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Im Gesamtwerk von Thomas Mann setzt eine intensivere und kontinuierliche Beschäftigung mit Leben und Werk von Johann Wolfgang von Goethe erst in den 1920er-Jahren ein – also nach seinem klaren Bekenntnis zur Republik. Neben dem Goethe-Roman „Lotte in Weimar“ entstanden zahlreiche Essays, die häufig als Vorworte oder Festreden konzipiert waren, in denen er sich mit der herausragenden Bedeutung dieses Klassikers auseinandersetzt und dabei immer wieder auch vergleichende Perspektiven einnimmt. Goethe erscheint darin als deutscher Nationalschriftsteller und zugleich als Weltautor, als prägende Gestalt seiner Epoche und als eine Art „Liebling der Menschheit“. Auf Thomas Mann übte er eine immense Faszination aus und diente ihm als wichtiges Vorbild – auch wenn eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Weimarer Dichter erst in seinen letzten drei Lebensjahrzehnten einsetzte. Acht ausgewählte Texte sind in dem vorliegenden Band gesammelt.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2026
THOMAS MANN
Essays
Die hier unter dem Titel ÜBER GOETHE versammelten Essays wurden in verschiedenen Verlagen im Zeitraum 1925-1949 veröffentlicht.
Diese Ausgabe wurde aufbereitet und herausgegeben von
© apebook Verlag, Essen (Germany)
www.apebook.de
2026
V 1.0
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-96130-743-2
Buchgestaltung: SKRIPTART, www.skriptart.de
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Inhaltsverzeichnis
Über Goethe
Impressum
Zu Goethe's ›Wahlverwandtschaften‹
An die japanische Jugend. Eine Goethe-Studie
Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters
Goethe's Laufbahn als Schriftsteller
Über Goethe's ›Faust‹
Goethe's ›Werther‹
Phantasie über Goethe
Goethe und die Demokratie
Eine kleine Bitte
Alle Werke von Thomas Mann
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Erstmals in: »Die Neue Rundschau«, Berlin, 1925
Der Schreiber dieser Zeilen gesteht, einigen Einfluß auf die Entscheidung gehabt zu haben, welcher Roman von Goethe in das epische Pantheon dieser Sammlung aufgenommen werden sollte: ›Wilhelm Meister‹ oder ›Die Wahlverwandtschaften‹. Die von jenem ausgehende Lockung war groß. Die äußere Neugestaltung und zwanglose Wiederauflegung eines Werkes der großen Literatur bedeutet immer eine glückliche Erfrischung und Aktualisierung solchen Besitzes: Das unbefangen moderne Gewand, die philologiefreie Art der Darreichung schafft die Möglichkeit, ihn jugendlich unmittelbaren und unhistorischen Auges zu betrachten; vom Duft des Museums befreit, wird das Meisterwerk wieder Natur und Leben und übt einen starken Reiz, es auf veränderter Lebensstufe neu zu durchdringen, zu erkennen und es dem eigenen inneren Haushalt und dem der Zeit auf vielleicht unvermutete Weise wieder fruchtbar zu machen. Das deutsche Publikum beim gegenwärtigen Stand seiner Reife und Erfahrung in neue und freie Berührung mit der Welt des ›Wilhelm Meister‹ zu bringen, mit dieser Welt des Abenteuers und der Bildung, in der aus dem Bekennerischen das Erzieherische, aus diesem die soziale Idee und die des Staates so rein organisch erwächst, das war ein Gedanke, dessen Anziehungskraft wir hinlänglich gekostet haben, um das Bedürfnis zu spüren, unsere schließliche Option für die ›Wahlverwandtschaften‹ vor uns selbst zu rechtfertigen.
Vor allem, wir wurden der Sphäre von ›Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden‹ mit dieser Entschließung nicht untreu. Man weiß, daß die ›Wahlverwandtschaften‹ ursprünglich als novellistische Einschaltung in den Gang des epischen Lebenswerkes gedacht waren, nicht anders, als etwa ›Der Mann von fünfzig Jahren‹, ›Die wandernde Törin‹ und weitere solcher Geschichten und Märchen. Der Autor hatte sich über die räumlichen Ansprüche des Gegenstandes getäuscht, ihn anfänglich zu klein gesehen; ein Werk wollte hier, wie das gehen mag, sich selber viel größer, als sein Erzeuger es gemeint hatte. »Ein solches Werk«, sagte Goethe später darüber, dankbar dafür, daß ein einsichtiger Freund das Buch als ein für sich bestehendes, mit eignem Leben begabtes Ganzes empfand, »ein solches Werk wächst einem unter den Händen und legt einem die Notwendigkeit auf, alle Kräfte aufzubieten, um seiner Meister zu bleiben und es zu vollenden.« Und was denn also 1809, nach zweijähriger Arbeit, nachdem der Sechzigjährige »was er vermochte, daran gewendet«, bei Cotta in Tübingen ans Licht kam, war ein Kapitalwerk des Dichters, ein wohlausgewachsener Roman in zwei Teilen und Bänden, – der größte nicht, aber der höchste der Deutschen.
Er ist unser höchster, darum haben wir ihn gewählt: ein Gebild, so mondän wie deutsch, ein Wunderding an Geglücktheit und Reinheit der Komposition, an Reichtum der Beziehungen, Verknüpftheit, Geschlossenheit. Denn Rochlitz hatte recht, als er an Goethe schrieb: »So sehr die Ausbeugungen, betrachtet man sie einzeln für sich, diesem zu widersprechen scheinen, so sehr bestätigen sie es, siehet man sie im Ganzen und aus dem Ganzen an.« Es ist ein Werk von so zarter und unerbittlicher Kenntnis des Menschenherzens, so ausgeglichen in Güte und Strenge, Klarheit und Geheimnis, Klugheit und Ergriffenheit, Form und Gefühl, daß wir es nur mit Staunen das unsere nennen. Aber da es denn wirklich unser ist, wollen wir es uns und den Fremden wieder aufstellen, als leuchtendes Zeichen der Möglichkeit deutscher Vollendung.
