Und dann war Stille - Tomke Schriever - E-Book

Und dann war Stille E-Book

Tomke Schriever

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Beschreibung

Der Feind ist näher, als du denkst. Nach einer Geiselnahme braucht die Hamburger Psychotherapeutin Hannah Tergarten eine Auszeit. Kurz entschlossen zieht sie nach Ostfriesland, in den Turm der Burg Stickhausen. Ihre erste Patientin ist die junge Anneke, Diagnose: eine harmlose Jugendschwärmerei. Am nächsten Tag ist das Mädchen tot. Selbstmord? Ein schrecklicher Unfall? Hannah kommen Zweifel. Doch im Dorf schätzt man Neugier nicht. Die Zahl ihrer Feinde wächst, und auch der Geiselnehmer hat noch eine Rechnung offen. Ist Hannah in ihrem Turm im Wald noch sicher?

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Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Tomke Schriever

Und dann war Stille

Kriminalroman

EINS

Der Vorwurf, den man Gesine Kaspers machte, wog schwer. Laut Gerichtsprotokoll hatte sie an einem Frühlingsmorgen ihre fünf Jahre alte Schwester aus dem elterlichen Bett gezerrt und sie unter dem Vorwand, ihr ein Stück Blutwurst geben zu wollen, in die Vorratskammer gelockt. Dort hatte sie ihr mehrere Lappen in den Mund gestopft und ihr mit einem ausgefransten Stück Schnur, das auf einem Gurkenglas lag, Hände und Füße zusammengebunden. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Eltern und der einzige Knecht des Gehöfts am hinteren Rand des Kohlfeldes Steine aufsammelten, war sie in den Stall gegangen, wo in einer der hinteren Boxen eine Sau hauste, die derart bösartig war, dass man ihr nach jedem Wurf die Ferkel fortnehmen musste, damit sie sie nicht auffraß.

Sie warf das Kind zu dem Tier ins Stroh und überließ es seinem Schicksal, welches darin bestand, bei lebendigem Leib angefressen zu werden. Fockea verlor beide Hände, einen Teil des Hüftfleisches und ein Bein bis zur Wade hinauf, und man hoffte allgemein, dass sie bereits an ihrem Knebel erstickt und nicht an den Schmerzen zugrunde gegangen war.

Wenn ich meine Wohnung in dem alten Gefängnisturm verließ und über den Kastanienweg zum Parkplatz ging, kam ich an der Tür vorbei, hinter der die Mörderin ihre letzten Wochen verbracht hatte. Wie jeden Morgen klopfte ich kurz. Ein Gruß, ein Zeichen meines Mitleids – vielleicht auch eine Bitte um Vergebung im Namen der Gesellschaft, die Gesine nach der Tat zu Leibe gerückt war. Das Mädchen hatte es immer schwer gehabt. Während ihr Schwesterchen Fockea als Sonnenschein galt, war Gesine die Außenseiterin gewesen. Ihre Eltern beschrieben sie als faules, tumbes Geschöpf, das mit sich selbst redete oder die Familie ärgerte, indem es sie nachäffte und Grimassen zog.

Heute hätte jeder Erstsemester-Student in dieser Verhaltensweise typische Anzeichen einer Schizophrenie erkannt. Die Minus-Symptomatik, die sich in der beklagten Faulheit ausdrückte… akustische Halluzinationen, bei denen das arme Mädchen mit Stimmen debattierte, die es nur selbst wahrnahm… Grimassieren… Echopraxie, also das zwanghafte Wiederholen von dem, was es hörte…

Am Ende war es eine jener schicksalshaften visuellen Halluzination gewesen, die zu dem Mord führte. Vielleicht wurde sie durch die Ablehnung der Familie hervorgerufen, vielleicht auch einfach durch den trostlosen Anblick, den die ostfriesische Natur im Winter bietet. Ich habe mir das Feld, auf dem die Eltern Steine sammelten, neulich bei einem Abendspaziergang angesehen. Es existiert immer noch, ebenso wie der Eichwald dahinter, und beides wirkt düster und beklemmend.

Die bedauernswerte Gesine hatte am Abend vor Weihnachten ihr Schwesterchen auf ebendiesem Feld durch den Schnee tanzen sehen und dann eine Gestalt mit einem schief auf dem Hals sitzenden Kopf und rotglimmenden Augen erblickt, die sich vom Waldrand aus dem Kind näherte. Diese Waldriderske, wie man das geisterhafte Wesen nannte, packte Fockea, öffnete mit Gewalt ihren Mund, entriss ihr die Seele und entfloh damit in den Wald. Kurz darauf kehrte sie zurück, um in den toten Leib des Kindes zu schlüpfen.

All das hatte Gesine von einer Hecke aus mit wachsendem Entsetzen beobachtet. Vielleicht hatte sie an jenem Abend in Wirklichkeit das halluzinativ verzerrte Gesicht ihrer Mutter gesehen und das Erlebte dann in der Erinnerung wahnhaft umgedeutet, was bei schizophrenen Menschen gelegentlich geschieht. Vielleicht hatte sich auch alles nur in ihrem Kopf abgespielt. Im Grunde war es gleich. Gesine konnte sich gegen die Bilder nicht wehren. Was sie sah, war für sie so real wie der Wind auf ihrer Haut. Und sie fasste den heldenhaften Entschluss, das Schwesterchen zu rächen und die Waldriderske unschädlich zu machen.

Vielleicht mochte ich sie deshalb so gern und klopfte an ihre Tür – weil sie trotz ihrer Furcht und Eifersucht so mutig gehandelt hatte.

Ihre Familie und die Nachbarn sahen allerdings keinen Mut, sondern nur teuflische Grausamkeit. Der Vater stach mit der Mistgabel auf das Mädchen ein und hätte es umgebracht, wenn ihn ein Nachbar nicht daran gehindert hätte. All das konnte man in dem Gerichtsbuch lesen, das die Tochter des Kerkermeisters vor zweihundertsechzig Jahren geführt hatte, und die Abscheu vor der Mörderin starrte aus jedem Buchstaben.

Das hohe Eisentor, durch das auch Gesine auf dem Weg zur Hinrichtung gehumpelt sein musste, quietschte, als ich es öffnete. Ich knallte es extra laut hinter mir zu, um die bedrückenden Bilder zu verscheuchen. Es war Frühling. Ein viel zu schöner Tag für düstere Gedanken. Auf dem verwilderten Gelände der Stickhausener Burg sprossen Traubenhyazinthen und Schlüsselblumen. Ein Rotkehlchen brütete in der Hecke, Dohlen kreisten um den Turm, und als ich den Wagen aufschloss, flitzte eine Katze um meine Füße herum.

Ich schaute auf die Uhr, während ich in meinen klapprigen schwarzen Corsa stieg. Es war kurz nach acht. Ich hatte alle Zeit der Welt. Die Fahrt von Stickhausen nach Leer dauert knapp zwanzig Minuten, und mein erster Patient war erst für neun Uhr bestellt.

Gemächlich tuckerte ich an den Häuschen mit den tiefgezogenen Dächern entlang und überquerte dann die Kanalbrücke in Richtung Filsum. Es war Anfang Mai, ein großartiges Wetter für Ostfriesland. Die Luft, die durch die offenen Wagenfenster strömte, war lau, und in den Bäumen, die die Landstraße flankierten, spross dieses zarte Grün, das mich jedes Mal in den Glauben versinken lässt, die Welt hätte eine zweite Chance bekommen, und auf wundersame Weise würde alles gut werden. Frühlingsblumen, vor allem Begonien, Goldlack und Levkojen legten Farbteppiche in die Vorgärten der Gulfhäuser, an den Rhododendronhecken platzten die Blüten auf.

Und über all dieser Pracht wölbte sich der ostfriesische Himmel – lichtblau, fast weiß, und so fern, als trüge er das Geheimnis der Unendlichkeit in sich. Wenn man den Vogelschwärmen vierzig Kilometer nach Norden folgte, konnte man ihn bewundern, wie er sich in der Nordsee spiegelte – erst im braunen Brackwasser und dann im tiefblauen Meer, bis er sich am Horizont mit dem Wasser vereinigte. Meine Laune hob sich. Ich sah eine Frau in Gummistiefeln, Jeans und rosa Wohlfühlshirt, die sich über eine der Pfützen reckte, um auf einer Wäschespinne voluminöse Männerunterhosen aufzuhängen. Sie bewegte den Hintern, als würde sie zu einer gesummten Melodie tanzen. Mit einem Lächeln erhöhte ich das Tempo, scheuchte ein paar schwarze Aasfresser von der Straße und erreichte wenig später die Stadt und den Julianenpark.

