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Schmutzige Geheimnisse und finstere Abgründe in San Diegos High Society »Unerbittliche Gier« ist der 3. San-Diego-Thriller von Bestseller-Autorin Karen Rose: hochkarätiger Nervenkitzel mit überraschenden Twists und einem Hauch Romantik. Zufällig stolpert Detective Kit McKittrick eines Abends regelrecht über eine verstümmelte Leiche – ausgerechnet während ihres zweiten Dates mit dem Polizeipsychologen Sam Reeves. Der Tote ist ein Lokalpolitiker, der bei vielen Wählern extrem beliebt war, aber von einer noch größeren Zahl gehasst und verachtet wurde. Dementsprechend lang ist die Liste der Verdächtigen. Einige Namen auf der Liste sind allerdings eine echte Überraschung. Nach und nach kommen Kit und Sam hinter die finsteren Machenschaften des Ermordeten. Dabei dringen sie immer tiefer in die ebenso abgeschottete wie gefährliche Welt der reichsten und mächtigsten Bürger San Diegos ein. Diese Leute machen ihre eigenen Gesetze und schätzen keine Einmischung. Gleichzeitig läuft Kit und Sam die Zeit davon, denn jeder ihrer Informanten wird grausam ermordet. Offenbar will der Killer alle losen Enden aus der Welt schaffen – und jeden, der ihm im Weg steht. Ein Pageturner, der uns atemlos zurücklässt Bestseller-Autorin Karen Rose ist eine Garantin für Thriller, die man nicht mehr aus der Hand legen kann: Dramatische Twists halten die Spannung hoch, während man mit ihren lebensechten Figuren mitfiebert und ihnen einfach nur das Beste wünscht. Die Bestseller-Thriller-Reihe aus San Diego erscheint auf Deutsch in folgender Reihenfolge: - Kaltblütige Lügen - Böse Herzen - Unerbittliche Gier
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Seitenzahl: 687
Veröffentlichungsjahr: 2025
Karen Rose
Thriller
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Brandl
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Schmutzige Geheimnisse und finstere Abgründe in San Diegos High Society
Während einer gemeinsamen Wanderung machen Detective Kit McKittrick und der Polizeipsychologe Dr. Sam Reeves einen grausamen Fund. Brooks Munro, einer der einflussreichsten Politiker in San Diego, wurde auf brutale Weise ermordet.
Bald schon führen ihre Ermittlungen Kit und Sam tief in die korrupte Welt der mächtigsten Bürger San Diegos. Dabei scheint ihnen der Killer stets einen Schritt voraus zu sein, denn er eliminiert einen ihrer Informanten nach dem anderen. Nur wenn es Kit und Sam gelingt, seine Todesliste in die Hände zu bekommen, können sie noch Schlimmeres verhindern ...
Die Bestseller-Thriller-Reihe aus San Diego erscheint auf Deutsch in folgender Reihenfolge:
Kaltblütige Lügen
Böse Herzen
Unerbittliche Gier
Von Karen Rose sind bereits folgende Titel erschienen:
Die Chicago-Reihe
Eiskalt ist die Zärtlichkeit
Das Lächeln deines Mörders
Des Todes liebste Beute
Der Rache süßer Klang
Nie wirst du entkommen
Heiß glüht mein Hass
Die Todes-Trilogie
Todesschrei
Todesbräute
Todesspiele
Die Minneapolis-Reihe
Todesstoß
Feuer
Die Dornen-Reihe
Dornenmädchen
Dornenkleid
Dornenspiel
Dornenherz
Dornenpakt
Die Sacramento-Reihe
Tränennacht
Tränenfluch
Tränenschwur
Die San-Diego-Reihe
Kaltblütige Lügen
Böse Herzen
Unerbittliche Gier
Die New-Orleans-Reihe
Dunkelste Nacht
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
Epilog
Dank
Verzeichnis der Romane von Karen Rose und der darin auftretenden Figuren
In Erinnerung an Loretta Barrett. Im Gegensatz zum Bananenbrot von Sams Mom war deines ein Fest für jeden, der in seinen Genuss kam. Du fehlst mir, Mom.
Und für Martin, meinen Fels in der Brandung. Ich liebe dich.
Es war, dachte Kit und zog ihre Jacke enger um sich, viel zu kalt, um in der Scheune zu sitzen. Doch trotz der heimeligen Wärme und der herrlichen Düfte nach Apfelkuchen und frisch gewaschener Wäsche im Farmhaus der McKittricks konnte sie sich gerade nicht dort aufhalten.
Es waren zu viele Leute da. Sie liebte sie alle von ganzem Herzen. Ihre Eltern und ihre fünfzehn Geschwister, die wie sie allesamt Pflegekinder waren. Es war der erste Freitag im neuen Jahr, und sie hatten sich eingefunden, um zu feiern.
