Unbefugtes Betreten - Julian Barnes - E-Book
Beschreibung

Nach »Vom Ende einer Geschichte« das neue Buch von Julian Barnes Verlangen und Verlust, Freundschaft und Liebe, miteinander reden und aneinander vorbei – das sind die Themen, denen Julian Barnes mit gewohnt scharfer Beobachtungsgabe und unverwechselbarem Witz auf den Grund geht.Ob der frisch geschiedene Immobilienmakler Vernon nicht akzeptieren kann, dass seine Freundin ein Geheimnis hat, das sie nicht preisgeben möchte, ob Phil und Joanna über Sex, Krebs, die Wirtschaft oder Orangenmarmelade diskutieren, ob die Schriftstellerinnen Jane und Alice vor allem Eifersucht füreinander empfinden oder ein Garten Auslöser für eine Ehekrise wird – Julian Barnes legt die menschlichen Stärken und Schwächen, den Rhythmus, den das Leben hat, mit feinem Humor und einem klaren Blick für die alltäglichen Niederlagen und Siege bloß.Nach dem riesigen Erfolg von »Vom Ende einer Geschichte« beweist der Booker-Preisträger Julian Barnes einmal mehr, warum er einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren ist und von Kritik wie Leserschaft gleichermaßen verehrt wird. »›Unbefugtes Betreten‹ vereint beißenden Humor, Scharfsinn und eine erfrischende Erzählweise« The Independent

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:339


Julian Barnes

Unbefugtes Betreten

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Julian Barnes

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

FördernachweisWidmungTeil einsOstwindBei Phil & Joanna 1: 60/40Mit John Updike schlafenBei Phil & Joanna 2: OrangenmarmeladeDie Welt des GärtnersBei Phil & Joanna 3: Hände weg!Unbefugtes BetretenBei Phil & Joanna 4: Jeder FünfteBeziehungsmusterTeil zweiDer PortraitistKomplizenHarmonieCarcassonnePulseHinweis des Verlags
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Gertraude Krueger dankt dem Deutschen Übersetzerfonds e. V. für die Unterstützung ihrer Arbeit an dem vorliegenden Werk.

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Für Pat

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Teil eins

Ostwind

Im vorigen November war eine Reihe hölzerner Strandhütten, deren Farbe der steife Ostwind weggefetzt hatte, bis auf den Grund abgebrannt. Die Feuerwehr war aus zwölf Meilen Entfernung angerückt, und als sie eintraf, hatte es nichts mehr für sie zu tun gegeben. »Wild gewordene Rowdys«, schrieb das Lokalblatt; es wurde aber nie ein Schuldiger gefunden. Ein Architekt von einem eleganteren Teil der Küste erklärte in den Fernseh-Regionalnachrichten, die Hütten gehörten zum Kulturerbe der Stadt und müssten wieder aufgebaut werden. Der Gemeinderat verkündete, er werde sämtliche Möglichkeiten prüfen, hatte seitdem aber nichts getan.

Vernon war erst vor wenigen Monaten in die Stadt gezogen, und die Strandhütten lösten in ihm keine Gefühle aus. Eigentlich war durch ihr Verschwinden die Aussicht vom Right Plaice, wo er manchmal zu Mittag aß, eher besser geworden. Nun konnte er von einem Fenstertisch aus einen Betonstreifen sehen und dann feuchten Kies, einen öden Himmel und ein lebloses Meer. So war das eben an der Ostküste: monatelang ein bisschen schlechtes Wetter und meistens gar kein Wetter. Ihm sollte das recht sein: Er war hierher gezogen, weil er in seinem Leben kein Wetter haben wollte.

»Sie sind fertig?«

Er sah nicht zu der Kellnerin auf. »Direkt vom Ural«, sagte er und schaute weiter auf das lange, flache Meer.

»Entschuldigung?«

»Es liegt nichts zwischen uns und dem Ural. Da kommt der Wind her. Nichts hält ihn auf. Geradewegs über alle Länder hinweg.« Kann einem glatt den Schwanz abfrieren, hätte er unter anderen Umständen womöglich hinzugefügt.

»Uraaal«, wiederholte sie. Als er den Akzent hörte, schaute er hoch. Ein breites Gesicht, Strähnchen im Haar, ein stämmiger Körper und keinerlei Kellnerinnengetue, um ein höheres Trinkgeld zu ergattern. Wahrscheinlich aus Osteuropa, die Leute überschwemmten ja heutzutage das ganze Land. Baugewerbe, Kneipen und Restaurants, Obsternte. Kamen in Kleinbussen und Reisebussen hier an, hausten in besseren Karnickelställen, verdienten sich ein bisschen Geld. Manche blieben, andere gingen zurück. Vernon kümmerte das nicht. So war das jetzt meistens: Es kümmerte ihn nicht.

»Kommen Sie auch daher?«

»Woher?«

»Aus so einem Land. Zwischen hier und dem Ural.«

»Uraaal. Ja, vielleicht.«

Komische Antwort, dachte er. Aber vielleicht kannte sich die Kellnerin in Geografie nicht so aus.

»Haben Sie Lust, eine Runde zu schwimmen?«

»Schwimmen?«

»Ja, Sie wissen schon. Schwimmen. Platsch, platsch, Kraulen, Brustschwimmen.«

»Kein Schwimmen.«

»Na gut«, sagte er. Er hatte es sowieso nicht ernst gemeint. »Die Rechnung, bitte.«

Während er darauf wartete, schaute er wieder über den Beton auf den feuchten Kies hinaus. Eine Strandhütte war vor Kurzem für zwanzig Riesen weggegangen. Oder waren es dreißig? Irgendwo unten an der Südküste. Immobilienpreise im Aufwind, der Markt spielt verrückt: So stand es in den Zeitungen. Nicht, dass das für diese Gegend zutraf oder für die Objekte, mit denen er es zu tun hatte. Hier war der Markt schon lange im Keller, die Verkaufszahlen ein langer Strich wie das Meer. Alte Leute starben, man verkaufte ihre Wohnungen und Häuser an Jüngere, die dann auch irgendwann darin alt werden und schließlich sterben würden. Das war ein Großteil seines Geschäfts. Diese Stadt war nicht besonders gefragt, nie gewesen: Die Londoner fuhren auf der A12 weiter in teurere Gegenden. Sollte ihm recht sein. Er hatte sein Leben lang in London gewohnt, bis zur Scheidung. Jetzt hatte er einen ruhigen Job, eine Mietwohnung und verbrachte jedes zweite Wochenende mit den Kindern. Wenn sie älter wurden, würden sie sich hier womöglich langweilen und sich wie kleine Snobs aufführen. Aber jetzt waren sie noch gern am Meer, wo sie Kieselsteine ins Wasser werfen und Fritten essen konnten.