Ich steuerte den Corsa auf einen der drei gekennzeichneten Parkplätze vor der Praxis. Konrad Eden, Psychiater, Psychotherapeut und in früheren Jahren einmal mein Professor für physiologische Psychologie, hatte sich in einer grüngestrichenen Villa am Parkrand ein behagliches Domizil zum Arbeiten und Wohnen eingerichtet.

Als mich die Krise gepackt hatte, damals, nach dem Rastplatz-Desaster, das die Titelseiten sämtlicher Zeitungen füllte, hatte er mich angerufen. Zunächst ein höfliches Ich-hoffe-es-geht-Ihnen-gut-Gespräch. Aber nachdem er mir fünf Minuten zugehört hatte, hatte er mir angeboten – nein, er hatte mir ans Herz gelegt–, für eine Weile zu ihm ans Ende der Welt zu ziehen und einen Teil seiner Patienten zu übernehmen. Sie brauchen das, Hannah. Ostfriesland ist ein Synonym für Ruhe. Kommen Sie hierher. Brauchte ich wirklich ostfriesische Beschaulichkeit? Keine Ahnung. Ein Therapeut sieht sich selbst und seine Probleme nicht klarer als jeder andere Mensch. Das ist das Dilemma.

Im Flur stolperte ich fast über eine Zimmeresche, ein neues Gewächs, das seine glänzenden, dunkelgrünen Blätter dschungelartig nach der Decke ausstreckte. Ich verkniff mir ein Lächeln. Die Eden’sche Villa war Schauplatz eines Krieges, in dem Konrads Frau Irene mit einem überwältigenden Verschönerungsdrang gegen die Kargheit anwütete, in der Konrad sich gern eingerichtet hätte. Irene blieb fast immer Siegerin. Im Topf der Zimmeresche hatte sie zwei knubbelige Chinesenmännchen angesiedelt, der Spiegel war von einer Lichterkette umkränzt, wie man sie bei Ikea bekommt, und auf der Fensterbank tanzten Tonfiguren einen Reigen. Wahrscheinlich, um unseren Patienten zu demonstrieren, dass Gemeinsamkeit stark macht, und was Irene sonst noch an Glaubenssätzen zu bieten hatte.

Konrad und ich teilten uns ein Wartezimmer, und hinter dieser Schwelle war Schluss mit Lichterketten und Chinesen. Zwei Kunstdrucke von Malewitsch hingen an der Wand. Geometrische Formen in kühlen Farben. Mehr gab’s nicht. Und da stand ich ausnahmsweise voll auf Konrads Seite. Wenn im Kopf das Chaos herrscht, sollte wenigstens das Umfeld eine äußerliche Ordnung bieten.

Wie immer war das Wartezimmer leer. Nicht, weil wir zu wenig Patienten besaßen, sondern weil Therapeuten ihre Termine minutengenau vergeben und exakt einhalten können. Ausufernde Gespräche sind kontraproduktiv, so einfach ist das. Zwischen zwei Terminen lassen wir uns eine halbe Stunde Zeit für Notizen. Und für Notfälle und Terminabsprachen haben wir eine gesonderte Sprechstunde von zwölf bis zwölf Uhr dreißig.

Ein Blick in meinen Kalender zeigte mir, dass ich mit sechs Patienten zu rechnen hatte. Zwei von ihnen kannte ich noch nicht. Bei den anderen handelte es sich um eine Süddeutsche mit einer postnatalen Depression, die mir Sorgen machte, weil sie kaum sprach, eine nette alte Dame mit Panikattacken, einen jungen Assistenzarzt, der unter einer Phobie vor Finger- und Fußnagelextraktionen litt, und einen zweiten, ebenfalls jungen Mann, der bei VW arbeitete und bei dem ich mir noch nicht im Klaren war, ob die Hochstimmung nach seiner Depression als Zeichen der Genesung oder als drohende Manie zu deuten war. Ich machte mir eine Notiz, wegen der Manie Konrad zu Rate zu ziehen. Vielleicht war es ratsam, ihn auf andere Medikamente umzustellen. Außerdem wollte ich mit meinem bayrischen Sorgenkind über die Möglichkeit einer Klinikeinweisung sprechen.

Das hätte die arme Gesine auch gebraucht, dachte ich, während ich in meinen Kalender kritzelte. Eine Klinik und Medikamente. Wäre sie heutzutage über ihr Schwesterchen hergefallen, dann hätte man sie in den geschlossenen Bereich der Psychiatrie eingewiesen, sie wäre mit täglich sechshundert Gramm Clozapin behandelt worden, und nach zehn bis zwanzig Tagen hätten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die glimmenden Augen mitsamt den beunruhigenden Stimmen in Luft aufgelöst. Sie hätte Aussicht auf ein fast normales Leben gehabt.

Ich verscheuchte Gesine, indem ich die Neoporterie goss, die mein Vater mir zum Umzug geschenkt hatte, und dann hörte ich auch schon den ersten Patienten.

Ich weiß selbst nicht, warum ich an die Tür ging, als es am späten Nachmittag – ich hatte schon die Jacke übergezogen und meine Tasche gepackt – an der Tür der Praxis klingelte. Die Patienten, selbst Notfälle, melden sich normalerweise telefonisch an. Also hätte der Besuch privater Natur sein müssen. Jemand, der die falsche Klingel erwischt hatte, das kam vor. Ich war müde und mit meinen Gedanken noch bei dem Assistenzarzt, der überlegte, ob er sich von der Unfallstation in die Innere versetzen lassen sollte.

Mit einem unterdrückten Gähnen öffnete ich die Tür. Das Mädchen, das auf der Treppe neben dem Blumenkübel stand, war etwa sechzehn Jahre alt. Es hatte eine hübsche, sportliche Figur, die sonnenblonden Haare mit den dunklen Strähnen – nicht gefärbt, ein Geschenk der Natur – waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr Gesicht war rundlich, aber apart, mit wenigen dekorativen Sommersprossen. Sie steckte in blauen Jeans und einem rosa Shirt, und um ihren Hals hing ein dünnes Goldkettchen.

Auffällig waren die Augen. Ein dunkles, intensives Grün. Warm. Wie ein Reh, auch wenn die Farbe nicht stimmte. Es waren unschuldige Augen, und darin lag ein enormer Reiz. Ich hatte das Mädchen nur wenige Sekunden gesehen und musste mich schon gegen das Bedürfnis wehren, sie beschützen zu wollen.

«Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin.» Sie errötete, während ihre Hand an der Naht der Jeans fingerte.

«Das kommt drauf an, was Sie suchen.»

«Na ja… Eigentlich ist es nicht so wichtig.»

Ich verkniff mir ein Lächeln. Den Klingelknopf unter dem Praxisschild zu drücken, musste die junge Dame einiges an Überwindung gekostet haben. Also war ihr Anliegen, zumindest für sie selbst, zweifellos wichtig.

«Sind Sie Frau Tergarten?»

Ich nickte und trat zurück, um sie einzulassen. Normalerweise hätte ich sie gebeten, telefonisch bei Irene einen Termin abzumachen, aber ich mochte sie nicht an der Tür abfertigen. Außerdem war ich neugierig. Das Mädchen setzte sich in den lindgrünen Ledersessel für die Patienten, und ich nahm ihr gegenüber Platz. «Hat Ihr Arzt Sie geschickt, Frau…?»

«Anneke», erklärte sie rasch und beließ es bei dem Vornamen. «Ich wusste nicht… muss man…?»

«Das ist oft der Weg, aber er ist nicht vorgeschrieben. Jeder Mensch kann einen Therapeuten aufsuchen. Es ist dasselbe wie ein Arztbesuch. Man kann überwiesen werden oder von sich aus kommen.»

«Ich kenne mich damit nicht aus.»

«Macht ja nichts.» Ich lächelte sie an.

«Wenn ich erst zum Arzt muss…»

«Müssen Sie nicht, nein.»

«Weil ich nämlich ein Problem habe.»

Spätestens jetzt hätte ich zum Terminkalender greifen müssen. Das wäre professionell gewesen. Ich weiß nicht, warum ich es nicht tat.

«Es ist wegen Ubbo. Ubbo Harms. Eigentlich wegen meinem Vater», platzte Anneke heraus.

Ich nickte.

