Und nur der Dannebrog sah zu - Elfie Bohne - E-Book

Und nur der Dannebrog sah zu E-Book

Elfie Bohne

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Beschreibung

Hoch im Norden liegt das kleine Dorf Hattlund. Im Frühjahr pfeift hier noch ein kalter Wind, jedoch nicht kalt genug, um die aufgeheizten Gemüter der Dörfler abzukühlen, nachdem ein grausiger Mord in ihrer Gemeinde verübt wurde. Margot Iwersen hängt aufgeknüpft am Fahnenmast der dänischen Schule. Nur der Dannebrog ist Zeuge des Geschehens. Die Flensburger Kriminalpolizei um Oberkommissar Steffen Sörensen gerät ins Rotieren, als kurz darauf ein zweiter Mord geschieht. Was zum Teufel ist los auf dem platten Land?

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Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Elfie Bohne

Und nur der Dannebrog sah zu

Kriminalroman

Zum Buch

Dannebrog auf Halbmast Die unbeliebte Margot Iwersen hängt tot am Fahnenmast mit dem Dannebrog. Das Entsetzen der Dörfler hält sich in Grenzen, da die Tote zu Lebzeiten mit allem und jedem im „Clinch“ lag. Doch als sich ein weiterer Mord ereignet, macht sich doch Unruhe breit. Robert Lassen dümpelt tot im Hafenbecken des Jachtklubs in Fahrensodde. Die Kripo findet eine Verbindung vom ersten zum zweiten Opfer. Beide waren vor vier Jahren, zusammen mit einem dritten Täter, in einen Überfall in Flensburg verwickelt. Hat der dritte Täter die beiden beseitigt? Doch dann wird auch dieser ermordet im Schloss Gottorf aufgefunden. Oberkommissar Sörensen rauft sich die Haare, denn es gehen ihm langsam die Verdächtigen aus. Diese Tatsache beflügelt seinem Bruder Kalli dazu, heimlich „einzugreifen“. „De politi krecht dat jo nich op de Rech!“, ist seine feste Überzeugung. Kalli und seine beiden Skatkumpel bringen den Oberkommissar mit ihrer „Arbeit“ zur Verzweiflung, da sie so einige Spuren und Beweise kurzerhand unterschlagen.

Elfie Bohne gehört der dänischen Minderheit an und arbeitet in einem dänischen Kindergarten. Sie hat zwei Söhne und lebt in Flensburg. „Und nur der Dannebrog sah zu“ ist ihr erster Kriminalroman um den Flensburger Oberkommissar Steffen Sörensen und seinen Bruder Kalli.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Frederick Doerschem / shutterstock.com

ISBN 978-3-8392-7598-6

-1-

Im nördlichsten Teil von Schleswig-Holstein fegte ein flotter frischer Ostwind übers Land. Obwohl es bereits Ende Mai war, ließ der Frühling es dieses Jahr richtig langsam angehen. Nach einem warmen und relativ trockenen April war der Mai außergewöhnlich kalt und nass gewesen. Nachdem im April Tulpen und Osterglocken um die Wette geblüht hatten und man schon meinte, den nahenden Sommer zu spüren, schien Mutter Natur jetzt erst einmal eine Atempause eingelegt zu haben. Dezent hielt sie sich zurück, als hätte sie Angst, dass der vergangene Winter zurückkehren und noch einmal mit seinen kalten Nachtfrösten zuschlagen könnte. Doch die Menschen hier im hohen Norden ließen sich von niedrigen Temperaturen und zahlreichen Regenschauern nicht aus der Ruhe bringen. Es war kalt? Und? Dann wurden eben die warmen Jacken und Stiefel wieder herausgekramt. Schlechtes Wetter gab es für die Nordlichter nicht, nur die falsche Kleidung. Da war man sich einig, Mutter Natur würde sich schon wieder einkriegen, und das Wetter konnte einfach nur besser werden. Mit typisch norddeutscher Gelassenheit wartete man auf die irgendwann kommenden Sommertage. Auch in dem kleinen ruhigen und idyllisch gelegenen Dorf Hattlund dicht an der dänischen Grenze. Allerdings war es hier mit der Ruhe vorbei, denn in der dänischen Schule im Hattlund ging es hier gerade mal wieder hoch her. Die drei Reinigungsdamen lagen sich, wie so oft in letzter Zeit, gewaltig in den Haaren und beschimpften sich lautstark und äußerst wortreich. Ein Wort gab das andere, und die Luft knisterte wie elektrisch aufgeladen vor Spannung. Wieder war Margot Iwersen, die neue Eroberung des Hausmeisters Erwin Svenson, der Stein des Anstoßes. Erst seit Kurzem gehörte sie zum dreiköpfigen Reinigungsteam der Schule. Die anderen beiden Damen, Hanne Molzen und Lene Nydam, waren ein gut eingeschworenes Zweierteam und verstanden sich ohne große Worte, schließlich arbeiteten sie schon über 20 Jahre zusammen. Aber seit sich Margot und Erwin »nähergekommen« waren und sie als dritte Putzkraft dazugestoßen war, war es vorbei mit der Ruhe. War man sich früher aus dem Weg gegangen, ging man sich jetzt an den Kragen. Seit ihrer Anstellung hatte Margot sich über Nacht um 180 Grad gewandelt. Vom ersten Tag an meinte sie, die Chefin spielen zu können, obwohl sie lediglich als Hilfskraft eingestellt war. »Von der fleißigen Putze zur Chefin hochgearbeitet«, wie sie es nicht müde wurde, selbstgefällig lächelnd zu betonen. Eine Behauptung, die völlig an den Haaren herbeigezogen war, denn das Wort »Fleiß« war für Margot ein großes Fremdwort. Von früh bis spät spielte sie sich auf und gab zu allem ungefragt ihren Kommentar ab. Auch sparte sie nicht an Kritik, wenn es um die Putzqualitäten ihrer Kolleginnen ging. Immer fand sie etwas zu beanstanden. Selbst die Kollegen ihres Mannes, welche bei größeren Reparaturen auf dem Grundstück der Schule aus Flensburg vorbeikamen, versuchte sie herumzukommandieren und meinte, ihnen ihre Arbeit erklären zu müssen. Und Erwin? Der stand dann nur blöd grinsend in der Gegend herum und war einfach nur stolz darauf, so eine »patente« Frau an seiner Seite zu haben. »Hochgearbeitet? Ach, nennt man dat nu so? De het sik doch Erwin anne Hals schmeten! De is doch veel to fuul om to arbeiden!«1, ereiferte sich gerade Hanne Molzen lauthals und vor Empörung hochrot im Gesicht. Margot hatte ihr soeben unmissverständlich unterbreitet, dass ihrer Meinung nach das Lehrerzimmer nicht ordentlich gewischt war. Hanne stapfte mit großen Schritten energisch die Treppe zum besagten Lehrerzimmer herauf. Dort angekommen, riss sie die Tür auf und traute ihren Augen nicht. Quer durch den frisch gewischten Raum waren etliche Fußspuren zu erkennen und diese, da war sie sich zu 100 Prozent sicher, konnten nur von Margots Schuhen stammen. Das war doch wieder wie so oft nur reine Schikane von Margot! Jetzt war es in Hannes Augen aber genug, das hier ließ sie sich nicht länger bieten. Den Wischmopp unter den Arm geklemmt, rauschte sie wie ein Orkan wild entschlossen in den Keller. Dort unten vermutete sie Erwin bei der Arbeit. Wie erwartet saß dieser auch im Heizungskeller, allerdings nicht, wie vermutet, bei der Arbeit. Er saß dort auf einem Stuhl, mit den Füßen auf einem kleinen Tisch, und rauchte genüsslich eine Zigarette, obwohl dieses auf dem Schulgelände strikt verboten war. Hanne erschien vor Wut bebend im Türrahmen zum Keller. »So, nu langt mi dat!«,2 knallte sie ihm ohne Vorwarnung um die Ohren. »Ik lat mi nich länger von Margot triezen.«3 Erwin schoss vor Schreck einen halben Meter von seinem Hocker hoch und drückte hastig seine Zigarette hinter sich aus. Mit vor Schreck aufgerissenen Augen und rotem Kopf sah er ertappt zu Hanne, öffnete den Mund und wollte etwas sagen. Doch bevor er dazu kam, stand auch schon Margot wie eine angefressene Walküre hinter Hanne. »Anstatt hier so ein Theater zu machen und mich der Schikane zu beschuldigen, solltest du lieber deine Arbeit ordentlich machen«, fuhr sie Hanne barsch über den Mund. Erwin sah hektisch von einer Frau zur anderen und beschloss augenblicklich, sich aus diesem »Weiberkram« besser herauszuhalten. »Wenn Margot dat meent, sullst du man lever op se hörn«, murmelte er halblaut in Hannes Richtung.4 »Genau! Aber wenn es dir hier nicht mehr nicht passt, kannst du ja gehen. Gibt genug andere! Nun mach schon, du wirst schließlich nicht fürs Herumstehen bezahlt!«, wies sie ihre überrumpelte Kollegin von oben herab herrisch zurecht. Hanne rang sichtlich nach Worten. »Dorför warst du noch betalen!«,5 zischte sie ihre Kontrahentin giftig an und hielt ihren Wischmopp drohend in die Höhe. Auge in Auge standen sich die Frauen kurz gegenüber, dann ging Hanne betont langsam die Treppe hoch. »De olle mors is doch blind un beschürt!«,6 fasste sie kurz und knapp den verliebten Zustand von Erwin zusammen. Geladen stapfte sie die Treppe hoch und horchte auf. Oben angekommen, hörte sie leises Schluchzen. Was war denn jetzt schon wieder los? Suchend lief sie an den Klassenzimmern vorbei. Im Raum der 2b fand sie ihre völlig aufgelöste Kollegin Lene vor. »Lene, wat is los?«,7 sprach sie diese energisch an. »Margot, dat Beest, behauptet, dat ik Geld klaut hev. Dat stimmt nich, sowat mak ik nich. Ik bün nu över 20 johr dorbi un immer weer ik ehrlich. Rut schmieten laten will de mi, het se secht!«,8 klagte Lene noch immer fassungslos über diese unerhörte Anschuldigung. Hanne zog hörbar scharf die Luft ein. Wenn hier jemand lange Finger machte, dann ja wohl Margot. Noch heute Morgen hatten sich zwei Schüler darüber beschwert, dass ihnen Geld gestohlen worden war. Komischerweise genau zu dem Zeitpunkt, als Margot in den Gängen herumgeschlichen war. Hanne wurde nachdenklich, denn in letzter Zeit hatten solche Vorfälle erstaunlicherweise zugenommen. Mal war es Geld, dann war einer Lehrerin auf absonderliche Weise eine neue teure Jacke direkt aus dem Lehrerzimmer abhandengekommen. Und interessanterweise war immer Margot in der Nähe gewesen, was den Beklauten ebenfalls aufgefallen war. Darauf angesprochen, wies diese natürlich alles zutiefst empört weit von sich. In ihren Augen war das eine gemeine Intrige gegen ihre Person. Theatralisch heulend hatte sie sich in die Arme von Erwin geworfen. Dieser hatte selbstredend seine Hand für sie ins Feuer gelegt und die Bestohlenen als hinterhältige Lügner bezeichnet. Der Lehrerin, welcher die neue Jacke entwendet worden war, unterstellte Margot kurzerhand, dass diese doch bloß eifersüchtig auf sie wäre und deshalb aus Boshaftigkeit Lügen verbreitete. Die so angegriffene Lehrerin, Frau Mikkelsen, drohte ihr postwendend mit einer Anzeige wegen Verleumdung. Am nächsten Tag hatten Unbekannte mittels einer spitzen Klinge alle vier Reifen ihres VW Golf auf Felge gesetzt. Frau Mikkelsen war sich absolut sicher, dass dieses ein hinterhältiger Racheakt von Margot war, konnte es ihr aber leider nicht beweisen. »Man sieht sich im Leben immer zweimal!«, schleuderte sie daraufhin ihrer Widersacherin wütend entgegen. Diese warf den Kopf in den Nacken und ging hämisch grinsend an ihr vorbei. Dass Margot scheinbar rasend eifersüchtig auf alles und jeden war, war schon lange ein offenes Geheimnis. Wer ihr in die Quere oder ihrem Erwin zu nahe kam, bekam das gnadenlos zu spüren. Dann machte sie ihren vermeintlichen Widersacher eiskalt mit Worten oder Taten platt. Auch die Eltern der bestohlenen Kinder hatten ebenfalls Margot dringend in Verdacht gehabt, aber konnten auch keinen konkreten Beweis dafür vorbringen. Ihre Fahrzeuge wurden bei einer nächtlichen Attacke aus dem Hinterhalt mit Steinen beworfen, was diverse Beulen und Lackschäden mit sich brachte. Auch in diesem Fall war man sich sicher, dass der Anschlag von Margot kam, aber hier fanden sich wieder keine konkreten Beweise, und so zog Margot mal wieder mit einem triumphierenden Grinsen an ihnen vorbei. Die Liste der Leute, denen Margot ein Dorn im Auge war, wuchs stetig an.

