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In einem kleinen Wüstenort im Süden Colorados wird eine orientierungslos wirkende Frau angefahren. Deputy Theresa Ramirez vermutet, die Frau könne auf der Flucht gewesen sein, denn der Unfallort liegt unweit des Four-Corners-Monuments - einer Sehenswürdigkeit, in deren Umkreis immer wieder Frauen spurlos verschwanden. Kurz darauf werden tatsächlich drei Frauenleichen in einem unterirdischen Verlies gefunden. Die State Police, das FBI, Forensiker und natürlich unzählige Reporter fallen in das ansonsten beschauliche und ruhige Städtchen ein. Mit Hilfe der spärlichen Informationen, die das Unfallopfer beitragen kann, beginnt die fieberhafte Suche nach dem Four-State-Killer, wie die Presse den Mörder unterdessen getauft hat. Doch Deputy Ramirez folgt einer eigenen, sehr viel verstörenderen Spur …
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Pour ma petite Roquette de montagne, pour être toujours près de toi avec tout mon cœur.
Deutsche Erstausgabe Copyright Gesamtausgabe © 2023 LUZIFER Verlag Cyprus Ltd. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Michael Schubert
Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2023) lektoriert.
ISBN E-Book: 978-3-95835-794-5
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Der azurblaue Himmel zeichnet eine kontrastreiche Linie zum warmen, rötlichen Sand auf dem Boden seitlich der Straße. Die Farben sind strahlend und klar. William genießt diesen Anblick. Die Ruhe, die endlose Weite und den Frieden, den die Wüste ausstrahlt. Täglich auf der Autofahrt zur Arbeit genießt er dieses hinreißende Bild, das nie an Reiz verliert. Er liebt die Wüste, besonders hier in der Nähe des Four Corners Monument, welches die kreuzförmige Grenze der Staaten Utah, Colorado, Arizona und New Mexico bildet.
Es ist eine große Touristenattraktion im Mittleren Westen. Die einzige in dieser Gegend, um genau zu sein. Ursprünglich stammt William aus Phoenix, einer Großstadt in Arizona, in der er auch Maschinenbau studierte. Nach dem Studium zog es ihn in direkt in diese abgelegene Gegend, beziehungsweise war es vielmehr seine damalige Ehefrau. Ihre Familie kam von hier und sie wollte gern zurückkehren, also zogen sie in ein malerisches Haus in Waterflow und er bekam eine Stelle auf dem kleinen Flughafen in Cortez. Dort arbeitet er heute noch immer, er wohnt auch noch in dem Städtchen Waterflow, jedoch in einem anderen, nicht ganz so hübschen Haus und er lebt nun alleine. Die Scheidung kam knapp zwei Jahre nach der Hochzeit und für ihn vollkommen überraschend. Seither besteht sein Leben im Grunde nur noch aus arbeiten und Auto fahren. Zumindest denkt William das manchmal bitter, so wie heute, als er in seinem Wagen sitzt und auf dem Weg zur Spätschicht am Flughafen ist.
Er liebt die Wüste, ja, aber er hasst die Zeit zum Nachdenken, die sich bei der Autofahrt jedes Mal bietet. Seit der Trennung versucht William derartige Gedanken zu verdrängen, sich ihnen einfach gar nicht hinzugeben. Aber das funktioniert nicht mehr. »Es funktioniert nicht!«, spricht er laut aus und schüttelt den Kopf. Er muss jetzt endlich etwas ändern in seinem Leben, so oft spielte er mit diesem Gedanken bereits und blieb anschließend untätig. Er sollte wegziehen, vielleicht wieder nach Phoenix, an den Stadtrand, wo es etwas ruhiger ist und man die Wüste sehen kann. Hier gibt es doch nichts mehr für ihn. Zwar mag er seinen Job am Flughafen sehr, seine Kollegen auch, aber dauerhaft reicht das nicht aus. Er muss etwas verändern, sonst wird es für immer genauso bleiben wie in den vergangenen Monaten. Tagein, tagaus. Und das will er auf gar keinen Fall. Lange genug schiebt er den nächsten Schritt in seinem Leben schon vor sich her.
William atmet laut durch die Nase aus, presst die Lippen aufeinander und nickt. Er wird etwas ändern, das hat er nun beschlossen. Gleich heute Abend wird er anfangen. Er wird … William kann den Gedanken nicht mehr zu Ende führen. Von einer Sekunde auf die nächste tritt eine Frau hinter einem hohen Kreosotbusch auf die Fahrbahn. William beginnt reflexartig und unverzüglich mit einer Vollbremsung. Er registriert noch, wie sich die Frau, ohne sich umzusehen oder ihre Schritte zu verlangsamen, weiter auf die Straße bewegt. Ihr Gesicht ist blutüberströmt, ihr helles T-Shirt rot durchtränkt. Sie geht mit grobmotorischen Schritten vorwärts. Ich werde es nicht schaffen, denkt William, ich werde sie anfahren. Die Sekunden vergehen quälend langsam. Die Erschütterung durch den Aufprall ist heftiger, als William erwartet hatte. Die Frau wird für einen kurzen Augenblick auf die Kühlerhaube seines Wagens gehoben, bevor sie seitlich nach rechts von der Windschutzscheibe hinunter auf den Asphalt fällt und sich der leblose Körper noch einige Male Richtung Fahrbahnrand überschlägt. Auf der Windschutzscheibe klebt so viel dickflüssiges Blut, dass William kaum noch durchsehen kann. Sein Escalade kommt einige Meter weiter zum Stehen, er reißt die Wagentür auf und läuft zurück. Am Straßenrand liegt sie auf dem Bauch, ganz bewegungslos. Der zierliche Körper ist rot gefärbt. Die Arme und Beine sind in einem merkwürdigen Winkel vom Körper abgespreizt, der Kopf liegt auf der Seite. Er ist zu William gewandt, jedoch ist es unmöglich, Gesichtszüge oder Anzeichen von Leben in ihm zu erkennen. Das Gesicht und der Kopf sind derart mit Blut überzogen, dass er nicht einmal ihre Haarfarbe schätzen könnte. Ob sie noch lebt? William geht noch näher heran. Atembewegungen kann er nicht erkennen. Nach der dumpfen Ungläubigkeit über das soeben Passierte überfällt ihn jetzt die blanke Panik. Beim Herausziehen seines Mobiltelefons fällt es ihm aus der Hand auf den Asphalt der Fahrbahn, er hebt es auf und stellt erleichtert fest, dass es noch funktioniert. Er wählt 911, den Notruf, und geht im Kopf durch, wo genau er sich befindet und was er sagen muss.
»911, was ist ihr Notfall?«, klingt eine weibliche Stimme aus dem Telefon.
