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Strandspaziergänge, gutes Essen, frühlingshaftes Wetter - auf Sylt genießt Greta die Zeit mit ihrem Freund Joost in vollen Zügen. Auch ein toter Baulöwe auf einer Jacht und ein Juwelendieb, der nachts in die Häuser der Vermögenden einsteigt, trüben die Freude nicht. Doch dann hält das Verbrechen Einzug in Joosts Nachbarschaft - und mit der Idylle ist es schlagartig vorbei. Hobbydetektivin Greta beginnt, Nachforschungen anzustellen. Und auf einmal steckt sie mittendrin in einem Fall voller Kunst, Gier und menschlicher Abgründe.
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Sylvia Bergman
Über den Dächern von Sylt
Kriminalroman
Mord. Munkmarsch. Martinis. Eigentlich wollte Greta Kaiser nur entspannte Tage auf Sylt verbringen – spazieren im frischen Frühlingswind, gutes Essen genießen und ihrem charmanten Freund Joost Thomsen Gesellschaft leisten. Doch als der prominente Berliner Baulöwe Falk Otto nach einer Spendengala tot auf seiner Jacht aufgefunden wird, ist es vorbei mit der Idylle. Die Polizei verdächtigt einen Juwelendieb, der nachts in die Häuser der Reichen steigt und wertvolle Gegenstände entwendet. Greta will sich raushalten – bis eine Nachbarin von Joost stirbt und das Verbrechen auch in ihrer Nachbarschaft Einzug hält. Auf Bitten ihrer Freunde nimmt Hobbydetektivin Greta die Fährte auf. Und stößt dabei auf gut gehütete Geheimnisse, stille Feindschaften und mehr Schein als Sein in den Dünenvillen Sylts.
Sylvia Bergman schreibt seit Jahren Thriller und Kriminalromane. Sie wurde in der Altmark geboren und studierte in Hamburg Betriebswirtschaftslehre. Mit ihrer ersten Kriminalromanserie weckte sie schnell die Aufmerksamkeit ihrer Leser. Sowohl ihre Krimis als auch ihre packenden Thriller sind geprägt von starken weiblichen Charakteren, die sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen müssen. Ihre Leser schätzen die unverhofften Wendungen in ihren Büchern und das überraschende Ende. Sylvia Bergman lebt mit ihrer Familie in der Lüneburger Heide.
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Juergen Sack / iStock.com
ISBN 978-3-7349-3592-3
Falk Otto war ein stattlicher Mann. Nicht groß, doch auf markante Art gut aussehend. Ein Immobilienentwickler, wie seine korrekte Berufsbezeichnung lautete. Ein skrupelloser Geschäftsmann, wie ihn seine Freunde hinter vorgehaltener Hand nannten. Die Presse beschrieb ihn als scheinheiligen Berliner Baulöwen, als Bonzen, als Kunstdieb und Betrüger. Wahrscheinlich war Falk Otto all das.
Die Leute zerrissen sich das Maul über ihn und seine Taten, also musste er etwas erreicht haben. Ein Mann, der ein erstklassiges Restaurant – das Dünenschiff – auf Sylt eröffnet hatte. Der allein eine Spendenaktion zugunsten benachteiligter Kinder aus dem Boden stampfen konnte – eine Gala –, bei der Kunst gezeigt worden war, die seit dem Zweiten Weltkrieg niemand zu Gesicht bekommen hatte. Ob an den Gerüchten etwas dran war, dass er eines der Kunstwerke gestohlen hatte, würde vermutlich nie jemand erfahren. Doch eins stand fest: An so einen Mann musste man sich erinnern.
Das war auch notwendig, denn Falk Otto wurde soeben auf einem Edelstahltisch in die Gerichtsmedizin in Kiel gerollt. An seinem Zeh hing kein Zettel. Dass er tot war, ließ sich dennoch nicht leugnen. In seine Stirn, genau mittig zwischen die Augen, hatte jemand einen spitzen Gegenstand geschlagen, der den Frontallappen fast vollständig durchdrungen hatte. Genau genommen handelte es sich um eine bronzene Figur des Achilles, deren Speer als Waffe gedient hatte. Zu diesem Ergebnis war nicht nur die Spurensicherung der Mordkommission aus Flensburg gelangt, nachdem man ihn auf seinem Boot im Munkmarscher Hafen auf Sylt gefunden hatte. Der Briefbeschwerer hatte mit der Lanze voraus in der Stirn des Immobilienentwicklers gesteckt, als ihn seine Bootsnachbarn in der Nacht auf Montagmorgen durchs Fenster entdeckt hatten. Inzwischen lag er bei den Beweismitteln.
Währenddessen lasen Falk Ottos Freunde und Bekannte von seinem kürzlichen Dahinscheiden in der Zeitung. Es herrschte Verwunderung, Bestürzung und es gab jede Menge Fragen. Etwas, das Falk Otto zu Lebzeiten erfreut hätte. Er hatte negative Publicity gemocht, weil sie ihm Mitleidspunkte bei seinen Kunden eingebracht hatte. Er hatte sich zeitlebens bürgernah gegeben. Flanell getragen, wo andere das dunkle Sakko mit blauem Hemd gewählt hätten. Und gespendet, um die Öffentlichkeit von seinem tadellosen Charakter zu überzeugen. Alles Augenwischerei. Bilder seiner Siebzehn-Meter-Jacht, auf der er in der letzten Nacht getötet worden war, hatte er bewusst aus den Medien rausgehalten.
Und sein Plan war aufgegangen. Meistens zumindest. Den einen oder anderen hatte er auf seinem Weg mit sich gerissen. So mancher war dabei unter die Räder gekommen. Berufsrisiko, wie Falk Otto gesagt hätte.
Das hatte ihm nicht nur Freunde, sondern auch jede Menge Feinde eingebracht. Womöglich hatte selbst er sein Ende nicht so früh kommen sehen.