Mittlerweile hatte Hanne die aufgelöste Lene soweit beruhigt, dass diese ihre Arbeit fortsetzen konnte. Schweigend wischten die beiden ein Klassenzimmer nach dem anderen. Hanne war tief in Gedanken versunken. Mechanisch schob sie ihren Wischmopp vor sich her. So konnte es nicht weitergehen. Hanne und Lene arbeiteten nun schon weit über 20 Jahre zusammen, und nie hatte es in irgendeiner Weise Ärger oder Anlass zu Beanstandungen ihrer Arbeit gegeben. Es half nichts, Lene und Hanne mussten gleich morgen früh ein ernstes Wort mit Rektor Truelsen reden. Mitten in ihren Gedanken wurde sie durch das Klappern eines umfallenden Eimers aufgeschreckt. Wasser breitete sich rasch in dem eben fertig gefeudelten Zimmer aus. Im Türrahmen tauchte wie von Geisterhand Margot süffisant grinsend auf. »Ups, wie ungeschickt von mir! Na, da müsst ihr wohl noch mal ran!«, sagte sie und machte einen auf zerknirscht. Hanne sah ihr direkt ins Gesicht, und es begann gefährlich in ihr zu brodeln. »Driv dat nich op de spitz, sech ik di!«,9 zischte Hanne sie wütend an und baute sich mit ihrem Wischmopp drohend vor Margot auf. »Ach, du willst mir doch wohl nicht drohen?«, fauchte Margot und wich hektisch einen Schritt zurück. Anschließend wedelte sie mit ihrem frisch manikürten und lackierten Zeigefinger mahnend vor Hannes Gesicht herum. Wegen dieser gepflegten Nägel sah sie sich leider außerstande, beim Putzen mit anzupacken. Es könnte ja einer dieser Nägel beschädigt werden. Kommandieren ging damit allerdings hervorragend, und Erwin gab ihr natürlich wie immer volle Rückendeckung dabei. In seinem verliebten Zustand sah er jede Situation durch seine rosarote Brille und erkannte Margots Schikanen dadurch nicht. Am liebsten hätte Hanne Margot jetzt den nassen Feudel um die Ohren geknallt, doch sie beherrschte sich, wenn auch sehr mühsam. Nun gut, heute vielleicht nicht, aber sie würde ihre Chance schon noch bekommen. Der Feudel wurde ausgewrungen, auf den Boden geklatscht und dieser damit energisch erneut trocken gewischt. Feierabend!

1 Hochgearbeitet? Nennt man das jetzt so? Die hat sich doch Erwin an den Hals geschmissen! Die ist doch viel zu faul zum Arbeiten!

2 So, jetzt reicht es mir!

3 Ich lasse mich nicht länger von Margot provozieren!

4 Wenn Margot das meint, solltest du lieber auf sie hören.

5 Dafür wirst du noch bezahlen.

6 Der alte Arsch ist doch blind und bescheuert.

7 Lene, was ist los?

8 Margot, das Biest, behauptet, dass ich Geld gestohlen habe. Das stimmt nicht, so etwas mache ich nicht. Ich bin über 20 Jahre dabei und immer ehrlich gewesen. Rauswerfen lassen will die mich, hat sie gesagt.