»Es gab einen Unfall, ich habe eine Frau angefahren, sie ist sehr stark verletzt, vielleicht sogar tot. Wir sind auf dem Highway 160, etwa zehn Kilometer südlich von Cortez. Bitte schicken Sie schnell Hilfe!«, ruft er aufgeregt.
»Bleiben Sie ganz ruhig«, sagt die Frau am Telefon absurd gelassen. »Ein Rettungswagen aus Cortez ist jetzt unterwegs. Bitte bewahren Sie Ruhe.«
»Was soll ich denn jetzt machen?«, kreischt William. Seine Stimme bricht beim letzten Wort weg. Nachdem er das Was und Wo beim Notruf genau vermitteln konnte, verlassen ihn nun die Nerven.
»Bringen Sie das Unfallopfer in die stabile Seitenlage und sichern Sie den Unfallort ab. Und stehen Sie um Himmels willen nicht auf der Straße herum!«, sprudelt die Frau weiter.
William hat Mühe, ihr gedanklich zu folgen. Stabile Seitenlage. Das kann er. Eigentlich. Aber nun liegt hier ein so schwer verletzter Mensch vor ihm. Er hat Angst den Körper zu berühren und damit alles noch viel schlimmer zu machen. Er schiebt sein Telefon in die Hosentasche. Das ist doch alles nicht wahr, denkt er, während er, so behutsam es nur geht, die Frau auf die Seite dreht, sowie Arme und Beine zum Stabilisieren platziert. Auch jetzt, ganz dicht an der Frau, kann William nicht mit Gewissheit sagen, ob sie noch atmet. Eine Mischung aus fürchterlicher Übelkeit und plötzlicher Erschöpfung überfällt ihn. Beim Aufrichten wird ihm kurz schwindelig. Er geht zum Kofferraum und greift nach dem Warndreieck und dem Verbandskasten. Das Warndreieck stellt er einige Meter hinter der liegenden Frau auf, obwohl er das für unnötig hält, hier ist weit und breit kein Mensch und auch kein Auto. Den Verbandskasten öffnet er und sieht starr hinein. Nachdem er eine Ewigkeit hineingestarrt hat, zumindest kommt es ihm so vor, nimmt der die Rettungsdecke hinaus und überlegt unschlüssig und überfordert, ob er diese auspacken und der verletzten Frau umlegen soll. In diesem Augenblick hört er, wie in der Ferne der Rettungswagen auf der Straße rasch heranfährt. Er blickt Richtung Norden und kann ihn bereits erkennen. Er fuchtelt mit den Armen und schreit: »Hier! Hier!«. Dann bemerkt er schnell, wie sinnlos das Rufen ist, und beschränkt sich auf das Winken.
Eine knappe Minute später bremst der Rettungswagen neben ihm, zwei Männer steigen aus und sind mit wenigen, schnellen Schritten bei der verletzten Frau. William stellt sich daneben, wohl wissend, dass er ab jetzt nichts mehr zu ihrer Rettung beitragen kann. Vielleicht hat er sie bei der Kollision bereits getötet? Er nahm keine Atembewegung bei der Frau wahr, nichts, was nach einem Lebenszeichen aussah.
»Was ist passiert?«, fragt einer der Sanitäter, ohne zu William aufzublicken.
»Sie ist auf die Straße gelaufen. Ich konnte nicht mehr bremsen.«
»Kennen Sie die Person?«, will er wissen.
»Nein.«
»Und die Frau ist einfach auf die Straße gelaufen?«
Der Sanitäter blickt sich kurz in der einsamen Landschaft um.
»Ja«, antwortet William.
War es nicht offensichtlich, was geschehen war?
»Treten Sie bitte an den Seitenstreifen und warten Sie dort auf den Sheriff!«
Auf den Sheriff, wiederholt William in Gedanken. Er tritt noch einige Schritte zur Seite und sieht die Straße auf und ab. Es war nichts und niemand zu erkennen. Er blickt wieder auf die verletzte Frau, nun umringt von den beiden Sanitätern.
»Da ist ein schwacher Puls«, sagt der eine.
Gott sei Dank! William macht noch einen Schritt nach hinten, dieses Mal nicht mit Absicht. Er muss sich kurz auf seine Beine konzentrieren, auch sein Oberkörper hat eine leichte Schieflage.
»Der kippt gleich um«, bemerkt einer der Rettungskräfte mit einer Kopfbewegung in seine Richtung.
William versucht stillzustehen. Er nimmt nun ein blaues, flackerndes Licht wahr. Erst einen Moment später realisiert er den vor ihm stehenden Explorer des Sheriffs.
Ein rundlicher Mann in Uniform, etwa Ende fünfzig, schätzt William, bewegt sich gemächlich auf ihn zu. Auf der Beifahrerseite springt eine dunkelhaarige Frau in Uniform aus dem Wagen, sie hält einige Gegenstände in den Händen. Blitzschnell und routiniert ist sie dabei, Fotos vom Unfallort zu machen. Sie benutzt einen länglichen Gegenstand als Maß, zwischendurch spricht sie in ein Diktiergerät. Der Sheriff unterhält sich unterdessen mit den Sanitätern, welche die verletzte Frau bereits auf eine Tragbahre gelegt haben und dabei sind, diese in den Rettungswagen zu transportieren. Nun kommt der Sheriff auf ihn zu.
»Guten Tag, Sheriff Miller«, stellt er sich vor. »Das da ist Deputy Ramirez.« Der Sheriff macht eine halb ausgeführte Zeigegeste zu der uniformierten Frau mit dem schwarzen Zopf hinüber. »Und Sie sind?«
»William Harold Birch Jr.«, antwortet William und merkt sofort, dass er nicht einmal einen guten Tag wünschte.
»Gut, William Harold Birch Jr., dann steigen Sie mal ein.« Sheriff Miller sieht zu seinem Auto hinüber.
»Ich?«, mit dieser Aufforderung rechnete er nicht. »Und mein Wagen?«, möchte er wissen.
»Der wird abgeschleppt. Der ist ja vielleicht gar nicht mehr verkehrstauglich.«
Der Sheriff sieht William nun direkt in die Augen.
»Und fahren sollten Sie besser auch nicht mehr«, fügt er streng hinzu.
William bewegt sich langsam und noch leicht unsicher hinüber zum Fahrzeug des Sheriffs. Natürlich kann er jetzt nicht mehr weiterfahren. Was dachte er sich denn? Dass er zum Flughafen fährt und ohne Weiteres mit seiner Arbeit beginnt? Er setzt sich auf die Rückbank. Obwohl es im Wagen unangenehm nach Zigarettenrauch riecht, tut es ihm gerade so gut zu sitzen und sich anlehnen zu können. Regungslos wartet er, die Augen halb geschlossen. Er kann nicht einschätzen, wie lange es dauert, bis der Rettungswagen abfährt und Deputy Ramirez die Dokumentation des Unfalls beendet. Durch das Zuschlagen einer Autotür wird William schließlich wieder aufmerksam. Ein Abschleppwagen nähert sich bereits. Sheriff Miller grüßt den Fahrer mit einer Handgeste und den Worten: »Tag, Eric!« Dann startet er den Motor.
