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Maximilian hat vor zwei Jahren durch eine selbstgeschriebene Geschichte erkannt, dass er schwul ist. Und das Buch ist ein Erfolg geworden. Jetzt steht er unter dem Druck, was Neues zu schreiben. Wenn das so einfach wäre. Das neue Notebook hilft ihm auch nicht wirklich weiter, aber der Verkäufer ist erste Sahne. Als die neue Story dann endlich losgeht, ist plötzlich niemand so richtig begeistert: die Lieblingskollegin Angelika ist genauso entsetzt wie der beste Freund Siegfried. Alexander, Hauptcharakter der entstehenden Geschichte, muss beweisen, dass die Leiche eines Homosexuellen im Heizungskeller nicht sein Werk ist. Die Polizei verdächtigt nur die Schwulen im Haus. Deshalb sucht er zusammen mit seinem besten Kumpel den Mörder auf eigene Faust. Das führt beide durch diverse Betten und bringt doch nicht das dringend notwendige Ergebnis. Bis plötzlich alle Fakten zusammenpassen. Nur dass Alex dabei in der Flugbahn einer Pistolenkugel steht. Derweil geht es auch in Maximilians Leben drunter und drüber. Robert, der neue Freund, hadert mit seiner Veranlagung, eine Arbeitskollegin will ihn fertigmachen und Robert an die Wäsche und sein Mitbewohner trifft gerne Fettnäpfchen. Die Stadt macht ihn zum Integrationsbeauftragten für Gay und Transgender. Wer kann unter solchen Umständen noch ein Buch schreiben? Marc H. Muelle steht für rasante, abwechslungsreiche Literatur, die sich nicht allzu ernst nimmt. In Tuntenkiller schöpft er wieder aus dem Vollen: Mördersuche in der Disco, der geheimnisvolle „Excellence Club“, Sicherungsverwahrung im Luxushotel und ein Showdown vor der Oper - es gibt wieder hochkarätige Unterhaltung, High-Speed Spannung und Überraschungen. Ein Krimi im schwulen Milieu.
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Seitenzahl: 545
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Marc H. Muelle
Max Ander II
Tuntenkiller
Oder: Wer kannte die Leiche im Keller?
Die erste Folge erschien im Frühjahr 2019 im Himmelstürmer Verlag:
Max Ander 1 Lügen und Betrügen ISBN 978–3–86361–756–1
Himmelstürmer Verlag, part of Production House
www.himmelstuermer.de
E–Mail: [email protected]
Originalausgabe, August 2019
© Production House GmbH, 31619 Binnen
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.
Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage
Umschlaggestaltung:
Olaf Welling, Grafik–Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN print 978–3–86361–786–8
ISBN e–pub 978–3–86361–787–5
ISBN pdf 978–3–86361–788–2
Rechtsausschluss
Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Mögliche Bezüge auf real Existierendes sind zufällig und nicht beabsichtigt. Erwähnte Orte und Einrichtungen sind mitunter real, haben aber mit den erfundenen Ereignissen dieses Buches nichts gemein.
Sollte sich jemand trotzdem persönlich wiedererkennen, hat er wohl einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, der es ohne böse Absicht bis ins Buch geschafft hat.
Aus dramaturgischen Gründen wurden Markennamen real ausgeliehen. Deshalb der ausdrückliche Hinweis: natürlich haben weder „Lufthansa“ noch Sparkasse absolut gar nichts mit dem hier Geschriebenen zu tun.
Danke
Mein Verleger Achim Albers gibt mir die Sicherheit, in besten Händen zu sein. Bis hierher war es ein langer Weg, den gute Freund mit bereiteten. Den innigsten Dank an Heike Hoffmann, Klaus Böhler und meinen Anwalt, der bei so einem Schmarren noch immer nicht namentlich genannt werden will.
Und jetzt wünsche ich viel Spannung und Spaß beim Lesen.
Marc H. Muelle
„Wir sollten uns rosa Kontokarten zulegen“, grinste Angelika.
„Geh mir bloß weg damit“, brummte Maximilian und ließ sie ein Kontoeröffnungsformular gegenzeichnen, das er soeben für einen neuen Kunden angelegt hatte.
„Die Statistik ist ganz auf deiner Seite“, feixte seine Arbeitskollegin und beste Freundin. Sie befand sich in dem schwer zu schätzenden Alterskorridor zwischen 35 und 50, der für kleinwüchsige, selbstbewusste Frauen ohne festen Familienanschluss, aber mit ökologischem Speiseplan, umweltbewussten Aktivitäten und sozial ausgewogenem Bewusstsein reserviert war.
Sie setzte ihr Kurzzeichen für die Freigabe der Daten auf den Vordruck. „Schwule sind eine Trendzielgruppe, gut verdienend, nett und unproblematisch.“
Max widersprach ihr mit einem genervten Kiekser, musste sie aber weiterreden lassen.
„Du machst die meisten Neueröffnungen für diese Zielgruppe. Piepgen überlegt wirklich, dich zum Stellvertreter zu ernennen.“
Dass der Filialleiter allen Ernstes schon wieder eine Beförderung beabsichtigte, behagte Maximilian Winter gar nicht. Es fühlte sich falsch an.
Zwei Jahre zuvor hatte er ein Buch geschrieben, eines, das mehr geträumt als selbst zu Papier gebracht war. Die Hauptperson dieses Buches war dann zu seinem Entsetzen homosexuell und Max hatte ähnliche Züge in sich selbst entdeckt.
Mittlerweile gehörte sein Erstlingswerk „Lügen und Betrügen“ zu den Leib– und Magenrezepten von Psychotherapeuten, TV–Seelenberatern und anderen „Experten“, um verunsicherten Männern ihr Coming Out zu erleichtern.
Und es hielt sich seit 12 Monaten in den Bestsellerlisten; was für ein schwules Buch noch immer eine Alleinstellung bedeutete. Okay, inzwischen war es auf dem absteigenden Ast, aber immerhin seit mehr als einem Jahr dabei.
Maximilian hatte diese Geschichte mit voller Absicht unter seinem eigenen Namen veröffentlicht: Wenn er sich zu seiner Veranlagung bekennen wollte, dann sollte er auch zu seinem Buch stehen.
Hätte er mal auf die Verlagsberater – allen voran sein eigener Vater – gehört und ein Pseudonym gewählt! Max selbst hatte nicht im Ansatz mit einem derartigen Verkaufserfolg gerechnet. Es war für ihn nur ein stolzer Teil seiner eigenen Emanzipation gewesen, die Geschichte drucken zu lassen. Inzwischen wurde es in der vierten Auflage herausgegeben.
Angelika ließ nicht locker:
„Jahrelang hast du dir gewünscht, mal erfolgreich zu sein. Jetzt bist du es und das ist dann auch nicht recht.“
Maximilian stöhnte nur leise auf.
„Ich nehme auch einfach nur ein Eis“, ächzte Angelika zurück.
Die beste aller Freundinnen. Wenn sie nicht gerade mal einen Depri hatte. Ihre Laune heute war rein durchschnittlich. Mehr konnte man sich bei gefühlten 30 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit auch gar nicht leisten.
Max, der gerade erst auf dem Stuhl vorm Computerterminal saß, beabsichtigte nicht, sie auf ein Eis einzuladen. Dafür hätte er wieder aufstehen müssen.
„Ich wäre von meinem Erfolg begeistert, wenn ich ihn beruflich verdient hätte. Aber die Beförderung und die super Kundenstatistiken hab´ ich doch nur, weil dieser blöde Reporter mich geoutet hat“, kehrte Maximilian zum Thema zurück.
Ausgerechnet ein Redakteur der „Best“–Zeitung hatte schon zu Beginn seines literarischen Erfolgs recherchiert, dass der schwule Schriftsteller von Beruf ein Bankkaufmann war und ein paar skandalträchtige Zeilen über ihn veröffentlicht.
Diese Aktion ging für beide Seiten nach hinten los. Ein Shitstorm gegen den anti–schwulen Artikel („Lassen sie Ihren Mann hier lieber kein Konto eröffnen“) verblies den Redakteur und Neugierige strömten in Scharen durch die Pforten der Bankfiliale, um den berühmten Schriftsteller bei seiner Arbeit zu sehen. Allen voran natürlich Homosexuelle. Und weil ihnen dieser Bankkaufmann wohl gefiel, eröffneten sie ein ums andere Konto.
„So ein Dilemma“, frotzelte Angelika. „Du bist nicht zufrieden mit deinem Erfolg, weil du lieber als guter erfolgreicher Bankkaufmann gesehen würdest. Aber die meisten Kollegen sind neidisch auf dich – und du weißt, dass Banker den Neid erfunden haben.“ Dann fällte sie das Urteil: „Ein Luxusproblem.“
Maximilian fragte mit hochgezogener Augenbraue:
„Wir haben den Neid erfunden?“
Angelika rutschte mit ihrem Rollstuhl näher – aufstehen wäre nun wirklich zu viel Anstrengung geworden – und erklärte die eigentlich ganz logische Regel:
„Banker jonglieren mit viel Geld. Geld, das ihnen nicht gehört. Anstatt sich die Verantwortung vor Augen zu halten, sehen sie nur ihre Kunden; die, denen der Zaster aus den Ohren quillt. Das ist doch so, als würde Mutter dich jeden Morgen mit Vaters prall gefüllter Geldbörse losschicken und du dürftest dir immer nur einen einzigen Taler davon nehmen. So was macht neidisch, eifersüchtig und verschlagen.“
Maximilian stutzte:
„Du bist auch Bankkauffrau.“
„Genau. Ich weiß, wovon ich spreche“, grinste sie lasch und wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn. „Ich habe eine Dispoverantwortung über knapp 50 Millionen Bareinlagen, bis zu 100 Millionen an festgelegten Geldern und fahre jeden Tag mit einem kleinen Fiat nach Hause.“
„Und warum?“, konterte Max.
