umarm ich den November - Johannes Petereit - E-Book

umarm ich den November E-Book

Johannes Petereit

4,9

Beschreibung

Von einem Tag auf den anderen wird das Leben von Hans Bärling aus der Bahn geworfen. Sein neunzehnjähriger Sohn, Balthasar, liegt nach einem Sturz vom Balkon im Wachkoma. Die einzige Augenzeugin ist Balthasars Freundin, Beatrix, die nach dem schweren Schock kein Wort mehr gesprochen hat. Nur ein verstörendes Gedicht, das in Balthasars Hosentasche gefunden wurde, bildet für Hans den einzigen Anhaltspunkt. Er quält sich fortan mit der Frage, ob es ein Unglück war oder ob die düsteren Zeilen einen Selbstmordversuch ankündigten. Auf seiner Suche nach Antworten muss Hans auch bestimmen, wie weit die medizinische Behandlung seines Sohnes gehen soll. Er ringt um die richtigen Entscheidungen im Grenzbereich zwischen Leben und Tod und stößt am Ende auf ein erschütterndes Geheimnis... In seinem Debütroman erzählt der Autor von Menschen, die sich mit inneren und äußeren Krisen auseinandersetzen müssen. An den handelnden Personen wird deutlich, wie schwierig und zugleich einzigartig die Antworten auf kritische Lebensereignisse sind.

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in Liebe

für meine Eltern

INHALT

Vorwort des Autors

Kapitel

Endzeit

Kapitel

Entscheidung

Kapitel

Schlauchbootfahrer

Kapitel

Neuanfang

Kapitel

Vorurteile

Kapitel

Steinweg

Kapitel

Entlassung

Kapitel

Tragik

Kapitel

Novemberlicht

Artikel über Buch und Autor

Danksagung

VORWORT DES AUTORS

Der lange Weg zur Veröffentlichung

Insgesamt fünf Jahre Denk-, Schreib- und Organisationsarbeit waren notwendig, um das erste große Etappenziel zu erreichen: Im Oktober 2014 konnte ich endlich das erste Exemplar meines Debütromans „umarm ich den November“ in den Händen halten. Ein bedeutender Moment, den ich mir beinahe entgehen ließ.

„Leider sehen wir keine Möglichkeit, Ihr Projekt in unsere aktuelle Programmstruktur einzufügen.“ So oder so ähnlich klangen die Absagen renommierter Buchverlage, denen ich das Romanmanuskript zur Veröffentlichung angeboten hatte. In diesen Standardschreiben fanden sich stets die gleichen Begrifflichkeiten, angefangen von der „Vielzahl unverlangter Manuskripte“, deren Ablehnung „keine ausführliche Begründung“ ermöglichten, bis zu der wohlklingenden Feststellung, dass mit der Verlagsentscheidung kein „Werturteil“ getroffen worden sei.

Was habe ich eigentlich erwartet?

Rückblickend muss ich zugeben, dass nach der Fertigstellung des ersten Manuskripts, an dem ich zwischen 2009 und 2011 intensiv geschrieben, gestrichen und gefeilt habe, mich die Hoffnung eines jeden Jungautors erfüllte, das Interesse zumindest eines kleinen deutschsprachigen Verlages zu wecken. Doch nach über dreißig erfolglosen Versuchen war ich dann endlich bereit, der Realität ins Auge zu schauen und das zweihundertvierzig Seiten umfassende Werk für über ein Jahr in der Schublade verschwinden zu lassen - sollte eben nicht sein.

Nun gab es aber Freunde, Bekannte und Familienmitglieder, die das Manuskript mit ihren unterschiedlichen Lebenshintergründen kritisch sichteten, Schwächen und Stärken erkannten und mir Mut machten, das Projekt doch noch zu Ende zu bringen. Denn die Geschichte enthalte wichtige Botschaften zum Umgang mit existentiellen Lebenskrisen.

Mein Schwiegervater vermittelte mir schließlich den entscheidenden Kontakt zu einer seiner Kolleginnen, die ihren Traum vom eigenen Buch bei Books on Demand verwirklicht hatte. Der Verlagsname ist Programm: Bücher werden nach Erstellung der digitalen Druckvorlage nur auf Bestellung produziert. Zunächst war ich skeptisch und vermutete, dass hier blauäugige Hobbyautoren ordentlich zur Kasse gebeten werden würden - eine nicht ganz unberechtigte Annahme, wenn man nicht genau weiß, was man wie will. Auch ich hatte bisher nur unklare Vorstellungen über mein Manuskript als Buch.

Konnte und wollte ich mich jetzt auch noch mit gestalterischen Aspekten befassen?

Ja und ja. Letztlich beflügelte mich eine wunderbare Aussage der besagten Kollegin: „Menschen haben sich seit jeher gute Geschichten erzählt, und es haben weitaus mehr Geschichten verdient erzählt zu werden, als es der Literatur-Mainstream zulässt.“ Mein Selbstbewusstsein kroch aus der Ecke hervor, mein Ehrgeiz war neu entfacht, und das Manuskript landete wieder auf dem Tisch.

Nachdem mein Vater mir ein beeindruckendes Buchcover entwickelt hatte, erstellte ich nach einer letztmaligen Überarbeitung des Manuskripts die Druckvorlage und erteilte schließlich die Freigabe zur Produktion von „umarm ich den November“.

Und wie geht es jetzt weiter?

Wenn man ein Buch selbst publiziert, besteht das zweite große Etappenziel des Autors darin, Leser zu gewinnen durch klassische Öffentlichkeitsarbeit: Zeitungen und Fachzeitschriften informieren, Rezensionsexemplare verteilen, Interviews geben, Buchläden aufsuchen und natürlich Lesungen veranstalten.

Das alles klingt mühsam und ist es auch. Dennoch gehört es für mich zu einer der bisher faszinierendsten Erfahrungen, wie sich aus einer kleinen Idee eine bewegende Vater-Sohn-Geschichte über ein komplexes medizinethisches Thema entwickelte, die schließlich als Taschenbuch sowie E-Book erschien und Gegenstand anregender Leseabende wurde.