«Ubbo ist… also er und ich… wir gehen miteinander.» Sie sah aus wie ein strahlender kleiner Engel, der an den Zimtsternen genascht hat. Ein bisschen schuldbewusst. Und zum Platzen glücklich. «Er ist eine Klasse über mir. Er ist… einfach süß. Ich habe ein Bild von ihm dabei…»

Ich ließ mir das Foto reichen. Es trug einen fettigen Abdruck am Rand, vielleicht von Lippenstift, und zeigte einen gutaussehenden Burschen, etwas älter als Anneke, vielleicht zwanzig Jahre, in teuren Klamotten, einen Motorradhelm lässig unter den Arm geklemmt. Ubbo posierte vor einer dieser Riesenmaschinen, die im Moment in Schwärmen über die ostfriesischen Landstraßen donnerten und die Autos überholten, als hätten die Fahrer am Trank der Unsterblichkeit genippt. Er wirkte auf mich unterkühlt – der Blick eines Kerls, der weiß, was die Welt kostet, und der sich holt, was er haben will. Ungewöhnlich in so jungen Jahren. Unangenehm. Ich gab das Bild zurück.

«Mein Vater ist nett. Ehrlich, wir verstehen uns toll. Man kann mit ihm echt über alles reden. Aber er ist so… altmodisch mit Jungs.» Hoffnungsvoll wartete Anneke auf ein Zeichen des Verständnisses.

«Und er und Ubbo…?»

«Er kennt ihn nicht mal richtig. Ich meine, er war mal sein Lehrer, aber das sagt doch nichts. Das ist schon Jahre her, und Ubbo ist inzwischen ganz anders geworden. Er setzt sich jetzt für die Jugendarbeit im Feuerwehrhaus ein. Er organisiert dort Partys und… es ist doch nicht jeder verdorben…» Anneke knetete den Fahrradschlüssel in ihren Fingern. «Das sagt mein Vater immer – verdorben… Aber bloß weil Ubbo gern Motorrad fährt und Tribute to Nothing hört… So ist das doch heute, oder?»

«Was haben Sie denn vor?»

«Nichts. Deshalb bin ich ja so sauer! Wir wollen nur zusammen zu Omas Teich Festival. Das ist Samstag nächste Woche. Und das Geilste, was es hier gibt. Echt. Tanzen… Spaß haben… Es geht bis morgens um vier. Aber mein Vater könnte mich ja früher abholen. Meinetwegen schon um zwei oder zwölf. Ich nehm doch keine Drogen oder so’n Kram, hab ich zu ihm gesagt. Ich bin doch nicht blöd. Aber er hört mir überhaupt nicht zu. Dabei bin ich schon siebzehn!»

Damit hatte sie ihr Hauptargument vorgebracht. Sie war siebzehn, und ihr Vater machte sich übertriebene Sorgen.

Hinter dem Kopf meiner Besucherin war ein Bild angebracht, in das eine Uhr eingearbeitet ist – mein diskreter Zeitmesser. Der Zeiger zeigte auf halb sieben. Ich wollte noch zu Famila und für das Wochenende einkaufen.

«Man muss ganz schön verklemmt sein, wenn man jemand verbietet, zu Omas Teich Festival zu gehen, sagt Ubbo.» Anneke führte den Schlüssel zu den zartgeschminkten Lippen, senkte die Hand aber sofort wieder. Mir fiel auf, dass die Fingernägel abgekaut waren. «Ubbo sagt…»

«Und Sie selbst?»

«Bitte?»

«Nun, Ihr Vater hat eine Meinung und Ubbo offenbar auch. Aber was denken Sie selbst über den Abend?»

Ich muss gestehen, ich war gerührt von der Überraschung in dem sommersprossigen Gesicht. Ich mag junge Leute. Ihre Ehrlichkeit und ihren Enthusiasmus. Es ist wie der Frühling – man hat den Eindruck, bei ihnen wäre noch alles möglich. Anneke nahm sich Zeit zum Nachdenken. «Ich bin ja schon siebzehn», wiederholte sie vorsichtig.

«Damit sind Sie vor dem Gesetz berechtigt, Omas Scheunenfete bis vierundzwanzig Uhr zu besuchen. Aber das sagt uns noch nicht, wie Sie zu der Frage stehen, wer ein Entscheidungsrecht in Ihrem Leben hat.»

«Ich würde ja nichts tun, was irgendwie… unrecht wäre. Ich will nur Spaß haben.» Sie wartete immer noch auf meine Erlaubnis.

«Aber Sie machen sich Sorgen, weil Ihr Vater auf Sie wütend sein könnte?»

«Er ist echt nett, wirklich. Nur… altmodisch.»

«Und nun?»

Ich sah es in ihrem Gesicht arbeiten, und der Moment, in dem sie sich entschied, zeichnete sich so deutlich in ihren schönen Augen ab, als hätte jemand mit Leuchtfarbe ein Ausrufezeichen gesetzt. «Ich hab nur vierzig Euro – reicht das für eine Beratung?»

Ich stand auf und schüttelte lächelnd den Kopf, als sie ihre Börse herauskramen wollte. Dieses Mädchen brauchte keine Therapie. Es hatte auch keine erhalten. Ich hatte nichts getan, außer die Frage zu stellen, auf die sie selbst noch nicht gekommen war – wer für ihr Leben die Verantwortung übernehmen sollte.

Ich griff meine Tasche, begleitete sie ins Freie und blickte ihr nach, als sie auf ein rosafarbenes Fahrrad mit silbernem Rahmen stieg. Ihr Hinterteil bewegte sich verführerisch, als sie in die Pedale trat. Ich lächelte erneut. Der Himmel war licht für Anneke, die Luft zitterte vor Erwartung. Ich freute mich für sie. Nur wünschte ich mir einen Moment lang, es wäre nicht gerade Ubbo, mit dem sie zum Festival gehen wollte. Das hatte nichts mit einer Vorahnung zu tun. Es war einfach nur ein Gefühl.

Das Wochenende verbrachte ich wie die vergangenen Wochenenden: Indem ich einkaufte und in meinem Heim werkelte. Konrad hatte mir eine kleine Wohnung besorgen wollen, als ich den Job in seiner Praxis annahm, aber auf dem Weg heim nach Hamburg hatte ich mich – halb willentlich – verfahren und war nach vielen Irrwegen über kleine betonierte Straßen, die die Wiesen durchschnitten, in einem Dorf namens Stickhausen gelandet. Und dort hatte ich den Turm entdeckt.

Da mich nichts drängte, hatte ich von Herrn de Vries, der auf dem Burggelände in einer Bretterhütte Zeitung las, eine Eintrittskarte gekauft und… mich verliebt. Der Rest der Burganlage, der aus einem Torhaus mit grauverputzten Flügeln bestand, interessierte mich nicht. Aber der Turm… Er sah aus, als hätte ihn ein Hexenmeister allein für mich aus seinem Märchenreich in diese Welt gezaubert.

Als ich ihn betreten hatte, stellte ich fest, dass die Mauern mindestens zweieinhalb Meter dick sein mussten, denn in die Wände waren Alkoven eingelassen, Schlafbutzen von der Breite eines französischen Betts. Der Turm zog sich über drei Geschosse, wenn man den Keller, der einen separaten Eingang hatte, nicht mitrechnete, und war an allen Seiten von kleinen Fenstern und Schießscharten durchbrochen. Gekrönt wurde er von einer hölzernen Galerie, von wo aus man eine grandiose Aussicht auf die ostfriesischen Weiden und Gewässer hatte.

Die Geschosse waren durch Wendeltreppen, die sich in den Mauern befanden, miteinander verbunden. Überall hafteten Staub und Spinnweben. «Es lohnt nicht, viel zu machen», erklärte mir Herr de Vries, der sich aus Langeweile zu einer Gratisführung entschlossen hatte. Es kamen nicht viele Leute, um seine Burg anzuschauen. Dafür lag der Ort zu weit abseits der Touristenpfade.

Als ich ihm von meinem Mietwunsch erzählte, war er sofort bereit, mir den Turm zu überlassen, und er hatte auch nichts dagegen, dass ich die Wände streichen und ein wenig renovieren wollte. Er bewohnte selbst das Torhaus und war froh, eine Zeitlang nicht mehr Eintrittskarten verkaufen zu müssen. Die Miete, die ich ihm anbot, überstieg den Erlös, oder sie hielten sich zumindest die Waage. Und wenn die Touristenzeit vorbei war, schaute eh keiner mehr herein.

Er war ein bisschen skeptisch gewesen, ob ich mir die Sache richtig überlegt hatte. Der Turm besaß fließend Wasser und Strom, aber weder eine Küche noch irgendwelche Bequemlichkeiten. Doch meine Intuition hatte mich richtig geführt. Jedes Mal, wenn ich mit dem rostigen Schlüssel die Tür aufschloss, fühlte ich mich wie ein Vogel, der in sein Nest heimkehrt.

Ich drückte mit dem Ellbogen die Klinke zu dem kleinen Raum neben dem Eingangsflur nieder, in dem de Vries vor Jahren einmal eine Dusche und einen Bodenabfluss installiert hatte, und tauschte die leere Shampooflasche aus.

