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Neue Wege, alte Wunden und eine Menge Gefühle: Zwei Teens kämpfen sich durchs Chaos – und zueinander. Ava ist weg – und ausgerechnet mir hinterlässt sie diese seltsamen Nachrichten! Klar, wir waren mal eng. Aber das ist schon eine Weile her, das war, bevor alle sie nur Evil Ava nannten. Weil sie einfach genervt und mit niemandem geredet hat. Auch nicht mit mir. Seit Wochen nicht mehr. Und jetzt dieses Foto und die Sache mit dem Schulspind. Was, wenn ihr etwas passiert ist? Wenn sie meine Hilfe braucht? So schwer es auch ist: Ich muss ihren Zeichen folgen, ich muss alles loslassen und springen – in unsere Vergangenheit, zu meinen Gefühlen, zu ihrer Wahrheit. Und am Ende vielleicht … zu ihr. Spannend, lässig, überraschend - ein vielschichtiger Coming-of-Age-Roman.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Neue Wege, alte Wunden und eine Menge Gefühle: Zwei Teens kämpfen sich durchs Chaos – und zueinander.
Ava ist weg – und ausgerechnet mir hinterlässt sie diese seltsamen Nachrichten! Klar, wir waren mal eng. Aber das ist schon eine Weile her, das war, bevor alle sie nur Evil Ava nannten. Weil sie einfach genervt und mit niemandem geredet hat. Auch nicht mit mir. Seit Wochen nicht mehr. Und jetzt dieses Foto und die Sache mit dem Schulspind. Was, wenn ihr etwas passiert ist? Wenn sie meine Hilfe braucht? So schwer es auch ist: Ich muss ihren Zeichen folgen, ich muss alles loslassen und springen – in unsere Vergangenheit, zu meinen Gefühlen, zu ihrer Wahrheit. Und am Ende vielleicht … zu ihr.
Spannend, lässig, überraschend – ein vielschichtiger Coming-of-Age-Roman.
Buch lesen
Vita
Für Frida und Mateo
Ava fehlt jetzt schon den dritten Tag. Es ist nicht das erste Mal, dass sie abgehauen ist, darum macht sich auch keiner so richtig Gedanken um sie. Also, fast keiner. Irgendjemand hat eine Vermisstenanzeige mit einem unscharfen Foto von ihr an die Tür vom American Diner geklebt. Eine kurze Personenbeschreibung mit der Bitte, sich bei sachdienlichen Hinweisen zum Verschwinden von Ava Mardani bei der örtlichen Polizeidienststelle oder unter 110 zu melden. Das Foto muss im April aufgenommen worden sein, kurz nachdem sie sich die Haare abgeschnitten hat. Drei Millimeter – wir waren richtig geschockt, als sie so in die Klasse kam. Göbel hat gesagt, die sieht aus, als hätte sie Krebs.
In der Schule heißt es, Ava wäre per Anhalter Richtung Portugal unterwegs, um sich einer Gruppe von Aussteigern anzuschließen, die den ganzen Tag am Strand rumhängen und kiffen. Keine Ahnung, welcher Spaten das Gerücht in die Welt gesetzt hat. Jemand, der Ava nicht besonders gut kennt, so viel steht fest. Ich bin mir sicher, dass sie morgen oder übermorgen wiederauftaucht und so tut, als wäre nix gewesen.
Als sich Ava vor ein paar Wochen das erste Mal eine »Auszeit« genommen hatte, war die Aufregung groß. Ein paar Stunden lang war sie sogar die Headline auf bild.de: Wo ist Ava? Mädchen (17) auf dem Weg zur Schule verschwunden. Vor dem Rathaus hatten sich schon über hundert Freiwillige versammelt, die das Waldgebiet um den Schadower See absuchen wollten. Dann hat ihre Mutter die Nachricht gefunden, die Ava an die Kühlschranktür gepinnt hatte. Sie würde zu einer Freundin nach Hamburg trampen und spätestens am Wochenende zurückkommen. Noch am selben Abend haben sie Ava mit einem Pappschild mit der Aufschrift »HH« auf einer Autobahnraststätte aufgegriffen und nach Hause gebracht. Kein Wort hat sie zu ihrer Aktion gesagt, zu niemandem, und zu mir erst recht nicht. Da hatten wir schon längst Funkstille.
Es ist Freitagnachmittag, im Diner ist nicht viel los. Ich schaue durch das Panoramafenster auf den See. Zwei Ruderboote liefern sich ein Wettrennen und ziehen in kerzengeraden Bahnen über das Wasser. Weiter hinten erstreckt sich die alte Eisenbahnbrücke von Ufer zu Ufer, auf der anderen Seite ragen die Plattenbauten von Schadow Nord in den Himmel. In der Küche brutzeln Burger-Pattys auf dem Herd, auf dem Fernseher über der Tür laufen uralte Musikvideos, Shakira, 2Pac, Eminem und so was. Zur Mittagszeit kriegst du im Diner kaum einen Platz, weil dann alle aus der Oberstufe kommen, die keinen Bock auf das Mensaessen haben. Am Wochenende ist der Laden voll mit Badetouristen. Letztes Jahr haben sie den Schadower See zum zweitschönsten der Region gewählt und seitdem ist die Stadt ab Samstagmorgen komplett dicht.