Die vielen positiven Rückmeldungen, aber auch kritischen Anregungen und Eindrücke aus Lesungen in Buchläden, Bibliotheken, Kliniken und Fachpflegeeinrichtungen bewogen mich, den Text nochmals zu überarbeiten. Wie die meisten Erstlingswerke litt auch mein Debütroman an Kinderkrankheiten.

Mit dem nun vorliegenden Ergebnis bin ich sehr zufrieden und habe die Geschichte um ein Vorwort, einen Zeitungsartikel und eine Danksagung ergänzt.

Ich wünsche Ihnen mit der Neuauflage meines Romans nachdenkliche, inspirierende und auch spannende Lesemomente.

Das Schreiben, Veröffentlichen und Bewerben des eigenen Buches macht Lust auf mehr. Und tatsächlich hat mich kurz nach der Veröffentlichung meines Erstlings wieder eine kreative Spannung gepackt. Der zweite Roman fiebert in diesen Tagen seiner Vollendung entgegen ...

Johannes Petereit

März 2016

„Nimm dich und mache gerade dich verantwortlich für die ganze Sünde der Menschen! Mein Freund, das ist ja auch wirklich so: denn sobald du dich eben in voller Aufrichtigkeit verantwortlich bekennst für alle und für alles, so wirst du auch schon alsogleich erschauen, daß dem tatsächlich so ist und daß du auch schuldig bist für alles und für alle. Wenn du aber die Schuld an deiner eigenen Trägheit und deiner Machtlosigkeit auf die Menschen schiebst, wirst du bei teuflischem Stolze enden und gegen Gott murren!“

Mönch Sosima

(aus „Die Brüder Karamasoff“

von F. M. Dostojewskij)

1. KAPITEL

Endzeit

„Wann hört das alles nur auf? Die Ungewissheit, der endlose Regen?“, seufzte Hans diesem trüben Februartag entgegen.

Das Fenster war nach Westen ausgerichtet und gab den Blick über die Innenstadt Hamburgs frei. Er verharrte wie an jedem Tag in den letzten drei Monaten fröstelnd in einer Ecke des Krankenhauszimmers. Der Blick aus dem Fenster geschah aus keinem inneren Bedürfnis heraus. Was er sah, fand keinen Weg in sein zerrüttetes Innenleben, das nach keinem Außen mehr verlangte.

Der Geruch krankhaft schwitzender und ausscheidender Körper bemächtigte sich dennoch seiner Sinne. In die Kette entbehrlicher Eindrücke reihten sich gelegentlich auch bizarre Laute und zuckende Bewegungen seines Sohnes.

Endzeit, schwirrte es ihm durch den Kopf.

Wie viel hatte diese Wirklichkeit noch mit dem Leben vor dem besagten fünfzehnten November des letzten Jahres zu tun?

Hans wollte aufhören, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.

Auslöschen! Auslöschen! Auslöschen! ... Man müsste es sofort auslöschen und erwürgen, dieses nichtsnutzige Selbstmitleid, fluchte er gegen sich.

Die vielen Ungeklärtheiten um den tragischen Unfall seines Sohnes quälten ihn unaufhörlich. Er versuchte immer wieder, sie an den Rand seines Bewusstseins zu schieben, um letztlich doch an der Erkenntnis haften zu bleiben, dass all die drängenden Fragen ein unauslöschlicher Teil seines nunmehr sechsundvierzigjährigen Lebens geworden waren. Es hatte unübersehbar Spuren in seinem äußeren Erscheinungsbild hinterlassen.

Hans war mittelgroß und konnte kaum noch den mächtigen Bauch verbergen, der über seine enge Jeans quoll. Im Vergleich zu seiner Körperfülle bewahrte sich sein Gesicht seine schmalen und zur Nase spitz zulaufenden Züge. Es war gekennzeichnet von erfahrenem Leid, mürrischer Nachdenklichkeit und ließ kaum noch die Eleganz und Schönheit früherer Tage erkennen. Nur manchmal blitzten in seinen dunklen und tief liegenden Augen der jugendliche Charme und unerschrockene Stolz von einst auf.

Insgesamt wirkte Hans in seinen Gesten und Bewegungen häufig wie erdrückt. Der Unfall seines Sohnes, Balthasar, hatte alles in ihm erschlaffen lassen.

Eine Frage, in der alles Geschehene einem Aufschrei gleich zusammenschmolz, ließ ihn nicht los: Was meint er mit diesen Zeilen?

Je öfter er sie las, so verwirrender deren Wirkung. Überwog am Anfang das schockierende Element, übte nun mehr und mehr ihr dunkler Glanz eine Faszination auf Hans aus. Die wiederum ließ Verzweiflung aufkommen, wenn der tragische Zusammenhang zwischen der Entstehung dieser Zeilen und dem Unfall seines Sohnes aus der Tiefe seines Gedächtnisses aufbrannte.

Als sich die Tür hinter Hans öffnete, löste er sich mechanisch aus seiner verkrampften Haltung. Hans bemerkte, dass seine rechte Hand unwillkürlich das für ihn so bedeutsame Stück Papier schon fast bis zur Unkenntlichkeit zerknüllt hatte. Sofort öffnete er die leicht schmerzende, feuchte Hand, steckte den Zettel in seine Jackentasche und stand auf. Der neurologische Oberarzt, ein hoch gewachsener, drahtiger Mann um die fünfzig Jahre, trat zügig auf ihn zu. Seine selbstbewusste, würdevolle Ausstrahlung wusste zu überzeugen, wenngleich die dunkel verfärbten und verquollenen Ringe unter seinen Augen ein Leben in stetiger Überlastung verrieten.

„Guten Tag, Herr Bärlings. Es tut mir leid, dass ich erst jetzt Zeit finden konnte“, begrüßte ihn Dr. Jeschbach mit etwas mühsam wirkender Anteilnahme.