Auf der Fahrt fällt William mindestens zweimal in einen unruhigen Sekundenschlaf. Vor dem kleinen Sheriffs-Department in Cortez hält Sheriff Miller. William erkennt das Gebäude. Von der Straße, die er täglich zum Flughafen nimmt, kann er es regelmäßig sehen. Beim Aussteigen hilft ihm Deputy Ramirez, eine freundlich aussehende Frau in den Vierzigern. Im Büro angekommen, befördert sie ihn auf einen Stuhl und drückt ihm eine kleine Flasche Wasser in die Hand. »Ich gucke mal, ob wir noch etwas Nervennahrung für Sie auftreiben können«, sagt sie lächelnd und kehrt wenig später mit einer Tasse Kaffee und einem eingeschweißten Donut zurück. Danach sitzt sie sofort am Computer und tippt. Ihr Schreibtisch steht gegenüber dem des Sheriffs. Das Department ist so klein, dass es nur aus einem Büroraum besteht. Die Einrichtung ist zweckmäßig und schon etwas in die Jahre gekommen, an den Wänden hängen abgewetzte Landkarten und Flaggen von Colorado und von Montezuma County. Richtig, wird William klar, hier sind wir ja schon in Colorado. Er nimmt einige Schlucke Wasser und isst den glasierten Donut, ohne zu pausieren, so nötig hat er die Kohlenhydrate. Sheriff Miller lässt sich mit einem leichten Stöhnen in seinen Schreibtischsessel nieder und stellt seine Kaffeetasse auf den unordentlichen Tisch.
»Du machst den Schreibkram, Theresa?«
Auf eine Antwort scheint Sheriff Miller nicht zu warten.
»Also, sagen Sie doch nochmal Ihren Namen und das Geburtsdatum und so für das Protokoll«, fordert er William auf.
»Mein Name ist William Harold Birch Jr. und ich wurde am 20. Juli 1994 in Phoenix, Arizona geboren. Ich wohne zurzeit in der Main Street 178 in Waterflow, New Mexico. Das ist in San Juan County, nördlich des Navajo Reservats.«
»Ja. Verheiratet? Familie?« Der Sheriff nimmt sich seine Tasse und streckt die Beine aus.
»Geschieden. Keine Kinder.«
»Und wo wollten Sie gerade hin, als der Unfall passierte?«, fragt er und nippt zwischendurch an seinem Kaffee.
»Nach Cortez zum Flughafen. Ich arbeite dort«, fügt William noch hinzu.
»Ok«, gibt Sheriff Miller zurück und scheint zu überlegen, was er anschließend noch fragen könnte oder sollte. Er trinkt noch einen Schluck Kaffee, um sich mehr Zeit zum Nachdenken zu verschaffen.
Deputy Ramirez hilft ihm aus der Verlegenheit: »Bitte schildern Sie uns den Hergang des Unfalls von Anfang an und so detailreich wie möglich.«
Sie blickt William direkt und ermutigend an.
»Nehmen Sie sich Zeit.« Sie lächelt erneut.
William trinkt von seinem Kaffee, bevor er beginnt. Zwar kommt ihm diese Geste etwas theatralisch vor, aber er fühlt, dass er jetzt jede Energie braucht, die er bekommen kann.
»Ich fuhr wie jeden Tag zur Arbeit von Waterflow nach Cortez. Kurz hinter dem Navajo Reservat ist es passiert. Ich habe zwar auf die Straße gesehen, aber die Frau konnte ich erst im letzten Augenblick erkennen, weil sie hinter einem Kreosotbusch auf die Fahrbahn lief. Ich habe sofort gebremst, wirklich, aber es war zu spät.«
Unbewusst schluckt er.
»Es war merkwürdig, weil die Frau ohne zu gucken auf die Straße kam. Sie war auch schon vor dem Unfall verletzt, ihr Gesicht war bereits voller Blut.«
Deputy Ramirez wirft Sheriff Miller einen kurzen, scharfen Blick zu.
»War die Frau auf der Flucht vor jemandem?«, hakt sie nach. »Haben Sie noch jemanden beobachtet?«
»Nein. Zumindest habe ich niemanden gesehen. Die Gegend ist eigentlich leicht zu überblicken, nur ein paar kleinere Felsen und Büsche und ansonsten ziemlich flach.«
Deputy Ramirez verzieht den Mund nachdenklich zur Seite.
»Fahren Sie fort, bitte. Was geschah nach der Kollision?«
So genau wie möglich schildert William den Ablauf.
»Ich hoffe, ich habe mich richtig verhalten«, fügt er zum Schluss fragend hinzu.
»Natürlich. Seien Sie unbesorgt. Das hier ist nur Routine.« Nach einem längeren Blick in sein verzweifeltes Gesicht ergänzt sie: »Das Unfallopfer wurde in die Southwest Memorial Klinik in Cortez gebracht. Wir warten auf Neuigkeiten. Wenn welche eintreffen, gebe ich Ihnen Bescheid, wie es der Frau geht. Ich bringe Sie gleich nach Hause, Sie sollten sich heute ausruhen. Ich nehme noch Ihre Telefonnummer auf, damit wir Sie erreichen können.« »Vielen Dank, das ist wirklich sehr freundlich.«
»Natürlich.«
Deputy Ramirez lächelt ihn kurz an und tippt danach die Telefonnummer in den Computer ein, die William ihr diktiert.
»Was für ein Morgen!«, bemerkt Sheriff Miller und macht es sich zunehmend bequem, indem er seine Füße auf dem Schreibtisch ablegt und seinen Oberkörper einmal ausgiebig streckt.
Deputy Ramirez nimmt nun, nachdem sie den Unfallzeugen vor seinem Haus abgesetzt hat, Platz auf ihrem Schreibtischstuhl im Department.
»Die Sache ist doch merkwürdig!«
In ihrer Stimme schwingt ein Unterton mit, den Sheriff Miller nicht ganz definieren kann.
»Wie meinst du das? Der Zeuge war doch glaubhaft.«
»Nicht der Zeuge!«, gibt Deputy Ramirez ungeduldig zurück. »Wo kommt diese Frau her?«
»Sie hatte keine Papiere bei sich.«
Der Sheriff sieht in seine Tasse, um die Menge des verbleibenden Kaffees zu schätzen.
