt ja nicht ohne Grund Big Apple. Sie ist der Ort der Ursünde. Ich habe gehört, dass die beiden Geschäfte mit Gangstern und allen möglichen zwielichtigen Gestalten machen. Glaubt mir, diese große Stadt ist kein Ort, um einen so empfindsamen Jungen wie Truman aufzuziehen.»

Nelle und Big Boy beobachteten hinter einem Strauch, wie alle sich begrüßten. Trumans ältere Großcousine und sein Großcousin – Jenny, das weibliche Familienoberhaupt, und Bud, der sogenannte Mann im Haus – kamen auf die Veranda hinaus. Jenny war immer streng gekleidet, wie aus dem Ei gepellt, aber auch kampflustig wie ein Zwerghahn. Bud war das absolute Gegenteil – groß und dünn und mit einer weißen Mähne. Irgendwie sah er immer aus, als wäre er gerade von einem Nickerchen aufgewacht.

Bud begann zu strahlen, als er Joe und Lillie Mae aus dem Wagen steigen sah. Jenny machte dagegen ein finsteres Gesicht. Zwischen ihr und Lillie Mae krachte es immer. Und dass sie so kurzfristig hier auftauchte, war bestimmt kein gutes Zeichen.

«Jenniiiiii – so wunderschöööööön!», rief Joe, sprang die Stufen herauf und umarmte Jenny stürmisch. Die wand sich aus seinen Armen und schob ihn in Buds Richtung. «Und Bud! Guuut siehst du aus! Komm schon, Nina, es ist das Weihnachtswiedersehen! Auch wenn es keinen Schnee gibt!»

«Hier schneit es nie. Deshalb können die Kinder auch nicht mal Eislaufen», bemerkte Nina.

Jenny musterte sie. «Hallo Lillie Mae.»

Sie biss die Zähne zusammen. «Ich heiße jetzt Nina. In New York trägt man elegantere Namen.»

«Ich bitte dich», sagte Jenny. «Du wurdest als Lillie Mae geboren und wirst als Lillie Mae sterben, ganz egal wie du dich nennst. Deiner Vergangenheit entkommst du nicht. Und wo ist jetzt dein Kind?», fragte sie und schaute zum Wagen.

Truman saß noch Zeitung lesend auf der Rückbank.

«Warum benimmt Tru sich so komisch?», flüsterte Big Boy. «Man sollte doch denken, er freut sich, wieder da zu sein.»

«Keine Ahnung», sagte Nelle. «Er sieht jedenfalls eingebildet aus.»

«Kleiner Kumpel!», rief Bud. «Komm mal hier rauf, damit wir dich genau ansehen können!»

Truman legte die Zeitung beiseite und rückte seine Fliege zurecht. Dann stieg er gelassen wie ein kleiner Adeliger aus dem Auto und kam zu ihnen spaziert.

Er stieg die Stufen hinauf, als würde er erstmals einer Gruppe Erwachsener vorgestellt. Dann streckte er Bud die Hand hin, der ihn nur fragend ansah. Schließlich grinste Bud, sodass man seinen Mund voller gelber Zähne sah, schob die Hand weg und umarmte ihn ganz fest. «Wie geht’s meinem kleinen Schriftsteller? Wann schreibst du mal eine Geschichte über mich?»

«Lass mich ihn auch sehen!», sagte Jenny und legte eine Hand an Trus Wange. Dann beugte sie sich plötzlich vor und umarmte ihn auch fest. Doch schnell schien es ihr peinlich zu sein, denn sie ließ ihn wieder los und strich ihm übers Haar.

«Du meine Güte, sieh mal einer an», meinte sie und tätschelte seinen Kopf. «Du bist ja gewachsen, wie ich sehe.»

«In meiner Klasse bin ich der Größte», erklärte er stolz.

Big Boy konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Nelle stieß ihn mit dem Ellbogen an, musste aber selbst kichern. Als sie wieder hinsahen, starrte Truman auf den Strauch, hinter dem sie sich versteckt hatten.

«Callie ist nicht hier, wie du weißt», sagte Jenny. «Sie war sehr krank und befindet sich im Sanatorium, aber sie schickt dir Grüße.»

«Natürlich», antwortete er, schaute dabei aber an ihr vorbei ins Haus. «Wo ist Queenie denn?»