Als die Kellnerin die Rechnung brachte, sagte er: »Wir könnten zusammen abhauen und in einer Strandhütte leben.«

»Ich nicht denke«, antwortete sie und schüttelte den Kopf, als hätte sie das ernst genommen. Ach ja, der gute alte englische Humor, an den gewöhnten sich die Leute erst mit der Zeit.

 

Er musste sich um ein paar Mietsachen kümmern – Mieterwechsel, Renovierungen, feuchte Wände – und dann um einen Verkauf weiter oben an der Küste, darum kam er erst nach einigen Wochen wieder ins Right Plaice. Er aß seinen Schellfisch mit Erbsenbrei und las die Zeitung. Eine Stadt in Lincolnshire war plötzlich halb polnisch, so viele Immigranten gab es da. Sonntags gingen schon mehr Katholiken als Anglikaner in die Kirche, schrieb die Zeitung, wegen der ganzen Osteuropäer. Ihn kümmerte das nicht. Die Polen, die er kennengelernt hatte, fand er eigentlich ganz nett – Maurer, Stuckateure, Elektriker. Gute Arbeiter, solide Ausbildung, standen zu ihrem Wort, zuverlässig. Wurde auch Zeit, dass das gute alte britische Baugewerbe mal einen Tritt in den Arsch kriegt, dachte Vernon.

An dem Tag war die Sonne herausgekommen, warf schräge, niedrige Strahlen auf das Meer und stach ihm in die Augen. Ende März wurde es sogar an diesem Teil der Küste ein bisschen Frühling.

»Wie wär’s jetzt mit einer Runde Schwimmen?«, fragte er, als sie die Rechnung brachte.

»Oh nein. Kein Schwimmen.«

»Ich vermute mal, Sie kommen aus Polen.«

»Ich heiße Andrea«, antwortete sie.

»Nicht, dass ich was dagegen habe, wenn Sie aus Polen kommen.«

»Ich habe auch nicht.«

Das Problem war, dass er noch nie gut flirten konnte, nie ganz das Richtige sagte. Und seit der Scheidung konnte er es womöglich noch schlechter, weil er nicht mit dem Herzen dabei war. Wo war denn sein Herz? Eine Frage für später. Thema heute: Flirten. Er kannte ihn nur allzu gut, diesen Blick der Frauen, wenn man es nicht richtig hinkriegte. Wo kommt der denn her, sagte dieser Blick. Na ja, zum Flirten gehörten immer zwei. Und vielleicht wurde er langsam zu alt dafür. Siebenunddreißig, Vater zweier Kinder, Gary (8) und Melanie (5). So würde es in den Zeitungen stehen, wenn er eines Morgens an der Küste angeschwemmt würde.

»Ich bin Immobilienmakler«, sagte er. Das war noch so ein Spruch, der einem Flirt oft im Wege stand.

»Was ist das?«

»Ich verkaufe Häuser. Und Wohnungen. Wir vermieten auch. Zimmer, Wohnungen, Häuser.«

»Ist das interessant?«

»Man kann davon leben.«

»Wir alle müssen leben.«

Plötzlich dachte er: Nein, du kannst auch nicht flirten. Vielleicht kannst du es in deiner eigenen Sprache, aber auf Englisch kannst du es nicht, also sind wir quitt. Außerdem dachte er: Sie macht einen robusten Eindruck. Vielleicht brauche ich jemanden, der robust ist. Soweit ich das beurteilen kann, könnte sie in meinem Alter sein. Nicht, dass ihn das groß kümmerte. Er wollte ja nicht mit ihr ausgehen.

 

Er ging mit ihr aus. In dieser Stadt gab es da nicht viel Auswahl. Ein Kino, einige Kneipen und die wenigen anderen Restaurants, in denen sie nicht arbeitete. Dann gab es noch Bingo für die alten Leute, deren Wohnungen er verkaufen würde, wenn sie mal tot wären, und einen Club, in dem ein paar halbherzige Gruftis herumhingen. Die Jugend fuhr freitagabends nach Colchester und deckte sich mit genügend Drogen für das Wochenende ein. Kein Wunder, dass einer die Strandhütten angezündet hatte.

Anfangs mochte er sie für das, was sie nicht war. Sie war nicht kokett, sie war nicht schwatzhaft, sie war nicht aufdringlich. Es störte sie nicht, dass er Immobilienmakler war und dass er geschieden war und zwei Kinder hatte. Andere Frauen hatten nach einem kurzen Blick gesagt: Nein. Wahrscheinlich gaben sich Frauen lieber mit einem noch verheirateten Mann ab, egal wie kaputt dessen Ehe war, als mit einem, der bereits die Scherben aufsammelte. Eigentlich nicht weiter verwunderlich. Aber Andrea kümmerte das alles nicht. Sie stellte nicht viele Fragen. Beantwortete übrigens auch keine. Als sie sich zum ersten Mal küssten, wollte er schon fragen, ob sie wirklich aus Polen kam, aber dann vergaß er es.

Er schlug seine Wohnung vor, aber sie wollte nicht. Sie sagte, sie werde nächstes Mal mitkommen. Ein paar Tage überlegte er nervös, wie es wohl wäre, nach so langer Zeit mit einem anderen Menschen ins Bett zu gehen. Er fuhr fünfzehn Meilen die Küste hoch, um Kondome zu kaufen, wo ihn niemand kannte. Nicht, dass er sich schämte oder dass es ihm peinlich gewesen wäre; es sollte nur niemand wissen oder erraten, was er vorhatte.

»Dies ist eine schöne Wohnung.«

»Tja, wenn ein Immobilienmakler keine anständige Wohnung für sich findet, wo kämen wir denn da hin?«

Sie hatte eine kleine Reisetasche mitgebracht; sie zog sich im Bad aus und kam im Nachthemd zurück. Sie gingen ins Bett, und er knipste das Licht aus. Er fand sie sehr verkrampft. Er fand sich auch sehr verkrampft.

»Wir können einfach nur kuscheln«, schlug er vor.

»Was ist kuscheln?«

Er zeigte es ihr.

»Dann kuscheln ist nicht ficken?«

»Nein, kuscheln ist nicht ficken.«

»Okay, kuscheln.«

Danach entspannten sie sich, und sie schlief bald ein.