»Das meine ich nicht. Was macht eine Frau ganz alleine in der Wüste? Ohne Auto oder Motorrad oder was auch immer? Ohne Sonnenschutz und Trinkwasser? Und dann war sie auch bereits verletzt, laut dem Zeugen Birch. Das ist doch komisch!«
Sie sieht Sheriff Miller erwartungsvoll an.
»Ja.«
Deputy Ramirez lässt nicht locker: »Wir müssen das nochmal untersuchen.«
»Wozu? Sobald die Frau zu sich kommt, kann sie diese Fragen alle beantworten. Da müssen wir jetzt nicht durch die Wüste fahren, bei der Mittagshitze. Und das auch noch Ende Juli!«
Verärgert schüttelt er den Kopf.
»Aber eventuell wacht die Frau nicht mehr auf. Sie haben sie doch gesehen, sie sah schlimm aus. Es gibt doch einen Grund, warum diese Frau in dem Zustand alleine im Nirgendwo der Wüste herumirrt!«
Der Gesichtsausdruck von Sheriff Miller verrät nicht viel über seine Gedankentätigkeit.
»Muss ich Sie daran erinnern, Sheriff, dass es höchstwahrscheinlich einen nicht geschnappten Serienmörder in dieser Gegend gibt?«
Fassungslos wirft sie die Hände hoch.
»Moment mal! Es ist nicht erwiesen, dass es sich um einen Serienkiller handelt. Es gibt noch nicht mal eine einzige Leiche. Und wo der herkommt oder wohnt ist doch auch nicht sicher. Oder soll eine Person für all die verschwundenen Personen hier im ganzen Mittleren Westen verantwortlich sein? Das ist doch Blödsinn!«
Die Augenbrauen von Deputy Ramirez ziehen sich zusammen und sie spricht etwas lauter als zuvor weiter: »Aber es sind so viele Frauen verschwunden in den letzten Jahren. Keine ist wieder aufgetaucht. Was bedeutet das wohl? Und das alles im Umkreis von hier. Alle Vermissten stammen aus den Bundesstaaten Utah, Arizona, Colorado und New Mexico. Die Presse nennt ihn deshalb schließlich auch den Four-State-Killer.«
Sheriff Miller winkt ab und rollt die Augen.
»Die Presse! Bitte! Du darfst nicht alles glauben, was die schreiben. Und außerdem: Was willst du machen? Durch die Wüste fahren? Wie weit? Wo hin? Das macht doch gar keinen Sinn!«
Deputy Ramirez presst die Lippen zusammen und fixiert den Sheriff mit ihren dunkelbraunen Augen. Jetzt bloß nichts sagen, was du später bereuen wirst, befiehlt sie sich. Am liebsten würde sie rufen: Sie sind ein fauler, dummer, sexistischer Mann, der mich die ganze Arbeit erledigen lässt, während Sie Privatgespräche am Telefon führen und sich von mir Kaffee servieren lassen. Das Einzige, was Sie tun, ist einmal im Jahr das Fest der Freiwilligen Feuerwehr hier im Ort zu eröffnen! Oft hat sich Deputy Ramirez einen anderen Sheriff oder zumindest einen weiteren Kollegen oder eine weitere Kollegin herbeigesehnt, doch seit nunmehr drei Jahren arbeiten sie schon in dieser Konstellation. Eines Tages würde sie noch verrückt werden, vielleicht sogar heute bereits.
Doch anstatt den Sheriff anzugehen, fährt sie diplomatisch fort: »Sheriff, Sie müssen doch nicht einmal das Department verlassen, um die Gegend abzusuchen. Wir haben doch neuerdings diese Drohne mit der Kamera. Ich kann in die Wüste fahren und sie dort fliegen lassen.«
Diese Drohne hat Sheriff Miller schon ein paar Male wie ein Spielzeug durch Cortez fliegen lassen. »Zur Probe«, so sagte er jedenfalls seinerzeit.
»Die Drohne!«
Der freudige Klang in seiner Stimme verrät, dass ihm die Existenz dieser nun erst wieder in den Sinn kommt.
Deputy Ramirez zieht die Augenbrauen fragend hoch. »Na?«
»Ja, das lässt sich durchaus realisieren«, gibt er zurück, in seiner Ausdrucksweise sehr darauf bedacht, sein Gesicht nicht noch mehr zu verlieren.
Die im Department verfügbare Drohne, die einen deutlichen Gegensatz zur ansonsten eher einfachen, veralteten Ausrüstung bildet, hat eine Reichweite von ungefähr acht Kilometern. Sheriff Miller und Deputy Ramirez beschließen, sich zur Unfallstelle zu begeben und von dort aus querfeldein ein paar Kilometer östlich in die Wüste zu fahren, um einen möglichst großen Radius abdecken zu können. Vom Department aus brauchen sie etwa zehn Minuten zu der Stelle, an dem sich der Unfall ereignet hat und noch einmal eine Viertelstunde durch die Wüste. Es ist nun bereits Mittag, die Sonne steht in voller Kraft am Himmel und wirft ihre Strahlen erbarmungslos auf die heiße, staubtrockene Erde. Hier könnte ich nicht einen einzigen Kilometer laufen, ist Deputy Ramirez sich sicher, als sie konzentriert aus den Fenstern des Wagens sieht. Es gibt hier jede Menge roten Sand, Felsen, Kakteen und Büsche. Doch nicht den geringsten Hinweis auf eine menschliche Spur. Die Tatsache, dass das Unfallopfer hier zu Fuß umhergeirrt sein soll, hält sie für unvorstellbar. Warum hat die Frau das gemacht? Dafür muss es einen triftigen Grund geben. Und dieser Grund ist ganz gewiss kein harmloser.
»Am besten bleiben wir im Wagen, wegen der Klimaanlage«, schlägt Sheriff Miller vor und unterbricht sie so in ihren Gedanken. Der Explorer stoppt. Zum Equipment gehört ein kleines Tablet, auf welches die Bilder der Drohne übertragen werden. »Eine Funktion zum Aufzeichnen gibt es nicht«, erklärt der Sheriff. Deputy Ramirez ist geradezu beeindruckt, wie kundig und zügig der Sheriff die Drohne und das Tablet bedient. Er verlässt kurz den Wagen, um die Drohne auf der Kühlerhaube zu positionieren. Wahrscheinlich ist es bei einem einzigen Probeflug nicht geblieben, folgert Deputy Ramirez süffisant. Dank der Erfahrung von Sheriff Millers Probe-Rundflügen gelingt es ihm schnell, die Drohne in die Luft zu bringen. Das Bild der Kamera wird auf dem Bildschirm des Tablets wiedergegeben, Deputy Ramirez dreht ihren Oberkörper dichter zu Sheriff Miller, um besser darauf blicken zu können. Sheriff Miller steuert die Drohne in östliche Richtung in etwa zwanzig Metern Höhe über dem Boden. Von diesem Abstand aus hat man einen guten Überblick, merkt Deputy Ramirez. Die Sonne brennt förmlich auf dem rötlichen Sand und den vereinzelten, dunkelgrünen Büschen auf dem Boden. Hier und dort charakterisieren einige kleine, zerklüftete Felsen die Landschaft. Die Drohne bewegt sich weiter nach Osten. In einer Anzeige auf dem Bildschirm sieht sie, wo genau die Drohne sich befindet, die Koordinaten geben dies an. Inzwischen flog die Drohne circa fünf Kilometer. Aber zu sehen gibt es auf dem Bildschirm stets das Gleiche. Deputy Ramirez strengt ihre Augen, die vom Betrachten des Bildschirms langsam ermüden, nochmal an. Sie versucht sich auf alles zu konzentrieren, das vom üblichen Bild abweicht. Vielleicht liegengebliebene Kleidung oder ein verlassenes Fahrzeug. Aber nichts. Nur Wüste, so weit das Auge reicht.