Die Spendengala, die im Hotel Severin’s Resort & Spa von ihm organisiert worden war, lag erst zwei Tage zurück. Doch durch die Verkettung ungünstiger Umstände, an denen eine ältere Dame, die derzeit Urlaub auf der Insel machte, nicht unschuldig war, konnte ein anschließender Kunstraub direkt mit Falk Otto in Verbindung gebracht werden. Unter den Beteiligten munkelte man, dass Falk Otto noch am Sonntag nach der Gala auf die Dienststelle in Westerland gebeten worden war, um vernommen zu werden. Ob als Zeuge oder Verdächtiger – dazu gab es nur Spekulationen. Was man sicher wusste, war, dass er eine Gruppe Protestierender engagiert hatte, die vor dem Hotel gegen die Gala Stimmung gemacht hatte. Junge Leute, die sich unter die Punker und Klimaaktivisten gemischt hatten – die perfekten Sündenböcke. Natürlich verdächtigte man diese Leute als Erstes. Auch weil ein persönlicher Gegenstand eines Protestierenden am Tatort gefunden worden war.
Warum wohl hatte der Organisator einer Spendengala, bei der wertvolle, teils verschollene Kunst gezeigt wurde, seine eigene Veranstaltung torpediert, mochte der eine oder andere fragen. Die Vermutung lag nahe, dass er maximale Verwirrung stiften wollte, vor einem Raub, von dem er im Vorfeld gewusst hatte. Den er womöglich selbst begangen hatte. Und er brauchte einen Verdächtigen.
Ein Degas war gestohlen worden. Ein Gemälde, das freundlicherweise von dem Oligarchen Oleg Petrow zur Verfügung gestellt worden war. Herr Petrow hatte in den Gesprächen mit der Polizei eher entspannt gewirkt und auf seine Versicherung verwiesen. Seine Verbindungen zur russischen Mafia waren kein Geheimnis.
Wäre die ältere Dame nicht gewesen, wären all diese Verbindungen nie ans Tageslicht gelangt.
Inzwischen war der vermeintliche Dieb tot und alles, was vom Spendengalawochenende und Falk Otto zurückblieb, waren Gerüchte und lose Enden. Enden, die die Polizei noch verknüpfen musste. Immerhin war das Gemälde verschwunden und der mögliche Verantwortliche gestorben. Genauer gesagt: ermordet worden.
An diesem sonnigen Montagnachmittag büßte Falk Otto seine ganze Stattlichkeit ein, als der Gerichtsmediziner in Kiel seinen Mageninhalt überprüfte.
Eine Woche später
Die ältere Dame mit den kurzen karamellfarbenen Haaren zog die Haustür hinter sich zu und lief die wenigen Meter durch den Vorgarten des reetgedeckten Hauses bis zur Straße. Die Maisonne wärmte ihre Wangen, und sie schloss für eine Sekunde die Augen, um dem Gesang der Vögel zu lauschen. Es war der Beginn eines langen Tages. Den Wintermantel, den sie noch vor wenigen Tagen getragen hatte, konnte sie heute getrost zu Hause lassen. In den kleinen, gepflegten Gärten der Dorfbewohner lagen die zarten weißen Apfelblüten wie Schnee auf den Zweigen. Der Duft von frischem Obst lag in der Luft und vermischte sich mit dem der blühenden Blumen in den Rabatten. Endlich war der Frühling auf Sylt angekommen. In Keitum, genau genommen, der Gemeinde, in der ihr guter Freund Joost ein Haus besaß, den sie derzeit besuchte. Eigentlich gehörte es ihm nicht mehr. Er hatte es vor Jahren seinem Sohn und dessen Familie vermacht. »Mit warmer Hand geben«, hatte er es genannt. Eine Geste, die nicht nur großzügig war, sondern darin begründet lag, dass seine Frau Eileen vor Jahren gestorben war und er in dem Haus allein lebte.
Greta stapfte entschlossen die Straße entlang. Sie strebte zum Wasser – Wattseite. Seit sie vor knapp zwei Wochen ihrer Hamburger Wohnung den Rücken gekehrt hatte, genoss sie es, nach wenigen Schritten am Meer zu sein. Sie liebte es, die salzige Luft zu riechen, die Möwen über sich zu beobachten und den Wind ungebremst zu spüren. In Keitum zu sein, bedeutete, frei zu sein. Doch bevor sie auch nur zehn Meter hinter sich bringen konnte, hörte sie lautes Gezeter. Aus dem Haus schräg gegenüber kam eine alte Frau gehumpelt und schüttelte wütend die Faust. Den Mittelfinger hatte sie obszön nach oben gereckt. Greta wusste, dass Ilse Olms Schwierigkeiten mit den Gelenken hatte. Ob es nun Arthrose war oder Kalk, das war ihr unbekannt. Die Nachbarin weigerte sich hartnäckig, einen Arzt aufzusuchen.
»Bleib stehen!«, schrie die Alte und ließ sich die letzte Stufe ihrer kurzen Treppe nach unten plumpsen. Greta hörte bereits im Geiste das Knacken eines Hüftknochens. Doch wie eine Katze fing sich die Alte kurz vor dem Aufprall wieder und strebte nach einem Schütteln auf ihre Pforte zu.
»Guten Morgen, Frau Olms«, sagte Greta und lächelte die etwa zwanzig Jahre ältere Frau an. Deren Haar war heute nicht frisiert. Die weißen Strähnen standen von dem knochigen Schädel ab und gaben den Blick auf ihre helle Kopfhaut frei.
»Ich erzähle dir gleich was!«, rief die Alte und stürmte durch die weiß lackierte Pforte geradewegs über die Straße. Greta drehte hastig den Kopf, um sicherzugehen, dass kein Elektroauto herangerollt kam, das Frau Olms zu ihrem Schöpfer brachte, bevor es vor einem der noblen Designergeschäfte hielt.