»Der Doc hat die Klassenfotos geschickt«, sagt Jessi aufgeregt und setzt sich mir gegenüber.
»Echt? Ich hab noch nichts bekommen.«
»Guck mal in deine Mails.«
Jessi tippt auf ihrem Handy rum, wobei sie gekonnt ignoriert, dass die Leute am Nachbartisch schon seit einer Ewigkeit zahlen wollen. Als Bedienung ist Jessi eine Null. Der Job passt einfach nicht zu ihr. Andere zu bedienen passt nicht zu ihr. Allein ihr Outfit: Jessi legt superviel Wert auf ihr Äußeres, trägt immer teure Sachen, immer Make-up und Parfum, und wenn sie einen Zopf hat, bindet sie sich die Haare ständig neu, damit sie auch ja richtig sitzen. Sie mit der roten American Diner-Schürze und der albernen Schiffchenmütze auf dem Kopf zu sehen, ist wirklich komisch.
»Mann ey, ich kann sie nicht öffnen. Das WLAN funzt wieder nicht«, stöhnt sie und schiebt das Handy von sich. Sie wirft einen Blick zur Küche, wo ein Mann mit Halbglatze und fettfleckiger Schürze die Pattys wendet, beugt sich über den Tisch zu mir und flüstert: »Der Alte ist einfach zu geizig, einen neuen Vertrag zu machen …«
Die Tür öffnet sich und Jessis Schwester Esra kommt ins Diner. Für einen Moment übertönt ein Hupkonzert die Musik aus dem Fernseher, weil draußen ein BMW mit einem Sportboot auf dem Anhänger nicht um die scharfe Kurve am Ortseingang kommt und beide Fahrbahnen blockiert.
»Sis, da bist du ja.« Jessi springt auf und begrüßt sie mit Küsschen.
Wenn du die beiden nicht kennst, würdest du nie auf die Idee kommen, dass sie Zwillinge sind. Esra hat lange dunkelbraune Haare, ein schmales, feines Gesicht mit hohen Wangenknochen und eine sportliche Figur. Sie ist superehrgeizig bei allem und weiß genau, was sie will. Ich glaube, ein paar Leute verwechseln das mit Arroganz. Vor allem die Mädchen, die meisten Jungs stehen auf sie.
Jessi ist blond, ihr Gesicht ist runder und hat viele Sommersprossen. Sie ist nicht so megahübsch wie Esra, hat dafür aber die größere Klappe und wirft manchmal mit Schimpfwörtern um sich, die ihre Schwester im Leben nicht in den Mund nehmen würde.
Während Esra seit zwei Jahren mit ihrem Lennart zusammen ist, hat Jessi eine komplizierte On-off-Beziehung mit Göbel und zwischendurch immer mal andere Typen, mit denen sie es aber nie lang aushält.
»Habt ihr die Klassenfotos gesehen?«, sagt Esra. »Ich sehe echt peinlich aus.«
»Jaja, Sis, wer’s glaubt. Mann, ich krieg sie nicht runtergeladen …« Jessi verdreht die Augen, weil in der Küche hektisch geklingelt wird. »Sorry, ich muss weitermachen. Der Alte stresst rum.«
Im Fernsehen läuft jetzt ein Konzertausschnitt von Harry Styles. Die Ruderboote haben die hölzerne Badeplattform mit dem Sprungturm und der kleinen Wasserrutsche in der Mitte des Sees erreicht, umkreisen sie wie zwei Haie ihr Opfer und machen sich wieder auf den Rückweg zum Hafen. Gähnend nimmt Jessi einen Teller Chickenwings aus der Durchreiche entgegen und verschwindet damit im vorderen Teil des Diners.
Esra legt ihr Handy auf den Tisch und fährt mit dem Zeigefinger über das Display, wobei sie ihre Schneidezähne auf die Unterlippe presst und in regelmäßigen Abständen den Kopf schüttelt.
»Congrats«, sage ich.
Esra schaut auf. »Wie bitte?«
»Wegen Mathe, meine ich.«
»Ach so«, sagt Esra. »Das war doch nur Glück. Bei Vektorrechnung wäre ich blank gewesen.«
»Glück? Du bist doch immer die Beste in Mathe …«
Esra zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder ihrem Handy zu. »Ich bin froh, wenn ich irgendwie durchkomme.«
Das ist natürlich die maximale Untertreibung. Als der Doc den Notenspiegel an die Wand geworfen hat, war jedem klar, wer die einzige Eins hat. Esra ist in allen Fächern richtig gut, in wirklich allen, sogar in Kunst und in Sport, aber noch besser ist sie darin, es abzustreiten und runterzuspielen.