»Eventuell ist das Unfallopfer auch diagonal zum Unfallort gelaufen«, schlägt sie vor. »Wir sollten den ganzen Umkreis abfliegen.«
Sheriff Miller wirft einen Blick auf seine Armbanduhr: »Zeit genug haben wir ja noch.«
Knapp zwei Stunden und unzählige virtuelle Kilometer später stöhnt Sheriff Miller auf und streckt seinen Rücken, ohne die Finger vom Control Pad der Drohne zu lassen.
»Nichts. Ich fliege zurück.«
Deputy Ramirez ist nun auch erschöpft vom stundenlangen, ergebnislosen Suchen auf dem kleinen Bildschirm. Sie steigt aus, um ihren verkrampften Körper für einen Augenblick zu bewegen.
»Das kann doch nicht sein! Die Frau ist doch nicht einfach so vom Himmel gefallen!«, platzt sie heraus, als sie wieder im Wagen Platz nimmt.
»Hmm«, macht Sheriff Miller nachdenklich. »Wir fahren zurück ins Department. Ruf du im Krankenhaus an, versuche herauszufinden, wie es der Frau geht und ob sie reden kann, ob die Identität festzustellen ist. Und wir brauchen ihre Kleidung. Das sollen die in eine Plastiktüte packen und du holst es heute noch ab. Wir werden die Sachen morgen früh brauchen. Ich kümmere mich um einen Suchtrupp mit Spürhunden. Morgen suchen wir weiter.«
In seinem kleinen Haus am Rande von Waterflow wird William wieder wach. Es dämmert bereits und er kann die Einrichtung in seinem Schlafzimmer schemenhaft erkennen. Als Nächstes wird ihm bewusst, dass er durch das Klingeln seines Mobiltelefons aufgeweckt wurde. Er nimmt es aus seiner Hosentasche, wo es seit dem Unfall offensichtlich verblieben war, und meldet sich mit seinem Nachnamen.
»Guten Abend Mr. Birch, hier spricht Deputy Ramirez aus dem Sheriffs-Department in Cortez.«
William ist sofort wieder hellwach und setzt sich im Bett auf.
»Guten Abend«, erwidert er.
»Ich rufe Sie an, um Ihnen mitzuteilen, dass das Unfallopfer im Krankenhaus versorgt wurde. Die Verletzungen sind schwer, so dass die Frau nicht bei Bewusstsein ist. Der Arzt sagt, er könne noch keine Prognose abgeben, aber momentan ist die Frau wohl stabil. Wir wissen noch nicht, wer sie ist. Wie geht es Ihnen?«
»Ähm, gut.«
»Haben Sie gegessen?«
»Noch nicht. Ich habe geschlafen.«
»Das ist gut. Und nun essen und trinken Sie noch ordentlich. Wenn es etwas Neues gibt, rufe ich Sie an. Schönen Abend noch!«
»Ja, danke Deputy Ramirez, das wünsche ich Ihnen auch.«
Deputy Ramirez streichelt Karl, den Deutschen Schäferhund, am Kopf und sucht lächelnd Augenkontakt zu Officer Atkins, dem Hundeführer der Polizei. Ihre strahlend weißen Zähne bilden einen starken Kontrast zu der gebräunten Haut ihres Gesichts.
»Und Sie sprechen wirklich Deutsch mit ihm?«, möchte sie wissen.
»Ja. Er wurde in Deutschland trainiert, und es geht schneller, wenn ich die deutschen Wörter lerne, als wenn er sich alle Kommandos noch einmal auf Englisch merken muss.«
»Das ist ja wirklich zu komisch!«, sie lacht laut und über das ganze Gesicht.
»In den USA sind ungefähr die Hälfte aller Polizeihunde Deutsche Schäferhunde. Einige wurden bereits trainiert aus Deutschland gekauft. So kommt das«, erklärt Officer Atkins.
»Er ist so ein lieber Kerl«, bemerkt sie.
Aus dem Augenwinkel nimmt sie den wertenden Blick des Sheriffs wahr. Sie lässt den Hund los und richtet sich wieder auf. Der Sheriff telefonierte am Tag zuvor, während sie die Kleidung des Unfallopfers aus dem Krankenhaus abholte, mit der State Police, der Staatspolizei des Staates Colorado sowie einem Mitarbeiter des United-States-Polizeihundeverbands. Er organisierte einen Spürhund samt Hundeführer für den heutigen Morgen. Zugetraut hatte sie ihm das eigentlich nicht. Doch hier stehen sie nun zu dritt am Unfallort. Ihre Finger umschließen den Griff der Plastiktüte, in der sich die Kleidung der verletzten Frau befindet.
Officer Atkins erklärt ihnen das Vorgehen: Karl nimmt durch die Kleider den Geruch der Zielperson auf, er und Karl gehen anschließend voraus. Sheriff Miller und Deputy Ramirez sollen mit einigem Abstand im Wagen langsam hinter Officer Atkins und seinem Diensthund herfahren. Notfalls haben er und der Hund so die Möglichkeit, im Auto den Rückweg anzutreten. Die Spurensuche ist körperlich sehr fordernd für Mensch und Tier, auch muss genug Trinkwasser mitgeführt werden und damit kann sich der Hundeführer nicht noch zusätzlich belasten. Officer Atkins nimmt Deputy Ramirez die Plastiktüte ab und öffnet sie. Er geht in die Hocke, um Karl das Aufnehmen des Geruchs zu erleichtern. Der Schäferhund steckt seinen Kopf bis zur Hälfte in die Tüte und vollzieht kurze und schnelle Atemzüge. Dann lässt der Hund von der Tüte ab und blickt Officer Atkins an.