Wir haben hastig und voreilig nach einigen Lobesworten gegriffen, in Ungeduld, unserer Liebe damit gerecht zu werden, noch bevor wir sie besser begründet haben; aus Ungeduld auch im Sinne derjenigen, die eben die Dichtung neu in sich aufgenommen. Denn diese Zeilen sind nicht als Vor-, sie sind als Nachwort gedacht; sie wollen den Leser nicht sowohl auf ein Herrliches vorbereiten, als dem Erfüllten, der von der Lektüre kommt, kameradschaftlich ein wenig Ausdruck an die Hand geben, der seiner Ergriffenheit allenfalls etwas helfen kann, zu sich selber zu kommen. Ist denn nicht das auch der Liebesdienst, zu welchem der Schriftsteller unter den Menschen ganz wesentlich berufen ist? Und sollten wir nicht im Bannkreise Goethe's uns dieses edlen Auftrags besonders bewußt werden? Wie hat er die Menschheit auszudrücken gewußt, welch ein Schriftsteller war er, um, wenn auch auf die Gefahr hin, das deutsche Ohr damit zu verletzen, diesen Titel für den des Dichters unbefangen einzusetzen! Denn in dem hochhumanen Begriff des Ausdrucks löst jener schwierige und oft so plump gehandhabte Gegensatz von Schriftsteller- und Dichtertum sich auf, dessen Goethe sich denkwürdigerweise bediente, um gegenüber Shakespeare, dem Dichter, sich selbst als Schriftsteller zu kennzeichnen, und dessen er überhaupt vergaß in jenem Augenblick, als Lust des Ausdrucks ihm das Selbstgefühl schuf, er sei »recht eigentlich zum Schriftsteller geboren«. Darum sei gleich hier noch etwas zum Preise unseres Buches, sofern es Schriftstellerwerk, sofern es Prosa ist, eingefügt, – am bequemsten mit Zelters, des Musikers, Worten, der unterm 27. Oktober 1809 an Goethe schreibt: »Es gibt gewisse Sinfonien von Haydn, die durch ihren losen liberalen Gang mein Blut in behagliche Bewegung bringen und den freien Teilen meines Körpers die Neigung und Richtung geben, wohltätig nach außen zu wirken … So geht mir's, wenn ich Ihre Romane lese, und so ist mir's geworden, wie ich heute Ihre ›Wahlverwandtschaften‹ las. Das mutwillige, geheimnisvolle Spiel mit den Dingen der Welt und den Figuren, die darinne angestellt und geleitet werden, kann Ihnen niemals mißlingen, mag auch zwischendurchlaufen, was Platz hat oder sich Platz macht. Dazu eignet sich endlich noch eine Schreibart, welche wie das klare Element beschaffen ist, dessen flinke Bewohner durcheinander schwimmen, blinkend oder dunkelnd auf- und abfahren, ohne sich zu verirren oder zu verlieren. Man könnte zum Poeten werden über eine solche Prosa, und ich möchte des Teufels werden, daß ich keine solche Zeile schreiben kann.« Mit diesen Worten ist der Gewandtheit und Präzision der Goethe'schen Prosa, ihrem rhythmischen Zauber, der ein vernünftiger Zauber, die klarste Mischung von Eros und Logos ist und uns so wohlig-unwiderstehlich führt und trägt, der reinen Humanität ihrer Linie sehr glücklich genuggetan.
Wir haben die Worte gebraucht, in denen die hohe Ausgewogenheit sich schon andeutet, die dem Werk seinen menschlichen Adel verleiht, und die wir hauptsächlich zur Sprache zu bringen wünschen: das Gleichgewicht von Sinnlichkeit und Sittlichkeit oder, künstlerisch gesprochen, von Plastik und Kritik, Unmittelbarkeit und Gedachtheit, in dem es schwebend ruht, und das auch mit jenem oft unbedacht gehandhabten Gegensatz von Dichter- und Schriftstellertum etwas zu schaffen hat, insofern dieser nur ein Name und Untername ist für den obersten, das Problem der Menschheit selbst aussprechenden Gegensatz von Natur und Freiheit.
Halten wir uns auf der künstlerischen Ebene vorderhand! Stellen wir fest, daß die ›Wahlverwandtschaften‹ Goethe's ideellstes Werk sind, – wie er selbst es in einem Gespräch mit Eckermann bezeugt, in dem er sagt, es sei im ganzen nicht seine Art gewesen, als Poet nach der Verkörperung von etwas Abstraktem zu streben. Das einzige Produkt von größerem Umfang, wo er sich bewußt sei, nach Darstellung einer durchgreifenden Idee gearbeitet zu haben, möchten etwa seine ›Wahlverwandtschaften‹ sein. – Die Erinnerung an Schillers unsterbliche Abhandlung über das Naive und Sentimentalische ist deutlich – an diesen klassischen Essay der Deutschen, der eigentlich alle übrigen überflüssig macht, da er sie in sich enthält, in dessen Antithesenwelt aber Wirklichkeit und Leben niemals rein aufgegangen sind. Die Kunstwelt war allezeit voll von Mischungen beider Elemente, und Schillers kritische Sonderung irrt selbst theoretisch in dem einen Punkt, daß er nur das Geistige als strebend – nämlich nach Natur, nach Verleiblichung –, die Natur aber, das Naive, als in sich ruhend schildert. Streben ist nicht nur beim Geist, es ist auch dort, wohin er strebt. Auch die Natur ist sentimentalisch, ihr Ziel ist Vergeistigung. Eine hohe Begegnung von Natur und Geist auf ihrem sehnsuchtsvollen Weg zueinander: das ist der Mensch; und wir dürfen ein Werk, worin sie sich rein durchdringen, als ein höchstes, ein menschlichstes ansprechen.