Sie waren eine große, glückliche Familie.
Eine große, glückliche und unfassbar neugierige Familie. Alle rückten ihr mit der Frage auf die Pelle, ob sie ihr Date mit Sam Reeves schon gehabt hatte.
Hatte sie nicht. Und vielleicht käme es auch gar nicht dazu. Es war an ihr, die Initiative für diese zweite Verabredung zu ergreifen, die seit über einem Monat wie ein Damoklesschwert über ihr hing. Den ganzen letzten Frühling und Sommer hatte sie den Polizeipsychologen gemieden. Sechs Monate lang. Weil ich Angst hatte.
Sie hatte gewusst, dass sie ihm wegen ihrer Beziehungsunfähigkeit über kurz oder lang wehtun würde. Und das verdiente Sam nicht. Doch dann hatte sie in einem Moment der Schwäche in ein Date eingewilligt und danach sogar gefragt, ob sie sich ein weiteres Mal treffen wollten. Das war vor über einem Monat gewesen, und inzwischen war der Alltag dazwischengegrätscht. Aber jetzt war es an der Zeit, Farbe zu bekennen. Und ich habe immer noch Angst.
»Kalte Füße«, murmelte sie. »Bloß kalte Füße.«
Sie rutschte ein Stück auf dem Heuballen nach hinten, heilfroh über ihre Geistesgegenwart, vorher eine Satteldecke darübergeworfen zu haben, denn die Dinger wirkten zwar wie perfekte Sitzgelegenheiten, erwiesen sich jedoch als widerborstig und stachelig, wenn man darauf saß.
Wie ich, dachte sie seufzend.
Der Laut wurde mit einem ebenso lauten Seufzer quittiert. Kit horchte auf. Sie war davon ausgegangen, allein zu sein.
»Hallo?«, rief sie. »Komm raus, wer auch immer du bist.«
Eine der Boxentüren ging auf, und heraus trat ein junges Mädchen, dessen langes sandfarbenes Haar von blauen und pinkfarbenen Strähnen durchzogen war.
»Rita? Was machst du denn hier draußen?«
Ihre Pflege- beziehungsweise baldige Adoptivschwester trat in den trüben Lichtkegel. »Ich brauchte etwas Ruhe.«
»Willst du dich zu mir setzen und gemeinsam mit mir schweigen? Ich kann aber auch gehen.«
Ritas Lächeln war leicht zittrig. »Ich würde mich gern setzen und mit dir gemeinsam schweigen.«
Sie ließ sich auf dem Heuballen nieder. Kit legte den Arm um ihre schmalen Schultern. »Ohne Jacke wirst du schrecklich frieren.«
»Mir geht’s gut«, erwiderte Rita mit einem verächtlichen Schnauben. »So kalt ist es auch wieder nicht.«
Trotzdem zitterte Rita, weshalb Kit den Arm noch fester um sie legte. »Wissen Mom und Pop, wo du bist?«
Rita nickte. »Ja. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen.«
»Danke.« Kit würde sich auf das eine Wort beschränken und Rita die Ruhe schenken, die sie sich wünschte. Sollte das Mädchen reden wollen, würde sie zuhören.
Wieder stieß Rita einen langen, lauten Seufzer aus. »Kalte Füße also, ja?«
Kit runzelte die Stirn. »Du hast mich gehört?«
»Ja. Morgen triffst du dich mit ihm, Kit.«
Kits Miene verfinsterte sich. »Sagt wer?«
»Sage ich. Und Mom und Pop und alle anderen. Du gehst morgen zu deinem Date mit Sam in der Wüste, und wenn wir dich fesseln und selbst hinfahren müssen.«
»Das ist Freiheitsberaubung«, entgegnete Kit leichthin und wünschte, sie könnte sicher sein, dass ihre Familie nicht zu so drastischen Maßnahmen greifen würde. Sie mochten den Psychologen, der aus unerfindlichen Gründen nach wie vor mit Kit ausgehen wollte. »Dafür könnte ich euch festnehmen lassen.«
»Das wäre es wert.«
Kit ließ Rita los und verschränkte die Arme vor der Brust. »Verdammt, Mädchen«, brummte sie.
Rita lachte – ein herrliches Lachen, das sie alle neuerdings häufiger zu hören bekamen. »Du gehst also hin, ja?«
Kit warf ihr einen säuerlichen Blick zu. »Ich weiß es nicht.«
Rita schüttelte den Kopf. »Wovor hast du Angst, Kit?«
Kit atmete leise aus. »Ich weiß es nicht.« Sie spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog, als Rita nun ihrerseits ihr den Arm um die Schultern legte. Sie liebte Rita aufrichtig, auch wenn ihr ihre Beharrlichkeit im Hinblick auf Sam ziemlich auf den Wecker ging.
»Willst du hören, was ich denke?«, fragte Rita leise.
