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Ängste gibt es viele. Kaum etwas engt unser Leben so stark ein wie der Umgang mit ihnen. Doch so verschieden ihre Ursachen sind, so vielfältig sind auch Strategien dagegen. Einen neuen Zugang bietet Franziskusforscher Jon M. Sweeney. Mit der Weisheit von Franz von Assisi und der Legende "Der Wolf von Gubbio" entwickelt er Lebenslektionen, um Ängste und Ungewissheit im 21. Jahrhundert zu lindern: Füttere den Wolf; Berühre das, was dir Angst macht; Lehne Macht ab; Habe nichts zu verlieren; Verbringe Zeit im Wald; Bete mit dem Mond; Wende dich dem Einfachen zu und vieles mehr. Das Buch zeichnet ein Lebensbild von einem der populärsten Heiligen und zeigt, wie es gelingt, eine andere Sichtweise in Betracht zu ziehen - sich mit den eigenen Ängsten anzufreunden.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Jon M. Sweeney ist international eine der führenden Stimmen zum Leben und zur Spiritualität von Franz von Assisi. Er hat Theologie und Philosophie studiert und bereits über dreißig Bücher geschrieben. 2009 konvertierte der ehemalige Pastor der Episkopalen Kirche zum Katholizismus. Er lebt mit seiner Frau, einer Rabbinerin, und seinen Töchtern im US-amerikanischen Milwaukee.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Feed the Wolf – Befriending our fears in the way of Saint Francis“, im Verlag Broadleaf Books, Minneapolis.
© 2021 by Jon M. Sweeney
Printed by Broadleaf Books, an imprint of 1517 Media.
This edition arranged with Kaplan/DeFiore Rights through Paul & Peter Fritz AG.
© 2022 Bonifatius GmbH Druck | Buch | Verlag, Paderborn
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Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, werkstattmuenchen.com
Umschlagmotiv: © shutterstock/Croisy
Übersetzung: Antje Balters
Satz: Bonifatius GmbH, Paderborn
eISBN 978-3-89710-985-8
Weitere Informationen zum Verlag: www.bonifatius-verlag.de
Für Frederic und Mary Ann,die geholfen haben, den Weg zu ebnen,und für künftige Generationen,die danach suchen.
Vorwort
Einleitung
1. Geschwister finden
2. Den Wolf füttern
3. Die Waffen niederlegen
4. Einfach leben und sich auf Flickwerk einlassen
5. Auf das zugehen, was Angst macht
6. Leichtfüßig unterwegs sein
7. Macht ablehnen
8. Auf das innere Tier hören
9. Nichts zu verlieren haben
10. Zeit im Wald verbringen
11. Den eigenen Mut finden
12. Mit dem Mond beten
13. Nächste an einen großen Tisch einladen
14. Mutter sein
15. Sorgfältig mit Worten umgehen
16. Anfangen zu tanzen
17. Einfach leben
Danksagung
Literatur
Er kannte Dichter und Musiker, Soldaten und Generäle, Mütter und Väter, Kaufleute und Reisende, Kapitäne zur See und Sultane. Er kannte Herrscher und Narren, Päpste und Hofnarren, Kardinäle und Verbrecher – und Liebende.
Das Leben von Franz von Assisi war der Stoff, aus dem Legenden gemacht sind. Schon zu Lebzeiten bezeichneten ihn die Menschen als Heiligen, und zwar nicht wegen irgendwelcher übernatürlicher Geschehnisse oder besonderer göttlicher Offenbarungen, sondern – um es mit den Worten aus einem wunderschönen Song von Sarah McLachlan zu sagen –, weil Franziskus ein Leben führte, in dem es viele „normale Wunder“ („Ordinary Miracles“) gab.