Beim nächsten Mal nahm er, nachdem sie sich ein bisschen geküsst hatten, den glitschigen Kampf mit dem Kondom wieder auf. Er wusste, dass er es abrollen musste, aber dann versuchte er doch, es wie eine Socke überzustreifen, und zupfte planlos am Rand herum. Dass er das im Dunkeln versuchte, machte die Sache nicht besser. Aber sie sagte nichts und hüstelte auch nicht entmutigend, und schließlich drehte er sich zu ihr um. Sie schob das Nachthemd hoch, und er stieg auf sie drauf. Innerlich war er halb von Begierde und Ficken beherrscht und halb leer, als wüsste er nicht, wo das hinführen sollte. Bei diesem ersten Mal dachte er nicht sehr viel an sie. Es ging darum, für sich selbst zu sorgen. Um andere konnte man sich später kümmern.

»War das okay?«, fragte er nach einer Weile.

»Ja, war okay.«

Vernon lachte im Dunkeln.

»Du lachst mich aus? War nicht okay für dich?«

»Andrea«, sagte er, »alles ist okay. Niemand lacht dich aus. Ich lass es nicht zu, dass dich jemand auslacht.« Als sie schlief, dachte er: Wir fangen neu an, alle beide. Ich weiß nicht, was sie früher erlebt hat, aber vielleicht fangen wir beide von einem ähnlichen Tiefpunkt neu an, und das ist okay. Alles ist okay.

Das nächste Mal war sie entspannter und umklammerte ihn heftig mit den Beinen. Er war sich nicht sicher, ob sie gekommen war.

»Meine Güte, bist du stark«, sagte er hinterher.

»Ist stark schlecht?«

»Nein, nein. Überhaupt nicht. Stark ist gut.«

Aber beim Mal darauf fiel ihm auf, dass sie ihn nicht so heftig umklammerte. Sie mochte es auch nicht besonders, wenn er mit ihren Brüsten spielte. Nein, das war so nicht ganz fair. Es schien ihr egal zu sein, ob er das tat oder nicht. Besser gesagt, wenn er das wollte, war es ihr recht, aber es war zu seinem Vergnügen, nicht zu ihrem. Wenigstens verstand er es so. Und wer sagte denn, dass man gleich in der ersten Woche über alles reden musste?

 

Er war froh, dass sie beide nicht gut flirten konnten: Flirten war eine Art Betrug. Andrea dagegen war immer ehrlich zu ihm. Sie redete nicht viel, aber sie stand zu ihrem Wort. Sie traf sich mit ihm, wann und wo er wollte, und dann stand sie da, wartete auf ihn, wischte sich eine Haarsträhne aus den Augen, hielt ihre Tasche fester im Griff, als es in dieser Stadt nötig war.

»Du bist so zuverlässig wie ein polnischer Bauarbeiter«, sagte er einmal zu ihr.

»Ist das gut?«

»Das ist sehr gut.«

»Ist eine englische Redensart?«

»Jetzt ja.«

Sie bat ihn, ihr Englisch zu korrigieren, wenn sie einen Fehler machte. Er brachte sie dazu, »Ich glaube nicht« zu sagen, statt »Ich nicht denke«; aber eigentlich mochte er ihre Art zu reden lieber. Er verstand sie immer, und die Ausdrücke, die nicht ganz richtig waren, schienen zu ihr zu gehören. Vielleicht wollte er nicht, dass sie wie eine Engländerin redete, damit sie sich ja nicht wie eine Engländerin benahm – genauer gesagt, wie eine bestimmte Engländerin. Und überhaupt, er wollte nicht den Lehrer spielen.

Im Bett war es das Gleiche. Es ist, wie es ist, sagte er sich. Wenn sie immer ein Nachthemd trug, dann war das vielleicht eine katholische Sitte – auch wenn sie nie davon gesprochen hatte, dass sie in die Kirche ging. Wenn er wollte, dass sie etwas Bestimmtes mit ihm machte, dann tat sie das und hatte offenbar auch Spaß daran; aber sie wollte nie, dass er etwas Bestimmtes mit ihr machte – anscheinend hatte sie nicht mal seine Hand gerne da unten. Aber das störte ihn nicht; sie durfte so sein, wie sie war.

 

Sie bat ihn nie herein. Wenn er sie nach Hause brachte, war sie schon auf dem betonierten Weg, bevor er die Handbremse angezogen hatte; wenn er sie abholte, stand sie bereits draußen und wartete. Zuerst war das in Ordnung, dann kam es ihm etwas seltsam vor, darum fragte er, ob er mal sehen könne, wo sie wohne, nur für einen kurzen Moment, damit er sich vorstellen könne, wo sie sei, wenn sie nicht mit ihm zusammen sei. Sie gingen ins Haus zurück – ein Doppelhaus aus den 1930er-Jahren, Rauputz, mehrere Mietparteien, stark verrostete Fensterrahmen aus Metall –, und sie machte die Tür auf. Sein professioneller Blick erfasste die Abmessungen, das Mobiliar und die mutmaßliche Miete; sein verliebter Blick erfasste einen kleinen Frisiertisch mit Fotos in Plastikrahmen und einem Bild der Jungfrau Maria. Es gab ein Einzelbett, ein winziges Waschbecken, eine schrottreife Mikrowelle, einen kleinen Fernseher und Kleider auf Bügeln, die unsicher an der Bilderleiste festgemacht waren. Vernon war ein bisschen gerührt, als er in der kurzen Minute, bevor sie wieder hinausgingen, ihr Leben so vor sich ausgebreitet sah. Um diese plötzliche Gefühlsanwandlung zu überspielen, sagte er:

»Dafür solltest du höchstens fünfundfünfzig zahlen. Ohne Nebenkosten. Ich könnte dir für denselben Preis was Größeres besorgen.«

»Ist okay.«

Da es jetzt Frühling war, machten sie mit dem Auto Ausflüge nach Suffolk und schauten sich typisch Englisches an: Fachwerkhäuser ohne Feuchtigkeitsisolierung, reetgedeckte Dächer, durch die man in eine höhere Versicherungsklasse kam. Sie hielten an einem Dorfanger, und er setzte sich auf eine Bank mit Blick auf einen Teich, aber das mochte sie nicht, darum schauten sie stattdessen zur Kirche. Er hoffte, sie würde ihn nicht nach dem Unterschied zwischen Anglikanern und Katholiken fragen oder nach geschichtlichen Hintergründen. Irgendwas mit Heinrich dem Achten, der wieder heiraten wollte. Dem königlichen Schwanz. Bei genauer Betrachtung lief alles Mögliche auf Sex hinaus. Aber zum Glück fragte sie nicht.