»Was ist denn passiert?«, fragte sie.
Die Alte baute sich vor Greta auf. Beide waren nicht groß geraten, doch Greta brachte Stattlichkeit durch ihre rundliche Figur mit. Sie war keine Sportfanatikerin. Um ehrlich zu sein, trieb sie überhaupt keinen Sport, und sie sah nicht ein, wieso sie im Ruhestand an diesem lebenslangen Motto etwas ändern sollte.
»Ich habe nachgesehen«, antwortete Ilse Olms. »Ihr habt schon wieder meine Tonne benutzt. Das ist inakzeptabel. Jeder hat seine eigenen Tonnen, und ich sehe nicht ein, dass ich für euren Müll mitbezahlen soll.« Sie reckte das Kinn in die Höhe.
»Wie bitte?«
»Du hast mich genau verstanden. Das kannst du auch Joost sagen. Ich werde euch eines Tages dabei erwischen und dann bekommt die Polizei ein Beweisfoto von mir.«
Greta blieb einen Augenblick stumm.
»Hört auf damit, meine Tonne zu nutzen. Ihr müsst euch eine eigene besorgen«, sagte sie und drehte sich um. Wenig später verschwand sie in ihrem Vorgarten. Greta blieb noch eine Minute unentschlossen stehen. Ilses Dackel Piggy hatte sie seit einigen Tagen nicht mehr gesehen. Sie fragte sich, ob dem jungen Hund etwas zugestoßen sei oder ob ihn ein Verwandter zu sich genommen hatte. Ob Joost Kontakt zu ihren Angehörigen aufnehmen konnte? Immerhin war er hier aufgewachsen, und auch Ilse Olms war in Keitum geboren, soviel Greta wusste. In dieser Straße gab es noch viele Einheimische, auch wenn zwischendrin immer mal wieder ein Haus als reines Ferienhaus genutzt wurde. Teils handelte es sich um neue Bauten, die nicht seit drei Jahrhunderten hier standen, sondern in die Baulücken zwischen die alten Häuser gesetzt worden waren.
Auch Joosts Familie lebte seit mehreren Generationen auf der Insel. Sie fragte sich, wie weit die Geschichte der Thomsens auf Sylt zurückreichte und ob er der erste Gesetzeshüter in der Familie gewesen war. Joost hatte den Großteil seines Lebens in der Dienststelle in Westerland als Kriminalhauptkommissar gearbeitet.
Ein Klacken verriet Greta, dass Ilse ihre Tür geschlossen hatte. Sie schüttelte die Sorgen ab, die sie sich um die Frau machte, und setzte ihren Spaziergang fort. Bei ihrer Heimkehr würde sie mit Joost darüber sprechen und ihn notfalls überreden, seine Kontakte zur Polizei zu nutzen, um Ilses Verwandte aufzuspüren. Die Arme konnte unmöglich sich selbst überlassen werden, in diesem Zustand. Sie fragte sich, was sie nur darauf gebracht haben konnte, sie würden ihre Mülltonnen mitnutzen. Die Frau war eindeutig verwirrt. Kein gutes Zeichen. Ein Bild zog vor Gretas geistigem Auge auf, wie Ilse Olms in eine ihrer Tonnen kletterte, um den Inhalt zu inspizieren. Sie grinste. Über ihr schrien zwei Möwen, die sich gegenseitig anzufeuern schienen. Greta reckte das Gesicht wieder in die Sonne und setzte ihren Spaziergang fort.
Nach kurzer Zeit erreichte sie den kleinen Parkplatz kurz vor der Einfahrt zum Hotel Severin’s Resort & Spa. Dahinter führte ein schmaler Pfad die Böschung hinunter zum Watt. Greta musste teuflisch aufpassen in ihren Halbschuhen, die kaum Profil besaßen, damit sie das nasse Gras nicht auf dem Hintern hinunterschlitterte. Als sie außer Atem unten auf dem geteerten Weg ankam, schob sie die Ärmel ihres Pullovers bis zu den Ellbogen und schnaufte.
»Du solltest wieder mit uns walken gehen«, sagte eine Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum und entdeckte Lucy – eine Nachbarin und alte Freundin von Joost. Ihr gehörte der Hundesalon im Ort.
»Ist die beste Medizin gegen deine Speckpolster.«
Die liebe Lucy zeigt wie immer ihre charmante Seite, dachte Greta. Sie lächelte die Frau in den sportlichen Leggings an, die wie üblich einen Pferdeschwanz trug, der ihre dichten kastanienfarbenen Haare bändigte. Lucy und sie waren im selben Alter. Doch während Lucy mit dem edlen Material ihrer Kleidung und dem makellosen Gesicht perfekt nach Sylt passte, wirkte Greta neben ihr wie ihre ältere Tante. Greta störte das nicht.
»Natürlich brauchst du Sportkleidung. Ich verstehe nicht, wie man in diesen Sachen länger als eine halbe Stunde laufen kann. In den Schuhen machst du dir die Füße kaputt.«
Greta sah auf ihre ledernen Halbschuhe. »Wie geht es dir, Lucy?« Sie ging bewusst nicht auf den Vorschlag, sie beim Sport zu begleiten, ein, der, wie sie wusste, nicht ernst gemeint gewesen war.
»Ich danke dem Winter dafür, dass er endlich Abschied genommen hat«, sagte sie und streckte das sommersprossige Gesicht in die Sonne. Das Wattenmeer schien unendlich zu sein. Es herrschte Ebbe, das Wasser hatte sich weit zurückgezogen und gab den Blick auf den grauen Schlickboden frei. In der Ferne zog eine Gruppe von Kormoranen ihre Bahnen.
