16,99 €
»Wir müssen es als erfunden hinstellen, klar (wir wissen ja beide, wie gefährlich es ist, die Erzählung einer Frau als wahr zu verkaufen).«
Nach einer Highschool-Party fahren zwei Sportler ein Mädchen, Alice, nachhause. Sie ist betrunken und hat das Bewusstsein verloren. Bald breiten sich in der Kleinstadt Gerüchte aus. Die beiden Sportler brüsten sich mit ihrer „Eroberung“, beteuern dann aber ihre Unschuld, als die Polizei zu ermitteln beginnt. Irgendwann glätten sich die Wogen wieder, aber bei einigen Menschen haben die Ereignisse unwiderrufliche Spuren hinterlassen. Alice erinnert sich an nichts, aber die Nacht und die Gerüchte darüber zerstören ihr Leben. Auch Nick, der beobachtet hat, was passiert ist, wird die Nacht nie vergessen. Fast zwei Jahrzehnte lang versucht Alice, sich ihre eigene, von Männern ausgelöschte Geschichte zurückzuerobern. Dann endlich erhält sie die Gelegenheit, mehr über die Nacht zu erfahren, aber traut sie sich, diese zu ergreifen?
»Ein fesselndes Debüt, das Genregrenzen sprengt.« New York Times
»Eine kraftvolle, zum Nachdenken anregende Untersuchung darüber, wie das Manipulieren von Geschichten ganze Leben prägen kann.« Guardian
»Ein beeindruckendes Debüt- und eine originäre literarische Verarbeitung von sexualisierter Gewalt.« Bücher Magazin
»Kate Reed Petty spielt in ihrem beeindruckenden Romandebüt virtuos mit den verschiedenen Genres von Horror bis Psychotriller.« Münchner Merkur
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem TitelTrue Story bei Viking, New York.
Der Abdruck des Zitats aus »Diving into the Wreck« erfolgt mit freundlicher Genehmigung von W. W. Norton & Company, Inc. Copyright © 2016 by the Adrienne Rich Literary Trust. Copyright © 1973 by W. W. Norton & Company, Inc., from Collected Poems: 1950–2012 by Adrienne Rich.
© True Story by Kate Reed Petty. Copyright © 2020 by Scaggsville & Severn, Inc. By arrangement with the author. All rights reserved. Deutsche Erstausgabe © 2021 für die deutschsprachige Ausgabe Ecco Verlag in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg Covergestaltung von Anzinger und Rasp, München Coverabbildung von Nassia Stouraiti E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck ISBN E-Book 9783753050089
WE ARE, I AM, YOU ARE
BY COWARDICE OR COURAGE
THE ONE WHO FIND OUR WAY
BACK TO THIS SCENE
CARRYING A KNIFE, A CAMERA
A BOOK OF MYTHS
IN WHICH
OUR NAMES DO NOT APPEAR.
Adrienne Rich, »Diving into the wreck«
PROLOG
BARCELONA2015
Als du mich das letzte Mal um meine Geschichte gebeten hast, hielt ich mich schon jahrelang in Barcelona versteckt. Ich wohne in einem luftigen Studio im obersten Geschoss eines vierstöckigen Gebäudes, mit Fliesenböden und einer großen Glasschiebetür, die auf eine Terrasse führt. Die Terrasse ist gesäumt von Terrakottatöpfen, die so schwer sind, dass man sie nicht verschieben kann; die Vormieter haben sie hier stehen lassen, und sie quellen über von Sukkulentengewächsen. Die Wohnung ist halbwegs günstig, und ich habe viel Privatsphäre – die Nachbarn kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten, und die Vermieterin bekommt ihre Schecks am liebsten mit der Post. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt fühle ich mich hier sicher genug, um in heißen Nächten die Terrassentür offen zu lassen und mein Schlafzimmer der kühlen Brise zu öffnen, die flüsternd aus den Straßen der Stadt aufsteigt, und den phantomhaften Eindringlingen, die früher durch meine Träume gespukt sind.
Ich liebe diese Wohnung so, wie ein Astronaut sein Raumschiff liebt. Das Einzige, was mich stört, ist das Apothekenschaufenster im Erdgeschoss, an dem ich jeden Tag bei meiner morgendlichen Joggingrunde vorbeimuss. Darin stehen drei weibliche Schaufensterpuppen mit runden Onyxflächen an der Stelle, wo ihre Gesichter sitzen sollten, ihre Arme und Beine sind am Bizeps beziehungsweise an den Oberschenkeln abgeschnitten. Sie sind in lockenden Posen arrangiert, mit vorgeschobenen Hüften, als würden sie Bikinis präsentieren – dabei sind sie Modelle für Sanitätsartikel. Die Puppe, die am nächsten neben meiner Wohnungstür steht, hat einen schwarzen Lendenstützgürtel, der wie ein Korsett um ihre Taille gewickelt ist, und eine blaue Schlinge für einen gebrochenen Arm um den Hals. Links neben ihr, in einen Rollstuhl gequetscht, hat die nächste eine metallene Knieversteifung, die am Oberschenkel befestigt ist. Die dritte lehnt starr an der gegenüberliegenden Wand, mit einer Schlafmaske an der Stelle, wo normalerweise ihre Augen wären.
Seit Monaten ist dieses Schaufenster schon nicht mehr umdekoriert worden. Und sosehr ich mich auch bemühe wegzuschauen, kann ich doch nicht anders, als im Vorüberlaufen einen Blick darauf zu werfen, wie die Frau im Horrorfilm, die nicht widerstehen kann und die Treppen einfach hochgehen muss. Versteh mich nicht falsch, aber jedes Mal, wenn ich diese Schaufensterpuppen anschaue, muss ich an dich denken. Meine älteste Freundin, du hast immer zu mir gehalten, wenn ich es mit alltäglicher Misogynie und schlechtem Geschmack zu tun kriegte.
Als du nach Barcelona kamst, hatte ich tatsächlich vor, dich wie verabredet in deinem Hotel zu treffen. Doch als ich zu der entsprechenden Straße kam, merkte ich auf einmal, wie ich in die falsche Richtung ging. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Es war einer von diesen üppigen Spätsommertagen, und ich ging einen weiten Bogen, unter Orangenbäumen, deren Blätter sich leicht in der Sonne bewegten. Ich ging an alten Damen vorbei, die untergehakt spazieren gingen, an Familien, die auf sauberen öffentlichen Spielplätzen die Schaukeln ihrer Kinder anstießen. Ich ging ganz bis zum Parc de la Ciutadella, wo grüne Papageien herumhüpften und sich unter die Tauben auf den Pflastersteinen mischten.
Ich wollte dich gar nicht versetzen. Ich dachte, ich würde dein Hotel einmal umkreisen und auf der anderen Seite hineingehen, aber dann lief ich einfach immer weiter im Kreis.
Irgendwann spazierte ich zurück zu meiner Wohnung. Ich schaltete mein Telefon aus, dann ging ich hinaus und setzte mich auf meiner großen Terrasse in die Nachmittagssonne und las einen Krimi fertig, bei dem ich gleich von Anfang an geahnt hatte, wie er ausgehen würde. Ich döste eine Weile, und als ich aufwachte, kochte ich mir ein komplizierteres Abendessen als sonst – Pasta mit Oliven und Artischockenherzen, dazu einen Endiviensalat. Es war köstlich. Erst als die Teller sauber waren, rief ich endlich in deinem Hotel an.
Ich bin sicher, du dachtest, dass ich noch immer böse auf dich bin. Aber in Wirklichkeit hab ich mich nur geschämt. Du warst immer die Mutige von uns beiden – nein, du warst die Sichere. Du bist immer so sicher gewesen, welche Geschichte ich für dich erzählen soll, seit wir beide siebzehn waren: die Geschichte von den Dingen, die passierten, während ich schlief. »Es ist deine Geschichte«, hast du immer gesagt. »Wenn du sie nicht rauslässt, wird sie eines Tages dein Leben bestimmen.« Aber die Geschichte ist nur auf die Art meine, wie dem Opfer die Staatsanwaltschaft gehört oder dem Wal die Harpune. Sie zu erzählen, war schon immer ein Vorrecht der Täter, die wirklich die Fakten kennen, und der Augenzeugen – wie du –, die zu wissen meinen.
Damals war ich noch nicht bereit, es dir zu erklären. Also bat ich den Rezeptionisten nicht, mich zu deinem Zimmer durchzustellen, sondern dir nur auszurichten, dass ich kurzfristig von einem anspruchsvollen Kunden nach London bestellt worden war. »Sagen Sie ihr bitte, dass sie nicht auf mich zu warten braucht«, sagte ich. »Ich bin nicht sicher, wann ich wieder hier bin.« Dann schaltete ich mein Telefon wieder aus und ging zurück auf die Terrasse. Ich beobachtete die Lichter, die über der Stadt blinkten wie Augen, ein Sternbild aus Nachtwächtern. Ich hoffte, du würdest meine Entschuldigung annehmen, obwohl ich wusste, dass sie ganz offenkundig erfunden war.