Wirklich sind die ›Wahlverwandtschaften‹ geistige Konstruktion in einem Grade, wie man ihn bei Goethe, dem Sohn der Natur, nicht leicht zum zweitenmal findet. Die Bewußtheit und Kunstklugheit des Werkes wurde denn auch den Zeitgenossen sofort bemerklich, – im Sinn der Bewunderung teils und teils des Tadels. Eine gewisse Magerkeit der Gestalt und Symmetrie der Anordnung fiel auf, die Kürze der Erzählung gegen die langen und häufigen Reflexionen ebenfalls, und Solger schrieb damals an Goethe selbst, daß »man nach gemeiner Ansicht die Geschichte fast nur das Gerippe eines Romanes nennen könnte«. Er bewundert als »äußerst kunstreich«, wie die Personen nur in Gruppen einander entgegengestellt und die Teile jeder Gruppe einander nicht wenig verwandt und doch so weit, so sicher, so konsequent geschieden seien, »ja auch in dieser Verschiedenheit so geistreich unter sich gruppiert erscheinen«. Er räumte ein, daß »einigemal die Personen etwas mehr um des Dichters und besonders um der herbeizuführenden Situation willen, als aus sich selbst und ihrem inneren Wesen zu tun schienen«, aber er betont auch mit Genugtuung, daß sie, die Charaktere, »keine wesenlosen Ideen« seien, sondern »wahre Personen« und Individuen, ohne daß, wie er hinzufügt, viel auf das gezählt wäre, was man im gemeinen Leben Eigenheiten nennt. »Diese scheinen vielmehr, wie kleine späte Drucker auf das Gemälde, nur aufgetragen, den Schein der Wirklichkeit täuschender – so täuschend zu machen, als die würdige Kunst mag.« – Würdiger Solger! Nicht wachsplastische Panoptikum-Illusion, vor welcher der Pöbel das Maul aufsperrt: Leben im Licht des Gedankens, die ideelle Transparenz der Charaktere, die aber keineswegs wesenlose Ideen, sondern Menschen sind, – das empfand er als »würdige Kunst«, und er gibt in der Tat damit die Bestimmung des Dichterischen. Die Figuren der ›Wahlverwandtschaften‹ sind voll warmen individuellen Lebens. Riemer erzählt, wie man in Karlsbad förmlich unter diesen eingebildeten Personen der Phantasie verkehrt habe, als wären es wirkliche, und wie sie auch zu Vergleichungen mit wirklichen nötigten. Eine Charlotte war gleich unter den Badegästen gefunden, ein Hauptmann ebenfalls, ein Lord, ein Mittler desgleichen. Daß vollends der Architekt, die Figur, die vielleicht am meisten Beifall erhielt, ein ausgemachtes Porträt sei, war rasch herum: man kannte das Urbild, man wies mit Fingern auf den lang gewachsenen jungen Künstler aus Kassel, Engelhardt mit Namen, der Goethen für diese Gestalt seine Züge hatte leihen müssen, und Abbilder gesellschaftlicher Wirklichkeit wollte man auch sonst in den Gestalten des sensationellen Romanes erkennen: in der Charlotte die Herzogin Luise, im Hauptmann einen Freiherrn von Müffling, in Luciane das Fräulein von Reitzenstein und so fort. Zugleich aber sind diese Menschen Symbole, ebenmäßig angeordnete und durcheinander bewegte Schachfiguren einer hohen Gedankenpartie, Repräsentanten einer Naturmystik, die ihnen die Namen Otto und Ottilie, korrespondierende Kopfschmerzen zuspielt, sie anderer Leute Kinder zur Welt bringen läßt … Wir sagen »zugleich«, nicht nebenher, außerdem. Denn es handelt sich um ein Ineinander von Plastik und Idee, von Vergeistigung und Verleiblichung, eine wechselseitige Durchdringung des naiven und sentimentalischen Wesens, wie sie sich, sollten wir denken, so glücklich in aller Kunstgeschichte nicht wieder ereignet hat.
Das Verhältnis ist auf der moralischen Ebene kein anderes, – dort, wo das Plastische und das Kritische, das Dichterische und das Schriftstellerische die Namen des Sinnlichen und Sittlichen führen oder die historischen Namen des Heidentums und Christentums.
Alles in allem ist es mit Goethe's angeblich so dezidierter Nicht-Christlichkeit ja ein recht fragwürdiges Ding. Es hat etwas Wohlfeiles, seine humanistische Abneigung gegen das ›Kreuz‹ mit Zitaten zu belegen. Es ist zum mindesten gewählter, solche heranzuziehen, die höchst ausdrucksvolle Ehrfurchtszugeständnisse an die christliche Idee bilden. Das Leidensheiligtum der Pädagogischen Provinz ist so bedeutend wie überraschend, und er fand in den Evangelien »den Abglanz einer Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging und so göttlicher Art war, wie nur je das Göttliche auf Erden erschienen ist«. »Über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums«, sagte er mit Sympathie und offenkundigem Gefühl der Bundesgenossenschaft, »wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird der menschliche Geist nicht hinauskommen.« Er war Spinoza-Schüler, und wenn freilich die dualistische Trennung von Gott und Natur Grundbedingung der Christlichkeit ist, so war Spinoza Heide, und Goethe war es mit ihm. Allein mit Gott und Natur ist die Welt nicht ausgesagt, das Menschliche, das Humane gehört mit hinein, und Spinoza's Humanitätsbegriff ist christlich, insofern er das menschliche Phänomen als das Bewußtwerden der Gottnatur im Menschen, als ein Durchbrechen dumpfen Seins und Webens, als ein Sich-Lösen also von der Natur und damit als Geist bestimmt. Auch ist jene berühmte »Beilegung der Leidenschaften durch ihre Analyse« unbedingt nichts Heidnisches, und das spinozistische Motiv der »Entsagung«, das mit der Zeit zum Generalmotiv von Goethe's Leben und Werk wurde, wie für Schiller die Idee der Freiheit und für Wagner die der Erlösung, ist es ebensowenig.
Über die Ausstrahlungen dieses zentralen Motivs, das schon im Untertitel der ›Wanderjahre‹ erklingt, von denen die ›Wahlverwandtschaften‹ ein Ableger sind, wäre vieles zu sagen, wozu hier kein Raum ist. Wir wollen nur aussprechen: Was Maß, was Form ist an Goethe, seine Gestalt, sein Standbild, wie es heute der Nation vor Augen steht, ist Werk der Entsagung. Wir reden nicht allgemein, nicht von dem Opfersinn, der Sinn aller Kunst ist, nicht von dem Kampfe mit dem Chaos, dem Verzicht auf Freiheit, der schöpferischen Bescheidung, die das innere Wesen des Werkes ausmacht. Goethe's Entsagungspathos – oder, da es sich um Dauerndes, die Existenz Durchwaltendes handelt – sein Entsagungsethos ist persönlicher Art, ist Schicksal, ist Instinktbefehl seiner besonderen nationalen Sendung, die eine wesentlich sittigende Sendung war. Oder sollte dies Schicksal und diese Sendung, diese Bindung, Bedingung und Beschränkung, diese erzieherische Entsagungspflicht dennoch etwas weniger Goethisch-Persönliches sein, als es uns eben schien? Wäre sie die Schicksalsvorschrift, der eingeborene und bei schwerer geistiger Strafe unverbrüchliche Imperativ jedes geistigen Deutschtums, welches irgendwie und in welchem Grade immer zu bildender Verantwortlichkeit zu erwachsen bestimmt ist? – Wir sprachen von einem Gefühl der Bundesgenossenschaft, das Goethe offenbar augenblicksweise im Angesichte des Christentums berührt habe. Worin bestand diese Bundesgenossenschaft und worauf bezog sie sich? Goethe neigt sich vor der »sittlichen Kultur« des Christentums, das heißt: vor seiner Humanität, seiner sittigend-antibarbarischen Tendenz. Es war die seine, und jene gelegentlichen Huldigungen entstammen ohne Zweifel der Einsicht in die Verwandtschaft der Sendung des Christentums innerhalb der völkisch-germanischen Welt mit seiner eigenen. Hier, das ist: darin, daß er seine Aufgabe, seine nationale Berufung als wesentlich zivilisatorisch begriff, liegt der tiefste und deutscheste Sinn seiner »Entsagung«. Wer zweifelt, daß in Goethe Möglichkeiten einer Größe lagen, – wilder, üppiger, gefährlicher, ›natürlicher‹ als die, welche sein Selbstbändigungsinstinkt zu entfalten ihm gestattete, und in der das hochpädagogische Bildwerk seiner Gestalt uns heute vor Augen steht? In seiner ›Iphigenie‹ gewinnt die Idee der Humanität, als Gegensatz der Barbarei, das Gepräge der Zivilisation – nicht in dem polemischen und schon politischen Sinn, in dem man heute das Wort zu gebrauchen pflegt, sondern in dem der »sittlichen Kultur«. Es war ein Franzose, Maurice Barrès, der die ›Iphigenie‹ ein »zivilisierendes Werk« genannt hat, das »die Rechte der Gesellschaft gegen den Hochmut des Geistes vertrete«. Die Äußerung trifft fast genauer noch auf jenes andere Werk der Selbstzucht und -züchtigung, ja, der Kasteiung, den ob seiner Atmosphäre von Bildung, Hof und Zimperlichkeit gern verschmähten »Tasso« zu. Es sind Werke der Entsagung, Werke deutsch-erzieherischen Verzichtes auf die Avantagen des Barbarismus, die der durchaus voluptuöse Richard Wagner mit so ungeheuerer Wirkung sich gönnte – und mit der gesetzmäßigen Straffolge, daß sein ethnisch-schwelgerisches Werk täglich einer roheren Popularität verfällt.