Greta nahm einen tiefen Atemzug salziger, warmer Luft. »Hast du etwas von Ines gehört?«
»Hab sie schon vier Tage nicht gesehen. Seit man Falk gefunden hat, macht sie sich rar.« Lucy stöpselte sich schnurlose Kopfhörer in ihre Ohren. Ein Zeichen dafür, dass sie das Gespräch nicht in die Länge ziehen wollte.
»Die Arme. Vielleicht sollte ich nachher mal bei ihr vorbeigehen.«
Lucy hob die Augenbrauen. Greta hatte sich selbst erschrocken bei ihren Worten. Sie und die Witwe waren keine Freunde. Tatsächlich nutzte Ines Detmold jede Gelegenheit, um Greta vor den anderen bloßzustellen. Sie hatte sich nach dem Tod ihres Mannes sofort an den attraktiven, reichen Baulöwen Falk Otto herangeworfen und jeglichen Anstand bezüglich einer angemessenen Trauerzeit ignoriert. Dass Greta, die Joosts Freundeskreis damals erst kennengelernt hatte, über diesen Mangel an Empathie gestolpert war, nahm sie ihr übel.
»Ich kann verstehen, dass sie durch den Wind ist«, sagte Lucy. Und Greta hatte das erste Mal seit ihrer Bekanntschaft das Gefühl, dass kein schnippischer Kommentar folgen würde. »Erst Tills Tod und dann Falks.«
»Beide gewaltsam«, ergänzte Greta.
Eine Weile herrschte Schweigen. Gemeinsam sahen sie einem Kind nach, das durch die Pfützen, die sich in den Vertiefungen der Wiese gebildet hatten, sprang und lachte. Eine alte Frau, deren graue Haare unter einem Hut hervorlugten, folgte ihm.
Lucy nickte. »Ich glaube, das ist ihr noch nicht einmal aufgefallen. Sie kaut noch an dem Betrug, wie sie es nennt.«
»Was?«
Lucy, die bis eben auf einen Austernfischer gestarrt hatte, der nahe bei ihnen durch eine wassergefüllte Vertiefung im Schlick stolzierte, sah Greta jetzt erschrocken an. Sie bewegte die Lippen, doch kein Ton kam heraus. Offenbar wusste sie nicht, wie sie reagieren sollte oder wollte.
»Was meinst du mit Betrug?«, hakte Greta nach.
»Ach was soll’s.« Lucy atmete tief durch. »Es ist ja quasi meine Schuld, dass sie sich betrogen fühlt. Ich habe ihr zugeredet, was Falk angeht. Schon zu Tills Lebzeiten.«
Greta sagte daraufhin nichts. Nur zu gut kannte sie das Gefühl, das Ehebetrug beim anderen Partner auslöste. Dennoch wollte sie nicht urteilen. Dass die Ehe von Till und Ines nicht leicht gewesen war, auch für Ines, hatte sie von Joost erfahren.
»Ich habe ihr Hoffnungen gemacht, weil ich glaubte, dass Falk eine Schwäche für sie hätte. Ich glaube, nur deshalb hat sie sich so ins Zeug gelegt. Falk war ein alter Freund. Ich hatte geglaubt, ihn einschätzen zu können. Mein Fehler. Am Ende war er doch nur ein Mann.« Sie warf einen bösen Blick ins Nichts.
Greta musste raten, woran sie in diesem Moment dachte. »Er hat sie betrogen?«, fragte sie, als Lucy nicht weitersprach.
»Nicht direkt. Na ja, irgendwie schon. Ich meine, die beiden waren nicht zusammen, und sie gerade Witwe geworden. Ich schätze, es gab keinerlei Übereinkunft oder so. Doch er hat ihre Nähe gesucht. Ihre Hand gehalten, sie beim Essen auf ihr Knie gelegt, so etwas eben.«
»Lucy …«
»Ja, wahrscheinlich bin ich naiv. Sie sagte zwar, dass nichts passiert wäre, doch womöglich ist das nur eine Schutzbehauptung, um sich von der ganzen Sache zu distanzieren und sich einzureden, dass sie keinen Fehler gemacht hatte.«
Greta nickte zaghaft.
»Ich habe ihr gesagt, was ich bei der Gala beobachtet habe. Falk Otto hatte eine Freundin dabei. Ein junges Ding. Ich habe mich über sie erkundigt. Gerade mal siebenundzwanzig Jahre alt. Straffe Haut, Brüste, die zum Himmel schauen, und Haare wie ein Wasserfall.«
Greta konnte an Lucys Tonfall erkennen, dass diese Beschreibung nicht freundlich gemeint war. Die Frau musste Eindruck auf ihre hübsche Nachbarin gemacht haben. Normalerweise war Lucy Müller nicht der Typ, der sich von anderen einschüchtern ließ. Insbesondere nicht vom weiblichen Geschlecht.
»Du hast dich erkundigt?«
»War nicht schwer. Dazu brauchte ich nur das Internet. Die Dame heißt Tessa von Welzow und wäre früher als millionenschwere Erbin bezeichnet worden – oder sind es Milliarden? Heute nennt man sie wahrscheinlich Influencerin.« Sie verzog das Gesicht.
»Das muss Ines getroffen haben.« Ines war fünfundsechzig Jahre alt. Den Konkurrenzkampf mit einer Siebenundzwanzigjährigen aufzunehmen, war, bei aller Motivation, selbst von ihr zu viel verlangt.
»Das kannst du laut sagen. Ich habe es ihr am letzten Sonntag erzählt. Ich wollte es eigentlich nicht, doch sie hatte vor, ihn aufzusuchen, und ich habe den Gedanken nicht ertragen, dass er mit ihr Schluss machen könnte. Nicht so kurz nach Tills Tod.«
Gretas Mitgefühl für Ines hielt sich in Grenzen. »Ist sie dennoch hingefahren?«
»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich nicht. Sie war am Boden zerstört.«
»Wusste sie, dass er eine Jacht besaß?«
Lucy warf ihr einen bösen Blick zu. »Das war kein Geheimnis unter seinen Freunden. Was willst du andeuten?«
»Nicht ich bin es gewesen, die gesagt hat, dass Ines über den Betrug schockierter war als über seinen Tod, Lucy.«
»Weißt du was?« Lucy zog ihr Handy aus einer schmalen Tasche an ihrer Leggings und startete eine Playlist. »Ich finde, wir sollten uns da raushalten. Im Grunde geht es uns nichts an, was Ines macht.« Sie drehte sich um und ließ Greta stehen.
