Und ich hab dich doch vermisst - Rachel Harris - E-Book

Und ich hab dich doch vermisst E-Book

Rachel Harris

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Zweite Chance für die eine große Liebe

Justin Carter hat ein Geheimnis. Er ist gar nicht der große Player, für den er sich ausgibt. Nicht wirklich. Denn eigentlich wollte er immer nur eine: seine große Liebe Peyton. Blöd nur, dass er ihr vor drei Jahren das Herz gebrochen hat. Wegen eines Schulprojekts müssen die beiden wieder mehr Zeit miteinander verbringen. Und während Justin alles versucht, um Peyton zurückzugewinnen, versucht Peyton alles, um ihn und auch sich selbst davon zu überzeugen, dass sie längst über ihn hinweg ist. Was natürlich eine fette Lüge ist ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 543

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



DIE AUTORIN

Foto: © IAI Torres Photography

Bestsellerautorin Rachel Harris schreibt humorvolle Liebesgeschichten, die jeden zum Dahinschmelzen bringen. Große Emotionen und überzeugende Beziehungen bilden die Grundlage für ihre Bücher … und Küsse. Viele Küsse.

Rachel schreibt Bücher für Jugendliche und Erwachsene und liebt es, mit ihren Lesern im Gespräch zu sein.

Bei cbt bereits lieferbar:

Und er steht doch auf Dich

Mehr zu cbt auf Instagram @hey_reader

Rachel Harris

Aus dem Amerikanischen

von Eva Hierteis

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2016 Rachel Harris

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »The Natural History of Us« bei Spencer Hill Press, USA

Übersetzung: Eva Hierteis

Covergestaltung: init Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen unter Verwendung eines Fotos von © Shutterstock / Rasstock

MP · Herstellung: eS

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-20500-3V002

www.cbt-buecher.de

Für Megan Rigdon,

die mit so viel Enthusiasmus und Herzblut

bei der Sache war, dass es jede einzelne Seite

beeinflusst hat, und für Mindy Ruiz,

die mich zu einem ganz wichtigen Teil

dieser Geschichte inspiriert hat.

Danke für eure Freundschaft – sie ist ein Geschenk.

Montag, der 12. Mai

3 Wochen bis zum Abschluss

12. Klasse

PEYTON

Hauswirtschaftslehre, 13:30 Uhr

Es heißt, wenn einen erst mal das Rodeoreiten gepackt hat, ist man nicht mehr derselbe.

Der Geruch von ausgedörrter Erde und salzigem Popcorn, das Donnern der Hufe auf dem Boden. Der aufgewirbelte Staub, den man auf der Zunge schmeckt, der einem ins Gesicht peitschende Wind. Es brennt sich in die DNA ein. Die weichen Lederzügel hinterlassen so ein ganz spezielles Gefühl an den Fingerspitzen, und egal, wo man ist oder was man gerade macht, man kann einfach jederzeit die Augen schließen und hört wieder die Menge jubeln angesichts der letzten Wendung. Die Geister früherer Reiter flüstern einem ins Ohr, spornen einen an, alles, einfach alles zu geben, bis an die eigenen Grenzen zu gehen.

Es ist Rausch und Verderben zugleich. Eine regelrechte Sucht.

Rodeoreiten war mal mein Leben und ich war richtig gut darin. Verdammt, manche behaupteten sogar, ich war drauf und dran, eine der Besten weit und breit zu werden. Aber das war davor. Vor drei Jahren zwang mich mein schwacher Körper, mir einzugestehen, dass es damit aus und vorbei war – egal wie groß meine Furcht und mein Widerstand dagegen auch sein mochten, seit ich ein paar Monate zuvor aus dem Krankenhaus gerollt war.

Na ja, zumindest bis jetzt.

Während meine Mitschüler durch die offene Tür hereinströmen, ihre Rucksäcke abstellen und sich darüber unterhalten, was sie am Wochenende alles Tolles erlebt haben, schreibe ich das, was ich gerade auf der Website von Rodeo America gelesen habe, in mein Notizbuch.

Tonnenrennen-Workshops liegen voll im Trend. Ferienlagerfür professionelle Reiter und Rodeobegeisterte im Kommen. Ranches machen RIESIGE Gewinne.

Diese zwei letzten Worte? Aber hallo, die leuchten voll in Neonfarbe. Genau genommen sind sie das Einzige, was mich davon abhält, komplett wegen Moms Idee auszuflippen und das Internet fieberhaft nach einer anderen Option zu durchforsten. Egal welcher.

Nachdem ich mich kurz vergewissert habe, dass auch wirklich keine Lehrer da sind, schnappe ich mir mein Handy und rufe meine Nachrichten auf. Unzählige SMS über Hundefutter, Pferdeshampoo und YouTube laufen über das Display. Faith hält es für absolut unerlässlich, mich umgehend zu informieren, wann immer sie eine Idee für ihren beliebten Web-Channel hat … auch wenn es drei Uhr nachts ist.

Als ich meine letzte Gruppen-SMS finde, mein verzweifeltes SOS von heute Morgen, tippe ich mit zittrigen Fingern: Schöne Scheiße. Diesmal hat Mom echt was Cooles ausgegraben.

Während ich ungeduldig auf eine Mutmachdosis (so à la »Hey, alles halb so wild«) von den zwei Leuten warte, die wirklich checken, was das für mich bedeutet, die meine Ängste verstehen, ertönt vom Tisch hinter mir ein dumpfes Wumms, und ich zucke zusammen.

»Wo warst du das ganze Wochenende? Hab dich auf keiner einzigen Party gesehen.«

Ich schlucke die Erwiderung runter, die mir schon auf der Zunge liegt: Vielleicht weil ich zu keiner eingeladen war?

Mein guter Vorsatz fürs neue Jahr lautete, im letzten Schuljahr weniger zynisch zu sein, also drehe ich mich um und beschließe, stattdessen in allen schillernden Einzelheiten zu berichten, wie Sparky, unser Dobermann, dem vom Autofahren immer schlecht wird, mich von oben bis unten vollgekotzt hat.

»Hatte was Besseres vor als das nächste geistlose Besäufnis«, erwidert Lauren Hays und kommt mir damit zuvor.

Okay, offenbar hat Melissa gar nicht mich gemeint. Als schlagender Beweis dafür könnte gelten, dass sie eigentlich nie mit mir spricht und außerdem gerade Lauren anstarrt. Normalerweise mache ich tunlichst einen weiten Bogen um das Mädchen, das alles in Personalunion ist – Anführerin des Tanzteams, Jahrgangssprecherin und mitverantwortlich dafür, dass mir in meinem allerersten Highschooljahr das Herz gebrochen wurde –, aber bei ihrer Wortwahl muss ich trotzdem grinsen.

Geistlos. Tja, das ist mal ein Wort, das man nicht oft hört.

Lauren bekommt mit, dass ich lächle, und verzieht den Mund, als hätte sie was Ekliges gerochen. Eigentlich sollte ich daraufhin wegsehen. Tu ich aber nicht. Ich lächle breiter, und sie verdreht die Augen, lehnt sich an den Tisch und rückt den Bund ihres Schuluniformrocks zurecht.

»Meine Schwester hat mich zu Padre ausgeführt«, sagt sie und lässt den Saum ein paar Zentimeter nach oben wandern.

Bei der Erwähnung der älteren Hays-Schwester und ehemaligen Ober-Diamond-Doll bekommt Melissa Augen so groß wie Untertassen. Während die beiden damit beginnen, ihre ach so tolle Ausbeute vom Wochenende wiederzukäuen (mit wem sie rumgemacht haben, wer es alles mitgekriegt hat und welche Dramen sich daraufhin abgespielt haben), wende ich mich wieder nach vorn.

Meine Familie ist pleite, wir stehen so kurz davor, unsere Ranch verkaufen zu müssen, und das Einzige, was sie retten kann – uns retten kann –, ist mein schlimmster Albtraum. Wie es der Zufall will. Bei mir fehlt momentan nur noch ein Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.

Ich werfe einen Blick nach unten und starre auf mein Handy, als könne ich es so dazu bringen, endlich zu summen und mir eine neue Nachricht anzuzeigen. Ich brauche ganz dringend ein Tschakka, du schaffst das! von Faith und Cades unerschütterlichen Optimismus. Als das Display nur dunkel und stumm zurückstarrt, seufze ich laut und balle unter dem Tisch die Hände zu Fäusten.

Einatmen, zwei, drei, vier. Lockerlassen. Ausatmen, zwei, drei, vier.

Diese Übung gibt mir irgendwie Sicherheit. Meine Muskeln arbeiten lassen, sie anspannen und entspannen, zu spüren, wie sie mir gehorchen, das ruft mir ins Bewusstsein, dass ich kräftig bin. Dass ich doch ein bisschen Kontrolle habe. Auch wenn es sich so anfühlt, als würde mein Leben aus den Fugen geraten.

