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Kommissarin Hedda Anders lässt sich nach ihrer Scheidung aus Schleswig-Holstein in den Ruhrpott versetzen, um endlich ihr eigenes Leben führen zu können. Doch ihre Tochter wendet sich von ihr ab, und sie kann die Fesseln ihres Spießbürgertums nicht ablegen. Der Mord an einer jungen Frau in einem Bestattungsinstitut beschäftigt sie bald nicht nur beruflich. Ist es ein Ritualmord der Satanisten? Ihr Kollege, der alles daransetzt, sie für sich zu gewinnen, tippt eher auf einen Täter aus der reichen Bestatterfamilie. Tatsächlich weisen immer mehr Indizien auf den gutaussehenden Unternehmer mit ständig wechselnden Liebschaften hin. Dass Hedda sich ausgerechnet in den Hauptverdächtigen verliebt, bringt sie nicht nur beruflich in Schwierigkeiten, sondern darüber hinaus auch in große Gefahr.
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2015
Liane Sons
Kriminalroman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Kommissarin Hedda Anders lässt sich nach ihrer Scheidung aus Schleswig-Holstein in den Ruhrpott versetzen, um endlich ihr eigenes Leben führen zu können. Doch ihre Tochter wendet sich von ihr ab, und sie kann die Fesseln ihres Spießbürgertums nicht ablegen. Der Mord an einer jungen Frau in einem Bestattungsinstitut beschäftigt sie bald nicht nur beruflich. Ist es ein Ritualmord der Satanisten? Ihr Kollege, der alles daransetzt, sie für sich zu gewinnen, tippt eher auf einen Täter aus der reichen Bestatterfamilie. Tatsächlich weisen immer mehr Indizien auf den gutaussehenden Unternehmer mit ständig wechselnden Liebschaften hin. Dass Hedda sich ausgerechnet in den Hauptverdächtigen verliebt, bringt sie nicht nur beruflich in Schwierigkeiten, sondern darüber hinaus auch in große Gefahr.
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
In Uromis Sarg liegt schon jemand.« Angelina bohrte mit dem Finger in der Nase. »Kriegt Uromi keinen Sarg für sich allein?«
»Gleich, Angie! Du siehst doch, dass Mama mit dem Onkel spricht.«
Frau Rupp, eine Blondine um die dreißig, deren geöffneter roter Anorak den Blick auf ein rosa Sweatshirt mit irgendeiner Aufschrift freigab, schüttelte den Kopf und fragte ihr Gegenüber: »Haben Sie Kinder?«
Jonas von Keppling verneinte, und sie fuhr fort: »Angelina redet und fragt und redet und fragt. Wenn Tobias nachmittags aus der Backstube kommt, bin ich fix und fertig. Das wollte ich jetzt gar nicht erzählen … Wo waren wir? Ich bin ganz durcheinander. Omas Tod kam so unerwartet.«
Sie lachte auf eine Art, die ihn an Wiehern erinnerte, und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Was red ich bloß?! Bei einer Sechsundneunzigjährigen kann man ja wohl kaum von unerwartet sprechen. Aber der Zeitpunkt ist so ungünstig. Wir wollen doch nächste Woche in die Dom Rep. All inclusive!« Sie zwinkerte ihm zu. »Sie wissen schon: das mit den Armbändchen! Und es gibt noch so viel zu regeln: Flurdienst, Blumengießen und so. Ach, Sie kennen das sicher. Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht … Jetzt weiß ich aber wieder, was ich sagen wollte. Auf alle Fälle soll es eine schlichte Beerdigung werden. Bloß kein Brimborium! ›Ich habe schlicht gelebt, so will ich auch unter die Erde kommen‹, das hat Omi immer gesagt. Ist verständlich, oder?«
Jonas von Keppling nickte mit dem Berufslächeln, das er sich angeeignet hatte. Er zog nur die Mundwinkel leicht hoch und blinzelte. Dabei hörte er den Regen, der an die Scheiben prasselte. Er hörte Frau Rupp darüber reden, dass sie Protzerei hasse, Knauserei aber auch, und ob Astern zu einer schlichten Zeremonie nicht besser passen würden als teurere Rosen. An die hätte sie zunächst gedacht. Und er hörte mit aller Deutlichkeit das Ticken der alten Standuhr. Er starrte auf die römischen Ziffern und fragte sich, warum er das hässliche Teil nicht längst entsorgt hatte. Vermutlich, weil er dieses Büro nur selten benutzte. Das gleichmäßige Ticktack, Ticktack setzte sich überlaut in seinem Kopf fort, als unerfreulicher Auftakt zu Kopfschmerzen. Er warf einen Blick durch die geöffnete Tür auf das Mädchen, das in den Sarg starrte und ihren Zopf in den Händen drehte, während Frau Rupp über Leute lamentierte, die immer etwas zu meckern hätten.
Um ihren Redeschwall endlich zu bremsen, erklärte er unvermittelt: »Die Gärtnerei Wolff gestaltet wunderschöne und recht preiswerte Gebinde aus Astern. Ihre Großmutter hätte dieser Wahl garantiert zugestimmt. Hatten Sie an eine bestimmte Farbe gedacht?«
Frau Rupp war offensichtlich nicht beleidigt wegen der Unterbrechung und geistig flexibel. Sie schluckte sofort den Rest ihrer Bemerkungen über die ewig lästernde Nachbarin hinunter und nickte. »Ja! Ich möchte gelb, die Lieblingsfarbe meiner Oma. Dabei hatte ich allerdings noch Rosen im Sinn. Gelbe Astern sind aber auch schön, oder? Muss ich mich um die Blumen kümmern, oder machen Sie das?« Sie nahm mit einem erleichterten Seufzen sein nächstes Nicken zur Kenntnis und fuhr fort: »Dann verlass ich mich auf Sie … Angie, komm bei Mama!«
»Wer ist die weiße Tante?«
»Ach, Kind, was du immer fragst. Was für eine Tante?«
»Na, die in Uromis Sarg!«
Von Kepplings Stuhl rollte gegen die Wand. Mit langen Schritten durchmaß der Bestatter das Büro und den Ausstellungsraum, stand unwesentlich später am Sarg und schluckte.
Auf weißer Spitze lag eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Schwarzes Haar stand wie Stacheln von ihrem Kopf ab, das ausgemergelte Gesicht war weiß gepudert, die Augen waren schwarz umrandet, die Lippen ebenfalls schwarz. Zwei schwarze aufgemalte Tropfen oder Tränen zierten die rechte Wange, eine weitere die linke. Die Fremde trug ein langes schwarzes Kleid, und ihre Hände umschlangen den Griff eines Messers, dessen Klinge in ihrer Brust steckte.
»Grundgütiger!«, entfuhr es ihm.
Neben ihm kreischte Frau Rupp auf. »Angie, geh sofort weg! Warum hast du denn nichts gesagt? Ach du liebe Zeit!«
Von Keppling schob Mutter und Tochter resolut ins Büro und schloss die Tür hinter sich. Frau Rupp zeterte derweil, dass Tobias nie da wäre, wenn man ihn bräuchte, und verlieh der Hoffnung Ausdruck, ihre Tochter hätte keinen dauerhaften Schaden genommen.
So wie die mit einer silbernen Kugel spielte, die als Briefbeschwerer diente, schien das nicht der Fall zu sein.