»Such!«, befiehlt dieser laut auf deutscher Sprache.
Karl läuft los, den Kopf gesenkt und die lange Schnauze eine Hand breit über dem Erdboden haltend. Seine Schnüffelgeräusche sind noch einige Meter entfernt deutlich zu hören, während der Sheriff und sein Deputy in den Explorer steigen. Als Officer Atkins und Karl ungefähr zweihundert Meter Vorsprung haben, startet Sheriff Miller den Wagen und fährt mit Schrittgeschwindigkeit hinter den beiden her, die sich erstaunlich schnell bewegen.
»Und die im Krankenhaus konnten auch heute früh wirklich nichts sagen?«, vergewissert sich Sheriff Miller noch einmal bei Deputy Ramirez.
»Nein«, gibt sie zurück. »Keine Veränderung des Zustands, keine Hinweise auf die Identität. Ich habe ja gestern Abend noch die paar Angaben, die ich aus dem Krankenhaus zum Aussehen und geschätztem Alter, Größe und so, bekommen habe, in den Computer eingegeben, aber die passen zu keiner vermisst gemeldeten Frau in den vier Staaten. Niemand scheint sie bisher zu vermissen. Aber vielleicht kommt noch eine Anzeige rein.« Sie zuckt mit den Schultern, denn daran glaubt sie eigentlich nicht. Die Sache wird immer merkwürdiger, stellt sie fest. Hoffentlich finden wir heute eine Spur!
»Gestern im Krankenhaus habe ich auch ein Foto vom Gesicht der Frau gemacht und es zur Staatspolizei gemailt. Die können es durch das Gesichtserkennungsprogramm laufen lassen, eventuell ergibt das noch einen Hinweis auf die Identität des Unfallopfers.«
»Ja. Du musst diesen Birch nicht informieren, das ist dir klar, oder?«, der Sheriff klingt belehrend.
»Ja, schon, aber er hat mir so leidgetan«, rechtfertigt sie sich. »Er macht sich Vorwürfe.«
Nach einigen Kilometern, laut der Anzeige im Fahrzeug des Sheriffs sind es fünf, wird es Zeit für eine Pause. Officer Atkins holt für sich und den Hund Wasser aus dem Auto. Obwohl es noch früh am Morgen ist, breitet sich die Hitze bereits rasant aus. Die Sonnencreme fließt Officer Atkins, mit Schweiß gemischt, in kleinen, weißen Rinnsalen von der Stirn unter seiner Schirmmütze bis in den Kragen hinein.
»Ich habe was«, stöhnt er, nachdem er einige Schlucke Wasser genommen hatte.
Sheriff Miller und Deputy Ramirez schauen ihn mit großen, neugierigen Augen an. »Bluttropfen auf dem Sand. Ich habe Proben genommen. Karl hat die Spur noch, wir gehen gleich weiter.«
Deputy Ramirez und der Sheriff sehen sich an und scheinen unüblicherweise den gleichen Gedanken zu teilen.
Zurück im Fahrzeug ist sie ganz aufgeregt: »Ich wusste es doch! Äh, ich meine, wir hatten recht! Die Frau ist mitten durch die Wüste gegangen und hatte bereits eine Wunde. Vielleicht finden die beiden gleich noch mehr Spuren.«
»Das wäre gut, dann müsste ich mich beim County nicht für diesen Einsatz rechtfertigen, die stellen sich immer so an.«
Na, Hauptsache Ihre Prioritäten stimmen, spottet Deputy Ramirez gedanklich.
Nach zwei weiteren Pausen und etwa neun weiteren Kilometern bleiben Karl und Officer Atkins stehen.
»Das war‘s. Schicht im Schacht. Wir müssen umkehren. Das hält doch niemand mehr aus!« Sheriff Miller klingt so angestrengt und erschöpft, als sei er persönlich die Strecke zu Fuß gelaufen. Er parkt das Fahrzeug und sie verlassen es. Officer Atkins hebt den rechten Arm, in der linken Hand hält er Karls Leine, der nun fürchterlich anschlägt.
»Warum bellt der Köter so?«, Sheriff Miller verzieht das Gesicht.
Deputy Ramirez spricht atemlos vor Anspannung: »Ich glaube, die haben was!«
William hält den üppigen, farbenfrohen Blumenstrauß vor seinem Körper, als er auf der Unfallstation der Southwest Memorial Klinik am Schalter der Station steht.
»Ja?« Die Krankenpflegerin sieht von ihrem Stuhl zu ihm auf, als sie seine Anwesenheit bemerkt.
»Guten Tag, mein Name ist William Birch. Ich möchte gern zu der Frau, die gestern eingeliefert wurde. Die, die den Autounfall hatte.«
»Gehören Sie zur Familie?«
»Nein. Ich habe sie angefahren.«
»Oh.«
Die Frau sieht ihm jetzt zum ersten Mal direkt in die Augen, dann wandert ihr Blick zurück auf dem Bildschirm ihres Computers.
»Das geht eigentlich nicht, nur für die Familie.«
»Ist ihre Familie hier?«
»Nein.«
Diese Bemerkung wird sie nicht weiter ausführen, schätzt William.
»Aber könnte ich stattdessen vielleicht kurz … ich meine, wenn sie sonst keine Besucher bekommt. Bitte?«
William fixiert hoffnungsvoll den Blick der Krankenpflegerin.
Diese mustert ihn eine ganze Weile vom Scheitel bis zur Sohle und wieder zurück. Schwester Parker lässt sich bei diesem herzzerreißenden Anblick erweichen. Der Mann mit dem großen Blumenstrauß ist ungefähr Ende zwanzig und äußerst attraktiv. Dazu kommen noch diese schuldbewussten, wasserblauen Augen. Umrahmt wird sein Gesicht von dichten, goldblonden Haaren.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, so nimmt es William zumindest wahr, erwidert sie: »Na gut, ganz kurz. Vasen sind da im Schrank.«
Sie deutet mit ihrer Blickrichtung zu einem halbhohen, grauen Schrank auf dem Flur. William nimmt eine weiße Vase heraus und füllt etwas Wasser aus dem Hahn des Waschbeckens zur Linken des Schranks hinein. Die Krankenpflegerin steht bereits hinter ihm, als er sich umdreht.
»Die Blumen müssen hier bleiben, die dürfen nicht aufs Zimmer. Wenn es ihr besser geht, bekommt sie sie. Da lang!«
Sie nimmt ihm unvermittelt die Vase ab, stellt diese auf den Schrank und geht vor. William folgt ihr einen langen, leeren Gang hinunter. Er hat das Gefühl, auf gar keinen Fall irgendetwas falsch machen zu dürfen, ansonsten würde er seinen Ausnahmebesuch verspielen.