Natürlich spricht es keiner offen aus, aber ich bin schuld an unserer finanziellen Misere. Meine Arztrechnungen haben ein verdammt großes Loch in die Ersparnisse meiner Eltern gerissen, und wie es aussieht, wird es immer schlimmer, denn die beiden brüten zur Zeit jeden Abend darüber, zusammengekauert zwischen Kontoauszügen und dampfenden Kaffeetassen. Sie haben laut darüber nachgedacht, das Land meines Urgroßvaters zu verkaufen, das Geschäft mit der Pension zu verkleinern, ja sogar sich beruflich zu verändern. Doch als sie gestern Abend die Rodeoschule zur Sprache brachten, habe ich zum ersten Mal Begeisterung in ihren Stimmen gehört. Natürlich hatten sie keinen Schimmer, dass ich gelauscht habe. Sie packen mich lieber in Watte, weil sie nicht wollen, dass ich mich aufrege. Aber ich bekomme es sehr wohl mit, und ja: Ich mache mir Sorgen, und ich werde nicht zulassen, dass wir pleitegehen. Nicht, wenn ich es verhindern kann.

Ich balle gerade wieder die Fäuste, als der Gong ertönt. Ms Stasi kommt herein und die Gespräche werden nur noch im Flüsterton fortgesetzt. Mit einem Papierstapel und einem losen Schnürsenkel, der auf den Boden klatscht, steuert sie auf ihr Pult zu und kommt direkt an meinem Platz in der Mitte des Zimmers vorbei. Und genau da passiert es natürlich: Auf meinem Tisch legt mit einem verräterischen Geblink wie ein Leuchtfeuer endlich mein Handy los. Und zwar gleich doppelt.

Zuerst bringt Kate Perry und dann Hunter Hayes der ganzen Klasse ein Ständchen – denn das sind Faiths und Cades persönliche SMS-Klingeltöne –, während ich mit kraftlosen Fingern an dem dämlichen Ding herumfummle. Unter den Augen der gesamten Klasse stelle ich es auf lautlos und blicke dann auf, um mich meinem Schicksal zu stellen. Unsere Lehrerin sieht mich demonstrativ und zugleich ein klein wenig amüsiert an.

Jap. Ich bin erledigt.

Offiziell sind Handys in der Schule verboten. »Sie lenken die Schüler ab und sind dem anspruchsvollen Lernprozess hinderlich.« Doch wir sind im letzten Schuljahr, der Countdown für die große Freiheit läuft, und um keine blindwütige Rebellion der ganzen Klasse zu riskieren, haben sich die meisten Lehrer für eine laxe Auslegung der Regeln entschieden. Wenn sie die Handys nicht zu Gesicht bekommen und nicht hören, ist es ihnen mehr oder minder egal. Dummerweise trifft in meinem Fall gleich beides zu.

Hitze schießt mir in die Wangen, während Lauren hinter mir kichert, und ich muss mich einmal mehr an meinen Neujahrsvorsatz erinnern, denn: Es sind nur noch drei Wochen bis zum Abschluss.

Ich ignoriere Lauren, zucke mit einer Schulter und setze ein billiges, breites Grinsen auf. »Upsi.«

Mit einem stummen Lachen schüttelt unsere Lehrerin den Kopf und rollt theatralisch mit den Augen, ehe sie sich zu ihrem Pult umdreht, wo sie unnötigerweise den superordentlichen Papierstapel in ihren Händen auf der Tischplatte verteilt und so tut, als würde sie irgendetwas suchen. Was mir wiederum die Möglichkeit gibt, kurz meine Nachrichten zu checken.

Ich wusste schon immer, dass sie eine von den Guten ist.

Faiths SMS ist die Erste: Einatmen, ausatmen, Mädel. Egal was kommt, wir kriegen das schon hin. *Fauststoß*

Ich hebe meine Faust in die Luft und stelle mir dazu ihre wild entschlossene Miene vor, dann lese ich Cades Nachricht: Wir lassen uns was einfallen. Versprochen.

Erleichterung strömt durch meine Adern und kühlt mich ein bisschen runter. Das ist Grund fünftausendelf, warum die beiden einfach nur wundervoll sind. Faith ist meine Stimme der Vernunft und mein furchtloser Konterpart, und Cade … tja, was auch immer Cade ist, er versteht einfach. Versteht mich. Die beiden sind die Einzigen, die über meine Rodeo-Angst seit dem Unfall Bescheid wissen, und wenn sie der Meinung sind, das wird schon, dann stimmt das auch.

Ich nicke und glaube es fast selbst. Gerade will ich mich daranmachen, eine Antwort zu tippen, als noch eine Nachricht eintrudelt – diesmal nur an mich.

Cade: PS: Lieb dich!

Ohne es zu wollen, zucke ich zusammen. Mir ist glasklar, dass diese Reaktion absolut mies von mir ist, und vor Selbstverachtung läuft mir ein Schauer über den Rücken. Cade Donovan hat alles, was sich ein Mädchen von seinem Freund nur wünschen kann – alles, was ich mir wünschen sollte. Er ist witzig und klug, ein toller Zuhörer. Süß auf diese Art, wie es gut aussehende Jungs sind, wie direkt aus einer TV-Serie, und sein Knackarsch füllt seine Levis einfach nur wow aus. Schon seit ich beim Sport einen BH tragen muss, ist er einer meiner besten Freunde, und in den letzten paar Jahren war er mein Fels in der Brandung. In einer perfekten Welt – einer, in der mein Herz nicht völlig verkorkst wäre – müsste ich überglücklich sein, solche Worte von ihm zu hören. Ein Jammer, dass das Leben nun mal nicht perfekt ist. Nicht mal annähernd.

Genau genommen liebe ich Cade sehr wohl. Nur eben nicht so, wie er es sich wünscht.

»In Ordnung, Leute, dann legen wir mal los.«

Während Ms Stasi die letzten paar Nachzügler, unter denen auch meine Freundin Mi-Mi ist, zu ihren Plätzen schickt, atme ich tief durch. Ein Auge zugekniffen, tippe ich schnell das allseits beliebte (und erbärmliche) xoxo und schalte dann mein Handy aus, wobei mir ganz flau ist vor schlechtem Gewissen.

»Wir befinden uns auf der Zielgeraden«, erklärt unsere Lehrerin, woraufhin aus allen Ecken Jubel aufbrandet. Ihr Lächeln wird breiter und sie nickt. »Jap, der Abschluss steht mehr oder minder vor der Tür und wir gehen heute unser letztes großes Projekt für dieses Jahr an.«

Der Jubel verebbt in einem Stöhnen und sie lacht laut und irgendwie auch ein bisschen fies. Ms Stasi ist cool, sofern man das von einem Lehrer sagen kann, aber sie hat auch eine sadistische Ader.

»Ich weiß, ich weiß, die Abschluss-Seuche grassiert und ihr seid alle gedanklich schon ganz woanders«, fährt sie fort. »Aber Leute, die schlechte Nachricht ist: Noch ist die Schule nicht vorbei. Doch ihr habt Glück. Diese letzte Lektion wird die allerbeste.«

Von ihrer Bank neben mir guckt Mi-Mi interessiert mit großen Augen zu mir rüber. Dank unserer – aus komplett unterschiedlichen Gründen – extrem vollen Stundenpläne sitzen wir zwei im selben Boot. Meiner ist mit zusätzlichen Mathe- und Naturwissenschaftkursen vollgepackt, die mich auf das Tiermedizinstudium vorbereiten sollen, während Mi-Mi alles an Kunst-, Musik- und Theaterkursen belegt hat, was unsere Schule zu bieten hat. Sie ist hier die beste Schauspielerin weit und breit.

Mit Hauswirtschaftslehre verbindet Mi-Mi eine Art Hassliebe. Eigentlich bevorzugt sie Kurse, in denen sie so laut rumkreischen kann, dass einem das Trommelfell schwirrt, doch die große Zahl an männlichen Schülern in diesem Kurs – auf der Suche nach einer leichten Eins – ist ein adäquater Ersatz. Und ich? Stehe auf mathematische Lehrsätze, und die Zentripetalkraft lässt mein Herz höherschlagen, aber Hauswirtschaftslehre ist mein heimliches Laster. Hier kann mein Gehirn so schön auslüften. Die Projekte sind einfach, und man lernt Dinge, die im täglichen Leben auch wirklich brauchbar sind – nicht so wie das Paarungsverhalten der Fruchtfliege.

Wenn ich nur an den Bio-2-Laborkurs letztes Jahr denke, kriege ich schon Gänsehaut.