Jetzt hoffe ich, dass du stattdessen das hier annimmst.
SATANS BRÄUTE
von Alice Lovett & Haley Moreland1.9.95
FADE IN:
INNEN –EINE EINZIMMERHÜTTE IM WALD –NACHT
LISAsitzt allein da mit einer FlascheROTWEINund einemBECHER EIS. Sie hatGEWEINT. Ihr Make-up ist totalVERSCHMIERT.
LISA
Ich kann es nicht fassen! Was für ein Arschloch!
Lisa leert ein GANZES WEINGLASmit einemEINZIGEN SCHLUCK.
Sie WISCHTsich den Mund ab. DannWIRFTsie das Glas quer durchs Zimmer. Das GlasZERSPLITTERT.
LISA
Fünfzehn Jahre Ehe! Und dann verlässt er mich für … Francesca!!!
Lisa lässt sich nach vorn auf den Tisch fallen. Sie HEULT.
LISA
Warum, Jim? Warum? Warum?
Sie greift nach dem Becher und nimmt sich einen großen Löffel voll EIS.
LISA
(heulend)
Dieses Eis ist nicht mal besonders gut!
Plötzlich: Man hört ein LAUTES GERÄUSCH AN DER TÜR!
Lisa FÄHRT ZUSAMMEN. Sie steht auf. Sie starrt zur Tür.
LISA
(zögerlich)
Wer … wer ist da?
Langsam ÖFFNET LISA DIE TÜRund sieht: Es steckt einGROSSES MESSERmit der Spitze in der Tür.
Lisa SCHREITundKNALLTdie Tür zu.
DANNhört sie eineBOSHAFT LACHENDE FRAU.
Lisa WIRBELTherum.
LISA
Wer ist da?
Außer ihr ist niemand im Zimmer.
Aber: Der BECHER EISist umgestoßen worden. Auf dem Tisch eine Pfütze ausGESCHMOLZENER EISCREME.
LISA
Oh mein Gott.
Lisa sieht, dass jemand MIT DEM FINGER DURCH DIE GESCHMOLZENE EISCREME GEFAHRENist. Da steht nun:
SATAN LIEBT DICH IMMER NOCH.
Lisa SCHREIT.
Sie RENNTzur Tür und reißt sie auf.
Sie SCHNAPPTsich dasMESSER.
Dann FLÜCHTETsie nach draußen.
AUSSEN –DER WALD IN DER NACHT –CONT’D
Lisa RENNTin Panik durch denWALD. Sie schaut über ihre Schulter nach hinten …
Sie STOLPERT! SieFÄLLT! DasMESSERfliegt ihr aus der Hand!
FRAU(OFF-SCREEN)
(böse)
Hallo, Lisa.
Lisa blickt auf. Es ist FRANCESCA. Eine schöne Frau mit grellrotem Lippenstift und dick aufgetragenem blauen Lidschatten.
LISA
Francesca?!
FRANCESCA
Na, freust du dich, mich zu sehen?
LISA
Nein! Du hast mir meinen Mann gestohlen!
Francesca gibt sich vernichtend herablassend.
FRANCESCA
Ich hab dir deinen Mann nicht gestohlen. Ich hab ihn abgelenkt. Was ich wirklich will, bist DU.
Lisa kriecht rückwärts. Sie schiebt sich immer näher ans MESSER.
FRANCESCA
Ich hab dir Jim gestohlen, damit du alleine in euer Ferienhäuschen fährst.
LISA
Aber warum?
FRANCESCA
Weil ich will, dass du dich uns anschließt!
LISA
Dass ich mich wem anschließe?
FRANCESCA
Den Bräuten Satans!
LISA
Was?!?!
FRANCESCA
Dein Mann ist da hinten an einen Baum gefesselt. Du musst ihn nur noch mit diesem Messer opfern, dann wird Satan uns beide allmächtig machen!
Lisa beugt sich vor und nimmt das MESSERin die Hand. Sie überlegt.
LISA
Dann muss ich also bloß Jim umbringen …
FRANCESCA
Denk doch bloß dran, wie schnell er dich verlassen hat!
LISA
… So?
Lisa WIRFT SICH NACH VORNundSTICHTFrancesca das Messer ins Herz.
Francesca SCHREITundSACKTin dieKNIE.
FRANCESCA
Wir hätten … allmächtig sein können …
Francesca STIRBT.
Lisa steht auf und bemüht sich, wieder ruhiger zu atmen. Sie blickt auf und in den Wald. Dann wird es ihr KLAR.
LISA
Jim!!! Ich komme!
FADE TO BLACK
1. TEIL
LAX-WORLD1999
Im Herbst unseres letzten Highschool-Jahres wurde mein Kumpel Max Platt festgenommen, weil er einen Laserpointer auf ein Flugzeug gerichtet hatte. Wir wussten nicht mal, dass das illegal war. Es war eine von den harmlosesten Sachen, die Max überhaupt jemals gemacht hatte, und es war köstlich zu sehen, dass er ausgerechnet dafür solchen Ärger bekam. (Das war noch ein paar Monate vor dieser ganzen Sache mit dem Mädchen von der Privatschule.)
Wir waren natürlich gerade bei Denny’s, als wir von der Geschichte erfuhren. Denny’s war fest in den Händen unseres Lacrosseteams. Aber an diesem Abend waren nur Max und ich und mein alter Kumpel Richard Roth drin.
Ich mach das seit August, sagte Max. Er schwänzte die Schule, ging auf eine ungenutzte Wiese hinter dem Hörsaal und legte sich aufs sandige Gras. Dann richtete er das rote Licht in den Himmel, wobei er es langsam vor und zurück bewegte. Wie das Bat-Signal.
Im Ernst?, fragte Richard.
Es wurmte mich immer, wie Richard sich so leicht von Max beeindrucken ließ. Also sagte ich: Aber warum, Batman? Was soll das Ganze überhaupt?
Macht die Piloten gaga, erwiderte Max.
Max tat vieles, was wir auch gern gemacht hätten, aber uns einfach nicht trauten. Was jedoch an dieser Nummer so toll sein sollte, hab ich persönlich nie nachvollziehen können.
Er erzählte die Geschichte noch mal beim Training. Die Geschichte wirkte besser, wenn wir alle zuhörten. Max stand auf und machte den Polizisten nach, der ihn erwischt hatte: »Was machst du denn da?«, sagte er in breitestem Südstaatenakzent. Er watschelte herum und hielt dabei die Arme seitlich vom Körper abgespreizt, als wäre er zu dick, um sie einfach an den Seiten herabsinken zu lassen.
»Ich bin ausgerutscht und hingefallen«, rief ich, erzählte Max weiter. Oder ich versuchte zu rufen, keine Ahnung, ich war so was von high, echt. Ich hab meine Hände über den Kopf gehalten, die fühlten sich an wie Gelee, als würde ich sie durch Gelee bewegen.
Wir nickten alle, als wüssten wir, was er meinte. Als wären wir alle schon mal zu high gewesen, um unsere Arme hochzuheben. Dabei wusste ich ganz genau, dass ein paar von diesen Typen noch nie geraucht hatten.
Und der Bulle so: »Komm mal hier rüber, Freundchen. Nimm die Arme runter.« Ich lass meine Schale einfach im Gras stehen, er hat überhaupt nicht genauer nachgeschaut, zu faul, um dreißig Meter zu laufen, sagte Max. Der hatte echt keine Ahnung.
Wir lachten uns alle kaputt, als wir die Geschichte hörten. Der Bulle hatte keine Ahnung gehabt, dass Max high war! Wir schüttelten die Köpfe.
Bullen sind so scheißblöd, sagte ich. Alle lachten.
Aber am nächsten Montag erschien Max nicht zum Training. Er war suspendiert worden. Unser Trainer erzählte uns, dass die Sache mit dem Laserpointer tatsächlich eine Straftat war. Darauf stand ein Bußgeld bis zu zweihundertfünfzigtausend Dollar und bis zu fünf Jahren Haft. An dem Tag waren wir alle superschlecht drauf. Die Landesmeisterschaften waren schon in acht Monaten. Wir überlegten, ob Max dann wohl im Gefängnis sitzen würde. Wir überlegten, ob er dem FBI stecken würde, dass wir alle Gras rauchten. Eine Weile konnten wir über nichts anderes reden, wenn wir nervös unsere Runden auf dem Sportplatz drehten.