»Ich weiß es nicht«, sagte Kit noch einmal.
»Blöd gelaufen, ich sage es dir nämlich trotzdem. Ich glaube, du hast Angst, du könntest ihn zu sehr mögen. Dass es mit ihm zu schön sein und er sich ein drittes Date mit dir wünschen könnte. Na, Nagel auf den Kopf getroffen?«
Ja! »Vielleicht.«
»Ich finde außerdem, du hattest viel zu viel Zeit, dich da hineinzusteigern. Eigentlich hätte dieses Date schon vor einem Monat stattfinden sollen, aber dann kam immer irgendetwas dazwischen, und jetzt zieht es sich schon eine halbe Ewigkeit.«
»Das ist aber nicht meine Schuld«, erwiderte Kit trotzig.
Das war es tatsächlich nicht gewesen.
»Stimmt.« Ritas Ton wurde eine Spur sanfter. »Zuerst hattest du einen neuen Fall, was Sam verstanden hat. Dann gab es einen Notfall mit einem Jugendlichen bei New Horizons, bei dem er helfen musste, wofür du wiederum Verständnis hattest. Dann hattest du wieder einen neuen Fall, an dem du nicht unbedingt genau an dem Wochenende hättest arbeiten müssen, das ihr ins Auge gefasst hattet, wenn du mich fragst. Deshalb glaube ich, du hattest da schon kalte Füße.«
Wieder traf sie den Nagel auf den Kopf. Von einer Vierzehnjährigen durchschaut zu werden, wurmte Kit gewaltig. »Woher weißt du überhaupt davon?«
»Von Connor, als er letzte Woche die Weihnachtsgeschenke für Mom und Pop vorbeigebracht hat. Er meinte, der Fall sei zwar wichtig, trotzdem hätten die Ermittlungen auch bis zum nächsten Tag warten können. Er war sauer, weil er sein Date mit CeCe absagen musste, nur weil du wegen deinem mit Sam die Hosen voll hattest.«
Kit schnaubte verärgert. Ihr Partner beim Morddezernat hatte manchmal eine zu große Klappe. »Connor Robinson hat dir das erzählt?«
»Hat er.« Rita lachte leise. »Und dann hat er mich angefleht, dir nichts zu verraten, weil er Angst hatte, du könntest dich an ihm rächen.«
»Die Angst ist berechtigt«, erwiderte Kit düster. »Außerdem hat Sam die meisten Dates abgesagt, nicht ich.«
»Ja, klar. Sein Vater kam ja ins Krankenhaus.«
Sams Vater hatte einen leichten Schlaganfall erlitten, von dem er sich zwar vollständig erholen würde, trotzdem hatte Sam den Dezember weitgehend in Scottsdale verbracht. Kit hatte selbst nach Arizona fahren wollen, um ihm beizustehen, letztlich hatte ihr jedoch der Mut gefehlt.
Dafür hasste sie sich. Doch der Vorfall hatte sie regelrecht paranoid vor Angst um Harlan und Betsy werden lassen. Die beiden waren im selben Alter wie Sams Dad. Der Gedanke, ihnen könnte etwas passieren, war fürchterlich.
»Verdammt, du weißt viel zu viel, Kleine.« Ihr entging nicht, wie beleidigt sie klang.
Rita verstärkte den Griff um ihre Schultern. »Kit. Du magst Sam. Das weiß ich. Was kann schlimmstenfalls passieren?«
Dass ich mich in ihn verliebe. Dass ich ihn brauche.
Dass er mich braucht.
Und das war eine viel zu große Verantwortung. »Seit wann bist du auch Therapeutin?«, fragte sie eine Spur barscher als beabsichtigt.
»Seit du eine brauchst«, antwortete Rita unbeeindruckt. »Also. Du kannst mit mir reden oder es lassen. Aber sag das Date nicht ab. Bitte. Ich glaube, du brauchst ihn.«
Kit reckte das Kinn. »Ich brauche niemanden.«
»Das ist eine Lüge«, widersprach Rita leise. »Und du hast versprochen, mich nie anzulügen.«
Kit seufzte. Auch in diesem Punkt hatte das Mädchen recht. »Wieso tust du mir das an?«
»Wieso tust du dir das selbst an?«
Kits Lippen zuckten. »Du hast dir bei Dr. Carlisle die Gesprächstechnik abgeschaut.«
Ritas Therapeutin war Sams Chefin und eine Frau, die sie stets nervös machte. Sie – genauso wie Rita – sah und spürte viel zu viel.