»Hast du dir die Fotos schon angeguckt?«, sagt sie. »Es gibt kein Bild, auf dem ich nicht total schräg aussehe.«
»Du spinnst«, sage ich, während sich die Fotos auf meinem Handy langsam öffnen. »Schau mich mal an. Wie ich gucke.«
»Wie ein Mutant«, sagt Esra augenzwinkernd.
Ich kann die Metallschrauben in meiner Wirbelsäule plötzlich deutlich spüren. Vier kalte, harte Fremdkörper, die sich tief in meinen Rücken bohren und mich daran erinnern, dass ich anders bin als die anderen. Die OP ist ewig her und ich kann mich längst wieder normal bewegen, aber für viele bin ich immer noch der Typ mit der Titanplatte im Rücken. Eigentlich war es eine Routineoperation. Schon ein ziemlicher Eingriff, aber in der Charité machen die so was am laufenden Band. Das geringe Risiko kannst du dir allerdings sonst wohin schieben, wenn es ausgerechnet bei dir Komplikationen gibt. Über fünf Monate war ich ausgeknockt und konnte nicht in die Schule gehen. Göbel nennt mich wegen der Titanplatte und der Narben manchmal Mutant, und ein paar Leute finden das witzig. Esra anscheinend auch. Ich tue so, als wäre ich tief getroffen, was gar nicht so einfach ist, weil ich tief getroffen bin, aber vortäuschen muss, ich würde es spielen.
Esra streicht mir über den Arm. »Babe, hallo? Das war doch nur ein Spaß.«
»Jaja …«
»Ach komm schon. I love you, das weißt du doch.«
I love you. Esra übertreibt es immer ein bisschen mit ihren Zuneigungsbekundungen, das ist so ihre Art, das macht sie bei allen, die sie mag. Ava findet das furchtbar. Die will sich doch nur einschleimen und beliebt machen, checkst du das nicht? Ava findet so ziemlich alles furchtbar, was die Zwillinge sagen oder tun.
»Bist du jetzt sauer?«
»Ich? Nein, Quatsch«, sage ich und scrolle durch die Klassenfotos. Sie wurden letzte Woche auf den Stufen vor dem Hauptgebäude der Schule aufgenommen. Bei einem durften wir komplett freidrehen, hochspringen, Grimassen schneiden, Arme in die Luft werfen und so weiter, wenn wir danach seriöse Fotos machen, das war der Deal.
Ich bleibe bei unserem Actionfoto hängen und vergrößere den Ausschnitt um Esra. Sie hat ihren Mund zu einer Schnute geformt und wirft dem Fotografen einen Kuss zu, wobei sie natürlich alles andere als peinlich oder komisch aussieht. Lennart und Göbel tun so, als würden sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen, Deniz streckt die Zunge raus und macht das Peace-Zeichen und Ava … ich glaube, ich sehe nicht richtig. Sie steht in der letzten Reihe ganz rechts, mit ein bisschen mehr Abstand zu den anderen, als nötig gewesen wäre. Ihre Haare trägt sie immer noch kurz, sie sind kaum mehr als ein dunkler Schatten auf ihrem Schädel, ihre Augen unter den dunklen Brauen sind starr und ausdruckslos, gucken direkt in die Kamera. Sie hält die Kante ihrer rechten Hand vertikal vor die Stirn, den Daumen angewinkelt, die Finger leicht gespreizt.
Ich schaue aus dem Fenster. Auf der Straße versucht der Wagen mit dem Anhänger immer noch um die Kurve zu kommen. Der Fahrer aus dem Auto dahinter ist ausgestiegen und hilft lautstark beim Rangieren.
»Ist was?«, fragt Esra.
In meinem Kopf spielt sich die Szene ab, wie Ava mir die Bedeutung des Zeichens erklärt. Wir waren beide ziemlich betrunken, saßen etwas abseits von den anderen in der Sandgrube, sie hatte ihren Hoodie an, die Kapuze überm Kopf, und ihre großen Augen haben im Schein des Lagerfeuers gefunkelt wie grüne Scherben im Sonnenlicht.
»Babe?«, sagt Esra und fuchtelt mit der flachen Hand vor meinem Gesicht rum. »Bist du noch da?«
Ich zögere kurz, dann schiebe ich ihr mein Handy zu. »Schau dir mal Ava an.«
Esras Gesichtszüge gefrieren auf der Stelle. »Wieso? Was ist mit ihr?«
»Das Zeichen. Die Hand vor der Stirn.«
»Ja, und?«
»Das ist das Taucherzeichen für Achtung, Hai.«
»Woher kennst du dich mit Taucherzeichen aus?«, sagt Esra kühl und gibt mir das Handy zurück. »Soweit ich weiß, gibts im Schadowsee keine Haie.«
Ich betrachte das Foto noch einmal genauer. »Es ist eine Warnung. Das Zeichen bedeutet, dass du vorsichtig sein sollst, dass irgendwas nicht stimmt.«
»Wie ich Ava kenne, heißt das bestimmt fuck you oder so. Die Frau ist doch komplett crazy.«
»Wer ist crazy, Sis?«
Jessi donnert einen Teller mit Süßkartoffelpommes zwischen uns, sodass die Hälfte davon auf dem Tisch landet. Sie nimmt die Mütze vom Kopf, wirft sie daneben und setzt sich zu Esra auf die Bank.