„Bärling.“

„Ach, ohne `s`? Entschuldigen Sie. Das ist heute ein turbulenter Tag.“

Dieses angestrengte, aufgesetzte Lächeln des Arztes beunruhigte Hans. Es konnte nichts Gutes verheißen. Seine Haltung blieb verkrampft. Aber er fing an, mit seinen ängstlichen Augen den Mund des Arztes zu fixieren, der es vermied, einen längeren Blickkontakt zuzulassen.

„Vielleicht sollten wir in mein Büro gehen, um unser Gespräch nicht vor Ihrem Sohn und dem Mitpatienten ...“

„Worum geht es denn?“, schnitt Hans ungeduldig die Worte des Arztes ab.

„Es wäre wirklich besser, unser Gespräch nicht hier im Zimmer fortzusetzen.“

In der Zwischenzeit kam eine Stationsschwester in das Zimmer. Hans bemerkte sie erst beim Absaugen des Sekrets aus der Kanüle, die unterhalb des Kehlkopfs seines Sohnes angebracht war. Es jagte ihm kaum noch Schrecken ein. Im Laufe der letzten drei Monate hatte er sich zwangsläufig daran gewöhnen müssen. Dennoch bildeten sich in diesen Momenten immer kalte Schweißperlen auf seiner Stirn. Balthasar lief während des Absaugvorgangs vor Anstrengung, die der ausgelöste Hustenreflex verursachte, rot-bläulich an und prallte mit ruckartigen Bewegungen seines Körpers gegen die Bettgitter. Ein täglich wiederkehrendes Szenario.

„Er hat immer noch neun Komma zwei“, rief die grauhaarige Stationsschwester dem Oberarzt beim Verlassen des Zimmers nach.

„Wir müssen noch etwas abwarten, um zu wissen, ob die neuen Antibiotika anschlagen.“

„Was bedeutet neun Komma zwei?“, wollte Hans auf dem Weg ins Büro wissen.

„Neununddreißig Komma zwei Grad Celsius. Ihr Sohn hat seit gestern wieder eine Lungenentzündung. Auch darüber müssen wir sprechen“, antwortete Jeschbach knapp. Seine Stirnglatze glänzte.

„Es scheint ein sehr wichtiges Gespräch zu werden?“

„Ja, das wird es wohl“, entgegnete ihm der Arzt beim Aufschließen seines Büros.

Doch bevor Hans eintreten konnte, musste er, ob er nun wollte oder nicht, - Und er wollte bestimmt nicht. - erwähnen, dass über wichtige Themen, die Balthasar betreffen, auch die Mutter informiert werden sollte.

Jeschbach verwies darauf, dass Hans die gesetzliche Betreuung für seinen Sohn allein wahrnehme und deshalb der entscheidende Ansprechpartner sei. Außerdem liege keine Patientenverfügung vor - verständlich bei einem so jungen Menschen. Dessen ungeachtet könne seine Ex-Ehefrau jederzeit einen Gesprächstermin mit den behandelnden Ärzten vereinbaren, um einen umfassenden Überblick über den Zustand von Balthasar zu erhalten.

Diese Aussage beruhigte Hans nur oberflächlich, da Silja immer ihn anrief, um sich über Balthasar zu informieren. Sie scheute den Gang zu den Ärzten und hatte für sich einen Weg gefunden, sich in dosierter Form mit dieser erdrückenden Situation zu beschäftigen. Andererseits wäre es ihm auch lästig gewesen, wichtige Arztgespräche über Balthasar mit ihr an seiner Seite zu führen. Dies hätte bei den Gesprächspartnern im Krankenhaus unwillkürlich eine Gleichheit in der Wahrnehmung, der Verarbeitung und den Schlussfolgerungen von ihm und Silja, von Vater und Mutter, hervorgerufen. Doch die gab es schon seit Jahren nicht mehr. Dann lieber das kleinere Übel: erst das Arztgespräch und dann die hysterischen Fragen seiner einst so innig geliebten Silja am Telefon, resümierte Hans.

An diese Gedanken schloss ein beschämendes Gefühl an. Wie beschränkt und ich-bezogen der Mensch - Nein. Sei ehrlich zu Dir! - Hans Bärling doch ist, dachte er. Selbst in solch einer für Balthasar furchtbaren Situation gelingt es mir nicht, mich ausschließlich auf ihn zu konzentrieren.

Er griff sofort in seine Jackentasche, in der Balthasars handgeschriebenes Gedicht ruhte.

Hans setzte sich. Jeschbach schloss die Tür, setzte seine Brille ab und eröffnete unverzüglich das Gespräch.

„Meine jahrelange Erfahrung als Neurologe in der Behandlung schwer Schädelhirnverletzter hat mich gelehrt, Angehörige möglichst frühzeitig und umfassend über den Zustand der Patienten zu informieren.“

Hans spürte, wie sich bei diesen Worten seine Atemwege verengten, sein Herz zu galoppieren begann und sich jeder Muskel seines Körpers anspannte. Dieser Alarmzustand sollte bis zum Ende des Gesprächs andauern.

„In den letzten drei Monaten haben wir verschiedene diagnostische Verfahren angewandt und zahlreiche medikamentöse wie therapeutische Versuche unternommen. Dies alles war notwendig, um Klarheit zu schaffen. Herr Bärling, wir werden in der Frührehabilitation auf absehbare Zeit nicht weiterkommen. Ein berechtigter Anlass auf Hoffnung besteht trotz all unserer Bemühungen im Augenblick nicht.“

Jeschbach ließ bewusst eine lange Pause nach diesem entscheidenden Satz, um seinem Gegenüber nun die Initiative zu überlassen. Sein Hintergedanke bei dieser Gesprächsführung war einfach: Man sollte Angehörige nicht mit medizinischen Details überfrachten, solange diese nicht abgefordert wurden.