9 Treib es nicht auf die Spitze, sag ich dir!

-2-

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Gespickt mit mehr oder weniger großen Gehässigkeiten von Margots Seite. Rektor Truelsen hatte vergeblich versucht, die Wogen zu glätten. Hanne hatte ihm daraufhin das Versprechen abgerungen, dass er Margot ins Gewissen reden würde. Dann hatte es am Mittwoch erneut einen Diebstahl gegeben. Dieses Mal war Rektor Truelsen selbst das Opfer gewesen. Für den anstehenden Abend zur Årsmøde hatte er eine Summe Geld aus dem Safe genommen und nur ganz kurz das Zimmer verlassen, aber offenbar lange genug für den dreisten Dieb, um das Geld an sich zu nehmen. Wieder waren sich alle einig, da konnte nur Margot dahinterstecken, denn zu dem Zeitpunkt des Diebstahls hatte sie sich nebenan im Lehrerzimmer herumgedrückt. Angeblich, um Staub zu wischen, wie sie empört behauptete. Als man sie direkt auf den Diebstahl angesprochen hatte, hatte erstaunlicherweise der sonst so ruhige Erwin Svenson ein Machtwort gesprochen. Hochrot im Kopf war ihm wütend der Kragen geplatzt. Er hatte es einfach satt, dass seine Freundin immer wieder ungerechterweise für alles beschuldigt wurde. Schließlich hatte sie es gar nicht nötig, lange Finger zu machen. Mit Sicherheit waren es irgendwelche missratenen Gören hier an der Schule. Noch eine Anschuldigung und er würde Anzeige bei der Polizei wegen übler Nachrede erstatten. Truelsen reagierte über diesen Ausbruch seines sonst so besonnenen Hausmeisters sehr erstaunt und versuchte, ihn zu beruhigen. Was ihm dann zu guter Letzt auch gelang. Arm in Arm mit seiner siegessicher lächelnden Freundin marschierten beide mit hocherhobenem Kopf aus dem Büro. Dass Truelsens gute Lederaktentasche am nächsten Tag einer Farbbeutelattacke zum Opfer fiel, sei hier nur am Rande erwähnt.

Das Årsmøde Wochenende10 stand vor der Tür, und es gab viel zu tun.11 Samstagabend fand aus diesem Anlass wie jedes Jahr eine kleine Veranstaltung in der dänischen Schule in Hattlund statt. Wie immer wurden zahlreiche Redner der Minderheit und aus Dänemark erwartet. Schon am frühen Nachmittag wieselte Hausmeister Erwin Svenson geschäftig umher. Er war dafür zuständig, dass die Sporthalle mit Tischen und Stühlen ausgestattet wurde, und natürlich musste jede Menge Kaffee vorbereitet werden. Etliche Platten mit Wiener Brot waren bereits vom Bäcker geliefert worden und warteten nun darauf, auf den Tischen verteilt zu werden. Für die Tischdekoration waren Margot und ihre Kolleginnen zuständig. Aber wie aus heiterem Himmel wurde Margot plötzlich von einer fiesen Migräne niedergestreckt, und es blieb, wie so oft in letzter Zeit, mal wieder alles an Hanne und Lene hängen. Doch diese ärgerten sich keineswegs darüber und genossen die Abwesenheit ihrer intriganten Kollegin. Mittlerweile war es kurz vor 18 Uhr, und Erwin war nach draußen geeilt, um den Dannebrog12 zu hissen. Kaum hatte er die Sporthalle verlassen, da erschien, wie durch eine Blitzheilung genesen, Margot mit ihrem scheinheiligen Gesicht im Türrahmen. Hanne schwante Böses. Das roch gewaltig nach Ärger. Und sie sollte recht behalten. »Du meine Güte! Wie sieht das denn hier aus?«, kreischte Margot los und zeigte mit einem spitzen Finger auf die fertig dekorierten Tische. Hanne und Lene sahen sich nur an. Was stimmte denn nun schon wieder nicht? Hanne stemmte die Arme in die Seite und sah Margot direkt ins Gesicht. »Ach, wedder op de been? Dat ging jo fix! Wat passt di nu wedder nich?«,13 fauchte sie Margot herausfordernd an. Deren Augenbrauen zogen sich gefährlich zusammen, und es blitzte hinterhältig in ihren Augen auf. »Das hier muss alles neu gemacht werden, so will ich das nicht haben«, befahl sie kurzerhand und wedelte mit ihrer Hand in Richtung der Tische. Hanne glaubte, sich verhört zu haben und baute sich drohend vor Margot auf. Hanne war eine imposante Erscheinung von knapp ein Meter 80 und kräftig gebaut. Sie überragte Margot locker um einen Kopf und ließ sie damit klein und mickrig aussehen, was diese noch mehr anstachelte. »Wat is los? Dat sieht genauso ut wie Truelsen dat hem wullt und dat blivt nu ok so!«,14 gab Hanne bissig zurück. »Das interessiert mich nicht! Ich bestimme hier und sonst niemand!«, keifte Margot aufgebracht und wollte mit einer Handbewegung die Dekoration eines der Tische herunterwischen. Genau in diesem Moment betrat Rektor Truelsen die Halle und sah anerkennend über die gedeckten Tische. Dann fiel sein Blick auf die beiden Damen, die sich kampfeslustig Auge in Auge gegenüberstanden. Truelsen hatte mit einem Blick den Ernst Lage erfasst: Margot machte mal wieder Ärger. Das konnte er jetzt allerdings überhaupt nicht gebrauchen. Gleich würde sich der Saal mit Leuten füllen, und zwei Damen, die sich wie durchgeknallte Kampfhühner benahmen, waren jetzt entschieden fehl am Platze. Rasch winkte er Hanne und Lene zu sich und bedankte sich überschwänglich für die gelungene Dekoration. Dabei hob er bewusst ein wenig seine Stimme, sodass Margot auch wirklich jedes Wort mitbekam. Das war offenbar zu viel für Margot. Sie stampfte kurz mit einem Fuß auf und verließ wutschnaubend den Saal. Hanne und Lene sahen sich feixend an, endlich hatte mal jemand Margot die Stirn geboten. Doch die dachte nicht daran, kampflos aufzugeben, und schwor ihnen Rache. Sie raste durch das Schulgebäude, um Erwin zu finden. Mit ihm an der Seite wollte sie Hanne und Lene endgültig zeigen, wer hier das Sagen hatte. Doch gerade als Margot dabei gewesen war, ihre Kolleginnen übel zu schikanieren, war Erwin leise und unbemerkt zur Seitentür hereingekommen und hatte somit alles haarklein mitbekommen. Nach diesem Auftritt war ihm mit einem Schlag einiges klargeworden. Es fiel ihm mit einem Mal wie Schuppen von den Augen, wie hatte er sich nur so von dieser Frau täuschen und sich von ihr einwickeln lassen. Nu langt dat! De flücht rut bi mi!,15 nahm er sich fest entschlossen vor. Nicht nur alle Kollegen und Freunde begannen ihn bereits zu meiden und machten sich hinter seinem Rücken über ihn lustig, auch blieb alles an ihm hängen. Erwin wurde nachdenklich. Wann hatte Margot eigentlich mal eine anständige Mahlzeit auf den Tisch gebracht? Hatte sie jemals auch nur einen Finger im Haushalt gerührt? Gab es was anzupacken, dann hatte sie immer einen Termin oder dergleichen und verschwand nach Flensburg. Geld ausgeben, ja, das konnte sie, wie Erwin mit Erschrecken nach einem Blick auf seinen Kontostand festgestellt hatte. Seine Ersparnisse hatten sich komplett verflüchtigt. Und wieso schlief er eigentlich noch immer auf der Couch? Sex! Fehlanzeige! Er ging kurz in sich. Morgen frö kann de eehr plün packen un verschwinnen,16 beschloss er kurzerhand. Durch diesen Beschluss fühlte er sich mit einem Schlag beschwingt und erleichtert. Es war, als hätte er einen Schalter in die richtige Richtung umgelegt.