Neben die ›Iphigenie‹, den ›Tasso‹ stellen wir die ›Wahlverwandtschaften‹. Sie sind nach Sprache, Geist, Haltung, Gesinnung ein deutsches Werk höchster Gesittung; und es ist wunderbar, wie gesellschaftliche und religiöse Gegen-Natur – die nicht Wider-Natur, sondern eben nur »sittliche Kultur« ist – sich hier finden, vereinigen, und wie Gesittung zur Sittlichkeit wird. ›Die Wahlverwandtschaften‹ sind Goethe's allerchristlichstes Werk, und auf sie hat er sich berufen, wenn ihm daran lag, sich gegen den Vorwurf des Heidentums zu verteidigen. »Ich heidnisch?« rief er eines Tages. »Nun, ich habe doch Gretchen hinrichten und Ottilien verhungern lassen, ist denn das den Leuten nicht christlich genug? Was wollen sie noch Christlicheres?« Aber aus diesen Worten spricht auch ein tiefer Schmerz um die holden Naturkinder, seine Schwestern und Geschöpfe, und um das Opfer, das er mit ihrer Vernichtung dem Sittengesetz gebracht. Die Sterne waren aufgegangen während einer Fahrt mit Sulpiz Boisserée von Karlsruhe nach Heidelberg, sechs Jahre nach Beendigung des Romans. »Er sprach von seinem Verhältnis zu Ottilie, wie er sie lieb gehabt, und wie sie ihn unglücklich gemacht. Er wurde zuletzt fast rätselhaft ahndungsvoll in seinen Reden.« – Großes, gütiges Herz, das der Natur, seinem Elemente, in allem Gehorsam gegen das Vergeistigungsgebot nicht untreu wird; das dem Sittlichen tragisch-männlich seinen Tribut zollt, aber am Weibe hängt und unter den Sternen Ahnungsvolles über das rätselhafte Schicksal der Menschheit murmelt, die er lieb hat und die ihn unglücklich macht!
»Der sehr einfache Text dieses weitläufigen Büchleins«, schrieb er, »sind die Worte Christi: Wer ein Weib ansieht, ihr zu begehren etc. Ich weiß nicht, ob irgend jemand sie in dieser Paraphrase wieder erkannt hat.« – Das ist ja Tolstoi! Aber, ach Gott, es ist nicht Tolstoi, denn nicht um die Asketik des Absurden, nicht um den erschütternd hilflosen Vergeistigungsdrang wilder Naturkindschaft, nicht um Widernatur, wir wiederholen es, handelt es sich hier, sondern um sittliche Kultur, um die tiefste, ahnungsvoll verwandte Sympathie mit dem Naturhaften bei allem Gehorsam gegen den höheren Befehl, um sittliche Überwindung in einer Tragik, die voller Liebe ist und in eine Verklärung ausgeht, welche die Menschheit das unauflöslich Tragische eben ihres Loses als heilig empfinden lehrt.
Denn Ottilie ist eine Heilige, – wenn sie als solche auch nicht erkannt wurde, als ihr Roman erschien. Sollte man es glauben? Das Buch chokierte. »Jede Art Wartburg in Deutschland«, wie Nietzsche sagen würde, schrie Zeter über seine Sündhaftigkeit, – als ob Christentum es überall mit etwas anderm zu tun hätte als mit der Sünde, und als ob Heiligkeit aus etwas anderm erwachsen könnte als eben aus ihr. Ottilie ist eine Heilige. Wieland fühlte es, wenn er es auch weder goutierte noch verstand. Auch er war »chokiert«, von seiner Seite, und zwar über des Buches »moralische Tendenz«. Auch dieses Gegenteil kam vor. Er nannte die ›Wahlverwandtschaften‹ »ein wirklich schauerliches Werk« und sprach damit den Radikalismus ihrer Christlichkeit aus, der zuletzt nicht weniger unbedingt ist als der der ›Kreutzersonate‹, den Kryptenduft, der uns am Schlusse umschauert, die »schaurige Ruhe«, zu der, wie Knebel sagt, »die Geschichte gegen das Ende steigt«, und vor der Wieland zu den humoristischen Menschlichkeiten des Buches flüchtete: zu solchen freilich entzückenden Dingen, wie daß Eduard nach dem ersten Zusammensein mit Ottilie äußert: »Sie ist ein angenehmes, unterhaltendes Mädchen«; worauf Charlotte antwortet: »Unterhaltend? Sie hat ja den Mund noch nicht auf getan.« – Für dieses Wort, sagte Wieland, würde er, wenn er der Herzog wäre, Goethen ein Rittergut schenken. Wir pflichten ihm vollkommen bei, – ohne zu meinen, daß der vorurteilsfreie alte Herr von der Heiligengeschichte sehr viel verstanden habe.