Sie hakte sich nun schon bei ihm unter und lächelte leichter. Er gab ihr einen Schlüssel zu seiner Wohnung; zögerlich ließ sie Übernachtungszeug da. Einmal griff er an einem Sonntag in die Nachttischschublade und stellte fest, dass er keine Kondome mehr hatte. Er fluchte und musste sich erklären.

»Ist okay.«

»Nein, Andrea, ist nicht okay, verdammt. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass du schwanger wirst.«

»Ich glaube nicht. Nicht schwanger werden. Ist okay.«

Er vertraute ihr. Später, als sie schon schlief, überlegte er, was genau sie wohl gemeint hatte. Dass sie keine Kinder bekommen konnte? Oder dass sie selbst etwas nahm, als doppelte Absicherung? Wenn ja, was würde die Jungfrau Maria wohl dazu sagen? Hoffentlich verlässt sie sich nicht auf Knaus-Ogino, dachte er plötzlich. Diese Methode versagt garantiert, und der Papst kann glücklich und zufrieden sein.

Die Zeit verging; Andrea lernte Gary und Melanie kennen; die Kinder mochten sie. Sie sagte ihnen nicht, was sie tun sollten; die Kinder sagten ihr, was sie tun sollte, und sie ließ es sich gefallen. Sie stellten ihr auch Fragen, für die er immer zu feige oder zu faul gewesen war.

»Andrea, bist du verheiratet?«

»Dürfen wir so lange Fernsehen gucken, wie wir wollen?«

»Warst du mal verheiratet?«

»Wenn ich drei davon esse, wird mir dann schlecht?«

»Warum bist du nicht verheiratet?«

»Wie alt bist du?«

»Für welche Mannschaft bist du?«

»Hast du Kinder?«

»Willst du Dad heiraten?«

Er erfuhr die Antworten auf einige dieser Fragen – wie jede vernünftige Frau verriet sie ihr Alter nicht. Eines Abends, nachdem er die Kinder zurückgebracht hatte und dann wie immer zu aufgewühlt war für Sex, fragte er im Dunkeln: »Glaubst du, du könntest mich lieben?«

»Ja, ich glaube, ich würde dich lieben.«

»Heißt das würde oder könnte?«

»Was ist der Unterschied?«

Er überlegte kurz. »Es gibt keinen Unterschied. Ich nehm das eine oder das andere. Ich nehm beides. Ich nehme, was du zu geben hast.«

 

Er wusste nicht, warum das dann anfing. Weil er sich allmählich in sie verliebte, oder weil er es eigentlich nicht wollte? Oder weil er es wollte, aber Angst davor hatte? Oder lag es daran, dass er im tiefsten Innern den Drang hatte, alles zu vermasseln? Das hatte seine Frau – Exfrau – eines Morgens beim Frühstück zu ihm gesagt. »Sieh mal, Vernon, ich hasse dich nicht, wirklich nicht. Ich kann nur nicht mit dir zusammenleben, weil du immer alles vermasseln musst.« Diese Erklärung kam anscheinend aus heiterem Himmel. Sicher, er schnarchte ein bisschen und ließ seine Kleider überall herumliegen und schaute die übliche Dosis Sport im Fernsehen. Aber er kam pünktlich nach Hause, liebte seine Kinder, stellte keinen anderen Frauen nach. Für manche Leute hieß das, alles zu vermasseln.

»Darf ich dich was fragen?«

»Klar doch.«

»Nein, ›klar doch‹ ist amerikanisch. Auf Englisch sagt man ›ja‹.«

Sie sah ihn an, als wollte sie sagen: Warum korrigierst du jetzt mein Englisch?

»Ja«, wiederholte sie.

»Als ich kein Kondom hatte und du gesagt hast, das ist okay – hast du da gemeint, es war damals okay oder es ist immer okay?«

»Immer okay.«

»Verdammt, weißt du, was so eine Zwölferpackung kostet?«

Jetzt hatte er das Falsche gesagt, das sah er selbst. Mein Gott, vielleicht hatte sie eine furchtbare Abtreibung gehabt oder war vergewaltigt worden oder sonst was.

»Du kannst also keine Kinder kriegen?«

»Nein. Du hasst mich?«

»Herrgott, Andrea.« Er nahm ihre Hand. »Ich hab schon zwei Kinder. Die Frage ist nur – ist das für dich okay?«

Sie schlug die Augen nieder. »Nein. Ist für mich nicht okay. Es macht mich sehr unglücklich.«

»Tja, wir könnten ... ich weiß auch nicht, zu einem Arzt gehen. Zu einem Spezialisten.« Er nahm an, dass die Spezialisten hier mehr Ahnung hätten.

»Nein, kein Spezialist. KEIN SPEZIALIST.«

»Na schön, kein Spezialist.« Er dachte: Adoptieren? Aber kann ich mir noch eins leisten, bei meinen Ausgaben?

Er kaufte keine Kondome mehr. Dafür stellte er Fragen, so taktvoll er konnte. Aber mit dem Takt war es wie mit dem Flirten: Entweder man hatte eine Begabung dafür oder eben nicht. Nein, das stimmte so nicht. Es war einfach leichter, taktvoll zu sein, wenn es einem egal war, ob man Bescheid wusste oder nicht; wenn es einem nicht egal war, wurde es schwieriger.

»Warum stellst du jetzt diese Fragen?«

»Tu ich das?«

»Ja, ich glaube.«

»Tut mir leid.«

Aber vor allem tat ihm leid, dass sie es gemerkt hatte. Und dass er nicht aufhören wollte. Nicht aufhören konnte. Als sie sich kennengelernt hatten, hatte es ihm gefallen, dass er nichts von ihr wusste; dadurch war alles anders, frischer. Dann hatte sie nach und nach etwas von ihm erfahren, während er von ihr nichts erfahren hatte. Warum konnte das nicht so bleiben? Weil du immer alles vermasseln musst, flüsterte seine Frau, Exfrau. Nein, das ließ er nicht auf sich sitzen. Wenn man sich verliebt, will man alles wissen. Ob gut, schlecht oder neutral. Nicht, dass man nach etwas Schlechtem sucht. Das ist doch der Sinn des Ganzen, wenn man sich verliebt, sagte sich Vernon. Oder daran denkt, sich zu verlieben. Auf jeden Fall war Andrea ein netter Mensch, dessen war er sich sicher. Warum sollte er also über einen netten Menschen nicht etwas hinter dessen Rücken herausfinden?