»Können wir zahlen?«, fragt einer der Jungs am Nachbartisch.
»Typ, siehst du nicht, dass ich gerade Pause habe?«, motzt Jessi ihn an und streicht sich die Haare glatt.
Der Junge, Sportbrille, SGS-Schulshirt und höchstens achte Klasse, kriegt einen roten Kopf.
Zufrieden grinst Jessi uns an. »Also, wer ist crazy? Kommt schon, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.«
»Wir reden über Ava«, sagt Esra mit einem verächtlichen Ton und schiebt den Teller von sich.
»Evil Ava? Was wollt ihr mit der Psycho-Kuh?«
Jessis runde Wangen glühen, wie immer, wenn sie sich aufregt, und im Prinzip regt sie sich den ganzen Tag über irgendwen oder irgendwas auf. Der Junge mit dem Schulshirt wirft ihr einen verzweifelten Blick zu, den sie mit einem Schulterzucken quittiert. »Ich hoffe, sie schafft es bis nach Portugal und bleibt für immer auf einem Drogentrip hängen.«
»Ach, komm schon, das ist echt fies«, sage ich.
Jessi schnalzt mit der Zunge. »Also, dass du die immer noch in Schutz nimmst … Ich hab sie vom ersten Moment an nicht leiden können. Läuft uns vor den Roller und zeigt uns den Mittelfinger, statt sich zu entschuldigen. Die Frau ist so assi. Ich meine, ich musste eine Vollbremsung hinlegen, sonst hätten wir sie umgefahren. Das war echt knapp. Und wenn hinter uns ein Auto gewesen wäre …«
Esra verschränkt die Arme. »Lasst uns mal über was anderes reden, sonst krieg ich schlechte Laune. Was macht Göbel, Sis?«
Jessi stöhnt theatralisch auf. »Oh mein Gott. Der bombardiert mich mal wieder mit Nachrichten. Zwanzig Stück, allein nach dem Mittagessen. Der kapierts einfach nicht.«
»Ich finds irgendwie süß, dass er dich nicht aufgibt.«
»Süß? Sis, das nervt. Ich gebs ja zu, wir hatten Spaß zusammen, aber jetzt ist echt mal gut …«
Während sich die Zwillinge über Göbel unterhalten, wandern meine Gedanken wieder zu Ava. Es war dumm von mir, Esra auf sie anzusprechen. War doch klar, dass sie allergisch reagiert, ihre Schwester und sie hassen Ava. Mit dem Beinahe-Unfall letzten August hat es angefangen und danach ist es mit jedem Tag schlimmer geworden.
Ich schiebe mir eine Pommes in den Mund und schaue auf die Uhr, die neben der leuchtenden Texaco-Reklame über dem Eingang hängt. »Ich glaube, ich mache mich auf den Weg.«
»Wieso?«, sagt Esra. »Die Sitzung geht doch erst in einer Stunde los.«
»Was für eine Sitzung?«, fragt Jessi.
»SV«, sagt Esra.
Jessi winkt ab. »Ach so. Für so was hätte ich ja ü-ber-haupt keine Zeit. Vor allem, seit unsere Eltern uns zwingen, diesen Scheißjob zu machen.« Wieder guckt sie über ihre Schulter zur Küche und senkt die Stimme. »Glotzt dir der Alte auch immer auf den Arsch, Sis? Der denkt, ich würde das nicht merken, aber ich bin ja nicht blöd. Achte morgen mal drauf.«
Esra seufzt und vergräbt ihr Gesicht in den Händen. »Oh nein, ich hab ja morgen Schicht. Ausgerechnet nach der Party. Lennart killt mich, wenn ich nicht mit aufräumen helfe.«
»Ich fahre schon mal in die Schule. Muss noch was erledigen«, sage ich und lege einen Fünf-Euro-Schein auf den Tisch. »Wir sehen uns später.«
Draußen riecht es nach Sommer und Badestrand. Der Typ mit dem Anhänger hat die Kurve gekriegt, die Straße ist wieder frei. Eine Möwe kreist lauernd über dem Parkplatz und wartet auf unvorsichtige Touristen, die mit einer Pommes to go aus dem Diner kommen.
Es passiert nicht oft, dass ich auf die Gelegenheit verzichte, mit den Zwillingen Zeit zu verbringen, aber Avas Zeichen auf dem Klassenfoto geht mir nicht aus dem Kopf. Ich muss es mir gleich noch mal in Ruhe ansehen. Wollte Ava uns damit was sagen? Dass sie in Gefahr ist, vielleicht? Dass sie in Schwierigkeiten steckt? Die Fotos sind Dienstag früh geschossen worden, seit Dienstagabend ist Ava verschwunden, das kann kein Zufall sein, das muss doch irgendwie zusammenhängen. Aber wie? Wahrscheinlich mache ich mich mal wieder unnötig verrückt. Am Ende hat Esra recht und das Ganze bedeutet was völlig anderes, bei Ava weißt du nie. Bestimmt ist sie morgen zurück und wir kriegen wieder nur den Blick von ihr, wenn wir fragen, wo sie war.