Zur gleichen Zeit raste Margot hektisch durch das Schulgebäude. Sie schäumte vor Wut. »Wo steckt dieser Kerl bloß wieder?«, murmelte sie leise vor sich hin. Je länger sie auf der Suche nach Erwin war, desto aggressiver wurden ihre Schritte. »Erwin!«, brüllte sie herrisch. Sie brauchte ihn, und das jetzt und sofort. Von dem Gedanken getrieben, dass Hanne und Truelsen sie mehr oder weniger vorgeführt hatten, hetzte sie weiter durch das halbdunkle Gebäude. Das ließ sie sich nicht bieten! So sprang man nicht mit Margot Iwersen um! Hanne konnte sich auf was gefasst machen. Und der Schulleiter? Dem würde sie auch noch zeigen, wo der Hammer hing. »Dieser alte Waschlappen!«, schnaubte sie gehässig. Ihre Gedanken wurden immer wirrer, und sie schmiedete in Gedanken bereits perfide Rachepläne, wie sie es Hanne und Truelsen heimzahlen konnte. Aber dazu brauchte sie wie immer die volle Rückendeckung von Erwin, und um die zu bekommen, war Margot jedes Mittel recht. Aber das war für sie kein Problem, denn sie wusste genau, welche Knöpfe sie bei Erwin drücken musste. Bei den Gedanken an ihn glitt ein gehässiges Grinsen über ihr Gesicht. Dieser Schlappschwanz fraß ihr doch aus der Hand und tat genau das, was sie wollte. Den hatte sie schon lange im Sack. Mit seiner Hilfe würde sie hier bald ganz das Sagen haben. Ein hysterisches Kichern entschlüpfte ihrer Kehle. Weiter ging die hektische Suche nach Erwin. Margot blieb kurz stehen und horchte. Aus dem letzten Klassenzimmer drang ein leises Geräusch. Margot hatte es mitbekommen und marschierte nun zielstrebig auf das Zimmer zu. »Hier hast du dich also verkrochen!«, murmelte sie grimmig. Wie auf Knopfdruck tauschte sie das noch eben gehässige Grinsen gegen eine verzweifelte Miene aus und flatterte aufgelöst in das Zimmer. »Erwin!«, hob sie sofort mit weinerlicher Stimme an. »Ich halte das nicht mehr aus. Die wollen mich fertigmachen. Du musst mir helfen!« Diese Masche hatte bis jetzt immer hervorragend funktioniert. Eine dunkle Gestalt bewegte sich im Raum und kam langsam auf sie zu. Margot flog ihr vor Empörung zitternd entgegen. Wie immer war sie bereit, ihr altbewährtes Programm abzuspulen. Aber als sie der Person jedoch Auge in Auge gegenüberstand, erstarrte sie kurz entgeistert und begann dann sofort loszukeifen. »Was hast du hier zu suchen?«, fuhr sie ihr Gegenüber aggressiv an und fuhr ihre Krallen aus. »Na warte, dich mache ich fert…!« Weiter kam sie nicht, denn ein gezielter Faustschlag traf sie mitten ins Gesicht. »Aber …«, krächzte sie noch kurz fassungslos, dann wurde sie von gnädiger Dunkelheit umhüllt und sank bühnenreif zu Boden. »Nein, dich werde ich fertigmachen, Schätzchen, und zwar so, wie du es dir in deinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen kannst! Glaub mir, ich sorge dafür, dass du ganz groß rauskommst«, raunte die Gestalt kaum hörbar in einem hässlichen Ton und schlug dann zweimal gnadenlos mit einer kurzen Eisenstange auf die am Boden liegende Margot ein. Um ganz sicher zu gehen, legte die unbekannte Person einen dünnen Draht um den Hals von Margot und zog kräftig zu. Dann wurde Margot an den Füßen gepackt und langsam aus dem Klassenzimmer hinunter in den Keller geschleift.

Der gesellige Abend zur Feier der Årsmøde verlief wie jedes Jahr ruhig und harmonisch. Dass Margot nicht wieder aufgetaucht war, hatte man freudig überrascht zur Kenntnis genommen. Niemand hatte sie ernsthaft vermisst. Wie immer war dieser Abend ein voller Erfolg und gut besucht gewesen. Kurz vor Mitternacht löschte Erwin das letzte Licht und schlurfte völlig erledigt in seine Wohnung. Leise öffnete er die Wohnungstür und huschte rasch ins Wohnzimmer. Um einer eventuellen Konfrontation mit Margot aus dem Weg zu gehen, schlich er auf Zehenspitzen zur Couch und warf sich erschöpft darauf. Morgen war schließlich auch noch ein Tag. Mit einem tiefen Seufzer sank er auf ein Kissen und war sofort eingeschlafen.

10 Jahrestreffen der dänischen Minderheit

11 De danske årsmøder i Sydslesvig – Die dänischen Jahrestreffen in Südschleswig sind ein jährlich im Mai oder Juni stattfindendes Festwochenende der in Südschleswig lebenden dänischen Volksgruppe. Die Årsmøder bestehen aus mehreren Veranstaltungen mit Musik, Vorführungen, Debatten, Lesungen und Festreden im ganzen Landesteil sowie drei größeren Open-Air-Abschlussveranstaltungen in Flensburg, Schleswig sowie in Nordfriesland. Veranstalter ist der Sydslesvigsk Forening mit seinen einzelnen Ortsvereinen. Es nehmen etwa 16.000 Menschen an den Jahrestreffen teil.

12 Dänische Flagge

13 Ach, wieder auf den Beinen? Das ging ja fix! Was passt dir denn jetzt schon wieder nicht?

14 Was ist los? Das sieht genauso aus wie es Truelsen haben wollte und das bleibt auch so!

15 Jetzt reicht es! Die fliegt bei mir raus!

16 Morgen früh kann die ihre Sachen packen und verschwinden!

-3-

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Erwin erwachte. Ein rascher Blick auf die Uhr, und er stand kerzengerade vor der Couch. Schon fast 9 Uhr! »Verdammt! Verpennt!«, stieß er hektisch hervor und taumelte schlaftrunken in die Küche. Dort angekommen, stutzte er überrascht. Komisch, Margot schien noch nicht auf zu sein. Kein Kaffee oder Frühstück stand parat. Er schüttelte kräftig den Kopf, scheinbar war er wirklich noch nicht ganz wach. Was war das nur für ein bescheuerter Gedanke von ihm! Margot hatte doch noch nie Frühstück gemacht. Wie selbstverständlich war das vom ersten Tag an ihm hängen geblieben. Erwin holte tief Luft und marschierte fest entschlossen ins Schlafzimmer. So schnell wie möglich wollte er Margot aus dem Haus haben. Sollte sie doch durchdrehen und toben, Hauptsache, sie packte ihre Sachen und verschwand noch heute auf Nimmerwiedersehen. Doch zu seiner großen Überraschung war das Bett unberührt. Ein erleichtertes Strahlen glitt kurz über sein Gesicht. Sollte sie ihre Koffer gepackt haben und aus eigenem Antrieb abgehauen sein? Aber egal, darum konnte er sich später kümmern, erst einmal musste schleunigst der Dannebrog eingeholt werden. Eigentlich hätte er das gleich nach Ende der Versammlung machen müssen, aber er war einfach zu kaputt gewesen. Dass die Fahne über Nacht hängen geblieben war, hatte hoffentlich niemand bemerkt. Gott sei Dank hatte es in der Nacht nicht geregnet, und der Dannebrog war wenigstens nicht auch noch nass geworden, wie Erwin erleichtert feststellte, als er aus der Tür trat. Strahlender Sonnenschein und eine kräftige kühle Brise empfingen ihn, die ihn richtig wach werden ließen.

Nachdem Margot gestern Abend mal wieder für Unruhe und Streit gesorgt hatte, war Erwin von Truelsen nach der Veranstaltung diskret beiseite genommen worden. Dieser hatte eindringlich auf ihn eingeredet, dass es so nicht weitergehen konnte. Truelsen hatte ihm dann mehr oder weniger die Pistole auf die Brust gesetzt. Entweder Erwin würde Margot endlich zur Vernunft bringen oder Truelsen sah sich gezwungen, Erwin aus Hattlund versetzen zu lassen. Hausmeister Erwin Svenson war zutiefst entsetzt über Truelsens Drohung, ihn weg aus seinem geliebten Hattlund versetzen zu lassen. Umgehend hatte er Truelsen zugesichert, dass Margot gleich am nächsten Morgen verschwinden würde. Aber, wie Erwin ja bereits freudig überrascht festgestellt hatte, war Margot ihm wohl zuvorgekommen und hatte sich bereits vom Acker gemacht. Diese Tatsache ließ Erwin erleichtert aufatmen. Doch jetzt musste er zusehen, dass die Fahne schleunigst ins Haus kam, denn wenn Truelsen mitbekam, dass der Dannebrog die ganze Nacht an der Fahnenstange verbracht hatte, stand erneuter Ärger ins Haus. Darauf konnte Erwin gut und gerne verzichten, und er marschierte kurz darauf beschwingt in Richtung Vorplatz. Dort angekommen, bremste er jedoch plötzlich abrupt ab und traute seinen entsetzten Augen nicht. Die Fahne hing nicht mehr dort oben am Mast, wo sie hingehörte, sondern hing so weit herunter, dass sie fast den Erdboden berührte, was auf gar keinen Fall passieren durfte. Irgendein Spaßvogel hatte sich in der Nacht daran wohl zu schaffen gemacht. »Ik hev dat doch wusst!«17, stöhnte Erwin gequält auf und beschleunigte seinen Schritt. Ein kräftiger Windstoß blies den Dannebrog hoch, und was Erwin da zu sehen bekam, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Circa 20 Zentimeter über dem Boden hing Margot an der Fahnenstange und glotzte ihn mit weit aufgerissenen starren Augen an. Erwin konnte einfach nicht fassen, was er dort sah. Mit wackeligen Schritten stakste er vorsichtig näher heran und meinte, sich versehen zu haben. Doch leider hatte er richtig gesehen. Margots Körper war mit einem roten Strick stramm am Fahnenmast festgebunden. Um ihren Hals war ihr pinkfarbenes Halstuch geknotet, und ihr Haar war mit der Tischdeko vom letzten Abend geschmückt. »Margot, wat shall dat nu wedder?«,18 japste Erwin fassungslos. Doch eine Antwort ihrerseits blieb verständlicherweise aus. Margots Arme hatten sich in der Fahnenschnur verheddert, und eine Windbö ließ ihre Hände auf und nieder wippen, als würde sie Erwin munter zuwinken. Das war zu viel für Erwin! Verzweifelt rang er um Fassung. Es lief ihm eiskalt den Rücken runter, Panik machte sich in ihm breit, und er wollte nur noch weg. Aber seine Beine verweigerten ihren Dienst, und so blieb er vor Entsetzen wie angewurzelt stehen und starrte auf die grotesk winkende Erscheinung. Eine erneute Windbö blies, und der Dannebrog bäumte sich nochmals kurz auf, um dann Margots Körper wieder gnädig zu verhüllen.