»Stimmt. Und ich überlege, ob ich nicht auch Therapeutin werden will.«
»Ich dachte, du wolltest Polizistin werden.«
»Vielleicht auch das. Noch habe ich Zeit zum Überlegen. Ich bin ja erst vierzehn.«
Zeit. Genau die fehlte ihr. Kit wollte diese Verabredung mit Sam wahrnehmen. Und sie hatte Angst. Doch die Zeit verging wie im Flug, und es könnte jederzeit eine andere Frau auftauchen und sich Sam schnappen, wie ihr so viele Menschen hilfreicherweise vor Augen geführt hatten.
Weil er ein toller Mann war.
Viel zu toll für mich.
»Wieso bist du hergekommen?«, fragte Kit, als Versuch, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. »Was geht dir durch den Kopf?«
Ein gerissener Ausdruck lag auf Ritas Zügen. »Ich verrate es dir, wenn du versprichst, dich mit Dr. Sam zu verabreden und nicht in letzter Sekunde abzuspringen.«
Kit schloss die Augen. »Wieso ist dir das denn so wichtig?«
»Weil ich dich lieb habe«, antwortete Rita so leise, dass Kit es beinahe überhört hätte.
»Verdammt.« Kits Augen brannten. »Das ist nicht fair.«
Rita zuckte die Achseln. »Ich sag bloß, wie es ist.«
Einer von Kits Lieblingssprüchen. Den sie gegen mich verwendet.
»Freche Göre.«
»Versprich es mir«, murmelte Rita.
»Na gut, ich verspreche, dass ich hingehe. Ich werde versuchen, mich zu amüsieren. Ich will nur …« Den Rest des Satzes ließ sie unausgesprochen.
Rita sah sie an. »Was willst du?«
»Ich will ihm nur nicht wehtun«, gestand Kit. »Partnerschaften sind einfach nicht meine Stärke. Und wieso lasse ich mir eigentlich gerade von einer Vierzehnjährigen Beziehungstipps geben?«
»Weil ich ungewöhnlich reif für mein Alter bin«, konterte Rita trocken. »Das hast du selbst letzte Woche erst gesagt.«
»Freche Göre.«
»Atme, Kit. Einfach atmen. Das rätst du mir doch auch immer.«
»Für heute Abend hast du genug von meinen Ratschlägen gegen mich verwendet. Also gut, ich verspreche dir, dass ich mich mit Sam treffe. Und jetzt du. Wieso bist du hier?«
Rita biss sich auf die Lippe. »In zwei Wochen fängt Drummonds Prozess an.«
Kit strich Rita eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich weiß, Schatz.«
Christopher Drummond war wegen des Mordes an Ritas Mutter verhaftet worden. Rita hatte ihre Leiche gefunden und gewusst, dass ihr Chef sie getötet hatte, doch niemand hatte ihr glauben wollen, weil der Typ steinreich war und enorme Macht in San Diego besaß.
Kit hatte dafür gesorgt, dass die Ermittlungen in dem Fall wiederaufgenommen wurden, ihn selbst jedoch wegen Befangenheit aufgrund ihrer engen Beziehung zu Rita nicht übernehmen können. Connor Robinson hatte Drummond zur Strecke gebracht, und auch wenn es keine hieb- und stichfeste Sache sein mochte, so war der Staatsanwalt zuversichtlich, ihn für sehr lange Zeit hinter Gitter bringen zu können.
Allerdings würde Rita aussagen müssen. Und Christopher Drummond wäre anwesend und würde sie von der Anklagebank aus anstarren.
Das Schlimmste an der Sache war, dass Drummond sich auch an Rita vergangen hatte. Niemand aus der Familie kannte die Details, und Rita weigerte sich, darüber zu reden. Sie wussten nur, dass es passiert war, als Ritas Mutter sie eines Tages zu Drummond nach Hause mitgenommen hatte, wo sie als Putzfrau arbeitete. Rita hatte keine Anzeige erstattet, und die Familie hatte die Entscheidung respektiert, trotzdem musste der Vorfall eines Tages thematisiert und bearbeitet werden.
Ritas Furcht vor dem bevorstehenden Prozess war nachvollziehbar.
»Ich habe Angst«, gestand sie. »Was, wenn er freigesprochen wird, Kit? Wenn die ihn nicht einsperren?«
»Das lässt Joel nicht zu.« Joel Haley war der Staatsanwalt, Sams bester Freund und auch mit Kit befreundet. Er verstand sein Handwerk.
»Das kannst du nicht garantieren«, wandte Rita ein und starrte auf ihre Füße.