»Nur eine Minute. Und nichts berühren!«, ermahnt sie ihn, während sie ihm eine Schutzmaske in die Hand drückt und bis zum Ende des Flures führt.
Sie deutet mit der Hand auf eine in die Wand eingelassene Glasscheibe. Hinter der großen Scheibe fallen Williams Augen sofort auf das Krankenbett, umringt von technischen Geräten, die teilweise blinken oder ein leises Geräusch von sich geben. Er hört die auditive Anzeige des Pulsschlags und sieht einen Monitor mit der Angabe der Herzfrequenz und des Blutdrucks. Das Bett, wie für Krankenbetten üblich, ist besonders hoch, um die Versorgung zu erleichtern. Jedoch sieht es, zusammen mit den zahlreichen Maschinen, die es umstellen, bedrohlich und riesig aus. Und die Frau zerbrechlich und winzig darin liegend, von Schläuchen übersät. Unwillkürlich schluckt William, als er es wagt, einen Schritt näherzutreten. Nun, da ihr Gesicht und ihr Haar vom Blut gesäubert sind, kann er ihre Gesichtszüge und die Haarfarbe ausmachen. Sie mag etwa sein Alter haben. Ihr schulterlanges Haar ist dunkelblond und leicht gewellt, das Gesicht von einer schlichten, unaufgeregten Schönheit. Über dem linken Auge ist eine große, geschwollene Platzwunde, welche lila verfärbt ist. Welche Farbe ihre Augen wohl haben? William würde der Krankenpflegerin gern alle möglichen Fragen stellen. Jedoch weiß er, dass er ihre Gunst nicht überstrapazieren darf. Die verletzte Frau liegt auf dem Rücken, das Gesicht zur Zimmerdecke gerichtet. Wie sie dort liegt, sieht sie so friedlich und unschuldig aus.
»So, das reicht«, reißt ihn die Pflegerin aus seinen Gedanken. »Gehen wir.«
»Haben Sie vielen Dank, Mrs. …«, er versucht schnell ihr Namensschild zu lesen, »… Parker.«
William probiert ein freundliches Lächeln zustande zu bringen, obwohl es ihm zurzeit gar nicht möglich scheint.
»Ist ok.«
Die Frau winkt ab und geht zügig zurück in Richtung Stationsschalter.
»Danke nochmal«, versichert William, als er sich an ihr vorbei zum Ausgang bewegt.
Die automatischen Türen öffnen sich und er gleitet hindurch. Draußen im grellen Tageslicht bleibt er stehen, stützt die Hände auf die Knie und holt tief Luft, um sich wieder zu fangen. Ein Ehepaar mittleren Alters, welches auf dem Weg zum Krankenhauseingang ist, hält inne und schaut ihn besorgt an.
»Alles wieder ok«, lügt William.
Das Paar zieht weiter. William hoffte im Vorhinein, der Besuch im Krankenhaus würde ihm helfen, ihn irgendwie beruhigen. Jedoch stellt er jetzt das Gegenteil fest. Er ist genauso schockiert und bestürzt wie gestern nach dem Unfall. Zurück im Auto verweilt er betroffen noch einige Minuten, bevor er den Mietwagen schließlich anlässt.
Deputy Ramirez und Sheriff Miller nähern sich dem Officer und seinem Diensthund. Eine Art Spannung liegt in der Luft, die das Atmen schwer macht und Umgebungsgeräusche ausblendet. Die Sonne strahlt sengend auf die Erde, die derart trocken ist, dass der Sand beim Gehen staubt. Die Haut auf den Unterarmen, die aus Deputy Ramirez` Uniform herausschauen, sticht unangenehm in der prallen Sonne.
»Was ist?«, ruft Sheriff Miller mit zusammengekniffenen Augen.
»Hier ist etwas.«
Officer Parker deutet auf einen schulterhohen Busch. Unter dem Busch lugt eine Art schmales Rohr aus Aluminium aus der staubigen Erde. Am Ende des Rohres, das circa vierzig Zentimeter herausragt, ist ein hellrotes Tuch oder Ähnliches hineingestopft. Sheriff Miller und Deputy Ramirez treten neben den Officer. Sie betrachten die Stelle gemeinsam, ohne sich weiter nach vorne zu bewegen. Deputy Ramirez mustert das Rohr ganz genau. Was ist das? Sie zieht die Augenbrauen zusammen und sammelt ihre Konzentration. Bis auf das herausstehende Rohr, das vielleicht einen Durchmesser von fünfzehn Zentimetern haben mag, scheint die Stelle unter dem Busch unauffällig. Aber nein! Neben dem Rohr ist die Erde auf der rechten Seite leicht aufgewühlt, nur ein bisschen, aber sie bemerkt den Unterschied, wenn sie genau hinsieht.
Sie zeigt mit dem Finger auf die Stelle: »Da rechts ist die Erde irgendwie anders.«
»Stimmt.«
Officer Atkins sticht mit seinem Suchstock hinein, jedoch stößt dieser direkt unter der Oberfläche auf etwas Hartes und erzeugt einen metallischen Klang.
»Da ist etwas darunter!«
Nun ist auch der Officer aufgeregt. Alle folgen dem Suchstock mit den Augen, der von Officer Atkins hin und her bewegt wird, um den Sand von einer Stelle zu entfernen. Auf einem kleinen Stück gelingt es, und so können sie das Metall erkennen, welches sich unter der dünnen Sandschicht verbirgt.
»Deputy Ramirez, können Sie sich Handschuhe holen und hier nachsehen, was genau das für ein Metallgegenstand ist?«
Deputy Ramirez muss nur in ihre Hosentasche greifen, schon hat sie die Handschuhe parat. Sie macht einen Schritt vorwärts, senkt ein Knie auf den Boden und streicht vorsichtig den Sand mit den behandschuhten Händen weiter zur Seite. Es kommt mehr und mehr Metall zum Vorschein. An einer Stelle ist, ebenfalls aus Metall, eine Art Griff angebracht. Sie schiebt den Sand beiseite, immer mehr, bis der Gegenstand freigelegt ist.
Nun erkennen sie, was sie dort mitten in der Wüste entdeckt haben: Es ist eine Luke. Diese ist durch einen Klemmmechanismus verschlossen. Deputy Ramirez läuft der Schweiß über die Stirn. Sie atmet durch den Mund. Für einen Augenblick hat sie Angst, vor Anspannung und Hitze ohnmächtig zu werden.
»Was soll ich machen?«, haucht sie.
»Öffnen Sie vorsichtig und langsam die Luke«, fordert sie Officer Atkins auf, der Karl stramm an der kurzen Leine hält und mit der freien Hand nun seine Dienstwaffe zieht.