„Weil man mir ständig auf die Finger schaut“, gab eine böse Angelika zurück.
Es war wieder einer dieser Tage, an denen man von ihr unwiderlegbare Ansichten der Welt bekam, sehr wertvoll und enttäuschend zugleich. Das wollte niemand haben.
„Sonst wäre ich mit dem Geld schon über alle Berge.“
Das altbekannte Thema: treu und redlich sein, bis die ganz große Chance kommt, mit der Kohle zu verschwinden. Wie Max und Angelika, wussten Banker: nur ein Traum.
„So gesehen bist du keine Bankkauffrau. Du beneidest niemanden“, entgegnete er. „Du ruhst in dir, deinem Kater und deinen wechselnden Liebschaften. Du bist gelernte Bankerin, kannst das wirklich gut und bist unantastbar, weil du im Beruf unehrgeizig bist. Du wirst immer mit dem kleinen Fiat fahren, weil du selbst in dem Moment einer Beförderung auf einen Dienstwagen verzichtest, um weiter ein bescheidenes Auto zu haben. Was anderes würde nicht zu deinem Selbstbild passen. Angelika, du bist sehr reich. Reich an Gefühlen, an Erfahrungen und Menschenkenntnis.“
Sonderbar, wie sich das Mundwerk in der so trägen Soße einer unklimatisierten Bankfiliale einem Hochleistungssprinter gleich bewegen konnte.
„Wow!“, kam es von der anderen Seite des Schreibtisches. „Wenn du so redest, bist du wirklich genervt.“
Maximilian überlegte stöhnend, wie er es formulieren sollte, wo doch selbst sein Hirn als schlabberndes Aspik in der stehenden Hitze des Nachmittags wabbelte. Er holte tief Luft, seufzte und sagte doch nichts.
„Also, Herr Winter, was steckt wirklich dahinter? So deprimiert und unliterarisch bist du doch sonst nicht“, forderte sie ihn heraus.
Zum ersten Mal an diesem Tag ließ Max Winter wirklich den Blick nach innen gleiten und stellte fest, sie hatte recht. „Mein Verleger geht mir auf den Sack: er will ein neues Buch. Ich soll sofort an den Erfolg anknüpfen.“
Angelika nickte verstehend, suchte aber zugleich ihren Schreibtisch ab:
„Weißt du, wo ich den Datumstempel hingetan habe?“
Max musste nicht lange überlegen:
„Da drüben beim Register für die Schließfächer.“
Alte Züge, die sich langsam in Bewegung setzen, knarzen und knurren, wenn sie anfahren. Verrostete Schlosstüren quietschen stöhnend in tiefen Tönen. Angelika hörte sich genau so an, als sie mit der Geschwindigkeit eines unmotivierten Faultieres aus ihrem Stuhl aufstand, um den wenige Meter entfernten Stempel zu holen.
Maximilian hinderte sie daran:
„Schatz, bitte tu uns allen den Gefallen und bleib auf deinem Sitz.“
Mit fragend krauser Stirn blickte sie ihn an.
„Der Rock sollte eigentlich wallend um deine Knie fallen.“
Sie sah an ihren Beinen herunter und schien nichts Besonderes zu entdecken.
„Das tut er doch auch.“
„Vorne ja“, entgegnete Max. „Aber hinten klebt er als feuchtes Tuch an Backen und Hacken.“
Mit einem erschrockenen Quieken sprang sie zurück auf ihren Stuhl.
Sie überlegten gemeinsam, wie man Maximilian aus seiner Schreibstarre erlösen konnte.
„Es ist ja nicht so, dass ich mich einfach hinsetzen kann und los schreibe. Das erste Buch ist wie in Trance entstanden.“
„Ich weiß, mein Lieber, ich habe es schon drei Mal gelesen“, stöhnte Angelika. Sie kannte die Entstehungsgeschichte nur zu gut. Hatte der alte Maximilian, der noch langweilige und tranige, sich doch einfach hingesetzt und losgetextet.
Aber er spürte nicht bewusst, dass er schrieb, sondern erlebte den Inhalt augenblicklich persönlich – wie in einem Wirklichkeitstraum.
„Und jedes Mal, wenn ich ein Klemmbrett nehme, um was Neues zu schreiben, kehre ich automatisch zu der niedrigen Fensterbank in Alexander Franks Wohnungserker zurück. Egal, was ich mache, es beginnt und endet in der alten Geschichte.“
„Vielleicht fängt die neue ja genau so an wie die alte“, versuchte Angelika eine positive Erklärung zu finden. Maximilian tat ihr den Gefallen nicht:
„Nein, es ist definitiv die alte Geschichte. Ich weiß doch am besten, wie die schmeckt.“
Es war unerklärlich; er fiel beim Schreiben nicht mehr in diese Trance, die ihn das Buch direkt erleben ließ. Dabei spürte er genau, dass die alte Story ihn anzog wie ein Schinken die Wespen, sich wieder über die Feder aufs Papier bringen wollte.
„Ich habe einfach nichts Traumatisches mehr erlebt, was ich so verarbeiten müsste“, stellte er fest.
„Und wenn du versuchst, was ganz anderes zu schreiben?“, wandte Angelika ein, während sie die Armverlängerung um ein viertes Lineal erweiterte.
„Ich habe jetzt schon den dritten Schriftstellerkurs absolviert und es klappt noch immer nicht.“
All diese Erörterungen hatten sie beide schon mehrfach hinter sich gebracht. So wie auch das nächste Argument von Angelika:
„Was ist mit dem Computer? Hast du es endlich mal damit versucht?“
„Natürlich“, gab Maximilian zurück. „Aber das Teil ist so lahm. Seitdem ich dieses neue Windows draufhabe, dauert der Bildaufbau schon mal eine Minute.“
Wie in einer überhitzten Zeitschleife überlegte Angelika, und fragte ihn nach dem Gutschein:
„Dein Verleger hat dir doch den Blanko–Auftrag gegeben, einen zeitgemäßen PC zu holen.“
„Bin ich noch nicht zu gekommen“, brummte Max entschuldigend.
Plötzlich, trotz all der lähmenden Hitze und Arbeitsunlust, lieferten Angelikas Hirnzellen einen wunderbaren Vorschlag; eine Idee, von der sie augenblicklich mehr als überzeugt war. Sie wusste sofort, dass ihr Einfall etwas Geniales hatte.
„Warum gehst du nicht jetzt sofort los und holst dir einen neuen PC?“, fragte sie mit erstaunlicher Begeisterung.
„Hast du `ne Lage Kölnisch Wasser geschnupft, oder warum wirst du gerade so aktiv?“, sträubte sich Max sich. Angelika wischte den Einwand mit einer Handbewegung aus der Luft:
„Hier ist nix los und du betrachtest schon freiwillig meinen schweißnassen Hintern. Wie weit soll das noch gehen?“ Und, schwupps!, hatte sie den Telefonhörer in der Hand.
Der erst Anruf war intern:
„Chef, hier läuft gerade gar nix und Max braucht doch einen neuen Computer... Ah, ja. Einen günstigen Drucker für Sie? Soll er gleich mit besorgen. Wo? … Ja, ich dachte an unseren Kunden, den Herrn Althoff. …. Zu teuer? Glaube ich nicht, sonst würden nicht alle Studenten zu dem rennen. Okay, ich schicke ihn.“
Maximilian konnte nicht anders, als ihr verstört zusehen, wie sie sein Leben in Minuten änderte.
Max Winter parkte gegen halb vier vor einem Computergeschäft mit sehr vielen Angebotsaufstellern und Sonderpreisschildern. Das Schaufenster sah aus wie ein Endlager für Aktions–Störer. Niemals wäre er von selbst auf die Idee gekommen, sich hier seinen neuen Rechner zu holen.
Er fühlte sich in der falschen Zielgruppe. Maximilian hatte beabsichtigt, einen Apple iMac zu kaufen, wie ihn angeblich die meisten Schriftsteller nutzten. Okay, zugegeben, diese Art Rechner gehörte zum Teuersten; aber teuer war ja zumeist auch gut. Nur dass es diese Marke hier nicht gab.
Andererseits war sich Max bewusst, dass es eine gute Idee war, bei einem Kunden der eigenen Bank zu kaufen, und sei es nur der Drucker für seinen Chef. Also gab er sich einen Schubs und öffnete eine Tür, die mit einem großen Aufkleber versprach, man habe mit einem zertifizierten Computerexperten zu tun. Der labert mich bestimmt mit technischen Fakten zu, befürchtete Maximilian.
Zuerst war da ein Parcours aus Angebotsschütten und Warengondeln mit Computerinnereien zu überwinden. Max folgte seinem Gehör und fand den Beratungsbereich. Ein junger, pickeliger und scheinbar ungepflegter Mann stand hinter einer von zwei Glastheken, gefüllt mit Soundkarten, Motherboards, Grafikchips und anderen Technikorganen. Vor dem Aknegesicht wimmerte eine junge, hilflose Frau.
„Er läuft aber nicht mehr “, zeterte sie verzweifelt. Die Situation war eindeutig: unfreundlicher Verkäufer ließ wehrlose Kundin abblitzen. Maximilian war kurz davor, umzukehren.
„Was hast du denn gemacht?“, fragte der Pickeljunge mit gelangweilt halb herab gelassenen Augenlidern.
„Gar nichts!“, jammerte sie und warf dabei theatralisch ihre Hände in die Luft. Okay, sie war blond. Max richtete sich auf eine längere Wartezeit ein.
Es war dieses hochfrequente Geräusch aus ihrem Mund, was die Opfer–Täterrolle umkehrte: hier versuchte eine Tussi, den Experten auszutricksen. Das versprach interessant zu werden.