Das Buch veranschaulicht diese ganz gewöhnlichen Wunder und berichtet außerdem über den Lebenskontext von Franziskus, in dem sie sich abgespielt haben. In jedem Kapitel gibt es kurze Dialoge, sozusagen Gesprächsmomente, die den Eindruck von mündlich tradierter Geschichte erzeugen. Dadurch werden Personen vorstellbar, die zwar in der offiziellen Geschichtsschreibung und in Quellen über das Leben von Franz von Assisi nicht zu Wort kommen, von denen aber bekannt ist, dass es sie gab und dass sie über ihn gesprochen haben. Die besagten Dialoge befinden sich kursiv gedruckt, wie eine Art Refrain, jeweils ungefähr in der Mitte eines jeden Kapitels.
Das Wesen ganz normaler Wunder besteht darin, dass sie wiederholbar sind.
Der Weg von Franziskus ist mittlerweile über 800 Jahre alt, er begann als Nachahmung des Lebensstils Jesu und wurde konkret erfahrbar im 13. Jahrhundert. Doch ich würde heute nicht über ihn schreiben, wenn ich nicht glauben würde, dass er auch für Menschen von heute ein Lebensstil sein kann, mit dessen Hilfe man Angst überwinden und auch im modernen Leben Gunst finden kann.
23. Januar 2021
Gedenktag von St. Marianne Cope of Moloka´i
(Marianne Cope)
Mir schenkt das Bild einer uralten Seidenkiefer Trost. Durch meine Erfahrung, viele Jahre die Wälder von Vermont und Wisconsin durchstreift zu haben und Feuerholz zu sammeln, weiß ich, dass eine Seidenkiefer dreißig Meter und höher werden kann und dass zu jeder beliebigen Jahreszeit nahezu jeder zweite Ast abgestorben sein kann. Es kann also sein, dass, wenn ich den richtigen niedrig hängenden Ast erwische und fest daran ziehe, das Holz eines solch abgestorbenen Astes ganz leicht bricht.
Beim Ahorn ist das anders. Bei ihm wird jeder Ast jedes Frühjahr wieder neu von Blättern begrünt, bis er irgendwann nicht mehr ergrünt und abstirbt. Denn stirbt der neue Trieb eines Ahorns, stirbt auch rasch der ganze Baum. Bei der hoch aufragenden Seidenkiefer verhält sich das wie gesagt anders; sie hat die Fähigkeit, sich dem Tod anzupassen und kann ein Jahrhundert lang oder länger immer wieder zurückkommen.
Wie wohl jeder Mensch, der sich schon über ein halbes Jahrhundert lang auf diesem Planeten aufhält, erlebe auch ich Leid und Scheitern und Tod.
Ich habe immer gedacht, was für ein Glück ich doch gehabt habe, dass solche schwerwiegenden Ereignisse an mir vorübergegangen sind, aber je älter ich werde, desto deutlicher zeigt sich, dass es da eine schleichend zunehmende Häufung gibt – ähnlich wie beim langsamen Erodieren von Höhlengestein. Es fühlt sich so an, als würde das Wasser an den Knöcheln steigen. Menschen, die einen lange als Weggefährten begleitet haben, sterben; eine Ehe zerbricht; man erlebt mit, wie Freunde unter furchtbaren Schmerzen leiden; Beziehungen verschlechtern sich; Jobs und Karrieren gehen verloren und mit erschreckender Regelmäßigkeit sterben Jahr für Jahr Freunde. Aber wie die besagte Seidenkiefer versuche ich, weiter zu wachsen und jedes Frühjahr neu zu ergrünen.
Und diesen Wunsch, weiter zu wachsen, erkenne ich auch bei Franziskus. Ich glaube, er zeigt uns, wie wir uns ganz aufs Leben einlassen, uns regelrecht hineinknien können. Auch er hat Scheitern erlebt, unter anderem den endgültigen Bruch mit den Eltern, den Verrat eines Freundes, körperliche Leiden, Momente der Demütigung und den Tod. Aber er war in der Lage, sein Leben mit einer großen Kraft und Dynamik zu führen. Der Geist scheint ihn auf eine Art mit Hoffnung und Liebe erfüllt zu haben, zu der ich nur sagen kann: Davon hätte ich bitte gern auch etwas.