«Queenie ist bei Big Boy. Der kommt dich sicher bald besuchen», sagte Jenny.

Truman sah gekränkt aus. «Wollte Sook sie nicht hierbehalten?», fragte er mit lauterer Stimme.

Da beugte Bud sich runter und flüsterte ihm ins Ohr: «Du weißt doch, dass Jenny sich nicht viel aus Hunden macht.»

In dem Moment schob Nelle Big Boy hinter dem Strauch hervor. Zögernd meldete er sich zu Wort: «Keine Sorge, Truman. Ich passe gut auf ihn auf – ich meine, auf sie.»

«Wenn man vom Teufel spricht – sieh mal, da sind Big Boy und Nelle. Sag ihnen doch Hallo, Truman», sagte Bud und stupste ihn an.

«Hallo», sagte Truman schüchtern und starrte zu Boden.

«Truman, behandelst du so deine Freunde? Nach all der Zeit?», fragte Joe.

«Ach, ich hab sie doch bereits gesehen. Schon vergessen?» Flüchtig warf er ihnen einen Blick zu. «Hallo noch mal, Big Boy, Nelle. Was sagt man dazu?» Seine Stimme hatte schon immer speziell, hoch und weich und nach einem leichten Südstaatenakzent geklungen. Er redete wie ein kleiner Engel, allerdings mit scharfer Zunge, und man konnte sich nie sicher sein, ob er etwas ernst meinte.

Nelle kniff die Augen leicht zusammen und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Sie war immer noch einen Kopf größer als er. «Ich sage, dass deine große Klappe für deine kleine Größe immer noch erstaunlich ist. Das sage ich dazu.»

«Hi, Truman», sagte Big Boy.

Truman betrachtete ihn von oben bis unten. «Meine Güte, Big Boy, bist du aber gewachsen.»

Big Boy lächelte. «Bin ich das? Ich merk’ das ja kaum, weil ich mich beinah jeden Tag sehe.»

Nelle rollte mit den Augen und kam dann gleich auf den Punkt. «Wie kommt’s, dass du uns fünf Monate lang nicht geschrieben hast?»

Truman schien darauf keine Antwort zu wissen. Er wollte etwas sagen, aber es kamen keine Worte aus seinem Mund.

Da rief Sook irgendwo tief im Inneren des Hauses: «Tru, mein Herz, bist du das? Ist mein kleiner Buddy endlich nach Hause gekommen, um seine Nannie Rumbley über die Feiertage zu besuchen?»

Plötzlich änderte sich seine Haltung. Als wäre er wieder sechs Jahre alt. Sein Blick war auf das Haus gerichtet, in dem seine geliebte Sook am Esstisch saß. Ihr Gesicht wurde von einem zahnlosen Grinsen aufgehellt, während sie ihm die Zitronen-Baiser-Torte hinhielt, die sie extra für ihn gebacken hatte.

Wie in Trance ließ Truman alle stehen und ging auf sie zu. «Mein Tru.» Sook strahlte und zitterte beinah vor Freude. Sie war die älteste der uralten Geschwister, die unter Jenny im Haus lebten, und trug ihren selbst gemachten Hausmantel aus bunten Flicken, darunter ein Kleid mit Karomuster und an den Füßen helle Leinenschuhe. Ihr dünnes weißes Haar schimmerte in der Nachmittagssonne. Ihre sowieso schon weit aufgerissenen Augen sahen hinter den Brillengläsern, die so dick waren wie die Böden von Colaflaschen, noch größer aus.

Truman bestaunte die Torte, von der er schon seit einer Ewigkeit geträumt hatte. Aber als er näher hinsah, wurde aus seinem Lächeln plötzlich eine finstere Miene.

Nelle spürte Unheil aufkommen.

Truman inspizierte das Gebäck genauer und ignorierte seine liebe alte Sook. Auf einmal stampfte er mit dem Fuß auf. «Die sind nicht hoch genug, Sook», sagte er und zeigte auf die Spitzen aus süßem Baiser auf der Torte. «Du weißt doch, ich mag Zitronen-Baiser-Torte nur, wenn die Spitzen sehr, sehr hoch sind!»