„Wenn du nichts gemacht hast, muss er ja noch laufen“, sprach es von hinter der Theke und interessierte sich schon für einen anderen wartenden Kunden. Aber die Blondine war dagegen:
„Was soll ich denn jetzt machen? Das Teil gibt keinen Ton mehr von sich!“ Die Hilflosigkeit schwang in ihrer Stimme wie die Drohung: ich kann auch noch lauter! Dagegen war der Klang seiner Antwort eher kühl:
„Was hältst du davon, das Teil mitzubringen?“ Maximilians Einschätzung änderte noch einmal die Richtung: warum sollte die Frau einen Computer, den sie ja wohl hier gekauft hatte – und der nicht funktionierte – wieder mitbringen?
„Das Teil ist aber so schwer!“, zeterte sie in die gleiche Röhre. Jetzt beugte sich der Schnöselverkäufer zu ihr vor und schaute ihr boshaft in die Augen:
„Du sagtest, du hast ein Notebook!“
Sie warf die blonden Haare in den Nacken und bestätigte:
„Ein besonders schweres Notebook.“
Maximilians Adrenalin schlich sich zurück in die Drüsen, denn wenn Pickelmann den Computer gar nicht kannte, wie sollte er ihr dann helfen? Und wer dann hatte ihr das Gerät angedreht?
„Wo hast du das Ding denn gekauft?“, wollte der Verkäufer gerade heraus wissen und Maximilian nickte versehentlich zustimmend. Sie nuschelte eine Antwort, offensichtlich für keinen der Anwesenden verständlich.
„Woher?“, fragte der Verkäufer lauter.
„‚Ebay“, kam die peinliche Antwort. Daraufhin ließ der Verkäufer sie links stehen und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Und Max war plötzlich wieder mit ihm einer Meinung, denn er kannte das Problem des Einzelhandels: gekauft wird da, wo es am billigsten ist, aber nachfragen geht man dann beim Experten!
Plötzlich fühlte er sich inkonsequent: einerseits wollte er aufs Geld achten, andererseits war er bereit, für einen Apfel mehr auszugeben. Die abservierte Blondine maulte noch was Beleidigtes und trollte sich schmollend.
„Kann ich ihnen behilflich sein?“, fragte es rauchig männlich von rechts hinten. Noch ehe Max sich umdrehen konnte, lief ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Diese Stimme musste einem Nachrichtensprecher gehören, oder einem Schauspieler oder...
Nun, der reale Anblick holte Max zurück auf den Boden der Tatsachen. Vor ihm stand ein Mann um die 30, in verwaschen ausgeleiertem T–Shirt, eine abgewetzte Cordhose tragend und mit cool studentischer Körperhaltung. All das passte nicht zur Stimme.
Das Gesicht allerdings schon: dicke, dunkelbraune Haare standen frech und witzig mit einem Mecki–Schnitt vom Kopf ab, unter den fragenden Stirnfalten blitzten zwei fast schwarze Augen, von dichten Brauen beschattet, als beobachtete dich ein vorwitziges Eichhörnchen. Eine kräftige, ausdrucksstarke Nase schwebte über zwei dünnen Lippen, die verdächtig wissend lächelten und von einem kräftigen Kinn mit einem pfiffigen Grübchen gestützt wurden. Mund und Kinn wurden von einem gepflegten Goatee Bart umrahmt. Während Maximilians Augen verliebt in Ohnmacht fallen wollten, bat seine Selbstkontrolle um Haltung.
„Ja, sie können mir behilflich sein“, antwortete er stolz. Das war aber auch alles.
So weit reichte seine Schlagfertigkeit, dann ertrank sie im blitzenden Dunkel der Augen gegenüber. Und in seinem Geruch: entgegen der äußeren Erscheinung war dieser Mann ganz sicher gepflegt, denn was man – wenn überhaupt – riechen konnte, war kein Schweiß oder abgetragene Wäsche, sondern purer Kerl.
Maximilian war sich bewusst, dass er gerade wie Depp–der–Doofe dastand und Männerduft inhalierte. Was ihm auch nicht weiter half.
„Womit?“, fragte der Mann. Seine Stimme hätte ganze Frauenschaften zu Hennenkämpfen verleitet! Und eine komplette schwule Bar zu Kreischanfällen. Max schüttelte entschieden den Kopf, um wieder klar zu denken.
„Ich brauche einen PC.“
Diese Ansage kam einer Meisterleistung gleich, denn alle anderen inneren Organe waren damit beschäftigt, Liebesbriefe zu schreiben. Er konnte seine Augen nicht vom diesem Gesicht wenden, das ihn anstrahlte, ohne sich der Folgen bewusst zu sein.
„Brauchen sie wirklich einen PC oder wollen sie nur flirten?“, sprach die göttliche Stimme und holte Max damit endlich aus den Wolken. Wie bitte? Hatte der Mann gerade wirklich unterstellt, er würde ihn anmachen? Er wurde rot bis unter die Haarspitzen.
„Entschuldigung, ich bin hier wohl falsch“, murmelte er verlegen entschuldigend. Und wandte sich zum Gehen.
Eine große Hand hielt ihn vorsichtig, aber bestimmt am Arm fest.
„Au Backe, sie sind der Mann von der Bank!“ Jetzt spiegelte sich Verlegenheit und Bestürzung im Gesicht des Verkäufers. „Ich muss mich entschuldigen, ich dachte, sie wären einer von den Studenten, die mich herausfordern wollen.“
Noch ehe er wirklich nachdenken konnte, spürte Maximilian, wie sich eine sehr komplizierte Geschichte entwickelte. Sprachlos standen sie voreinander. Der Mann erkannte offensichtlich, dass er Max gerade als Schwulen abgestempelt hatte – und suchte nach einem Ausweg.
Dabei hatte er ja Recht.
Maximilian sah sich um; eigentlich war dieses Geschäft gut und ordentlich sortiert, nicht wie so eine Ramschbude für Computerteile – wenn er das beurteilen konnte. Außerdem sprach er mit einem seiner eigenen Bankkunden; einem, der einfach den falschen Anfang gefunden hatte. Und sehr gut aussah. Obersahneschnittenmännermäßiggeil, um es auf den Punkt zu bringen.
Max streckte die Hand aus und sagte:
„Ich bin Maximilian Winter und komme, um einen Computer zu kaufen.“
Der Mann schlug ein und sein betroffen um Vergebung bittendes Lächeln hätte beinahe eine neue Begeisterungswelle losgetreten.
„Ich bin Robert Althoff und hoffe, sie nehmen mir das gerade nicht übel. Wissen sie, hier kommen viele Studenten herein und in der letzten Zeit sind einige dabei, die unbedingt herausfinden wollen, ob ich schwul bin.“
Jetzt hatte Max Glück: noch bevor er etwas fragen konnte, fuhr Herr Robert Althoff fort:
„Wissen sie, ich bin zugleich auch Tutor an der Uni und daher kennen mich viele. In der schwulen Fraktion hat sich das Gerücht breit gemacht, ich wäre von der gleichen Fakultät, und jetzt wollen die halt herausfinden, ob es stimmt. Bitte verzeihen Sie meine Unterstellung.“
Max unterdrückte alle Interpretationsansätze und konzentrierte sich auf seine Mission:
„Ich muss Sie enttäuschen, denn ich suche wirklich nur einen PC.“
Dann erinnerte er sich an seinen erweiterten Auftrag und ergänzte:
„Und einen Drucker für unseren Filialleiter.“
Die folgende fachliche Abfrage wurde etwas kryptisch: was er denn genau suche? Etwas zum Schreiben. Ob er einen PC oder ein Notebook wolle? Was zum Schreiben. Mit Grafikprogrammen und Office–Suite? Einfach was zum Schreiben.
Jetzt verstand Robert Althoff, dass er es mit einem normalen Menschen zu tun hatte und nicht mit einem sich selbst überschätzenden Pseudo–Nerd. Er bat Maximilian um eine kurze Beschreibung seiner Bedürfnisse.
„Ich will einfach nur einen Computer, mit dem ich ein Buch schreiben kann. Okay, E–Mails dürfen es auch sein. Aber vor allem ein gutes Schreibprogramm und etwas, um für die Bank zu rechnen. Und vielleicht auch ein paar Grafiken, Bilder für einen neuen Buchtitel. Also ganz was Einfaches.“
Robert Althoff lächelte milde:
„Entgegen all dem, was die Werbung erzählt, gibt es diese Apps, die man einfach einschaltet und sofort versteht, noch immer nicht. Welche Programme sind Sie denn gewöhnt?“
Maximilian antwortete mit den bekannten Namen: Word, Excel, Outlook; dem, was ihm in der Bankenwelt geläufig war.
„Also ein professionelles Softwarepaket“, summierte Herr Althoff und ließ doch Maximilians Augen nicht aus dem Blick, als spräche er ein auswendig gelerntes Skript, während in Wirklichkeit der Mensch vor ihm ausgelotet wurde. „Und in welche Hardware packen wir das?“
Was antworten, wenn man gerade voll damit beschäftigt ist, dem forschenden Blick standzuhalten? Hardware? Die nächstliegende Hardware entwickelte sich gerade in Maximilians Hose – und er glaubte nun doch nicht, dass gerade davon die Rede war.
Hoffentlich blickte niemand gerade auf seine Leistengegend! Da die erwartete Antwort ausfiel, versuchte es Herr Althoff mit einer anderen Frage, ließ dabei aber immer noch nicht Maximilians Augen aus dem Blick:
„Dachten Sie an eine bestimmte Marke?“
Max hatte sich natürlich überhaupt keine Überlegungen gemacht – und wenn, dann konnte er sich gerade nicht mehr daran erinnern. Das kecke Blitzen in den Augen seines Gegenübers half da auch nicht gerade weiter.
„So ein iMac wäre doch nicht schlecht, oder?“, schaffte Max, während sein innerer Rechner herauszufinden versuchte, warum der Typ so anziehend wirkte.
Der Mann zog plötzlich die Augenbrauen hoch und war zum ersten Mal wirklich überrascht!