Der erste Keim dazu senkte sich früh in Goethe's Seele. Er war Student, als er, von Straßburg aus, jene Wanderung nach dem Sankt Odilienberge im Niederelsaß unternahm, von der er in ›Dichtung und Wahrheit‹ erzählt. »Hier, wo das Grundgemäuer eines römischen Kastells noch übrig, sollte sich in Ruinen und Steinritzen eine schöne Grafentochter aus frommer Neigung aufgehalten haben. Unfern der Kapelle, wo sich die Wanderer erbauen, zeigt man ihren Brunnen und erzählt gar manches Anmutige. Das Bild, das ich mir von ihr machte, und ihr Name, prägte sich tief bei mir ein. Beide trug ich lange mit mir herum, bis ich endlich eine meiner zwar spätern, aber darum nicht minder geliebten Töchter damit ausstattete, die von frommen und reinen Herzen so günstig aufgenommen wurde.« – »Von frommen und reinen Herzen.« Spricht er von dem Buch, das doch auch etwas wie einen Skandal erregte, nicht ganz wie von einer Heiligenlegende? – Das Naturwissenschaftliche kam später hinzu: die Idee, den Begriff der ›Wahlverwandtschaft‹, der chemischen Affinitäten ins Menschlich-Soziale zu übertragen, die eigentümlichste, mystisch-innigst empfundene Erotisierung stofflich-naturhafter Anziehungskräfte, die so wenig verstanden wurde, daß die Philister einander fragten, wie Goethe doch zwei Bände über diese chemische Sache habe schreiben mögen, da er ja nichts als das Bekannte, in einem Kapitel der Chemie Vorkommende, »abhandle«. Abhandle, – es ist nicht stupider zu sagen. Aber auch heute noch ist kaum die Kühnheit ganz nachzufühlen, die in der Konzeption lag, die Naturgebundenheit des Menschen, seine leidenschaftliche Notwendigkeit in ein Symbol jener Wissenschaft zu kleiden, in der das Exakte mit dem Mystischen sich von jeher, wie in keiner anderen, vermischte, – und ihm die Freiheit des Menschen entgegenzusetzen: jene unberechenbaren Kräfte der Menschenseele, die das Ungeheuerste, das Natürliche zu überwinden vermögen, die über seinen »Gesetzen« sind und vielleicht einer höheren Ordnung angehören.
Ottilie ist das süßeste Kind der Natur, das je von eines Künstlers Hand gebildet wurde. Sie hat, in ihrer Sanftmut, ihrer lächelnden Stummheit und nachtwandlerischen Lieblichkeit, von einem Elementarwesen der Romantik, einer Undine, nicht wenig, ihre sympathetische Naturverbundenheit ist recht aus dem Herzen ihres Dichters erfunden, dessen Liebe sie atmosphärisch umgibt: das Pendel schlägt aus in ihrer Hand über den Metallen, ihr linksseitiger Kopfschmerz stellt sich ein in der Nähe eines Kohlenlagers, von dem niemand weiß. Die ganze Unschuld und Schuldhaftigkeit der Natur ist ausgedrückt in der sensitiven Unbewußtheit dieser holden Gestalt. Sie liebt nach dem Naturgesetz gegen das Sittengebot, sie wird, wie ihre Schwester Gretchen, der Sünde bloß, doch – alles, was sie dazu trieb, Gott! war so gut, ach, war so lieb! – Goethe liebte, als er sie schuf, man sieht es wohl. Der Schatten der heiligen Odilie gewann süßes Blut durch ein gegenwärtiges Menschenbild, als er eben begonnen hatte, seine Erzählung zu schreiben. Er stand in einer seiner späten Passionen damals: die achtzehn Jahre der kleinen Herzlieb, Pflegetochter des Buchhändlers Frommann in Jena, hatten es dem Achtundfünfzigjährigen angetan; und die Entsagung, die der »dezidierte Heide« in diesem wie in sämtlichen höheren Fällen seines Liebeslebens übte, legte er in die Brust seines Geschöpfes: aus dieser Entsagung ist die grundeigentümliche, süße und namenlos unheimliche Friedensstimmung gegen Ende des Romans gewoben, als Eduard, Charlotte und Ottilie scheinbar wie ehedem wieder beieinander leben; sie ist es sicher, die dem Dichter den schauerlich-sublimen Schluß, das Karterieren Ottiliens eingegeben hat (so klüglich vorbereitet durch die frühe Mitteilung ihrer befremdlichen Mäßigkeit im Essen und Trinken schon während ihrer Pensionszeit), die volkstümliche Wundertätigkeit ihres Leichnams, das seraphische Ende. Der Knabentraum des Studenten von der heiligen Odilie vermischt sich mit der entsagenden Leidenschaft des Ergrauten für ein junges Leben zum tragischen Gedicht, das beides feiert: die Macht der Natur und die einer menschlichen Übernatur, die sich durch den Tod ihre Freiheit salviert.
›Die Wahlverwandtschaften‹ sind höchste Dichtung in ihrer Einheit von Gestalt und Gedanke. Sie sind im Künstlerischen wahrhaftig, was sie im Ideellen darstellen: Naturvergeistigung, ›sittliche Kultur‹. Von jeher war große Kunst die Künderin des dritten Reiches; Kunst ist das Vorbild der Menschheit; und der Dichter, im Bunde gleichermaßen mit beiden Mächten, Natur und Geist, ist wohl der Menschheit Meister zu nennen.
Eine Goethe-Studie
Erstmals in »Goethe-Studien. Japanisch-deutscher Geistesaustausch«, Tokio, 1932
So der Westen wie der OstenGeben Reines dir zu kosten
Divan
Am 31. Januar 1827 war Johann Peter Eckermann bei Goethe zu Tisch, und der achtundsiebzigjährige Dichter, das geistige Haupt Europas, erzählte dem begierig lauschenden und innerlich notierenden Famulus von der wie immer vielfachen und ausgebreiteten Lektüre, die er in den letztvergangenen Tagen gepflogen: besonders von einem chinesischen Roman, der ihn noch immer beschäftige und ihm in hohem Grade merkwürdig scheine. Der Eindruck, sagte er, sei weniger fremdartig gewesen, als man glauben sollte. Die Menschen dächten, handelten und empfänden fast ebenso wie wir Europäer, und sehr bald fühle man sich als ihresgleichen, nur daß bei ihnen alles klarer, reinlicher und sittlicher zugehe als bei uns. Und er sprach von der verständigen Bürgerlichkeit dieser Poesie, die durch das Fehlen großer Leidenschaft und dichterischen Schwunges viel Ähnlichkeit mit einer gewissen europäischen Idyllik, mit seinem eigenen Versepos ›Hermann und Dorothea‹ und mit den englischen Romanen des Richardson aufweise. Geschmack und Moralität, stellte er fest, seien in dieser östlichen Erzählung durchaus auf das Nette und Zierliche gerichtet, es herrsche darin ein hoher Sinn für Sittlichkeit und Mäßigung, und darin freilich unterscheide sie sich gar sehr von der moralischen Lockerheit, Gewagtheit und Problematik Europas …
Gleichviel. »Ich sehe immer mehr«, sagt Goethe, »daß die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist.« Es komme darauf an, und gerade für uns Deutsche, aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinauszublicken, um nicht individuell und national einem pedantischen Dünkel zu verfallen. »Ich sehe mich daher gern«, fuhr er fort, »bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun. Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.«
An diese Worte des majestätischen, aus kernigstem Deutschtum in überschauende Größe emporgewachsenen Greises muß ich denken, da mir der ehrenvolle und rührende Auftrag zuteil wird, der ostasiatischen Festpublikation zu Goethe's hundertstem Todestage, diesem seinem Leben und Werk gewidmeten Sammelwerk hervorragender japanischer Gelehrter ein deutsches Vorwort zu schreiben, es mit einem Gruß aus dem Geburtslande des Gefeierten zu versehen. Weltliteratur! Alle brustweitende Expansivität des Wortes, alles Glück, das die Erfahrung der Einheit des Menschengeistes uns bereitet und das sich auf eine strenge und gütige Weise in diesem Worte sammelt, ergreift mich beim Empfang einer so wunderlich weitläufigen Aufforderung, und man versteht, daß, indem ich ihr folgen will, die angeführte Gesprächsstelle mir zuerst in den Sinn kommt und der Sinn des Wortes, in welchem sie gipfelt, mir zu denken gibt.