Federnden Schrittes geht unsere Lehrerin auf und ab und tippt à la böse Wissenschaftlerin ihre Fingerspitzen gegeneinander. »Und ihr werdet meine Versuchskaninchen sein«, erklärt sie. »Dieses Jahr werde ich die Dinge ein wenig anders angehen, ein paar Lektionen zusammenlegen, und dafür kommt was Neues dazu. Ein Mini-Experiment, wenn man so will. Alyssa kann euch sicherlich ein Lied davon singen, dass ich liebend gern ein bisschen Leben in die Bude bringe.«

Aly Reed, die in Ms Stasis Mannschaft Volleyball spielt, lacht hinter mir. »Und das führt zu nichts als Ärger.«

»Unsinn! Das wird euch gefallen. In den paar verbleibenden Wochen werden wir uns Themen zuwenden, mit denen sich viele von euch nach dem Schulabschluss früher oder später auseinandersetzen müssen. Zum ersten Mal einen Haushaltsplan aufstellen, damit das Geld nicht vor dem Monatsende weg ist. Karriere- und Lebensplanung. Sich vielleicht Gedanken über Heirat und Familie machen. Ich habe beschlossen, drei Unterrichtseinheiten zu den Themen Geld, Beziehungskompetenz und kindliche Entwicklung in einem aktuellen, lebensnahen Projekt zu kombinieren. Es wird fünfundzwanzig Prozent der Semesternote ausmachen und anstelle der Abschlussprüfung werdet ihr in Zusammenarbeit mit eurem jeweiligen Teampartner einen Hausaufsatz schreiben.«

Eine Reihe weiter hebt meine ehemalige Kontrahentin die Hand. »Was für ein Partner?«

»Ah, gut, dass du fragst, Lauren.« Ms Stasi schiebt sich mit der Hüfte aufs Pult und macht eine kleine Kunstpause, um die Spannung zu steigern. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wird das interessant. Ich merke, wie ich mich vorbeuge, genau wie der Rest der Klasse, bis sie schließlich verkündet: »Glückwunsch! Ihr seid alle frisch verheiratet!«

Um mich herum kollektives Aufkeuchen und verwirrtes Gelächter. Ms Stasi grinst (Versteht ihr jetzt, was ich meine? Sadistisch!), und schon im nächsten Moment fangen Melissa und Lauren an, im Flüsterton darüber zu spekulieren, wer wohl ihre Männer sein werden. Eine Frage, die offenbar alle sehr beschäftigt, denn von hinten ertönt eine tiefe Stimme: »Dürfen wir uns unsere Frauen aussuchen?«

Automatisch drehe ich den Kopf. Wenn es um ihn geht, lässt mich mein Selbsterhaltungstrieb ein ums andere Mal übelst im Stich. Dabei war er gar nicht derjenige, der die Frage gestellt hat, und dabei habe ich megastreng darauf geachtet, in den fast neun Monaten kein einziges Mal zu ihm nach hinten zu sehen, aber ich weiß, dass er da ist. Er sitzt mit den anderen aus der Baseballmannschaft zusammen.

Mein Blick wandert hinüber zu Drew, unserem Third Baseman, und Brandon, unserem besten Pitcher, verharrt kurz auf Carlos, dem Shortstop-Star und Klassenclown, der mit einem dämlichen Grinsen auf dem Gesicht die Hand gehoben hat, und bleibt dann an Justin hängen.

Wusch! Wie ein kalter Schwall trifft es mich im Nacken. Hinter meinen Rippen spüre ich ein dumpfes Stechen, und die Zeit erstarrt zu Eis, während sich mein Herz zusammenzieht. Es ist weder Hass noch Wut, was da in mir brodelt – Gott, ich wünschte, es wäre so. Eher ein Gefühl von Demütigung, Schmerz und tiefer Reue. Außerdem ein Hauch Einsamkeit und dumme Sehnsucht.

Wie erbärmlich ist das denn?

»Leider nicht«, erwidert Ms Stasi, und ich reiße den Blick von ihm los und konzentriere mich wieder auf unsere Lehrerin – zum Glück ehe er mich beim Gaffen erwischt, denn sonst müsste ich meiner fiesen Gefühlsmixtur auch noch Verlegenheit hinzufügen. »Mir ist klar, dass es in dieser Klasse diverse Paare gibt, aber das Projekt wird die ganze restliche Zeit des Kurses in Anspruch nehmen, und das ist bedauerlicherweise länger, als die meisten Beziehungen an der Fairfield halten. Ich denke, wir überlassen die Partnerwahl am besten diesem schnellen, praktischen Ding namens Computer.«

Damit nimmt sie die Papierstapel.

Während sie zum anderen Ende des Zimmers geht, nickt sie jemandem zu, der durch die Glasscheibe vom Gang aus hereinspäht. »Hier«, sagt sie zu Madison in der ersten Reihe. »Nimm einen Schwung und gib ihn nach hinten durch. Ich muss kurz raus, also nutzt die Zeit, um schon mal einen Blick in die Unterlagen zu werfen. Darin findet ihr alle Details zu gemeinsamen Arbeitsaufträgen und auf der letzten Seite außerdem den Namen eures oder eurer Angetrauten.«

Sie geht hinaus, und die Tür ist noch kaum hinter ihr ins Schloss gefallen, da brandet schon überall Gelächter auf.

Das ist der Moment, als es mich trifft wie ein Schlag in die Magengrube.

Warum mir der Gedanke nicht schon früher gekommen ist, als alle anderen geflüstert und wilde Vermutungen angestellt haben, kann ich nicht sagen. Ich schiebe es auf das leidige Rodeothema. Wie auch immer, während der Papierstoß langsam wie eine Schildkröte von Bank zu Bank wandert und die schreckliche Möglichkeit immer mehr zu einer kranken, verrückten Gewissheit wird (denn sehen wir der Wahrheit ins Auge: Genauso läuft das in meinem Leben nun mal!), bleibt mir nichts anderes übrig, als meinem Schicksal entgegenzublicken, darauf zu warten, dass es zuschlägt, und zu denken: Nein, so viel Pech kann kein Mensch haben … oder?

Ich habe den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gebracht, als ich schon die Augen schließe und zynisch schnaube.

Oh, du Dummerchen. Schlimmer geht immer.

Ich wippe auf meinem Stuhl vor und zurück, und das steife Plastik ächzt, während alte Erinnerungen auf mich einstürmen. Und diesmal geht es nicht um Rodeo oder meine angeschlagene Gesundheit, sondern um einen ganz bestimmten Jungen und sein unverschämtes Grinsen. Die Art, wie er mich aufgezogen hat, wie er mich geküsst hat. Der tiefe Klang seines Lachens und der gequälte Ausdruck in seinen Augen.

Und wie ich mich so scheiße in ihn verliebt habe.

»Peyton.« Mi-Mi stupst mich am Arm an und ich öffne die Augen. Nur mit Mühe ringe ich mir ein Lächeln ab, nehme ihr die Stapel ab und schleudere blind fünf Exemplare hinter mich, ehe ich alle anderen bis auf eines an meine Banknachbarin weitergebe. »Alles okay mit dir?«

Ich nicke steif. »Mir ist nur ein bisschen übel.«

Die Untertreibung des Jahrhunderts.

Sie nimmt es mir mit einem Schulterzucken ab, und ich beginne, in den Unterlagen zu blättern. Schon komisch, erst wollte ich so dringend wissen, wer mein Partner ist, habe so darauf gebrannt, zu erfahren, ob mich das Universum wirklich so sehr hasst, und jetzt, da ich die Unterlagen in Händen halte und die Wahrheit zum Greifen nahe ist, ist es, als würde ich mich in Zeitlupe bewegen. Der Raum verschwindet. Laurens höhnisches Kichern verstummt. Meine Welt schrumpft zusammen, bis nur noch der Klang meines abgehackten Atems übrig bleibt und die Seite, die darüber entscheidet, wie mein letztes Highschooljahr enden wird: stressfrei oder sauätzend.

Ich schüttle die Hand aus und atme tief durch, um mich für den Moment der Wahrheit zu wappnen. Dann, langsam, furchtsam, schlage ich das letzte Blatt um, spähe ganz unten auf die Seite …

… und breche in hysterisches Gelächter aus.

Ich fühle Mi-Mis Blick auf mir. Spüre Laurens Befremden. Wenn unsere Lehrerin noch hier wäre, würde sie mich zweifellos fragen, ob ich zur Schulkrankenschwester will. Doch gegen diesen Wahnsinn helfen weder Pillen noch Sich-Hinlegen. Denn dort steht schwarz auf weiß in der letzten Zeile des Arbeitsblattes mein Name. Zusammen mit dem Jungen, der mir unwiderruflich das Herz gebrochen hat …

Justin Carter.

JUSTIN

Hauswirtschaftslehre, 13:45 Uhr

»Wenn Gabi hört, dass ich mit Lauren verheiratet bin, wird sie ausrasten.«

Carlos stöhnt, und ich reiße den Blick von Peyton los, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch zu stehen scheint. Mein bester Freund dreht den Stift in seiner Hand um und tut so, als wolle er ihn sich wie einen Dolch in die Brust rammen. »Glaubst du, Ms Stasi erlaubt mir einen Partnertausch?«

Es dauert einen Moment, bis bei mir ankommt, was er mich gefragt hat. Peytons Lachen hallt mir noch immer in den Ohren. Aber ich bin Meister im Dumm-Daherreden und Dinge-Überspielen, deshalb grinse ich nur. »Sag ihr, das ist die gerechte Strafe dafür, dass sie nicht mit uns anderen zusammen Hauswirtschaftslehre genommen hat.« Dann werfe ich heimlich wieder einen Blick nach vorn.