„Einen Apple?“, fragte der schmale Mund im Bartrahmen. „Sie kommen in ein Computergeschäft für Studenten und denken an ein Apple?“
Teile von Maximilians Zwischenspeicher beschäftigten sich dann doch noch mit der aktuellen Konversation:
„Nun ja, es heißt doch, dass viele Studenten mit einem iMac oder einem iPad arbeiten.“
Herr Althoff lachte laut auf:
„Diese Art von Studenten hat Eltern mit einem Budget, das ein Vielfaches das meiner Studenten hier beträgt! Willkommen in der Wirklichkeit: wer einen Apple will, darf nicht feilschen.“
Maximilian fühlte sich mit jeder Faser ertappt und antwortete deshalb kleinlaut:
„Ich wollte gar nicht feilschen.“ Na ja, dachte er, Studentenrabatt kriege ich ja eh nicht.
Eine Pause entstand, in der sich die erregten Gesichtszüge von Herrn Robert Althoff wieder glätteten. Warum auch immer, Maximilian hätte diesem Mann, diesem Geruch, alles abgekauft. Vielleicht sogar einen Apfel.
„Tschuldigung“, setzte Herr Althoff dann zurückhaltend fort. „Ich glaube, ich muss mich noch mal entschuldigen, ich bin so sehr das Feilschen gewohnt, dass ich auf ein richtiges Verkaufsgespräch gar nicht eingestellt bin.“
„Nehmen Sie sich Ihre Zeit“, antwortete Max, wobei er weniger das Verkaufen, als die Dauer des Gespräches meinte. Es hätte gerne sehr lang sein können. Wurde es aber nicht, denn der Experte erklärte:
„Sie möchten einen Computer zum Schreiben, mit leichten Grafikprogrammen, der auch noch in zwei, drei Jahren den Standards entspricht. Das ist eine gute Entscheidung. Lassen Sie mich doch etwas für Sie zusammenstellen. Das bringe ich ihnen dann heute Abend vorbei. Ist das ein akzeptabler Vorschlag?“
Maximilians Blick klebte an den Augen von Herrn Althoff. Teile seiner inneren Festplatte nahmen zur Kenntnis, dass ihm ein individuelles Angebot gemacht werden sollte. Die kleine Schnittstelle hinter Maximilians linkem Ohr vermerkte zudem, dass er wohl privat betreut würde.
Und wenn sich der Beschleuniger in seinem Hormonzentrum nicht irrte, hatte Herr Robert Althoff gerade auf sehr raffinierte Art nach seiner Adresse gefragte. Der Chip in der Nähe des Kleinhirns, vermerkte zwar, über Geldbeträge noch kein Wort vernommen zu haben, aber das wurde vom immensen Datenfluss der Hormonspeicher überschwemmt.
Dieser sportliche Verkäufer wollte ihn also besuchen! Ein kleines Interface in Nähe der Sehnerven wies darauf hin, dass Maximilian jetzt bestimmt schon seit einer gefühlten Zeit von drei Jahren den Verkäufer anhimmelte.
Also riss er sich zusammen und versuchte, sein geiferndes Gehabe unter Kontrolle zu bekommen.
„Sie wollen mir einen Computer vorbeibringen?“, versuchte er, einen Anschluss ans Gespräch zu finden. Sein Gegenüber schenkte ihm ein Lächeln, zweideutig frech und einladend erotisch. Oder bildete Max sich das nur ein?
„Ich würde da gerne einiges zusammenstellen“, grinste Herr Althoff schelmisch. Maximilian stellte fest, dass er schon lange die Kontrolle über die Unterhaltung verloren hatte. Wie auch sollte er sich darauf konzentrieren, wenn hier pure Männlichkeit in Verkleidung eines halb abgerissenen Studenten auf ihn einstrahlte?
„Keine Angst, ich werde Sie nicht über den Tisch ziehen“, ergänzte Herr Althoff, wobei Maximilian dagegen auch nichts gehabt hätte.
„Na, seid ihr Beide euch schon einig?“, quirlte eine amüsierte Frauenstimme dazwischen. Angelika! Maximilians Arbeitskollegin war also nach Geschäftsschluss hierhergefahren, um zu sehen, wie die Dinge liefen.
Sein Hauptprozessor benötigte einen Moment, bis er sich auf die neue Situation eingestellt hatte. Auch der Verkäufer Robert Althoff war sichtlich um Orientierung bemüht. Angelika aber schaute belustigt zwischen beiden hin und her.
„Ja, doch, ich glaube schon“, setzte Max zu einer Erklärung an.
„Also, ich stell dann mal was Passendes zusammen“, pflichtete Herr Althoff ihm bei. Er schien sich ertappt zu fühlen. Ertappt wobei?
Angelika zog Maximilian am Arm und sagte – etwas zu bestimmend – und zu laut:
„Na, dann können wir ja jetzt zu den anderen ins Café gehen.“
Was sollte das jetzt? Es gab keine anderen und Max hatte nicht vor in ein Café zu gehen. Gerade als er das laut sagen wollte, erkannte er Angelikas angedeutetes Zwinkern. Okay, also würde er mitspielen.
„Dann muss ich wohl mal”, setzte er an, um sich vom Verkäufer zu verabschieden. Erkannte er da etwa Enttäuschung im Blick seines Gegenübers?
Ach ja! Natürlich! Wie sollte Herr Althoff zu ihm nach Hause kommen können, ohne seine die Adresse zu kennen? Leicht verlegen zog Max ein kleines Etui aus der Hosentasche, fummelte dort eine Visitenkarte hervor und übergab möglichst unverfänglich.
Angelika schaffte es, bis zum Café locker und ruhig zu bleiben. Dann aber, als sie mit Max in einem kleinen Straßenlokal an einem Zweiertisch saß, platzte sie heraus:
„Das hat ja vielleicht gefunkt zwischen Euch!“
Maximilian fragte, wovon sie spreche.
„Na, du und der Althoff! Wie ihr euch angesehen habt! Wenn da ein Hähnchen durchgeflogen wäre, hättest du es sofort gut durchgebraten verkaufen können.“
Maximilian war das Ganze sehr peinlich. Allerdings auch etwas interessant.
„Du glaubst, ich hätte geflirtet?“
Angelika lachte prustend los:
„Das war der reinste Porno!“
„Und du glaubst, der Verkäufer ist auch”, weiter kam Maximilian nicht, denn seine Geli nickte sehr vehement.
„Robert Althoff ist seit acht Jahren mein Kunde und ich konnte mir einfach keinen Reim auf ihn machen.“
Jetzt war Max gar nicht mehr genant, sondern nur noch neugierig:
„Du glaubst also auch, dass er schwul ist?“
„Bisher war er undefinierbar. Aber das gerade war so eindeutig geil. Der Typ hat eine ungezähmte Männlichkeit. Aber immer, wenn er mit mir zu tun hat, versteckt er sie. Nicht so bei dir. Oh, mein kleiner Maximilian, da hast du was vor dir!“
Ohne zu überlegen, fragte er nur:
„Hä?“
„Glaubst du, der Kerl fragt erst nach, ob er dich küssen darf? Der langt zu!“
Eine Gänsehaut kletterte seine Arme, eroberte die Schultern und rutschte ihm dann den Rücken runter. Auch wenn Angelika das vielleicht nicht so sehen konnte, er hätte nichts gegen einen richtig hemmungslosen Kerl gehabt. Zumindest im Bett.
„Also, da könnte ich mir Schlimmeres vorstellen“, gab er leise zu. Angelika lachte lauf auf.
„Ich auch!“
Sie lagen sich kichernd in den Armen.
Genau betrachtet, musste Maximilian seiner Freundin Recht geben.
„Er hat schon was Tierisches an sich. Das ist etwas beängstigend. Andererseits...“
„Ja, andererseits!“, stimmte Angelika zu. „Ich habe mich oft gefragt, ob ich so einen Kerl haben wollte, oder lieber einen eleganten, verständlichen Freund.“
„Und?“
„Ich wurde nie vor die Wahl gestellt.“
Jetzt lachten beide laut los.
„Also, so ganz blicke ich da noch nicht durch“, nörgelte Siegfried, während er mit einer großen Schüssel Kaltschale die Veranda eroberte. „Ist der Typ jetzt schwul oder nicht?“
Es war kein besonders großer Garten, eher eine Minimalparzelle, halt das, was ein Reihenhaus von einer Etagenwohnung unterscheidet. Auf der Terrasse war gerade Platz für eine kleine Vierer–Gartengarnitur, wobei zwei der Stühle schon zu mehr als der Hälfte auf dem Rasen standen.
Aber es war eine Veranda mit angeschlossenem Mikrogarten. Maximilian war stolz auf sein kleines Reich. Sigi auch. Sie hatten sich zusammen diese bescheidene Hütte von etwas über 140 Quadratmetern gekauft.
Nun ja, eigentlich gehörte ihnen augenblicklich nur der Eingangsbereich mit dem angrenzenden Gäste–WC und vielleicht ein halber Meter Küche. Der Rest war noch Eigentum der Bank, die Max – schließlich war er ja dort angestellt – mit einem sehr vertretbaren Kredit unterstützt hatte.
Sie hockten in ihrem kleinen Vorgarten, was viel zu selten passierte. Zum einen war das Wetter in Deutschland ja nicht immer das Beste und zum anderen bot Siegfrieds Dienstplan selten Passendes für gemeinsame Zeiten. Er war Steward auf Deutschlands größter Fluglinie und genoss es: ferne Länder, viel reisen, ein gutes Gehalt und jede Menge Sex.
Seit Maximilian Sigi kannte, war in ihm ein Vorurteil zur Gewissheit geworden: dass Schwule wirklich auf Uniformen standen. Sein bester Freund mochte schon von Natur aus mit einer blendenden Figur und gutem Aussehen gesegnet sein, aber die meisten Kerle eroberte er nicht in schwulen Bars, sondern während der Arbeit. Deshalb bezeichnete er sich selbst nicht nur als Saftschubse, sondern auch als Business–Class–Aufreißer.