Ich setze meine Kopfhörer auf und wähle eine Playlist aus. Dann schiebe ich mein Rad an Jessis Scooter vorbei, den sie mitten auf der Trennlinie von zwei Parkplätzen abgestellt hat, und lasse mich den Abhang zur Stadt runterrollen. Hinter dem »Willkommen im Seeparadies Schadow«-Schild biege ich links ab und passiere das mit frischen Blumen geschmückte Holzkreuz am Straßenrand, vor dem ein rotes Grablicht brennt. Es ist die Stelle, an der Steini überfahren wurde. Im August sind es zwei Jahre, dass es ihn nachts auf dem Rückweg von einer Strandparty erwischt hat. Steini hatte seine AirPods drin und war wohl auch ziemlich besoffen, jedenfalls hat er das Auto nicht gehört, das viel zu schnell um die Kurve kam. Auf dem Kreuz stehen nicht nur Name, Geburts- und Todesdatum, sondern auch der Hashtag, unter dem du Fotos von ihm auf Instagram anschauen oder hochladen kannst: #neverforgetsteini. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeifahre, läuft es mir kalt den Rücken runter. Das muss man sich mal vorstellen. Eben warst du noch am Feiern, das Leben war gut und dann, zack, von einer auf die nächste Sekunde, ist alles vorbei. Ich halte an, schalte die Musik aus und lehne mein Rad an einen Laternenmast. Dann schaue ich mir das Klassenfoto noch einmal an. Ich bin ja sonst nicht besonders ängstlich, hat Ava in der Sandgrube gesagt und ihre Arme um die Knie geschlungen, aber vor Haien hab ich echt Respekt. Seit drei Tagen ist sie spurlos verschwunden. Hoffentlich ist ihr nichts Schlimmes passiert. Nein, noch ein toter Teenager innerhalb so kurzer Zeit, in der derselben Stadt, das kann nicht sein.
Das darf nicht sein.
Es begann mit einem Strahl gelbgrüner Kotze. Adrian war schon im Auto schlecht, und gleich nach der Ankunft auf dem Campingplatz hing er über der Kloschüssel und kübelte, was das Zeug hielt. Vielleicht war das Fischbrötchen verdorben, das er an der Raststätte gekauft hatte, vielleicht war es eine Magen-Darm-Geschichte, Happy hatte jedenfalls wenig Mitleid. Es war wieder mal typisch. Wenn etwas passierte, erwischte es immer ihn, das war wie ein Naturgesetz, wie Murphy’s Law mit Adrian in der Hauptrolle. Letzten Monat war er im Sportunterricht mit Elias zusammengeknallt. Elias hatte sich den Hinterkopf gerieben, war aufgestanden und hatte weitergespielt. Adrian musste vom Platz getragen werden und kam mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ins Krankenhaus.
Einige von Happys Freundinnen fanden Adrian süß, das wusste sie, allerdings nicht im Sinne von Boyfriend-Material, sondern eher wie einen kleinen Bruder oder einen Hundewelpen oder so. Happy fand ihn langweilig. Sie redeten nie miteinander, obwohl sie in dieselbe Klasse gingen. In den Pausen hing er immer mit Linus rum und spielte Karten, während Happy sich mit ihrem Skateboard an der Halfpipe auf dem Schulhof ausprobierte oder mit Selina in die K-fete ging. Überhaupt redete Adrian nicht viel. Und wenn er den Mund aufmachte, verstand man ihn kaum, weil er so leise sprach und auch mit sechzehn noch ein bisschen im Stimmbruch war. Adrian lebte einfach in einem anderen Film, in dem zwar die gleichen Leute und Orte vorkamen wie in ihrem, der aber einen komplett anderen Plot hatte.
An manchen Tagen konnte Happy nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob er in der Schule gewesen war oder nicht. Das wäre wahrscheinlich auch so geblieben, wären ihre Eltern nicht auf die absurde Idee gekommen, mit Adrians Familie in den Urlaub zu fahren.
Happy gähnte. Sie legte den Stift aus der Hand, rückte den Campingtisch ein Stück in den Schatten und betrachtete ihr Werk: Auf der Flucht vor Vomit Man, ein Comic über ein Skatergirl mit Zöpfen, das von einem kotzenden grünen Monster verfolgt wird. Zeichnen war nicht gerade ihre Stärke, aber sie liebte es, Geschichten zu erfinden. Dafür hatte sie den Vomit Man erstaunlich gut hingekriegt, fand sie und malte ihm drei abstehende Haare auf den Hinterkopf.