Ich habe es seit Jahren nicht mehr gehört, aber eigentlich hat Peyton ein sehr melodisches Lachen. Also wenn Sonnenschein, Regenbogen oder fliegende Einhörner einen Klang hätten, dann wäre er so wie ihr Lachen. Oder zumindest so, wie es eigentlich sein sollte, nicht dieser harte, zynische, gequälte Ton, den sie gerade von sich gegeben hat. Es hört sich so falsch an, so daneben, dass ich mich tatsächlich mit der Hand an der Tischplatte festklammern muss, um nicht aufzuspringen und zu ihr rüberzugehen.

Als ob sie das überhaupt wollen würde!

Carlos sieht mich von der Seite an. »Mann, wie um alles in der Welt stellst du es eigentlich an, so viele Frauen abzuschleppen?« Er schnaubt und schüttelt den Kopf. »Egal, ich habe mir die Frage schon selbst beantwortet. Du, mein Freund, kennst dich eben mit den Coolen, Lockeren aus. Aber wenn’s um Beziehungstypen geht, dann lass dir von mir eines gesagt sein.« Er lehnt sich über den Durchgang zwischen unseren Tischen, als würde er gleich ein streng gehütetes Geheimnis preisgeben. »Wenn ich deinem Rat folge, schneidet Gabi mir die Eier ab und verwahrt sie in ihrer Fototasche.«

»Und da wunderst du dich noch, warum ich nichts von festen Beziehungen halte?«, erwidere ich mit einem Halb-Lächeln, aber sogar ich höre, dass meine Antwort nicht so recht überzeugend klingt. Sein Grinsen erlischt und er sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. Ich drehe schnell den Kopf weg. Das hat mir gerade noch gefehlt, dass er mich jetzt in die Mangel nimmt.

Ein dumpfer Schmerz zwickt und zwackt mich hinter dem Brustkorb, und während ich mich bemühe, kein Loch in Peytons Hinterkopf zu starren, fällt mein Blick auf Aly. Sie nickt zu irgendwas, was Brandon zu ihr sagt, und beugt sich dann vor, um ihn auf die Wange zu küssen. Ich atme durch. Vielleicht klingt das jetzt komisch, weil ich Anfang dieses Jahres selbst was mit ihr hatte, aber sie so glücklich und strahlend mit ihm zu sehen, lindert irgendwie den Druck in meiner Brust.

Das mit Aly und mir hat einfach nicht sein sollen. Sie stand seit der neunten Klasse auf Brandon, und wie sich immer wieder gezeigt hat, tauge ich einfach nicht für was Festes. Doch während unserer Super-Kurzzeit-Beziehung war ich seit Jahren am nächsten dran, mir wirklich was Festes zu wünschen. Und seit wir Schluss gemacht haben, ist da dieses brennende Kribbeln unter meiner Haut, als ob eine Art lästiger sechster Sinn mir sagt, dass irgendwas nicht stimmt oder fehlt. Und egal, was ich mache – ob es nun um Mädchen, Schule oder sogar Baseball geht –, es fühlt sich alles irgendwie nicht mehr so an wie zuvor.

Was mich ankotzt, denn eigentlich sind Baseball und Mädchen die einzigen zwei Dinge, bei denen mir echt keiner was vormachen kann.

Carlos’ Handy summt auf seinem Tisch, und ich werfe einen Blick hinüber, als er den Kopf in die Hände stützt.

»Shit«, murmelt er. »Hurrikan Gabi trifft auf Land.«

»Hat ihr jemand das mit Lauren gesteckt?«, frage ich, nehme einen Stift und fange an, in einer Ecke meines Unterlagenpakets ein Baseballfeld zu skizzieren. Ich bin zwar nicht Brandon, der echt genial zeichnen kann, aber das ist immer noch um Längen besser, als hier rumzusitzen und so psychomäßig zu analysieren, was mit mir los ist.

Carlos nickt erschöpft und ich grinse. Keine Ahnung, wie früher, vor den Zeiten von WhatsApp und Twitter, der ganze Scheiß die Runde gemacht hat, aber in diesem Fall rettet mich die moderne Technologie.

Darauf, dass der gute alte Carlos mir ungewollt einmal mehr klarmacht, warum ich keine feste Beziehung will, kann ich mich eben verlassen. Ich möchte schwören, dass er und Gabi sich manchmal einfach was ausdenken, damit sie ein Riesendrama abziehen können. Ständig zoffen sie sich wegen nichts und noch mal nichts und verbringen die meiste Zeit damit, sich gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben. Ich bin ja kein Experte, aber dieser Mist ist nicht normal.

»Carlos, schau mich mal an.« Er hebt den Kopf und ich lege ihm die Hand auf die Schulter. »Sag mir die Wahrheit … sie hat dich schon jetzt voll an den Eiern, oder?« Er verengt die Augen und ich grinse. »Einmal blinzeln bedeutet Ja und ich hole sofort Hilfe.«

Sein gutmütiges Lächeln kehrt zurück und er schlägt meine Hand weg und zeigt mir den Mittelfinger. Das ist auch gut so, weil ich es nicht ernst meine. Na ja, zumindest nicht hundertpro.

»Und wie sieht’s mit dir aus, hm?« Er nimmt meinen Papierstapel und beginnt zu blättern. »Wer ist denn die Glückliche, die im nächsten Monat deinen ollen Arsch an der Backe hat?«

Weil es mir eigentlich piepegal ist, zucke ich mit den Schultern und lehne mich zurück, um die fleckigen Deckenplatten zu betrachten … bis ich ein »Oh-ha!« höre.

Ich werfe ihm einen Blick zu. »Ist das ein gutes oder ein schlechtes Oh-ha?«

Er wiegt den Kopf hin und her und lässt sich mit seiner Antwort Zeit. »Das kommt wohl drauf an, wie man es betrachtet.«

Ich setze mich auf, reiße ihm die Blätter aus der Hand und suche nach meinem Namen. Dabei merke ich genau, wie er mich beobachtet, und das macht mich nervös. Ich hatte was mit der Hälfte der Mädchen in der Klasse (ehrlich gesagt mit der halben Schule), aber so ein schlimmes Ende hat doch keine der Affären genommen. Die meisten wissen doch schon Bescheid, bevor es überhaupt richtig angefangen hat – das ist das Schöne daran, wenn man was mit Lockeren, Coolen hat. Das Einzige, was nicht so locker-lässig war, war das mit Aly und ist lange her. Und sie und Brandon sind dermaßen aufeinander fixiert, dass ich ihnen relativ egal bin.

»Ihr beide seid mal eine Weile miteinander rumgehangen, stimmt’s?«, fragt Carlos, während ich mich dem Ende der Seite nähere, und ich muss zweimal hinsehen, als ich die letzte Zeile erreiche.

»Habt ihr euch verkracht oder so?«

»Oder … so«, murmle ich und schlucke schwer.

Justin Carter und Peyton Williams.

Das erklärt zumindest das hysterische Lachen.

Langsam hebe ich den Blick und schaue nach vorn. Als würde sie es spüren, dreht Peyton sich auf ihrem Stuhl um, und als ihre großen graublauen Augen in meine sehen, bleibt mir voll die Luft weg.

Schuldgefühle, Sehnsucht und diese saudämliche Frage – Was wäre wenn? – treffen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Man sollte meinen, dass es nach drei Jahren leichter geworden wäre, sie zu sehen. Ist aber nicht so. Ich bin nur deutlich besser darin geworden, zu kaschieren, was das jedes Mal mit mir macht. So zu tun, als würde ich nicht immer mal wieder auf den Gängen nach ihr Ausschau halten, um zu checken, ob alles mit ihr okay ist. So zu tun, als würde ich mich nicht fragen, was in ihr vorgeht, was sie so macht, und als würde es mich kaltlassen, wenn ich sie zufällig mal lächeln sehe. Früher war ich mal der Grund dafür, dass Peyton gelächelt hat.

Jetzt wäre ich schon überglücklich, wenn sie mich nicht anfunkeln würde, als wäre ich ein Stück Hundescheiße, das an ihrem Schuh klebt.

»Meine Fresse, Kumpel.« Carlos pfeift durch die Zähne, nachdem sie sich wieder nach vorn gedreht hat. »Die ist definitiv kein Fan von dir.« Er lacht in sich hinein und lässt es schnell in ein Hüsteln übergehen, als ich ihm einen bösen Blick zuwerfe. »Was zum Teufel hast du ihr getan?«

»Nichts«, sage ich und wünschte, das wäre die Wahrheit. »Nur ein kleines Missverständnis.«

Aber es war nicht klein und auch ganz bestimmt kein Missverständnis. Egal, ob es nun der Wahrheit entsprach oder nicht – Peyton hat an diesem Tag genau das verstanden, was ich ihr zu verstehen geben wollte. Sie hat geglaubt, was ich sie glauben machen wollte, um sie zu schützen. Um mich zu schützen. Und genau das habe ich seither jeden einzelnen Tag bereut.

Dass ich sie belogen habe.