Früher einmal hätte man sogar First–Class–Aufreißer sagen können, aber seitdem das bei der Lufthansa „Senator–Klasse“ hieß, war der Klang doch zu sehr nach altem Mann.
„Du wirst ihn dir selbst anschauen können“, erzählte Maximilian „denn er hat vor, heute Abend den neuen Computer zu liefern.“
„Jippie!“, jubelte Siegfried ohne Rücksicht auf die Nachbarn. Erstens saßen die auf ihren eigenen Veranden so nah bei, dass sie selbst die Landung eines Schmetterlings noch als Lärmbelästigung durchgegangen wäre; und zweitens nahmen die Herrschaften links und rechts auch keine akustische Rücksicht auf zwei Schwule, die sich mit ihrer kleinen rosa Parzelle mitten in die Reihenhaussiedlung gequetscht hatten.
„Unser Mäxchen bekommt Besuch!“, freute sich Siegfried mit unveränderter Lautstärke.
Das war dem nun gar nicht recht und auch etwas peinlich:
„Ich weiß doch eh nicht, ob der so wie wir ist ...“
Weiter kam er nicht, denn Sigi schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass der Löffel in der Kaltschale aufhüpfte.
„Sag es laut!“, donnerte der Steward. „Bei deiner Freundin Angelika kannst du es auch. Also sprich es auch aus, wenn unsere Nachbarn dich hören können!“
„Na, dich hören sie garantiert noch in der nächsten Siedlung“, mokierte Max sich, dem der erhöhte Pegel peinlich war, vor allem beim aktuellen Thema.
„Natürlich können sie mich hören!“, jodelte Siegfried. „Ich bin aber auch nicht lauter, als die Heteromischpoke ringsum. Also, Max, sag es.“
Früher hatte Maximilian mit Nichtverstehen reagiert, aber das lag lange zurück. Und Siegfried hatte immer gewonnen; an Lautstärke und Argumentation. Also tat er es:
„Ich weiß doch gar nicht, ob der Computerverkäufer auch schwul ist.“
Das übliche Prozedere ergab sich: Sigi legte eine Hand lauschend hinters linke Ohr:
„Ich verstehe dich nicht.“
Max wiederholte seinen Satz mit etwas verstärkter Stimme.
„Ich verstehe dich noch immer nicht“, grinste Siegfried provokant.
Also schrie Max ihn verzweifelt an:
„Ich weiß nicht, ob er schwul ist, aber es wäre schön, wenn er es wäre!“
„Habt ihr denn nur das eine Thema?“, rief es von jenseits der Verandamauer. „Das wird doch selbst für Schwulenhasser langweilig!“
Die Stimme stammte vom Nachbarn links, der nun eigentlich gar nichts gegen Homosexuelle hatte, wohl aber gegen schwules Gequake.
Maximilian und Siegfried brachen in lautes Lachen aus, bis der Mann den Kopf um die Trennmauer herum streckte.
„Jungs, ich würde einfach gerne mein kleines kühles Bierchen zischen, ohne immer daran zu denken, wie ihr euch rektal penetriert.“
Coole Entgegnung und eine steile Vorlage für Siegfried.
„Ach, wissen Sie, Analverkehr ist gesellschaftlich einfach überbewertet.“ Dabei winkte er aristokratisch gelangweilt mit einem abgewinkelten Handgelenk. „Keine Angst, wir wollen ihnen ihr Bierchen nicht verderben. Ich werde gleich ganz still sein, wenn unser Maximilian hier mit seinem – ich muss zugeben: hoffentlich schwulen – Besuch auf seinem Zimmer verschwindet.“
Ein leicht säuerliches Lächeln breitete sich im Gesicht des Nachbarn aus.
„Also, ums Sexleben kann man euch ja beneiden“, gab er schmunzelnd zu.
„Auch hier muss ich Sie korrigieren“, erwiderte Sigi, „das gilt nur für mich. Dieser junge Herr hier hat ein doch noch sehr katholisches Verhältnis zur Sexualität. Und das verträgt sich auf Dauer nicht mit seiner Veranlagung. Sowas gibt nur schlechtes Karma.“
„Na, dann macht mal Euer Karma, aber behaltet es doch einfach für Euch“, grinste der Nachbar und wollte gerade wieder verschwinden, als Siegfried ihn aufhielt:
„Ein Tipp: wenn wir zu laut über – Sie wissen schon was – reden, erinnern Sie uns daran, dass wir einfach Ficken sagen sollen.“
Maximilian schrumpelt in seinem Gartensessel auf Postkartenformat zusammen. Peinliche Schamesröte breitete sich über sein Gesicht wie der Schatten einer Sonnenfinsternis. Der Nachbar war dagegen schlagfertiger.
„Und Sie denken jetzt jedes Mal, wenn Sie Ihre Schwulitäten durch die Gegend krähen, an den warmen, tiefen, behaarten Schoß einer üppigen Frau.“
Damit war er wieder verschwunden. Sigi fuhr sich mit der Hand über die Augen.
„Das nenne ich mal einen Konter. Wenn ich das bitte sofort verdrängen dürfte.“
In diesem Moment näherte sich das dröhnende Wummern eines schweren Motorrads. Siegfried und Maximilian reckten zugleich die Hälse wie zwei Truthähne auf Futtersuche, denn wo ein Motorrad war, konnte auch ein knackig verpackter Kerl sein.
Um über die Hecke am Ende des Gartens zu schauen, hinter der die Siedlungsstraße verlief, brauchten sie sich nicht in ihren Sesseln aufzurichten. Das Gewächs war noch im Baby–Stadium und hatte sich bisher nicht entschließen müssen, ob es zum Modell „Dornröschen–Schloss“ oder eher Marke „Anwaltsanwesen“ gedeihen wollte.
So konnten die beiden Beobachter im Garten sehr gut zusehen, wie ein schwarzes Motorrad im Streetfighter–Stil herandonnerte und erst im letzten Moment bremste. Das Bike wurde abrupt langsamer, glitt noch an einigen Hausparzellen vorbei, bis es in den Stichweg einbog, zu den rückwärtigen Parkplätzen und Hauseingängen. Das alles bedachten Sigi und Max nicht, sie glotzen nur süchtig.
Auf dem Motorrad saß ein Mann in engem schwarzem Leder, mit breiten Schultern. Der schwarze Helm war sicherlich nicht ideal für die Verkehrssicherheit, aber er passte affentittengeil zur Gesamterscheinung. Andächtiges Schweigen füllte den kleinen Garten. Das interpretierte der Nachbar falsch, als er herüberrief:
„Na, da seid ihr jetzt aber still, was? Hab´ ich euch geschafft?“
Siegfried wedelte nur gelangweilt abwehrend mit der Hand in Richtung Trennwand. Dann aber wanderte selbige Hand zu seinem Dekolletee, während sein Blick dem bereits um die Ecke verschwundenen Motorradfahrer hinterher schmachtete. Seinen Lippen entschlüpfte ein erotisiertes:
„Mon Dieuchen, was war denn das?“
Max hüllte sich wohlweislich in Schweigen, angereichert mit einer mulmigen Vorahnung. Über den Stichweg, in den soeben der Motorradfahrer eingebogen war, konnte man nur zu zwei Parkplätzen gelangen: dem Zugang für insgesamt zwölf Häuser, was das soziale Nachbarschaftsverhalten überschaubar machte.
Wie wahrscheinlich war es, dass einer der Anlieger heute Abend Besuch von einem schwarzen Unbekannten auf einer Höllenmaschine bekam? Eins zu zwölf. Eigentlich. Wenn Max nicht gerade sehr passend zur Uhrzeit einen Gast erwartet hätte.
Noch betete er, Robert Althoff würde mit einem Lieferwagen kommen. Aber irgendwie lag es nahe, dass dieser Kerl im Leder wohl zu ihm wollte. Ein Drittel seines Inneren freute sich, ein Drittel dachte besorgt an das Urteil der Nachbarn und das dritte fragte, was er wohl mit einem solchen geilen Kerl überhaupt machen sollte. Sex?
Er, Maximilian, der kleine Schreiberling, der seine eigene Emanzipation eher auf Bücherseiten als im wahren Leben vollzog, bekam Besuch von einem Mann. Nicht von einem domestizierten Homosexuellen, sondern von einem ungezähmten Exemplar Homme Sauvage. So in Gedanken versunken, verpasste er, auf Sigi zu achten.
Siegfried Weber war es gewohnt, Eventualitäten vorher zu berechnen. Wenn ein Businessklassekunde beim Einchecken nicht mehr den Platz seiner Wahl bekommen hatte, war vorhersehbar, dass selbige Person auf dem Flug verstärkt Ärger machte.
Und wenn ein knackegeiler Motorradfahrer sich in die Niederungen einer zu 91,67 Prozent heterosexuellen Siedlung begab, war die Eventualität, dass er bei den verbleibenden 8,33 Prozent klingelt, nicht eben gering. Also musste dieser Kerl der angekündigte Computerverkäufer mit Flutlichtausstrahlung sein.
Während Max sich noch fragte, wie der eventuell mit einem Motorrad erschienene Robert Althoff einen Computer transportierte, sauste sein Mitbewohner Siegfried durch Wohnzimmer und Diele zur Tür. Als es dann wirklich läutete, zog Maximilian mit furchtverzerrtem Blick den Kopf zwischen die Schultern; Sigi hingegen riss begeistert den Eingang auf und rief:
„Du musst der Mann mit dem Computer sein!“
Vor ihm standen 1,92 Meter Männlichkeit, in schwarzes Leder gespannt, den Helm unterm Arm. Robert Althoffs Blick glitt an Siegfried rauf und runter und registrierte: ein gelbes T–Shirt mit blauem Aufdruck „Let Us Fuck The Hostess As No Steward´s Available“, eine blaue Jogginghose mit eingesticktem Logo eines Kranichs, Badelatschen mit gleichem Emblem und eine verdammt gutaussehende, aber eben: Tucke.