»Der ist wie der Ball beim Froschkönig«, erklärte sie gerade. »Kann ich den haben? Dann kann ich Prinzessin spielen. Mama, kaufst du mir den? Bitte … bitte … och, Mama …«
Er griff mit zitternden Händen zum Telefon.
Kommissarin Hedda Anders fuhr zusammen mit ihrem Kollegen Alex Ständel durch die aufgrund von Baustellen hoffnungslos verstopften Straßen. Wohnblocks mit vergilbten Gardinen, Ramschläden und Zu-vermieten-Schilder in leeren Schaufenstern wechselten sich ab. Der Himmel war schmutzig grau und wolkenverhangen und passte perfekt zu ihrer Stimmung. Es regnete, aber der Scheibenwischer sorgte nicht für freie Sicht, sondern zog stattdessen undurchsichtige Schlieren.
»Kannst du überhaupt was sehen?«
Alex brummte zustimmend. »Wollte die Wischer längst ausgetauscht haben, hab nur nicht die Zeit gefunden. Auf meiner Seite geht’s, sonst würd ich nicht fahren. Aber, was ist mit dir? Du wirkst so bedrückt.«
»Es ist nichts weiter, nur wieder einer dieser Montage unter Montagen! Erst verschlaf ich, kann gerade eben noch ein Butterbrot für Verena schmieren und mir selbst einen trockenen Toast reinschieben, dann springt der blöde Wagen nicht an. Ich muss mich von einem Fahranfänger fragen lassen, ob ich vergessen hätte, Licht oder Radio auszuschalten, während ich mein Starterkabel anbringe, von dem er nicht weiß, welche Mysterien in den schwarzen und roten Kabeln und Klemmen stecken. Als ich ihm erkläre, ich wüsste, was ich täte, lacht er nur und lobt mich dafür, dass ich zumindest die Schadensbegrenzung meiner Vergesslichkeit verinnerlicht hätte.«
Sie atmete tief durch und fuhr fort: »Als Ordnungshüterin habe ich mich brav für die fünf Minuten bedankt, die mein alter Wagen diesen Typen gekostet hat, und nicht zur Dienstwaffe gegriffen, als er zum Abschied rief: ›Möge Ihnen das Glück in Gestalt männlicher Autofahrer treu bleiben!‹ Doch das war nicht mal der Höhepunkt. Ich erwisch auch noch Verena, die mal wieder schwänzen will, vorm Bahnhof und muss sie zur Schule verfrachten, damit ihre Klassenlehrerin mir nicht schon wieder vorhält, mich nicht genügend um meine Tochter zu kümmern … Und jetzt eine überzählige Tote beim Bestatter! Kann eine Woche schlimmer anfangen?«
Alex schwieg eine Weile, bevor er antwortete: »Um die Tote kümmern wir uns gleich. Bis zum Tatort sind wir privat unterwegs. Macht deine Tochter immer noch so viel Ärger?«
Hedda starrte mutlos vor sich hin und wiegte den Kopf unbeabsichtigt im Rhythmus der Scheibenwischer. »Es gibt kaum einen Lehrer, der sich nicht über sie beschwert: Hausaufgaben vergessen, zu spät gekommen, Klassenarbeit vergeigt, pampige Antworten gegeben! Es ist zum Auswachsen. Sie ist nicht dumm, sie verweigert sich bloß. Selbst ihre Sportnoten werden schlechter, obwohl sie bisher eine Einserkandidatin war. Sie tut nur das Nötigste und oft nicht mal das. Nachmittags klebt sie am Computer. Dazu hört sie Musik, in der Typen Grunzlaute von sich geben. Gestern Abend …« Sie brach ab, stieß einen Seufzer aus und schüttelte energisch den Kopf. »Lassen wir das! Das sind Probleme für den Feierabend.«
Er hielt an einer roten Ampel und warf ihr einen unsicheren, eher noch entschuldigenden Blick zu. Schließlich war er ledig und kaum geeignet, Erziehungstipps zu geben. Trotzdem versuchte er es. »Sie lotet dich aus. Geh es ruhiger an! Wenn sie denn unbedingt zu deinem Ex will, solltest du das zumindest in Erwägung ziehen. Versteh mich nicht falsch, sie …«
Ihr freudloses Lachen unterbrach ihn. »Glaub nicht, ich zwinge sie, bei mir zu leben. Mir würde es das Herz brechen, sie gehen zu lassen, doch ich würde ihren Wunsch respektieren. Aber sie will das gar nicht, sagt das nur, um mich zu verletzen. Sie hat nicht mal die zwei Wochen Ferien bei Jürgen ausgehalten. Nach zehn Tagen hat sie ihren heiß ersehnten Urlaub von mir abgebrochen. Kaum war sie hier, hat sie sich am Telefon bei ihm ausgeheult. Ich versteh sie nicht, weil ich sie nicht verstehen will, ich kümmere mich nur um meine Arbeit und habe keine Ahnung von den Problemen der heutigen Jugend. Ich könnte sie manchmal ungespitzt in den Boden rammen … wenn ich nicht wüsste, dass ich die Schuld an ihrer Lage trage. Es ist nicht leicht für sie. Sie musste schließlich den Großteil der Familie und all ihre Freunde verlassen. Verena …«
Sie verschluckte den Rest, ihre Finger krampften sich um die Handtasche, und sie bemerkte hölzern: »Oh, sieh mal! Das Schreibwarengeschäft hat auch dichtgemacht. Wusstest du das?« Ihre Fingerknöchel wurden weiß.
»Nein.«
Er fluchte unterdrückt, als eine Seniorin im letzten Fußgängergrün mit ihrem Rollator auf die Straße schlurfte. Sie hatten längst grün, doch die alte Dame bewegte sich in Zeitlupe und grüßte dabei freundlich in Richtung Frontscheibe.
»’tschuldigung, Muttchen«, murmelte er und winkte lächelnd zurück. An Hedda gerichtet erklärte er: »Du nimmst das alles zu ernst. Bleib locker! Meine Mutter hat immer gesagt, Jugendliche in der Pubertät sind unberechenbarer als das Wetter vom nächsten Sommer und halten sich für den Nabel der Welt. Das gibt sich wieder. Eltern müssen diese Zeit nur überleben, ohne zu Kindsmördern zu werden.«
Hedda lachte auf, warf ihre Tasche in den Fußraum und setzte sich bequemer hin. »Das klingt nicht gerade ermutigend, gibt mir jedoch das warme Gefühl, nicht die einzige Mutter zu sein, die an ihrer Tochter verzweifelt. Aber ich will wirklich nicht weiter über Verena reden. Schließlich geht es um Mord.«
»Dein erster?«, fragte Alex sofort, fuhr an und schaltete den Scheibenwischer schneller. Mittlerweile goss es wie aus Kübeln.
»Genau genommen schon! Einen Todesfall hatte ich: Totschlag im Affekt. Die Täterin saß mit der Tatwaffe – einer Bratpfanne aus Gusseisen – neben ihrem toten Ehemann und erzählte uns, sie habe seine ewige Nörgelei an ihrem Essen einfach nicht mehr ertragen können. Nach dreiundfünfzig Ehejahren war sie sie leid. Die Ermittlungen inklusive des Schreibens der Berichte dauerten nur ein paar Stunden. Der Artikel in der Zeitung war länger und spannender als unsere Protokolle.«
»Ja, das friedliche Landleben!«
Sie warf ihm einen belustigten Blick zu. »Im Gegensatz wozu? Hab ich was verpasst?«
Er grinste breit. »Hast ja recht! Hier ist nicht Chicago, aber ich war eine Zeit in Frankfurt. Ist auch nicht Chicago, doch ein paar Morde hatte ich. Natürlich nur die üblichen Sachen: Eifersucht, verschmähte Liebe und eine Tante, die nach Ansicht der Erben nicht schnell genug den Löffel abgegeben hat. Zur Abwechslung einen Obdachlosen, der grundlos von Neonazis erschlagen wurde! Diese kreuzdämlichen Typen …«
Er unterbrach seinen Bericht, um zu fluchen: »Himmel, fahr endlich! Gefällt dir das Ampelgrün in unserer Stadt nicht? Dann bleib im Hochsauerlandkreis! Kessel wartet nicht gern.« Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Schalthebel herum.