 

Im Right Plaice kannten ihn alle: die Geschäftsführerin Mrs Ridgewell, Jill, die andere Kellnerin, und der alte Herbert, dem das Restaurant gehörte, der aber nur hereinschaute, wenn er Lust auf einen Gratishappen hatte. Vernon wählte einen Moment, wo der Mittagsbetrieb einsetzte, und ging an der Theke vorbei zu den Toiletten. Der Raum – eigentlich nicht mehr als ein Wandschrank –, in dem die Angestellten ihre Mäntel und Taschen ließen, lag direkt gegenüber der Herrentoilette. Vernon ging hinein, suchte Andreas Tasche, nahm ihre Schlüssel heraus und wedelte beim Herauskommen mit den Händen, als wollte er sagen: Dieser ratternde alte Händetrockner bringt’s eben nicht mehr.

Er zwinkerte Andrea zu, ging in den Laden für Haushaltswaren, beklagte sich über Kunden, die nur einen einzigen Satz Schlüssel besaßen, machte einen kleinen Spaziergang, holte die neuen Schlüssel ab, ging ins Right Plaice zurück, legte sich einen Spruch über das kühle Wetter zurecht, das seiner Blase zu schaffen machte, brauchte ihn gar nicht anzubringen, legte ihre Schlüssel zurück und bestellte sich einen Cappuccino.

Das erste Mal ging er an einem nieseligen Nachmittag hin, an dem sich niemand die anderen Leute auf der Straße anschaute. Da geht also ein Mann im Regenmantel auf einem betonierten Weg zu einer Haustür mit mattierten Glasscheiben. Drinnen öffnet er eine weitere Tür, setzt sich auf ein Bett, steht plötzlich auf, streicht die Delle im Bett glatt, dreht sich um, sieht, dass die Mikrowelle in Wirklichkeit gar nicht schrottreif ist, schiebt die Hand unter das Kopfkissen, ertastet eins ihrer Nachthemden, sieht sich die an der Bilderleiste hängenden Kleider an, berührt ein Kleid, das sie noch nicht getragen hat, schaut absichtlich nicht zu den Bildern auf dem kleinen Frisiertisch, geht raus, schließt hinter sich ab. Ist doch nichts dabei, oder?

Beim zweiten Mal betrachtete er die Jungfrau Maria und das halbe Dutzend Bilder. Er fasste nichts an, hockte sich nur hin und schaute sich die Fotos in den Plastikrahmen an. Das ist bestimmt ihre Mama, dachte er beim Anblick der straffen Dauerwelle und der großen Brille. Und hier ist die kleine Andrea, ganz blond und ein bisschen pummelig. Und das da, ist das ein Bruder oder ihr Freund? Und da hat jemand Geburtstag, so viele Gesichter, dass man nicht weiß, wer wichtig ist und wer nicht. Er sah sich noch einmal die sechs- oder siebenjährige Andrea an – nur wenig älter als Melanie – und nahm das Bild im Kopf mit nach Hause.

Beim dritten Mal zog er vorsichtig die oberste Schublade auf; sie klemmte, und Andreas Mama kippte um. Da lag vor allem Unterwäsche, das meiste davon vertraut. Dann nahm er sich die unterste Schublade vor, weil da gewöhnlich die Geheimnisse aufbewahrt werden, und fand nur Pullover und ein paar Halstücher. Doch in der mittleren Schublade waren unter ein paar Hemden drei Gegenstände, die er in derselben Reihenfolge und sogar in demselben Abstand voneinander auf dem Bett ausbreitete, wie er sie vorgefunden hatte. Rechts eine Medaille, in der Mitte ein Foto in einem Metallrahmen, links ein Reisepass. Auf dem Foto waren vier Mädchen in einem Schwimmbecken, sie hatten die Arme umeinander gelegt, zwischen dem einen und dem anderen Paar lag eine Trennleine mit Korkschwimmern. Alle lächelten in die Kamera, und ihre weißen Gummikappen warfen Falten. Er erkannte Andrea sofort, die Zweite von links. Auf der Medaille war ein Schwimmer abgebildet, der in ein Becken sprang, und auf der Rückseite stand etwas auf Deutsch und ein Datum, 1986. Wie alt mochte sie damals gewesen sein – achtzehn, zwanzig? Der Pass brachte die Bestätigung: Geburtsjahr 1967, also war sie jetzt vierzig. Geboren war sie in Halle, demnach war sie Deutsche.

Und das war’s dann auch schon. Kein Tagebuch, keine Briefe, kein Vibrator. Keine Geheimnisse. Er war verliebt – nein, er dachte daran, sich zu verlieben – in eine Frau, die einmal eine Medaille im Schwimmen gewonnen hatte. Was war schon dabei, wenn er das wusste? Nicht, dass sie jetzt noch schwamm. Und nun fiel es ihm wieder ein, sie war ganz unruhig geworden, als Gary und Melanie sie am Strand ans Wasser gelockt und dann herumgespritzt hatten. Vielleicht wollte sie nicht daran erinnert werden. Oder es war etwas ganz anderes, ob man in einem Wettkampfbecken schwamm oder ein kurzes Bad im Meer nahm. Balletttänzer wollen ja auch nicht so tanzen wie alle anderen.

Als sie sich an dem Abend trafen, war er absichtlich aufgekratzt, sogar ein bisschen albern, aber sie merkte offenbar etwas, darum ließ er es bleiben. Nach einer Weile fühlte er sich wieder normal. Fast normal jedenfalls. Als er angefangen hatte, mit Mädchen auszugehen, hatte er festgestellt, dass er manchmal plötzlich dachte: Jetzt begreife ich überhaupt nichts mehr. Bei Karen, zum Beispiel: Alles lief gut, völlig zwanglos, sie hatten ihren Spaß, und auf einmal fragte sie: »Und wo soll das jetzt hinführen?« Als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: vor den Altar oder zu einem Reinfall. Ein andermal, bei einer anderen Frau, sagte man etwas, irgendwas ganz Normales, und – schwupps – stand einem das Wasser bis zum Hals.

Sie lagen im Bett, Andreas Nachthemd war um die Taille zu einer dicken Wurst hochgeschoben, er hatte sich inzwischen an das Gefühl an seinem Bauch gewöhnt und machte so ein bisschen rum, da bewegte sie die Beine und zerdrückte ihn fast damit, wie ein Nussknacker, dachte er.

»Mhm, große starke Schwimmerbeine«, murmelte er.

Sie sagte nichts dazu, aber er wusste, dass sie es gehört hatte. Er machte weiter, doch er merkte ihrem Körper an, dass sie nicht bei der Sache war. Hinterher lagen sie auf dem Rücken, und er sagte noch dies und das, aber sie ging auf nichts ein. Na schön, ich muss morgen zur Arbeit, dachte Vernon. Er schlief ein.