Aber am Ende ist nichts richtig Schlimmes passiert. Wir waren erst siebzehn. Und Max’ Dad war Wirtschaftsprüfer, also kannte er wahrscheinlich einen guten Anwalt. Max musste nicht mal gemeinnützige Arbeit leisten. Er bekam eine Bewährungsstrafe und musste sich ein Jahr lang jeden Monat bei einem Polizisten melden. Das war’s dann auch schon. Das einzig andere war, dass er sich vor der ganzen Schule hinstellen und eine Rede darüber halten musste, wie gefährlich Laserpointer sind. Das war natürlich zum Totlachen.
Sprecht mir nach: Passt auf, wo ihr euren Laserpointer hinsteckt, sagte Max und deutete mit dem Daumen übers Podium wie Bill Clinton. Und alle im Hörsaal sprachen ihm nach: PASST AUF,WO IHR EUREN LASERPOINTER HINSTECKT.
Mr. Kaminsky, der Englischlehrer, versuchte einzuschreiten – Danke, Max, das reicht jetzt … – aber die ganze Schule deklamierte weiter im Singsang: PASST AUF,WO IHR EUREN LASERPOINTER HINSTECKT!PASST AUF,WO IHR EUREN LASERPOINTER HINSTECKT!
Am Ende brauchte es zwei Ordner, um die Menge wieder zum Schweigen zu bringen, während Max die ganze Zeit grinsend auf der Bühne stand. Wir saßen in der letzten Reihe und jubelten ihm zu. Wir wussten ja, dass er jetzt wieder bei uns war.
Das Dumme war nur, nun war er vorbestraft, also durfte er sich nicht noch einmal erwischen lassen. Aber wir glaubten nicht, dass das ein Problem werden würde. Wenn wir bei einer tatsächlichen Straftat den Kopf aus der Schlinge ziehen konnten, würden wir das überall schaffen.
Ich schaffte es schon im zweiten Highschooljahr, für die Schulmannschaft zu spielen, ein Jahr vor Max. Richard und ich waren ins Lacrossetrainingslager gefahren, und wir waren ziemlich gut. Nur zwei andere aus unserer Stufe hatten es ebenfalls in die Schulauswahl geschafft: Ham Tierney und Alan Byron.
Wir vier bekamen in der ersten Woche Bescheid, das Training war gleich nach der letzten Stunde am Freitag. Wir hatten nur eine halbe Stunde zwischen der letzten Unterrichtsstunde und dem Training. Das war nicht viel. Und man bekam fünfzehn Liegestützen für jede Minute aufgebrummt, die man zu spät im Training erschien. Ich hatte es nicht so mit Liegestützen, alles, was über zehn Stück hinausging, war eine Demütigung für mich, also vermied ich es einfach, mich jemals zu verspäten. Ich ging nach der Chemiestunde immer geradewegs in die Umkleide.
An diesem Tag grübelte ich gerade über etwas nach, was ein Mädchen zu mir am Ende der Stunde gesagt hatte. Sie hatte gesagt: Nick, für einenTypen hast du ganz schön hübsche Haare. Ich begriff nicht, warum sie das gesagt hatte. Wir standen einfach an unseren Schultischen, packten unsere Sachen zusammen, und dann, völlig aus heiterem Himmel, sagte sie das. Aber sie sagte es total nett. Vielleicht hatte sie es ja als Kompliment gemeint, und ich hätte sie fragen sollen, ob sie mit mir ausgehen will. Doch vielleicht war sie ja auch bloß sarkastisch und wollte mich beleidigen, und ich hätte erwidern sollen, dass meine Haare genauso hübsch wie mein Schwanz wären, und dann hätte ich sie fragen müssen, ob sie mit mir ausgehen will. Der Punkt ist: Ich hatte versagt.
Darüber grübelte ich nach, als ich die Tür zu den Umkleiden öffnete und ungefähr sechs von den Elft- und Zwölftklässlern auf den Bänken sitzen sah. Das war seltsam. Normalerweise war ich der Einzige, der so früh da war. Ich ließ die Tür hinter mir zufallen. Dann befiel mich auf einmal ein ganz komisches Gefühl. Ich hatte so eine Vorahnung, dass ich mich aus dem Staub machen sollte. Doch sie waren schon aufgestanden. Sie packten mich, und im nächsten Augenblick lag ich schon am Boden.
Als Lacrossespieler ist man es gewohnt, unter viel Gewicht zu liegen. Nach jedem Tor springen wir alle auf einen Haufen, um es zu feiern. Sogar im Trainingslager, wo die Tore ja egal sind, haben wir das gemacht. Im ersten Moment erschrickt man, wenn man so ein schweres Gewicht auf sich spürt, man fühlt sich, als würde man ertrinken. Aber man gewöhnt sich dran. Ich war es schon gewohnt. Es war sogar ein vertrautes Gefühl. Das half mir, ruhig zu bleiben. Ich atmete einfach weiter und versuchte ganz cool zu sein.
Einer von den älteren Spielern setzte sich rittlings auf meinen Brustkorb, ein anderer hielt meine Beine fest, und einer zog mich an den Haaren. Mit diesen langen Haaren bist du einfach zu hübsch, meinte einer.
Ich überlegte, ob ich wirklich so hübsch war. Zwischen dem Mädchen im Chemiesaal und jetzt dem Team fragte ich mich, ob die Leute mir das bis in alle Ewigkeit erzählen würden.
So hübsch, dass sie mich richtig in Fahrt bringt, sagte jemand, und dann lachten alle. Ich war sauer, wollte aber nicht wie ein Arschloch rüberkommen. Ich hoffte, dass man mir nicht ansah, wie sauer ich war. Der Typ, der auf meinem Brustkorb saß, zog seinen Schwanz über den Bund seiner Shorts. Ich geriet in Panik, aber blieb ganz still liegen. Ich wusste, solange ich keinen Widerstand leistete, würde ich das Ganze rasch hinter mir haben, und dann würden sie mich in Ruhe lassen. Ein Surren ertönte. Schön stillhalten, meine Hübsche, sagte jemand. Ich würde jetzt ungern abrutschen.
Auf einmal begriff ich, was das Mädchen im Chemiesaal gemeint hatte. Sie hatte überhaupt nichts gemeint. Sie hatte das bloß gesagt, weil das Lacrosseteam ihr das aufgetragen hatte. Sie hatten sie angestiftet, um mich vorzubereiten. Das gehörte zum Ritual. Jetzt schrien und lachten sie alle, und der ältere Spieler, der immer noch auf meiner Brust saß, wedelte mit seinem Schwanz herum. Er war natürlich schlaff, wir waren ja nicht schwul. Ich machte die Augen zu, als er damit vor meinem Gesicht herumwedelte, und ließ meinen Mund geschlossen. Ich dachte an die Tatsache, dass dieses Mädchen mich niemals angesprochen hätte, wenn ich nicht Teil des Teams gewesen wäre, und dass sie im Grunde überhaupt nichts wirklich gesagt hatte. Sie war nur die Überbringerin der Botschaft gewesen.
Dann spürte ich, wie jemand meinen Kopf rieb, und sie sagten: Wie ein Affe, der gleich ins All geschickt werden soll, und das Geräusch war irgendwie wieder verstummt, das Gewicht hob sich von mir, nach und nach, wie wenn man sich aus einem Pool zieht. Alle Schwänze waren in den Hosen, und alle taten so, als wäre nichts passiert.
Ich dachte schon, der pisst sich gleich in die Hose, sagte jemand. Dann gingen sie alle hinaus.
Da hörte ich jemand anders sagen: Du bist schon in Ordnung, Nick. Du bist cool. Wir sehen dich dann auf dem Platz. Ihre Stimmen hatten sich verändert. Als würden sie mich auf einmal wieder respektieren.
Ich hievte mich auf eine Bank und blieb erst mal ein paar Sekunden dort sitzen. Ich fühlte mich schon etwas besser. Dann stand ich auf und schaute in den Spiegel. Meine Haare waren weg, abrasiert in ungleichmäßig räudigen Flecken. Mein Gesicht sah seltsam aus – größer irgendwie. Ich streckte meinem dummen Spiegelbild die Zunge raus.
Sie hatten mir die Schneidemaschine dagelassen. Ich fuhr mir damit über den Schädel, bis er ganz glatt war. Es blieben ein paar blutige Stellen, aber ich wischte sie einfach an meinem Trikot ab. Mit ein bisschen Blut auf dem Trikot kommt man gleich viel tougher rüber.
Als ich auf den Platz kam, war ich sehr spät dran. Das Team war schon bei den Dehnungsübungen, wie immer. Aber wie es aussah, entging ich meinen Strafliegestützen.