Hedda warf ihm einen fragenden Blick zu. »Warum ist der Chef eigentlich unterwegs? Nach seinem Herzinfarkt verlässt er doch kaum noch das Büro.«
»Dieser Mord ist was anderes, weil die Tote bei den von Kepplings rumliegt. Alteingesessener Ruhrpott-Adel! Haben sich mit Grund und Boden ’ne goldene Nase verdient. Auf ihren ehemaligen Rapsfeldern steht jetzt ein Einkaufszentrum. Glück muss man eben haben. Meine Eltern haben eine Weide geerbt: Außenbezirk, kein Bebauungsplan! Die von Kepplings haben mächtig kassiert, und wir halten Schafe, damit das Gras nicht baumhoch wächst.«
Sie blinzelte vergnügt und erwiderte mit samtweicher Stimme: »Schafe sind so süß, Alex.«
Er warf ihr erst einen grimmigen Blick zu, nickte dann jedoch grinsend. »Klar, ich mag die wolligen Biester auch, aber versuch du mal, mit Schafen deine Eigentumswohnung abzubezahlen!«
Hedda lachte auf. »Da hast du recht! Geld ist irgendwie praktischer. Und die haben neben Geld ein Beerdigungsinstitut?«
»Familientradition! Sägewerk und Holzhandel sind längst die eigentlichen Einnahmequellen, wenn ich mich nicht irre.«
Alex nahm erfreut zur Kenntnis, dass Heddas Augen wieder ein Lächeln zeigten und nicht Kummer und Selbstzweifel. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er die zickige Verena längst nach Schleswig-Holstein verfrachtet. Sie störte ihn, sie störte ihn sogar gewaltig, denn sie beanspruchte die Gedanken ihrer Mutter allein für sich. Sein Bemühen, sich seiner Partnerin privat zu nähern, erstickte daran. Seit vierzehn Monaten kannte er Hedda, und seit zehn Monaten war er verliebt. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt bemerkte, dass er ihretwegen seine Lebensweise geändert hatte. Er flirtete nicht mehr hemmungslos mit jedem weiblichen Wesen, riss keine anzüglichen Witze, hatte ein Buch über die angeblichen Bedürfnisse der Frauen gelesen und es offen auf seinem Schreibtisch liegen lassen. Doch hatte er nur den Spott seiner männlichen Kollegen geerntet.
Im Sommer hatte er sich eine Eigentumswohnung zugelegt: größer als geplant, mit Terrasse, Handtuchgarten und zwei Kinderzimmern. In seinem Kühlschrank stand neben Bier längst auch Weißwein – aus einem Weinkontor, nicht aus dem Supermarkt – und wartete genauso vergeblich wie er darauf, endlich bei Kerzenschein und Grönemeyer das Herz einer Dame zu gewinnen. Aber Hedda glaubte offensichtlich, ihr Leben vor dem Fernseher verbringen zu müssen: stets bereit für ihre Tochter, falls die zwischen ihren Computerschlachten hungrig wurde, und immer in der Hoffnung, Verena wolle sich vielleicht mal mit ihr unterhalten.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als sie in die Wilhelmallee einbogen. Alte Linden trennten die Straße mit Kopfsteinpflaster von breiten Bürgersteigen. Die Fassaden der Patrizierhäuser waren sorgfältig restauriert.
Hedda ließ den Blick umherschweifen: eine feine Gegend! Geschäftsadressen, Makler, Rechtsanwälte, Architekten, eine Buchhandlung und ein beschauliches Café, den gehäkelten Gardinen nach zu urteilen.
Ihr Kollege parkte seinen Golf auf einem Anwohnerparkplatz. Vor ihnen standen schon mehrere Polizeiwagen. Die unvermeidlichen Schaulustigen hatten sich längst eingefunden. Regenschirme verkeilten sich ineinander. Einige Schirmhalter zeigten unverhohlene Neugier, diskutierten angeregt, was passiert sein könnte, und stellten sogar Fragen an die Wachtmeister. Andere versuchten, beschäftigt zu wirken, ohne etwas zu verpassen.
Die Schaufenster der Buchhandlung und des winzigen Teeladens, die sich gegenüber dem Bestattungshaus befanden, erfreuten sich regen Interesses. Doch die Verkäuferinnen schienen deswegen nicht mit Kundschaft zu rechnen, standen im Türrahmen und reckten die Hälse.
Hedda, die ihren Schirm vergessen hatte, eilte durch den Regen, vermisste aber trotzdem das in der Regel genauso unhübsch wie unauffällig gestaltete Schaufenster mit einem Sarg oder einer Urne vor schlichten Vorhängen. Lediglich ein Messingschild wies darauf hin, dass sich hinter der Fassade und der dunkelgrünen Flügeltür mit weißen Ornamenten ein Bestattungsunternehmen befand. Offensichtlich benötigten die Inhaber keine Werbung.
Drinnen empfing sie angenehme Wärme. Sie atmete durch und versuchte, sich für ihren ersten Mord zu wappnen. Kollegen von der Spurensicherung nickten ihr zu, Holzdielen knarrten, sodass es beängstigend wirkte. Eine Frau ließ sich in einem Nebenraum mit schriller Stimme über Untaten von Satanisten aus und ermahnte zwischendurch irgendeine Angelina, nicht an den Nägeln zu kauen. Aus einem anderen Raum hörte sie die sonore Stimme von Hauptkommissar Kessel, auf die eine dunkle Männerstimme folgte.
Alex nickte ihr zu. »Geh du zum Chef! Ich seh mich um.«
»Willst du nicht lieber?«
»Nö! Feine Pinkel liegen mir nicht so. Steh mehr auf Currywurst als auf Kaviar. So long!« Er öffnete den Raum mit der Satanisten-Kennerin.
Sie zuckte die Achseln, ging weiter, und Sekunden später sah sie ihren Chef und den Rücken eines anderen Mannes, der beim Öffnen der Tür seinen Kopf wandte und ihr grüßend zunickte. Der Bestatter war jünger, als sie vermutet hatte, groß und gut gebaut. Der steingraue Anzug, edel und dem perfekten Schnitt nach zu schließen nicht von der Stange, passte zum Berufsbild – das schulterlange, schwarze, leicht zerzauste Haar nicht.