»Stimmt, das kann ich nicht. Aber ich kann dir versprechen, dass Joel alles in seiner Macht Stehende dafür tun wird, dass Drummond für den Rest seines Lebens in einer Gefängniszelle sitzen muss.«
Rita stand die Angst ins Gesicht geschrieben, als sie den Kopf hob. »Sollte er nicht verurteilt werden, wird er sich an mir rächen. Ich war diejenige, die ausgesagt hat, dass er es war. Selbst wenn ich wegen … wegen der anderen Sache keine Anzeige erstattet habe.«
Kit biss die Zähne aufeinander. Die Wut brannte heiß in ihrer Brust. »Das kann er gern versuchen, aber wenn er dich kriegen will, muss er erst mal an mir vorbei. Und an Mom und Dad und jedem einzelnen Mitglied der McKittrick-Familie. Und vor uns kann man Angst kriegen.«
Rita lächelte, wenn auch gezwungen. »Stimmt, das kann man.«
»Ich begleite dich zu der Verhandlung. Und Mom und Pop werden auch da sein.«
»Versprochen?« Mit einem Mal klang Rita wieder wie ein kleines Mädchen.
»Ich verspreche es. Ich habe meinem Chef schon Bescheid gesagt. Er weiß also, dass ich für die Verhandlungstage Urlaub nehme.«
Ritas Augen wurden groß. »Du nimmst Urlaub? Das machst du sonst nie.«
»Diesmal schon.« Kit stupste Ritas Nasenspitze an. »Für dich.«
Ritas Augen füllten sich mit Tränen. »Ich habe dich wirklich sehr lieb«, flüsterte sie.
Auch Kit konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Obwohl ihre Gefühle aufrichtig waren, fiel es ihr schwer, die Worte laut auszusprechen. Erst vor Kurzem hatte sie gelernt, Harlan und Betsy zu sagen, dass sie sie liebte. Doch es war wichtig, dass Rita es hörte.
»Ich habe dich auch lieb. Und ich werde dich beschützen, Rita. Immer.«
»Das weiß ich. Danke.«
»Du brauchst mir nicht zu danken«, erwiderte Kit eindringlich. »Du verdienst es, beschützt zu werden.«
»Weil du Wren nicht beschützen konntest?«
Kit zuckte zusammen, denn auch in diesem Punkt hatte Rita recht. Kits Schwester war ermordet worden, als sie beide fünfzehn Jahre alt gewesen waren, und Kit hatte ihren Tod nie verwunden. Und auch der Täter war nie gefasst worden. Zu wissen, dass Wrens Mörder auch jetzt noch frei herumlief, war eine bittere Pille für Kit.
Rita sollte sich nicht ihr ganzes Leben mit dem Gedanken quälen müssen, dass das Monster, das sie missbraucht und ihre Mutter getötet hatte, nicht für seine Verbrechen bezahlen musste.
»Auch wegen Wren«, gestand Kit. »Aber hauptsächlich wegen dir. Du bist ein tolles Mädchen und verdienst es, ein tolles Leben zu führen. Ein Leben in Sicherheit.«
Diesmal kam Ritas Lächeln aus vollem Herzen. »Du liebst mich tatsächlich.«
Kit lehnte ihre Stirn gegen Ritas. »Auch wenn du eine freche Göre bist, die viel zu reif für ihr Alter ist.«
»Danke.« Rita setzte sich aufrecht hin. »Wir sollten wieder reingehen. Sonst ist alles aufgegessen.« Sie stand auf und zeigte mit dem Finger auf Kit. »Morgen. Du und Snickerdoodle trefft euch mit Sam und Siggy.«
»Hunde und Wüste«, erwiderte Kit pflichtschuldig. »Ich hab’s versprochen. Kein Rückzieher.«
Sam liebte die Wüste, und Kit gestattete sich den Gedanken, dass sie gern den Grund dafür erfahren würde. Und dass Sam ein netter und anständiger Mann war, der ein lustiges, kurzweiliges Date verdiente.
Und ich vielleicht auch.
»Danke, Kit.« Rita umarmte sie und verschwand hüpfend aus der Scheune, bevor Kit reagieren konnte.
Bevor sie die Umarmung erwidern konnte. Umarmungen gehörten ebenfalls nicht zu ihren Stärken.
Wie viel zu viele andere Dinge.
Sam hingegen hatte eine Menge Stärken. Er war ein hingebungsvoller Therapeut, half ehrenamtlich Teenagern und Senioren und hatte eine Engelsgeduld. Er bedrängte Kit nie oder machte ihr ein schlechtes Gewissen, weil sie Freiraum brauchte oder kratzbürstig war. Sam war ein anständiger Mann, schlicht und ergreifend.
Mit einem tiefen Seufzer faltete sie die Satteldecke zusammen und verließ die Scheune, als sie zwei Lichter an der Seite sah – die die großen Hände eines Mannes erhellten, der ein Stück Holz bearbeitete.
»Pop? Was machst du denn hier? Du holst dir noch eine Erkältung.«
Harlan blickte von der Bank auf, auf der er saß. Um seinen Hals lag die flexible Taschenlampe, die Kit ihm zu Weihnachten geschenkt hatte und die er nahezu ständig trug, seit er sie aus der Schachtel genommen hatte. Sie spendete gerade genug Licht, um ihn die Feinheiten seines jüngsten Kunstwerks erkennen zu lassen.