Setz dich, Nick, sagte der Trainer mit einem anerkennenden Nicken.
Ich zog mein Bein an und fühlte im ganzen Oberschenkel, wie sich die Muskeln dehnten. Ich warf einen Blick auf Richard. Seine Haare waren auch abrasiert. Ham und Alan hoben die Blicke nicht von ihren Knien.
Richard erzählte mir später, dass sie ihn auf der Toilette vorm Sportplatz drangekriegt hatten. Nachdem sie ihm den Kopf geschoren hatten, hatten sie ihn in die Kloschüssel gedrückt. Sein Gesicht war aber nicht im Wasser. Nur der oberste Teil seines Kopfes. Sie hatten nicht versucht, ihn umzubringen. Sie stopften ihm Toilettenpapier in den Mund und brachten ihm eine der Teamhymnen bei. Jedes Mal, wenn er sich vertat, stopften sie noch mal Klopapier nach. Er musste es ohne Würgen durchs ganze Lied schaffen. Ergab ja auch Sinn – Richard war schon immer ein kleines Weichei gewesen.
Aber das sagte ich nicht zu ihm. Ich sagte nur: Das ist ja Wahnsinn! Mich haben sie bloß Spießruten laufen lassen.
Ham sagte: Mich auch. Und Alan sagte: Mich auch, bloß ein Spießrutenlauf.
Es war das erste Mal, dass ich einen Freund bei einer Lüge erwischte. Danach sah ich Ham und Alan mit etwas anderen Augen. Und fragte mich, was das Team wirklich mit ihnen gemacht hatte.
Aber das Wichtigste war, dass wir alle geschoren waren. Wenn ich daran dachte, wurde mir ganz warm. Es war natürlich demütigend, aber immerhin waren wir alle gedemütigt worden. Und eben nicht die gewohnten Blamagen, vor Mädchen oder Eltern oder was weiß ich. Wir hatten etwas Wichtiges überstanden. Wahrscheinlich würden wir dieses Jahr wieder zu den Staatsmeisterschaften mitfahren.
Ich wollte gut spielen an diesem ersten Tag mit meinen kurzgeschorenen Haaren. Ich wollte, dass sie merken, wie tough ich bin. Die kalte Luft an meiner Kopfhaut und am Hals fühlte sich beim Rennen seltsam an, aber ich spielte gut. Vielleicht habe ich besser gespielt als je zuvor. Und ich überlegte, ob vielleicht jedes Mal, wenn ich mich gedemütigt fühlte, wenn ich allein und einsam war, wenn ich nicht wusste, was ich zu einem Mädchen sagen sollte, mir eigentlich nur meine langen Haare im Weg gewesen waren.
Nach dem Training sagte einer von den älteren Spielern, Dean McGarvey: Hey, wollt ihr mit uns abhängen, ihr Maden? Also stiegen Richard und Ham zu ihm ins Auto, und Alan und ich fuhren mit Matt Komen und Sam Simpson. Wir fuhren langsam durch die Wohnviertel, parkten irgendwo auf der Straße und gingen zu Fuß hinten um ein Haus herum. Der Rasen fiel ab zu einem Steg, der sich in die Chesapeake Bucht hinausstreckte. Die Sonne begann hinter uns unterzugehen, und der Himmel war ganz rosa. Der Steg sah aus wie ein Mittelfinger.
Das gehört dem Trainer, sagte Dean zu jemand.
Was?, fragte Richard.
Ich war sauer auf Richard, dass er die anderen daran erinnerte, dass wir die Neuen waren. Das Haus gehört dem Trainer, erklärte ich ihm und versuchte ganz cool zu tun, als hätte ich das die ganze Zeit schon gewusst. Ich hoffte, dass ich recht hatte.
Hatte ich natürlich. Die älteren Spieler erklärten, dass der Sohn des Trainers zu den älteren Spielern gehört hatte, als sie noch Frischlinge gewesen waren, und dass sie den Steg immer noch benutzen durften, solange sie nicht ins Haus gingen. Wenn ihr also pissen müsst, müsst ihr in die Bucht pissen. Die Toilette der Natur, sagte Gary Wooten. Wir lachten alle, setzten uns dann aufs halb verwitterte Holz und staunten: Wir waren auf dem Grundstück des Trainers.
Ich wurde ein bisschen nervös, als Komen sagte: Ziehen Sie Ihre Schuhe aus, Gentlemen. Entspannen Sie sich. Gary zog an einem schleimigen Seil. Wir taten alle ganz cool, lachten und machten Witze. Wir waren nicht nervös, immerhin gehörten wir jetzt zum Team. Ich brauchte keine Angst zu haben, dass Gary da eine Krebsfalle hochzog. Ich brauchte keine Angst zu haben, dass sie die Krebse an unsere Füße halten würden, damit sie uns in die Zehen zwickten. Wir hatten unseren Aufnahmeritus bereits hinter uns. Wir brauchten keine Angst mehr zu haben.
Und wieder hatte ich recht. Es war keine Krebsfalle. Es war eine blaue Kühltasche, gesichert mit einem Bungeeseil und über und über mit Seepocken bewachsen. Ich spürte, dass gleich etwas ganz Unglaubliches passieren würde.
Der Kühlschrank der Natur, sagte Gary und zeigte mit einer kurzen Handbewegung auf die Bucht. Er hakte einen rostigen Karabiner vom Bungeeseil ab und machte den Deckel der Kühlbox auf. Sie war mit goldenen Dosen gefüllt. Ein versunkener Schatz, sagte Dean. Wir lachten alle.
Dean warf den anderen die Bierdosen zu, eine nach der anderen. Die Trainingsdünste zogen über das träge sich bewegende Wasser davon. Wir tauchten unsere nackten Zehen ins Wasser. Unsere Füße waren heiß und übermüdet, und das Wasser fühlte sich gut an.
Ich war nicht sicher, ob wir Frischlinge auch Bier kriegen würden oder nicht.
Greg Morrissey und Matt Iglehart wollten kein Bier. Ich war verwirrt, aber wollte auch nicht doof dastehen, also sagte ich nichts. Aber sie verrieten uns den Grund. Wir nehmen Oxy, erklärten sie. Verträgt sich nicht mit Alk.
Davon schrumpfen einem die Eier.
Deswegen mach ich mit Oxy keine Späße.
Ich auch nicht. Für die Mädels soll ja auch noch was übrig sein.
Ja. Ist besser so. Wenn das Mädel das Oxy nimmt. Darüber lachten wir alle.
Was ist denn Oxy? Richard war mein ältester Freund, aber manchmal wünschte ich wirklich, er wäre nicht so ein Riesenidiot. Dean hatte uns immer noch keine Bierdosen zugeworfen. Morrissey und Iglehart schauten sich an und brachen in Gelächter aus.
Oxy macht dir einfach gute Laune, sagte Komen.
Ja, Wilbur hat die Dinger bekommen, als er sich im Juni den Knöchel gebrochen hat, sagte Iglehart.
Matt Wilbur, einer von den älteren Spielern, hob sein Bier, als würde er jemand zuprosten. Er sagte aber nichts.
Komen erläuterte: Er ist voll der toughe Typ, hat bloß – wie viel waren’s noch? – eine am Tag genommen. Also fast gar keine. Damit er welche fürs Team aufsparen kann. Komen hatte ein paar große Krater auf der Nase, als hätte er sich da ein paar riesige Pickel aufgekratzt. Da er furchtbar viele Sommersprossen hatte, waren die Narben kaum zu sehen. Aber ich saß näher an ihm dran, ich konnte sie gut sehen. Er sah tatsächlich ganz schön komisch aus, doch alle schienen ihn zu mögen. Dann redete auch er kurz: Ihr kriegt nächstes Mal welche zum Probieren, meinte er. Heute hatten wir nicht genug, um sie einmal rumgehen zu lassen, aber es dauert sicher nicht mehr lang, bis jemand anders sich verletzt und ein Rezept bekommt. Bei uns gibt’s ständig Verletzungen.
Dann warf Komen ihm einen Blick zu. Wilbur nickte. Er schien hier der Verletzungsexperte zu sein. Und er schien wirklich ein tougher Typ zu sein. Bis jetzt hatte er kein Wort geredet. Aber nun sagte er: Wenn es euch erwischt, wisst ihr, was ihr zu tun habt.
Wir nickten feierlich. Wir stimmten ihnen aus vollem Herzen zu. Wir würden uns mit einem Minimum an Oxy begnügen. Wir würden welche aufsparen, fürs Team.