Sook sah verwirrt aus und ihre Augen füllten sich mit Tränen. «Äh, ich denke … ich denke, dann muss ich noch mal eine neue backen –»

«Bitte sieh zu, dass du das machst, Sook. Da bin ich den ganzen weiten Weg hierhergekommen», sagte er frustriert. «Den ganzen Weg für nichts!»

Sook saß zitternd da. «Ich – ich wollte doch nur, dass du … dich richtig freust.» Sie versuchte, sich die Augen mit dem Ärmel ihres Hausmantels abzuwischen, während sie immer noch die Torte festhielt. Deshalb rutschte etwas von der Baisermasse herunter und fiel ihr in den Schoß.

Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Nelle stürzte sich von hinten auf Truman, packte ihn an seinem steifen Kragen und zerrte ihn in die Küche. Dort stieß sie ihn durch die Hintertür nach draußen. Er fiel mit seinem schicken Anzug und allem in den Dreck hinter dem Haus.

«Für wen zum Teufel hältst du dich? Dass du hierherkommst und dich vor uns so aufspielst?» Sie trat nach ihm und schlug seinen Arm und sein Bein weg, als er versuchte, sie abzuwehren.

«Lass mich, Nelle –»

«Denkst du, du wärst was Besseres als wir, nur weil du jetzt in New York City wohnst? Wie kannst du es wagen, Sook zum Weinen zu bringen! Sie hat den ganzen Morgen lang diese verdammte Torte gebacken!»

«Nelle, ich bin –»

«Wo sie und Little Bit nur für dich das Haus dekoriert haben! Big Boy und ich haben eine Stunde lang an der Straße gewartet, nur um dich zu sehen!» Ihre Augen standen voller Tränen und vor lauter Kränkung war sie rot im Gesicht. «Für wen hältst du dich eigentlich, du – du Shrimp!»

Truman hasste es, Shrimp genannt zu werden.

Jetzt kroch er unter ihr hervor und richtete sich so hoch auf, wie er nur konnte. Er versuchte, seinen Anzug abzuklopfen, sah aber schnell ein, wie hoffnungslos dreckig der war. «Schau, was du angerichtet hast …»

«Das hast du verdient. Und jetzt antworte mir.» Nelle funkelte ihn wütend an.

Er sah ihr direkt in die Augen. «Für wen ich mich halte? Ich bin Truman Garcia Capote, der bin ich», sagte er trotzig.

Nelle blinzelte. «Gar-ci-a Ca-po-tii? Was für ein verrücktes Geschwätz ist das denn?»

«Truman!», rief Jenny zur Hintertür hinaus. «Komm sofort rein und entschuldige dich bei Sook. Du hast sie zum Weinen gebracht. Was ist bloß in dich gefahren, Junge?»

«Du hast sie selber schon oft zum Weinen gebracht», murmelte Truman.

Er warf Nelle einen Blick zu. «Wenn du’s wissen willst, meine Mutter wird das alleinige Sorgerecht für mich kriegen. Und dann adoptiert Joe mich und gibt mir auch seinen Namen! Danach können wir endlich alle als eine große, glückliche Familie in Manhattan leben.»

«Truman! Ich rede mit dir!», rief Jenny.

Truman schien nicht mehr der selbstbewusste kleine Außenseiter und Geschichtenerzähler zu sein, als den Nelle ihn vor ein paar Jahren kennengelernt hatte. Er wirkte niedergeschlagen, beinah wie besiegt, aber er versuchte, das hinter einer kühlen Fassade zu verstecken. «Und du glaubst deiner Mom?», fragte Nelle. «Wieso soll das Sorgerecht denn irgendeinen Unterschied dazu machen, wie es jetzt ist?»

Er schien verunsichert und doch bemüht, sich selbst zu überzeugen. «Das ist ein Unterschied, weil sie jetzt, immer wenn sie mich sieht, an Arch denkt. Aber wenn er erst von der Bildfläche verschwunden ist, werde ich ihr ein und alles sein», erklärte er. «Und Joe wird mich wie sein eigenes Kind akzeptieren.»

«Truman, ich zähle jetzt bis drei …», sagte Jenny.

«Ich weiß nicht …», sagte Nelle. «Vermisst du es nicht, hier zu sein?»

Ein Schatten des Zweifels fiel auf Trumans Gesicht. «Ich …» mehr sagte er nicht und wirkte verloren.