Ihr Vorgesetzter winkte sie zu sich. »Schön, dass du da bist, Hedda.« Er wandte sich wieder seinem Gegenüber zu. »Kommissarin Anders wird Ihre Aussage gleich aufnehmen. Wir werden alles tun, um die Angelegenheit so schnell wie möglich aufzuklären.«
Er verzog kläglich das Gesicht, rang die Hände und wirkte, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass er ermitteln musste, weil jemand so unhöflich gewesen war, hier eine Leiche zu deponieren. Doch dann entschied er sich offensichtlich um und erklärte: »Schade, dass man Sie nicht mehr auf dem Tennisplatz sieht. Sie und Samuel … was für ein Doppel!« Er räusperte sich, lief rot an und stammelte: »Tut mir leid … Sie können auch nicht …? Ich meine … ich wollte …«
»Hab zu viel zu tun«, unterbrach der Hausherr gnädig. »Spielt Lukas noch? Er war damals unser größter Rivale.«
Kessel winkte ab und wirkte mehr als erleichtert. »Hat ’ne Weile nebenher Handball gespielt. Jetzt ist sein Knie kaputt. Außerdem hat er wenig Zeit, hat zwei Kinder und eine Frau auf dem Selbstfindungstrip. Die müssten Sie auch kennen: Leonore Willich. Hübsch und nett, doch zu nichts zu gebrauchen. Mal kocht sie vegetarisch, weil ihr Tiere leidtun, dann will sie malen, um ihren innersten Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Zurzeit sitzt sie mit gekreuzten Beinen herum und liest chinesische Lebensweisheiten. Die Blagen verwildern ihr unter den Händen, und sie klagt darüber, dass sie ihren wahren Weg nicht finden kann. Bis sie den gefunden hat, sind die Kinder vermutlich aus dem Haus. Aber Lukas ist zufrieden und isst so oft wie möglich bei uns.«
Beide Männer ließen dieses gezwungene Geschäftspartnerlachen hören.
»Grüßen Sie bitte Maria und Ihre Schwestern.« Erneut räusperte sich der Hauptkommissar. »Hat Ihre Mutter den Unfall halbwegs verkraftet?«
»Sie widmet sich mit Hingabe der Malerei.«
Hedda fand, dass das keine Antwort auf die Frage gewesen war, doch ihr Vorgesetzter nickte nur. Auf manche Fragen wollte man wohl keine Antwort.
»Ich habe ihre Bilder immer bewundert. Kenn mich ja nicht aus, aber sie hätte sie vielleicht mal ausstellen sollen. Was macht Judith eigentlich?«
»Studiert Grafik und Design.«
»Tatsächlich! Und die Kleine … wie heißt sie doch gleich?«
»Rabea. Sie macht – hoffentlich – im Frühjahr Abitur.«
»Auch schon? Hatte damals Zöpfe und ’ne Zahnspange. Wie die Zeit vergeht. Aber jetzt darf ich Sie an meine Mitarbeiterin weitergeben. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«
Er schien es plötzlich eilig zu haben, drückte dem Bestatter die Hand, warf Hedda mit zusammengezogenen Brauen einen Blick zu, der wohl sagen sollte: »benimm dich bloß angemessen«, und wieselte aus dem Raum. Knarrend fiel die Tür ins Schloss.
»Wollen wir uns setzen?« Jonas von Keppling wies auf den Schreibtisch aus Mahagoni, der nach Heddas Dafürhalten antik war, allerdings mit Laptop und Leselampe aus Chrom ausgestattet war.
»Gern«, erwiderte sie und ließ sich in einem bequemen Ledersessel nieder. Dabei setzte sie ihre Musterung fort. Schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, dunkelbraune Augen. Zum Anzug trug er ein schwarzes Shirt, das der Eleganz einen Hauch von Lässigkeit verlieh. Sie zückte ihren Block, nahm die Personalien auf und erfuhr, dass er achtundzwanzig und ledig war. Und ausgesprochen attraktiv und gut gekleidet, fügte sie in Gedanken hinzu.
In kurzen, nüchternen Sätzen erzählte er von dem Leichenfund.
»Kannten Sie die Tote?«, fragte Hedda im Anschluss und sah von ihrem Block hoch.
»Ich würde nein sagen, könnte es allerdings nicht beschwören.« Er warf ihr einen entschuldigenden Blick zu und zuckte die Achseln. »Sie war bis zur Unkenntlichkeit geschminkt, ich denke jedoch, ich hätte sie trotzdem erkannt, wenn ich sie schon mal gesehen hätte. Ich meine, … etwas klickt zumindest, auch wenn man nicht gleich weiß, was.«
»Aber bei Ihnen hat nichts geklickt?« Sie fand die Umschreibung passend.
»Nein.«
»Wir werden Ihnen zur Sicherheit später ›ungeschminkte‹ Bilder zeigen. Wer war heute noch hier?«
Er massierte sich den Nacken. »Frau Rupp, die die Beerdigung ihrer Großmutter besprechen wollte, und ihre Tochter. Sonst niemand. Meine Sekretärin ist bis Mittwoch in Urlaub.«
»Andere Angestellte haben Sie nicht?«
»Doch, aber Manuel Walter, der das Beerdigungsinstitut leitet, hat sich wegen der Hochzeit seiner Tochter heute freigenommen. Sein Vertreter, Lutz Wagenrad, liegt nach einer Blinddarm-OP noch im Krankenhaus. Daher war ich für die Beerdigungen zuständig. Alle anderen arbeiten in unserer Tischlerei in der Breitestraße.«
»Sie sind üblicherweise also nicht hier?«
»Doch! Dies ist mein Büro. Nur bin ich normalerweise nicht mit Bestattungen beschäftigt.«
Sie nickte. »Okay. Sie haben keine Putzfrau?«
»Natürlich. Die kommt, wenn sie Zeit hat.«
Hedda runzelte die Stirn, und er erklärte: »Eine Studentin, die damit ihr Mathematikstudium finanziert. Sie ist nicht nur intelligent, sondern auch gründlich und verlässlich, kommt Montag bis Donnerstag, aber eben nicht zu festen Zeiten.«
Sie notierte eifrig. »Wer war vor Ihnen als Letzter hier?«
»Herr Walter war bis Freitagmittag im Büro, musste den Flieger erwischen. Seine Tochter lebt in Stockholm und hat dort geheiratet. Ich bin so gegen neunzehn Uhr gegangen.«
»Da war der Sarg noch leer?«
Er zog Schultern und Augenbrauen leicht hoch und lächelte. »Ich kann nur davon ausgehen. Ist mir ja peinlich, aber ich kontrolliere die Särge nie.«
Hedda erwiderte sein Lächeln. »Ab heute sicher hin und wieder. Könnte ein Mitarbeiter oder ein Familienmitglied in der Zwischenzeit hier gewesen sein? Ich meine, es gibt schließlich auch Menschen, die am Wochenende sterben.«
Er schüttelte den Kopf. »Wir haben selbstverständlich einen Bereitschaftsdienst, den sich Herr Walter und Herr Wagenrad normalerweise teilen. Dieses Wochenende sollte den jemand aus der Werkstatt übernehmen. Wer, weiß ich nicht, kann ich jedoch in Erfahrung bringen. Wäre etwas angefallen, wäre eine PC-Akte angelegt worden. Zumindest wäre eine Notiz hinterlassen worden. War beides nicht der Fall.«
»Ihrer Meinung nach war also von Freitagabend bis heute Morgen niemand hier … zumindest nicht beruflich.«
»Davon gehe ich aus.«
»Ist Ihnen heute irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? An der Tür … oder stand ein Fenster offen … oder war etwas anders?«
»Ich glaube nicht.« Sein Kopfschütteln wirkte auf sie genervt. Das ärgerte sie nun wieder. Schließlich war ein Mord kein Verkehrsunfall, in den man verwickelt wurde und sich über Unbequemlichkeiten, die er nach sich zog, beschwerte.