Erwin stand noch immer wie angewurzelt da, als Truelsen mit seinem Fahrrad vorfuhr. »Moin, Erwin!«, brüllte er quer über den Platz, doch Erwin reagierte nicht. Wie angewurzelt stand er einfach nur da und schien etwas anzustarren. Truelsen stutzte kurz, doch dann fiel sein Blick tadelnd auf den auf halbmast hängenden Dannebrog, und er schob energisch sein Fahrrad in Erwins Richtung. »Mensch, Erwin, was ist denn los? Wieso hängt der Dannebrog noch am Fahnenmast?«, wollte er sichtlich verstimmt wissen. Doch Erwin hob nur zitternd eine Hand, zeigte hinüber zur Fahnenstange und murmelte kaum verständlich: »Margot mokt schon wedder Unruh!«19 Truelsens Blick folgte der ausgestreckten Hand, und auch er erstarrte entsetzt, als er die am Fahnenmast drapierte Margot entdeckte. »Großer Gott!«, stieß er keuchend aus und suchte hektisch nach seinem Handy in der Jackentasche. Mit bebenden Fingern wählte er die Nummer der örtlichen Polizei. »Moin, Clasen. Truelsen hier. Ein Mord in der dänischen Schule. Kommen Sie bloß fix her!«, stotterte er aufgeregt ins Telefon.

Am anderen Ende der Leitung verschluckte sich der örtliche Polizeimeister Clasen fast an seinem Brötchen, als er »Mord in der dänischen Schule« hörte. Misstrauisch starrte er den Telefonhörer an. Wollte ihn da jemand veräppeln? Darüber konnte er nun wirklich nicht lachen. Mord, hier in seinem Revier? So etwas schätzte er gar nicht. »Clasen? Hallo, sind Sie noch da?«, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Wieder ertönte die Stimme von Schuldirektor Truelsen. »Mann, nun sagen Sie doch was!«, befahl Truelsen ungeduldig. Clasen riss sich zusammen, schluckte rasch ein Stück Brötchen herunter und gab Antwort. »Natürlich bin ich da!«, quäkte er misstrauisch ins Telefon. »Haben Sie wirklich Mord gesagt?« Truelsen stöhnte hörbar auf. »Mein Gott, schwingen Sie den Hintern auf Ihr Fahrrad und kommen Sie sofort hierher!«, kommandierte er sichtlich genervt. Dieser Trottel von einem Dorfpolizisten ist aber auch so was von lahmarschig, dachte er genervt. Er, Truelsen, hatte hier eine Leiche direkt vor der Haustür, und dieser Clasen reagierte nicht sofort darauf. Er dachte kurz nach und holte tief Luft. Entschlossen griff er abermals zum Telefon und rief jetzt direkt bei der Polizei in Flensburg an. Es nützte nichts, hier mussten Fachleute ran. Clasen war für einen Hühnerdiebstahl wohl der richtige Mann, aber das hier war eindeutig ein paar Nummern zu groß für ihn.

Truelsen beendete sein Gespräch mit der Flensburger Polizei und schritt mit energischen Schritten wieder zu Erwin. Der Mann brauchte jetzt erst mal einen Schnaps, so viel war schon mal sicher. Bei Erwin angekommen, nahm er ihn behutsam am Ellbogen und führte ihn zurück in dessen Wohnung. »Svenson, wo haben Sie den Aquavit stehen?«, wollte er leise von Erwin wissen und sah sich suchend um. Dieser stand noch immer komplett neben sich und machte nur eine vage Handbewegung in Richtung Küchenschrank. Truelsen nahm sich den Schrank vor, und nach kurzer Sucherei fand er die gewünschte Kömbuddel20. Er fischte ein benutztes Glas aus dem Abwasch, spülte es gründlich aus und goss einen ordentlichen Schluck Aquavit hinein. Das gefüllte Glas drückte er Erwin in die Hand. »So, und nun runter damit!«, befahl er streng. Erwin tat wie befohlen, und kippte den Köm auf einen Zug hinunter. Truelsen behielt ihn besorgt im Auge. Erwin war noch immer aschfahl im Gesicht und drohte jeden Moment aus den Latschen zu kippen. Doch dann tat der Köm seine Wirkung. Erwin fing fürchterlich an zu husten, sein Gesicht verfärbte sich krebsrot, und er fuchtelte wild mit den Armen in der Luft herum. Als der Hustenanfall vorüber war, holte er erst mal tief Luft, und sein Gesicht nahm wieder eine gesunde rosa Farbe an. »Besser?«, wollte Truelsen noch immer besorgt wissen. »Besser!«, keuchte Erwin leicht atemlos. Doch dann fiel ihm wieder die am Fahnenmast baumelnde Margot ein. »Aber wat mokt wi nu mit eer dor buten?«,21 krächzte er verzweifelt. Doch bevor er eine Antwort von Truelsen erhielt, hörte er in der Ferne Martinshörner heulen. Truelsen atmete hörbar erleichtert auf. Dem Himmel sei Dank, Hilfe ist im Anmarsch!, dachte er zufrieden und entspannte sich etwas. Auch Clasen hörte die herannahenden Martinshörner, während er kräftig in die Pedale seines Fahrrads trat. Fast zeitgleich mit der Flensburger Kripo erreichte er die dänische Schule. Clasen hatte ein ziemliches Tempo drauf, bremste scharf ab und kam erst kurz vor dem Fahnenmast zum Stehen. Dann sah er sich plötzlich von Angesicht zu Angesicht mit der toten Margot. Clasen musste hart schlucken, so etwas hatte er nun wirklich nicht erwartet. Langsam drehte er sich um, schob sein Fahrrad zur Seite und atmete ein paarmal tief durch. Seine Beine begannen zu zittern, und eine leichte Übelkeit stieg in ihm auf. Diesen Anblick musste er erst mal verdauen.