«Vielleicht siehst du nicht die ganze Geschichte», meinte Nelle. «Was, wenn es auch anders ginge?»

«Eins …», sagte Jenny.

Seine Augenlider flatterten. «Auch anders ginge?»

Nelle beugte sich vor und flüsterte: «Arch hat mir gesagt, ich soll dir ausrichten, wenn er gewinnt, lässt er dich für immer hier bei Jenny bleiben.»

Truman wich einen Schritt zurück. «Er ist ein Lügner … Und verzweifelt, weil er vielleicht ins Gefängnis kommt.»

Nelle verzog das Gesicht. «Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber deine Mutter ist auch nicht besonders vertrauenswürdig.»

«Zwei …»

Truman rieb sich die Augen. «Ich weiß nicht …»

Nelle sprach jetzt schneller: «Er sagt, wenn du dem Richter alles über das verrückte Leben erzählst, das sie in New York führt, dann wird er gewinnen und sein Sorgerecht an Jenny abtreten.»

«Drei –»

«Na gut!», sagte er zu Jenny. «Ich komme ja schon.»

Jenny hielt ihm die Fliegengittertür auf. Drinnen schluchzte Sook immer noch.

Truman seufzte. «Erinnerst du dich noch an all die Geschichten, die wir zusammen geschrieben haben?», wandte er sich mit einem halben Lächeln an Nelle.

Sie nickte, und für einen Augenblick sah Nelle den alten Truman.

«Du warst gut», sagte er und schaute ihr dabei direkt in die Augen. «Warum hast du aufgehört?»

Sie wollte ihm antworten. Ihm sagen, dass sie ohne seine verrückten Ideen einfach nicht schreiben konnte. Aber da stieg er schon die Stufen zur Veranda hinauf.

«Ist es nicht seltsam, dass ich mir nie etwas anderes gewünscht habe, als bei meiner Mutter zu wohnen? Doch stattdessen habe ich die meiste Zeit in Internaten verbracht und mir gewünscht, wieder in Monroeville zu sein.»

Er warf Nelle einen letzten Blick zu, dann ließ er den Kopf hängen und ging ins Haus. Dort schmiegte er sich in Sooks Arme und brachte ihre Tränen zum Versiegen.

2 Die Entscheidung

Das Gericht von Monroe County war nicht nur das größte Bauwerk in Monroeville, sondern von allen Gebäuden rund um den Marktplatz auch das beeindruckendste und einschüchterndste. Wie ein Wachturm überragte es die gesamte Innenstadt. Die alte Uhr, die immer fünf Minuten nachging, bestimmte die Uhrzeit aller, sodass das Leben in der ganzen Stadt ebenfalls fünf Minuten nachging. Nicht, dass das eine große Rolle spielte. In den Südstaaten war sowieso nie jemand in Eile – außer wenn es gar nicht anders ging.

Nelle und Big Boy saßen oben im Zuschauerrang auf den Plätzen, die normalerweise für Farbige* vorgesehen waren. Big Boy hatte Queenie mitgebracht, Trumans Terrier, den Jenny rausgeschmissen hatte. Big Boy dachte, Queenie sei eine schöne Überraschung für Truman an diesem sicherlich sehr merkwürdigen Tag.

Niemand behelligte sie wegen Queenie, weil farbige Menschen und Hunde generell wie ein und dasselbe behandelt wurden: Sie wurden geduldet, solange sie ihren Platz kannten. Nelle bevorzugte den Zuschauerrang für Farbige, weil da niemand groß auf sie achtete. Die anderen Leute dort wussten, Nelles Vater war ein anständiger Mann, also war auch die Tochter okay. Das Einzige, das Nelle nicht gefiel, war, wie die Menschen immer gleich beiseitetraten, um ihr den Weg freizumachen. So verhielten sich Schwarze gegenüber jedem Weißen. Egal, ob Kind oder Erwachsener.

Eine Gerichtsverhandlung lockte selten viele Zuschauer an. Die meisten fanden, Rechtsangelegenheiten waren langweiliges Zeug. Nelle hingegen hielt sie für faszinierende Einblicke in das Leben anderer Menschen. Doch heute verhielt es sich anders.