Adrian lag in der Hängematte, die sie zwischen den beiden Kiefern neben ihren Zelten aufgespannt hatten, und regte sich nicht. Es war ziemlich warm, knapp fünfundzwanzig Grad, und das um zehn Uhr morgens. Happy sehnte sich nach dem Meer und seufzte laut. Sie musste erst den Vormittag hinter sich bringen, bevor sie an den Strand durfte, das war die Abmachung. Adrian sollte sich auf dem Zeltplatz erholen, statt sich der prallen Sonne auszusetzen, und Mo hatte sie gebeten, ihm Gesellschaft zu leisten. Warum Adrian nicht allein bleiben konnte, kapierte sie zwar nicht, aber um ihrem Vater die Laune nicht noch mehr zu verderben, hatte sie eingewilligt.
Als sie am Vortag auf der Insel angekommen waren, hatte Mo sich an den Strand gesetzt, ein Dosenbier aufgemacht und war bester Dinge gewesen. Sonne, Urlaub, Meer, was gibt es Besseres, hatte er gesagt und über das ganze Gesicht gestrahlt. Aber schon als er anfing, die Zelte aufzubauen, hatte sein Stimmungsbarometer zu sinken begonnen. Er fluchte über die »Konstruktionsfehler« und motzte ständig an Laura rum, weil sie ihm entweder im Weg stand oder sich ungeschickt anstellte. Und dann war seinem Air Bed mitten in der Nacht die Luft ausgegangen. Er hatte es zweimal wieder aufgepumpt, aber es half nichts, es musste ein Loch haben, also hatte er auf der Rückbank ihres Volvos geschlafen und klagte seitdem über Rückenschmerzen.
Die Hängematte ruckelte. Adrian fuhr sich durch sein dichtes, braunes Haar, das am Hinterkopf abstand wie eine Antenne, schälte sich aus der Hängematte und strich sich das verkrumpelte World of Tanks-Shirt glatt. Er trug karierte Cargohosen, die ihm knapp über die Knie reichten, und ausgelatschte Sneakers, deren Schnürsenkel immer über den Boden schleiften, weil er sie nie band. Happy schob den Vomit Man unter ihren Zeichenblock und tat so, als wäre sie in ihr Buch vertieft. Adrian setzte sich zu ihr an den Tisch, schraubte wortlos den Verschluss der Sonnenmilch ab und begann sich das Gesicht einzucremen.
Seine Schwester Noema und Happys Schwester Carla waren seit Neustem best friends. Sie wären bestimmt eine gute Truppe, hatten ihre Eltern gesagt, als es um den Sommerurlaub ging, Happy würde sich doch auch gut mit Adrian verstehen. Wow, hatte Happy gedacht, einfach nur wow. Wie schlecht konnte man seine Tochter kennen? Von wegen gut verstehen. Adrian hatte nur Gaming und Fantasy-Spiele im Kopf und damit konnte sie gar nichts anfangen. Auf keinen Fall würde sie mit dem in den Urlaub fahren, und erst recht nicht zehn Tage lang, das konnten sich ihre Eltern abschminken. Da blieb sie lieber zu Hause und verbrachte die Ferien am See oder im Skatepark.
Happy zuckte zusammen. Finn und Tomek kamen an ihrem Zeltplatz vorbei. Nur in Badeshorts, mit Surfbrettern unter den Armen, Oberkörper wie aus dem Katalog. Finn winkte ihr zu und Happys Herz schlug schneller. Mit knallroten Wangen winkte sie zurück. Auch Adrian winkte. Er hatte eine dicke, weiße Cremeschicht im Gesicht und sah damit unfassbar peinlich aus. Happy rückte ein Stück von ihm weg. Wenn du neben einem Nerd sitzt, siehst du selber aus wie einer, dachte sie und blickte den beiden hinterher. Noch zwei Stunden musste sie durchhalten, bevor sie den Brüdern zum Strand folgen konnte. Zwei unendlich lange Stunden. Das war ein kompletter Kinofilm, länger als eine Doppelstunde Mathe, wie sollte sie die Zeit bloß rumkriegen? Zum Lesen war sie jetzt viel zu aufgeregt und Screentime gab es erst nach dem Abendessen, bis dahin hielten Laura und Mo ihr Handy unter Verschluss. Happy blickte in den Himmel, als wäre die Antwort in den Wolken zu finden, die träge über die Insel zogen. Hoffentlich fing es nicht an zu regnen.
»Sollen wir uns mal umsehen?«, sagte Adrian, während er den Schraubverschluss der Sonnencreme inspizierte.
Es spricht, dachte Happy und widerstand dem Drang, ihm zu entgegnen, dass es auf dem Campingplatz außer Zelten und Wohnmobilen nichts, aber auch absolut gar nichts zu sehen gäbe. Am Ende war alles besser, als zwei Stunden lang auf die Uhr zu glotzen und zu warten, dass die Zeit verging – sogar sich mit Vomit Man die Beine zu vertreten. Außerdem würde es Mos Laune aufhellen, wenn sie sich mit Adrian abgab, und ein zufriedener Vater war ein entspannter Vater.
»Von mir aus«, sagte sie und ließ den Zeichenblock in ihrem Rucksack verschwinden.