17 Ich habe es doch gewusst!

18 Margot, was soll das denn wieder!

19 Margot macht schon wieder Ärger!

20 Flasche mit Kümmelschnaps

21 Aber was machen wir nun mir ihr da draußen?

-4-

An diesem frühen Årsmøde Sonntag lag Oberkommissar Sörensen noch im Tiefschlaf. Die Nacht hatte er in Flintby im Gästezimmer seines Bruders verbracht. Den Samstagabend war er gemeinsam mit seinem Bruder Kalli und dessen Frau Marta auf einer Veranstaltung der dänischen Minderheit in Hattlund gewesen. Es war wie immer ein amüsanter und gemütlicher Abend gewesen, und man hatte dort reichlich Freunde und Bekannte aus Hattlund und Flintby getroffen. Heute, am Sonntag, wollten sie gemeinsam den Tag in Flensburg verbringen. Dort fand zum Abschluss der Årsmøde jedes Jahr ein Umzug vom Nordermarkt über die Toosbüystraße zu den DGF Sportanlagen an der Marienhölzung statt, wo eine größere Open-Air-Veranstaltung mit kulturellen Auftritten und Reden prominenter Gäste aus Dänemark und Deutschland stattfand. Traditionsgemäß gingen die beteiligten Orchester des FDF22 zum Abschluss noch vom Nordertor zum Südermarkt durch die Flensburger Altstadt. An der Westküste sowie in der Stadt Schleswig fanden am gleichen Tag ebenfalls Umzüge statt. In Schleswig führte dieser vom Slesvighus am Lollfuss zum dänischen A.P.Møller Gymnasium auf der Freiheit. Gestern Abend war es recht spät geworden, aber es war ja Sonntag, und somit konnte Sörensen guten Gewissens ausschlafen. Doch das penetrante Klingeln seines Handys ließ ihn aus dem Schlaf hochfahren. Wer, zum Teufel, rief so früh am Sonntagmorgen an? Da er dieses Wochenende keinen Bereitschaftsdienst hatte, konnte es eigentlich nur seine Freundin Camilla sein. Sicherlich wollte sie sich noch mal vergewissern, ob er heute auch wirklich in Flensburg sein würde. Im Halbschlaf fischte er nach seinem Handy und meldete sich schlaftrunken. Ein wütender Wortschwall ergoss sich über Sörensen, und es dämmerte ihm sofort, wer ihn da so unsanft aus dem Schlaf gerissen hatte. Sein Vorgesetzter Petersen! »Ja, Ihnen auch einen schönen guten Morgen«, murmelte Sörensen verschlafen ins Handy. Am anderen Ende schien Petersen dadurch kurzfristig den Faden verloren zu haben. Aber nur kurz, denn er hob sofort zu einer schier endlosen Tirade an. Mann, was will der Alte denn schon wieder, schoss es Sörensen durch den Kopf. »Hören Sie mir überhaupt zu?«, tönte es giftig in sein Ohr. »Sicher höre ich Ihnen zu, aber ich habe heute keinen Bereitschaftsdienst, sondern frei«, knurrte er müde zurück. Ein Umstand, der Petersen jetzt erst recht in Rage brachte. »Was bilden Sie sich ein! Ein Mordfall! Sie werden hier gebraucht, also schwingen Sie Ihren Arsch aus dem Bett und tanzen sofort im Büro an. Wenn ich sage, dass Sie Bereitschaft haben, dann ist es so. Basta!«, bellte Petersen wütend ins Handy. Dann brach die Verbindung abrupt ab, was typisch für Petersen war. Sörensen ließ sich entnervt ins Kissen zurückfallen. So viel zu seinem freien Wochenende. Mann, wie sollte er das bloß Camilla plausibel machen. Das konnte ja heiter werden. Ob Petersen auch seinen Kollegen Nielsen aus dem Bett geholt hatte? Na, das konnte heute noch was werden. Nielsen wollte gestern Abend noch »einen Zug durch die Gemeinde machen«, wie er sich ausgedrückt hatte. Und da dieser nicht ins Glas gespuckt haben dürfte, würde er heute sicherlich einen ziemlichen Brummschädel haben. Schläfrig rollte Sörensen sich aus dem Bett und sammelte seine Klamotten zusammen, dabei fiel sein Blick auf seine Armbanduhr. Echt jetzt? Erst kurz nach 9 Uhr? »Ja, spinnt der Alte denn jetzt total«, stöhnte Sörensen. Vor 10 Uhr ließ der sich doch eh nie im Büro blicken und am Wochenende schon mal gar nicht.

Nach einer ausgiebigen Dusche marschierte Sörensen hinunter in die Küche zu seiner Schwägerin. »Na, ausgeschlafen? Setz dich, gibt gleich Frühstück«, begrüßte Marta ihn strahlend. »Tut mir leid, Marta, aber mit Frühstück wird das wohl nichts. Muss sofort nach Flensburg ins Büro. Befehl von Petersen«, erklärte er ihr mit einem schiefen Grinsen. Marta war hoch empört. »Dieser Blödmann Petersen kann warten. Ohne Frühstück fährst du mir nicht los!«, bestimmte sie resolut. Nach einem kurzen Geplänkel mit Marta einigten sie sich darauf, dass Sörensen zumindest sein Frühstück eingepackt bekam. Kurz darauf machte er sich auf den Weg nach Flensburg, ausgestattet mit einem stattlichen Lunchpaket und einer gut gefüllten Thermoskanne mit frischem Kaffee. Hoffentlich schaffte er es doch noch heute Nachmittag pünktlich um 14 Uhr zum Start des Årsmøde Umzugs am Neptunbrunnen in Flensburg. Seine Freundin Camilla würde es sicherlich sehr begrüßen, schließlich hatte er sie in letzter Zeit oft genug versetzt. Lange würde sie das wohl nicht mehr klaglos hinnehmen.

Im Büro angekommen, war, wie erwartet, natürlich weit und breit kein Petersen zu sehen. Genau wie Sörensen es geahnt hatte. Sein Handy meldete sich mit einem zarten »Pling« zu Wort. Eine knappe Mail von Petersen: Adresse vom Tatort plus minimaler Tatbeschreibung und mit dem bissigen Zusatz: Und das ein wenig flott. Diese Daten hätte er Sörensen auch am Telefon geben können, dann wäre Sörensen direkt nach Hattlund gefahren, anstatt einen Umweg über Flensburg zu machen. Aber das war mal wieder typisch Petersen. Sicherlich saß dieser jetzt gemütlich am Frühstückstisch und genoss den Sonntag. Sollte er doch, so konnte er ihm wenigstens nicht vor die Füße laufen. Doch wo steckte Nielsen? Weilt er schon wieder unter den Lebenden?, fragte sich Sörensen grinsend. Doch seine Sorge war unbegründet, denn kurz darauf flog die Bürotür weit auf, und sein Kollege taumelte ins Büro. »Mann, du siehst ja wie Columbo höchstpersönlich aus«, rutschte es Sörensen trocken heraus, womit er optisch gesehen voll ins Schwarze traf. Nielsen wirkte, als hätte er in seinen Klamotten geschlafen, zerknittert und falsch zugeknöpft. Lippenstift zierte seinen Hemdkragen, und sein Hemd hing halb aus seinem Hosenbund heraus. Unrasiert und mit kleinen Knopfaugen stand er im Büro und regte sich fürchterlich auf. »Sag mal, spinnt der Alte jetzt total? Mitten in der Nacht durchzuklingeln? Hat der noch alle Latten am Zaun?«, rief er aufgebracht und ließ sich auf einen Stuhl gegenüber von Sörensen fallen. »Mann, war das eine Nacht!«, keuchte Nielsen völlig erschöpft und hauchte Sörensen alkoholschwanger ins Gesicht. Mit einem Blick hatte dieser die kritische Lage erkannt. So konnte er Nielsen nicht zum Tatort mitnehmen. Hier halfen als Erste Hilfe nur kaltes Wasser und starker Kaffee. »Klatsch dir kaltes Wasser ins Gesicht, ich mache dir einen starken schwarzen Kaffee. Und mach dich etwas zurecht«, befahl er Nielsen kurz und knapp. Dieser trollte sich leise protestierend in Richtung Waschraum. Kurz darauf hörte Sörensen das Wasser rauschen. Er selbst machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen, damit sein Kollege so schnell wie möglich einen starken Kaffee bekam. Eine halbe Stunde später war Nielsen einigermaßen vorzeigbar. Frisch rasiert und mit gerichteten Klamotten tauchte er im Büro auf. »Mein Kopf!«, stöhnte Nielsen auf, als er sich bückte, um einen Schnürsenkel zu binden. Statt einer Antwort drückte Sörensen ihm einen heißen Becher Kaffee und ein Aspirin in die Hand. Wortlos trank Nielsen seinen Kaffee und warf sein Aspirin gleich hinterher. Amüsiert betrachtete Sörensen seinen leicht ramponierten Kollegen. Hauptkommissar Lars Nielsen war 42 Jahre jung und wie Sörensen Junggeselle. Im Gegensatz zu seinem Kollegen hasste er das Landleben und bezeichnete sich stets als eine eingefleischte Stadtpflanze. Privat waren Nielsen und Sörensen gut befreundet. Doch immer wieder neidete Nielsen Sörensen seinen guten Schlag bei den Frauen. Nielsen dagegen war als Partygänger berühmt-berüchtigt. Gerne machte er mal einen Zug durch Flensburgs Gastronomie und versackte dabei auch regelmäßig, genau wie letzte Nacht. Aber er hatte seinen Spaß gehabt, und das war es, was für ihn zählte. Im Morddezernat war er der ärgste Widersacher von Herbert Petersen, dem Leiter der Kripo. Nie ließ er sich von Petersen provozieren und blieb immer ruhig und besonnen, was Petersen dann total auf die Palme brachte. Allerdings hatte Nielsen auch ein hitziges Temperament, besonders wenn es um aufmüpfige Straftäter ging. Ab und an musste er deswegen von Sörensen ausgebremst werden. »Können wir dann mal?«, wollte Sörensen ungeduldig wissen. Sörensen fuhr, und Nielsen machte es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich. Nielsen nickte wortlos, und sie machten sich auf den Weg nach Hattlund.