»Ich wollte mich nur vergewissern, dass es euch beiden gut geht. Ich habe nicht gelauscht.«
Kit setzte sich neben ihn auf die Bank. »Ich musste Rita versprechen, dass ich meine Verabredung mit Sam nicht absagen werde.«
Harlan lächelte. »Dieses Mädchen ist wirklich eine Klasse für sich.«
»Allerdings. Aber sie hat auch Angst vor dem Prozess.«
Harlans Lächeln verflog. »Ich weiß, aber wir werden an ihrer Seite sein.«
»Sie hat Angst, Drummond könnte versuchen, ihr etwas anzutun, falls er freigesprochen wird.«
Harlans Kiefer wurde hart. »Ich muss die Sicherheitsmaßnahmen verstärken.«
Etwas an seinem Ton ließ Kit aufhorchen. »Was ist los, Pop?«
Harlan atmete leise aus. »Jemand hat Rita einen Brief geschickt. Anonym.«
Kit erstarrte. »Erzähl.«
Wortlos zog Harlan ein Blatt Papier aus der Tasche und reichte es ihr.
Mit zitternden Fingern faltete Kit es auseinander.
Ich sehe, im Frühling wird bei dir in der Schule Alice im Wunderland aufgeführt. Macht bestimmt Spaß, im Ensemble zu sein. Ist zwar nur eine kleine Rolle, aber ich bin sicher, du machst das ganz fantastisch. Ich werde in der ersten Reihe sitzen.
Neuerliche Wut kochte in Kit hoch. Drummond. Du elendes Dreckschwein. Aber der Brief war nicht unterschrieben. Es gab keinen Beweis, dass er von dem in Ungnade gefallenen Ex-Stadtrat stammte. Der Mann war gegen eine Kaution von zwei Millionen Dollar aus der Untersuchungshaft entlassen worden und durfte sich nun bis zum Prozessbeginn frei bewegen. Plötzlich waren Ritas Ängste noch nachvollziehbarer. »Wann kam der an?«
»Direkt vor Weihnachten.«
Kit holte tief Luft und bemühte sich, nicht allzu verärgert zu klingen. »Wieso hast du nichts gesagt?«
»Das tue ich ja jetzt«, erwiderte Harlan. »Rita wollte nicht, dass du es erfährst. Sie hatte Angst, du würdest versuchen, dir Drummond vorzuknöpfen. Und dabei vielleicht in Schwierigkeiten geraten.«
Wie gern hätte Kit genau das getan. Sich Drummond vorgeknöpft. Nicht jedoch, in Schwierigkeiten zu geraten. Was auf ein und dasselbe hinausliefe, sollte sie ihrem Instinkt nachgeben und die Rache an Drummond üben, die ihr vorschwebte. »Und denkst du, der Brief kam von ihm?«
»Du etwa nicht?«
»Doch, aber ich nehme an, er ist schlau genug, keine Beweise zu hinterlassen. Hast du die Polizei eingeschaltet?«
»Joel weiß Bescheid. Der Brief ist eine Kopie. Das Original liegt bei ihm.«
»Alles klar.« Joel würde das Richtige tun. »Das muss für den Moment genügen. Und es zeigt, dass Drummond Angst hat. Das ist ein gutes Zeichen.«
»Stimmt.« Harlans Adamsapfel bewegte sich, als er zu schlucken versuchte. »Ich hasse ihn«, flüsterte er.
»Ich auch. Und an welche Sicherheitsmaßnahmen hast du gedacht?«
»Kameras entlang der Grundstücksgrenzen und ums Haus herum. Eine Alarmanlage für Türen und Fenster. Und Patronen für mein Gewehr.«
»Anson?« Den letzten Punkt ignorierte Kit.
»Klar.«
Anson hatte im Jahr vor Kits Eintreffen als Pflegekind bei den McKittricks gelebt und betrieb inzwischen in Anaheim eine Sicherheitsfirma. Er würde dafür sorgen, dass alles so gemacht wurde, wie es sein sollte.
»Du könntest auch für Rita und die beiden anderen Mädchen einen Hund besorgen.« Emma und Tiffany waren die jüngsten Pflegekinder bei den McKittricks, und die drei Mädchen hatten sich sofort angefreundet. Kit schlug einen unbeschwerteren Ton an, um den angespannten Ausdruck auf Harlans freundlichem Gesicht zu vertreiben. »Vielleicht würden sie sich dann sicherer fühlen. Außerdem müssten sie sich nicht ständig Snickerdoodle ›leihen‹.«
Harlan zog eine buschige Braue hoch. »Haben die Mädchen dich dazu angestiftet?«
»Nein.« Kit zwang sich zu einem Lächeln. »Es ist allein meine Idee. Jedes Mädchen braucht einen Hund, Pop.«
Er lachte leise, wenn auch etwas gezwungen. Trotzdem. Es war ein Lachen. »Ich fahre mit den Kindern dieses Wochenende noch ins Tierheim. Vielleicht finden wir ja einen passenden Hund für sie.«
Kit lehnte den Kopf gegen seine breite Schulter. Niemand vermittelte ihr ein größeres Gefühl der Sicherheit wie er. Seit sie und Wren sich als zwölfjährige Ausreißerinnen in genau diese Scheune geschlichen hatten, war er ihr Fels in der Brandung. Harlan und Betsy hatten sie gefunden und ihnen Obdach gegeben. Und so viel Liebe geschenkt.