Entgegen meiner ersten Erwartung gab es in diesem Turm kaum runde Räume. Wenn man vom Flur aus die ehemalige Gefängniswärterwohnung betrat, landete man in einem sternförmigen Zimmer. Links ging es in einen Gang mit zwei Alkoven, in dem ich meinen Schreibtisch abgestellt hatte, rechts in einen zweiten Gang, der mir als Küche diente und von dem noch eine Vorratskammer abzweigte. Und vorn, im eigentlichen Zimmer, befand sich eine ungemein praktische Kombination aus Ess- und Schlafraum.

Auch hier war ein Alkoven in die Wand hineingebaut – eine kleine Höhle mit geweißten Wänden und einer Matratze, die ich mir hatte maßanfertigen lassen. Er besaß Holzschiebetüren, sodass ich meine Schlafstatt verschwinden lassen konnte, wenn ich Besuch bekam. Neben dem Alkoven hatte ich einen Tisch und zwei Stühle platziert, darüber öffnete das einzige größere Fenster des Raums den Blick ins Freie. Wenn ich Wert auf Gemütlichkeit legte, konnte ich mich ins Bett verkriechen und trotzdem das Essen auf dem Holztisch erreichen. Als mein Vater mich das erste und einzige Mal besuchte, nannte er es primitiv. Ich fand es bequem.

An diesem Abend war ich zu müde für alles, aber am nächsten Tag putzte ich die Fenster und schrubbte den Boden in der oberen Etage, in der ich mein Wohnzimmer eingerichtet hatte. In den Ritzen zwischen den Dielen hatte sich der Schmutz unzähliger Turmführungen festgesetzt, und ich schrappte mit einem Schraubenzieher schwarze Würmer heraus. Das dritte Geschoss – ein Vogelmuseum, in dem Herr de Vries neben ausgestopften Fasanen und Flugenten einige Prachtexemplare von Hechten aufbewahrte – betrachtete ich als nicht zur Wohnung gehörig, obwohl er mir den Raum mitvermietet hatte. Ich mag keine toten Vogelaugen.

Die Dielen nahmen fast den ganzen Tag in Anspruch, und nachdem ich noch einmal gründlich gewischt und den weißen Wollteppich ausgelegt hatte, lag ich wie tot auf meinem roten halbrunden Sofa. Ich liebäugelte mit der Zeitung, die ungelesen auf einem Hocker lag, aber ich war zu erledigt, um sie mir zu holen. Mein Rücken tat weh, ich roch nach Schweiß, und der Eimer mit dem Wischwasser wartete darauf, dass ich ihn im Freien entleerte.

Es gefiel mir überhaupt nicht, als plötzlich ein hämmerndes Pochen einen Besucher ankündigte.

Ich kannte den Mann, der vor meiner Tür stand. Nur wusste ich nicht, woher. Irritiert starrte ich ihn an.

Er war etwa fünfunddreißig Jahre alt, einen halben Kopf größer als ich, schlank und trug eine helle Jeans, ein weißes T-Shirt mit rundem Kragen und darüber eine blaue Windjacke. Sein Haar war hellblond und kurz geschnitten. Ein Wirbel über der Stirn machte jeden Versuch zunichte, ihm eine gefällige Frisur zu verpassen. Sein Kinn war eine Winzigkeit schief. Ein Mann mit einem Allerweltsgesicht, wie sie einem täglich auf der Straße begegnen – nur dass er sich auf zwei Krücken stützte.

Und dass ich ihn nicht leiden konnte.

Dieses jähe Gefühl der Abneigung war so heftig, dass ich die Tür fast wieder zugestoßen hätte. Woher zum Teufel kenne ich dich?

Ich unterdrückte den Impuls. Jahrelang geübte Höflichkeit lässt sich nicht in einem Augenblick aus dem Programm löschen, und der Krüppel hatte das Dutzend Stufen zu meiner Tür sicher nur mit Mühe überwunden.

«Tut mir leid, wenn ich störe», sagte er, und ich errötete, weil mir die Emotionen offenbar ins Gesicht geschrieben standen. «Darf ich hereinkommen?»

Mechanisch trat ich zurück. Ein ehemaliger Patient, dachte ich und spürte wieder den üblen Erinnerungsdruck. Ein verschwommenes Gefühl von… Gewalt? Allerdings ist es so, dass ich Patienten nicht vergesse. Mein Gedächtnis für Gesichter und Krankengeschichten funktioniert wie ein Computer. Vielleicht ein Ehemann, der seiner Frau gegenüber grob geworden war? Aber auch daran hätte ich mich erinnert. Ich hätte mich in jedem Fall an ihn erinnert, wenn er in meinem Leben eine außergewöhnliche Rolle gespielt hatte.

Er hat eine Rolle gespielt, verdammt!

Ich wartete, während er durch den Flur in meine Küchen-Speise-Schlaf-Kammer humpelte. Einen Moment lang dachte ich daran, ihn hinauf ins Wohnzimmer zu bitten, verkniff mir aber die Gemeinheit.

«Da ist ein Stuhl», sagte ich. «Wenn Sie sich setzen wollen…» Warum fragte ich nicht einfach nach dem Grund seines Besuchs?

Er humpelte weiter, und ich bemerkte, wie er sorgsam jede Einzelheit in meiner Wohnung zur Kenntnis nahm – beispielsweise den Zwei-Platten-Kocher und die Mikrowelle, in der ich meine Mahlzeiten zubereitete, und die schmutzigen Kaffeebecher.

«Und?», fragte ich, als er Platz genommen hatte.

«Enno Heeren.» Er schaute mich an, als wäre sein Name in der Lage, die Erinnerung in mein Gehirn zurückzuzaubern. Dann zuckte er die Achseln. Ich hatte vergessen, die Schiebtüren des Alkovens zu schließen, und es ärgerte mich, dass er ungeniert auch die geblümte Bettwäsche und meinen Pyjama in Augenschein nahm. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich so rasch aus Ihrem Kopf verschwinde», sagte er.

«Ein Bier?»

«Wenn es keine Umstände macht.»

Ich holte ein Veltins Lemon aus dem kleinen Kühlschrank – die einzige Art Alkohol, der ich etwas abgewinnen kann. Er öffnete die Flasche an der Tischkante, bevor ich ihm ein Glas anbieten konnte. «Nett haben Sie es hier.»

«Danke.»

Er trank und blickte auf das Bajonett neben der Mikrowelle, das zur Waffenausstellung des Museums gehörte und das ich nicht in den Keller von Herrn de Vries entsorgt hatte, weil mir das Archaische daran gefiel.

«Hören Sie, ich begreife nicht ganz…»

«Ich wollte fragen, ob Sie ebenfalls nach Lüneburg fahren.»

Langsam kam ich mir wie eine Idiotin vor. Ich spürte den harten Herzschlag meines Herzens, und meine Haut kribbelte. Dissoziative Amnesie… hörte ich Konrads Stimme. Gedächtnisverlust infolge eines Traumas … Verdrängung, verehrte Frau Kollegin … Die Dielenbretter unter meinen Füßen kamen mir mit einem Mal brüchig vor.

«Fahren Sie?»

«Nach Lüneburg?»

«Zum Prozess.»

Natürlich zum Prozess. Wie viele Traumata besaß ich denn? Es ging um die verdammte Klettergerüstgeschichte. Ich merkte, wie mir flau in den Knien wurde, und lehnte mich gegen die Wand, damit es nicht auffiel. «Ist an mir vorbeigegangen, fürchte ich.» Ich kam mir nicht nur wie eine Idiotin vor – ich war eine. Warum hatte ich mich nicht darauf eingestellt, dass es eine Gerichtsverhandlung geben würde? Ein Toter… ein Affenzirkus unter Beteiligung sämtlicher Medien… ich selbst die Hauptzeugin… Mir war unheimlich, mit welcher Selbstverständlichkeit ich das alles komplett ausgeblendet hatte. «Steht denn schon ein Termin fest?»

«Sie können sich wirklich nicht mehr erinnern, was? Enno Heeren. Wir haben zusammen in der verdammten Hamsterröhre gehockt.»

Ich starrte auf seine Krücken. Er log. Ich war allein in der Hamsterröhre gewesen. Nur ich und natürlich das Kind und…

«Der Brief liegt dort drüben», sagte Heeren und deutete in die Mauernische, in die seit meinem Umzug sämtliche Post flog, die nicht unbedingt geöffnet werden musste. Ich nahm die Umschläge heraus und blätterte rasch.

«Der Grüne.»

Ah ja, Amtspost. Grün, natürlich. Danke. «Doch, ich werde fahren.» Ich legte den Umschlag zurück, ohne ihn zu öffnen.

«Was haben Sie denn außer mir noch alles vergessen?»