Als er am nächsten Abend ins Right Plaice kam und Andrea abholen wollte, sagte Mrs Ridgewell, sie habe sich krankgemeldet. Er wählte ihre Handynummer, aber sie ging nicht ran, darum schickte er ihr eine SMS. Dann ging er zu ihr nach Hause und klingelte. Er wartete ein paar Stunden, rief noch mal an, klingelte an ihrer Tür, dann schloss er auf.

Ihr Zimmer war ziemlich aufgeräumt und ziemlich leer. Keine Kleider an der Bilderleiste, keine Fotos auf dem kleinen Frisiertisch. Aus irgendeinem Grund machte er die Mikrowelle auf und schaute hinein; er sah nichts als die runde Platte. Auf dem Bett lagen zwei Umschläge, einer für den Vermieter mit Schlüsseln und Geld darin, soweit er das ertasten konnte, der andere für Mrs Ridgewell. Für ihn nichts.

Mrs Ridgewell fragte, ob sie Streit gehabt hätten. Nein, sagte er, sie hätten nie Streit gehabt.

»Sie war ein nettes Mädchen«, sagte die Geschäftsführerin. »Sehr zuverlässig.«

»Wie ein polnischer Bauarbeiter.«

»Hoffentlich haben Sie ihr das nicht gesagt. Es ist nicht nett, so etwas zu sagen. Und ich glaube, sie kam gar nicht aus Polen.«

»Nein, kam sie nicht.« Er schaute aufs Meer hinaus. »Uraaal«, sagte er unwillkürlich.

»Wie bitte?«

Man geht zum Bahnhof und zeigt dem Fahrkartenverkäufer ein Foto der vermissten Frau, und der erinnert sich an das Gesicht und sagt einem, wohin sie gefahren ist. So machten sie das im Film. Aber der nächste Bahnhof war zwölf Meilen weit weg, und da gab es keinen Fahrkartenschalter, nur einen Automaten, in den man Geld oder eine Plastikkarte steckte. Und er hatte nicht mal ein Bild von ihr. Sie hatten nie das gemacht, was andere Pärchen machen, sich zusammen in eine Kabine gezwängt, das Mädchen auf dem Schoß des Mannes, beide etwas bescheuert und unscharf. Wahrscheinlich waren sie dafür einfach schon zu alt.

Zu Hause googelte er Andrea Morgen und bekam 497.000 Ergebnisse. Dann verfeinerte er die Suche und verringerte die Ergebnisse auf 393. Ob er nach »Andrea Morgan« suchen wollte? Nein, er wollte nicht nach jemand anderem suchen. Die meisten Einträge waren auf Deutsch, und er scrollte sich hilflos hindurch. In der Schule hatte er keine Fremdsprachen gelernt und seither auch keine gebraucht. Dann hatte er eine Idee. Er schaute in einem Onlinewörterbuch nach und fand das deutsche Wort für Schwimmer. Es war nicht dasselbe Wort für einen Mann wie für eine Frau. Er tippte »Andrea Morgen« ein, »1967«, »Halle« und »Schwimmerin«.

Acht Einträge, alle auf Deutsch. Zwei stammten anscheinend aus Zeitungen, einer aus einem amtlichen Bericht. Es gab auch ein Bild von ihr. Das gleiche, das er in der Schublade gefunden hatte: Da war sie, die Zweite von links, die Arme um ihre Staffelkameradinnen geschlungen, große Falten in der weißen Badekappe. Er überlegte, dann klickte er auf »Diese Seite übersetzen«. Später fand er auch Links zu anderen Seiten, diesmal auf Englisch.

Wie hätte er das wissen sollen, fragte er sich. Das Wissenschaftliche verstand er kaum, und das Politische interessierte ihn nicht. Aber er verstand einiges, was ihn interessierte und von dem er später wünschte, er hätte es nie gelesen; und das veränderte schon jetzt, da er von seinem Fenstertisch im Right Plaice aufs Meer hinausschaute, seine Erinnerung an sie.

Halle lag im früheren Ostdeutschland. Es gab ein staatliches Rekrutierungssystem. Mädchen wurden schon mit elf Jahren ausgewählt. Vernon versuchte, sich das vermutliche Leben dieses pummeligen kleinen blonden Mädchens auszumalen. Ihre Eltern unterschrieben eine Einverständnis- und eine Geheimhaltungserklärung. Andrea wurde in die Kinder- und Jugendsportschule aufgenommen, dann in den Sportverein Dynamo in Ostberlin. Sie hatte Schulunterricht, aber vor allem Training – schwimmen, schwimmen und noch mal schwimmen. Es war eine große Ehre, beim Sportverein Dynamo zu sein: Deshalb musste sie ihr Zuhause verlassen. Man nahm ihr Blut aus dem Ohrläppchen ab, um ihre Fitness zu testen. Es gab rosa Pillen und blaue Pillen – Vitamine, sagte man ihr. Später gab es auch Spritzen – einfach noch mehr Vitamine. Dabei waren es anabole Steroide und Testosterone. Sich weigern war verboten. Das Trainingsmotto hieß »Pillen nehmen oder sterben«. Die Trainer sorgten dafür, dass sie die Pillen schluckte.

Sie starb nicht. Dafür passierten andere Dinge. Die Muskeln wuchsen, aber die Sehnen nicht, darum rissen die Sehnen. Es kam zu plötzlichen Akneausbrüchen, die Stimme wurde tiefer, die Gesichts- und Körperbehaarung nahm zu; manchmal wuchs das Schamhaar bis zum Bauch, sogar über den Nabel hinaus. Das Wachstum verzögerte sich, es gab Probleme mit der Fruchtbarkeit. Vernon musste Begriffe wie »Virilisierung« und »Klitorishypertrophie« nachschlagen und wünschte dann, er hätte es nicht getan. Herzkrankheiten, Leberschäden, missgebildete Kinder, blinde Kinder brauchte er nicht nachzuschlagen.

Die Mädchen wurden gedopt, weil es funktionierte. Ostdeutsche Schwimmer gewannen überall Medaillen, vor allem die Frauen. Nicht, dass Andrea es so weit gebracht hätte. Als die Berliner Mauer fiel und der Skandal ans Licht kam, als die Giftmischer – Trainer, Ärzte, Staatsbeamte – vor Gericht gestellt wurden, war von Andrea gar nicht die Rede. Trotz der Pillen war sie nicht in die Nationalmannschaft gekommen. Die anderen, die mit dem, was man ihrem Körper und ihrer Seele angetan hatte, an die Öffentlichkeit gingen, hatten wenigstens Goldmedaillen und ein paar Jahre des Ruhms vorzuweisen. Andrea hatte am Ende nichts als eine Staffelmedaille von irgendeinem längst vergessenen Wettkampf in einem Land, das es nicht mehr gab.