Was meinte Goethe mit »Weltliteratur«? Da er von einer Epoche spricht, die »an der Zeit« sei, kann ihm nicht die blasse Summe und Gesamtheit alles schriftlich befestigten Geisteslebens vorgeschwebt haben. Eher schon jene höchste Auswahl und Blüte des Schrifttums, zu der sein eigenes Werk längst gehörte, und die, wo immer erwachsen, kraft ihres ins Allgemeingültige ragenden Ranges als Besitz der Menschheit empfunden und anerkannt wird, – die Erkenntnis mit eingerechnet, daß die Zeit gekommen sei, wo nur noch das Weltfähige eigentlich an der Tagesordnung sei und in Betracht komme: die Tage des nur in seiner Entstehungssphäre Gültigen seien vorüber.
Großartige persönliche Erfahrungen hatten ihm, der im Alter diese Ankündigung aufstellte, die geistige Welt-Perspektive beizeiten nahegelegt und zur Gewohnheit gemacht. Sein erster Roman gleich, die ›Leiden des jungen Werther‹, den er mit fünfundzwanzig Jahren schrieb, diese Geschichte eines unselig liebenden, von Gefühl und Weltschmerz zerrissenen, auf eine verführerisch edle Weise am Leben zerbrechenden Jünglings, deren entnervende und zerrüttende Empfindsamkeit der Schrecken und Abscheu der Moralisten war, erregte einen Erfolgssturm, der alle Grenzen überschritt, und machte buchstäblich die Welt verrückt vor Sterbenswonne: Sie rief einen Rausch, ein Fieber, eine über die bewohnte Erde hinlaufende Ekstase hervor, wirkte wie der Funke, der ins Pulverfaß fällt, wobei, in plötzlicher Ausdehnung, eine gefährliche Menge gebundener Kräfte frei wird. Das kleine Buch traf auf eine allgemeine Bereitschaft; es war, als ob das Publikum aller Länder, insgeheim und ohne es zu wissen, genau auf dies Werk eines noch ganz beliebigen jungen deutschen Reichsstädters gewartet hätte, das der gebundenen Sehnsucht einer Welt auf revolutionär-entbindende Weise gerecht wurde, – ein Treffer ins Schwarze, das erlösende Wort. Die jungen Leute gingen in Werthertracht, im blauen Frack mit gelber Weste. Man tötete sich, den ›Werther‹ in der Tasche. Ein junger Engländer, der nach Weimar kam und Goethe vorübergehen sah, wurde, obgleich er gekommen war, um ihn zu sehen, auf offener Straße ohnmächtig, da er sich zuviel zugetraut hatte und es über seine Kraft ging, den Verfasser des ›Werther‹ in Person zu erblicken. Selbst der Chinese malte, wie Goethe ohne Übertreibung im Verse sagt, »mit zitternder Hand« das Liebespaar des Romans, Lotten und Werthern, auf Glas.
Eine so turbulente Wirkung hat keines von Goethe's späteren Werken wieder ausgeübt, wie dies mit der ganzen Dynamik einer genialischen Jugend geladene Büchlein. Aber wie er als aufnehmender Geist, dessen Fähigkeit zur Bewunderung ebenso groß war wie seine produktive Kraft, sich beständig mit den besten Hervorbringungen aller Zeiten und Zonen in Berührung hielt, weil, wie er sagte, der Künstler immer in Gefahr sei, »zurückzuschwanken«, wenn er die höchsten Kriterien aus den Augen und aus dem Gefühl verliere, so ist auch alles, was er selbst später gab, von dem unterscheidenden und auf die Dauer maßgebenden Urteil als »Weltliteratur« empfunden und aufgenommen worden, – und zwar nicht nur der mittelmeerisch beeinflußte, von einem humanistisch-klassischen Geist geprägte und geformte Teil seiner Werke, sondern auch, und sogar vorzugsweise, das exemplarisch Nordische und Deutsche darin, wie der erste Teil des ›Faust‹ und der Bildungsroman ›Wilhelm Meisters Lehrjahre‹. Der Greis, nicht länger mehr der Dichter bestimmter Werke, sondern ein Fürst des Lebens, der höchste Repräsentant europäischer Kultur, Gesittung und Menschlichkeit, dessen Haus am Frauenplan in Weimar zu einem Wallfahrtsort geworden war, wohin das Verehrungsbedürfnis der Menschen pilgerte; der von dem Schotten Thomas Carlyle die englische Übersetzung des ›Wilhelm Meister‹ nebst einem Brief voll kindlich inniger Liebe und Unterwürfigkeit empfing; der in einer französischen Ausgabe seines Faust-Gedichtes blätterte, die mit Zeichnungen des genialen Eugène Delacroix geschmückt war; der über die neu erschienene Helena-Episode, aus dem zweiten Teil der Tragödie, feierliche Besprechungen in den Revuen von Edinburgh, Paris und Moskau las – er mochte wohl finden, daß die Zeit der Weltliteratur gekommen sei, da er sie ja für sein Land heraufführte, Deutschland damals in der Weltliteratur vertrat und noch heute vertritt.