Bier bekamen wir keins. Wir befürchteten schon, dass wir versagt hätten, und ganz richtig: Am Montag nach dem Training setzten sich die älteren Spieler in ihre Autos und fuhren ohne uns davon. Wir fühlten uns gedemütigt und gaben hauptsächlich Richard die Schuld. Er hätte nicht fragen dürfen, was Oxy war. Er hätte ganz cool tun müssen.
Aber am Samstag darauf gewannen wir unser Trainingsspiel und wurden zur anschließenden Party eingeladen. Jeder trank. Ich genehmigte mir ein Bier, obwohl ich damals eigentlich nie trank, weil ich in erster Linie Sportler war. Ham und Alan tranken viel. Richard trank ein bisschen. Wir hatten die Arme umeinander geschlungen und sangen in Wilburs Garten die Teamhymnen. Als Alan in die Auffahrt kotzte, halfen wir alle, das Erbrochene mit dem Gartenschlauch wegzuspülen. Alan spritzten wir bei der Gelegenheit auch ab. Es war superkomisch. Danach wurden wir zu allen Partys eingeladen. Wir feierten bei jeder Gelegenheit.
Die legendärste aller Partys fand im Sommer nach unserem zweiten Jahr statt, direkt nach Schulende. Wir hatten gerade die Staatsmeisterschaft gewonnen, zum sechsten Mal in Folge. Wilbur und Komen und Iglehart und all die anderen Zwölftklässler, die in unserem ersten Jahr im Team mitgespielt hatten, hatten im Vorjahr schon ihren Abschluss gemacht. McGarvey und Simpson und die anderen Älteren hatten ihn dieses Jahr gemacht. Wir waren die Nachrückenden, wir gaben jetzt den Ton an.
Die Party fand im Haus von Dave Campbell statt. Er war erst in der elften Klasse zum Team gekommen, zusammen mit Max und fünf anderen. Sie waren alle gute Spieler. Aber Dave und Max waren die besten, gleich neben Ham und Alan und Richard und mir. Wir standen bei jedem Spiel gleich von Anfang an auf dem Spielfeld, wir spielten Goalie und Sturm, und ich war auf Face-off spezialisiert. Wir sechs waren die besten Spieler. Wir bildeten das Herz des Teams. Wir waren die Nachrückenden, wir gaben den Ton an.
Die Party war eine Lacrosseparty, aber jeder durfte kommen. Also waren alle möglichen Leute da. Welche vom Schwimmteam, die meistens zu vornehm und zu verkrampft waren, um wirklich zu trinken, und welche von der Fußballmannschaft, also waren sogar der deutsche Austauschschüler und Mateo aus Mexiko dabei. Außerdem eine Gruppe von drei Mädchen, die die Kunstzeitschrift der Schule herausgaben und im Partnerlook erschienen waren, alle im gleichen Männerunterhemd, weißer Feinripp. Alle drei hatten Eddings in der Hosentasche, und kaum, dass sie zur Tür reinspaziert waren, baten sie jeden, ihnen was auf die Haut zu malen. Es waren also alle möglichen Leute da, aber alle wussten, dass es eine Lacrosseparty war.
Von Anfang an fragten die Leute nach Plastikbechern. Max hatte sie, aber er wollte sie nicht rausrücken. Er stieg auf den Esszimmertisch und hielt sich den Becherstapel vor den Mund, als wäre es ein Megaphon. Dabei stieß er sich den Kopf am Deckenventilator. Es war superkomisch.
Er rief, dass alle mal kurz still sein sollten. Gentlemen – und ihr wisst alle, was ich meine, wenn ich Gentlemen sage.
Wir bogen uns vor Lachen. Dann rief jemand dazwischen: Quiek mal wie ein Schwein! Einer von den Jüngeren im Team schrie hinterher: Du hast so einen schönen Mund!
Max ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er zeigte den Zwischenrufern nur den Mittelfinger und rief dann noch lauter: Gentlemen! Und dann begann er zu singen: We are the champions, my friends!
Max war superkomisch.
Er rief: Wir sind das ganze Jahr Staatsmeister! Dann wurde er ernst. Er sah fast so aus, als würde er gleich losweinen. Einen Augenblick lang machten wir uns schon Sorgen. Dann merkten wir aber, dass er nur so tat. Er schloss die Augen und biss sich in die Unterlippe. Schließlich riss er sich zusammen und sagte: Wir sind das ganze Jahr Staatsmeister. Und in der nächsten Saison?
Er legte eine Kunstpause ein, in der er so tat, als müsste er eine Träne verdrücken. Diesmal jubelten wir ihm alle zu. Unsere Stimmen schlossen sich ihm an. Wir hoben ihn hoch. Und riefen alle zusammen: WERDEN WIR WIEDER STAATSMEISTER!
Dann rückte er endlich die Plastikbecher raus, alle holten sich Bier, und die legendäre Party begann.
Auf der legendären Party kotzten vier Typen, und Max angelte sich drei Mädchen in derselben Nacht. Auf der legendären Party aßen wir alle Kirschen, die die Studentenverbindung von Hams Bruder einen Monat in Schnaps eingelegt hatte. Auf der legendären Party machten wir die besten Promiimitationen, und Richard konnte ziemlich gut Nicolas Cage nachmachen, aber ich gewann mit meinem Jack Nicholson. Auf der legendären Party malten wir hundert Schwänze auf das Oberteil von einem der Mädchen von der Kunstzeitschrift, was das Mädchen superkomisch fand, und sie rächte sich, indem sie Seth Marcus mit einer fiesen List dazu kriegte, dass er sich von ihr einen Schwanz auf die Wange malen ließ. Auf der legendären Party tauchte der Dealer von Max auf, und wie von Zauberhand legten alle genug Geld hin, um Daves ganzes Zimmer in eine Hotbox zu verwandeln.
Die Polizei beendete die legendäre Party noch vor Mitternacht. Sie war einfach zu legendär, um wahr zu sein.
Eins von den Kunstmädels rauchte gerade auf der Veranda, sodass es die Polizei als Erste entdeckte. Es stürzte ins Haus und schrie: Bullen, Bullen, Bullen!
Alle drängelten sich zur Hintertür durch. Ein paar sprangen von der Dachterrasse. Die war gar nicht so hoch. Daves Haus lag nah am Wald. Wir kamen alle davon.
Mein Auto parkte auf der Straße. Ich rannte geduckt durch einen Nachbarsgarten und stieg in meinen Wagen, um dann in die andere Richtung zu fahren. Ich fuhr eine Weile alleine herum, ich war noch zu aufgedreht zum Nachhausefahren.
Aber die Magie der legendären Party umschwebte mich immer noch. Denn gerade als ich dachte, dass ich nun wohl doch nach Hause fahren musste, legte ich einen letzten Halt ein, um mir einen Becher Slush zu kaufen, und traf Richard, Ham und Alan im 7-Eleven. Sie wollten gerade gehen. Alan hatte ein Handy, und Dave hatte ihn angerufen, um uns alle zu finden und uns ausrichten zu lassen, dass wir ihn im Denny’s treffen sollten.
(Das wurde danach Tradition. Wir wussten immer, dass wir uns bei Denny’s trafen, wenn eine Party gesprengt wurde.)
Dave und Max aßen schon Pancakes, als wir eintrafen. Dave grinste. Setzen Sie sich, Gentlemen. Ich habe Ihnen was zu erzählen.
Der Mann hat euch wirklich was zu erzählen, bestätigte Max. Er grinste ebenfalls.
Dave war durch den Keller geflüchtet und in den Wald gerannt. Dann kam er wieder zurück, um zu beobachten, was im Haus weiter geschah. Der Polizist war immer noch da, er stand auf der Veranda und sprach in sein Funkgerät. Ich bin beinah ausgetickt, erzählte er. Ich hab schon das Gesicht von meinem Vater vor meinem inneren Auge gesehen. Diesen Junge-du-kannst-schon-mal-den-Stock-holen-Blick.
(Dave sagte immer, seine Mutter sei Anwältin und sein Vater ein Arschloch. Ich wusste nicht, ob er das mit dem Stock wirklich so gemeint hatte, aber niemand fragte genauer nach.)
Dave konnte also nicht zurück ins Haus, weil auf der Veranda ein Polizist stand. Aber sein Auto parkte direkt am Bordstein, also schlich er sich hinter seinen Wagen, wartete, bis der Polizist ihm den Rücken zudrehte, und dann startete er das Auto und sah zu, dass er schleunigst da wegkam. Er war der Meinung, der Polizist habe sein Kennzeichen nicht notiert.
Kurz bevor er auf die Hauptstraße bog, sah er einen Kerl neben der Straße gehen. Es war Max. Eine Weile fuhren sie zusammen durch die Gegend.