Vernon schaute hinaus auf den Betonstreifen und den Kiesstrand, auf das graue Meer und den grauen Himmel dahinter. Die Aussicht erweckte den Anschein, als wäre sie schon immer so gewesen, seit Leute an diesem Restaurantfenster saßen. Dabei hatte da einmal eine Reihe von Strandhütten gestanden und die Aussicht versperrt. Dann hatte sie jemand niedergebrannt.

Bei Phil & Joanna 1: 60/40

Es war in der Woche, als Hillary Clinton doch noch ihre Niederlage eingestand. Auf dem Tisch war ein Durcheinander von Flaschen und Gläsern; und obschon der Hunger gestillt war, bewirkte eine sanfte soziale Sucht, dass sich immer wieder Hände ausstreckten, um noch eine Traube zu schnappen, einen Brocken aus dem bröseligen Käsekliff herauszubrechen oder eine Praline aus der Schachtel zu klauben. Wir hatten über Obamas Chancen gegen McCain gesprochen und darüber, ob Hillary in den vergangenen Wochen Mut bewiesen oder sich nur etwas vorgemacht habe. Wir erörterten auch, inwiefern sich Labour noch von den Konservativen unterscheide, die Straßen von London sich für die Gelenkbusse eigneten, wie groß die Wahrscheinlichkeit eines Al-Qaida-Anschlags während der Olympiade von 2012 sei und wie der Treibhauseffekt sich auf den englischen Weinbau auswirken könnte. Joanna, die zu den letzten beiden Themen geschwiegen hatte, sagte jetzt mit einem Seufzer:

»Wisst ihr was, jetzt hätte ich wirklich Lust auf eine Zigarette.«

Alle schienen leise auszuatmen.

»Genau in Situationen wie dieser, nicht wahr?«

»Das Essen. Dieses Lamm, übrigens …«

»Danke. Sechs Stunden. So wird es am besten. Und Sternanis.«

»Dann der Wein …«

»Nicht zu vergessen die Gesprächspartner.«

»Als ich aufhören wollte, ging mir vor allem die Missbilligung auf den Zeiger. Du fragst, ob es jemandem was ausmacht, alle sagen ›Nein‹, aber du spürst, wie sie sich abwenden und möglichst nicht einatmen. Und dich entweder bemitleiden, was herablassend wirkt, oder dich geradezu hassen.«

»Und dann gab es nie einen Aschenbecher, sondern man hat das Haus auf den Kopf gestellt, bis man nach übertrieben langer Suche eine einsame Untertasse gefunden hatte.«

»Die nächste Stufe war dann: hinausgehen und sich zu Tode frieren.«

»Und wenn du sie dann in einem Blumentopf ausgedrückt hast, haben sie dich angeschaut, als hättest du einer Geranie Krebs angehängt.«

»Ich habe meine Kippen in der Handtasche nach Hause mitgenommen. In einer Plastiktüte.«

»Wie Hundescheiße. Wann hat das eigentlich angefangen? Etwa zur selben Zeit? Dass die Leute mit über die Hand gestülpten Plastiktüten rumspazieren und darauf warten, dass ihr Hund scheißt.«

»Ich stelle mir immer vor, die muss doch warm sein. Dann fühlst du durch eine Plastiktüte warme Hundescheiße.«

»Muss das sein, Dick?«

»Ich habe jedenfalls noch nie gesehen, dass einer gewartet hätte, bis sie abkühlt. Du vielleicht?«

»Diese Pralinen, um das Thema zu wechseln. Warum entspricht das Bild auf der Verpackung nie dem, was innen drin ist?«

»Oder verhält es sich vielleicht umgekehrt?«

»Umgekehrt wird ein Schuh draus.«

»Die Bilder außen drauf sind nur eine Approximation. Wie auf einer kommunistischen Speisekarte. Eine Art Idealbild. Man muss sie als Metaphern betrachten.«

»Die Pralinen?«

»Nein, die Bilder.«

»Ich habe früher sehr gern Zigarren geraucht. Es musste keine ganze sein. Eine halbe reichte.«

»Die haben unterschiedliche Arten von Krebs verursacht, nicht wahr?«

»Wer? Was?«

»Zigaretten, Pfeifen, Zigarren. Bekam man von Pfeifen nicht Lippenkrebs?«

»Und von Zigarren?«

»Was besonders Vornehmes!«

»Was soll denn das sein, eine vornehme Form von Krebs? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?«

»Arschkrebs muss wohl das Hinterletzte sein.«

»Dick, also wirklich.«

»Hab ich was gesagt?«

»Herzkrebs – gibt es so was?«

»Nur metaphorisch, würde ich sagen.«

»George VI. – war das die Lunge?«

»Oder der Kehlkopf?«

»Wie auch immer, es war ein weiterer Beweis für seine Volksnähe, nicht wahr? Er ist ja auch während der Bombardierungen im Buckingham Palace geblieben und dann durchs zerstörte East End gegangen und hat den Leuten die Hand geschüttelt.«

»Und dass er eine gewöhnliche Form von Krebs bekommen hat, habe dazu gepasst, willst du das sagen?«

»Ich weiß auch nicht so recht, was ich sagen will.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Hände schütteln gegangen ist – als König.«

»So, mal was Ernsthaftes: Obama, McCain, Clinton – wer von den dreien hat zuletzt geraucht?«

»Bill oder Hillary?«

»Hillary natürlich.«

»Was Bill mit Zigarren veranstaltet hat, wissen wir ja.«

»Schon, aber hat er sie danach geraucht?«

»Oder in einem speziellen Humidor aufbewahrt, wie sie ja ihr Kleid aufbewahrt hat?«

»Er könnte sie versteigern lassen und so Hillarys Kampagnenschulden bezahlen.«

»McCain hat bestimmt geraucht, als er Kriegsgefangener war.«

»Obama hat sich bestimmt ein, zwei Joints reingezogen.«

»Ich möchte wetten, Hillary hat nie inhaliert.«

»An ihrem Rauchen sollt ihr sie erkennen.«

»Als Amerikaner vom Dienst hier möchte ich sagen: Obama war ein starker Raucher. Als er zu kandidieren beschloss, hat er sich auf Nicoretten verlegt. Er soll aber rückfällig geworden sein.«

»Sympathisch, der Mann.«

»Wenn jetzt einer von denen in dieser Beziehung sündigen und dabei fotografiert würde – würde das jemanden kümmern?«