Wieder starrte ich auf seine Krücken. «Gar nichts. Ich erinnere mich an alles.» Zumindest an das Wichtigste, an Edgar, den Dreckskerl, und an sein Messer… Scheiße! Hitze pulsierte in meinen Wangen. Ich drehte mich zum Kühlschrank um und bückte mich nach einem zweiten Bier, damit Heeren nicht sah, wie ich mir das Wasser aus den Augenwinkeln wischte, das sich plötzlich dort sammelte.

«Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.»

«Ich bin nur erledigt. Hausputz. Völlig erledigt», betonte ich, während ich mich erhob. Er lächelte und nippte erneut am Bier. So deutlich ausgesprochen hatte er den Wink verstanden. Umständlich erhob er sich. Sein T-Shirt spannte, als er nach den Krücken langte. Unter dem Stoff zeichnete sich ein muskulöser Oberkörper ab, was mich irritierte. Ein Krüppel mit Muskeln wie ein Bodybuilder? Passte das?

Falls er Schmerzen beim Gehen hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Als er wieder auf der Außentreppe stand, drehte er sich noch einmal um. «Rapunzels Zuflucht, ja?», sagte er, während er mit der Krücke einen vagen Kreis in Richtung Turmgalerie schlug. Um seine Augen bildete sich ein Kranz von Fältchen. Spott? Ärger, weil ich ihn hinausgeworfen hatte? Oder einfach Runzeln wegen der Sonne, die ihn blendete?

Ich schloss die Tür sehr leise und lehnte mich wieder an die Wand. Plötzlich fiel mir auf, dass ich ganz vergessen hatte, ihn nach dem Grund seines Kommens zu fragen.

Abends rief ich meinen Vater an und bat ihn, mir die Klettergerüst-Zeitungsartikel zu senden, die er ausgeschnitten und aufbewahrt hatte.

«Was willst du damit?», fragte er misstrauisch. Er ist ein seltsamer Mann. Einschließlich meiner Mutter hat er fünf Frauen geheiratet und sich von ihnen scheiden lassen, ohne sich Gedanken um ihre Befindlichkeiten zu machen. Als meine Mutter sich zu Tode trank, hat er ihr die Kosten für die Privatklinik bezahlt, aber sie kein einziges Mal besucht. Nur an seiner Tochter hängt er mit gluckenhafter Besorgnis. Das eine wie das andere regt mich auf. Kein Wunder, dass wir uns nicht häufig sahen.

«Anschauen», sagte ich.

«Geht es dir gut?»

«Aber ja. Ich habe inzwischen neunzehn Patienten. Das ist genau das Richtige für einen gemütlichen Trott. Irene füttert mich mit Keksen…»

«Lebst du immer noch in diesem Turm?»

«Ja!» Ich wollte es nicht, aber schon wieder mischte sich dieser genervte Ton in meine Stimme, den ich selbst verabscheue. «Es ist schön hier», versuchte ich es milder.

«Hast du dir inzwischen wenigstens ein ordentliches Bad…»

«Mir gefällt die Dusche.»

Schweigen.

Schließlich räusperte er sich. «Gerrit hat angerufen. Ich finde es nicht richtig, dass du ihn so aus deinem Leben aussperrst.»

«Ich sperre ihn nicht aus.» «Er ist ein feiner Mensch.»

«Müssen wir das wirklich…»

«Meiner Meinung nach hat er sich anständig verhalten, nach diesem…»

«Es zieht eine atmosphärische Störung auf… Achtung… Achtung…», deklamierte ich im blechernen Megaphontonfall in den Hörer

«Hör damit auf.»

«Was?»

«Der Junge ist ein Goldstück. Nicht jeder wäre bereit gewesen…»

«Steck die Artikel einfach in einen Umschlag, Papa. Danke. Danke dir für deine Mühe!»

«Fällt dir denn ein Zacken aus der Krone, wenn du ihn mal anrufst oder raufkommst und mit ihm…?»

Ich legte auf. Nicht aus Wut, sondern weil sich das Gespräch sonst bis in die Ewigkeit so weitergesponnen hätte. Hartnäckigkeit ist das Wasser, das meinem Vater bei der Taufe über den kahlen Schädel gegossen wurde. Wie immer nach einem Gespräch mit ihm wünschte ich mir, ich wäre geduldiger gewesen. Im nächsten Jahr würde er dreiundsechzig werden. Und seine Leberwerte waren schlecht.

Nach dem Gespräch verkroch ich mich in meinen Alkoven und griff mechanisch nach dem zerfledderten Taschenbuch, in dem die Untaten der Leute verzeichnet waren, die unter meinem Fußboden gehaust hatten. Herr de Vries hatte die Restauflage gekauft, als sie verramscht wurde, um sie für 2,79Euro an die seltenen Turmbesucher weiterzuverhökern. Eines der Exemplare hatte er mir zum Einzug geschenkt. Aber ich legte es wieder beiseite, ich konnte mich nicht konzentrieren.

Wie hieß der Mensch, den ich vergessen hatte?

Heeren?

Montagmittag traf ich Konrad. Er war meiner Meinung, was den depressiven VW-Arbeiter anging: keine vorbeugenden Medikamente gegen Manie. Der Mann hatte keine größeren Geldausgaben getätigt und weder die Gründung einer weltweiten Transportgesellschaft noch eine Kandidatur für das Amt des nigerianischen Präsidenten in Erwägung gezogen. Er war einfach nur froh, dass die strapaziöse Zeit der Depression hinter ihm lag und die Medikamente ihm Stabilität gaben. «Ich habe noch zwei Termine mit ihm abgemacht», sagte ich. Und dann brach aus mir heraus, was mir wirklich auf der Seele lag: «Ich hatte Besuch.»

Wir saßen oben in der Küche. Irene hatte für uns gekocht, wie sie es fast jeden Tag machte. In der Luft hing der Geruch von Blumenkohl, Muskat und Schweinefleisch, und in der Mitte des Tisches stand eine Vase mit Glockenblumen. Konrad schob mit der gewohnten Sorgfalt die Reste seines Snirtjebratens auf dem Teller zusammen, während ich erzählte.

«Ist doch ein Witz», sagte ich. «Er steht vor mir, ich weiß, dass ich ihn kenne, in mir kocht’s vor Wut – und ich krieg das Ereignis nicht mit dem Gesicht zusammen. Kein Wort über amnestische Episode», warnte ich. «Ich sage ja nicht, dass es mir nicht klar ist, vom Kopf her. Ich sag nur, wenn man es bei sich selbst erlebt, ist es wie ein schlechter Witz. Er gehört zu diesem Klettergerüst-Mist, das jedenfalls ist gewiss.»

Konrad lächelte mich über seine Gabel hinweg an. Er ist ein wunderbarer alter Mann. Differenzierter in den Ansichten als die meisten unseres Fachs. Jemand, der sich in keine Therapie-Ecke drängen lässt und sich in der Analyse so gut wie in der Verhaltenstherapie auskennt. Dazu ein hervorragender Psychiater. Und er hatte noch nicht einmal den Versuch gemacht, mich zu einer Traumatherapie zu überreden.

«Ich bin ein Glückspilz», versicherte ich ihm, als hätte er es gerade eben doch getan. «Hohe Resilienz. Keine Anzeichen von Depression. Keine Flashbacks. Keine Albträume. Ich bin auch nicht schreckhafter als früher. Mit heiler Haut davongekommen. Ich mag mein Leben.»

«Das liegt an deinem Optimismus, Hannah. Im Ernst, du bist der optimistischste Mensch, den ich kenne.» Irene stand auf, um in einer Schüssel zu rühren. Sie hatte immer irgendetwas, das gerade abgedeckt, aufgetaut oder gerührt werden musste. Manchmal machte mich das nervös. Ihre grauen Haare, die sie zu einem zauberhaft unvollkommenen Knoten gesteckt hatte, rutschten aus der Spange, und sie versuchte, gleichzeitig den Stecker des Mixgerätes in die Steckdose zu bugsieren und die Strähne in die Frisur zurückzuschieben.

«Es ist von Vorteil, dass du arbeitest. Du und deine Patienten – ihr tut einander gut», meinte Konrad mit einem liebevollen Blick auf seine Frau.

«Vielleicht ist es nicht einmal Amnesie. Vielleicht war der Mann einfach – unwichtig. Aus den Augen, aus dem Sinn.» Die Rührmaschine begann zu brummen, und ich musste lauter sprechen. «Vielleicht war er einer von diesen Kerlen, die bei Blut und gebrochenen Knochen Stielaugen kriegen. Ich hatte anderes zu tun, als Gaffer zu bewundern.»

«Hat er denn so gewirkt? Als wäre er ein Gaffer?», rief Irene.