Betont sachlich erklärte sie: »Die Aufklärung eines Verbrechens ist oft von Kleinigkeiten abhängig und natürlich davon, wie gut sich Zeugen erinnern oder erinnern wollen.«
»Entschuldigen Sie! Ich formuliere es anders: Mir ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen … und die Fenster waren alle geschlossen.«
Sie steckte ihren Block ein. »Gut, das war’s fürs Erste. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, teilen Sie es uns bitte mit.«
»Selbstverständlich!« Er erhob sich, als sie aufstand, grüßend nickte und ging.
Von Keppling war vergessen, als Hedda den Ausstellungsraum betrat, um sich die Tote und den Fundort anzusehen. Der Anblick erschütterte sie mehr, als sie gedacht hatte. Das schwarz-weiß geschminkte Gesicht und das zu Stacheln gegelte Haar wirkten nicht nur deplatziert, sondern lächerlich in den Rüschen. Der Sarg, das schwarze Kleid, die um das Messer gefalteten Hände … ein Mädchen war ermordet und zur Schau gestellt worden.
Sie war so in den absurden Anblick versunken, dass sie zusammenfuhr, als Alex sie ansprach.
»Unsere Spezialisten sind sich sicher: keinerlei Blutspuren. Nicht mal im Sarg«, erklärte er. »Wo auch immer die Kleine gestorben ist, hier war es nicht.«
Sie sah überrascht hoch. »Willst du andeuten, jemand ist eingebrochen, nur um hier eine Leiche abzulegen?«
»Von Einbruch habe ich nichts gesagt«, widersprach er, wobei er jedes Wort betonte. »Ich sagte, dass sie nicht hier ermordet wurde. Der Fall steht aber schon unmittelbar vor der Aufklärung. Frau Rupp, eine Kundin – oder wie man das nennt –, die beim Leichenfund anwesend war, hat mir die Lösung verraten. Die Kleine war eine Satanistin, die die Sekte verlassen wollte und daher einem Ritualmord zum Opfer gefallen ist. So ergeht es nämlich Leuten, die sich mit den Falschen einlassen. Wir müssen nur mehrere schwarz gekleidete Herrschaften verhaften, dann haben wir garantiert unseren Täter dabei.«
»Könnte es ein Satanisten-Mord sein?«, fragte sie zurück.
»Nie im Leben«, erwiderte er genauso schnell. »Weißt du, Hedda vom Lande, bei den Satanisten gibt es allen Gerüchten zum Trotz gar nicht pausenlos Menschenopfer und Ritualmorde. Sind schon merkwürdige Gesellen, und wenn ihnen danach ist, haben sie Sex mit Tieren, aber umbringen tun die üblicherweise keinen, jedenfalls nicht wegen ihres Glaubens beziehungsweise Antiglaubens. Und wenn sie denn wirklich töten, dann legen sie das Opfer ganz sicher nicht in einen Sarg für ein christliches Begräbnis. Ich denke, dass uns jemand aufs falsche Gleis führen will, und das nehme ich ihm übel. Ich bin kein Idiot, der Wissen nur aus Zeitungen mit möglichst vielen nackten Frauen bezieht.«
»Und was bedeutet die Verkleidung?«
»Keine Ahnung! Zumindest nicht das, woran wir denken sollen. Sie soll vielleicht von den üblichen Motiven ablenken, die da wären: Geld, Eifersucht, Rache.«
»Ist das nicht ziemlich beschränkt gedacht?«, fragte sie, ohne hochzusehen.
Er schnaubte geringschätzig. »Sieh dir doch mal die üblichen Mordfälle an! Nimm Triebtäter, Affekttäter oder Idioten wie Neonazis oder jugendliche Blödmänner, die in der Gruppe stark sind, raus, und was bleibt? Geld, Eifersucht, Rache! Triebtäter suchen keine Aufmerksamkeit für ihre Taten oder Opfer und legen die sicher nicht in fremde Särge. Affekttäter hinterlassen massenweise Spuren. Neonazis fallen lieber über wehrlose Männer her als über wehrlose Frauen, weil ihnen dieser Sieg kurioserweise nicht peinlich ist. Die jugendlichen Rambos denken ähnlich oder vielmehr genauso wenig. Also, was bleibt …?«
»Geld, Eifersucht, Rache. So einfach ist die Aufklärung eines Mordes?« Endlich sah sie hoch, grinste und war überrascht über den Ernst in seinem Gesicht.
»Nein! Einfach wäre sie, könnte das Opfer noch reden. Alles, was ich dir sagen will, ist: Vergiss die Maskierung und halt dich an die Fakten! Wir haben eine Tote, und die liegt bei den von Kepplings rum. Willst du den Täter, dann frag: warum? Warum sie und warum hier?« Er wandte sich schroff ab und ging.
Sie starrte eine ganze Weile gedankenverloren auf den Sarg, bis Kollegen sie zur Seite drängten, um das Opfer für den Transport in die Gerichtsmedizin vorzubereiten.
Warum sie und warum hier, ging ihr dabei ständig durch den Kopf.
Als sie zur Tür ging, hörte sie von Kepplings Stimme. Er erklärte gerade, dass auch der Mahagoni-Sarg noch angemessen schlicht wirken dürfte. Selbstverständlich würde der Preis derselbe bleiben. Und für das Blumengebinde würde das Bestattungshaus aufkommen, als kleine Entschädigung für den erlittenen Schock. Wenn er sich recht erinnerte, sollten es gelbe Rosen sein. Eine Frauenstimme stimmte zu und erklärte, dass das sehr nett sei, da er schließlich kaum etwas dafürkönne, wenn Teufelsanbeter einfach ihre Leichen bei ihm ablegten.
Sie trafen sich am späten Nachmittag in Kessels Büro. Seit dessen Herzinfarkt stand hier ein Aquarium, dessen Anblick ihn beruhigen sollte. Diverse kümmerliche Topfpflanzen und Landschaftsaufnahmen an den Wänden sollten diese Wirkung offensichtlich noch verstärken. Trotzdem machte der Hauptkommissar einen angespannten Eindruck, saß kerzengerade da und kaute auf einem Bügel seiner Brille herum, als Hedda und Alex ihm gegenüber Platz nahmen.
Eine junge Frau brachte drei Becher mit Kaffee und stellte Milch und Zucker auf den Schreibtisch.
Hedda wärmte ihre Hände am Becher und konnte durch den Kaffee hindurch einen Riss am Boden erkennen.
»Also, was haben wir bis jetzt?«, fragte Kessel und bediente sich reichlich bei Milch und Zucker.
Alex zückte seinen Notizblock und überflog ihn. »Kurzbericht vom Doc: Die Tote ist Anfang zwanzig und vermutlich seit Freitagnacht oder Samstagmorgen tot. Die Todesursache ist noch unbekannt. Der Stich in die Brust war’s nicht, der ist ihr erst nach dem Tod zugefügt worden.«
Er sah kurz hoch und räusperte sich. »Interessanter dürfte sein, was wir nicht gesehen haben: Rechtes Bein und rechter Arm waren mehrfach gebrochen, genauso wie die Rippen. Auch der Schädel weist rechts eine Fraktur auf. Und sie hat einen Schnitt am Bauch, diesmal links. Doc Müller ließ sich vor einer gründlichen Untersuchung zu keiner weiteren Aussage über die Todesursache hinreißen oder darüber, ob es vielleicht sogar ein Unfall gewesen sein könnte oder ob die Kleine gefoltert wurde. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, geht er jedoch davon aus, dass die übrigen Verletzungen ihr vor dem Tod zugefügt wurden. Alles ohne Gewähr!«
Hedda schluckte unwillkürlich. »So wie sie aussah, habe ich immer noch auf einen Szenemord getippt. Gebrochene Knochen gehören dazu aber eher nicht, oder?«
Ihr Kollege warf ihr nur einen mitleidigen Blick zu.