Die beobachtete sie noch eine Weile, wie sie mit wippendem Pferdeschwanz den Weg entlangjoggte. Lucy hatte nur Greta damit gemeint. Sie sollte sich da nicht einmischen. Greta hatte nichts dergleichen vor. Natürlich war sie neugierig, wer Falk Otto ermordet hatte. Ob es sich dabei um einen Fremden handelte oder die Nachbarin von Joost, die nie ein gutes Haar an ihr ließ, war ihr gleichgültig.
Während sie Lucy in deutlich geringerem Tempo folgte, dachte sie daran, wie Ines sich fühlen musste. Wahrscheinlich war sie schon wieder von der Polizei vernommen worden. Der Tod ihres Mannes lag noch nicht lange zurück. Die Beerdigung hatte vor drei Tagen stattgefunden. Die Frau musste am Rande des Nervenzusammenbruchs wandeln. Ein Wunder, dass sie sich so lange so wacker gehalten hatte. Greta beschloss, über ihre eigenen Gefühle hinwegzusehen und Ines in den nächsten Tagen einen Besuch abzustatten. Sie konnte bestimmt Menschen brauchen, die sich ein wenig um sie kümmerten.
Die Sonne ließ das Wasser in den Pfützen glänzen, und das Watt schimmerte in silbrigen Tönen. Zu Gretas Füßen glitzerte ein glimmergeäderter Stein. Sie hob ihn auf, betrachtete ihn eine Weile und warf ihn so weit sie konnte Richtung Horizont. Jetzt, da sie wieder allein war, hatte sie ihren Moment der völligen Abgeschiedenheit zurück. Den Rest der Welt konnte sie ausblenden. Der Wind strich sanft über ihr Gesicht. Ein leichter mineralischer Duft lag in der Luft. Der süße Hauch von Muscheln und Strandgut, das nach jahrelangem Treiben und der langsamen Zersetzung von Organischem in den Tiefen des Wassers roch. Vermischt mit einem Hauch von Algen, die vor wenigen Stunden noch im Wasser getrieben hatten. Der Duft nach Freiheit.
Am Horizont zogen Wolken auf. Das kurze Gefühl von Verlustangst durchzuckte sie. Mit einem Schlag kehrte Gretas Rastlosigkeit zurück. Sie setzte ihren Spaziergang bis zu der Stelle fort, an der ein schmaler Pfad den Hang nach oben zum Sylt Museum führte, dem Uthlandfriesischen Haus, das Kapitän Uwe Peters 1759 erbauen ließ. Das Gras am Hang war trocken, dennoch hatte Greta Mühe, das Gleichgewicht zu halten, während sie nach oben kraxelte. Als sie an der Aussichtsplattform des Keitum-Kliffs angekommen war, schnaufte sie kräftig durch, richtete ihren Rücken gerade, bis es knackte, und dehnte die Schultern. Nur widerwillig gestand sie sich ein, dass Lucys Hinweis nicht unbegründet gewesen war. Sie musste an ihrer Fitness arbeiten. Die letzten Jahre in ihrer Hamburger Wohnung war ihr nicht aufgefallen, dass sie so langsam einrostete. Doch hier draußen auf der Insel, jeden Tag an der frischen Luft, erkannte sie, wo ihre Schwachstellen lagen. Ihre Kondition hatte sich vor Jahren verabschiedet.
Ich werde jeden Tag lange Strandspaziergänge machen. Vielleicht hat Joost auch Lust dazu, sagte sie sich selbst. Dann wurde ihr bewusst, dass dies ein Urlaub war und sie nicht auf der Insel lebte. Eine Routine zu etablieren, hätte keinen langfristigen Effekt. Noch tiefer sank ihre Stimmung bei dem Gedanken, dass dieser Urlaub schon länger dauerte als geplant und sie die Gastfreundschaft von Joost womöglich überstrapazierte. Auch wenn er es gewesen war, der sie gefragt hatte, ob sie einige Tage länger bleiben wollte, so hätte sie das Angebot nicht annehmen dürfen. Er war ein höflicher Mensch und hatte ihr vor einer Woche angesehen, dass sie nicht bereit gewesen war, wieder heimzufahren.
Sie erinnerte sich an den Morgen in seiner Küche, als er die Zeitung aufgeschlagen hatte und ihm der Artikel zu Falk Ottos unnatürlichem Tod ins Auge gefallen war. Er wusste, dass sie solche Rätsel liebte, dass sie diese Projekte brauchte, um sich beschäftigt zu halten. Sie schluckte. Natürlich benötigte sie keinen Mord gegen Langeweile. Es ging um das Lösen von Rätseln. Eine mentale Übung, die nicht nur ihr Spaß machte, sondern, wie sie wusste, auch ihren Freund Joost begeisterte, der jahrzehntelang die menschlichen Abgründe studiert hatte und auf eine mehr als passable Aufklärungsrate zurückblicken konnte.
Dennoch, die Freundschaft zu ihm war ihr wichtig. Sie wollte sich nicht wie eine alte Tante einnisten, die erst nach Monaten wieder fuhr und dann bei allen Beteiligten Erleichterung hinterließ. Er war so nett gewesen, sie in seinem Gästezimmer wohnen zu lassen, weil zur Zeit ihrer Ankunft alle Hotels ausgebucht gewesen waren. Er hatte sicher nicht damit gerechnet, dass sie so lange bleiben würde.