»Danke, Pop. Für alles. Für alles, was du für mich und Rita und all die anderen tust. Ich hab dich lieb.«
»Ich hab dich auch lieb, Kitty-Cat.« Er drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel. »Und amüsier dich gut bei deinem Date.«
Sie seufzte und schob Ritas Problem für den Moment beiseite. »Ich werde es versuchen. Aber sollte es einen Mord geben, muss ich absagen.«
Harlan schnaubte leise. »Das klingt fast, als würdest du darauf hoffen.«
Das tat sie auch ein Stück weit. Doch sich zu wünschen, dass ein Mord geschah, war falsch, und Sam verdiente etwas Besseres. »Ich hoffe nicht darauf, sondern …«
»Du hast Angst«, sagte er sanft.
»Genau.«
»Es ist okay, Angst zu haben, Kit. Aber bei anderen Dingen, die dir Angst machen, kneifst du auch nicht. Du schaffst das schon. Ich weiß es.«
Kit war sich da nicht so sicher wie er.
Trotzdem wünschte sie sich, irgendwo möge ein Mord geschehen. Nur ein ganz kleiner.
Vorsicht«, mahnte Sam und deutete auf das Gestrüpp am Wegrand. »Das ist ein Akazienstrauch. Der hat sehr spitze Dornen.«
»Alles klar.« Kit machte einen weiten Bogen um den Strauch und zog an Snickerdoodles Leine, damit auch die Hündin ihm nicht zu nahe kam.
Bislang bestand ihre Wanderung weitgehend aus derartigen Warnungen, aber nicht viel mehr. Die Stimmung war …
Seltsam, dachte Kit besorgt. Es herrschte eine Verlegenheit zwischen ihnen, mit der sie nicht recht umzugehen wusste. Die Wüste war auf eine schroffe Art wunderschön, und Sam hatte eine wenig besuchte Route ausgesucht, weshalb sie seit einer gefühlten Ewigkeit keine Menschenseele mehr zu Gesicht bekommen hatten. So erbarmungslos die Hitze im Sommer in der Wüste auch sein mochte, so bot das Wetter im Winter perfekte Voraussetzungen: klaren Himmel und eine angenehm erfrischende Brise.
Doch trotz der atemberaubenden Landschaft gestaltete sich der Ausflug als unangenehm.
Schon als Sam sie und Snickerdoodle am Morgen abgeholt hatte, war Kit aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Statt wie sonst charmant und gelassen zu sein, wirkte Sam angespannt und benahm sich übertrieben höflich.
Als wären sie Fremde.
Ich habe jetzt schon alles vermasselt und weiß noch nicht einmal, was ich falsch gemacht habe, dachte sie traurig.
Auf der Fahrt hatten sie nur das Nötigste miteinander geredet, und auch das war steif und ungelenk gewesen. Sam hatte ihr ein paar vorsichtig formulierte Fragen gestellt, die sie mit derselben Vorsicht und in wenigen Worten beantwortet hatte.
Und nun machte Sam sie wie ein Wanderführer auf landschaftliche Besonderheiten oder spezielle Pflanzen aufmerksam – sachlich und präzise, aber unpersönlich.
Ich muss das wieder in Ordnung bringen. Denn Sam verhielt sich nicht nur distanziert, sondern wirkte traurig, was sie nicht ertrug. Vor allem nicht, wenn sie daran schuld sein sollte. Abrupt blieb sie mitten auf dem Wanderweg stehen, woraufhin Snickerdoodle brav neben ihr Sitz machte.