In diesem Buch werde ich mir punktuell bestimmte Lebensbereiche und -situationen im Leben des Franz von Assisi etwas genauer anschauen, um ein Bild davon zu zeichnen, wie er gelebt hat. Und um daraus etwas für mich persönlich abzuleiten, ja, zu lernen und es an Sie weiterzugeben. Betrachten Sie vielleicht jedes der Kapitel als eine Art Experiment in Sachen „Leben wie Franziskus“.
Franz von Assisi wird als Dichter und Künstler bezeichnet, und das war er auch. Vielfach wird er als simpel und naiv angesehen, und vermutlich war er das auch. Kinder bewarfen ihn mit Dreck, verspotteten ihn und fanden ihn lächerlich im Vergleich mit ihren Eltern und anderen Erwachsenen, die ein angepasstes Leben innerhalb ihrer gesellschaftlichen Grenzen führten. Interessant dabei finde ich, dass Franziskus wahrscheinlich heute genauso Ablehnung und Ausgrenzung erfahren würde, wenn er sich so verhielte und sein Leben so führen würde wie damals. Wir würden ihn wahrscheinlich nicht mit Steinen bewerfen – Kinder im Mittelalter waren damals auf eine Art direkt, wie wir es uns heute kaum mehr erlauben –, aber wir würden ihn für absolut unwichtig und bedeutungslos halten – eben für einen Narren. Oder wir würden seine andersartige Lebensweise gar nicht bemerken. Doch selbst wenn er uns wegen seiner Andersartigkeit auffiele, würden wir nur geringschätzend oder verachtend auf ihn reagieren. Wir würden sein Verhalten nicht verstehen, genauso wie ich das Verhalten des Mannes nicht verstehe, der im Hinterhof auf meinen Mülltonnen herumtrommelt. Warum? – Was Franziskus lehrt, kommt uns einfach zu simpel vor und hat nichts zu bieten, was uns einen Anreiz geben könnte, darüber zu diskutieren.
Allerdings haben die Menschen ihn sehr wohl zur Kenntnis genommen. Die Art, wie er lebte, zog von Anfang an viele an, und die Bewegung, die er ins Leben rief, wuchs wie keine andere geistliche Bewegung zuvor.
Doch als Mensch war er nicht einfach. Angesichts des historischen und zeitlichen Abstands fällt es heute leicht, ihn zu mögen, aber es war damals sicher nicht einfach, unmittelbar mit ihm zu tun zu haben. Stellen Sie sich einmal einen Mannschaftssportler vor, der von den Zuschauern auf der Tribüne das Gleiche verlangt wie von sich selbst. Genau das hat Franziskus nämlich getan. Wenn er dann wieder von der Bildfläche verschwand, weil er irgendeine Mission hatte oder auf einer langen Reise war, kamen viele, inspiriert von den Geschichten über Franziskus, um sich der von ihm begründeten Bewegung anzuschließen, obwohl sie ihn gar nicht persönlich kannten. Es fiel ihnen schwer, sich vorzustellen, wie ihr berühmter Gründer Freude und Vergnügen mit einer so strengen Verbindlichkeit zusammenbringen konnte, wie er sie lehrte und lebte. Sie glaubten, dass entweder das eine oder das andere geopfert werden müsse. Und so begannen manche, Franziskus auf eine Art festzulegen, die genau diese Kunst, beides miteinander zu vereinen, nicht erkannte oder nicht wertschätzte.