Dennoch lag viel Vorwegnahme in seiner Feststellung, und die Entwicklung der zehn Jahrzehnte seit seinem Tode, die Vervollkommnung der Kommunikation, die Beflügelung des Austausches, die sie brachten, das selbst durch den großen Krieg eher geförderte als aufgehaltene Intim-werden Europas, ja der Welt: dies alles war nötig, um die Epoche, die Goethe als »an der Zeit« empfand, erst eigentlich zu verwirklichen, – in dem Grade sogar, daß heute die Gefahr der Verwechselung des Weltfähig-Weltgültigen mit dem nur Weltläufigen, einem minderen internationalen Gebrauchsgut, sehr nahe liegt und von den Provinzlern des Geistes mit Vorliebe zur nationalen Diskreditierung allgemein anerkannter Leistungen ausgenützt wird: Geflissentlich nennen sie den echten und den wohlfeilen Weltruhm in einem Atem und meinen so das Mehr-als-Nationale zugleich mit dem Unter- und Zwischennationalen zu verunglimpfen. Diese Möglichkeit bot sich zu Goethe's Zeit noch nicht oder in viel geringerem Maße. Es war nicht tunlich, die Ehren, welche das Ausland ihm erwies, der undeutschen Plattheit seines Niveaus zuzuschreiben. Dennoch hat seine Wendung vom Volkhaft-Nordischen, von dem Nebelspuk des ersten ›Faust‹ zum Griechentum und zu einem human geläuterten Kunstgeist nicht verfehlt, viel vaterländisches Bedauern hervorzurufen – in einem gewissen Sinn mit Recht; denn dieser Kosmopolitismus war die klassische Vorform dessen, was durch einen späteren Weltdeutschen, Nietzsche, den Namen des »guten Europäertums« erhalten hat. –
Das Vorwegnehmende, um darauf zurückzukommen, lag in Goethe's Natur und gehörte zu seiner Größe. Den dicht vor der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Geborenen trug sein vitaler Antrieb noch ein Menschenalter ins neunzehnte hinein, und es wäre schwer zu sagen, welcher dieser beiden, doch ziemlich scharf gegeneinander abgesetzten Epochen er vorzugsweise angehörte. Er, der im Alter mit erschütternder Gelassenheit von sich aussagte, daß er »in Jahrtausenden lebe«, stiftete selbst eine Epoche, das Zeitalter Goethe's, das sich nicht nach Jahrhunderten bemißt und selbst so wenig abzusehen ist wie das Maß, in das seine immer noch weit vorandeutende Gestalt hineinzuwachsen bestimmt ist. Wer weiß, ob sie als mythusbildendes Persönlichkeitswunder nicht eines Tages der des Jesus von Nazareth gleich geachtet werden wird? An Liebe und Zukunftsfülle war sie ihr nicht unähnlich, und schon bei Lebzeiten ist Goethe ein göttlicher Mensch genannt worden. Unter dem bloß säkularen Gesichtspunkt aber ist es erstaunlich, wie er, bei dessen Tode unsere moderne technische und vom Massenmenschen bestimmte Welt erst andeutungsweise sichtbar zu werden begann, in seinem epischen Alterswerk, dem sozialen Roman ›Wilhelm Meisters Wanderjahre‹, die ganze gesellschaftlich-ökonomische Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts: den Industrialisierungsprozeß, die Herrschaft der Maschine, den Aufstieg der organisierten Arbeiterschaft, die Klassenkonflikte, die Demokratie, den Sozialismus, den Amerikanismus selbst, nebst sämtlichen aus diesen Veränderungen erwachsenden geistigen und erzieherischen Konsequenzen seherisch vorwegnehmen konnte.
Diese soziale Empfindlichkeit widerspricht der oft vertretenen Auffassung, er sei ein ausschließlich mit seinem Ich beschäftigter Dichter gewesen, dem es allein auf das Innerweltlich-Individuelle, das Rein-Menschliche angekommen sei, und für den es keine Gesellschaft, kein Menschengeschlecht im Kampf um politische, um revolutionäre Ideen gegeben habe. Es ist wahr, daß sein sinnlicher Realismus ihn der abstrakten Leidenschaft entfremdete, – dieser Realismus, der ihn, eingestandenermaßen, den Brand eines Bauernhofes als ein tatsächliches Unglück, den »Untergang des Vaterlandes« aber als Phrase empfinden ließ. Er war ein Deutscher im höchsten Grade, ein wahrer Ausbruch von Deutschheit trotz allem Weltbürgertum oder vielmehr gerade auch hierin: ein geistiger Bürger und eben hierin ein deutscher Bürger. Aber er war kein Patriot in des Wortes demokratischem Sinn, kein Freiheitskämpfer politisch-humanitärer Prägung. Daß er dennoch ein Kämpfer war, und zwar ein Kämpfer für menschliche Freiheit, wußte er wohl. »Ihr mögt mir immer«, sagte er, »ungescheut – wie Blüchern Denkmal setzen. Von Franzen hat er euch befreit, ich von Philisternetzen.« Er war ein Kämpfer und Befreier im Sittlichen, im Geistigen, besonders im Erotischen, – nicht im Staatlich-Bürgerlichen. Mit Gretchens Jammerschicksal, mit Faustens Liebesschuld ist kein Paragraph, kein gesellschaftlicher Zustand, keine Einrichtung angeklagt und angegriffen, sondern ein Dichter unterredet sich in dieser ›Tragödie‹ mit dem Ewigen über das Menschenlos. Daher war es möglich, daß dieser selbe Dichter als Mitglied des Weimarischen Staatsrates unter ein Todesurteil über eine junge Kindesmörderin, die der Herzog selbst lieber begnadigt hätte, zu den Namen der anderen strengen Minister das Wort schrieb: »Auch ich« – was, wie nicht ich zuerst empfinde, in seiner Art ebenso erschütternd ist wie der ganze ›Faust‹.
Der Franzose Maurice Barrès hat Goethe's ›Iphigenie‹ ein zivilisierendes Werk genannt, das »die Rechte der Gesellschaft gegen den Hochmut des Geistes vertrete«. Die Äußerung trifft fast genauer noch auf jenes andere Werk der Selbstzucht und -züchtigung, ja, der Kasteiung, den ob seiner Atmosphäre von Ziemlichkeit und Zimperlichkeit gern verschmähten ›Tasso‹ zu. Durch jenes schreckliche »Auch ich« zwang Goethe sich, seine weltliche Autorität für die Rechte der Gesellschaft gegen den Geist einzusetzen, zu dessen Befreiung er als Dichter durch die Erregung des Gefühls und als Schriftsteller durch die analytische Erweiterung und Vertiefung des Wissens vom Menschen so mächtig beigetragen hatte. Zu sagen, Goethe habe kein Verhältnis zum Gesellschaftlichen gehabt, ist offenbar falsch. Er verteidigte die Gesellschaft – in dem konservativen Sinn, der im Begriff der Verteidigung liegt. Man kann nicht unpolitisch, man kann nur anti-politisch sein, und das heißt konservativ, – während der Geist der Politik humanitär-revolutionär ist in sich selbst. Nichts anderes meinte Richard Wagner, als er erklärte: »Der Deutsche ist konservativ.« Nur kann, wie es bei Wagner und seinen geistigen Zöglingen geschah, das Deutsch-Konservative sich zum Nationalismus politisieren, – gegen welchen sich Goethe, der deutsche Weltbürger, selbst als das Nationale so viel historische Berechtigung besaß wie 1813, kalt bis zur Verachtung verhielt.