Was Jeschbach von anderen Neurologen unterschied, war seine Disziplin bei der Erörterung medizinischer Fachfragen. Während seine Kollegen sich in ausufernden Redeflüssen badeten und einen nahezu poetischen Ehrgeiz in die verbale Konstruktion ihrer intellektuellen Ergüsse legten, bevorzugte er die Konzentration auf wesentliche Inhalte statt auf rhetorische Glanzleistungen.

Allerdings unterschied er sich wiederum in keiner Weise von anderen Ärzten in seiner betont zur Schau getragenen Abgeklärtheit in emotionalen Angelegenheiten. Die übliche professionelle Distanz eben.

Längst hatte Hans die Aufgesetztheit und inszenierte Gesprächsbereitschaft des Oberarztes durchschaut. Er bemühte sich sehr, sein brodelndes Gefühlsgemisch aus Wut, Enttäuschung und Verzweiflung, die sich auch auf die persönliche Gleichgültigkeit des Oberarztes bezog, nicht über Jeschbach hereinbrechen zu lassen. Er rang sichtlich um Fassung. Er wusste, dass der Neurologe ein wichtiger Bündnispartner für Balthasars Rehabilitation war.

„Was heißt das konkret?“, brachte Hans beinah stotternd hervor.

„Ihr Sohn wird nicht ins bewusste Leben zurückkehren können.“

„Also, wie soll ich sagen ... Gespräche, Bücher lesen, lieben, Musik hören: All das ist ihm nicht mehr möglich?“

„Ich befürchte, dass Balthasar das Syndrom der reaktionslosen Wachheit, bekannt unter dem Begriff apallisches Syndrom oder Wachkoma, nicht wird verlassen können. Dafür sind die Hirnschädigungen einfach zu ausgeprägt. Zudem ist die bisher verbrachte Zeit in der Frührehabilitation, in der keine spürbaren Veränderungen im Wachheitsgrad Ihres Sohnes zu verzeichnen waren, ein weiterer wichtiger Parameter in unserer Beurteilung. Für eine günstigere Prognose hätte bereits eine Entwicklung eintreten müssen.“

„Sie sprechen in der Wir-Form. Wer außer Ihnen sieht das genauso?“

Hans beabsichtigte, in die Offensive zu gehen, um Nachlässigkeiten in der Urteilsbildung des Arztes aufzudecken. Die mussten zwangsläufig vorhanden sein! Dennoch verpuffte die als verbaler Angriff motivierte Fragestellung. Hans konnte seine Verkrampfung nicht in den Griff bekommen. Sein Ton hatte einen wimmernden Charakter.

Jeschbach ging dazu über, diese Frage und auch alle weiteren Fragen ruhig, verständlich und betont sachlich zu beantworten. Wieder einmal entpuppte sich seine Gesprächsstrategie als erfolgreich, zumindest aus seiner Sicht.

„Wir sind ein multiprofessionelles Team aus Ärzten verschiedener Fachrichtungen, speziell geschultem Pflegepersonal, Therapeuten, Neuropsychologen und einer Sozialarbeiterin. Die meisten von uns haben täglich mit Balthasar zu tun. Jeder hat eine andere persönliche Herangehensweise und fachliche Schwerpunktsetzung. Zudem kommt jeder zu unterschiedlichen Tageszeiten. Doch alle können nur von unwillkürlichen Verhaltensäußerungen berichten. Ein valides Zeichen von Wachheit blieb bisher aus.“

„Und wie sicher können Sie Ihre Prognose ... ich meine, es sind doch auch schon viele wieder aus dem Koma erwacht, selbst nach Jahren.“

„Das gibt es natürlich. Und wir kennen das Gehirn einfach noch nicht gut genug, um eine für alle Zeiten unumstößliche Vorhersage zu machen. Gerade das Gehirn ist ungeheuer anpassungsfähig. Wir Mediziner nennen das Plastizität. Aber die häufig in den Medien dargestellten Fälle bleiben leider die Ausnahme.“

„Ich habe gelesen, dass gesunde Teile des Gehirns die Aufgaben der kaputten Bereiche übernehmen können.“

„Auch das ist richtig. Ich sehe, Sie haben sich intensiv mit der Materie beschäftigt, Herr Bärling. Doch die unfallbedingten Hirnschäden Ihres Sohnes können nach unserem jetzigen Kenntnisstand nicht kompensiert werden. Wichtige Teile des Gehirns sind durch den massiven Aufprall unwiederbringlich zerstört.“

Auch wenn er tief im Innern wusste, dass es völlig gleichgültig war, warum Balthasar nicht mehr ins bewusste Leben zurückkehren können würde, war es Hans nicht möglich, sich einfach dem Urteil des Arztes hinzugeben: „Aber wenn nun doch Funktionen wiederkehren, vielleicht minimale?“

„Selbst bei Zunahme seiner Wachheit würde eine schwere geistige Behinderung bei Ihrem Sohn verbleiben. Das EEG ist schwer allgemeinverändert.“

Hans bemühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen. Er fühlte sich wie in einem gewaltigen Strudel. Völlig orientierungslos. Eingeschlossen in einem Vakuum. Aber wie ein Ertrinkender ergab er sich nicht einfach dem Sog des Untergangs. Er versuchte, sich an die Oberfläche zu kämpfen. So vergingen einige Augenblicke. Das Telefon klingelte. Jeschbach ging nicht ran. Er ließ Hans diese Zeit.

„Und wie geht es nun weiter? Mir wurde am Anfang des Krankenhausaufenthalts gesagt, dass er mindestens ein halbes Jahr diese Behandlung, also diese Frühreha-Maßnahme machen kann. Dann soll es in einer Reha-Klinik weitergehen.“

„Das ist leider nicht ganz richtig, Herr Bärling“, widersprach nun rasch der Arzt. „Die neurologische Rehabilitation verläuft je nach Schweregrad des Krankheitsereignisses in verschiedenen Phasen, die aufeinander aufbauen und für die der Patient klar definierte Voraussetzungen erfüllen muss. Bei nachweislichen Fortschritten schließen weiterführende Maßnahmen in einer Reha-Klinik an.“

„Und diese Voraussetzungen erfüllt Balthasar nicht ...“, sagte Hans mehr zu sich selbst als zu seinem Gesprächspartner. Dabei löste er behutsam seine schmierige rechte Hand von dem mittlerweile als Papierfetzen zu bezeichnenden Zettel in seiner Jackentasche. Er zog die Hand vorsichtig heraus und wischte sie sich an seiner Jeans ab.