«Nein.»

«Aber dann…»

«Was wollte er denn von dir?», erkundigte Konrad sich ebenso lautstark.

Ich wartete mit meiner Antwort, bis die Rührmaschine verstummte. «Keine Ahnung. Ich habe vergessen, ihn zu fragen.»

«Das ist aber seltsam.» Irene suchte nach einem Gewürzdöschen. «Nicht, dass du es vergessen hast. Aber wenn ich jemanden besuche, den ich nicht gut kenne, dann sage ich doch von mir aus, was ich von ihm will. Das gehört sich…» Sie öffnete ein Döschen und schnupperte daran. «…gehört sich doch so.»

«Und du mochtest ihn nicht?», fragte Konrad.

Ich nickte. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass mein Problem unter Umständen nicht in der möglichen partiellen Amnesie lag, sondern in der Tatsache, dass ich fremde Männer in mein Haus ließ, Leute, die mir Angst machten. Ich hatte bisher für unmöglich gehalten, dass mir so etwas passieren könnte.

«Er ging an Krücken», sagte ich, als müsste ich mich entschuldigen. Konrad zog die Brauen hoch, und mir fiel ein, dass Krücken kein Beweis für eine Behinderung sind. Ich dachte an die Muskeln unter dem Shirt des Mannes. «Schiet», sagte ich.

ZWEI

Sigrid Kaldeweiß war stolz auf sich, als sie die letzte der fünf Türen hinter sich abgeschlossen hatte und in der Küche der Justizvollzugsanstalt Hannover stand. Dass sie das wirklich durchgezogen hatte! Einen Moment lang kam sie sich wie Emma Peel vor, diese Agentin der Königin in geheimer Mission. War Emma Peel überhaupt Agentin gewesen? Sie versuchte sich zu erinnern, aber es gelang ihr nicht. Das musste schon dreißig Jahre her sein, dass die Sendung gelaufen war. Mit ihren zweiundfünfzig Jahren, den runden Hüften und dem schweren Busen glich sie auch eher der alten Dame von Agatha Christie, die immer die Mordfälle löste. Nur der Bund mit den vielen Schlüsseln verlieh ihr ein wenig Emma-Peel-Flair. Und natürlich das Personal-Notruf-Gerät, das in ihrer Schürze steckte.

Der Angstschweiß, der die Haare unter ihren Achseln durchtränkte, stammte dagegen eindeutig von Sigrid.

Es war noch ruhig in der großen, schwarz-weiß gekachelten Küche des Gefängnisses. Die beiden Spülmaschinen standen still, die Öfen, Herdplatten und Pfannen – alles blitzblank geputzt, darauf legte Frau Hannel Wert – harrten des anbrechenden Tages. Auf den Tischen lagen die Körbe mit Broten, die in aller Früh angeliefert worden waren. Es war Mittwoch, der 17.Mai, vier Uhr dreißig. In einer halben Stunde würden die Küchenhelfer aus den Zellen eintreffen.

Sigrid ging in das kleine, durch Sicherheitsglas abgetrennte Büro, in dem Frau Hannel schon die Zettel aus der Verwaltung studierte.

«Achthundertachtundneunzig», sagte die junge Frau, ohne den Kopf mit dem modischen Bubihaarschnitt anzuheben. «Sechsunddreißig vegetarisch, siebenundachtzig muslimisch, achtundzwanzig diabetisch. Siebzig zusätzlich Quark.» Sie hatte die Zahlen oben auf den Menüplan geschrieben, den sie Sigrid jetzt reichte. Alles, was sie tat, geschah rasch und effektiv, wofür Sigrid sie bewunderte. Anders hätte die Küchenleiterin den anstrengenden Job wahrscheinlich auch gar nicht bewältigen können. Sie kam Sigrid mehr wie eine Managerin als wie eine Hauswirtschafterin vor. «Ist noch etwas?», fragte sie.

«Nein… o nein, alles in Ordnung», erwiderte Sigrid rasch. Das war ihre größte Sorge – dass jemand merken könnte, dass eben nicht alles in Ordnung war bei ihr. Sie wollte aus dem Kabäuschen eilen.

«Es sind Leute wie Sie und ich», rief Frau Hannel ihr mit einem Lächeln nach. «Sie werden schon noch dahinterkommen.»

«Aber das weiß ich doch.»

«Und im Zweifelsfall haben wir die Monitore und unsere Kerle.»

Sigrid lachte. Dann ging sie, die Öfen anzustellen.

Eine halbe Stunde später brach die Hölle los. Fünfundzwanzig Gefangene waren für den Küchendienst abgestellt, und sie machten sich in Windeseile über Brote, Marmelade und Margarine her – das obligatorische Frühstück. Die Zeit war knapp bemessen. Zwischen sechs und sieben trafen die Lieferanten ein und brachten die Ware für das Mittagessen, um zehn musste fertig gekocht sein. Das Fließband lief, und die Männer in ihren weißen Jacken und den weißen Halbschürzen knallten Brotscheiben und Butter- und Marmeladekleckse auf die unterteilten Plastikteller. Ein schmächtiger junger Osteuropäer mit eckigem Schädel und kurzgeschorenem Haar räumte das Geschirr aus dem Spüler. Er musste neu sein. Es waren immer die Neuen, die den Geschirrspüler ausräumten.

Sigrid lief durch die Küche und überprüfte die Hitze in den Kesseln und nahm kurz darauf die beiden Wannen mit Leber in Empfang, die viel zu früh geliefert wurden, was aber offenbar niemanden störte. Der Mann, der sie hereingetragen hatte, grüßte und verschwand sofort wieder durch die Eisentür in den Innenhof, in dem die Laster und Lieferwagen abgefertigt wurden. Frau Hannel schloss hinter ihm ab. Sie sah immer noch frisch und gut gelaunt aus. Was wahrscheinlich anders wäre, wenn sie gewusst hätte, dass sich eine Emma Peel in ihrer Küche befand. Aber ich hab ja nichts Schlimmes vor, beruhigte Sigrid sich selbst, während sie einige blutige Lebern vor sich auf das große Schneidbrett packte.

«Alles in Ordnung, Mädel?»

«Was?» Sie durfte nicht so schreckhaft sein. Kalle, der Wächter in dem beigen Hemd und der grünen Hose, lugte ihr über die Schulter, während sie mit zittrigen Fingern die Lebern abzählte. Er war ein netter Kerl mit einer Halbglatze und einem Bauchansatz. Sah ein bisschen wie Manfred Krug aus. Normalerweise hätte ihr seine Aufmerksamkeit geschmeichelt. Sie war ja nicht so verwöhnt, was Männer und Komplimente anging. Heute machte er sie nervös, vielleicht weil er schon der Zweite war, der ihre Unruhe bemerkte. «Alles bestens, Kalle.»

Es gab fünf Vollzugsbeamte, die für die Überwachung der Küchenknastis verantwortlich waren. Kalle hatte die Oberaufsicht. Sigrid sah ihm heimlich nach, wie er zwischen den Tischen umherschlenderte und hier und dort eine Bemerkung machte. Sie hatte keine Ahnung, ob die Insassen ihn mochten, und auch nicht, was er selbst von den Männern hielt. Aber sie gingen wachsam miteinander um. So wie die Kerle in Die Brücke am Kwai. Sie hatten Respekt voreinander, weil sie wussten, was der andere auf dem Kasten hatte.

Mit einem Mal überkam sie tiefste Entmutigung. Was tat sie hier eigentlich? Das war doch alles Selbstbetrug. Hartmut stand wahrscheinlich nur wenige Flure weiter in seiner Zelle und rasierte sich, aber zwischen ihnen lagen tausend Türen, und er hätte sich ebenso gut auf dem Mond befinden können. Emma Peel hätte ihm natürlich im Handumdrehen mit einem glänzenden Einfall einen Job in der Küche verschafft, aber Sigrid Kaldeweiß war leider nur eine Hauswirtschafterin mit schäbigem Einkommen, schlaffen Wangen und dummen Einfällen – und auf dem besten Weg, sich lächerlich zu machen. Im Grunde wusste sie doch selbst, dass das Leben nicht wie ein Film funktionierte.

«Ich helfe.»

«Himmel!» Vor Schreck hätte sie fast einen Satz gemacht. Es war der Kerl von der Spülmaschine. Er stand wie von Zauberhand gehext plötzlich neben ihr, ein flinker junger Bursche mit Augenbrauen, die so dünn waren, dass sie nahezu unsichtbar wirkten. Sie fand, dass er ihr viel zu dicht auf die Pelle rückte. Er berührte sie mit dem Ellbogen, als er sich vorbeugte.

«Das Fleisch. Alles auf den Tisch rauf?»