Kessel jedoch erklärte sofort: »Trotzdem sollten wir in dieser Gothic-Szene – und wie die alle heißen – Nachforschungen anstellen, so wie sie aussah. Selbst dort dürfte es Unfälle und kreuznormale Verbrechen geben.«
Alex verdrehte die Augen. »Reine Zeitverschwendung! Wir sollten …«
»Auf alle Fälle gründlich sein! Wir hatten hier schon einen Satanisten-Mord. Vielleicht haben wir es mit einem Nachahmungstäter zu tun? Haben wir Fotos mit und ohne Schminke?«, unterbrach sein Vorgesetzter ihn ungerührt.
Hedda nickte. »Bisher liegt bundesweit keine passende Vermisstenanzeige vor. Sollen wir gleich ein Foto an die Zeitung geben?«
Der Hauptkommissar schüttelte den Kopf. »Der Staatsanwalt hat schon eine Pressemitteilung mit einer Beschreibung des Opfers rausgegeben. Warten wir morgen noch die Reaktionen auf den Zeitungsbericht ab. Sie wird Angehörige oder Freunde gehabt haben, die sie allein daraufhin erkennen. Was haben wir sonst?«
»Wenig«, erwiderte Hedda und überflog ihre Notizen. »Eine sehr interessante Sache allerdings: Es gab keine Einbruchspuren. Laut Ludwig ist es ein Sicherheitsschloss. Ist arg zerkratzt, jedoch kaum anzunehmen, dass man das mit einer Haarnadel aufbekommt. Wer auch immer sie in den Sarg gelegt hat, muss die Tür mit einem Schlüssel aufgeschlossen haben. Fest steht, dass sie nicht in dem Beerdigungsinstitut ermordet wurde. Es waren keinerlei Kampf- oder Blutspuren zu finden. Bei der zurückgelassenen Waffe handelt es sich um ein gewöhnliches Tafelmesser, allerdings um eins aus Sterlingsilber. Nur verwischte Fingerabdrücke von der Toten. Die Kollegen sind noch mit der Befragung der Nachbarn beschäftigt. Nach bisherigem Stand hat niemand etwas gehört oder gesehen.«
Kessel schwieg zunächst, spielte mit seinem Kugelschreiber und nickte endlich. »Verdammt!«, stieß er hervor und rammte den Stift so heftig in den Schreibtisch, dass Hedda zusammenfuhr. »Ich hätte die von Kepplings gern weitgehend aus der Sache herausgehalten, aber das ist unter diesen Umständen nicht möglich. Alex, du kümmerst dich zunächst um die einschlägigen Szenen. Vergiss die Schulen nicht! Guck mich nicht so an! Selbst wenn es kein Szenemord war, kennt sie vielleicht jemand. Hedda, du kümmerst dich in erster Linie um die von Kepplings.«
Er räusperte sich unbehaglich und sah sie dann mit seinem durchdringenden Blick an. »Versteh mich nicht falsch, aber geh bitte so behutsam wie möglich vor. Nicht weil ich die Familie kenne, sondern weil die vor ein paar Jahren eine Menge mitmachen musste. Du bist zugezogen, daher erwähne ich es. Es hat einen schlimmen, einen sehr schlimmen Unfall gegeben. Hendrik von Keppling, der Senior des Unternehmens und ein beliebter und angesehener Bürger unserer Stadt, war mit seinen Söhnen unterwegs, als ein Betrunkener ihren Wagen rammte und in einen Abgrund katapultierte. Das Auto überschlug sich mehrfach und verkeilte sich letztlich zwischen Bäumen. Die Feuerwehr benötigte Stunden, um die Insassen aus dem Blech zu schneiden. Für Hendrik kam jede Hilfe zu spät, Samuel starb ein paar Tage später. Nur Jonas überlebte. Maria von Keppling war eine unglaublich lebenslustige Frau mit einer ansteckenden Fröhlichkeit.«
Er seufzte in Erinnerung schwer auf. »Aus unserem Jahrgang gab es niemanden, der Hendrik nicht um seine bildschöne, geistreiche und immer gutgelaunte Ehefrau beneidete. Es war eine dieser Bilderbuchfamilien: der gutaussehende, erfolgreiche Mann, die schöne Frau, zwei sportliche, intelligente und gutaussehende Söhne und zwei genauso sportliche, intelligente und hübsche Mädels. Fast wöchentlich stand etwas über sie in der Lokalpresse: über Wohltätigkeitsveranstaltungen oder Stiftungen der Eltern oder errungene Pokale der Kinder. Und dann der Unfall! Es war … es war grauenhaft. Von jetzt auf gleich alles vorbei! Es wurde noch über den Prozess gegen den betrunkenen Fahrer berichtet und dann nichts mehr. Die Restfamilie zog sich völlig zurück. Es war eine Tragödie … und nun das!« Er sah Hedda bittend an. »Tu, was nötig ist, aber geh bitte mit Einfühlungsvermögen vor. Diese Familie hat genug gelitten.«
Hedda öffnete die Wohnungstür und betrat den engen Flur ihrer Dreizimmerwohnung. Sie hängte ihren Mantel an die Garderobe, hob die Jacke ihrer Tochter vom Boden auf und hängte sie daneben.
»Verena!?«
Keine Antwort, nur Musik aus dem Kinderzimmer dröhnte ihr entgegen. Gottergeben öffnete sie die Tür.
»Hallo, Schatz! Komm, ich hab Pizza mitgebracht.« Sie sah nur einen Stuhl und langes blondes Haar, denn ihre Tochter sah nicht vom Bildschirm weg.
»Gleich! Bin gerade in einer Mission. Zwei Minuten!«
Hedda drehte die Musik leiser und ging in die Küche mit der beigefarbenen Küchenzeile. Sie hasste diese Farbe, hatte die Küche aber günstig vom Vormieter erworben. Das Licht über dem Herd funktionierte immer noch nicht. Wie auch, wenn sie ständig vergaß, eine Glühlampe zu kaufen, weil Jürgen diese Dinge früher erledigt hatte. Sie deckte den Tisch, der Platz für zwei Personen bot, und stellte sich großzügig ein Glas Rotwein neben den Teller. Gerade wollte sie erneut ihre Tochter rufen, als sie eine Tür zuknallen hörte.
Sekunden später schlurfte Verena in hautengen Jeans und genauso engem schwarzem Pullover herein und flegelte sich auf einen Küchenstuhl. Wortlos und ohne ihr einen Blick zu gönnen, griff sie sich Messer und Gabel und zersäbelte die Pizza.
»Wie war dein Tag?«, fragte Hedda, die eigentlich lieber wissen wollte, mit welchen Tricks ihre Tochter ihren Brustumfang so vergrößert hatte.
»Wie jeder andere gottverdammte Tag auch!«
»Hausaufgaben erledigt?«
»Mmh!« Das klang wie ein Knurren, und noch immer gönnte Verena ihr keinen Blick. Die Pizza wurde förmlich massakriert.