„Während er immer noch in seiner elenden und beklagenswerten Welt lebte, … unser gesegneter Vater Franziskus …“, beginnt beispielsweise ein Kapitel in einer der Primärquellen über Franziskus. Doch niemals hätte Franziskus selbst von seiner Welt als einem elenden oder beklagenswerten Ort gesprochen. Und wenn seine Anhänger das taten, dann war das so, als würden sie ein opulentes Landschaftsgemälde in einen faden Metallrahmen stecken. Doch das war tatsächlich der Rahmen, in dem seine Geschichte und sein Leben noch Jahrhunderte nach seinem Tod steckten.
Erst seit etwa 1900 hat sich dieses Bild von Franziskus geändert, und er ist zum bekanntesten und beliebtesten Heiligen der Welt geworden. Um die Jahrhundertwende des vergangenen Jahrhunderts setzte eine Renaissance des Interesses an der Gestalt des heiligen Franziskus ein, die dadurch in Bewegung kam, als ein paar Leute anfingen, darüber zu sprechen, wie Franziskus wirklich war. Dabei mussten sie weiter schauen als in die bekannten Hagiografien – also die verherrlichenden unkritischen Biografien des Heiligen –, um den wahren Franziskus zu finden. Der Erste, der diese echte Persönlichkeit aufzeigte, war Paul Sabatier, ein protestantischer Pastor aus Frankreich. Er veröffentlichte 1894 die erste moderne Biografie über Franziskus, die sehr schnell in ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde. Eine weitere wichtige Biografie wurde vom dänischen Autor Johannes Jorgensen veröffentlicht, der später für den Literaturnobelpreis nominiert wurde. In beiden Biografien wird Franziskus als eine Persönlichkeit dargestellt, die auch für die heutige Zeit noch Relevanz hat.
In der Zwischenzeit wurde, inspiriert von Franziskus als dem Narren Gottes, ein mittelalterliches Volksmärchen unter dem Titel The Juggler of Notre Dame (Der Gaukler von Notre Dame) als Geschichte in einer Zeitschrift, als Oper, als Tanzstück und als beliebte Kinderbuchgeschichte veröffentlicht.
Eine Generation später kam dann 1950 der beste Film heraus, der jemals über den Heiligen gedreht wurde: Roberto Rossellinis The Flowers of St. Francis (Franziskus, der Gaukler Gottes), an dem der junge Federico Fellini als Koautor mitwirkte. Die Schauspieler waren mit nur einer einzigen Ausnahme Laien, die meisten von ihnen Franziskanermönche, die sich aus persönlichen und religiösen Gründen für das Projekt interessierten. Der Mönch, der die Rolle des Franziskus spielte, wurde nicht einmal im Abspann erwähnt. Es war, als ob Franziskus auf der Leinwand nicht von einem „Schauspieler“ dargestellt werden konnte – weil er dafür einfach zu echt war. Der Film wurde zu einem der großen Klassiker des italienischen Neorealismus.
Und dann schrieb der umstrittene, charismatische griechische Autor Nikos Kazantzakis, von dem auch der Roman Die letzte Versuchung stammt, den aussagestarken, anschaulichen Roman God´s Pauper (Mein Franz von Assisi) und machte den Heiligen auf eine Weise als Mensch wieder lebendig, wie es nur ein Roman kann. In einer Szene beispielsweise, in der Kazantzakis die Stigmata beschreibt (es wurde behauptet, Franziskus habe die Wunden erhalten, die denen von Christus in seiner Passion glichen, ein Ereignis, über das die meisten Biografen aus Mangel an Beweisen lieber Stillschweigen bewahren), lässt er die Szene auf einem brennenden Feld spielen, in das Blitze einschlagen, während Franziskus schreit: „Ich will mehr!“
Doch vor dem Beginn dieser Franziskus-Renaissance gab es etliche, die ihn als ein Beispiel dafür sahen, wie die Kirche oft aus einem guten Christen einen bedeutungslosen Heiligen macht. Vor der Wiederentdeckung des wahren Franziskus vor etwas mehr als einem Jahrhundert steckte Franziskus in der künstlichen Süßlichkeit knuddeliger Tiergeschichten fest. Er war so heilig, dass er vor allen sicher war außer vor den Sündern und den Leidenden, und das machte es unmöglich, den echten Franziskus zu finden. Da sein Ruf in nicht nachvollziehbaren Legenden verankert war, bestand kaum eine Chance, die Bedeutung zu erlangen und so viel Motivation zum Handeln zu bieten, wie das heute der Fall ist.