»Kommt drauf an, welchen Grad und welche Spielart der Zerknirschung er an den Tag legt.«

»Wie Hugh Grant nach dem Blowjob in seinem Auto.«

»Die Dame hat auf jeden Fall inhaliert.«

»Dick, hör auf. Nehmt ihm die Flasche weg.«

»Grad und Spielart der Zerknirschung – schön gesagt.«

»Wobei Bush sich nie dafür entschuldigt hat, dass er mal eine Koksnase war.«

»Er hat damit auch niemand anderen gefährdet.«

»Hat er sehr wohl.«

»Was? Wie beim Passivrauchen? Also vom Passivkoksen habe ich noch nie gehört.«

»Es sei denn, der Kokser muss niesen.«

»Das hat auf andere also keine schädlichen Auswirkungen?«

»Na ja: Wenn du stundenlang jemandem zuhören musst, der von sich selbst besoffen vor sich hin labert …«

»Übrigens …«

»Ja?«

»Wenn Bush in seinem früheren Leben also ein Alki war, wie es heißt, und eine Koksnase, dann erklärt das einiges an seiner Präsidentschaft.«

»Du meinst von wegen Hirnschaden.«

»Nein, von wegen Absolutismus des geheilten Süchtigen.«

»Du hast heute vielleicht Formulierungen drauf.«

»Na ja, das ist schließlich mein Beruf.«

»Der Absolutismus des geheilten Süchtigen. Tja, Pech für die Leutchen in Bagdad.«

»Wenn ich euch recht verstehe, wollt ihr sagen: Es kommt drauf an, was jemand raucht.«

»Von Zigarren wurde ich jedenfalls ganz locker.«

»Von Zigaretten war ich manchmal so aufgeputscht, dass ich ein Kribbeln in den Beinen bekam.«

»Genau, daran kann ich mich auch erinnern.«

»Ich kannte einen, der hat den Wecker gestellt, damit er mitten in der Nacht noch eine rauchen konnte.«

»Wer war das, Schatz?«

»Vor deiner Zeit.«

»Das will ich verdammt noch mal hoffen.«

»Hat jemand gesehen, was über Macmillan in der Zeitung stand?«

»Den von der Krebshilfe?«

»Nein, den ehemaligen Premierminister. Als er Finanzminister war, 55, 56 um den Dreh rum. Da gab es eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs. ›Verfickt‹, dachte er, ›wo soll das Geld herkommen, wenn wir Fluppen verbieten müssen? Dann müssten wir die Einkommensteuer um 15 Prozent erhöhen.‹ Dann sah er sich die Zahlen an, ich meine die Sterblichkeitsraten. Lebenserwartung eines Rauchers: 73. Lebenserwartung eines Nichtrauchers: 74.«

»Stimmt das?«

»So stand’s in der Zeitung. Worauf Macmillan auf den Bericht schrieb: ›Finanzministerium hält Staatseinkünfte für wichtiger.‹«

»Ganz schön verlogen.«

»War Macmillan Raucher?«

»Pfeife und Zigaretten.«

»Ein Jahr. Ein Jahr Unterschied. Erstaunlich, wenn man es bedenkt.«

»Vielleicht sollten wir alle wieder anfangen. Bloß hier an diesem Tisch. Klammheimlicher Widerstand gegen eine Welt der politischen Korrektheit.«

»Warum soll man sich nicht zu Tode rauchen? Wenn man nur ein Jahr verliert.«

»Vergiss nicht, dass du entsetzliche Schmerzen und andere Beschwerden bekommst, bevor du dann mit 73 stirbst.«

»Reagan hat für Chesterfield geworben, nicht? Oder war es Lucky Strike?«

»Wo ist da der Zusammenhang?«

»Es muss doch einen geben.«

»Ganz schön verlogen.«

»Das hast du schon mal gesagt.«

»Stimmt aber. Deshalb sag ich es. Die Regierung sagt den Leuten, es sei schädlich für sie, und lebt derweil von den Steuern. Die Zigarettenhersteller wissen, dass es schädlich ist, und verkaufen das Zeug in der Dritten Welt, weil sie hier verklagt werden.«

»In den Entwicklungsländern, nicht der Dritten Welt. Das sagt man nicht mehr.«

»Den Krebsentwicklungsländern.«

»Und dann die Geschichte mit Humphrey Bogart. Könnt ihr euch erinnern? Die wollten eine Briefmarke mit ihm drauf machen, aber auf dem Foto hat er geraucht, und da haben sie das wegretuschiert. Sonst hätten die Leute ja die Marke aufkleben, Bogey rauchen sehen und plötzlich denken können: Was für eine gute Idee!«

»Die schaffen es bestimmt noch, die Raucherei aus den Filmen rauszuschneiden. So wie sie Schwarz-Weiß-Filme kolorisieren.«

»In meiner Jugend in Südafrika hat die Zensurbehörde jeden Film geschnitten, in dem Weiße und Schwarze normalen Kontakt miteinander hatten. Von Heiße Erde sind gerade mal vierundzwanzig Minuten übrig geblieben.«

»Ach, die meisten Filme sind eh zu lang.«

»Wusste gar nicht, dass du in Südafrika aufgewachsen bist.«

»Außerdem haben in den Kinos immer alle geraucht. Könnt ihr euch erinnern? Vor der Leinwand war eine Wand von Tabakdunst.«

»Aschenbecher in den Armlehnen.«

»Genau.«

»Aber was Bogey und die Raucherei betrifft … Manchmal, wenn ich mir einen alten Film anschaue, und da gibt es eine Szene in einem Nightclub mit einem Paar, das trinkt und raucht und coole Sprüche klopft, dann denke ich: ›Verdammt, das hat einfach Stil‹, und dann denke ich: ›Könnte ich jetzt gleich eine Zigarette und einen Drink haben?‹«

»Es hatte sehr wohl Stil.«

»Bis auf den Krebs.«

»Bis auf den Krebs.«

»Und die Verlogenheit?«

»Na ja, du darfst einfach nicht inhalieren.«

»Passivverlogenheit?«

»Das gibt es. Und wie.«

»Ist ›kolorisieren‹ eigentlich das richtige Wort?«

»Will noch jemand Kaffee?«

»Nur, wenn du eine Zigarette hast.«

»Das gehörte immer dazu, nicht wahr? Die Zigarette zum Kaffee.«

»Ich glaube nicht, dass wir welche im Haus haben. Jim hat das letzte Mal, als er hier war, Gauloises dagelassen, aber die waren so stark, dass wir sie weggeschmissen haben.«

»Und diese Freundin von dir hat Silk Cuts dagelassen, aber die sind zu schwach.«