Dave hat die ganze Zeit gejault von wegen sein Vater, sein Vater, ich weiß nicht, was ich tun soll, erzählte Max.
Dave erzählte weiter: Aber dann hatte Max eine Idee.
Sie fuhren zu einem Kino und warteten, bis ein paar hübsche Mädchen herauskamen. Alle von Privatschulen. Dave und Max erzählten ihnen, was passiert war, und bekamen dann ihre abgerissenen Eintrittskarten.
Was für ein Film?, wollten wir wissen.
Haltet euch fest: Es war die Neun-Uhr-Vorstellung von Gone in 60 Seconds.
Wir brachen alle in Gelächter aus. Das ist ein Zeichen, meinten wir. Richard brachte noch mal seine Nicolas-Cage-Nummer.
Aber die Geschichte ging natürlich noch weiter: Dave und Max fuhren wieder nach Hause zu Dave, wo immer noch die Plastikbecher auf der Wiese lagen. Dave rief die Polizei. Er behauptete, es sei jemand in sein Haus eingebrochen, während er bei einem Doppeldate im Kino war. Er wollte, dass die Polizei vorbeikam und nachschaute, ob er wirklich ungefährdet wieder ins Haus gehen könnte.
Wir lachten uns einen Ast. Ist echt wahr, sagte Max. Ich hatte keine Ahnung, dass Dave solche Eier hat, aber es ist echt wahr. Ich hab mit eigenen Augen gesehen, wie er das durchgezogen hat. Der Bulle, der dann kam, war derselbe, der die Party gesprengt hatte. Dave spielte seine Rolle perfekt. Er benahm sich wirklich, als wäre er total verängstigt und nervös. Max unterstützte ihn nach Kräften. Der Polizist war natürlich skeptisch.
»Du willst mir also weismachen«, sagte Dave mit seiner Nicolas-Cage-Polizistenstimme, »du willst mir also weismachen, dass du auf die Highschool gehst und keine Ahnung hast, wer in dein Haus eingebrochen sein könnte, um eine Party zu schmeißen, während deine Eltern nicht da waren.« Und ich mit voll dem unschuldigen Blick aus meinen großen blauen Augen: »Aber das stimmt, Sir!«
Das hat der dir doch nie abgenommen, meinte ich.
Wahrscheinlich nicht. Richard zuckte mit den Schultern. Aber es war kurz vor eins am Morgen, der wollte einfach nur nach Hause, im Grunde war dem die Party doch völlig egal.
Außerdem hatten wir ja die abgerissenen Kinokarten, ergänzte Max. Wir haben einfach behauptet, dass wir beide mit unseren Freundinnen aus waren, und dann haben wir ihm die Telefonnummer eines der Mädchen gegeben, für den Fall, dass er unsere Geschichte nachprüfen wollte.
Sie ist mein Alibi, sagte Dave. Ich glaube, sie mag mich.
Natürlich kauften Daves Eltern ihm die Geschichte nicht ab. Später haben wir rausgefunden, dass er sogar einen Mordsärger gekriegt hatte. Aber im Denny’s waren wir wirklich schwer beeindruckt. War ja auch eine echt gute Lüge. Wir waren beeindruckt, dass Max die Idee gehabt hatte, und beeindruckt, dass Dave sie tatsächlich durchgezogen hatte.
Zur Feier des Tages bestellten wir uns alle Pancakes. Und dann fingen wir an, über die Party zu reden. Das Hotboxing im Schlafzimmer. Max und seine drei Mädels. All die unglaublichen Dinge, die an diesem Abend passiert waren. Uns war gar nicht bewusst gewesen, wie legendär diese Party gewesen war, bis wir die Geschichte gemeinsam erzählten. Und während wir darüber redeten, merkten wir, dass wir da was richtig Großartiges erlebt hatten. Und wir konnten es kaum erwarten, es wieder zu tun.
In diesem Sommer ging Dave eine ganze Weile mit seinem Alibi aus. Das Leben ahmt die Ausreden nach, sagte Richard (er zitierte ständig aus der Fernsehshow The Kids in the Hall, als wären wir immer noch in der Achten). Daves Alibi liebte Komödien, und sie machte im Bett alles – aber auch wirklich alles – mit ihm, deswegen war Dave öfters mal nicht dabei, und wir konnten das gut verstehen. Es war sowieso Sommer, und einige von uns waren am Strand oder mit ihren Eltern in Europa, und viele von uns gingen in verschiedene Lacrossetrainingslager, vor allem, wenn sie von der Schule veranstaltet wurden, auf die wir später am liebsten gehen wollten. Richard zum Beispiel besuchte das Trainingslager in der Marineakademie. Ich hatte keine besondere Schule im Auge, also nahm ich einfach das Trainingslager an der University of Maryland. Außerdem besorgte ich mir einen Aushilfsjob im Lacrossegeschäft Lax World, wo ich ganze Nachmittage mit Jugendlichen sprach, die gerade erst anfingen zu spielen. Als ich ihnen erzählte, dass ich auf Face-off spezialisiert war und meine Durchschnittsquote über fünfzig Prozent lag, betrachteten sie mich mit echtem Respekt in den Augen, und mir fiel wieder ein, wie es mir gegangen war, als ich noch in der Neunten war und den Teams nur vom Spielfeldrand zuschauen konnte.
Unterm Strich waren wir also alle gut beschäftigt, und Dave vermissten wir nicht besonders. Unsere Partys waren insgesamt kleiner, meistens nur ein paar Jungs, die zusammensaßen, tranken und sich Geschichten von der legendären Party erzählten und wie wir im Herbst eine noch legendärere schmeißen würden.
Bis August hatten sich Dave und seine Freundin quasi auseinandergelebt, also war er rechtzeitig zum Konditionstraining wieder bei uns. Ungefähr um diese Zeit fingen auch unsere Partys an, wieder interessanter zu werden. Dave sagte, dass alle Mädchen von den Privatschulen gerne mit uns abhängen wollten. Obwohl sein Alibi und er sich getrennt hatten, waren sie immer noch Freunde.
So waren die Mädchen von den Privatschulen. Sie setzten einen nie unter Druck. Nicht dass man mit der Sorte Mädels jetzt die ganze Zeit hätte abhängen wollen oder so. Unsere staatliche Schule war wirklich gut. Meine Mom behauptete, dass die Jugendlichen in unserer Stadt nur dann auf eine Privatschule gingen, wenn irgendwas nicht stimmte, zum Beispiel bei Lernschwierigkeiten oder wenn sie von der staatlichen geflogen waren. Wir wussten nicht so genau, was mit den Privatschulmädels, die auf unsere Partys kamen, nicht stimmte, aber irgendwie merkte man, dass sie anders waren. Einmal zum Beispiel hab ich mich mit einer unterhalten, die meinte, dass sie sich am liebsten Freitagabend ein Sixpack besorgte und dann die ganze Nacht durch die Gegend fuhr, trank und Radio hörte.
Als ich das hörte, dachte ich mir insgeheim: Na, das ist aber ein bisschen zu viel. Ich meine, klar, ich fahr vielleicht auch mal nach einer Party mit dem Auto nach Hause, wenn ich eigentlich schon ein bisschen zu beschwipst zum Fahren bin. Aber das wäre für mich nie eine abendfüllende Beschäftigung gewesen. Ich unterhielt mich aus Höflichkeit noch eine Weile mit ihr. Aber danach konnte ich sie nicht mehr so richtig respektieren.
Wovor man allerdings wirklich Respekt haben musste, war die Tatsache, dass die Mädchen von der Privatschule echt wussten, wie man ordentlich Party macht. Sie brachten immer eine Flasche Schnaps mit. Sie gaben was von ihrem Gras ab. Sie tanzten, egal ob jemand anders tanzte oder nicht. Sie konnten einem gute Tipps für die Collegebewerbungen geben. Und was das Wichtigste war: Sie tauchten immer auf.
In diesem August, kurz bevor die Schule wieder losging, waren wir ganz versessen auf die nächste legendäre Party. Wir fanden, dass alle Partys legendär sein sollten. Wir legten uns voll ins Zeug. Wir riefen Hier kommt Johnny!, wenn wir zur Tür reinkamen. Wir machten Partymixtapes. Wir wurden so gut im Beerpong, dass es keinen Spaß mehr machte, sodass wir uns neue Spiele ausdachten: Wir stellten leere Flaschen auf und zerschmetterten sie mit einem Bowlingball, den Richard in einem Secondhandshop gekauft hatte (wir nannten das Spiel Bowling Rock), wir sangen unsere Teamhymnen. Alles war genau richtig, aber irgendwie fehlte doch immer irgendwas.