Sie beschlossen, nach der Beach Bar zu suchen, die sie auf der Hinfahrt zwischen Bäumen versteckt an der Küstenstraße gesehen hatten. Missmutig stellte Happy fest, dass sich immer mehr Wolken über dem Meer zusammenzogen. Es gab zwei Gründe, warum sie doch mit auf die Insel gekommen war: der eine war Finn, der andere Tomek. Auf Finn hatte Happy nämlich schon vor einer Weile ein Auge geworfen, aber wenn sie ehrlich zu sich war, würde sie auch mit dem jüngeren Tomek vorliebnehmen, sollte Finn nicht available sein. Laura hatte bei einem Abendessen ganz nebenbei fallen lassen, dass die Benning-Brüder zur selben Zeit auf die Insel fahren würden wie sie. Happy hätte sich beinahe verschluckt. Hatte ihre Mutter gewusst, dass sie sie damit kriegen würde?
»Kannst du Yalda?«, krächzte Adrian und riss sie aus ihren Gedanken.
Happy schüttelte den Kopf. Yalda war ein Fantasy-Kartenspiel, das in der siebten Klasse ziemlich populär gewesen war, für das sich Happy aber nicht interessiert hatte. Es gab viel zu viele komplizierte Regeln, die sie nie ganz verstanden hatte und auch nie ganz verstehen wollte. Adrian war dagegen immer noch absolut versessen auf das Spiel.
»Ist nicht so meins«, sagte sie und sah Adrian aus den Augenwinkeln an. Er schlurfte mehr, als dass er lief, mit offenen Schnürsenkeln und tief hängenden Schultern. Seine Haarantenne wippte bei jedem Schritt auf und ab. Und was war das für eine komische Sonnencreme? Das Zeug zog überhaupt nicht ein, sein Gesicht war immer noch weiß. Er sah aus wie eine Leiche, als hätte er sich für Halloween als Zombie geschminkt. Zum Glück waren Finn und Tomek nicht in der Nähe. Zum Glück waren Adrian und Happy weit, weit weg von zu Hause. In Schadow hätte sie sich so nicht mit ihm blicken lassen. In Schadow hätte sie sich gar nicht mit ihm blicken lassen.
»Kein Ding«, sagte er und deutete auf ein Schild, auf dem in bunter Schrift »Kev’s Beach Bar« stand. Dahinter schlängelte sich ein sandiger Weg durch ein Kiefernwäldchen. »Da gehts lang.«
Als sie bei der Bar ankamen, hatten dunkle Wolken die Sonne verdeckt. Die bunt angestrichenen Holzstühle und Tische auf der Terrasse waren verwaist, die mit Kreide auf eine Tafel geschriebene Getränkeliste war verschmiert und kaum leserlich. Die Tür zum Innenraum stand offen. Hinter dem Tresen stapelten sich Lebensmittel, Campingzeug, Holzkohle, Grillanzünder, Zigarettenpackungen und Zeitschriften in einem Regal. An der Decke brummte ein altersschwacher Ventilator, den jede neue Umdrehung zu quälen schien. Es roch nach Chlor.
»Jemand da?«, rief Happy, bekam aber keine Antwort.
Adrian beugte sich über die Eistruhe.
»Es gibt Magnum«, sagte er. »Ich mag Magnum. Aber nicht das mit Mandel.«
Happy blickte aus dem Fenster aufs Meer. Sie stellte sich vor, dass Finn und Tomek gerade mit ihren Surfbrettern über die Wellen glitten und auf sie warteten. Oder hatten sie längst andere Mädchen getroffen, denen sie das Surfen beibrachten? Happy spürte ein Zwicken im Magen. Sie kannte das Gefühl. Es setzte immer ein, wenn sie glaubte, etwas zu verpassen, und in diesem Augenblick zwickte es besonders heftig.
»Magst du Magnum?«, fragte Adrian. »Oder lieber was anderes?«
Happy wusste nicht, ob es seine krächzende Stimme war, die Sonnencreme in seinem Gesicht, die absurd abstehenden Haare oder der Regentropfen, der gegen die Scheibe prallte und ihre Hoffnung auf einen Nachmittag am Strand begrub, jedenfalls knallte in diesem Moment eine Sicherung bei ihr durch. Sie ging um den Tresen, schnappte sich eine Packung Zigaretten aus dem Regal, steckte sie sich in den Hosenbund und zog ihr T-Shirt drüber. Adrian starrte sie entgeistert an.
Happy zuckte die Achseln. »Glaubst du, ich geb Geld dafür aus, wenn ich die auch kostenlos haben kann?«
Sie steckte sich noch ein Feuerzeug in die Tasche und begann, durch die Zeitschriften zu blättern, Auto Motor Sport, Brigitte, Super Illu. Sie fand einen Playboy und hielt ihn hoch. »Wär das was für dich?«
»Du spinnst ja.« Kopfschüttelnd drehte sich Adrian um und ging nach draußen. Happy lachte auf. Sie war von sich selber überrascht. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas geklaut. Bis gerade eben hatte sie noch nicht einmal daran gedacht, etwas zu klauen. Und jetzt hatte sie plötzlich eine gestohlene Packung Kippen in der Hose und kam sich damit wahnsinnig verwegen vor.