„Was heißt das da auf deinem T–Shirt?“, fragte Herr Althoff und blieb ansonsten regungslos auf der Schwelle stehen.
Siegfried hingegen sah nur die Erscheinung, und das war es: eine Erscheinung!
„Lesen Sie einfach nur den ersten Buchstaben jedes Wortes, dann haben Sie die Lösung“, grinste Siegfried, „oder soll ich lieber du sagen?“
„Von mir aus kannst du auch Meister zu mir sagen“, entgegnete der Mann in Schwarz, während er die ersten Buchstaben der Wörter auf dem T–Shirt zusammenaddierte.
„LUFTHANSA“, sagte er und begriff anschließend: „Ey, das ist gut. Du bist also eine Saftschubse.“ Und schob Siegfried beiseite, als er ins Haus ging. „Ganz schöne Hütte. Aber ein Reihenhaus. Ich hasse Reihenhäuser.“
„Ich wette, Sie haben eine alleinstehende Villa“, säuselte Sigi ihm bittergiftig hinterher. Der süffisante Unterton war schwer zu überhören.
„Habe eine einfache Mietwohnung“, klärte ihn der Herr im Lederdress auf.
Sigi schloss die Tür und eilte dem Motorradfahrer ins Wohnzimmer nach.
„Ich heiße Siegfried“, stellte er sich dem Mann von hinten vor. Keine Reaktion. „Möchtest du was trinken?“
Seine Konversationsversuche blieben unbeantwortet. In der Tür zur Veranda stand Max und bewegte sich nicht.
Eine doch recht komische Stimmung lag plötzlich in der Luft. Sigi schrieb es dem ungewohnt herben Männlichkeitsaspekt zu; in diesem Haushalt dann doch etwas selten.
„Hier kommt Ihr Computer“, sagte der Motorradfahrer zu Max. Siegfried blinzelte verwirrt: man siezte sich? Was, wenn das wirklich nur ein heterosexueller Computerspezialist war, der einen guten Kunden daheim beraten wollte? Er zog den Kopf ein und schlich kommentarlos auf sein Zimmer im ersten Stock.
„Hallo, da bin ich“, sagte Robert Althoff etwas unsicher und streckte Maximilian seine rechte Hand hin. Der war noch immer mit der inneren Diskussion beschäftigt, was er mit einem so herben Wesen überhaupt anstellen sollte. Dann holte ihn aber die naheliegende Erkenntnis, dass es hier nur um einen Rechner ging, aus dem Nebel der inneren Zwiesprache. Er schritt auf Robert Althoff zu und schüttelte lächelnd seine Hand:
„Schön, dass Sie gekommen sind. Lassen Sie uns nach oben gehen, ich zeige ihnen, wo der Computer stehen soll.“
Max in seiner gelben Bermudahose mit dem orangenfarbenen Polohemd, ging voran die Treppe rauf und kam sich völlig falsch gekleidet vor. Am Nachmittag noch hatte er ja einen Anzug – zwar ohne Krawatte, aber eben doch was Businessmäßiges – getragen, und damit auch deutlich mehr Seriosität verbreitet, als jetzt.
„Ich habe eine Bitte“, sprach der hinter ihn kommende Mann. „Können wir uns nicht duzen? Ich weiß, Sie sind Banker, und ich Ihr Kunde ,...“
Maximilian drehte sich freudestrahlend um, denn plötzlich war die unsichere Spannung gelöst.
„Ich bin Max.“
„Robert”, strahlte ihn das kernig schöne Gesicht an.
Und dann waren sie oben.
Maximilian hatte beim Hauskauf das Dachgeschoss für sich ausgesucht, denn durch die hohen Giebelfenster kam viel Licht herein. Der ungefähr 40 Quadratmeter große Hauptraum war durch eine freistehende Bücherwand in zwei Teile getrennt, einen zum Schlafen und einen als Büro und Gästeecke. Seitlich ging eine Tür in das, was sein größter Stolz war: ein geräumiges Bad in Schneeweiß, wie in einem Luxushotel.
Die genauen Ausmaße und Details waren durch die zu nur einem Viertel geöffnete Tür nicht erkennbar. Aber es reichte auch so, um Eindruck zu machen.
Robert Althoff stand einfach nur da und staunte.
„Das sieht aus, als hätte es ein Innenarchitekt gestaltet.“
„Wenn das als Kompliment gemeint ist, nehme ich es gerne an“, grinste Max voller Besitzerstolz.
„Eine verdammt schicke Hütte, für einen einfachen Bankangestellten“, rutsche es dem Motorradfahrer heraus, dann schaute er etwas betroffen und entschuldigte sich. „Sorry, ist nicht böse gemeint. Ich vergleiche nur mit meiner eigenen Bude, und da sieht es nicht so aus wie hier. Im Gegenteil, so ein Haus könnte ich mir trotz eines nicht gerade schlecht gehenden Geschäftes kaum leisten.“
Maximilian lenkte lachend ein.
„Na ja, das hier gehört auch zum Großteil noch der Bank, und du darfst nicht vergessen, dass wir das zu zweit tragen. Da kann man sich doch schon den einen oder anderen Wunsch erfüllen.“
Während er seine Motorradlederjacke auszog, fragte Robert:
„Ihr seid aber kein Paar, oder?“
Eigentlich hätte Max sich bei dieser Frage unwohl fühlen müssen, weil er noch immer nicht daran gewohnt war, als Schwuler eingestuft zu werden. Und im Grunde war das ja auch noch gar keine Verurteilung, nur eine Frage nach der Eventualität. Er schüttelte den Kopf.
„Wir sind das, was man wohl eine Luxuswohngemeinschaft nennen könnte. Siegfried und ich verstehen uns blendend. Vor einem Jahr haben wir uns zusammengetan und dieses kleine Häuschen gekauft.“ Dass dahinter viel weitergehende Pläne steckten, wie zum Beispiel eine Lebensgemeinschaft, ohne einen festen Partner haben zu müssen, ließ er jetzt unerwähnt.
Robert konzentrierte sich auf etwas ganz anderes. Er legte seine Jacke über die Sitzlehne eines Sessels in der Sitzecke. Dann öffnete er den mitgebrachten Rucksack.
Maximilian wusste nicht wohin mit seinen Augen. Der Kerl vor ihm trug ein schwarzes, ärmelloses Top, das verdammt eng anlag. Die Figur von Robert Althoff war wie geschaffen für erotische Werbung. Wie, um alles in der Welt, benahm man sich jetzt unauffällig?
Noch kümmerte sich der Biker nicht um Max, sonst wäre ihm der bewundernd starre Blick wahrscheinlich aufgefallen. Man konnte einfach nicht wegsehen.
„Jetzt wollen wir mal nicht vergessen, dass ich hier bin, um einen Wunsch zu erfüllten“, grinste Robert Althoff.
Max starrte ihn erstaunt an. Konnte der Typ Gedanken lesen? Doch dann erkannte er, wie sein Besucher einen relativ flachen Karton aus dem Rucksack holte. Ein Notebook! Ach so, das meinte er mit „Wunsch erfüllen“. Enttäuschung.
„Du hast mich heute Nachmittag etwas verwirrt“, meinte Robert Althoff. Maximilian hütete sich, das auch nur ansatzweise falsch zu verstehen. „Da kommt ein Banker in meinen Studentenladen und hat die Vorstellung, mal eben einem Apple Computer zu kaufen. Na ja, die kleine Diskussion hatten wir ja schon. Ich hab das dann mal so gedeutet, dass du was Gutes mit Qualität und Design suchst.“
Maximilian staunte: da war Robert schon konkreter, als er selbst bei dem Thema. Und er gab dem Motorradfahrer nickend Recht.
Die größte Kapazität seines Hirnes war allerdings damit belegt, nicht immer auf den faszinierend gut geformten Oberkörper zu schauen. Jetzt richtete Robert Althoff sich ganz auf und hielt den Notebookkarton hoch. Max aber sah weiter auf das enge Muscle–Shirt, unter dem sich im Brustbereich nicht nur zwei deutliche Nippel abzeichneten, sondern auch daran befestigte Ringe; nicht gerade klein. Ach du grüner Minidildo!
„Das hier ist ein Business–Notebook, qualitativ so das Beste, was es zu kaufen gibt“, erklärte Robert Althoff und öffnete den Karton. Merkte er wirklich nicht, dass Maximilians Blicke an seine beringten Brustwarzen festgetackert waren? In der gelben Bermudahose wurde es verdammt eng und der Herzschlag beschleunigte, dass es ihm die Röte ins Gesicht trieb. Scheiß auf den Computer, ich will den Kerl!, dachte er.
Um nicht allzu sehr im Schritt aufzufallen, plumpste Max rücklings auf das Sofa und beugte sich, Interesse am Rechner heuchelnd, so weit vor, dass der veritable Ständer in seiner Hose von den Falten des Stoffes verdeckt wurde.
Es war ein lackschwarzes Notebook mit einem umlaufenden Rand aus mattsilbernem Material. Die untere rechte Ecke zierte ein Logo. Nicht nur, dass das Teil edel aussah, Max erkannte sofort die Marke, die zumeist von Managern genutzt wurde. Okay, das Gerät gefiel ihm auf Anhieb; und damit meinte er jetzt teilweise sogar den Computer. Robert erklärte:
„Ich dachte, ein Notebook wäre passend für dich. Diese dicken stationären Teile, die am Arbeitsplatz verschraubt sind, haben ihre besten Tage schon hinter sich.“
Maximilian war sehr dankbar, für die nächsten zehn Minuten mit den Vorteilen dieses richtig schicken Mobil–PCs beschäftigt zu sein. Die Versteifung in seiner Leistengegend löste sich langsam wieder auf und seine Aufmerksamkeit galt in steigendem Maße der Computervorführung.