Einmal fand ich eine Flasche Whiskey im Büro von Hams Vater und nahm sie mit raus. Ich ging bis zur Wiese. Ich wollte darüber nachdenken, wie ich mein Leben eher von außen betrachtete, als dass ich es wirklich selbst lebte. Ich schaute zum Himmel und hatte das starke Gefühl, dass das stimmte. Das machte mich traurig und irgendwie ruhelos. Als ob man neben einem Mädchen im Kino sitzt und der Film einen langweilt, aber sie ist zu Tränen gerührt, und du hast das Gefühl, dass du sie nicht berühren darfst. Bis dir aufgeht, dass sie vielleicht gerne von dir berührt worden wäre, aber dann ist es schon zu spät.
Dieses Gefühl wurde ich nie so richtig los. Es begleitete mich bei all unseren Partys. Es begleitete mich, wenn ich mit voll aufgedrehtem Radio nach Hause fuhr und wenn ich an die Decke starrte, weil ich nicht einschlafen konnte. Wir sprachen nie darüber, aber ich hatte den Eindruck, dass es einer Menge anderer Jungs auch so ging.
Die Elftklässler gaben sich voll die Partykante, aber wir standen nur daneben und schauten zu. Wir tranken zu viel Bier und kamen uns komisch vor, wenn wir tanzten, also schauten wir den Mädels von der Privatschule zu. Sie waren die, die tatsächlich Party machten. Wir machten nur nach, was sie machten, aber ohne innerlich wirklich dabei zu sein. Wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich gar nicht, ob wir ohne die Privatschulmädchen in diesem Jahr überhaupt Partys geschmissen hätten. Wir hätten eine Menge Spaß verpasst. Und das wäre natürlich eine Tragödie gewesen.
Im ersten Monat der zwölften Klasse setzte ich mir in den Kopf, einen Blowjob von Haley Moreland zu kriegen. Wir aßen gerade Pizza bei Max im Keller nach dem ersten Tag der Probespiele. Wir mussten natürlich nicht mehr mitmachen, wir waren ja das Team. Aber ungefähr dreißig Jungs waren zum Probespielen angetreten.
Die sehen alle richtig ehrgeizig aus, sagte der Trainer, als wir zuschauten, wie sich die Jungs zur Nummernverteilung anstellten. Wir wussten, dass er recht hatte, und wir machten uns Sorgen. Die Jungs rannten so schnell und arbeiteten so hart, und manche von ihnen joggten in den Pausen, einfach nur so zum Angeben.
Sie waren die Probespieler, sie warteten auf eine Chance, sich uns anschließen zu dürfen. Doch wir mussten uns auch ganz schön anstrengen, um mit ihnen mithalten zu können. Deswegen waren wir gemein zu ihnen. Sie wurden bei der Verteidigungsübung richtig hart rangenommen. Max pickte sich einen blonden Jungen heraus, der wirklich gut spielte, und flüsterte ihm immer wieder Pussyschwanz ins Ohr.
Tatsächlich nervte mich das irgendwie. Der blonde Junge wäre ein Gewinn für unser Team, und ich versuchte Max davon abzuhalten, ihn so fertigzumachen. Du bist ein Arschloch, sagte ich in der Trinkpause zu ihm. Das Wort Pussyschwanz gibt es ja nicht mal. Aber im Grunde fanden wir es alle ganz lustig. Und wir mussten irgendwie Dampf ablassen, weil uns der ganze Tag tierisch auf den Senkel gegangen war.
Wir wussten, was los war. Wir hatten im Sommer zu viel Spaß gehabt. Wir waren völlig außer Form. Der Trainer wusste das auch. Und am Ende klatschte er in die Hände und bedankte sich bei allen, dass sie gekommen waren. Dann sagte er: Ich würde gerne mal kurz mit meinen älteren Spielern reden.
Die Neuen gingen weg, mit hängenden Köpfen und hochfliegenden Hoffnungen. Sie hatten noch zwei Tage, um sich bei den Probespielen zu präsentieren, sie würden noch jahrelang an der Highschool sein. Wir hatten nur noch dieses eine Jahr.
Setzen Sie sich, Gentlemen, sagte der Trainer. Wir setzten uns in einem Kreis um ihn herum. Die besten Zwölftklässler, wir sechs, saßen in der Mitte. Der Trainer schaute uns direkt in die Augen.
Ihr habt heute hart gearbeitet, begann der Trainer. Ich weiß das. Aber …
Als er das Wort in der Luft hängen ließ, wurde mir ganz kalt. Obwohl ich wusste, was jetzt kommen würde, lauschte ich seiner Rede mit ganzem Herzen. Ich kann mich noch gut erinnern, was das für ein Druck ist, sagte er, wenn einen das College schon ins Visier nimmt. Und das ist jetzt die beste Zeit eures Lebens, das sind eure goldenen Jahre.
Da wurde mir ein bisschen leichter ums Herz. Es war nicht ganz so schlimm. Der Trainer wollte, dass wir Spaß hatten, dass wir diese Zeit genossen. Ich setzte mich kerzengerade auf. Ich schielte nach links. Dort feixten Max und Dave. Ham und Alan wirkten gelangweilt und verärgert. Zu meiner Rechten hatte Richard seinen Blick ernst auf den Trainer gerichtet, mit ruhigem Gesicht, und er nickte langsam. Ich versuchte mein Gesicht so aussehen zu lassen wie das von Richard.
Aber ich möchte auch, dass ihr wieder Staatsmeister werdet. Und dazu habt ihr dieses Jahr eure letzte Gelegenheit.
Als er das sagte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass wir dieses Jahr vielleicht nicht gewinnen könnten, dass man uns die Meisterschaft wegnehmen könnte. Ich glaube an euch, sagte der Trainer, und mir wurde heiß und kalt in der Brust, und meine Lungen kamen mir so groß vor, dass ich schon Angst hatte, mir könnten die Tränen in die Augen steigen. Das passierte nicht, aber es war eine tolle Ansprache.
Dann ließ der Trainer jeden von uns Ziele für diese Saison formulieren, durch den Raum gehen und sie dabei laut vor uns hersagen. Ich sagte, dass ich meinen Face-off-Prozentanteil auf sechzig Prozent anheben wollte, und der Trainer sagte, Guter Mann, und ich wusste, dass er es ernst meinte.
Der Trainer hatte gute Arbeit geleistet. Er hatte recht. Er musste uns nur motivieren. Trotzdem waren wir danach noch sauer. Also gingen wir anschließend zu Max in den Keller, um Pizza zu essen, und Dave machte die Stimme des Trainers nach und sagte: Ich möchte, dass Sie sich für diese Saison Ziele formulieren, Gentlemen, und dann gingen wir im Keller auf und ab und sprachen laut aus, welche Mädchen uns noch vor Weihnachten einen geblasen haben sollten.
Alle anderen Jungs zählten drei oder vier Mädchen auf, Max nannte sogar fünf, aber von denen hatten ihm schon zwei einen geblasen, deswegen fand ich, dass das nicht zählte. Ich sagte nur Haley Moreland. Ich bin eher so der Ein-Mädchen-Typ, behauptete ich. Das musste jeder respektieren. Ich war kein Mitläufer, der mit seinen Eroberungen prahlte. Ich war ein Ein-Mädchen-Typ.
Aber das erwies sich als Fehler. Ein paar Tage später wurde offensichtlich, dass ich völlig am Arsch war. Haley und ich hatten die erste Stunde gemeinsam, den Grundkurs Infinitesimalrechnung. Sie war zwar eigentlich in der Elften, aber in Mathe war sie ein Jahr weiter. Ich schaute sie die ganze Stunde lang an. Dieses Mädchen sollte mir einen Blowjob geben. Ich versuchte die ganze Zeit, sie nicht anzuschauen, aber letztlich schaute ich sie eben doch an.
Ich kannte Haley seit Kindertagen. Ihre Mutter war mit meiner Mutter befreundet. Es gibt Fotos von uns, wie wir mit sieben oder acht Basketball spielen. Manchmal unterhielten wir uns in den Pausen. Also hätte es eigentlich nicht allzu seltsam ausgesehen, wenn ich sie heute ansprach. Ich wollte nur einfach meinen Blowjob, fertig. Ich hatte gehört, dass sie letztes Jahr einem Zwölftklässler einen geblasen hatte, einem Typen, der mit ihr Kurzstreckenlauf trainierte.
Aber ich konnte sagen, was ich wollte, es funktionierte einfach nicht. Ich machte einen blöden Witz. Sie lachte schon irgendwie, doch im Grunde war es eher ein genervtes Stöhnen. Ich hätte mich ohrfeigen können. Ich hatte Haley zu meinem Ziel erkoren, weil sie so unkompliziert war. Und ich hatte sie immer gemocht. Ich hatte sie auch immer hübsch gefunden. Aber als sie jetzt davonging, spürte ich, wie sich mir der Brustkorb zusammenschnürte, und in dem Moment kapierte ich, dass ich mich in eine unmögliche Lage gebracht hatte. Ich war schwer verliebt in sie.