„Wir streben nun die Überleitung in eine Phase-F-Einrichtung an. Die Phase F hat einen Sonderstatus: Zwar steht die aktivierende Pflege und Betreuung im Vordergrund. Dennoch bezeichnet man diese Phase auch als Langzeitrehabilitation. Daher würde ich Sie bitten, mit unserer Sozialarbeiterin, Frau Günther, einen Beratungstermin zu vereinbaren.“

„Moment, Moment ...“

Hans spürte klar die Nervosität des Neurologen, dem vermutlich der nächste Termin im Rücken saß. Infolgedessen lag ihm wohl viel daran, das Gespräch in Kürze zu beenden. „Das geht mir dann doch etwas zu zügig.“ Hans versuchte, die plötzlich entstandene Hektik aus dem Gesprächsverlauf zu nehmen.

„Glauben Sie mir, Herr Bärling. In diesen Fragen bin ich nicht der kompetenteste Ansprechpartner. In unserem Team haben wir dafür Frau Günther. Sie hat nicht nur die erforderlichen Kenntnisse, sondern kann auch langjährige Erfahrungen mit Phase-F-Einrichtungen vorweisen.“

„Das mag ja sein, aber ...“

„Herr Bärling!“, schnitt Jeschbach ihm nun scharf das Wort ab. Er blickte ihn ernst an und schien mit seinem magnetisierenden Blick die gesamte Aufmerksamkeit von Hans beanspruchen zu wollen. Hans spürte sofort, dass der Arzt jetzt seine abgeklärte Haltung aufgab und sich seine vorgespielte Anteilnahme in menschliche Aufrichtigkeit wandelte.

„Ihr Sohn könnte in nicht allzu ferner Zukunft auch versterben. Wir bekämpfen eine Lungenentzündung nach der anderen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir keine wirksamen Antibiotika mehr zur Verfügung haben. Zudem verschlimmert jede weitere Komplikation seinen ohnehin schon geschwächten Körper. Auch sein Herz macht mir Sorgen. Herr Bärling, Sie müssen sich auch damit auseinandersetzen, dass Balthasar bald sterben könnte und sich damit jede weitere Überlegung erübrigt.“

Hans blieb lange am energischen Blick des Oberarztes haften. Dieses ungezügelte Hereinbrechen von Aufrichtigkeit in das Gespräch rüttelte an Hans. Er erwartete, dass der Strudel seines Seelenalarms ihn nun vollständig verschlingen würde und die unausgesprochene Erlaubnis im Raum schwebe, dass er nun zusammenbrechen dürfe.

Doch das Gegenteil trat ein, eine seltene Empfindung von Einheit im Fühlen und Denken. Er konnte plötzlich wieder tief durchatmen und eine entspannte Körperhaltung einnehmen. Sein erster klarer Gedanke seit langem vermittelte ihm verführerisch einen Trost, der den Alarmzustand beendete: lieber tot als diese Art von Leben.

„Was kann ich machen?“, wollte Hans wissen.

„Wir hätten dieses Gespräch schon sehr viel eher führen müssen, Herr Bärling. In der Arbeit mit schwerstbetroffenen Patienten gehört es zum Standard, sich über das Verhalten im Fall der Fälle rechtzeitig zu verständigen. Doch bisher gab es leider keine passende Gelegenheit. Hm, also Balthasar ist neunzehn Jahre alt. Sein junger Körper wird kämpfen. Sie können uns helfen, indem Sie als gesetzlicher Betreuer die Rahmenbedingungen der weiteren Behandlung setzen. In diesem Zusammenhang benötigen wir eine Antwort auf die Frage, ob bei der nächsten akuten Krise unter allen Umständen Reanimationsmaßnahmen erfolgen sollen. Also wiederbeleben, Herr Bärling.“

Hans begriff zunächst nicht, was Jeschbach damit meinte: „Wie soll ich denn als Nichtmediziner beurteilen, was in diesem Fall zu tun ist?“

„Lassen Sie es mich anders ausdrücken. Es kann durchaus eine Situation eintreten, die ohne unser Zutun mit dem Tod enden würde. Da die Prognose für Ihren Sohn mehr als ungünstig ist, wird zwangsläufig die Frage aufgeworfen, ob es im wohlverstandenen Interesse des Patienten ist, alles medizinisch Mögliche zu tun. Es gibt bei einer Reanimation allerdings auch keine Erfolgsgarantie. Wiederbelebung nach Herzstillstand, zum Beispiel ...“

Hans war in diesem Augenblick vollkommen davon überzeugt, dass es keine Wiederbelebungsmaßnahmen geben dürfe und dies auch Balthasar nicht gewollt hätte. Zumindest könnte man so seine niedergeschriebenen Zeilen verstehen, die Hans für sich persönlich in die Kategorie Patientenverfügung einordnete.

Doch wenn er etwas in den vergangenen fünf Jahren nach der Scheidung von Silja gelernt hatte, dann war es die Fähigkeit, ausgewogenen das Für und Wider abzuwägen. Und das braucht Zeit, bekräftigte Hans seinen Gedankengang. Der kräftezehrende Vorgang des wiederholten Hinterfragens und Ausleuchtens von spontanen Eingebungen und Urteilen mündet selten in der Ansicht, die anfangs als einleuchtend und naheliegend erschien.

„Geben Sie mir etwas Zeit, um mir darüber klar zu werden.“

„Ich schlage vor, dass wir spätestens am Ende der Woche nochmals telefonieren“, schloss Jeschbach das Gespräch.