Greta fasste einen Entschluss. Sie nahm die Abkürzung über das Gelände des Sylter Museums, stapfte vorbei an dem Skelett des gestrandeten Wals, das man in den Vorgarten gelegt hatte, ließ das reetgedeckte Haus hinter sich und verließ schließlich das Grundstück durch ein Tor aus zwei Walkieferknochen. Auf dem Bürgersteig fiel sie beinahe über die straff gespannte Leine zwischen einem schwarzen Labrador und einem jungen Mädchen, das Mühe hatte, den kräftigen Hund zu bändigen. Nachdem sich beide gegenseitig entschuldigt hatten, dem anderen in die Quere gekommen zu sein, setzte Greta ihren Weg fort. Plötzlich wurde sie von dem Gefühl beherrscht, keine Zeit verlieren zu wollen.
Einige Minuten später stürmte sie durch die blaue Holztür des weiß geputzten Friesenhauses und prallte mit Doris zusammen – Joosts Putzfrau.
»Bitte entschuldigen Sie. Ich hätte nicht so durch die Tür platzen sollen.«
Doris, deren Nachnamen sie nicht kannte, hatte mit der Geschicklichkeit einer Seiltänzerin einen Blumenstrauß in einer Vase zur Seite gerissen, den sie eben noch vor sich gehalten hatte, während sie zweifelsohne im Begriff gewesen war, die Treppe hinaufzugehen.
»Moin. Sie sind ja voller Elan. Ist etwas passiert?«
»Nein, nein. Ich war in Gedanken. Wissen Sie, wo ich Joost finde?«
Doris bewegte den Kopf Richtung Klöntür in der Küche. »Er sitzt draußen im Garten.« Sie schickte ihr ein verschwörerisches Lächeln. »Mir ist es lieber so, wenn die Männer beim Putzen aus dem Weg sind.« Sie zwinkerte.
Greta musste schmunzeln. Doris war um die sechzig Jahre alt und mit Siegfried verheiratet. Einem Chauffeur, der in List die Hautevolee versorgte. Sowohl mit seinen Diensten als Fahrer als auch mit den Dingen des täglichen Bedarfs.
»Ich werde mal schauen, was er macht«, sagte sie.
»Sonnt sich. Doch wenn Sie mich fragen, wird es heute noch mal Regen geben. Der Horizont ist dort hinten schon ganz schwarz.« Sie wies durch die noch offen stehende Tür. Greta reckte mit krauser Stirn die Nase gen Himmel und schloss die Tür.
Draußen im Garten saß Joost auf einer Bank, einen dampfenden Becher Kaffee neben sich, die Augen geschlossen.
»Du bist ja schnell wieder zurück«, sagte er. Die Augen blieben zu. Er hatte das Knarren der Tür vernommen, als Greta ins Freie auf die Holzterrasse getreten war.
»Ich …« Jetzt, da sie vor ihm stand, wusste sie nicht, wie sie beginnen sollte.
Joost löste sich aus seiner entspannten Haltung und streckte den Kopf nach vorn. Mit einem ruhigen Blick fixierte er sie. »Was ist denn los? In der ganzen Zeit, die ich dich kenne, habe ich dich noch nicht ein einziges Mal um Worte verlegen erlebt. Es sei denn, du hast dich absichtlich in Gefahr begeben, um einen Fall zu lösen.« Er runzelte die Stirn.
»Du nun wieder!« Sie ging die wenigen Schritte bis zur Wiese und setzte sich neben ihn. »Schön hast du es hier hinten. Richtig windgeschützt. Ist dein Lieblingsplätzchen, möchte ich wetten.«
»Greta?«
Sie sah ihn an, als wünschte sie sich ein wenig mehr Geduld. Paradox, da sie die Ungeduldige von ihnen beiden war. »Ich denke, ich sollte abreisen«, sagte sie und starrte dabei auf eine Rabatte mit feurigen Tulpen und gelben Stiefmütterchen.
»Was ist passiert?«
»Nichts.« Sie fegte einen imaginären Fussel von ihrer Hose. »Ich denke nur, ich habe dich lange genug belästigt.«
»Belästigt? Sag mal, Greta, da stimmt doch was nicht. Heute Morgen hast du noch Pläne für diese Woche gemacht. Du warst auch ganz eifrig dabei zu erfahren, ob Mattes sich mit Neuigkeiten zu Ottos Tod gemeldet hat.«
»Hat er?« Volker Mattes war Kriminalhauptkommissar auf Sylt und unterstützte die Kollegen aus Flensburg bei den Ermittlungen. Greta hatte gehofft, dass er Joost erzählen würde, wenn es neue Erkenntnisse gäbe. Immerhin hatten sie vor einigen Jahren noch zusammengearbeitet.
»Nein. Also, was ist los? Du wolltest doch hier Urlaub machen.«
»Eigentlich war ich gekommen, um dir zu helfen, weil dich die Polizei fälschlich des Mordes bezichtigt hatte.«
Joost kniff die Augen zusammen. »Ganz so habe ich es nicht in Erinnerung. Ich bin befragt worden. Mehr nicht.«
»Ich wollte helfen.«
»Eine echte Freundin. Wo liegt dann das Problem? Dein Besuch war doch nicht auf den Mord an meinem Nachbarn beschränkt. Glaubst du, deine Sachen packen zu müssen, weil der Fall aufgeklärt wurde?«
»Nicht direkt. Aber ich sehe, dass so ein Urlaub irgendwann zu Ende gehen muss, und wir beide haben nie darüber gesprochen, wann das ist.«
»Und jetzt willst du spontan abreisen?«
Sie zuckte die Achseln.
»Hör mal, du hast recht. Wir haben bei dem Stress seit deiner Ankunft nicht darüber geredet. Das stimmt. Andererseits hatten wir kaum Erholung, wenn du ehrlich bist.«
Sie dachte an die vorletzte Woche zurück und wie schlecht es Joost gesundheitlich gegangen war, und nickte.