Dienstag, der 4. Januar

21 Wochen bis zur Katastrophe

9. Klasse

PEYTON

Fairfield Academy, 7:05 Uhr

Das war jetzt also die Highschool. Schüler strömten durch alle Türen und standen an den Wänden. Kunterbunte Flyer und Vitrinen voller Pokale, tausend Leute, die alle durcheinanderredeten. Es war ein wahnsinniges Chaos, und während ich mit großen Augen wie Dorothy im Zauberer von Oz mitten hindurchspazierte, konnte ich nicht anders als gaffen. Ein Mädchen in einer Schuluniform, die genau wie meine eigene aussah, musterte mich im Vorbeigehen mit gerümpfter Nase, und ich konnte mich zum Glück im letzten Moment noch zusammenreißen, um ihr nicht schüchtern zuzuwinken wie ein sozial minderbemittelter Trottel.

Das. War. Wahnsinn.

Gut, die Schule an einem Dienstag anzufangen, hatte was Merkwürdiges. Außerdem war ich mit einem halben Jahr Verspätung dran, meine Uniform fühlte sich steif und kratzig an, und ich lief mit meinem Dad durch die Gänge. Aber das alles war mir egal, denn es bedeutete, dass ich hier war, an der Fairfield Academy, und dass ich trotz all der hinter vorgehaltener Hand geäußerten Zweifel und der Angst, die mir in den Knochen saß, schließlich doch meinen Neustart bekommen hatte.

Mir war jetzt schon klar, dass ich auch einiges vermissen würde. Bisher war ich nie zur Schule gegangen, sondern zu Hause unterrichtet worden, was natürlich gewisse Vorteile hatte, wie zum Beispiel, dass ich mein Gehirn nicht vor neun Uhr morgens einschalten musste und den ganzen Tag in ollen Pyjamas rumlaufen konnte. Außerdem konnte ich zwischen Algebra und Erdkunde schnell mal eben einen Dachshund baden und abschrubben, Zeit der Sehnsucht gucken oder nach dem Mittagessen mit Oakley ausreiten. Und das Wichtigste? Mein Magen war nie so in Aufruhr, als wolle er sich selbst verschlingen. Doch die Furcht, die mir allein schon deshalb im Nacken saß, weil ich heute durch diese Eingangstür gegangen war, bewies nur, dass ich am Leben war, und ich hielt mich an meinem neuen Motto fest wie ein verzweifelter Cowboy auf einem wild buckelnden Pferd: Tue, was dir Angst macht.

»Dieses Lächeln habe ich vermisst, mein Engel.« Der Ausdruck in Dads grauen Augen wurde ganz weich, weil ihm mein belämmertes Grinsen natürlich nicht verborgen blieb, und er betrachtete mich wehmütig, ehe er hüstelte und wegsah. »Na gut, die Schulkrankenschwester kennt deine Geschichte und die meisten deiner Lehrer ebenfalls. Wenn irgendwas ist – egal was –, wenn du dich aus irgendeinem Grund unwohl fühlen solltest oder meinst, du müsstest dich hinlegen, dann sag einfach Bescheid. Sie werden es verstehen.«

»Ja, Dad, weiß ich doch.«

»Oder aber wir verschieben es lieber noch mal um ein halbes Jahr.« Er sah mich erneut an, die Augenbrauen hoffnungsvoll hochgezogen. »Es ist keine Schande, zu warten, bis –«

»Dad!« Meine Stimme wurde von den Keramikfliesen zurückgeworfen und ein paar ältere Schüler horchten auf und starrten zu uns herüber. Na toll. Hitze schoss mir in die Wangen, während ich ganz nah an meinen Vater herantrat.

»Das haben wir doch schon eine Million Mal durchgekaut«, sagte ich mit gesenkter Stimme. »Du hast mir versprochen, dass ich herdarf, sobald es mir gut genug geht, um selbst durch diese Tür zu laufen. Und genau das habe ich eben getan. Ganz ohne Rollstuhl und mit null Komma null Hilfestellung.«

Vor einem Jahr wäre diese Heldentat lange nicht so beeindruckend gewesen, doch heute war ich deswegen wie in wilder Ekstase.

»Ja, ich hinke ein halbes Jahr hinterher«, sagte ich mit einem Achselzucken zu ihm. »Na und? Ich habe endlich das Schlimmste überstanden, und es ist mir egal, ob all die coolen Klubs schon voll sind oder die besten Wahlfächer belegt. Ich will keine weitere Sekunde verschenken.« Als meine dumme Nase zu brennen begann, drehte ich mich weg und blinzelte kräftig, um die Tränen zu unterdrücken, die mir in die Augen stiegen und die Sicht nahmen. »Ich lasse mir von dieser Krankheit nicht noch mehr von meinem Leben wegnehmen. Damit ist jetzt Schluss.«

Am Ende wurde meine Stimme etwas brüchig, und ich verpasste mir innerlich eine Ohrfeige dafür, dass ich Schwäche zeigte. Heute war der Tag, um zu beweisen, dass ich stark und tough war – dass ich es packte. Nicht, um auf dem Flur zusammenzubrechen und mir den Spitznamen »die neue Heulsuse« einzuhandeln.

»Außerdem«, sagte ich und stieß ihn mit dem Ellbogen am Arm an, »wenn irgendwas ist, bist du ja da.«

Das war natürlich mein Ass im Ärmel. Auf die Schule zu gehen, an der mein Vater unterrichtete, war schon immer der Plan gewesen, und das stärkte meine Verhandlungsposition jetzt deutlich.

Die Fairfield Academy hatte ein tolles duales Bonuspunkteprogramm mit dem Lehrstuhl für Tiermedizin am hiesigen College. Tierärztin zu werden, war schon immer mein größter Traum gewesen … also mal abgesehen davon, beim Tonnenrennen in der Junior-Highschool-Rangliste ganz nach oben zu wandern. Allein schon dieses Programm war es mir wert, einen gewissen Preis dafür zu zahlen.

Und dieser Preis war – auch wörtlich genommen – ein ganzes Stück höher als der für meinen Hausunterricht.

Meine Schritte verlangsamten sich, während Schuldgefühle in mir hochstiegen – ganz ähnlich wie damals, als Oakley sich so erschreckte, dass sie mich abwarf und ich im Zaun landete. Wir hätten das Wohnzimmer im wahrsten Sinne des Wortes mit meinen unvorhergesehenen Arztrechnungen tapezieren können, also vielleicht …

»Ist es wegen dem Schulgeld?«, fragte ich. »Wenn es zu teuer ist –«

»Sei nicht albern.« Dad rang sich ein Lächeln ab, doch es kam nicht ganz bei seinen Augen an. »Für das Kollegium gibt es Vergünstigungen. Und selbst wenn es anders wäre: Geld tut nichts zur Sache, nicht, wenn es das ist, was du wirklich willst …« Er verstummte, als wir vor der Tür des Sekretariats stehen blieben, und ich nickte energisch.

»Ist es«, versicherte ich ihm. Sogar wenn es bedeutet, dass mir meine liebenden, wohlmeinenden, überbeschützenden Eltern ständig wie ein Klotz am Bein hängen. »Ich bin eine neue Peyton Williams, Dad. Ein Mädchen, das den Stier bei den Hörnern packt und was erleben will. Manches wird mir leichtfallen, manches wird mir schwerfallen, bei manchen Dingen werde ich mich sicher fühlen, und andere werden mir eine Scheißangst einjagen.« Ich zwinkerte ihm zu, um ihm zu zeigen, dass ich (größtenteils) Spaß machte, und versuchte, so enthusiastisch wie möglich zu klingen. »Also, auf in den Kampf!«

Diesmal war sein Lächeln echt und er tippte mir mit dem Finger aufs Kinn. »Ich bin stolz auf dich, weißt du das?«

Dieser große, massige Kerl war sooo ein Softie. Ich biss mir auf die Unterlippe, weil mir schon wieder die Tränen kommen wollten, und nickte. Er atmete langsam aus, ehe er die Tür aufmachte. »Es gongt jeden Moment«, murmelte er schroff. »Du brauchst deinen Stundenplan.«

Der berauschende Duft von Druckerfarbe und warmem Papier stieg mir in die Nase und meine Aufregung ging durch die Decke. Meine Übelkeit zwar auch … aber vor allem die Aufregung. Eine Sekunde später gesellte sich noch ein würziger Pfefferminzgeruch dazu und ich federte erwartungsvoll in meinen Sneakers auf und ab.

Als die Tür des Sekretariats mit einem dumpfen Wumms zufiel und der Tumult auf den Gängen schlagartig verstummte, blickten mehrere Schüler hoch, die auf gepolsterten Stühlen an der Wand aufgereiht saßen. Viele musterten mich nur flüchtig, ein paar sahen jedoch neugierig zwischen meinem Vater und mir hin und her. Daran musste ich mich wohl gewöhnen.

Ich folgte Dad zu einem graubraun furnierten Schreibtisch, wobei ich immer im Wechsel meine Hände zu Fäusten ballte und dann wieder lockerließ. In meinem Leben gab es keinen Platz für Angst. Ich würde das schaffen. Ich wollte das schaffen. Hinter einer Art Tresen wuselten Lehrer und Verwaltungsangestellte herum und hasteten zwischen Postfächern und einem riesigen Kopierer hin und her, was mich irgendwie an eifrige Arbeitsbienen erinnerte. Ständig klingelte das Telefon, Leute lachten, und irgendwo in dem Durcheinander dudelte leiser Jazz aus einem Radio. Dad warf einen Blick auf seine Armbanduhr und klopfte dann mit den Fingerknöcheln auf die Platte des Tresens, während er darauf wartete, dass jemand sich für uns zuständig fühlte, und ich schloss die Augen und sog die fieberhafte Energie hier drin in mich auf.