Noch am selben Abend verließ er Hamburg und fuhr wie fremdgesteuert ins tschechische Dorf Pěkov, um sich dort für eine Weile im Schnee zu vergraben.

2. KAPITEL

Entscheidung

Während der gesamten Autofahrt, die keiner Pause bedurfte, quälte sich Hans damit, die Antithese zu seiner These zu finden, die den Tod als Erlöser von Leid, als legitimen Ausweg erklärte. Die ständig präsenten Zeilen aus Balthasars Hand erschwerten zusätzlich eine ausgewogene Urteilsbildung. Selten gab es diese Momente, in denen ihm die zu treffende Entscheidung so offensichtlich und einleuchtend erschien, ohne jegliche Zwietracht zwischen Verstand und Herz.

Man sollte dem Tod das Feld überlassen, wenn die Früchte des Lebens fast verdorrt sind, dachte Hans. Er verspürte allerdings eine recht deutlich nagende Spannung in seinem Innern, die ihn von dem so unmissverständlich Richtigen abhalten wollte.

Hans beschloss, die Ergründung und letztlich Aufklärung dieser geheimnisvollen inneren Erregung als seine Antithese zu betrachten. Er konnte keine griffige Formulierung finden. Daher begnügte er sich damit, dass es doch tatsächlich ein Kontra gab, dem er sich stellen musste: „Meinem Sohn bin ich es schuldig, dass meine Entscheidung nicht reflexartigen Regungen erliegt.“

Er lenkte den Wagen mit müden Bewegungen den glitschigen Berg hinauf, parkte ihn rechts neben der Pension und besorgte sich die Schlüssel für die Zimmer. Die Unterkunft, bestehend aus einem Raum, einer Kochnische und einem winzigen Bad, befand sich im Obergeschoss der sichtlich zerfallenen Pension. Er war der einzige Gast. Unterwegs kündigte er per Mobiltelefon bereits sein Kommen an und bat darum, ihn die nächsten Tage in Ruhe zu lassen. Er benötige die absolute Einöde.

Da er hier seit seiner Jugend nicht mehr gewesen war und sich fast nichts verändert hatte, fühlte er schlagartig einen betäubenden Schmerz emporsteigen, der ihm unweigerlich Tränen in die Augen schwemmte. Seine Gedanken kreisten um die Episode einer Zukunft ohne seinen Sohn: Balthasar wird hier nicht mehr mit seinem Vater zusammen sein können, um dessen vergilbte Jugendgeschichten über die Zeit in Tschechien ertragen zu müssen, in der er so alt wie Balthasar war.

In seinen Kummer mischte sich auch Wut, denn er kam einen Winter zu spät und ohne seinen Sohn hierher. Im letzten Winter weilte Balthasar zusammen mit seiner Freundin Beatrix einige Tage im nahe gelegenen Adlergebirge. Der gemeinsame Winterurlaub war ihr Geburtstagsgeschenk an ihn zu seinem Achtzehnten Geburtstag. Warum habe ich das nie mit ihm gemacht?, klagte Hans sich an.

Er schloss die Tür zu seinem Zimmer auf, warf sich auf das knarrende Doppelbett und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen fühlte er sich keineswegs ausgeruht. Seine Bettdecke lag ausgeweitet neben dem großen Bett - ein klares Indiz für eine unruhige Nacht. Hans zog sie fröstelnd wieder zurück ins Bett und deckte sich damit zu. In diesem kurzzeitigen Taumel der Orientierungslosigkeit, die einen immer nach solch langem Schlafen beim Aufwachen überkommt, versuchte Hans, sich zu sortieren. Er erkannte in wenigen Sekunden seine Lage. Heute ärgerte er sich darüber: Warum springt eigentlich sofort das Hirn an, wenn eine Situation nicht auf Anhieb überschaubar ist? Kann es einem denn nicht vergönnt sein, sich so lange wie möglich in diese liebliche Wolke der Unwissenheit zu betten? Sich so lange im weiten Meer des Seins treiben zu lassen, zu verweilen, ohne das gleich der schwere Anker der Erkenntnis an einem zieht?

Hans richtete sich im Bett auf und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht wach. Er verließ zügig sein Bett, wusch sich im beengten Bad mit klirrend kaltem Wasser Hände, Nacken und Gesicht. Dann zog er sich an. Bevor er sich dazu entschloss, dass Zimmer zu verlassen, um sich nach einem kleinen Frühstück auf eine lange Wanderung zu begeben, wollte Hans aus seinem Fenster blicken.

Beim Öffnen der beiden knarrenden Fensterflügel wehte ihm sofort die klare winterliche Luft entgegen, die ihn magisch belebte. Vor ihm erstreckte sich eine sanfte winterliche Hügellandschaft, durch die sich eine Straße ihren Weg bahnte, begleitet von einem kleinen Fluss. Weit entfernt konnte er sogar zwei Rehe erkennen, die lebensvergnügt durch den Schnee hüpften. Hans liebte den Winter seit seiner Kindheit. Er wusste, welchen Einfluss diese von Schnee überflutete Landschaft auf seine Urteilsbildung hatte. Wahrscheinlich zog es ihn deshalb in dieser schwierigen Phase hierher. Es war so einfach, dass es Hans nahezu plump vorkam, seinen Gedanken zu Ende zu führen: Schnee ist weiß. Weiß ist rein. Rein ist klar. In dieser Landschaft, die auch seinen Sohn anzog, erhoffte er, endgültige Sicherheit über sein Urteil zu erhalten. Es bedurfte dafür förderlicher Elemente. Und das winterliche Dorf Pěkov in malerischer Gebirgslandschaft gehörte dazu.

Durchdrungen von der Absicht zu einer Entscheidung für Balthasar zu gelangen, schloss er das Fenster, kleidete sich an und verließ ohne Frühstück die Pension.

Hans begann seinen Weg mit einem zügigen Lauftempo und nahm in Kauf, dass er es nicht lange würde durchhalten können. Er trieb sich an, wollte bewusst an seine physischen Grenzen gehen.