Sie sah, wie Kalle zu ihr herüberblickte, und nickte ihm beruhigend zu. Der junge Mann wollte ja nur helfen. «Nein, hier hab ich genug. Der Rest kann mit der Wanne dort unter den Fenstertisch. Sonst wird es zu eng.» Sie lachte verlegen. Ein merkwürdiger Bursche. Besonders die Augen. Wie Standby-Lämpchen, dachte sie, als müsste man nur auf einen Knopf drücken, und dann würden sie aufleuchten, und eine Maschine würde sich in Gang setzen. Natürlich waren die Augen nicht rot, sondern von einem sogar recht hübschen Blaugrün. Ein Russlanddeutscher, vermutete Sigrid nach dem Akzent.

Ihre Mutter mochte keine Russlanddeutschen. Alles nur Sozialschmarotzer, sagte sie immer. Aber Sigrid hatte zu viel Erfahrung, um Vorurteile zu hegen. Die Menschen waren überall gleich, das hatte sie in dem Krankenhaus gelernt, wo sie früher gekocht hatte. Als der Kerl – er war kaum älter als Hartmut – zurückkam, um die zweite Wanne zu holen, fragte sie ihn nach seinem Namen.

«Edgar.»

Also wirklich ein Russlanddeutscher. Die hießen alle wie ihre Großväter. Sie nickte ihm zu. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er sich bückte, und sie wunderte sich über die Muskelpakete, die aus den T-Shirt-Ärmeln lugten. Die Kleinen, die es nötig haben, dachte sie belustigt und stellte sich vor, wie er jeden Abend in seiner Zelle Liegestütze machte.

Als er an ihr vorüberging, kippelte die Wanne, und blutiges Wasser spritzte auf ihre Schuhe. Er bemerkte es nicht oder tat wenigstens so, und sie bückte sich eilig und wischte ihre Schuhe und den Boden mit einem Stück Küchenkrepp sauber. Es war ihr ein bisschen unangenehm. Emma Peel hätte den Jungen zurechtgestutzt. So ungeschickt konnte man doch gar nicht sein! Einen Anpfiff hätte er auf jeden Fall verdient. Aber sie war eben nicht Emma, sondern Sigrid.

Als sie den Blick wieder hob, sah sie, wie Edgar mit seinen Standby-Augen zu ihr hinüberschaute und lächelte.

DREI

Die Woche verstrich wie im Flug. Am Mittwochvormittag rief der Ehemann meiner jungen süddeutschen Mutter an, der sich Sorgen wegen der Kosten des Klinikaufenthalts machte. Ich konnte ihn beruhigen. Seine Frau war versichert, alles würde über die Kasse laufen. Als er mittags ein zweites Mal anrief – jetzt, weil er nicht wusste, was er in ihren Koffer packen sollte – wurde ich hellhörig. Nach einigen konkreten Fragen rückte er schließlich damit heraus, dass seine Frau immer noch schlief und dass er den Eindruck habe, in ihrer Medikamentenbox mit der Wochenaufteilung seien viel zu wenig Pillen. Er konnte auch die große Schachtel aus der Küche nicht finden. «Ich hab Andrea angestoßen, aber sie murmelt nur was», nuschelte er hilflos in den Hörer.

Wie viele Tabletten fehlten?

Das wusste er nicht. Ich legte auf und alarmierte den Rettungswagen. Ein Suizid ist die größtmögliche Katastrophe, auch für den Therapeuten. Ich saß wie auf Kohlen. Gegen vier Uhr erhielt ich die erlösende Nachricht, dass meine Patientin im Emder Hans-Susemihl-Krankenhaus aufgenommen worden war. Benommen, aber wohlauf. Gott sei Dank, dachte ich erleichtert. Und dann: Verdammt! Ich war so verspannt, dass mein ganzer Rücken weh tat. Wir sind keine Götter, sagt Konrad immer. Wir können sie nach bestem Wissen behandeln, aber wir können nicht ihre Hände und ihre Füße lenken. Trotzdem kenne ich keinen Kollegen, der den Suizid eines Patienten einfach wegstecken würde.

An Anneke dachte ich in dieser Woche nur zweimal. Auf einer Fahrt, als mir von einer Straßenlaterne ein Werbeplakat für Omas Teich Festival entgegenlachte, und Freitagabend, als ich in dem kleinen Edeka-Markt in der Von-Glan-Straße bei den Bananen ein junges Mädchen erblickte. Es war aber nicht Anneke, es sah ihr nur ähnlich.

An diesem Abend kam auch die Post von meinem Vater. Er hatte die Zeitungsartikel, um die ich ihn gebeten hatte, in einen Umschlag gesteckt, und zusätzlich flatterte mir ein Hundert-Euro-Schein entgegen. Ich tütete den Schein ungerührt zur Rücksendung ein. Geld war in der Welt der Familie Tergarten die Währung für Liebe. Früher hatte mich das zur Weißglut gebracht. Aber nachdem ich begriffen hatte, dass solche Arrangements nur funktionieren, wenn sie von allen Beteiligten mitgetragen werden, hatte ich mich ausgeklinkt. Das war zu Beginn meines Studiums gewesen. Den schwarzen Corsa vor meiner Tür hatte ich mir mit einem Semesterjob in einer Hamburger Klinik selbst finanziert.

Mit einem flauen Gefühl im Magen breitete ich die mehrfach gefalteten Artikel auf meinem Esstisch aus. Die Bilder sprangen mir entgegen. Ein kleiner, magerer Junge, der, von Sanitätern umringt, auf einer grauen Trage lag und angstvoll in eine Kamera starrte. Sascha. Mein achtjähriger Held, der drei Stunden lang mucksmäuschenstill mit einem Messer an der Kehle ausgeharrt hatte, ehe er zu schreien begonnen hatte. Ich wünschte mir plötzlich, dass ich mich noch einmal nach ihm erkundigt hätte. Sicher war er nach dem Schock gut betreut worden, seine Mutter hatte energisch und fürsorglich gewirkt. Aber trotzdem.

Der nächste Artikel zeigte das Spielgerüst. Offenbar war es während der Geiselnahme fotografiert worden, aber das konnte ich nur raten, denn es bestand aus dickem, buntem Hartplastik, das jede Sicht ins Innere verhinderte. Rechts war ein Teil der Autobahnraststätte zu sehen, mit den hohen, bläulich schimmernden Fenstern des Hotels. Das Restaurant, in dem das Drama mit dem Russen begonnen hatte – erster Stock, wunderbare Aussicht auf das wellige Hamburger Vorland – war mit dem Klettergerüst durch eine schaukelnde Brücke aus Plastikbohlen verbunden. Eisenketten dienten als Geländer.

Ich starrte minutenlang auf das knallbunte Ungeheuer mit seinen Rutschröhren, Treppchen und Kammern, in dem der Mistkerl Sascha und mich festgehalten hatte. Dann ging ich, um mir einen Cappuccino zu machen. Meine Hände zitterten, und ich verschüttete Pulver, das ich mühsam aus der Ritze hinter meiner Kochplatte hervorwischen musste.

Mein Vater hatte sortiert. Das stellte ich fest, als ich mich näher mit den Ausschnitten befasste. Ich zweifelte nicht daran, dass er jede Zeile, die ihm zum Geiseldrama in die Hände gekommen war, gesammelt hatte, aber geschickt hatte er mir nur die Artikel, die Kurzversionen des Geschehens boten.

Geiseldrama am Autobahnrastplatz Hollenstedt. Eine Familie mit fünf Kindern, die Lärm machten. Ein junger Mann (die Nationalität war – vermutlich aus Gründen der political correctness – unterschlagen worden), der sich durch das Geschrei provoziert gefühlt hatte. Die Mutter, die mit Edgar K. daraufhin in Streit geraten war. Der Kellner, der Edgar hinauswerfen wollte und diesen Affront mit dem Leben büßte. Edgar, der sich mit einem der Kinder und einer Psychologin, die ihn beruhigen wollte, in einem Klettergerüst verschanzte. Und schließlich der Einsatz eines Sondereinsatzkommandos der Polizei, das dem ganzen Spuk ein Ende machte. Ein betroffener Innenminister. Ein betroffener Hoteleigentümer…

Scheiße.

Ich stand auf und kletterte über meine Turmmauertreppe ins obere Geschoss, wo ich mich auf mein rotes Sofa setzte. Wütend warf ich ein Kissen durch den Raum und sprang wieder auf. Ich stapfte in das scheußliche Vogelmuseum hinauf, öffnete die völlig verschmutzte Glastür und trat auf die Holzgalerie, die den Turm umgab. Es dämmerte, und Ostfriesland lieferte einen seiner herzerwärmenden Sonnenuntergänge. Rosa-rot-violette Streifen, mit einem breiten Pinsel über den Himmel gewischt, als hätte ein Maler überschüssige Farbe loswerden wollen. Ein Glück, dachte ich, dass das verdammte Klettergerüst keine Fenster hatte. Es hätte mir noch die Freude an Sonnenuntergängen versaut. Ich trat gegen das Geländer.