Es ist also wahr: Goethe liebte die Politik und die politischen Ideen nicht; sie waren ihm in dem Grade gegen seine Natur, daß er fast daran zu Grunde gegangen wäre. Die Französische Revolution, an der doch auch zahlreiche deutsche Geister einen glühenden Anteil nahmen und deren Herannahen er mit Schrecken gefühlt hatte, verstörte und quälte ihn solchermaßen, daß sie ihn beinahe sein Talent gekostet hätte und ihn tatsächlich lange Zeit unproduktiv machte. Es war die Politisierung und das will sagen: die Demokratisierung Europas, die er heraufkommen sah: eine seinem Wesen feindliche Weltverfassung, weil das, woran er glaubte, Kultur, Bildung, reine Menschlichkeit, seiner Überzeugung nach nicht darin gedeihen konnte. »Franztum« –, sagte er,
Franztum drängt in diesen verworrenen Tagen, wie einstmalsLuthertum es getan, ruhige Bildung zurück.
Das Distichon zeigt klar und deutlich, wie er sich, im sechzehnten statt im achtzehnten Jahrhundert geboren, gegen die germanische Revolution, die die Geschichte unter dem Namen der Reformation kennt, gehalten haben würde: Im Namen des Hochbegriffs der ›Bildung‹, welcher die Formel für das wunderbare Naturprodukt und Kunstwerk seiner Persönlichkeit war, wäre er für Rom und gegen die Reformation gewesen – oder hätte doch eine so zweideutige und unzuverlässige Stellung eingenommen wie jener Humanist Erasmus, von dem Luther sagte, daß die Ruhe ihm teurer sei als das Kreuz. ›Das Kreuz‹, das war ein paar Jahrhunderte später die Revolution; und »ruhige Bildung« war Goethen teuer.
Aller Haß, den er sich zugezogen, alle Vorwürfe und Klagen, die seinen Egoismus, seinen Hochmut, seine Unmoralität und seine »ungeheuer hindernde Kraft« betrafen, sind auf diese seine Kälte gegen den politischen Enthusiasmus, handle es sich nun um dessen nationalistisch-kriegerische oder revolutionär-menschheitliche Schattierung, zurückzuführen. Man vergaß aber vieles bei diesen Beschuldigungen. Man vergaß, daß, wer »in Jahrtausenden lebt«, der geistigen Dienstpflicht der Epoche nicht unterworfen ist wie der Durchschnittsdiener und -förderer der Zeit, heiße diese beherrschende Geistespflicht auch ›Politik‹ und ›Freiheit‹. Man vergaß, daß Goethe's Gleichgültigkeit gegen das politische »Menschengeschlecht« nichts weniger als Mangel an Liebe bedeutete: weder an Liebe zum Menschen – denn er hat gesagt, daß der bloße Anblick eines Menschenantlitzes ihn von Melancholie heilen könne, und von ihm stammt das Wort: »Das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch« – noch, was dasselbe ist, an Liebe zur Zukunft. Denn Mensch – Liebe – Zukunft, das ist all-eins, es ist ein und derselbe Gefühlskomplex von Sympathie und jener Lebensfreundlichkeit, die Goethe's tiefstes Wesen ausmachte, die seinen Begriff des Lebenswürdigen und des Liebenswürdigen prägte und ihn, den Unpolitischen, zu einem Liebling der Menschheit gemacht hat. Er war kein Metternich, kein »Fürst von Mitternacht«, der aus häßlicher Furcht vor der Zukunft das Leben vergewaltigte. Freiheit war ihm »die Möglichkeit, unter allen Bedingungen das Vernünftige zu tun«; und wenn er die Ordnung liebte, so trennte er sich mit Widerwillen von denen, die zu ihrer Erhaltung »Dummheit und Finsternis« zu Hilfe riefen: seine Mittel, die Ordnung zu retten, sagte er, seien der Verstand und das Licht.
Für ein Volk wie das japanische, das durch sein Talent fürs Technisch-Organisatorische gleichsam den Statthalter Europas im fernen Osten darstellt, muß es merkwürdig sein, zu sehen, mit welcher fast begeisterten Angelegentlichkeit dieser Sohn des achtzehnten Jahrhunderts und Meister einer hochhumanistischen Persönlichkeitskultur hinausblickte in die rein technisch-zivilisatorische Zukunft der Menschheit und die Probleme dieser Zukunft erörterte. Fünf Jahre vor seinem Tode spricht er über das Projekt eines Durchstiches der Landzunge von Panama mit einem Feuer, einer Eindringlichkeit und Ausführlichkeit, als sei es ihm wichtiger als alle Poesie, – und das war es vielleicht; denn er hat die Kunst nicht überschätzt, nie ein feierlich-prätentiöses Wesen mit ihr gemacht und sie, so vollkommen er sie beherrschte, immer mit einer gewissen Kühle behandelt. Dies kann wundernehmen in einer Zeit, die, wenigstens in Deutschland, sehr einseitig literarisch-philosophisch gerichtet war, und beweist seine Unabhängigkeit von ihr. Wenn er von Produktivität sprach, so versäumte er nicht, seine ästhetisierenden Landsleute zu belehren, daß sie sich nicht unbedingt als Dichtergenie zu bewähren brauche; auch Napoleon zum Beispiel sei ein produktiver Mensch gewesen. Übrigens war er selbst auf naturwissenschaftlichem Gebiet produktiv gewesen, indem er das os intermaxillare, den Zwischenkieferknochen des Menschen, entdeckt hatte. Und so erging er sich nun über allerlei Möglichkeiten, den Mexikanischen Meerbusen mit dem Stillen Ozean zu verbinden, über die unberechenbaren Ergebnisse, die solch ein Durchstich für die ganze zivilisierte und unzivilisierte Welt zeitigen müsse; riet den Vereinigten Staaten von Amerika aufs dringendste, die Sache in die Hände zu nehmen, und phantasierte von den blühenden Handelsstädten, die an dieser ganzen Küste des Pazifik, wo die Natur mit geräumigen Häfen schon so glücklich vorgearbeitet habe, nach und nach entstehen müßten. Er konnte dies alles kaum erwarten, er wünschte, es zu erleben, dies und die Verbindung von Donau und Rhein, die freilich ein über alles Hoffen riesenhaftes Unternehmen sein würde, und etwas Drittes, ganz Großes noch: den Kanal von Suez für die Engländer: ihn noch zu sehen, sagte er, würde es wohl lohnen, auf Erden noch etliche fünfzig Jahre auszuhalten.