»Wir müssen reden«, begann Hedda das unvermeidbare Gespräch. »Heute Morgen …«
»Bevor du dich weiter auslässt«, unterbrach ihre Tochter sie mit blitzenden Augen und zornbebender Stimme und hielt ihr das Besteck wie Waffen entgegen. »Ich hatte schlicht vergessen, dass die erste Stunde ausgefallen ist. Wenn du mir, wie üblich, nicht glaubst, ruf Frau Rosen an! Sie wird hoffentlich nicht zu krank sein, um ihr Fehlen zu bestätigen. Lisa, Maike und Tom hatten es auch nicht mitgekriegt, also sind wir zum Bahnhof, um die neueste PC-Games zu kaufen. Kaum aus dem Laden, kommt meine Mutter angerast, brüllt und tobt, zerrt mich in den Wagen und setzt mich vor der Schule ab. Die ganze Zeit schreit sie rum und erhebt Vorwürfe, und ich komm nicht zu Wort. Meine Freunde haben sich schlapp gelacht. Ich soll dich von Tom bitten, beim nächsten Mal noch Handschellen einzusetzen.«
Sie warf Hedda einen giftigen Blick zu, bevor sie fortfuhr: »Was muss man auch fragen, wenn man doch Vermutungen und Indizien, oder wie das bei euch heißt, hat. Du bist ein Bulle durch und durch! Nur manchmal solltest du versuchen, wie ’ne Mutter zu reagieren. Du hättest fragen und ich hätte es erklären können. Ich hatte sogar Zeugen.«
Hedda ließ das sacken, konnte aber nicht gegen die barschen Vorwürfe protestieren, da ihre Tochter recht hatte. Sie legte ihr Besteck auf den Teller, rieb sich die müden Augen und sah Verena entschuldigend an. »Veri, es tut mir leid! Ich war nur so ärgerlich, weil der blöde Wagen wieder mal nicht angesprungen ist und ich so spät dran war. Und Frau Rosen hat sich schon so häufig über dein Schwänzen beschwert, dass ich … Es tut mir leid. Natürlich hätte ich dich fragen müssen. Ich gelobe Besserung und mach es wieder gut, ja?!«
Ihre Tochter warf ihr einen bösen Blick aus blauen Augen zu und schob sich ein Stück Pizza in den Mund.
»Okay!«, erklärte sie schließlich kauend.
Hedda versuchte, zu ergründen, warum Verena ganz gegen ihre Gewohnheit so schnell nachgegeben hatte. Sie zwang sich dazu, nicht unweigerlich den Schluss zu ziehen, dass ihre Tochter das Gespräch beenden wollte, weil sie doch wieder gelogen hatte, als die unvermittelt fragte: »Bist du an dem Mord beim Bestatter dran?«
Heddas berufliche Alarmglocken übertönten ihren Mutterinstinkt. »Woher weißt du davon?«
»Maikes Vater hat uns von der Schule abgeholt. Er arbeitet in der VK-Tischlerei und hat es mitgekriegt. Ist ja ’ne irre Sache! Jetzt sag schon: Ist es dein Fall?«
»Zumindest arbeite ich mit daran. Hauptkommissar Kessel leitet ihn. Hat Maikes Vater sonst noch was erzählt?«
Sie war ganz Ohr, aber Verena zuckte die Achseln.
»Nee! Er hat nur gesagt, dass es eine verdammte Sauerei wäre, nach all dem Kummer, den die Bestatter schon gehabt hätten. Was er damit gemeint hat, weiß ich nicht.« Sie sah Hedda mit leuchtenden Augen an. »Hast du von Keppling getroffen?«
Auf ein Nicken hin fuhr sie fort: »Toller Typ, oder?«
Hedda wurde immer verwirrter. »Du kennst ihn?«
»Nee! Woher denn? Er holt nur manchmal seine Schwester von der Schule ab: im Sommer mit ’nem Cabrio. Der sieht so gut aus, der hätte Filmstar werden sollen. Stattdessen macht er in Särgen.« Fassungslos über eine derartige Vergeudung schüttelte sie den Kopf. »Wie ist er denn so?« Messer und Gabel fielen auf den Tisch. Das letzte Stück Pizza wurde aus der Hand gegessen. Sie biss und kaute, sah Hedda aber gespannt an.
Die nahm einen Schluck Rotwein und beschloss, mitzuspielen. Mit tiefem Seufzen und einem, wie sie hoffte, verklärten Blick erklärte sie: »Wie du sagtest: unglaublich attraktiv, wunderschöne Augen, dunkle Stimme, nett und lässig … cool, würdest du wohl sagen.«
Jetzt seufzte auch ihre Tochter schwärmerisch auf und ließ den Kopf in die Hände ihrer aufgestützten Arme fallen. »Oh, Mann! Vielleicht werde ich auch Bulle, wenn man da solche Typen kennenlernt.«
Hedda ließ ihr Glas zwischen den Händen kreisen und lächelte versonnen. So normal wie gerade hatte sie sich lange nicht mehr mit ihrer Tochter unterhalten. Keine Vorwürfe, keine Ausreden, keine wütenden Blicke! Um den seltenen Frieden nicht zu stören, verkniff sie sich die ihr auf der Zunge liegende Frage nach der ausstehenden Englischarbeit und erwiderte mit einem Zwinkern: »Ich will dich nicht belügen. Heruntergekommene Junkies und prügelnde Ehemänner in Feinripp-Unterhemden und Jogginghosen sind dort dein tägliches Brot. Männer wie Jonas von Keppling – allein der Name ist wie Musik – lernst du bei der Polizei schätzungsweise alle hundert Jahre einmal kennen. Ich hatte Glück, aber für dich lohnt es sich jetzt kaum noch.«
Verena grinste erst und stöhnte dann. »Was für ’n hundsgemeines Elend! Ich komm nicht an ihn ran, und du bist zu alt für ihn.«
»Das hat gesessen«, gab Hedda mit einer Grimasse zurück. »Aber trotz meines hohen Alters hat er mir nicht die Treppen hinuntergeholfen.«
Verenas Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, das zu Heddas Überraschung weder hämisch noch herablassend wirkte, sondern einfach nur belustigt. Auch ihre nächsten Worte klangen eher fröhlich als ernst. »Sag mal, Mom, könntest du mich nicht mal mitnehmen, wenn du ihn vernimmst?«
Hedda lachte auf und tippte sich mit dem Finger in eindeutiger Geste an die Stirn. »Du spinnst wohl! Das ist ein Mordfall, kein Filmdreh. Außerdem ist er doppelt so alt wie du. Für ihn bist du daher viel zu jung.«
»Du hast Papa auch kennengelernt, als du vierzehn warst.«
»Ja, aber da war der fünfzehn und keine achtundzwanzig. Wir sind zusammen zum Schützenfest gegangen und haben uns sogar getraut, Händchen zu halten. Uns war das genug, von Keppling hingegen wird bei einer Beziehung bestimmt mehr als Händchenhalten vorschweben. Wie wir es drehen und wenden, Veri, du bist zu jung, und ich bin zu alt. Das ist ein Jammer und ungerecht, aber so ist es nun mal. Wir müssen uns damit abfinden. Willst du ein Eis als kleinen Trost?«
Verena grinste von einem Ohr zum anderen, schüttelte ihre blonde Mähne und nickte. »Genau, Mom, trösten wir uns damit. Keine von uns kann ihn haben, dann müssen wir nicht auf unsere Figur achten und essen eben massenweise Eis. Haben wir noch Walnuss?«
Jonas von Keppling schnappte sich die Papiertüte vom Rücksitz, schloss Auto und Garage ab und ging zum Haus. Die langen Äste der Trauerweiden peitschten im Sturm, und Schneeregen prasselte ihm ins Gesicht. Trotzdem wurde er mit jedem Schritt langsamer. Der Weg und das Haus lagen im Dunkeln. Kein einziges Licht brannte. Er kramte nach dem Haustürschlüssel, ertastete das Schlüsselloch, schloss auf, atmete tief ein, betrat den Flur und machte Licht: drinnen und draußen.