Mit GBS, dem Guillain-Barré-Syndrom, verhält es sich folgendermaßen: Es schlägt schnell und heftig zu. Am einen Tag hatte ich noch mit Oakley am Tomball-Junioren-Rodeo teilgenommen, am nächsten war ich eine Gefangene im eigenen Körper. Wochenlang war ich nicht dazu in der Lage gewesen, zu sprechen und mich zu bewegen. Nicht mal schreien konnte ich. Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte waren in meinem Zimmer ein und aus gegangen, hatten die Lebensfunktionen überprüft und über mich geredet, als wäre ich gar nicht da. Besucher hatten mich mit unverhohlener Angst angestarrt und unbeholfene Gespräche über das Wetter und Football mit meinen Eltern geführt. Danach waren sie nach Hause gerannt und hatten ihre Kinder fest in die Arme geschlossen und Gott gedankt, dass so etwas nicht ihnen passiert war. Ich selbst war nichts als ein stummer Beobachter, während das Leben um mich herum ohne mich weiterging. Doch diese Zeiten waren vorüber. Jetzt konnte ich gehen, konnte sprechen und war auf dem besten Wege, wieder ein voll funktionsfähiges Mitglied der Gesellschaft zu werden.

Es fühlte sich phänomenal an.

Ich öffnete die Augen und stützte mich mit den Ellbogen neben Dad auf den Tresen. Ich nickte einigen Lehrern zu, die ich von unseren Weihnachtspartys kannte, und als die Direktorin aus ihrem Büro kam, um irgendeine Frage zu beantworten, winkte ich und grüßte.

»Peyton!« Ms Gouvas lehnte sich mit einem warmen Lächeln an den Türrahmen, und aus dem Augenwinkel merkte ich, wie ein paar Schüler die Köpfe drehten. »Wie schön, dass du endlich da bist.«

»Ich freue mich auch total«, erwiderte ich und hörte mich zweifellos in den Ohren der Schüler wie der letzte Schleimer an, aber ich freute mich wirklich. Sollten sie mir ruhig einen Strick daraus drehen. »Hat länger gedauert, als ich gehofft hatte, aber jetzt bin ich bereit, mich voll Karacho ins Gefecht zu stürzen.«

Die Mundwinkel der Direktorin sackten ein wenig nach unten, was mir einmal mehr bewusst machte, dass ich mich in nächster Zeit nirgends wirklich voll Karachoreinstürzen würde – und das war uns beiden klar. »Ich bin mir jedenfalls sicher, dass du das Beste aus deinen Jahren hier machen wirst, Peyton.« Sie stieß sich von der Wand ab und deutete auf mich. »Ich werde ein Auge auf dich haben.«

Nachdem sie mir scherzhaft zugezwinkert hatte, verschwand sie wieder in ihrem Büro, und erst da riskierte ich einen längeren Blick hinter mich. Wie schon vermutet, hatte die komplette Reihe das Spektakel beobachtet, und zwar mit gemischten Gefühlen, wie mir die Gesichter verrieten. Sonderlich beeindruckt wirkte allerdings keiner von ihnen.

Ist es denn wirklich so verwerflich, die Direktorin persönlich zu kennen?

Eine Blondine, die ungefähr in meinem Alter zu sein schien, kicherte leise.

Jap, es war verwerflich.

»Ah, Dan.« Eine zierliche Frau mit langen, dunklen Haaren und einer knallroten Bluse ließ einen vollgestopften Ordner auf die Tischplatte plumpsen. Sie blies sich die Ponyfransen aus dem Gesicht und fragte meinen Dad: »Wie geht’s Ihnen an diesem verrückten Morgen?«

»Besser, als ich’s verdient habe«, erwiderte er wie immer. »Aber ich habe gehofft, Sie könnten mir einen Gefallen tun, Kim. Peyton hat heute ihren ersten Tag und ich muss dringend in eine Lehrerkonferenz. Meinen Sie, Sie könnten ihr kurz ein paar Sachen erklären?«

»Klar. Mache ich gern«, erwiderte sie mit einem ermutigenden Lächeln, was einmal mehr bewies, dass dieser große, massige Kerl von einem Sportlehrer niemandem was vormachen konnte. Wenn es um sein kleines Mädchen ging, wurde er zu einem Teddybären. »Gehen Sie nur zu Ihrer Besprechung. Peyton ist bei mir in den besten Händen.«

Trotz ihrer beruhigenden Worte merkte ich, dass er noch immer zögerte. Soll ich euch mal was eher Nebensächliches darüber verraten, wie es ist, wenn man krank wird? Es macht einen in den Augen seiner Eltern ungefähr zehn Jahre jünger. Seufzend schlang ich meine Arme um Dads stämmigen Körper und drückte ihm ein Küsschen auf die frisch rasierte Wange.

»Ich kriege das schon hin«, versicherte ich ihm, und es war mir so was von egal, dass die anderen dabei zusahen. Das war mein Vater, und wir mochten uns sehr, und wenn jemand ein Problem damit hatte, dann konnte er mich mal. »Wir sehen uns dann nach der Schule in der Turnhalle.« Als er noch immer zögerte, gab ich ihm lachend einen Schubs gegen die breite Schulter. »Jetzt geh schon. Und tschüss!«

Mit einem Murren gab er schließlich nach, und mein viel zu breites Lächeln hielt exakt, bis er um die Ecke verschwunden war. Ich atmete leicht zittrig aus, und als ich mich umdrehte, legte die Frau hinter dem Tresen ihre Hand auf meine.

»Meine kleine Schwester lag mal einen Monat lang im Krankenhaus, als wir noch Kinder waren.«

Ich trat von einem Fuß auf den anderen und wusste nicht so recht, was ich darauf sagen sollte. Sie drückte weiter meine Hand. »In ihrem Fall war es nur eine Lungenentzündung, aber ich kann nachvollziehen, wie nervig es ist, wenn einen alle mit Samthandschuhen anfassen, als wäre man hilflos. Bist du nämlich nicht. Ich weiß das und dein Dad wird es auch bald begreifen. Was mich angeht, bist du einfach eine ganz normale Schülerin, in Ordnung?«

Auf einmal war mir überraschend leicht ums Herz, als hätte jemand einen Felsbrocken davon runtergewälzt, und ich lächelte sie dankbar an. Das war alles, was ich wollte: normal sein. »Danke.«

Sie drückte meine Hand und ein wild entschlossener Ausdruck der Marke Bärenmutter erschien in ihren Augen. »Aber wenn das jemand anders sieht und dir blöd kommt, dann sag einfach Bescheid, okay?«

Ich schmunzelte und das letzte bisschen Angst fiel von mir ab. »Alles klar.«

Sie zwinkerte mir zu und schlug einen Ordner auf, dem sie ein weißes Blatt Papier entnahm. Nach einem kurzen Blick darauf hob sie eine Augenbraue. »Das nehme ich zurück. Du bist nicht nur eine ganz normale Schülerin.« Sie sah mich an. »Du bist eine sehr intelligente Schülerin mit einem irre überladenen Stundenplan. Ist dir klar, dass du überall in High-Level-Kursen bist, obwohl du unterm Jahr in den Unterricht einsteigst?«

Ich straffte die Schultern. »Das kriege ich schon hin.«

Mit zusammengekniffenen Augen sah sie mich einen Moment lang an, dann nickte sie. »Weißt du, was? Das nehme ich dir sogar ab.« Sie grinste leicht und reichte mir das Blatt. »Hier. Dein Klassenzimmer steht ganz oben und der erste Gong kommt in zehn Minuten.«

Es geschah in Sekundenbruchteilen.

Hinter mir ging die Tür auf, ihr Blick huschte zu dem Neuankömmling, und die hoffnungsfroh schillernde Seifenblase, in der ich den ganzen Morgen lang geschwebt war, platzte.

Kennt ihr das, wenn man das Gefühl hat, neben sich zu stehen? Als würde man die Dinge von außen beobachten und wüsste schon zuvor, was passiert, ist jedoch in keiner Weise in der Lage, sie zu beeinflussen? Solche Momente, in denen alles wie in Zeitlupe abläuft und man das unvermeidliche Ende nur in stummem Entsetzen mit ansehen kann? Genau so ging es mir. Ich sah zu, wie sie den Stundenplan losließ, er durch meine schwachen Fingerspitzen glitt und sanft zu Boden segelte.

Vielleicht war es wirklich zu früh.

Zum ersten Mal, seit ich meine Eltern breitgeschlagen hatte, mich endlich hierherzulassen, überkamen mich ernsthafte Zweifel. Ich starrte hinab auf den Stundenplan am Boden und fragte mich unwillkürlich, ob ich mir nicht zu viel vorgenommen hatte. Ob ich nicht wirklich noch ein weiteres Halbjahr damit warten sollte.

Mom wäre begeistert. Dad würde einen Freudentanz aufführen, wenn ich mich umentschied. Ich wäre wieder in Watte gepackt, genau so, wie es ihnen am liebsten wäre.