22dänische Blaskapelle

-5-

»Ach ne, Clasen, auch schon da?«, wurde Clasen von hinten angesprochen. Clasen fuhr herum und erkannte sofort den Eigentümer der Stimme. Es war die von Steffen Sörensen, Kriminaloberkommissar bei der Flensburger Kripo. Clasen war erleichtert, Gott sei Dank hatte er mit diesem Schlamassel jetzt nichts mehr zu tun, die Kripo war ja da. Dann konnte er sich beruhigt wieder in seine ruhige Amtsstube zurückziehen. Dankbar lächelte er Sörensen an, drehte sich um und machte Anstalten, auf sein Fahrrad zu steigen, denn er wollte so schnell wie möglich weg von hier. Doch Sörensen hatte andere Pläne mit ihm. »Sie wollen uns doch nicht schon verlassen? So, Clasen, nun mal fix den Tatort abgesperrt! Halten Sie mir die Schaulustigen von hier weg«, befahl Sörensen. Clasen starrte ihn entgeistert an. »Aber ich dachte …«, setzte er leise protestierend an. »Sehen Sie zu, dass Sie in die Gänge kommen!« Clasen parkte wieder sein Fahrrad, setzte sich langsam in Bewegung und murmelte leise: »Jawohl, wird gemacht!«

Mittlerweile hatten sich, angelockt durch die Martinshörner und Blaulichter, zahlreiche Schaulustige aus Hattlund und Flintby eingefunden. Unter ihnen auch Kalli Sörensen, der Bruder von Kriminaloberkommissar Sörensen. Mithilfe einiger Flensburger Streifenbeamter hatte Clasen den Tatort endlich mittels eines rot-weißen Flatterbands weitläufig abgesperrt. Jetzt flitzte er wie ein Irrer herum, um die immer mehr werdenden Schaulustigen zurückzudrängen. Durch diese Aufgabe schien sein Selbstbewusstsein um einiges in die Höhe zu schnellen. Mit gestrafften Schultern pfiff er allzu neugierige Personen energisch zurück. Allerdings vermied er es geflissentlich, auch nur in die Nähe der Leiche zu geraten. Wieder drängten sich ein paar Neuankömmlinge neugierig heran. »Nu bliv doch torüch! Her givt dat nix to seen. Mönsch, wenn de Kripo dat hier siet, kom ik in Dübels Köck!«,23 fauchte er diese an. Völlig außer Atem japste er von links nach rechts. »Nu speel di man nich so op, Herbert«,24 tönte es spitz aus der Menge. Clasen drehte sich giftig um, um den Übeltäter auszumachen. »Wer weer dat?«,25 wollte er aufgebracht wissen. Selbstredend trat niemand freiwillig vor. »Na, dat is doch mol wat anners als klaute Höhner«,26 meldete sich die gleiche unsichtbare Stimme erneut zu Wort, was ihr zahlreiche Lacher bescherte. So langsam nahm dieser Tatort eine Art von Volksfeststimmung an. Clasen sah sich verzweifelt um, denn er wurde immer wieder gern zur Zielscheibe der Dörfler.

Hier stand er nun, der Dorfpolizist von Flintby, und kämpfte tapfer gegen die vorrückende Meute an. 46 Jahre alt, rund und gesund, bis auf einen zu hohen Blutdruck. Er liebte das Essen, und auch einen guten Köm (oder zwei!) ließ er nicht schlecht werden. Stets kontrollierte er sein ländliches Revier mit dem Fahrrad. Doch rasante Verfolgungsfahrten endeten bei ihm meistens bei einem gefühlten Herzinfarkt. Solche Aktionen schätzte er überhaupt nicht. Mit fast allen Flintbyern und Hattlundern war er per Du, denn er war hier mit den meisten aufgewachsen beziehungsweise hatten sie zusammen die Schulbank gedrückt. Ein Umstand, welcher oft zu Rangeleien führte, denn man nahm ihn einfach nicht so richtig ernst. Dann hieß es meistens: »Nun komm schon, Herbert, drück mal ein Auge zu! Den alten Zeiten zuliebe!« Herbert Clasen war ein richtiges Landei, der das ruhige Landleben überaus schätzte. In Flensburg arbeiten und wohnen? Allein der bloße Gedanke trieb ihm schon die Schweißperlen auf die Stirn. Jeden Tag aufs Neue mit Verbrechen konfrontiert werden? Wie oft hatte er von Kalli Sörensen die Geschichten von dessen Bruder zu hören bekommen. Verbrechen über Verbrechen in der Stadt! Nee, da blieb er lieber hier auf dem ruhigen Land. Tja, und nun das, ein Mord vor seiner Haustür. Bei diesem Gedanken lief es Clasen erneut eiskalt den Rücken rauf und runter. Dieses heutige Geschehen brachte nicht nur seinen gewohnten Tagesablauf komplett durcheinander, nein, sein gesamtes Bild vom ruhigen Landleben geriet gehörig ins Wanken.

Kriminaloberkommissar Sörensen sah sich suchend nach Wachtmeister Clasen um und musste bei dessen Anblick schmunzeln. Dieser wieselte hektisch herum und versuchte mehr oder weniger erfolgreich, die nun immer zahlreicher werdenden Schaulustigen hinter der Absperrung in Schach zu halten. Immer mehr Dörfler hatte es zu dieser frühen Stunde, angesichts dieser unerwarteten Neuigkeit, aus dem Bett heraus hin zur Schule getrieben. Eine Sensation wie einen Mord in der Nachbarschaft gab es schließlich nicht alle Tage, und so etwas durfte man sich einfach nicht entgehen lassen. So, wie es aussah, mussten da schon einige Telefondrähte in aller Frühe heftig geglüht haben. Die elektronischen Buschtrommeln funktionierten in Hattlund und Flintby prächtig. Sörensens Kollege, Kriminalhauptkommissar Nielsen, konnte sich das verzweifelte Bemühen von Clasen nicht länger mit ansehen und beschloss, energisch einzugreifen. Kompetent, wie er nun mal war, scheuchte er die gaffende Meute mit drohender Miene und lauter Stimme hinter das Absperrband zurück. Murrend wichen die Leute langsam zurück. Vereinzelte Stimmen murmelten halblaut einen Protest, aber gegen Nielsen kamen sie nicht an. Diese Aktion quittierte Clasen mit einem dankbaren Aufatmen. »Moin, Clasen«, rief Nielsen ihm freundlich zu. »Na, eine hochgezogene Leiche am Fahnenmast ist ja mal ganz was Neues in Ihrem Revier.« Clasen nickte zustimmend und riskierte kurz noch einen Blick auf die groteske Leiche, was ein fataler Fehler seinerseits war. Margots tote leere Augen schienen jetzt genau ihn zu fixieren. Plötzlich wurde er kreidebleich im Gesicht und schien heftig mit seinem Frühstück zu ringen. Sein Magen bestand auf einer unverzüglichen Leerung, Clasen wiederum weigerte sich standhaft und behielt vorerst alles tapfer bei sich. Bloß wie lange noch?, fragte er sich insgeheim panisch und mit butterweichen Knien. »Nun, was halten Sie denn von der Toten am Mast? Kannten Sie die Dame persönlich?«, wollte Nielsen freundlich von ihm wissen und sah Clasen erwartungsvoll an. Dann ging alles ganz schnell. Clasen stieß nur ein gepresstes »Oh mein Gott« aus und wankte, so flott er nur konnte, steifbeinig zu einer kleinen Baumgruppe in der Nähe. Wie der Blitz verschwand er hinter dem ersten Baum, und kurz darauf ließen sich gedämpfte gurgelnde Laute vernehmen. Clasens Blitzstart in die Büsche war der gaffenden Meute natürlich nicht entgangen. Anwesende Dörfler ließen es sich daher nicht nehmen, dieses Geschehen umgehend zu kommentieren. »Na Herbert, wat hett di denn op de moch schlogen?«,27 schallte es hörbar aus der Menge. Sörensen und Nielsen sahen sich erstaunt an. Was war denn nun los? Auf so eine Reaktion seitens Clasens waren sie nicht im Geringsten gefasst gewesen. Ein Kerl wie ein Baum, der aber offensichtlich mit einem zart besaiteten Magen gesegnet war. Kurze Zeit später erschien Clasen wieder auf der Bildfläche, allerdings sichtlich peinlich berührt. »Dat givt Geschludder int Dörp«,28 stellte er resigniert fest, als er verlegen in feixende und grinsende Gesichter schaute. Sörensen hatte Mitleid mit dem Dorfpolizisten, der jetzt wie ein begossener Pudel auf dem Platz stand. »Geht’s wieder? So, Clasen, Sie gehen jetzt man besser nach Hause. Wir kommen später noch bei Ihnen vorbei«, meinte er verständnisvoll, und somit war Clasen für heute entlassen. Clasen nickte dankbar, bestieg umständlich sein Fahrrad und eierte davon. Sein unrühmlicher Abgang blieb auch dieses Mal nicht unkommentiert. »Na Herbert, kannst dat nich af? Jo, dor mutt man schon en richtich Mannsbild sin«,29 schallte erneut eine Stimme aus der Menge hinter ihm her. Clasen murmelte grollend ein leises »Olle Mors« in die Richtung des Kommentators und machte sich so fix, wie er konnte, auf seinem Fahrrad davon. Für heute war das Maß für ihn voll, er hatte genug. Die nächsten Tage würden noch hart genug werden, denn die Schadenfreude der Dörfler war ihm gewiss.