Der protestantische Reformator Martin Luther gehörte zu den bekanntesten Kritikern von Franziskus. Etwa um 1500, Luther war zu dem Zeitpunkt ein junger Mönch, identifizierten sich viele Anhänger von Franziskus so sehr mit ihrem Gründer, dass sie ihn fast mehr verehrten als Christus. Frühe Anhänger von ihm, die dieses Ausmaß der Verehrung irgendwie begründen wollten, behaupteten deshalb sogar, Franziskus sei bereits im Alten Testament und auch von Christus selbst vorhergesagt worden.
Vieles von dem, wogegen Luther protestierte hatte mit dieser Art geradezu lächerlicher Verehrung von Glaubensführern zu tun, einer der Gründe, weshalb Luther ein so offenes Publikum für seine kritischen Abhandlungen fand. Niemand, so sagte er, solle Heilige zu Götzen machen.
Ich verfolge in diesem Buch jedoch eine andere Absicht. Ich möchte gern ein kontinuierliches Wiedererwachen des Interesses an Franziskus erleben, und zwar des echten Franziskus. Dieser echte Franziskus war bodenständig und rau wie Sackleinen, weder sonnengebräunt noch geformt und bronziert wie ein barocker Springbrunnen-Cherubim, zu dem er von manchen gemacht wurde.
Ich habe bereits einige Bücher über Franz von Assisi geschrieben und kann mir vorstellen, dass manche Leser sich vielleicht fragen: Warum denn jetzt noch eins? Diese Frage stelle ich mir auch immer wieder und komme dabei stets zu derselben Antwort: Wir brauchen einfachen Zugang zu geistlichen Praktiken und Übungen, mit deren Hilfe wir erfahren und begreifen können, wer wir sind und wie wir im Moment – im Hier und Heute – leben können. Franziskus bietet meiner Meinung nach genau dazu immer noch die besten Methoden und Übungen. Und diese möchte ich Ihnen vorstellen, einfach und klar, und ich hoffe, dass Sie dieses Buch dann wie eine Art Schatzkarte benutzen können, mit deren Hilfe Sie den Weg zu einem verborgenen Schatz finden. Einmal dort angekommen, brauchen Sie die Karte dann nicht mehr. Sie können sie wegwerfen, aber den Schatz, zu dem sie Sie geführt hat, behalten Sie.
Ich habe vor Kurzem vor Schülern gesprochen, deren Lehrerin mich gebeten hatte, ihnen eine Einführung in das Leben und Wirken von Franz von Assisi zu geben. Ich begann mit einigen biografischen Fakten und erzählte dann ein wenig über die Zeit, in der Franziskus lebte, weil ich mir dachte, dass manche der Schülerinnen und Schüler mittelalterliche Geschichte bestimmt interessant finden würden. Doch dann merkte ich, wie die Gesichter immer gelangweilter wurden, und ich schwenkte um.
„Okay, genug jetzt von historischen und anderen Hintergrundinformationen. Lasst mich stattdessen Folgendes versuchen: Schaut mal einmal einen Moment lang auf die eigenen Hände“, sagte ich.
Die Schülerinnen und Schüler stutzten, und die meisten von ihnen sahen mich plötzlich fragend an. Hä?