Und ich – ich hätte bewiesen, dass ich tatsächlich so ein armes Würstchen war, wie ich befürchtet hatte.

Plötzlich tauchte ein dunkler Schopf vor mir auf und nahm mir die Sicht auf meinen Stundenplan, der hilflos auf den braunen Fliesen lag. Ich schob die Erinnerungen an mein Krankenhausbett und die traurigen Gesichter der Schwestern und Pfleger weg und konzentrierte mich auf die gegelten Haare direkt vor meiner Nase und auf zwei ebenso dunkle Augen, die gleich danach zum Vorschein kamen. Augen, die mit scharfem und zugleich selbstgefälligem Blick direkt in mein Innerstes sahen, als könnten sie wie in einem Buch in mir lesen – und durch meine Bluse hindurchgucken.

Achtung, Achtung: Heißer Typ voraus!

Langsam erschien ein freches Grinsen auf dem Gesicht des Jungen, was mir seine verrückten Fähigkeiten als Gedankenleser bestätigte. Er hielt mir den Stundenplan hin und fragte: »Feuchte Finger?«

Freitag, der 7. Januar

21 Wochen bis zur Katastrophe

9. Klasse

JUSTIN

Fairfield Academy, Baseballplatz, 15:25 Uhr

Da war sie wieder.

Ich hatte schon gedacht, ich hätte sie mir nur eingebildet. Nachdem sie meine Welt mit ihrem gehauchten Hi, ihrer rotblonden Mähne und Augen, die einen echt umhauten, mal eben kurz auf den Kopf gestellt hatte, war das Mädchen einfach wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Sie war in keinem meiner Kurse, und nach der Schule hatte ich sie auch nie gesehen – und das, obwohl ich, so ungern ich es auch zugab, tatsächlich nach ihr Ausschau gehalten hatte. Zuerst ganz beiläufig, eher aus Neugierde, dann zielstrebiger, als sie nie irgendwo auftauchte. Natürlich hätte ich die Jungs fragen können, aber dann wäre klar gewesen, dass es mir ein Mädchen angetan hatte. Und dass ich, wie der totale Volldepp, nicht mal ihren Namen rausgekriegt hatte, geschweige denn ihre Nummer. Doch jetzt war sie hier. Eine Göttin, die auf der Tribüne jubelte und zusah, wie ich auf dem besten Wege war, in die Mannschaft zu kommen.

Das tolle Mädchen war ein Baseballfan. Das war schon mal gut für mich.

»Eine Freundin von dir?«

Ich riss den Blick von der Tribüne los und sah einen Kerl, der mich angrinste. Es war derselbe, der auch in meinem Mathekurs einen Witz nach dem anderen riss. »Noch nicht«, gab ich mit Betonung auf dem noch zurück und machte damit deutlich, dass sie für mich reserviert war. Ich wechselte die Seite und begann, meinen anderen hinteren Oberschenkel zu dehnen. »Momentan schaffe ich gerade die Basis dafür.«

Sofern es als Basis galt, sie auf den Gängen zu stalken.

In der Hoffnung, vielleicht herauszubekommen, wie sie hieß, sah ich auf und fragte beiläufig: »Ist sie zusammen mit dir in irgendeinem Kurs?«

»Nö, an so ein süßes Gesicht würde ich mich erinnern.« Er warf ihr unauffällig einen weiteren Blick zu und stieß einen leisen Pfiff aus. »Und dann steht sie auch noch auf Baseball, hm? Verdammt noch mal, Kumpel, was ist das nur mit dir und den Chicas? Jedes Mal wenn ich dich sehe, hängt eine andere an dir dran. Als wärst du so eine Art Mädels-Flüsterer.«

Ich lachte und schüttelte die Beine aus. Meine Muskeln waren jetzt warm und einsatzbereit. Mädchen gehörten zu den wenigen Dingen, die mir mehr oder minder zufielen. Mädchen und Baseball. »Was soll ich sagen? Ich habe eben ein Händchen dafür.«

Jetzt, da es nichts mehr zu dehnen gab, kam ich auf die Beine, um die Konkurrenz unter die Lupe zu nehmen. Die Sichtung für das Juniorteam ging in fünf Minuten los, doch der Baseballplatz hatte sich schon vor etwa einer halben Stunde mit Jungs gefüllt – unter ihnen auch der Typ vom Mathekurs. Aber das war egal. Ich würde heute auf jeden Fall einen guten Eindruck hinterlassen.

Die Fairfield Academy war in puncto Baseball eine der besten Adressen in ganz Texas. In den letzten drei aufeinanderfolgenden Jahren waren sie Bezirksmeister geworden, und im Jahr davor hatten sie auch den anderen Bezirksmeister geschlagen – nämlich in dem Jahr, in dem Coach Williams ans Ruder gekommen war. Der Mann kannte sich verdammt gut aus, er war hart, aber fair, und ich war fest entschlossen, für ihn zu spielen. Ich hatte ihn sogar im Herbst angesprochen, um rauszukriegen, wie ich mich am besten für den heutigen Tag vorbereiten sollte.

»Und, rechnest du dir Chancen aus?«, fragte ich, neugierig auf welcher Position der Typ spielte. Cool oder nicht – wenn er Catcher war, würde ich ihn aus dem Rennen werfen müssen. Niemals konnte er gegen mich ankommen. Und nie und nimmer konnte ihm das mehr bedeuten als mir.

»Hoffe ich doch.« Er sprang auf und rückte sein Baseballcap zurecht. »Was ich so gehört habe, winkt der Coach die Spielmacher am Jahresende durch in die erste Mannschaft.« Ich nickte – mir war das auch schon zu Ohren gekommen –, und er musterte mich von Kopf bis Fuß, taxierte mich richtiggehend, ehe er mir die Hand hinhielt. »Carlos Ramirez, Shortstop.«

Grinsend schüttelte ich ihm die Hand. »Justin Carter, Catcher.«

»Okay, meine Herren!« Als Coach Williams’ Stimme erklang, drehten wir uns beide um und hasteten zu ihm hinüber. »Der Ablauf ist folgendermaßen: Wir haben verschiedene Stationen vorbereitet, um eure Feldarbeit, eure Ground-Ball-Arbeit und Schlagtechnik im Käfig zu begutachten. Gebt also heute euer Bestes, und ich verspreche, ich werde euch aufmerksam beobachten. Die Resultate hängen am Montag aus – ach, und eins noch, damit es keine Missverständnisse gibt: Wenn ihr es dieses Mal nicht schafft, dann heißt es lediglich, dass ihr noch nicht so weit wart. Wir halten jedes Jahr Sichtungen ab, und ich würde mich freuen, wenn ihr dann im nächsten Januar wieder dabei wärt.«

Er ließ den Blick über die Gruppe schweifen, die inzwischen auf über dreißig Jungs angewachsen war, die um nur fünfzehn Plätze rangelten. Was in den anderen vorging, konnte ich nicht so genau beurteilen, aber ich hatte nur einen einzigen Gedanken, nämlich dass einer von diesen Plätzen mir gehörte.

Der Coach ließ eine Kaugummiblase platzen. »Seid ihr bereit?«, fragte er.

»Ja!«

Meine Stimme war laut und deutlich im Chor der anderen zu hören, und obwohl ich nur einer von vielen war, drehte er den Kopf in meine Richtung und sah mir in die Augen. Mit einem Nicken meinte er: »Dann machen wir uns mal an die Arbeit.«

»Sieht nicht schlecht aus, was du auf dem Spielfeld ablieferst.«

Ich schraubte den Deckel von meiner Wasserflasche – wir hatten gerade eine fünfminütige Trinkpause an der Seitenlinie – und sah zur Tribüne rauf. Das supersüße Mädchen lächelte mich an. Den größten Teil der letzten Stunde hatte sie damit verbracht, in einem Taschenbuch zu lesen und ihr Gesicht in die Sonne zu halten wie eine Mensch gewordene Sonnenblume. Gelegentlich hatte sie Typen angefeuert, die einen Schlag verpasst oder einen Fehler gemacht hatten, aber ich hatte sie nur ein einziges Mal dabei ertappt, wie sie mich beobachtete. Da hatte ich mich natürlich gleich noch mehr reingehängt.

»Dann hast du mir also doch zugesehen«, erwiderte ich und lächelte breiter, als sie rot wurde. »Hey, das muss dir nicht peinlich sein. Ist ganz natürlich, dass du den heißesten Typen hier unter die Lupe nimmst.«

Ein atemloses Lachen entfuhr ihren Lippen. »Wow.« Sie legte das Buch auf ihren Schoß und erwiderte mein Lächeln – ein offenes, liebes Lächeln, ohne den Hauch einer Anmache. »Wie kommt es eigentlich, dass so viele Baseballspieler ein Selbstbewusstsein haben, das es locker mit der Größe von Texas aufnehmen kann?« Sie schüttelte den Kopf. »Vor Typen wie dir hat mein Dad mich gewarnt.«

»Einen Typ wie mich kennt dein Dad gar nicht, weil ich nämlich einzigartig bin.«

Echt, keinen Schimmer, wie ich auf so einen Scheiß kam. Ich gab oft schwachsinniges Zeug von mir, doch bei den Mädchen kam ich damit durch.