Ich machte mich monatelang zum Horst vor Haley, bevor ich endlich den Mut beisammen hatte, sie um eine Verabredung zu bitten. Ich wollte sie nicht ins Kino einladen oder so was, weil ich befürchtete, sie könnte mich für langweilig halten. Also fragte ich sie einfach, ob sie auf die Party bei Dave kommen würde.
Es war im Dezember, am letzten Prüfungstag. Dave nannte seine Feier Die Party ADAMDAR. Das stand für Die Party Auf Der Alle Mal Dürfen (Auch Richard).
Natürlich konnten wir das den Leuten nicht auf die Nase binden, also behaupteten wir, »der Adamdar« sei ein neuer Tanz. Aber wir können ihn nicht vorführen, erklärten wir den Leuten. Wenn wir hier anfangen, den Adamdar zu tanzen, wird euch die Lust übermannen.
Es war durchaus witzig, aber nicht so witzig, wie es hätte sein sollen. Und nicht nur, weil Richard so sauer wurde. Die Witze waren einfach nicht mehr so komisch. Unser erstes wichtiges Spiel war im März, und meine Erfolgsquote beim Face-off schwankte immer noch um die Fünfzigprozentmarke. Im Januar standen unsere Collegebewerbungen an. Ein paar von uns hatten sich um eine frühe Entscheidung beworben und waren auf einer Warteliste gelandet. Einer wurde gleich abgelehnt. Auf unserer Brust lastete ein Gewicht, das nicht leichter wurde, egal wie schnell wir im Training rannten.
Aber es gab einen Hoffnungsschimmer. Die Party ADAMDAR fand in Daves Haus statt. Es war die erste Party bei ihm seit der legendären Party.
Daves Eltern vertrauten ihm nicht mehr. Deswegen hatten sie einen Haussitter engagiert, ein Mädchen vom Community College. Also legten wir alle zusammen, um sie zu bestechen, und Dave versprach ihr, dass wir den Lärm in Grenzen halten und hinterher aufräumen würden, dass die Party überhaupt in geregelten Bahnen verlaufen würde.
Wir hatten große Hoffnungen. Wir wollten, dass diese Party toll wurde. Selbstverständlich taten wir generell so, als wäre jede Party toll, aber über diese verbreiteten wir alle möglichen Gerüchte. Wir wollten, dass wirklich jeder kam. Haley hatte auch schon davon gehört, als ich sie einlud. Doch sie meinte, sie habe noch nicht entschieden, ob sie gehen wollte oder nicht. Sie meinte, ich solle sie überzeugen. Also verriet ich hier, dass es Bier geben würde und nicht bloß Wodka, sondern richtig guten Wodka. Ich trink keinen Alkohol, sagte sie.
Okay, aber du rauchst Gras, sagte ich.
Sie sagte: Ja, und? Und dann erklärte ich, dass es auch jede Menge Gras geben würde.
Ich hab gehört, dass da auch getanzt werden soll, sagte sie. Ich hab gehört, dass wir den Adamdar tanzen.
Na ja, manche Leute werden vielleicht schon den Adamdar tanzen. Wenn sie richtig krass unterwegs sind. Das ist ein unglaublich mächtiger Tanz.
Wirst du ihn auch tanzen?
Wenn du kommst.
Sie lächelte mich an und blinzelte, als würde sie angestrengt überlegen. Doch sie sagte nichts. Ich sagte: Also … Kommst du?
Sie meinte: Nö, irgendwie klingt das ziemlich langweilig.
Ich musste sie angeschaut haben wie ein Idiot.
Ich zieh dich doch bloß auf, sagte sie. Ich geh schon hin. Könntest du mich mit dem Auto mitnehmen? Ich wollte erst mit Georgia fahren, aber die hat Hausarrest.
Als ich bei Haley vorfuhr, musste ich natürlich zur Tür gehen und ihre Mutter begrüßen, und ihre Mutter kriegte sich gar nicht mehr ein, wie groß ich geworden war. Sie fragte, ob ich wüsste, dass Haley im Frühjahr als jugendliche Kolumnistin bei der Lokalzeitung anfangen würde.
Mom, sagte Haley.
Die Rubrik heißt Teen Scene, und sie kriegt sogar Geld dafür.
Mom! Haley schaute mich an und verdrehte die Augen. So ein großes Ding ist das jetzt auch wieder nicht.
Und ich dachte mir mal wieder, wie cool und klug Haley war.
Komm, Lee, da kannst du doch stolz drauf sein, sagte ihre Mom.
Ich überlegte, ob ich sie wohl jemals Lee nennen dürfte. Das ist wirklich super, meinte ich zu ihr. Und es war ja auch super. Das müssen wir feiern. Willst du einen Milchshake trinken gehen, bevor wir …
Haley fiel mir rasch ins Wort: Bevor wir ins Kino gehen? Okay, der Film fängt ja erst um halb elf an, also haben wir vorher noch Zeit, stimmt’s?
Stimmt. Ich nickte. Bevor wir ins Kino gehen.
Ich gab Mrs. Moreland die Hand, als wir gingen, und sie musste lachen.
Du warst schon immer so ein goldiger Junge, Nick, sagte sie. Sie sah mich immer noch als kleinen Jungen. Ich wollte irgendwas Passendes antworten, mich beweisen, aber mir fehlten die Worte. Also lächelte ich nur, und wir fuhren los.
Wie sich herausstellte, war das mit dem Milchshake eine gute Idee gewesen. Ich wollte sowieso ein bisschen mit ihr alleine sein. Wir gingen zum griechischen Diner, und Haley beschwerte sich die ganze Zeit über ihre Mutter. Sieht so aus, als wär sie total stolz auf dich, sagte ich.
Mir schnürt das den Atem ab, sagte sie. Sie fragte mich, ob meine Eltern auch so lästig wären. Ich antwortete, wahrscheinlich schon.
Während wir unsere Milchshakes austranken, merkte ich, dass es gut lief. Als sie sich den Mund mit der Serviette abwischte, dachte ich daran, wie sie mir einen blasen würde. Das würde großartig werden. Es gab überhaupt keinen Grund, sich Gedanken zu machen. Ich fuhr mir mit der Hand über den Kopf. Mein Haar war langsam wieder richtig lang geworden. Ich musste es mal wieder abschneiden. Ich musste Haley high machen. Ich hatte extra für sie einen Joint parat, in einer Altoids-Dose im Handschuhfach meines Wagens. Ich wollte, dass wir beide entspannt waren, damit wir mehr, leichter, über richtige Sachen reden konnten.
Sie ließ mich bezahlen und berührte dann leicht meinen Arm, als sie Danke sagte. Als wir bei der Party ankamen, ging sie ein paar Freundinnen begrüßen, aber meinte, ich sollte einfach später nach ihr Ausschau halten. Das war okay. Die Dinge liefen gut.
Ich schätze, da war es so ungefähr zehn. Ich ging zu Richard, um mich mit ihm zu unterhalten und um ihn zu fragen, was bis jetzt passiert war. Nicht so viel, sagte er. Er nickte und schaute sich um: Eines von den Privatschulmädchen tanzte gerade, alleine mitten auf der Tanzfläche. Sie war wirklich schon total neben der Spur. Hey, Pussyschwanz, aus dem Weg, sagte mir Max direkt ins Ohr. Ich hab ein neues Ziel. Er gab mir einen Klaps auf den Hintern und schob sich an uns vorbei, Richtung Tanzfläche, um mit dem Mädchen von der Privatschule zu tanzen. Er hob seine Arme hoch, neben ihrem Körper, aber ohne sie zu berühren. Ganz langsam, als müsste er sie durch Gelee heben.
Wie steht’s mit dir? fragte ich Richard. Hast du für heute Nacht irgendwelche Ziele? Ich sagte das, um ihm Mut zu machen. Nicht um ihn zu verurteilen. Richard war mein ältester Freund, aber insgeheim fragte ich mich doch immer, ob er nicht vielleicht schwul war. Nicht weil sein Gehabe irgendwie schwul gewesen wäre. Aber er machte einfach nie den ersten Schritt.
Mal schauen, was mir so vor die Flinte läuft, sagte er. Das sagte er immer. Weswegen er auch nie ein Mädchen abkriegte. Mädchen liefen einem nicht einfach so vor die Flinte. Ich war zwar nicht unbedingt der Experte, aber jeder wusste das.
Cool, cool