Karl starrt ebenfalls auf die Luke und sieht aus, als ob er jeden Moment losspringen würde. Sheriff Miller wirft einen Seitenblick auf Officer Atkins und scheint jetzt erst wieder richtig bei sich zu sein. Auch er nimmt nun seine Waffe aus dem Halfter und visiert die Luke an. In Deputy Ramirez` Kopf rasen die Gedanken: Ob gleich etwas oder jemand aus der Luke kommt? Was ist da drin, hier im Nirgendwo? Alle Versorgungsleitungen laufen doch an den Straßen. Zu ihrer Überraschung gehorchen ihr ihre Hände noch einwandfrei. Sie öffnet den Verschluss und umschließt den Griff mit der rechten Hand. Bevor sie die Luke anhebt, schaut sie sich um und vergewissert sich noch einmal, ob der Sheriff und Officer Atkins bereit sind. Anschließend öffnet sie die Luke, ganz langsam, den Oberkörper in gebückter Haltung. Es geht leichter, als sie erwartete. Bedächtig zieht sie weiter, ungefähr eine Handbreit ist inzwischen offen, da schlägt ihr ein Gestank entgegen, den sie niemals in ihrem Leben wieder vergessen wird. Während alles in ihrem Körper rebelliert und sie zügig das Erbrochene wieder runterschluckt, das zuvor reflexartig bis in ihre Mundhöhle aufgestiegen war, fokussiert sie sich auf das Festhalten des Griffes. Hinter ihr produzieren nun auch Officer Atkins und Sheriff Miller Geräusche, die ihre Abscheu und ihren Ekel widerspiegeln. Sie hört Schritte hinter sich, die sich entfernen, kurz bevor sie an den Würgegeräuschen die gequälte Stimme des Sheriffs erkennt.
Officer Atkins bleibt standhaft: »Öffnen Sie weiter.«
Deputy Ramirez bewegt die Luke mit der rechten Hand allmählich weiter auf, während sie mit der linken ihren Kragen vor Nase und Mund drückt. Jeder Millimeter ihrer Haut ist mit Schweiß bedeckt, noch nie hatte sie derart Angst in ihrem Leben. Als der Deckel fast halb angehoben ist, stellt sie irritiert die Beleuchtung unter der Luke fest. Warum ist da Licht? Der süßlich abstoßende Geruch intensiviert sich. Das Öffnen dieser Luke verlangt ihr körperlich und psychisch alles ab. Nachdem sie den Deckel um hundertachtzig Grad auf die andere Seite gelegt hat, bewegt sie ihren noch immer geschockten Körper rückwärts, weiterhin in der Hocke, damit Officer Atkins das beleuchtete Loch inspizieren kann. Was in Teufels Namen ist das? Ein Bunker? Mit einem Haufen Leichen darin? Deputy Ramirez schnaubt Luft mit Druck aus der Nase, um den widerlichen Geruch loszuwerden. Doch das scheint unmöglich. Reiß dich zusammen, sagt sie innerlich zu sich und richtet sich mit weichen Knien auf. Sie sieht Officer Atkins neben der geöffneten Luke stehen, er hält Karl auf Abstand zu dieser, die andere Hand mit der Waffe ist in die Öffnung gerichtet. Seine Augen sind weit aufgerissen, seine Unterlippe zittert leicht.
»Officer Atkins?« Deputy Ramirez zieht nun ebenfalls ihre Dienstwaffe.
»Ist okay, die können Sie wieder einstecken. Da unten sind alle tot.«
Für einen Moment spricht niemand ein Wort. Das Licht der Sonnenstrahlen ist grell und die Luft fühlt sich stickig, staubig und brütend an. Weit und breit ist keine Bewegung zu erkennen. Alles ist erstarrt.
Deputy Ramirez ging zwar davon aus, eventuell im Rahmen der Suche auf irgendetwas zu stoßen, jedoch rechnete sie im Leben nicht mit dem, was soeben passierte. Nach einigen Sekunden der Schockstarre ist es Officer Atkins, der sich als Erster sammelt. Mit bedächtigen Schritten bewegt er sich rückwärts von der geöffneten Luke weg.
Er sucht Blickkontakt mit Sheriff Miller und fordert ihn auf: »Rufen Sie bei der State Police in Denver an, die sind zuständig. Die sollen ein Ermittlungsteam und ein komplettes forensisches Team schicken, mit Rechtsmedizinern und forensischen Anthropologen. Wir machen hier nicht weiter, wir warten im Wagen.«
Der Wecker, der sich auf dem Nachttisch von Deputy Ramirez befindet, beginnt ein nervtötendes Geräusch von sich zu geben. Augenblicklich stellt sie ihn aus, wach ist sie bereits eine ganze Weile. Schlaf konnte sie vergangene Nacht, nach diesem langen und entsetzlichen Tag kaum finden, so aufgewühlt war sie. Noch immer kommt ihr der geistige Tag wie ein Film im Fernsehen vor. Er war zu dramatisch, zu ereignisreich und zu entsetzlich, um wahr zu sein. Schlicht fernab ihrer Realität. Sie sieht auf die rechte Seite des Bettes, auf der ihr Mann noch immer tief und fest schläft. Ihm erzählte sie alles, als sie am Abend erschöpft und verstört zu Hause eintraf. Um den Tag zu verarbeiten, zumindest ein Stück weit. All die Dinge, die sie sah, roch und fühlte. Es war einfach zu viel gestern. Normalerweise besteht ihr dienstlicher Alltag daraus, Verkehrsdelikte aufzunehmen und Verwaltungsarbeiten zu erledigen. Das ist alles andere als aufregend und fordernd. Einen Mordfall, oder vielmehr mehrere Mordfälle, gab es hier im County noch nie, seit sie denken kann. Und dazu auch noch so scheußliche Morde.
Nachdem der Sheriff bei der State Police angerufen hatte, warteten sie im Explorer, bis die ersten Einsatzkräfte eintrafen. Das Gelände um die Luke wurde großräumig abgesperrt und die Arbeiten der zahlreichen Forensiker nahmen ihren Anfang. Sheriff Miller, Officer Atkins und Deputy Ramirez wurden noch an Ort und Stelle befragt. Die Fragen waren sehr genau und differenziert, Deputy Ramirez musste ihre letzte Energie mobilisieren, um diese gewissenhaft beantworten zu können. Anschließend durften sie nach Hause fahren. Für heute ist morgens ein Termin im Sheriffs-Department zur internen Besprechung angesetzt, am Vormittag soll es eine kurze, erste Pressekonferenz vor dem Department geben. Du musst jetzt aufstehen und dich auf den Weg machen, befiehlt sie sich. Deputy Ramirez atmet noch einmal ganz tief ein und aus, sie schließt ihre dunklen, großen Augen währenddessen, bevor sie ihren noch immer erschöpften Körper aus dem Bett bewegt.