„Ich meine es ernst. Tut mir bitte den Gefallen und schaut eure Hände an. Na, macht schon.“ Und dann sagte ich für eine lange und unbehagliche Weile gar nichts, so wie es mir mein Chef beigebracht hatte, in dessen Laden ich als Sechzehnjähriger Schuhe verkauft hatte. („Frag sie, ob sie die Schuhe gern kaufen und zu Hause tragen würden. Und dann denk daran, auf die Antwort zu warten. Das kann dauern und zu einer unangenehmen Pause führen.“)
Die meisten der Schülerinnen und Schüler sahen jetzt auf ihre Hände.
„Bleibt mit eurem Blick dort“, fuhr ich fort. „Lasst euch Zeit. Schaut die Fingerspitzen und Handflächen an und stellt euch bildlich vor, was eure Hände gerade noch berührt oder getragen haben. Was haben sie gehalten – vielleicht, bevor ihr heute Morgen hier in der Schule angekommen seid? Was haben eure Hände in letzter Zeit gegeben oder verschenkt?“
Vielleicht hielten die Schülerinnen und Schüler mich für ein bisschen verrückt, aber ich ließ nicht locker, sondern machte weiter:
„Du kannst deine Hände benutzen, um zu verletzen oder um zu helfen und zu heilen“, erklärte ich weiter. „Wozu benutzt du deine Hände? Setzt du sie ein, um sanft und behutsam zu sein? Hat dir jemand beigebracht, wie du deine Hände sanft und behutsam benutzt?“
Ich ahnte, wie dankbar sie waren, keine weiteren historischen Informationen hören zu müssen – über die liturgischen Praktiken der Kirche im Spätmittelalter, die Intrigen während der Kreuzzüge und die Machenschaften von Papst Innozenz III., an den Franziskus sich mit der Bitte gewandt hatte, seine religiöse Reformbewegung zu erlauben.
Dann sagte ich: „Okay, machen wir weiter. Was ist mit eurem Mund? Weil du ja den eigenen Mund nicht sehen kannst, sieh dir den der Person, die neben dir sitzt, an. Schau, wie die Lippen geschwungen sind, wie der Mund schmollt, wie er grinst und wie er sich vielleicht sogar spöttisch verzieht.“
Das gefiel ihnen. Es gab viel Gelächter, als offenbar alle irgendeine dieser unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten ausprobierten.
„Und jetzt denke mal an deinen eigenen Mund. Was tut er am häufigsten? Lacht er? Küsst er? Ist er ehrlich? Benutzt du deinen Mund, um Freundlichkeit auszudrücken und freundlich zu reden? Vielleicht nicht immer? Ich glaube, es ist möglich, Menschen mit Worten zu bewerfen wie mit Gegenständen und dadurch rücksichtslos Schaden anzurichten. Wir sollten freundlich sein mit unserem Mund.“
Dass mittlerweile alle aufmerksam zuhörten, überraschte mich.
„Und jetzt denkt an eure Füße. Denkt an eure Füße, schaut dabei aus dem Fenster und seht euch die Leute auf der Straße an. Entdeckt ihr dort jemanden, der wahrscheinlich ein bisschen Freundlichkeit gebrauchen könnte? Es ist oft ganz leicht, jemanden zu finden, der offenbar einsam ist. Gehen deine Füße auf diesen Menschen zu? Wir sind oft so in Eile, dass wir gar nicht merken, wenn jemand unsere Hilfe braucht. Und wenn wir ganz ehrlich sind, ist es uns oft auch ziemlich egal. Wir sehen zwar eine Not oder ein Bedürfnis, aber statt uns darum zu kümmern, legen wir lieber die Füße hoch.
Nimm dir das zu Herzen! Wann bist du das letzte Mal zu einem Menschen hingegangen, der einen Freund oder eine Freundin brauchte? Mal ehrlich – wie lange ist das her? Egal, ob in der Schule oder draußen auf der Straße – es ist nie einfach, das Richtige zu tun, weil es eine ganz besondere Art von Mut erfordert. Es ist immer bequemer, nicht zu helfen und dadurch einer ungewohnten und vielleicht auch unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen. Aber es geht um mehr, als uns wohlzufühlen.