Denn trotz aller Bemühungen der Familie, kein großes Aufheben um die Dinge zu machen, hatte sich zu diesem Ereignis die ganze Stadt versammelt. Arch hatte viel Zeit darauf verwendet, Gerüchte über Ninas schillerndes Leben in New York zu verbreiten und schmutzige Details ihrer Vergangenheit mit Männern. Hätte Joe sie nicht zurückgehalten, hätte sie Arch mitten im Gerichtssaal eine runtergehauen, und das hätte Arch sehr gefallen.

«Steig niemals mit jemand in einen Boxring, der nichts zu verlieren hat», meinte Arch, als er Nina in den Gerichtssaal kommen sah. Könnten Blicke töten, hätten Ninas Augen tödliche Strahlen in Archs Gehirn geschickt.

Die Zuschauermenge war unruhig und konnte es nicht abwarten, dass die Verhandlung begann. Die Stimmung erinnerte Nelle an den Schlangenkampf, den sie mal mit Truman beobachtet hatte – die eine tödliche Giftschlange bäumte sich zischend vor der anderen auf. Beide waren böse, und obwohl Weihnachten kurz bevorstand, verlangten die Zuschauer einen Kampf bis zum bitteren Ende.

Und als Höhepunkt die Siegprämie: Truman.

Jenny hatte die Situation äußerlich unter Kontrolle und hielt auf dem gesamten Weg zu ihrem Platz im Saal Trumans Hand. Sie warf beiden Elternteilen einen vernichtenden Blick zu, auch wenn ihr insgeheim die Vorstellung gefiel, dass Truman für immer nach Monroeville zurückkehrte.

Aus irgendeinem Grund hatte sie Truman heute in einen babyblauen Anzug mit farblich passendem Hut und entsprechender Fliege gesteckt. Er sah aus wie ein kleiner Prinz. Er setzte sich in die Mitte der ersten Reihe, womit er versuchte, nicht eine Seite zu bevorzugen. Jeder im Saal starrte dieses kuriose Vögelchen an. Nelle und Big Boy tat er schlicht leid.

«Ganz schön seltsam, Truman so da unten sitzen zu sehen», sagte Nelle. «Er hat immer davon gesprochen, eines Tages der Kronzeuge in einem großen Fall vor Gericht zu sein – und jetzt ist er das tatsächlich.»

«Ja, aber er hat sich das in einem Mordfall gewünscht. Und hier ist niemand umgebracht worden», bemerkte Big Boy.

«Ich habe null Ahnung, wie es sich aus dieser Zwickmühle befreien will», sagte Nelle.

Big Boy zuckte mit den Schultern. «Tja, Bud meinte immer, dieser Junge kann sich schneller aus einer verzwickten Lage befreien als ein Wurm, der sich im Sommerregen aus dem Matsch buddelt.»

Trumans Blick wanderte zu dem oberen Zuschauerrang, und er reckte den Kopf, bis er Nelle und Big Boy sah. Nelle winkte ihm zu, aber erst als Big Boy Queenie hochhielt, erhellte sich Trumans Miene und er machte ein erfreutes Gesicht. Queenie begann zu kläffen, sodass Big Boy den Hund rasch wieder versteckte, trotzdem blieb Big Boy die Gewissheit, dass er Truman zum ersten Mal seit seiner Rückkehr nach Monroeville zum Lächeln gebracht hatte.

Nelle beobachtete, wie die Menschenmenge unten im Gerichtssaal hinter Trumans Rücken miteinander flüsterten. Der gab sich schreckliche Mühe, die Leute zu ignorieren. Bei Nelle und Big Boy oben auf der Galerie tuschelten die meisten über Lillie Mae. Viele hatten schon das ein oder andere Mal ihre Verachtung zu spüren bekommen. Wären schwarze Menschen als Zeugen vor Gericht zugelassen gewesen, hätte sich Lillie Mae jetzt in echten Schwierigkeiten befunden. Die meisten fühlten mit Arch, den das Glück verlassen hatte und der kämpfte, um den Kopf über Wasser zu halten. Seine Lage konnten die Leute nachvollziehen, auch wenn ihnen Arch persönlich egal war.

«Was glaubst du, wird er sagen?», fragte Nelle.

«So wie ich Truman kenne, etwas, das ihn in Schwierigkeiten bringen wird», antwortete Big Boy.