„Vielleicht setzen wir uns besser an den Schreibtisch“, schlug Robert Althoff vor. Okay, dachte Max, da wird das Ding dann ja wohl auch stehen, wenn ich das neue Buch schreibe.
Doch während der Verkäufer das Gerät aufstellte, fühlte Maximilian plötzlich eine böse Leere in sich: Wovon sollte sein neues Buch handeln? Mit einem Mal war ihm klar, was er seit Monaten nicht hatte einsehen wollen: Es gab kein neues Thema. All die Ausreden, die Computersuche, die schwulen Nebenkriegsschauplätze in der Bank, zerfielen zu Staub angesichts der Erkenntnis: Maximilian Winter hatte nichts, was er in einem geschriebenen Traum aufarbeiten musste.
Mit wenigen Handgriffen hatte Robert das Notebook am Strom angeschlossen.
„Komm, schalte mal ein!“, forderte er Max auf. Der setzte sich vor das noch eben so schöne Laptop und wusste schon vorab, hier nicht die Lösung seines Problems zu sehen. Die Technik war jetzt da, aber ohne Sinn.
„Das dauert einen Moment, bis Windows komplett hochgefahren ist“, klang die Erläuterung wie von Ferne. Hatte er noch eben mehr Interesse für den Lieferanten gezeigt, war es jetzt die aufkommende Enttäuschung, nichts mehr zu sagen oder zu schreiben zu haben.
„Erfrischung?“, kam es von der Tür. Siegfried hatte sich, mit einem Tablett und drei Cocktails bewaffnet, die Treppen nach oben geschubst und kam seinem Naturell nach: Getränke verteilen.
Max blieb gelähmt auf seinem Stuhl, denn er hatte näher hingesehen. Sigi trug jetzt eine knackenge Radlerhose aus Polyester und ein ärmelloses T–Shirt. Okay, beides in Dunkelblau, aber irgendwie doch ziemlich schwul. Robert stöhnte brummig:
„Ich hab´s mir doch gedacht: ne Tunte!“
„Ich weiß ja nicht, was ihr hier Intensives treibt, aber angesichts der hohen Temperaturen ist doch ein Erfrischungsgetränk sehr zu empfehlen“, säuselte Siegfried und kam mit den Drinks herein. Übertrieben graziös legte er vor Robert eine Serviette auf den Tisch und stellte dann ein Glas darauf.
Max fragte sich, ob Sigi das mit der Tunte absichtlich überhört hatte. Anscheinend.
„Ein kleiner Mojito ist zugleich abkühlend und enthemmend“, zwitscherte die boshafte Stewardess und schenkte Max ein übertrieben freundliches Lächeln. Natürlich hatte er das „enthemmend“ verstanden. Noch deutlicher konnte die Anspielung auf seine sexuelle Verklemmtheit kaum sein.
„Da ist Alkohol drin?“, fragte Robert.
„Ein winziger Schuss“, flötete der Purser und nahm sich selbst das dritte Glas. Er schob den darin stehenden Strohhalm so eindeutig zweideutig zwischen seine Lippen, dass selbst Produzenten billiger Sexfilme um mehr Niveau gefleht hätten.
„Was wird das?“, fragte Robert. „Willst du mich anmachen?“
„Nur die Situation etwas auflockern“, gurrte Sigi zurück und schien die plötzliche Stimmungsschieflage zu überhören.
„Schatz, bitte, lass uns allein“, flehte Maximilian, der Siegfrieds Rechenfehler nur zu deutlich erkannte: Da versuchte eine überdrehte Husche, einen echten Kerl mit den falschen Reizen zu erobern.
Dabei war Sigi nicht wirklich tuntig; na ja, nicht so ganz. Es war einfach seine Art überdrehten Humors. Und der kam bei Robert Althoff sichtlich falsch an.
„Dein Auftritt hat wirklich für Abkühlung gesorgt“, säuerte Maximilian der Wolkenserviceschluse hinterher.
Die zweifelhafte Kellner–Erscheinung verschwand durch die Tür.
„Mit so was lebst du zusammen?“, stöhnte Robert.
Max musste ungewollt lachen.
„Er ist gar nicht so schlimm und selbst als Hobbytunte eigentlich witzig und liebenswert. Er kann halt nicht verkraften, dass der geile Motorradfahrer mein Besuch ist.“
Während Maximilian sprach, schlich Robert sich zur Tür und riss sie mit einem Ruck auf. Ein schriller Aufschrei gellte durchs Treppenhaus, gefolgt vom klirrenden Zerspringen eines Cocktailglases.
„Hab ich mir doch gedacht: ein Spanner!“, triumphierte Robert dem fliehenden Steward hinterher. Dann schloss er lachend die Tür. „Das war doch wohl klar.“
Max hielt sich prustend am Schreibtisch fest:
„Tja, da gehen mit dem Schwulen schon mal die Pferde durch, wenn so ein knackiges Teil im Haus ist.“
Robert kam auf Max zu und blieb breitbeinig vor ihm stehen:
„Und du, wie steht’s bei dir?“
Das Lachen stockte. Was sollte er sagen? Dass er auch homosexuell war?
„Oder willst du mir weismachen, du wärst nicht schwul?“, setzte Robert Althoff nach.
Und dann war es plötzlich ganz ruhig in Max. Egal welche Konsequenzen es hätte, er würde auf keinen Fall seine Veranlagung verleugnen. Er nickte deutlich:
„Schwuler geht’s nicht.“
Was dann kam, war nicht vorherzusehen gewesen. Robert riss die Augen auf, irgendetwas geschah gerade in seinem Hirn. Dann ging er neben Maximilian, der auf seinem Schreibtischstuhl saß, in die Hocke, wobei das schwarze Leder vernehmbar knarrte.
„Du bist der Maximilian Winter, der ‚Lügen und Betrügen’ geschrieben hat?“ Das klang nicht nach Vorwurf, da lag deutliche Bewunderung in der Stimme. Roberts Augen schauten Max von unten herauf an, seine Stirn lag in Falten, als wolle er flehen, die Frage mit „ja“ zu beantworten.
Er nickte:
„Deshalb brauche ich ja auch den Computer. Ich soll ein neues Buch schreiben. Und mein Verleger meint, dass ich das wohl mit einem PC besser kann.“ Es klang wie ein Eingeständnis, eine Entschuldigung. Aber es kam ganz anders bei Robert an. Plumps, saß der auf dem Boden und stützte sich mit den Händen hinterm Rücken ab.
„Ich fasse es nicht, ich treffe Maximilian Winter!“, seufzte er, ganz ohne Kerlgetue. „Das glaubt mir doch kein Schwein.“
Max hatte also noch einen Fan gewonnen. Warum wollte ihm das gar nicht gefallen? Weil binnen einer Sekunde aus einem strahlenden Mann ein Bewunderer geworden war. Das bekannte Dilemma: Er würde wieder wie ein berühmter Schriftsteller behandelt werden, nicht als einfacher Mensch Maximilian Winter. Das kannte er inzwischen zu gut.
Dann aber sah er in Roberts glühendes Gesicht, das trotz der Begeisterung seine herbe Männlichkeit nicht verlor. Ach, was soll’s, dachte Maximilian und setzte sich einfach neben Robert Althoff auf den Boden.
„Na, bin ich so, wie du es dir vorgestellt hast?“, fragte er Robert frei heraus.
Zwei dunkelbraune Augen musterten ihn, die Stirn in überlegenden Falten. Dann schüttelte Robert den Kopf:
„Du bist nicht der Schlamper Maximilian Winter, du bist was ganz anderes. Komisch, ich hätte nie gedacht, dass du ‚Lügen und Betrügen’ geschrieben hast. Du bist einfach nur nett.“
Einfach nur nett? „Nett“ ist die kleine Schwester von „Scheiße“, sagte Angelika immer. Nun, als Kompliment war das nicht besonders gelungen. Wer wollte denn einfach nur nett sein? Max hatte diese Art Beschreibung schon zu oft gehört, als dass er sich darüber noch freuen konnte. Also forschte er etwas emotional distanziert nach:
„Wie bist du denn veranlagt, wenn ich fragen darf?“
Robert zuckte mit den Achseln:
„Eigentlich bin ich bi, aber je älter ich werde, desto mehr zieht es mich zu Männern.“
Jetzt begann Max doch, die einzelnen Fakten zusammen zu zählen. Und die Summe war einfach: Robert Althoff kam am Abend zu ihm nach Hause und jetzt saßen sie zusammen auf dem Boden. Das klang alles nicht nach Abneigung.
Allerdings war Max mal wieder zu verklemmt, eine weitere Annäherung zu wagen. Verdammt, schimpfte er innerlich, der Typ ist nicht nur geil, sondern auch richtig süß; also mal ran an die Buletten! Stattdessen blieb er einfach bei Robert hocken, jeder Sprache beraubt.
So saßen sie da nebeneinander und wagten es nicht, sich anzusehen. Wenn das hier ein Roman wäre, dachte Maximilian, würden wir spätestens jetzt uns küssen. Aber er traute sich nicht. Und Herr Robert Althoff anscheinend noch weniger. Dabei knisterte es zwischen ihnen wie in einem Umspannwerk der städtischen Stromversorgung.
In seinem Schädel lief der Wahrscheinlichkeitsrechner auf Hochtouren und erzählte, was nach einem Kuss passieren würde. Und das war Sex.
Diese Aussicht kühlte die Gefühle radikal ab. Denn er hatte nicht die geringste Ahnung, was er mit einem so offensichtlich heißen Typ wie Robert anstelle sollte, wollte oder würde. Und es einfach mal passieren zu lassen war bei Max genau so möglich wie Pinguine und Eisbären am selben Ende der Welt.
Ja, es wäre Robert gegenüber unfair gewesen. Mit Männern, die ihn wirklich interessierten, ging er nicht direkt am ersten Abend ins Bett. Und auch nicht in Büsche, Klappen oder Saunakabinen. Irgendwie rieben sich seine beiden inneren Erregungen an einander wie Bremsscheibe und –backe: es kam zum Stillstand.