Sörensen und Nielsen warteten indes ungeduldig auf den Gerichtsmediziner Andreas Marcussen. So lange dieser sich die Tote nicht genau angesehen hatte, konnten sie nicht viel machen. Bevor Marcussen eine Leiche nicht höchstpersönlich in Augenschein genommen hatte, durfte sich niemand der Leiche auch nur nähern. In diesem Punkt war er sehr eigen und äußerst penibel. Sörensen schielte ungeduldig auf seine Uhr. »Mann, wo bleibt denn Marcussen bloß?«, murmelte er ungehalten. Wie auf ein geheimes Stichwort bog ein röhrendes Motorrad um die Ecke. Der Fahrer bremste scharf ab, was den Kies unter den Rädern spritzen und die Kripobeamten hastig zur Seite springen ließ.

Andreas Markussen, 43 Jahre alt, der Flensburger Gerichtsmediziner, hatte sich am Tatort eingefunden. Umständlich kletterte er von seiner Geländemaschine herunter. Er war mit gerade mal ein Meter 70 nur mittelgroß und von gedrungener und kräftiger Statur. Wenn man es genau nahm, war er mit dieser Statur zu kurz geraten für diese Art von Motorrad. Deshalb kam er auch heute wieder gefährlich ins Schwanken, als er lässig vom Motorrad gleiten wollte. Eine weniger hoch gebaute Maschine, etwa wie eine Harley, würde ihn besser aussehen lassen. Nielsen hatte Marcussen diesen Vorschlag schon des Öfteren unterbreitet, aber davon wollte Marcussen absolut nichts wissen. »Moin, Steffen! Moin, Lars!«, brüllte er den Kripobeamten gut gelaunt zu und schritt mit federnden Schritten auf die Leiche zu. »Na, wen haben wir denn hier?«, fragte er freudig überrascht, ganz so, als würde er diese Frage persönlich an die Tote richten. Doch die Leiche hüllte sich in eisernes Schweigen, was der Gerichtsmediziner aber nicht persönlich nahm. Gewissenhaft, schon fast pedantisch, schlich er langsam um die aufgeknüpfte Tote herum. Bis er direkt vor der Leiche stehen blieb, sprach er kein Wort. Auch die Kripobeamten schwiegen und ließen ihn gewähren, denn sie wussten nur zu genau, dass Marcussen diesen ersten Eindruck der Leiche erst in sich aufnehmen musste. Ein Windstoß bauschte den Dannebrog unerwartet auf und flatterte hoch über Marcussen und der toten Margot im Wind. »Ich denke, wir nehmen die Dame als Erstes herunter! So wird das nichts!«, meinte Marcussen mit einem misstrauischen Blick in die Höhe und machte sich daran, die Tote loszubinden. Doch damit schien der Dannebrog ganz und gar nicht einverstanden zu sein, es schien, als wollte er die tote Margot nicht freigeben. Der Wind ließ urplötzlich nach, sodass Marcussen und Margot plötzlich aus dem Blickfeld der herbeieilenden Sörensen und Nielsen verschwanden. Marcussen kämpfte sich hektisch unter dem Dannebrog hervor. »So geht das nicht! Die Flagge muss eingeholt werden. Sonst kann ich nicht arbeiten!«, schnaufte er atemlos. Sörensen winkte einen der umherlaufenden Polizisten heran und bat ihn, die Flagge herunterzuholen, was dieser auch prompt erledigte. Fast schon liebevoll faltete er den Dannebrog zusammen und trug ihn respektvoll hinüber zum Schulgebäude, was von Truelsen wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. Er schmetterte dem jungen Beamten ein lautes: »Tak for det!«,30 entgegen, worauf dieser kurz und knackig mit: »Det var så lidt!«,31 antwortete und Truelsen zunickte. Truelsen erkannte mit einem Blick, dass dieser junge Mann in der dänischen Minderheit groß geworden war, wie er zufrieden feststellte. Zusammen mit Marcussen lösten die Kripobeamten die Schnüre, welche Margot am Fahnenmast eisern festhielten, und legten sie danach vorsichtig auf eine bereitliegende Plane. Marcussen kniete sich daneben, machte sich sofort an die Arbeit und war für die nächste halbe Stunde nicht mehr ansprechbar.

»Wer hat die Tote gefunden?«, wollte Sörensen von einem der herumwieselnden Beamten der Spurensicherung wissen. Dieser hielt kurz in seiner Arbeit inne und zeigte auf Erwin Svenson. »Der Hausmeister! Der steht da drüben. War wohl seine Lebensgefährtin«, bekam Sörensen auf seine Frage knapp und präzise zur Antwort. »Na, dann lass uns mal hören, was der gute Mann uns zu erzählen hat«, sagte er, an Nielsen gewandt, und wollte losmarschieren, doch Nielsen schien ihn nicht gehört zu haben und rührte sich nicht vom Fleck. Wie angewurzelt stand er da und starrte auf die Leiche herunter. Sörensen sah ihn erstaunt von der Seite an. »Was ist nun, kommst du?«, sprach er seinen Kollegen erneut an. Doch Nielsen rührte sich noch immer nicht. »Was ist …?«, hob Sörensen an, doch Nielsen fiel ihm ins Wort. »Die kenne ich doch!«, stieß er aufgeregt aus. Marcussen und Sörensen sahen ihn überrascht an. »Na, sieh selbst! Das ist doch diese aufgetakelte Tussi von dem Überfall auf den Juwelier Jörgensen in Flensburg. Muss knapp vier Jahre her sein«, rief Nielsen aufgeregt aus und lief um die Tote herum. Jetzt war auch Sörensens Neugierde geweckt, und er trat ebenfalls dicht an die Leiche heran, ohne auf das halblaute Protestgemurmel von Marcussen zu achten. »Sieh sie dir ganz genau an, ich sage dir, das ist sie! Wie hieß die noch gleich … Gudrun irgendwas!« Schlagartig verstand Sörensen, was sein Kollege meinte. »Gudrun Lorenzen! Mensch, du hast recht, das ist die vom Überfall«, stimmte Sörensen seinem Kollegen zu. »Hat damals drei Jahre bekommen, aber was, zum Teufel, hat die hier in Hattlund zu suchen? Und wieso hängt die hier aufgeknüpft am Fahnenmast?« »Klingt ja alles schön und gut für euch, aber ihr zertrampelt mir hier alles und seid mir entschieden im Weg!«, mischte sich der nun reichlich aufgebrachte Gerichtsmediziner ein und scheuchte die Beamten energisch wie störende Insekten von der Leiche weg. Doch so schnell gab Sörensen nicht auf, er trat einen Schritt vor und machte rasch mit seinem Handy ein paar Fotos von der Toten. Und bevor Marcussen total ausflippte, verließen sie rasch den vermeintlichen Tatort. Marcussen atmete hörbar auf, warf ihnen ein paar empörte Blicke hinterher und war kurz darauf wieder völlig in seine Arbeit vertieft. Vor der Obduktion bekamen sie von ihm sowieso keine Auskünfte.

Etwas abseits des Geschehens standen die Beamten und sahen sich die Fotos genauer an. Der Mund der Toten war mit einem Stück Panzertape verklebt worden, was Sörensen vermuten ließ, dass der oder die Täter sie symbolisch zum Schweigen bringen wollten. Sörensen sah Nielsen ratlos an. »Wo ist dieser Hausmeister, der angebliche Lebensgefährte der Toten? Mal sehen, ob dieser uns sagen kann, was die Lorenzen hier zu suchen hatte«, wollte Sörensen aufgeregt wissen und sah sich suchend um. Nach kurzer Suche entdeckte er Erwin Svenson zusammengesunken auf einer Bank sitzen. Neben ihm stand der Rektor der Schule, Knut Truelsen, tätschelte Erwins Schulter und sprach beruhigend auf ihn ein. Als Erwin Svenson die Beamten sah, sprang er auf und stammelte erschüttert: »Ich versteh das nicht, wer macht denn so was? Und dann auch noch mit dem Dannebrog …«, empörte er sich und sah hilflos zu Sörensen hoch. Sörensen war schockiert über den Zustand des Hausmeisters. Was hatte Svenson mehr erschüttert: der Umstand, dass seine Lebensgefährtin dort am Fahnenmast baumelte, oder dass der Dannebrog