Draußen wurde eine Autotür zugeschlagen. Happy erschrak. Sie lief zum Ausgang, warf einen letzten Blick zurück, um sicherzustellen, dass sie keine Spuren hinterlassen hatte – und prallte mit einem Mann zusammen, der mit einer Kiste Orangen in den Händen von der Veranda kam. Der Typ torkelte rückwärts, verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Hintern. Die Kiste krachte auf den Boden, die Orangen sprangen heraus und kullerten über die Holzbohlen. Der Mann starrte Happy an, Happy starrte den Mann an. Dann rutschten ihr die Zigaretten aus dem Hosenbund und landeten vor ihr auf dem Fußabtreter.
Die Zeit stand still. Happy war unfähig etwas zu sagen oder sich zu bewegen. Der Typ wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Er trug eine schwere Army-Jacke, für die es viel zu warm war, und Springerstiefel mit Stahlkappen. Seine Haare waren an den Seiten abrasiert, oben lang und hinten zusammengebunden, er roch nach Schweiß. In Happys Kopf drehte sich das Gedankenkarussell: Was, wenn der Typ die Polizei rief? Mo würde ausrasten. Der konnte so richtig an die Decke gehen vor Wut. Jetzt hatten sich ihre Eltern schon zu einem gemeinsamen Familienurlaub zusammengerauft, und sie versaute ihn nach nicht einmal einem Tag. Well done, Happy, das war wirklich eine Leistung.
»Was rennst du hier rum?«, fuhr der Typ sie an und richtete sich auf. Seine Stimme klang rau und belegt.
»Niemand ist gerannt«, sagte Adrian, der plötzlich neben Happy stand. Er bückte sich nach den Zigaretten. »Sie haben nicht aufgepasst«, fuhr er fort, hob die Packung auf, wischte sie an seiner Hose ab und hielt sie Happy hin, die sie reflexartig entgegennahm.
»Was ist mit den Kippen?«, sagte der Typ barsch.
Adrian und Happy wechselten Blicke.
»Das sind unsere«, sagte Adrian. »Wir wollten Eis kaufen, aber es war keiner da.«
Ein VW-Bus fuhr auf den Parkplatz und wirbelte Sand auf. Adrian ging in die Knie und fing an, die Orangen aufzusammeln. »Wir wollten einfach nur Eis kaufen«, wiederholte er.
Eine Frau mit Dreadlocks stieg aus dem Bus und öffnete die Heckklappe.
»Hilf mir mal mit den Paletten, Kev«, rief sie.
Der Typ bückte sich, hob eine Orange auf, die zwischen seine Stiefel gerollt war, und warf sie in die Kiste. »Wir öffnen erst in einer halben Stunde«, brummte er, bedachte Happy mit einem feindseligen Blick und wandte sich ab, um der Frau beim Ausladen zu helfen. Happy sah zu Adrian. Der ließ eine Handvoll Orangen in die Kiste purzeln und machte eine Kopfbewegung Richtung Straße. Happy nickte. Langsam liefen sie über den Parkplatz. Sie wagten es nicht, sich noch einmal zu Kev und seiner Freundin umzudrehen. Als sie außer Sichtweite waren, rannten sie los. Sie schlugen sich in den Wald, sprangen über Wurzeln, Äste und umgefallene Baumstämme. Sie stießen auf einen Feldweg, rannten aber weiter querfeldein durchs Unterholz. Happy hörte nur ihren Atem und ihr klopfendes Herz, sonst nichts, nicht einmal die brechenden Zweige unter ihren Füßen. Der Wald lichtete sich und sie kamen zu einer Straße. Am Wartehäuschen einer Bushaltestelle blieben sie stehen. Adrian stützte sich keuchend auf seine Oberschenkel. Er war totenbleich und sah aus, als würde er gleich wieder kotzen.
»Wenn der merkt, dass eine Packung fehlt …«, japste er.
»Wird er schon nicht«, sagte Happy atemlos.
»Und wenn doch?«
Adrian ließ sich auf die Bank im Wartehäuschen fallen und fuhr sich nervös durch die Haare. Happy bemerkte, dass sie immer noch die Zigaretten in der Hand hielt. Auf ihrer Flucht hatte sie die Packung so fest zusammengedrückt, dass die meisten zerbrochen waren. Ein Auto näherte sich. Für eine Sekunde glaubte sie, Kev wäre am Steuer und würde nach ihnen suchen. Dann stellte sie erleichtert fest, dass der Fahrer viel älter war und keine Notiz von ihnen nahm, als er an der Bushaltestelle vorüberfuhr. Sie fischte eine unversehrte Kippe aus der Packung und zündete sie sich an. Den ersten Zug vertrug sie gut, beim zweiten bekam sie einen Hustenanfall.
»Hast du überhaupt schon mal geraucht?«, fragte Adrian erstaunt.