Einerseits war da die erhebliche sexuelle Erregung, die seine Hormone brodeln ließ, andererseits verhinderte aber die romantische Seite, dass vordergründige Erotik einen Ansatz von Liebe schon beim ersten Anlauf zwischen den Laken erstickte.
„Huhu?“, fragte Robert und wedelte dabei mit der Hand vor Maximilians Augen.
„Oh, Entschuldigung, ich war gerade ziemlich in Gedanken“, stammelte der leicht verlegen und sprang auf. Damit löste sich die fordernde Spannung der Situation. Aber auch die spannende Nähe. Maximilian verdrängte diese wirren Gedanken und stürzte sich auf das Notebook.
„Ist da denn schon ein Schreibprogramm drauf?“
Ein sichtlich enttäuschter Biker stand vom Boden auf und setzte sich zu ihm.
In der nächsten halben Stunde erklärte der Computerfachmann geduldig, was das Gerät alles konnte. Was deutlich mehr war, als Max brauchte.
Auf Knopfdruck sauste der Rechner schneller durchs Internet, als Maximilian geistig mithalten konnte. Zugleich breitete sich in ihm wieder die Enttäuschung aus: jetzt gab es keine Ausreden mehr.
Seit über einem Jahr hatte sich an einer neuen Geschichte abgearbeitet, ob als Fortsetzung des alten Buches „Lügen und Betrügen“ oder auch als völlig neue Erzählung. Zu dumm, dass ihm nichts wirklich Erzählenswertes eingefallen war, kein allgemein gängiges Thema für ein Buch.
Und eine Systematik dafür beherrschte er nicht, denn sein erstes Werk war aus eigener Not heraus entstanden, ohne strategische Planung. Woher sollte er jetzt wieder eine drängende Verzweiflung nehmen? Und wirklich süchtig danach war er wirklich nicht.
Max verkrampfte sich, während er unter Roberts Anweisung in die Tiefen der Textverarbeitung vordrang.
„Junge, jetzt mach mal eine Pause“, sagte der neben ihm hockende Computerspezialist. „du jagst ja durch das Programm, als wärst du auf einer Schatzsuche. Das ist ein Computer, kein Heilsbringer.“
Roberts Stimme in Maximilians Nacken bereitete ihm eine Gänsehaut, aber keine Erlösung. Schnaufend ließ er die Computermaus los und zuckte mit den Schultern:
„Ich hatte wohl erhofft, dass dieser PC meine Schreibblockade bricht. Tut er aber nicht.“
„Ein Computer ist auch nur so gut wie der, der ihn bedient“, entließ Robert eine entschuldigende Floskel in den Raum. Max nickte:
„Und wenn in mir gerade keine Story steckt, dann auch nicht im Notebook.“
Robert nickte und erhob sich.
„Ich werde dann mal gehen. Melde dich doch einfach morgen mal bei mir, ob du das Teil“, und er zeigte auf den Laptop, „behalten willst.“
Dann nannte er Maximilian einen erstaunlich günstigen Preis, inklusive Software. Das war garantiert ein Spezialangebot und ganz sicher derart unter dem Studentenrabatt, dass Max es nicht annehmen konnte. Aber der Bikerkerl grinste nur breit und zog seine Lederjacke wieder an.
Unten vor der Haustür verabschiedeten sie sich mit der Versicherung, am nächsten Tag zu telefonieren. Und dann aber, gerade als Robert sich den Helm aufsetzen wollte, hielt er inne, ging noch einmal zu Max zurück und sagte leise:
„Ich weiß, dass ich das nicht tun sollte, aber ich wage es einfach mal.“
Dann nahm er Maximilian in den Arm und gab ihm einen Kuss. Draußen vor der Tür. Jeder konnte sie sehen. Es war kein einfacher Sicherheitskuss von Serienschauspielern, sondern schon etwas mit viel Lippen und Zunge. Max sah innerlich erschrocken zu, wie er mitmachte. Und es genoss.
Fünf Minuten später verließ ein schwarzer Streetfighter mit einem in enges Leder gehüllten Fahrer die Siedlung und Maximilian schwebte zurück über die Schwelle, durch die Haustür in den Flur.
Siegfried stand mitten im Wohnzimmer, inzwischen wieder in ein normales T–Shirt und eine Bermudahose gekleidet, und stemmte grinsend die Hände in die Hüften:
„Na, das sind doch mal wunderbare Aussichten.“
Maximilian fühlte, wie sein Gesicht vor Scham rot und heiß wurde.
„Aber, aber, mein Kind, das ist doch nichts Peinliches!“, kicherte Sigi und warf Eiswürfel in zwei Sektgläser. „Okay, es erstaunt mich schon, dass du in aller Öffentlichkeit mit einem Mann knutschst. Aber lass mich versichern: Mit dem hätte ich es sogar vor laufender Kamera der Tagesschau getan.“
„Für die Tagesschau würdest du sogar eine Frau knutschen!“, giftete Max zurück.
Zur Feier des Tages wurde eine Flasche Prosecco geopfert.
„Unser Maximilian hat sich verliebt“, säuselte Siegfried dabei neckend. „Prost, mein Schatz, auf die Liebe!“
Max nahm dankbar ein Glas und kühlte sein aufgewühltes Inneres mit einem ordentlichen Schluck. Um dann in ein nerviges Verhör zu geraten.
„Jetzt erzähl mal“, forderte Sigi neugierig.
Ihm war aber gerade nicht danach, über sein eh erst aufkeimendes Liebesleben zu referieren.
„Ein High–Tech Notebook, das ich zum Probieren bekommen habe“, lenkte er grinsend ab. „Soll ich es dir mal zeigen?“
„Du sollst mir keinen blöden Computer zeigen!“, giftete Sigi. „Davon haben wir auf den Flügen schon genügend. Ich will Details über das frisch erblühende Liebesleben.“
„Als wenn ihr davon nicht auch genug auf den Flügen hättet“, grinste Maximilian und nahm noch einen Schluck.
Eine halbe Stunde später gelang es ihm, den höchst neugierigen Siegfried im Wohnzimmer allein zu lassen. Nun saß er endlich vor dem neuen Rechner. Allerdings noch immer ohne Idee, was er schreiben sollte.
In schierer Hilflosigkeit beschloss er, eine neue, jungfräuliche Datei anzulegen. Er wollte so was wie „Robert verließ das Haus mit dem Versprechen, bald zurück zu kommen“ eingeben.
„Alexander starrte kopfschütte“, erschien stattdessen auf dem Bildschirm.
Maximilian blinzelte und starrte auf die Buchstaben. Das fühlte sich urplötzlich an wie eine neue Geschichte! Doch sein Versuch, den angefangenen Satz fortzusetzen, misslang. So ein Mist! Das da schien ein neuer Anfang zu sein, nicht mehr das alte Buch.
Max spürte, dass allein die Ereignisse des Abends zu einer neuen Story führen konnten. Aber sie sperrte sich, wollte nicht auf Befehl herauskommen.
Und nach all den Monaten, in denen er nach einem neuen Thema gesucht hatte, kam Max ein neuer, gefährlicher Gedanke: Was, wenn ihn diese neue Handlung wieder veränderte? Beim letzten Mal war seine versteckte, nicht einmal von ihm selbst bemerkte Homosexualität, hervorgebrochen.
Okay, inzwischen war er ein bekennender Schwuler, was ihm vor zwei Jahren nicht im Traum eingefallen wäre. Aber was würde jetzt passieren, wenn er ein neues Buch schrieb? Würde er zu King Kong oder Greta Garbo? Nun ja, die Garbo war ja schon für Sigi reserviert.
Er bewegte die Maus zum letzten Buchstaben des angefangenen Satzes. Und dann beobachtete er mit freudig erschrocken aufgerissenen Augen, wie sich weitere dazu gesellten.
Maximilian schrieb ein neues Buch!
Alexander starrte kopfschüttelnd zu Boden. Er schämte sich für seinen Freund und Nachbarn Fabian. Egal was da eine Etage unter ihm ablief, es würde nicht in die Annalen niveauvoller Kommunikation eingehen.
Leicht genervt und schwer neugierig ging er in die Küche, um sich ein möglichst großes Wasserglas zu besorgen. Das legte er dann im Wohnzimmer mit der Öffnung nach unten auf den Steinboden und hockte sich daneben. Dann legte er ein Ohr aufs Glas. Eine jahrhundertealte Abhörtaktik.
Alexander lebte nicht mehr in seiner früheren, heißgeliebten Eigentumswohnung, die er mit seinem letzten – nein: vorletzten – Freund eingerichtet hatte. Diese Immobilie hatte er vermietet; besonders, weil er darin die wohl schlimmsten Stunden seines Lebens erlebt hatte.
Inzwischen war er 26 Jahre alt und versuchte noch immer, das Bild seines letzten Partners, Lukas Häusler, aus dem Gedächtnis zu verdrängen. Denn darauf trug sein Freund ein Einschussloch unter dem Kinn und blutverschmiertes Haar.
Das Gezeter aus der Wohnung unter ihm forderte ungeteilte Aufmerksamkeit:
„Jetzt reichts!“, konnte Alexander Fabian durch Fliesenboden und Glas hören. Dass er gerade Hans, seinen seit drei Wochen auserkorenen Hausfreund, anschrie, war nicht schwer zu erraten. Das folgende Wortgefecht verstand er aber undeutlicher, denn die Protagonisten eine Etage tiefer entfernten sich ins Bad. Alex sprang auf, nahm das Glas vom Boden und rannte hinterher in sein Badezimmer. Aber bei aller Anstrengung vernahm er nur noch, wie die Tür der Waschmaschine zugeworfen wurde und eine laut aufheulende Fabianstimme kreischte. Wenn Fabi kräht, kannst du nichts verstehen. Und auf ein Glas verzichten.