»Wer ist da?« Eine hohe Stimme hallte durch die Halle.
»Ich!«
Er hängte Mantel und Jackett in den alten Bauernschrank, ließ die Tür offen, damit die Feuchtigkeit verdunsten konnte, zog seine Schuhe aus und ging in die Küche, um die Lebensmittel zu verstauen.
Schritte waren zu hören. Eine zierliche Frau in einem mit Farbspritzern übersäten schwarzen Hausanzug, die hellblonden Haare zum Pagenkopf frisiert, kam herein und musterte ihn intensiv.
»Nur du? Judith ist nicht da?«
Ohne sich umzudrehen, räumte er Joghurt in den Kühlschrank. »Nein!« Er zog einen Mikrowellenteller heraus, betrachtete die unangerührte Mahlzeit und schüttelte den Kopf. »Du hast nichts gegessen. War Margot heute nicht hier?«
Blaue Augen starrten ihn konzentriert an. »Und wenn nicht?«
»Heißt das ja oder nein?«
Sie runzelte die Stirn und schlang die Arme um den Oberkörper, als sei ihr plötzlich kalt. »Wo ist Judith?«
Er knallte den Salatkopf, der ihm mit einem Mal welk erschien, auf den Holztisch und fragte sich, warum ihm das erst jetzt auffiel. »Ich weiß es nicht.«
»Das solltest du aber. Machst du dir keine Gedanken um sie?«
Eine Antwort wurde ihm erspart, denn die Haustür fiel mit lautem Krachen ins Schloss.
Nur Sekunden später stand eine junge Frau in Jeans und rotem Rollkragenpullover in der Küche und wickelte sich einen bunten Schal vom Hals.
Jonas spürte, wie es in dem Raum mit alten Schränken, Kupfertöpfen, Delfter Fliesen und Kräutersträußen durch die Anwesenheit seiner Schwester wärmer wurde.
Die ließ ihren Blick über die Einkäufe schweifen und erklärte atemlos: »Hast die SMS also rechtzeitig bekommen und Abendessen besorgt. Du kannst dir alle Vorwürfe sparen, Jonas! Ich hab’s nicht vergessen, ich musste nur unbedingt für die Scheiß-Mathearbeit lernen. Fabian wollt’s mir auf die Schnelle beibringen, hat dann leider länger gedauert. Kennst du dich mit Kurvendiskussionen aus? Ich jetzt schon! Bin mir trotzdem nicht zu schade, Salat zu machen. Was gibt’s sonst noch? Steak und Nussbrot? Seltsam, aber okay. … Hallo, Mama, geht’s dir gut?«
Sie drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, und die erwiderte herzlich: »Hallo, Liebling! Ich merk es erst jetzt, aber ich bin tatsächlich unglaublich hungrig.«
Die junge Frau stutzte. »Hast du heute Mittag nichts gegessen?«
»Ich hab’s vergessen.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Hab gemalt, doch es ist völlig misslungen. Deswegen habe ich immer weiter gemalt, aber die Linien wurden nie so, wie ich sie wollte. Gestern sah es nach Aufbruch in neue Sphären aus, heute nach Rückfall in Höhlenmalerei. Ich werde es entsorgen müssen. Eine Verschwendung von Material und eine Vergewaltigung der Kunst. Wie spät ist es? Kommen schon Nachrichten?«
Rabea sah auf die Uhr, legte den Arm um die knochigen Schultern ihrer Mutter und nickte liebevoll. »Beginnen in zwei Minuten. Komm, ich geleite dich ins Fernsehzimmer und kredenze dir einen staubtrockenen Sherry. Du wirst ihn vielleicht brauchen, denn Jonas’ Steaks sind ja mal so, mal so. Willst du einen gemischten oder einen grünen Salat? Balsamico oder Joghurt?«
Frau von Keppling lachte. »Das ist mir gleich, Liebling. Hauptsache, ihr lasst euch nicht zu viel Zeit. Hörst du, wie mein Magen knurrt? Ich muss bestimmt den Ton lauter stellen, um noch etwas anderes zu hören.«
Kurze Zeit später kam Rabea wieder in die Küche und griff sich sofort den Salat. »Gemischt, mit Öl und Essig! Soll ich Knoblauch für die Steaks hacken?«
Jonas brummte nur zustimmend, und sie fuhr fort: »Mama ist ziemlich durcheinander. Margot wird immer unzuverlässiger. Du musst dringend mit ihr reden. Wer weiß, was Mama mal anstellt, wenn sie den ganzen Tag allein ist?«
»Ich kümmere mich darum. Doch heute wäre Judith dran gewesen. Hat sie was davon gesagt, dass sie nicht kommt?«
»Mit so was Profanem wie Familie beschäftigt die sich grad nicht, hat nämlich ’nen neuen Lover. Soll ich die ganze Gurke nehmen? Das wird für uns drei zu viel, oder?« Sie musterte Jonas, der das Fleisch trocken tupfte und in die Pfanne legte.
»Du siehst blass aus. Doch noch nicht vorbei?«
»So gut wie! Wieso einen Neuen? Ist das mit Christian aus? Davon wusste ich gar nichts.«
»Ist auch druckfrisch. Gestern hat sie Chris den Laufpass gegeben, heute Mittag hatte sie Ersatz.«
»Meine Güte! … Kennst du ihn?«
Rabea schmeckte die Salatsoße ab und gab noch Honig dazu, bevor sie antwortete: »Nur vom Sehen! Hängt immer im Chapter Five ab. Studiert BWL … sagt sie! Ich halte das für ein Gerücht. Er mag sich eingeschrieben haben, sieht aber aus, als wäre er den ganzen Tag wahlweise in der Muckibude oder auf der Bratbank. Ich hab sie gefragt, ob sie sicher sei, dass sie sich mit ihm über irgendwas außer Hanteltraining und Nahrungsergänzungsmittel unterhalten könnte. Sie sagte, reden wolle sie mit ihm gar nicht. Sie bräuchte zur Abwechslung mal einen strammen Hengst, der es ihr auch im Stehen besorgen könnte. Sie stünde zurzeit auf fick for fun, multiple Orgasmen …«
»Sie hat was gesagt? … Aua! … Scheiße!« Er hatte sich an der Pfanne verbrannt, warf den Bratenheber weg und lutschte ärgerlich am Handgelenk.
Rabea legte die Gurke beiseite, ging zu ihm, nahm die Hand, hielt sie unter den Wasserhahn und ließ kaltes Wasser darüberlaufen. Dabei kicherte sie belustigt.
»Du bist zu süß. Finde dich endlich damit ab: Deine kleinen Schwestern sind erwachsen. Selbst ich bin aus dem Alter für Bienchen und Blümchen raus. Außerdem würd’s mich freuen, wenn Judith dadurch vielleicht besser gelaunt wäre. In letzter Zeit hat sie eine Stimmung zum Weglaufen. Habt ihr euch wieder gestritten oder so?«