Gott weiß, wie oft ich die Füße stillgehalten habe, statt mich in Bewegung zu setzen, um anderen zu helfen. Sehr oft. Heute versuche ich, mutiger zu sein als zu der Zeit, als ich in eurem Alter war. Ich hoffe, ihr bekommt das besser hin als ich.“
Im Grunde war mir klar, dass ich mit dem, was ich sagte, offene Türen einrannte, denn diese Schüler wussten, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden: Sie gehörten zu einer LGBTQ-Gruppe der Schule. Und zum Abschluss fügte ich noch hinzu: „Mit all dem, was ich gerade gesagt und zu vermitteln versucht habe, bin ich nur eine Art Kanal, durch den das, was der Heilige, von dem ich vorhin gesprochen habe, gelehrt hat, weitergegeben wird. Franz von Assisi ist auf unzähligen Vogeltränken verewigt – was bedauerlich ist –, denn, wisst ihr, Franziskus stellte sich seine Rolle in dieser Welt so vor: ganz praktisch, unter Einsatz seiner Hände, seiner Füße und seines Mundes.“
Thomas von Aquin, ein anderer Heiliger aus dem Mittelalter, pflegte zu sagen: Schönheit ist alles, was beim Betrachten Vergnügen bereitet. Dass wir Menschen Schönheit erkennen können, hatte seiner Meinung nach mit einem intuitiven Verständnis zu tun, das wir imstande sind zu kultivieren. Diese Aussage machte er im Zusammenhang mit dem Bau gotischer Kathedralen. Er bewunderte das Kunsthandwerk – die Malereien, Schnitzereien und Bildhauerei, die es in Kirchen in ganz Europa gab.
Franziskus hingegen verlor nie ein Wort über Schönheit. Im Unterschied zu Thomas von Aquin war Franziskus selbst ein Künstler – ein Dichter, Musiker und Tänzer –, während Thomas von Aquin nur mit Sprache arbeitete.
Nachdem ich mich jetzt seit mittlerweile 25 Jahren mit dem Leben von Franziskus beschäftige, sage ich Ihnen, was das Interessanteste an ihm ist: Es ist die Tatsache, dass er lieber lebte, was er glaubte, als darüber zu reden. Er hat nie erkennen lassen, dass er sich auch nur das geringste bisschen für schöne Bauwerke interessierte oder für die Frage nach kunstvollsten Schnitzereien. Franziskus als Künstler fand seine Inspiration bei Menschen und anderen Geschöpfen, und zwar konkret darin, wer sie waren und was sie taten, sowohl in seiner unmittelbaren Umwelt als auch im Himmel.
Franziskus zeigte Möglichkeiten der Nachfolge Jesu auf, die auch die gewöhnlichsten und greifbarsten Ausdrucksformen einbeziehen, wie man leben kann. Es ging ihm nicht um theologische Höhenflüge oder Glaubensdiskussionen. Ja, er bat seine Brüder und Schwestern im Geist sogar inständig, sich nicht intensiv mit der Theologie zu beschäftigen oder sich in Bücher zu vertiefen, weil er Sorge hatte, das Studieren und Lesen könne wie ein Eimer kaltes Wasser auf die heißen Kohlen ihrer ursprünglichen Leidenschaft für den Glauben wirken.
Warum dann also noch ein Buch? – Weil Franziskus‘ Hauptaugenmerk weiterhin darauf lag, sanft und achtsam zu sein, zuzuhören und Gemeinschaft zu haben, das Unangenehme zu akzeptieren (auch das an sich selbst), nach dem Verletzlichen Ausschau zu halten und keine Angst zu haben. Und genau das sind auch ein paar der Dinge, die ich mit diesem Buch versuchen möchte. Und falls diese Erkenntnisse des wahren Franziskus in Ihr Herz, Ihre Füße, Ihren Mund und Ihre Hände vordringen, dann können Sie dieses Buch, diese Schatzkarte, auch wieder beiseitelegen.