Den alten schrulligen Richter Fountain schien die große Zuschauermenge zu erstaunen. Als er mit dem Hammer auf den Richtertisch schlug, warfen seine buschigen Brauen einen Schatten auf seine Augen.

«Ich möchte jeden daran erinnern, dass es sich hier um eine Zivilklage und keine Mordanklage handelt», sagte er mit einer Stimme wie Schmirgelpapier. «Weil wir in der Vorweihnachtszeit sind und sich Kinder im Saal befinden, bitte ich jeden, auf seine Wortwahl zu achten. Ich erwarte, dass sich alle dementsprechend verhalten, sonst verweise ich Sie schneller des Saals als ein Hahn eine Henne jagt.»

An einem Tisch saßen Nina und Joe, sie sahen adrett aus, aber nicht extravagant. Sie hielten Händchen, wirkten wie das perfekte Kirchgänger-Paar an einem Sonntag, bloß dass sie das nicht waren. A. C. in seinem zerknitterten Anzug schien sich neben den beiden unwohl zu fühlen.

Gegenüber, an einem weiteren Tisch, saß Arch, das Haar zurückgestriegelt, und in einem Anzug, der einst ein makelloser Dreiteiler gewesen war, aber mittlerweile die besten Zeiten hinter sich hatte. Sein Anwalt, Mr Ratcliff, ein Ungetüm von einem Mann, der sich in eine viel zu enge Hose gezwängt hatte, war ein Gauner, immer auf der Suche nach leichtverdientem Geld.

Der Richter fuhr fort: «Na dann, in Ordnung, Ladys, Gentlemen. Wir sind heute hier, um das Sorgerecht für das Kind Truman Streckfus Persons zu erörtern.» Der Richter schaute zu Truman, der nicht wusste, ob er aufstehen oder sitzenbleiben sollte. «Die Eltern, Lillie Mae Persons und Julian Archulus Persons …»

«Einspruch, Euer Ehren», rief Nina. A. C. versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, aber sie beharrte: «Mein Name ist Nina Capote – Euer … richterliche … Ehren.» Sie erhob sich und machte einen Knicks.

«Ist das jetzt Ihr offizieller Name, Lillie Mae?», fragte der Richter.

Joe stand auf. «Ja, Euer Ehren, sie ist meine Ehefrau. Sobald das Sorgerecht geregelt ist, ist unser gemeinsamer Wunsch, dass ich Truman offiziell adoptiere und eine Namensänderung vorgenommen wird: Truman Garcia Capote», sagte er mit Stolz in der Stimme.

Arch lachte laut auf. «Mein Sohn wird kein New Yorker Dago, das kann ich dir sagen …»

Joe reagierte beleidigt: «Ich bin Kubaner, Sir, und kein Dago, was auch immer das sein soll …»

«Ein Dago ist ein dunkelhäutiger Ausländer, der keinen Schimmer davon hat, dass man ein weißes Kind nicht Garcia nennen sollte …»

Der Richter schlug mit dem Hammer auf seinen Tisch. «Ruhe! Der Nächste, der unaufgefordert dazwischenspricht, wird diesen Hammer auf seinem Kopf zu spüren bekommen.»

A. C. zupfte an Joes Ärmel, damit der sich wieder hinsetzte.

Der Richter fuhr fort: «Nun, mir liegen alle möglichen Berichte über Mrs Capote und ihre Tätigkeiten in New York vor.»

Arch lachte in Richtung Nina. «Haben Sie auch den, in dem es um das Techtelmechtel mit diesem Boxer Jack Dempsey geht?»

«Das ist eine Lüge!», protestierte Nina. «Und außerdem war es doch Arch, der mich überhaupt erst dazu gebracht hat, mit Dempsey zu flirten, weil Arch sein Boxpromoter werden wollte …»

«Das reicht jetzt.» Der Richter blickte beide an. «Darüber hinaus liegt mir eine ziemlich lange Liste von polizeilichen Ermittlungen gegen Mr Persons vor …»

«Ha!», sagte Nina.

Mr Ratcliff erhob sich. «Alles unbegründete Anklagepunkte, Eurer Ehren – und in den meisten Fällen wurde er freigesprochen.»