»Natürlich kannst du jederzeit heimfahren, wenn dir danach ist. Aber wenn du glaubst, dass du mir hier zur Last fällst, erkläre ich das Gespräch für beendet.«
Greta presste die Lippen aufeinander. Neben ihr zwitscherten die Vögel in einem Fliederbusch. Der volle Duft der blasslila Blüten stieg ihr in die Nase und weckte Erinnerungen an strahlende Frühlingstage aus ihrer Kindheit. Durch den Schleier der Erinnerung konnte sie eine dampfende Puddingform auf dem Fensterbrett sehen und dahinter ihre Großmutter, wie sie in der Küche das Mittagessen anrichtete. Der Gedanke, jetzt in ihre Hamburger Eigentumswohnung in Eimsbüttel zurückzukehren, gefiel ihr nicht.
»Es ist wunderschön hier und das Haus deiner Familie ein Traum. Ich habe nur Angst, dass ich mich zu wohl fühlen könnte und damit deine Gastfreundschaft ausnutze.«
»Papperlapapp. Du bist mein Gast, so lange du willst. Ich bin kein Mensch, der Zeug sabbelt, weil er höflich sein will.«
Sie musste schmunzeln.
»Was hältst du davon, wenn wir hier drüben einen Rosenbusch pflanzen? Direkt neben der Bank. Mir würde es gefallen, bei meinem Kaffee auf die Blütenpracht zu schauen.«
»Klingt gut, aber solltest du nicht erst mit Fred und Franziska darüber sprechen? Immerhin ist es jetzt ihr Garten.«
Sein Sohn Fred war in die Fußstapfen seines Vaters getreten, bis er vor wenigen Wochen mit seiner Frau Franziska in die Schweiz gegangen war. Vorübergehend, weil sie dort eine Stelle als Dermatologin in einer renommierten Klinik angeboten bekommen hatte. Ein Karrieresprung für sie. Fred hatte ein Sabbatjahr eingelegt.
»Ich weiß, dass du nur kurz als Lehrerin gearbeitet hast, aber den tadelnden Blick hast du immer noch gut drauf.«
»Ich könnte mir denken, dass der Garten Franziskas Metier ist. Ihr gefällt es bestimmt nicht, wenn wir etwas verändern.« Sie rechnete mit heftigem Widerspruch von Joost, der ein etwas angestrengtes Verhältnis zu seiner Schwiegertochter pflegte, doch er blieb beinahe stumm, machte nur: »Hm, hm.«
»Joost?«
»Was? Ja. Weißt du, ich habe gestern Abend noch mit Fred telefoniert. Er rief an, als ich schon oben in meinem Zimmer war. Sie wollen, dass Franziska bleibt.«
»In der Schweiz?«
»Ja. Sie haben ihr eine Stelle angeboten. Allerdings muss sie sich für fünf Jahre verpflichten, wenn du so willst. Die zahlen ein Haus und unterstützen sie auf der Suche nach einer Privatschule in der Nähe für Sanni.«
»Und Fred?«
»Er könnte sich vorstellen, Franzi zuliebe eine Weile auf seine Karriere zu verzichten. Einen Job findet er dort auf jeden Fall. Doch das würde bedeuten, dass sie erst mal nicht zurückkommen.«
Greta starrte wie er auf den Rasen, auf dem eine Amsel mit allen Kräften versuchte, einen Wurm aus dem Boden zu zerren.
»Was wird mit dem Haus?«
Joost atmete tief durch. »Fred hat es mir freigestellt. Er sagte, es wäre möglich, dass sie dann zurückkommen oder aber auch nicht. Er möchte die Immobilie nicht so lange stehen lassen. Leer schon gar nicht. Entweder ziehe ich hier wieder ein, oder sie sehen sich nach einem Mieter um, bis sie es vielleicht verkaufen.«
»Verkaufen? Das Haus, das seit Generationen im Familienbesitz ist?«
»Das war auch mein erster Gedanke, doch inzwischen hatte ich eine Nacht Zeit, um darüber nachzudenken. Ich kann sie schon verstehen. Sie wissen, dass man sich als Vermieter kümmern muss. Das ist schwierig aus einem anderen Land heraus.«
»Dafür gibt es Firmen.«
»Vielleicht haben sie das bedacht, vielleicht auch nicht. Ich kann mir vorstellen, dass sie einen leichteren Weg für einen Neustart suchen. Ohne zu viel Ballast.«
Greta hatte Fred nur kurz kennengelernt, vor einem Jahr. Alles, was sie von ihm wusste, stammte aus den Erzählungen von Joost. Der Junge machte nicht den Eindruck, als wären ihm Familienbande gleichgültig. Sie fragte sich, ob ihm aufgefallen war, wie sehr Joost es genoss, wieder zu Hause zu sein – in seinem Heim. Sie wusste schon länger, dass er inzwischen bereute, sich so übereifrig von allem getrennt zu haben, das ihn scheinbar am Reisen hinderte. Mit warmer Hand zu geben, war die eine Sache, doch mit einundsiebzig Jahren quasi auf der Straße zu stehen, eine andere – Joost war ja noch nicht so weit, in ein Altersheim zu ziehen. Greta vermutete hinter dem freimütigen Angebot eines Verkaufes den Schubser, den Joost brauchte, um dauerhaft wieder nach Keitum zurückzukehren.
Und wer würde nicht hier leben wollen? Sie sah sich um. Ein lichtdurchfluteter Garten mit weißem Lattenzaun zum rückwärtigen Nachbarn. Auf drei Pfosten im Zaun waren Vogelhäuser befestigt, die aussahen wie kleine rote Schwedenhäuser. Gläserne Rosenkugeln steckten auf Holzstielen und in den Ahorn, der neben dem Schuppen stand, hatte man ein Windspiel gehängt, dessen Kristalle in der Sonne funkelten. Eine Gießkanne lehnte am Stamm. Ein Relikt aus Großmutters Zeiten womöglich. Ihr Blech war verbeult und von Weißrost überzogen. Das war nicht irgendein Haus. Dieses Gebäude hatte Geschichte.