Am Anfang seines Lebens hieß er Giovanni, „Johannes“, mit Nachnamen Bernardone, und wurde in privilegierte Verhältnisse hineingeboren. Da sein Vater zum Zeitpunkt seiner Geburt auf Geschäftsreise war, gab ihm seine Mutter Pica einen Namen. Über sie weiß man leider sonst fast nichts. Als Pietro von seiner Reise zurückkehrte und erfuhr, dass er einen Sohn bekommen hatte, benannte er ihn um, und zwar nach dem Ort, den er am meisten liebte: „Francesco“ für Frankreich. Franziskus.
Pietro war geschäftlich so erfolgreich, dass er persönlich ins Ausland reiste, um dort seine Waren einzukaufen und zu verkaufen, Seide und elegante Kleidung. Die meisten Menschen damals lebten und arbeiteten nur in ihren Heimatorten. Die Straße gehörte den Rittern, die in die Schlacht zogen, königlichen Boten und Gesandten, die zwischen den einzelnen Königshöfen hin und her reisten, und gelegentlich einem Prälaten mit einem Auftrag, der aber dann zur Sicherheit von Soldaten begleitet wurde. Und Kaufleuten wie Pietro.
Wahrscheinlich hat Franziskus seinen Vater später auf einigen seiner Reisen begleitet. Stellen Sie sich einen Eselskarren auf einer staubigen römischen Straße vor, hoch beladen mit gefärbten Seidenstoffen – purpurfarbenen, scharlachroten und tiefschwarzen –, begleitet von Dienern, Vater und Sohn hoch zu Ross, von Umbrien durch die Toskana und Florenz, am Meer entlang nach Genua oder Richtung Norden über die Alpenpässe zu offenen und freien Märkten. Alles mithilfe einheimischer Führer, von denen sie gegen Geld mit Informationen versorgt und beschützt wurden. So war das damals um das Jahr 1195. Auf einem dieser Märkte, in der Champagne in Frankreich, trafen Pietro und sein Sohn wahrscheinlich Händler aus der ganzen Welt.
Etwa vierzehn Jahre später, um das Jahr 1209, als Franziskus einen neuen Orden gründete, schrieb er in seiner Regel, einem Dokument, in dem die Leitlinien für das Leben in der Gemeinschaft niedergeschrieben waren: „Ich befehle allen Brüdern …, wenn sie in der Welt unterwegs sind oder an unterschiedlichen Orten leben, dass sie weder Tiere mitnehmen noch sie der Fürsorge anderer anvertrauen, geschweige denn auf andere Weise Tiere besitzen. Sie sollen auch nie auf Pferden reiten, es sei denn, es ist aufgrund von Krankheit oder anderen Umständen zwingend notwendig.“3
Warum gab ein junger Mann die Reittiere, den Markt und die Abenteuer des Kaufmannslebens auf? – Franziskus begann, die Annehmlichkeiten und die Lebensweisheit zu hinterfragen, die ihm sein Vater zu bieten hatte. Wie seltsam muss das seinen hochwohlgeborenen Freunden wie auch seinem Vater vorgekommen sein? Schließlich liebte Franziskus Pferde. Und er liebte schöne Dinge.
Irgendwann, es muss zwischen zwei Reisen gewesen sein, stattete Pietro seinen Sohn mit einer schönen Rüstung aus und schickte ihn in Begleitung anderer junger Männer, die sich einen Namen machen wollten, auf einen Kreuzzug. Dass Franziskus kein Seidenhändler sein wollte, schien für den Vater in Ordnung zu sein, schließlich konnte er ja stattdessen Ritter sein. Aber das Kämpfen lag Franziskus nicht und er kehrte in Schmach und Schande zurück.