Unten mähte Herr de Vries den Rasen.

Es war halb zehn. Ich zitterte am ganzen Leib und musste meinem Vater Abbitte leisten. Er hatte recht getan zu sortieren. Die Geiseln blieben unversehrt? Wie kann man nur so einen Blödsinn drucken? Niemand bleibt unversehrt, wenn er Stunden mit einem Irren und seinem Messer in einem stinkenden Plastikmonstrum verbringt. Dass ich Edgar als Irren bezeichnete, schockierte mich zusätzlich. Offenbar ging gerade meine Professionalität zum Teufel.

Herr de Vries, der mich entdeckt hatte, stellte den Motor des Rasenmähers ab. «Moin, Frau Tergarten. Sie hatten Besuch», brüllte er zur Galerie hinauf.

«Wen denn?» Ich bemühte mich, unbekümmert zu wirken.

«En Keerl.»

«Ah ja?»

Herr de Vries nahm sich wieder seinen Rasen vor. Ich sah ihm zu. Der Duft des gemähten Rasens und das gleichmäßige Brummen beruhigten mich. Nach der dritten Runde um das Rasenstück stellte er den Motor erneut ab. «En blonden Keerl», rief er hinauf.

«Was?»

«Mit Krücken.» Dem alten Mann tat der Rücken weh, ich sah, wie er sich die Faust ins Kreuz drückte. Die Hälfte des Rasens war noch ungemäht, aber Herr de Vries kannte keine Eile. Während die Sonne gemächlich am Horizont versank, wickelte er das Kabel auf und verstaute den Mäher in dem Gartenhäuschen, das er sich neu angeschafft hatte. Als er im Torhaus verschwunden war, verließ ich widerwillig meine Galerie.

Ich nahm mir im Schein einer Lampe die Artikel noch einmal vor. Dieses Mal untersuchte ich die Bilder und dann die Texte auf jedes Wort. Nirgends tauchte ein weiterer Akteur im Drama auf. Ich hatte keineswegs gemeinsam mit dem blonden Kerl in der Hamsterröhre gehockt. Es sei denn, er hieß Sascha und war auf wundersame Weise in den letzten Wochen um dreißig Jahre gealtert.

Oder Edgar?

Der Stich, der mir durch den Magen fuhr, tat körperlich weh. Ich wischte die Zeitungsartikel vom Tisch und biss auf meinen Fingerknöchel. Blödsinn… Blödsinn… Ich wusste doch, wie Edgar, der Mistkerl, aussah. Ich wusste das. Ein typisch osteuropäisches, flaches Gesicht. Ein osteuropäischer Akzent. Zappelig, aggressiv, misstrauisch, chronisch wütend. Nicht die geringste Ähnlichkeit mit Freund Krücke.

Schließlich kramte ich den Brief hervor, den mir das Gericht geschickt hatte. Ich riss den Umschlag auf. Frau Hannah Tergarten wurde für Mittwoch, den 18.Juni, um neun Uhr fünfzehn vor die 4. große Strafkammer des Landgerichts Lüneburg geladen, Saal 21, um in der Sache Edgar Kusniz auszusagen.

Ich ließ den Brief sinken und atmete tief durch. Na bitte, der Kerl saß hinter Schloss und Riegel und wartete auf seinen Prozess. Das wusste ich doch. Zwischen Edgar und mir befanden sich Betonmauern und Eisenstangen, die er unmöglich überwinden konnte. Es würde guttun, ihn in Handschellen zu sehen, bewacht von Polizisten, begutachtet von einem Richter, der seine Schandtat abwägen und ihn büßen lassen würde und der nicht die geringste Angst vor dem Mistkerl hatte. Ein Abschluss.

Ich putzte mir die Zähne, stieg in den Pyjama und kuschelte mich in mein wunderbares Höhlenbett. Am Fußende des Bettes, in etwa vierzig Zentimeter Höhe, einmal quer von Wand zu Wand, befand sich eine Stange, an der ein beweglicher Holzkasten befestigt war. Eine Wiege, wie Herr de Vries erklärt hatte. Sie hatten schon praktisch gedacht, der Gefängniswärter und seine Frau. Einfach anstupsen, wenn das Kleine brüllte. Ich holte mir mein Sudoku-Heft aus der Wiege und begann zu knobeln.

Normalerweise lese ich die Zeitung morgens beim Frühstück. Ich blättere sie durch, überfliege die Überschriften, und wenn die Zeit es zulässt, vertiefe ich mich in den einen oder anderen Artikel. Aber am Montag hatte ich es eilig. Ich warf das Blatt neben mich auf den Beifahrersitz, und als ich – ausnahmsweise einmal zu spät – die Praxis erreichte, vergaß ich es dort.

Der Tag verrann im Flug. Irene erzählte beim Mittagessen, dass das Hans-Susemihl-Krankenhaus um ein Gespräch wegen meiner bayrischen Patientin gebeten hatte, und ich konnte mich per Telefon mit einem kompetent wirkenden Kollegen unterhalten, der bereit war – eine große Seltenheit!–, mit mir die stationäre Therapie abzusprechen. Wir fachsimpelten ein bisschen, und dann begleitete ich meine alte Dame mit den Panikattacken in den Ems-Park, wo wir uns ins Gewimmel des Dänischen Bettenlagers stürzten, das gerade eine Rabattaktion durchführte.

Ihre Attacken belästigten sie mit Vorliebe in Menschenmengen, und deshalb brauchten wir den Ems-Park als einzigen Ort in Leer, der zumindest eine Andeutung von Gedrängel zu bieten hat. Wir wanderten durch die Gänge, schauten Kerzen, Matratzen und Küchentische an, bis ich spürte, wie ihr Atem leichter ging und ihre Anspannung sich löste. Wir waren beide verschwitzt, als wir mit einem Spannbettbezug die Kasse passierten. Meine Patientin hatte einen preiswürdigen Mut bewiesen, und ihr Hochgefühl, als sie sich noch einmal auf dem Parkplatz nach dem Schauplatz ihres Sieges umschaute, übertrug sich auf mich.

Es war bereits acht Uhr, als ich Leer verließ und über die Landstraße nach Stickhausen zurückkehrte. Die Zeitung war in den Fußraum des Beifahrersitzes gerutscht, und ich konnte nur undeutlich die DAX-Pfeile und das Zeitungslabel erkennen. Mit Schwung fuhr ich auf den Parkplatz vor der Burganlage. Die Woche hatte verheißungsvoll begonnen, und ich freute mich auf den Feierabend. Ein Hund rannte kläffend über die Straße, zwei Kinder versuchten, der verrosteten Schwengelpumpe auf dem kleinen Platz gegenüber Wasser zu entlocken.

Ich angelte nach der Zeitung, und während ich meinen Sitz zurückschob, las ich, dass es einen schrecklichen Unfall in der Mühle von Warsloh gegeben hat. Ich stieß die Tür auf, mit den Augen immer noch bei der Zeitung. Und erst da registrierte ich, dass es sich bei dem Mädchen auf dem Bild im Zentrum des Artikels um Anneke handelte.

Obwohl ich noch gar nicht wusste, was genau geschehen war, fühlte ich, wie sich tonnenschwer das Gewicht von Schuld auf mich senkte. Sie ist bei mir gewesen. Und nun ist sie tot.

Ich raffte die Zeitung an mich, folgte den Sätzen mit den Augen und las, ohne ein einziges Wort zu begreifen. Immer wieder irrten meine Blicke zu dem Bild zurück, auf dem sie lächelte. Die sommersprossige Anneke, mit einem vergnügten Zwinkern, als hätte jemand gerade im Moment des Fotografierens einen Scherz gemacht. Die Haare waren wie bei ihrem Besuch zum Pferdeschwanz gebunden, sonst hätte ich sie vielleicht gar nicht so rasch wiedererkannt. Herzchenohrringe baumelten von den zierlichen Ohren.

Sie hatte mich aufgesucht, und ich hatte sie mit dem überheblichen Eindruck fortgeschickt, dass ihre Sorgen auf einem Teelöffel Platz hatten. Und nun war sie tot.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich so dasaß, das eine Bein aus der offenen Autotür geschwungen, die Augen auf das Bild gebannt, aber es muss eine ganze Weile gewesen sein, denn mit einem Mal verdunkelte ein Schatten das Fenster, und jemand beugte sich über mich.