Sie jedoch krauste die Nase. »Und diese Art Spruch funktioniert sonst?«

Ich lachte laut. »Zu neunundneunzig Prozent.«

Entweder war sie gegen meinen Charme immun, oder sie hatte einen Freund, oder sie hatte grundsätzlich kein Interesse an einer Affäre, was alles war, wofür ich zu haben war. Aber trotzdem hielt mich irgendetwas davon ab, das Gespräch einfach zu beenden. »Hast du eigentlich einen Namen, Schönheit?«

Das süße Grinsen kehrte zurück. »Oh Mann«, stöhnte sie, »du haust echt einen schlechten Spruch nach dem anderen raus.«

Aus uns würde definitiv nichts werden. »Gut, dann denke ich mir eben einen aus.«

Mit zusammengekniffenen Augen blinzelte ich zu ihr hinauf und schlug die Wasserflasche ein paarmal gegen meinen Oberschenkel, während dieses Lächeln mir bis hinunter in die Zehenspitzen ging. Mir fiel wieder ein, wie sie ihr Gesicht in die Sonne gereckt hatte, und ich hob einen Finger. »Sunshine. Du heißt Sunshine.«

»Ah, ich bin also ein Hippie«, sagte sie und zog eine Schnute. Ihre Lippen hatten einen ganz natürlichen Rosaton und sie schien keinen Lippenstift zu tragen. Überhaupt war sie ungeschminkt, und jetzt, da ich darüber nachdachte, glaubte ich, dass es auch am allerersten Tag so gewesen war. Sunshine lachte leise und legte den Kopf schief, um mich zu betrachten. »Ich bin Peyton«, sagte sie nach einer kleinen Weile.

»Siehst du, war doch gar nicht so schwer, oder?«, zog ich sie auf, und sie verdrehte die Augen. »Und weil ich weiß, dass du es vor lauter Spannung kaum noch aushältst, werde ich dir auch meinen Namen verraten. Ich heiße Justin.«

»Und ich hatte schon gedacht, du würdest Ärger heißen.«

Volltreffer. Bei jeder anderen wäre dieser Spruch eine Anbaggermasche gewesen. Aber nicht bei ihr. Sie meinte es wirklich so. »Das tut mir weh, Peyton, echt. Solche vorschnellen Urteile, und dabei habe ich dir doch nur Komplimente gemacht und deinen Stundenplan aufgehoben, der runtergefallen war.«

Ein Stundenplan, den ich mir lieber etwas aufmerksamer hätte ansehen sollen.

Für den Bruchteil einer Sekunde glitt ein Schatten über ihr Gesicht, und ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Aber dann war der Moment vorüber und sie veräppelte mich weiter. »Genau. Und warum warst du an dem Tag im Sekretariat, hm? Gleich am ersten Tag des Semesters zur Direktorin gerufen werden …« Sie gab ein missbilligendes Tss von sich und deutete auf mich. »Ärger.«

»Genau genommen war ich dort, um meine Kurse zu tauschen.« Keine Ahnung, warum es mir so wichtig war, was sie dachte. Es machte Spaß, mit Peyton zu quatschen, und sie war definitiv hübsch anzusehen, aber es lag auf der Hand, dass sie eigentlich nicht in mein klassisches Beuteschema passte.

Trotzdem …

»Ich werde heute ins Team kommen«, sagte ich zu ihr, »und deshalb brauche ich meine Freistunde direkt vor der Mittagspause. Da hat der Coach nämlich seine Sprechstunde, und ich habe mir sagen lassen, dass er dann mit den anwesenden Spielern die Strategie bespricht.«

Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Du bist ehrgeizig. Das wird ihm gefallen.«

Okay. »Und das weißt du, weil –«

Eine Trillerpfeife ertönte vom Spielfeld aus und schnitt mir das Wort ab. Ich drehte mich um und sah, dass uns der Trainer wieder zu sich winkte. Schnell nahm ich noch einen letzten Schluck von meinem Wasser.

»Ich muss wieder«, sagte ich, schraubte meine Flasche zu und warf sie auf den Boden. »Bis bald mal wieder?«

Sie spitzte die Lippen, als wolle sie Nein sagen, nickte dann jedoch und lehnte sich auf der Tribüne vor. »Weißt du, er achtet nicht nur darauf, was du auf dem Spielfeld machst«, meinte sie, »sondern auch wie. Und vergiss nicht: Hab niemals Angst, dich für das Team zu opfern.«

Das war das seltsamste Mädchen, dem ich je begegnet war. Falls das ihre Vorstellung von einem Flirt war, musste sie jede Menge ältere Brüder haben. Trotzdem waren es gute Tipps, also sagte ich: »Danke, ich werde es mir merken.«

Ich tippte an den Schirm meiner Kappe, drehte mich um und joggte aufs Feld, bereit, dem Mann zu zeigen, dass ich fürs Baseball brannte.

In die Mannschaft zu kommen, war mein größter Traum. Es bedeutete, meinen Platz an dieser Schule zu finden, mich vor einem der besten Catcher zu beweisen, auch später im College Baseball spielen zu können, und vielleicht sogar, Dad dazu zu bringen, von mir Notiz zu nehmen. Baseball gehörte zu den wenigen Dingen, die er noch mehr liebte als Geld, also war es durchaus möglich, dass er zu ein paar Spielen kommen würde. Und obwohl sie augenscheinlich normalerweise nicht mein Typ war, hatte ich durch Sunshine jetzt noch einen Grund mehr, heute richtig aufzudrehen.

Sie sollte sehen, wie ich es allen zeigte.

Montag, der 12. Mai

3 Wochen bis zum Abschluss

12. Klasse

JUSTIN

Hauswirtschaftslehre, 13:50 Uhr

»Entschuldigt die Unterbrechung«, meint Ms Stasi, als sie wieder hereinkommt und die Tür hinter sich schließt. »Ich gehe mal davon aus, dass ihr während meiner Abwesenheit einen Blick in die Unterlagen geworfen und eure einzig wahre Liebe gefunden habt.«

Sie sagt das, als wäre es ein Witz, dabei ist es in Wahrheit eine echte Katastrophe.

»Diejenigen, die nicht einfach nur auf die letzte Seite geblättert haben, haben vielleicht bemerkt, dass morgen Abend das erste Gruppentreffen stattfindet. Die Schule übernimmt zwar die Rechnung dafür, aber mir ist natürlich klar, dass es sehr kurzfristig ist. Ein Restaurant hier um die Ecke hat sich einverstanden erklärt, extra für uns etwas früher aufzumachen, und dieser Abend ist der einzige in diesem Monat, an dem das geht.«

Sie schreibt den Namen Carmela’s, ein Tex-Mex-Restaurant ganz in der Nähe, ans Whiteboard und kringelt ihn ein. »Mir ist bewusst, dass viele von euch ins Training gehen oder jobben – solltet ihr also aus irgendeinem Grund verhindert sein, dann macht zusammen mit eurem Partner einen Termin für meine Sprechstunde aus, und wir lassen uns was einfallen, damit ihr eure erste Aufgabe trotzdem erfüllen könnt. Genau darum geht es schließlich in der Ehe: Kompromisse!« Sie lächelt erneut und deutet mit dem Marker auf uns. »Schreibt das auf.«

Dann spricht sie über weitere Aufgaben und Lektionen, die letztlich alle dazu dienen, unsere parallel laufende Abschlussarbeit zu schreiben, doch das geht mir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Ich kann nichts anderes hören als das Echo von Peytons Gelächter, und ich kann auch nichts anderes sehen, als dass sie wütend ihre Haare zwirbelt. Und ihr Fuß tapp-tapp-tapp auf den Boden tippt. Diese vertrauten Ticks versetzen mir einen Stich, und ich ziehe scharf die Luft ein, um nicht irgendwas unglaublich Dummes zu machen. So was wie laut Sunshine! zu rufen.

Verdammt, ich vermisse sie.

»Hat dein Alter sich über das Spiel geäußert?«, fragt Carlos. Als ich zu ihm rüberschaue, legt er gerade mit einem erleichterten Lächeln sein Handy weg. Mit Gabi scheinen sich die Wogen wieder geglättet zu haben. Zumindest fürs Erste.

Um mir nicht anmerken zu lassen, wie nahe mir das mit Peyton geht, mache ich einen auf cool. »Du meinst abgesehen von der Liste mit Trainingsvorschlägen, die er mir unter meiner Tür durchgeschoben hat, oder seiner Ermahnung, dass die Talentscouts noch immer die Augen offen halten?« Das Grinsen fällt meinem Freund aus dem Gesicht und ich zucke die Achseln. »Nein, aber das wundert mich nicht.«

Am Samstagabend hat unser Team die Meisterschaft der Bezirksmeister gewonnen. Da die Firma meines Vaters der größte Sponsor unserer Mannschaft ist, sollte man meinen, er wäre auch da gewesen. Aber falsch gedacht.

»Vielleicht lässt er sich ja zur nächsten Runde blicken.«