Der Richter schüttelte den Kopf und fluchte leise vor sich hin. «Was für ein hübsches Paar Sie beide abgeben. Ich sollte Ihre Scheidung annullieren, um sie beide zu bestrafen.»

Unter den Zuschauern breitete sich ein Raunen aus. Sowohl A. C. als auch der Winkeladvokat widersprachen energisch, aber den Menschen im Saal gefiel das.

Erneut schlug der Richter mit dem Hammer. «Ruhe im Saal! Wie jeder andere weiß auch ich gute Verleumdungstaktiken zu schätzen, aber wen ich wirklich anhören möchte, ist das Kind. Truman.»

Jenny stupste ihn an, damit er aufstand. «Also, mein Junge, los. Nimm Platz im Zeugenstand …» Plötzlich schien der Richter Trumans Kleidung zu bemerken. «Was trägst du denn da? Du siehst ja aus wie ein Pfau.»

Truman wusste, alle Augen waren auf ihn gerichtet. «Das ist aus New York. Die neueste Mode.» Als wäre er eine Hoheit im Kleinformat ging er daraufhin in aller Ruhe auf den Richter zu. «Wo soll ich meinen Eid ablegen, Eurer Ehren?», fragte er mit einer dermaßen hohen Stimme, dass es kaum zu verstehen war. Nelle lächelte. Sie sagte oft, dass Truman eine Stimme besaß, die nur Hunde hören konnten.

Der Richter deutete auf den Zeugenstand. «Das hier ist kein Strafverfahren, mein Junge. Setz dich einfach.»

Truman schaute auf die amerikanische Flagge hinter dem Richter und hob dennoch die rechte Hand. «Ich schwöre die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit», sagte er schnell, bevor der Richter einschreiten konnte.

Fountain verdrehte die Augen. «Gut, mein Sohn. Jetzt, da du unter Eid stehst, setz dich und erzähl uns, wie es bisher für dich war, in New York City zu wohnen.»

«Nun», begann Truman, als er Platz nahm. Nelle konnte geradezu sehen, wie er in seinem Gedächtnis wühlte, welche der Hunderte von Geschichten er vom Stapel lassen wollte. «New York ist eine sonderbare und wundersame Stadt. Wussten Sie, dass es dort zwanzig Brücken und dreißigtausend Taxifahrer gibt, achtzehn Tunnel und sowohl unterirdische Bahnen als auch Hochbahnen?»

«Was du nicht sagst», ermutigte ihn der Richter amüsiert.

«Ja, das sage ich.» Jetzt wandte sich Truman an die Zuschauer. «In der Kanalisation leben Krokodile, und die Wolkenkratzer sind so hoch wie der Himmel.»

«Hast du auch schon King Kong gesehen?», rief jemand von den Zuschauerrängen und alle lachten.

«Nein», antwortete er lächelnd. «Aber tatsächlich ist dort alles größer – die Kinos sind Paläste, das Yankee Stadion wie das Kolosseum in Rom und sogar die Parks sind riesig. Menschenskinder, der Central Park ist größer als ganz Monroeville. Und die Bibliothek! Vier Stockwerke Bücher und gigantische Löwen aus Stein bewachen den Eingang!»

Die Zuschauermenge war vor Staunen sprachlos.

«Alles schön und gut, Truman», sagte der Richter. «Aber was ich wirklich wissen möchte: Wie ist es, mit Nina und Joe in New York City zu leben?»

«Oh», antwortete er nachdenklich. «Na ja … wenn ich nicht im Internat bin, also am Wochenende, wohne ich in einem hübschen Apartment in der Nähe der Park Avenue. Der Park Avenue», ergänzte er. «Mein Stiefvater Joe verwöhnt uns und sagt, es soll uns nie an etwas fehlen.»

«Kocht deine Mama für dich?», fragte der Richter.

«Oh, um Gottes willen nein! Wir gehen aus in schicke Restaurants und so. The Stork Club oder El Morocco, solche Lokale.»

«Sind das nicht Nachtclubs?», hakte der Richter nach.

Truman grübelte über diese Frage. «Nun, wenn Sie meinen, dass dort Musik gespielt und Alkohol getrunken wird, dann glaube ich schon. Aber das Essen ist wirklich das Allerbeste. So etwas gibt es hier in Monroeville gar nicht. Das kann ich Ihnen versichern. Sogar Gangster essen dort.»