Es war ihm nicht möglich, ein klares Bild in seinem Kopf entstehen zu lassen. Es zuckten Fetzen von Fragestellungen, Lösungsansätzen und Hoffnungen vor seinem inneren Auge vorüber - ein quälendes Durcheinander. So stapfte er schnell durch das wunderbare Winterpanorama, das er am Morgen beim Blick aus dem Fenster noch zu würdigen wusste.

Mehr und mehr lief er sich in einen Rausch, als ob er diesen kostbaren Sekunden nach dem Aufwachen heute Morgen, den lieblichen Wolken der Unwissenheit, hinterher jagte. Zunächst glitt er in einen Zustand höchster Empfindsamkeit für seine Umgebung, spürte die Schweißperlen seine Schläfen hinunterlaufen, seinen beschleunigten Puls in der Halsschlagader und das Knistern unter seinen Schuhen.

Daran schloss ein taumeliges Gefühl an. Die reale Umgebung vereinigte sich mit symbolträchtigen Phantasien: Er konnte auf einer Anhöhe den dreijährigen Balthasar im Schnee hüpfen sehen. Kurz darauf breiteten sich gewaltige Flügel auf seinem Rücken aus, mit denen er schwungvoll vom Boden abhob und über ein Orchester hinweg flog. Es spielte das unvollendet gebliebene Adagio aus der Neunten Symphonie von Anton Bruckner. Es klang berauschend schön, als ob alles Irdische überwunden wäre. Nachdem sich das Orchester vor dem applaudierenden Dr. Jeschbach verneigte, schlugen überall Trachealkanülen im Schnee ein und übersäten die weiße Fläche mit blutroten Punkten, die alle in einen dampfenden Abgrund zusammenflossen.

Das zügige Gehtempo von Hans ging nun über in ein Rennen, denn er wusste, dass der Moment der Freiheit von zermürbender Hirntätigkeit zum Greifen nah war. Die letzten Kilometer lief Hans, ohne den Weg zu kennen, bergauf. Plötzlich hatte er diesen schweren Anker hinter sich im Schnee gelassen.

Obwohl von körperlicher Erschöpfung, Schmerzen und übermächtigem Hunger gekennzeichnet, breitete sich in seinem Innern die Ruhe und Wohligkeit aus, nach der er suchte. Alle Überlegungen, Ideen und Vorstellungen, jede Art von Denken, alle Prozesse der Aufnahme und Verarbeitung von inneren und äußeren Reizen verstummten.

Es gab in diesem Augenblick nur den Menschen Hans, der im Schnee lief.

Und so lief er mit befreitem Kopf einige Zeit weiter. Erst als er nicht mehr weitergehen konnte, sich an einen Felsen vor einem Bergabhang lehnte und in den - wie er erst später herausfand - „Braunauer Talkessel“ blickte, regten sich wieder seine ersten Gedanken.

Diese grandiose Sicht in die Ferne, entwickelt aus innerer Befreiung, ließ Hans die Erfahrung von Weite, Unbegrenztheit und Verbundenheit mit all dem, was ihn umgab und woraus er bestand, in seine Seele strömen. Er war verblüfft und gleichzeitig erschüttert.

Wie aus dem Nichts wehte in diesem Augenblick eine überwältigende Wahrheit durch Hans hindurch, die ihn wie ein gewaltiger Sturm mitriss: Für alle und für alles gnädig erlöst.

Das kommt mir irgendwie bekannt vor, aber mit völlig anderer Aussage, durchzuckte es Hans. Dieser Sturm brachte ihn nicht nur seelisch, sondern auch körperlich ins Wanken. Er hatte große Mühe, sein Gleichgewicht zu halten. Doch wie ein mächtiger Sturm sich wieder auflöst und nicht aufbewahrt werden kann, war es Hans nicht möglich, diese Wahrheit festzuhalten, um sie ganz zu erfassen.

Wie ein Stromschlag, dachte er. Ich weiß, dass mich etwas mit ungeahnter Wucht bis ins Mark erschütterte, bin nun aber nicht mehr in der Lage, das Geschehene im Detail nachzuempfinden.

So sehr er sich auch bemühte, war es ihm nicht vergönnt, das eben Erfahrene, das Gewaltige wieder zu greifen und mit klaren Gedanken zu durchdringen. Es sollte bei diesem einen Stromschlag bleiben.

In Hans keimte der Gedanke auf, dass Gott zu ihm sprach oder vielmehr, dass er sich nach langer Zeit wieder Gott zugewandt hatte und ihm ins Angesicht schaute.

Im Verlaufe seines Lebens entpersonalisierte sich sein Bild von Gott und entwickelte sich zu einer mehr spirituellen, abstrakteren Form, die am ehesten mit Kraft umschrieben werden kann, die im Verborgenen, im nicht für Denkende Zugänglichen wirkt. Dazu trugen auch die unzähligen Gespräche mit seinem Sohn Balthasar bei, in denen sie sich mit den Grundfragen der Existenz und immer wieder mit Gott in all seinen Gestaltungsmöglichkeiten beschäftigten. Letztlich wurde aus Gott eine intellektuelle Spielart, ein faszinierendes Gedankenkonstrukt. Die Möglichkeit einer erlebbaren Wirklichkeit verschwand völlig aus seinem Leben.

Heute hatte Hans eine Gotteserfahrung, die sein ganzes Wesen durchdrang. Doch er war unfähig, daraus eine Botschaft für sein aktuelles Problem abzuleiten. Er verstand nur, dass seine schon während der Autofahrt nach Pěkov verspürte Spannung nichts anderes als sein Gewissen sein konnte. Denn Hans hatte die Vorstellung vom Gewissen als Ort der intimen Begegnung mit Gott verinnerlicht. Nur deshalb bin ich überhaupt hierher gefahren, sagte er zu sich.

Aber wie gehe ich nun damit um? Soll Balthasar in jedem Fall wiederbelebt werden? Oder etwa sterben dürfen? Welche Entscheidung kann ich vor dem Hintergrund dieser überwältigenden Erfahrung treffen?