»Wie alt ist das Haus?«, fragte sie.
»Es wurde 1710 erbaut.«
»Von deinen Vorfahren?«
Er nickte.
»Was hast du vor?«
»Ich?«
»Natürlich du. Fred wird wissen wollen, ob du wieder einziehst.«
»Das kann ich den beiden nicht antun. Ich habe es ihnen geschenkt. Nun könnten sie eine stattliche Summe dafür bekommen, wenn sie es verkaufen.«
Greta legte den Kopf schief und kräuselte die Lippen. »Das können sie in ein paar Jahren immer noch, wenn sie es denn unbedingt wollen. Du bist nämlich nicht unsterblich, mein Lieber.«
Joost verzog im Spaß das Gesicht. Nachdenklich sagte er: »Es wäre schon schön, zurückzukommen. So richtig, meine ich.«
»Wenn du mich fragst: Fred würde sich darüber freuen.«
»Glaubst du wirklich?«
»Natürlich! Du hast doch nicht eine Sekunde geglaubt, dass er dieses Haus verkaufen will.«
»Hm.« Er schwieg.
An seinem Gesichtsausdruck konnte Greta erkennen, dass ihn etwas beschäftigte. »Was ist?«
»Ich hatte gedacht, dass es Franziskas Idee gewesen sein könnte.«
Greta stieß ihm mit dem Ellbogen in die Seite. »Joost Thomsen! Du alter Grummelbär. Hab ein wenig Vertrauen in die Kinder. Was sollte eigentlich das Gerede über den Rosenbusch, wenn du davon ausgegangen bist, dass das Haus verkauft wird?«
»Was weiß ich.«
»Du hattest gehofft, dass wir gemeinsam zu diesem Schluss kommen, richtig?« Sie riss die Augenbrauen nach oben.
»Mag sein.«
»Dann lass uns zum Pflanzenhandel fahren und einkaufen. Danach rufst du deinen Sohn an.«
Joost nahm einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee. »Und du hältst es wirklich für eine gute Idee? In meinem Alter?«
»Wo ist der Unterschied zum jetzigen Status? Dein Sohn würde Besitzer bleiben. Ich finde dieses Arrangement ganz reizend. Du gehörst hierher. Das habe ich gespürt, seit ich dich in der Tür dieses Hauses gesehen habe.«
»Einige Generationen sind hier geboren worden.« Er streichelte liebevoll über das glatte Holz.
»Hoffentlich nicht hier auf dieser Bank.«
»Scherzkeks!«
Nach einem Moment der Stille, in dem sie beide grinsten, sagte er: »Ich wäre traurig, wenn du jetzt schon fahren würdest.«
Greta griff nach seiner Hand, mit der er sich auf der Bank abstützte, drückte sie und nickte mit einem Lächeln auf den Lippen.
Das Telefon klingelte im Haus. Greta konnte es durch das geöffnete Fenster in der Küche hören. Nach drei Tönen verstummte es. Einige Augenblicke später erschien Doris in der Tür.
»Es ist Kriminalhauptkommissar Mattes für dich«, sagte sie mit einem Blick auf Greta. Der war aufgefallen, dass sie die mobile Einheit nicht mit nach draußen gebracht hatte. Sie vermutete, dass Doris ganz im Sinne des Datenschutzes davon ausging, dass Joost ein Gespräch mit einem Kollegen, auch wenn es ein ehemaliger war, allein führen wollte. Sie verkniff sich ein Schmunzeln, als Joost sie mit einem kurzen Blick bedachte, und streckte die Beine in der Sonne aus, während er die zwei Stufen zur Terrasse hinaufstieg.
Mit diesem Anruf hatte sie gerechnet. Am Sonntag vor einer Woche hatte die Polizei einen Mann befragt, der zu den Demonstranten gehörte, die Falk Ottos Gala gestört hatten. Dieser Mann war der Einzige, der wusste, dass bei dieser Sache nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war. Er hatte Falk Otto und den Anführer seiner demonstrierenden neuen Freunde bei einem vertraulichen Gespräch belauscht und dafür fast mit seinem Leben bezahlt. Greta hatte ihn aufgespürt. Reiner Zufall eigentlich, doch Greta mochte ihre Rolle nicht herunterspielen lassen. Die Ermittlungen hatten durch ihre Erkenntnisse erst richtig an Fahrt aufgenommen. Ihr war wichtig, dass Joost ihr keine Vorhaltungen machen konnte, weil sie sich unerlaubt in Polizeiermittlungen eingemischt hatte. Sie hatte einen wichtigen Beitrag geleistet. Damit sollten die Vorhaltungen unnötig werden und ihre Einmischung zu einer Lappalie verblassen.
Vom Nachbargarten wehte der Duft frischen Kaffees herüber, und Greta versank in Gedanken an eine Friesentorte, bis Joost wieder nach draußen trat. Seine Tasse hatte er im Haus gelassen. Greta konnte Doris sehen, die am Waschbecken stand und zum Fenster hinaus in den Garten schaute. Sie wusch ab.
Ganze fünf Minuten hielt Greta durch, bis sie das Schweigen brach. »Was hat er gesagt?«
Joosts Nase kräuselte sich bei dem Versuch, Haltung zu bewahren. »Das Gespräch war vertraulich.«
»Ja. Natürlich.«
»Und Mattes ist nicht mit den Ermittlungen bezüglich des Mordes an Falk Otto betraut. Das macht die Mordkommission in Flensburg.«
»Ich weiß.«
»Bei ihm liegt der Kunstraub.«
»Exakt – Gott, Joost!«