Bevor er gänzlich sein eben erkämpftes Gefühl von innerer Befreiung mit bohrenden Fragen wegdrängte, zwang er sich Selbstdisziplin ab und versuchte, sich diesen überwältigenden Moment einzuverleiben. Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, wurde er der kleinen Kapelle gewahr, die rechts von ihm über dem Tal zu schweben schien. Ihr Dach schmückte ein goldfunkelnder Stern. Hans schob sich erschöpft an den üppig beschneiten Felsen vorbei und ging bedächtigen Schrittes die Treppe zum Kapelleneingang hinauf. Die Tür ließ sich nicht öffnen. Dennoch konnte man durch einen Ausschnitt in der Tür in den Innenraum der kleinen, im Barockstil erbauten Kapelle blicken, der einfach mit Stühlen und einem kleinen Altar eingerichtet war. Eine Kerze brannte.

Hans streiften erneut Gefühle innerer Ruhe und wohliger Ausgeglichenheit, die wahrscheinlich aus der Kapelle auf ihn zuströmten und alle verzehrenden Gedanken zu betäuben vermochten. Er blickte in das leicht flackernde Kerzenlicht. In diesem Moment erinnerte er sich an eine Begegnung mit seiner Großmutter. Es war Weihnachten und Hans nicht älter als sechs Jahre alt. Seine Großmutter nahm ihn im Lichte der Kerzen, die am Weihnachtsbaum strahlten, auf ihren Schoß. Dann presste sie ihn liebevoll an ihren knochigen Körper und sprach: „Das Leben ist wie eine Kerze - Gott entzündet sie und setzt ihrer Leuchtkraft ein Ende.“

Nachdem Hans den Rückweg in die Pension angetreten hatte, beherrschte ihn nur noch ein Gedanke: Allein werde ich in meiner Entscheidungsfindung nicht weiterkommen. Ich muss meine Überlegungen mit einem vertrauten Menschen teilen, mich austauschen, um nicht nur mich zum Maßstab für Balthasar zu machen. Dabei dachte er die ganze Zeit an seinen ehemals besten Freund, zu dem der Kontakt in den letzten Jahren nach der Trennung von Silja eingeschlafen war.

Fredi hatte ihn fast sein ganzes Leben lang begleitet. Es fiel Hans sonst niemand ein, mit dem er dieses Thema, seine These und Antithese, hätte besprechen können. Er griff zum Telefon.

Schon am nächsten Abend stand überraschend Fredi vor seiner Tür, den Hans mit dankbarem Blick wortlos begrüßte. Kaum eine Minute später zog Hans behutsam den ramponierten Zettel aus seiner Jackentasche und breitete ihn vor Fredi auf dem Tisch aus. Ohne einen weiteren Kommentar erhob er sich von seinem Stuhl und ging zum Fenster, um die winterliche Klarheit in den Raum zu lassen.

Fredi zückte seine Lesebrille aus dem Etui und begann zu lesen:

Eine Eiskruste hat sich am Ufer gebildet,

Erfrorenes Blut verliert seinen süßlich-lieblichen Charakter -

Überall Starrheit und Kargheit.

Chaotisches Spiel der Gedanken;

Das Leben befindet sich im Würgegriff der vollkommenen

Leere.

Den Himmel verlässt kein einziger ausgequetschter Funken,

Wie ein Raubtier schlich sich der Abgrund heran.

Klirrendes und zitterndes Lachen -

Das Raubtier beißt sich fest

Und lässt keine einzige Regung mehr zu -

Verlassenheit und Vergessenheit wird durch schmerzende

Schreie mächtiger.

Zermalmt bis zur Entsinnung, nur die Richtung ist klar:

Unausweichlich kehrt sich das Innere nach außen.

Übrig bleibt nur aufschäumendes Grundsubstrat.

Alles Lebendige platzt auf von dem Biss der Leere.

Die Eiskruste beginnt sich zu verhärten und auszuweiten -

Absolutes Nichts ...

Fröstelnd setzte Fredi seine Lesebrille ab, erahnend, aus welchem Grund ihn Hans nach so vielen Jahren zu sich gebeten hatte. Die düstere Stimmung dieser Zeilen nahm Fredi unverzüglich gefangen. Auch wenn er nicht wusste, aus welcher Feder sie stammten, erschütterte ihn die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit des Schreibers. Er klickte sein Brillenetui auf, legte mit nachdenklicher Miene seine Brille hinein und schloss es wieder.

Fredi merkte, dass sein Hantieren Hans aus seiner versteinerten Teilnahmslosigkeit riss und ihn dazu bewog, das Fenster zu schließen und geschäftig im Zimmer zu räumen. Zeitgleich versuchte Fredi, durch Herumnesteln an seiner Kleidung ganz offensichtlich zum Ausdruck bringen zu wollen, dass er genauso wie Hans überhaupt keine Zeit hatte, sich über Balthasars Unfall und über diese Zeilen auszutauschen.

Er hielt inne und erkannte, wie fassungslos Hans und auch er waren, so dass sie beide diese Fassade zunächst brauchten, um mit ihrer Verunsicherung und Sprachlosigkeit zurechtzukommen.

Doch das tiefe Gefühl der Freundschaft, welches Fredi immer noch für Hans empfand, ermutigte ihn, den ersten Schritt zu wagen: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll oder tun kann, aber ...“

„Es ist schon gut, dass Du gekommen bist“, nahm Hans erleichtert die ersten Worte seines Freundes auf.

„Ich versuche alles, um Dir irgendwie in irgendeiner Form hilfreich zu sein.“

„Danke, Fredi.“

„Von wem stammt denn dieses Gedicht?“, fragte Fredi vorsichtig. Er spürte instinktiv, dass es etwas mit der ganzen Unfalltragik zu tun haben musste.

„Balthasar schrieb diese Zeilen im November, vermutlich wenige Tage vor seinem Unfall.“

„Oh, wie furchtbar ...“