Sam war ein Stück weitergegangen, als er merkte, dass Kit nicht länger neben ihm ging. Langsam drehte er sich um und sah sie an. Beim Anblick seiner ausdruckslosen Miene rutschte Kit das Herz in die Hose. »Kit? Alles in Ordnung?«
»Nein.« Ihre Stimme zitterte. Sie holte tief Luft. »Es tut mir leid.«
Mit unübersehbarer Enttäuschung ließ er die Schultern sacken. »Ich weiß.«
Panik flackerte in ihr auf. Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie sich gewünscht hatte, dass ihr gemeinsamer Tag positiv verlaufen möge. Wie sehr sie sich wünschte, Sam glücklich zu sehen. »Ich habe irgendetwas getan. Etwas kaputt gemacht. Du bist unglücklich. Wir sind hier, mitten in der Wüste, und eigentlich solltest du fröhlich sein.«
Er runzelte die Stirn. »Wovon redest du? Ich dachte …«
Sie trat einen Schritt näher. »Was?«
Sein Adamsapfel bewegte sich, als er schluckte. »Ich dachte, du sagst gleich, dass dieses Date ein Fehler war.«
Ihr blieb der Mund offen stehen. »Was?«
Er musterte sie. »Du hältst das hier also für keinen Fehler?«
»Nein. Es ist nur …« Sie sah ihm weiter in die Augen. »Ich hatte vor heute Angst.«
»Das dachte ich mir. Ich war mir sicher, dass du mit irgendeiner Ausrede absagen würdest.«
»Hätte ich auch fast.«
Er lächelte schief. »Auch das überrascht mich nicht. Wer hat dich überredet, doch zu kommen?«
»Rita«, antwortete sie betrübt. »Und Pop. Er hat mir den Kopf gewaschen und gesagt, ich solle mit dem Unsinn aufhören. Bist du deshalb schon den ganzen Tag so distanziert? Weil du dachtest, ich sage dir, dass das eine blöde Idee war?«
Er nickte argwöhnisch. »Hattest du es denn vor?«
Sie wandte den Blick ab und sah sich um. Die Landschaft war wirklich wunderschön. »Eigentlich nicht. Ich wollte herkommen. Mit dir. Ich wollte, dass du mir die Wüste zeigst und ich erfahre, weshalb du sie so liebst. Aber seit unserem letzten Date sind sechs Wochen vergangen. Genug Zeit, um Zweifel an mir zu bekommen. Und an dir. Du könntest längst jemanden kennengelernt haben. Alle sagen das. Ich weiß immer noch nicht, wieso du offenbar mit mir zusammen sein willst.«
Das war die Wahrheit.
»Kit.« Er wartete, bis sie ihm wieder ins Gesicht sah. »Meine Gefühle haben sich nicht geändert. Ich will mit dir zusammen sein, dich aber nicht unter Druck setzen, solange du nicht bereit dafür bist. Ich kann warten. Das bist du mir wert.«
Sie trat noch einen Schritt vor. So weit, dass sie die dichten, dunklen Wimpern um seine grünen Augen hinter der Clark-Kent-Brille erkennen konnte, ebenso wie die Sommersprossen auf seiner Nase, die ihm die Zeit in der Sonne beschert hatte.
Und sie sah seine Aufrichtigkeit, jene Eigenschaft, die sie von Beginn an so anziehend gefunden hatte. Mit einem Mal verspürte sie keinerlei Angst mehr, denn es war Sam, der vor ihr stand. Sam, der neben ihrem Vater der freundlichste und gütigste Mann war, den sie kannte. Der ihre Grenzen respektieren und ihr Herz beschützen würde.
Ebenso wie sie seines beschützen musste.
»Ich bin bereit für dieses Date.« Sie packte ihn bei der Jacke und zog ihn zu sich heran. »Ich will dich besser kennenlernen.«
Seine Brust hob sich unter seinem tiefen Atemzug. »Gott sei Dank«, murmelte er und legte beide Hände um ihr Gesicht. Ein wohliger Schauder überlief sie. »Ich habe versucht, dir Freiraum zu geben.«
»Das brauchst du nicht«, sagte sie nur, löste ihren Griff um seine Jacke und schlang ihm stattdessen die Arme um den Hals. »Ich … ich habe dich vermisst«, gestand sie.
Er strahlte vor Freude. »Wirklich?«
»Ja. Unser Ausflug aufs Wasser ist viel zu lange her.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen. »Genauso wie dein Gutenachtkuss.«
Sie hörte ihn schlucken. »Du hast daran gedacht, stimmt’s?«
»Ja. Du auch?«
»Ja. Jeden Abend. Jeden Morgen. Und vielleicht auch ein paarmal während des Tages.«
»Ging mir genauso«, flüsterte sie dicht an seinem Mund. Wenn sie sich noch ein wenig streckte, könnte sie ihn richtig küssen. Sie beugte sich leicht vor, und dann berührten seine Lippen endlich ihren Mund. Sein Kuss war voller Süße und ohne jede Forderung, doch seine Hände um ihr Gesicht zitterten.
Er wollte mehr.
Genauso wie ich.
Wie aus weiter Ferne drang Gebell an ihre Ohren. Nicht nur von einem Hund, sondern von zweien.
Hunde.
Snickerdoodle.
Kit hielt nicht länger ihre Leine in der Hand.
Mist.
In derselben Sekunde lösten sie sich voneinander und sahen sich nach ihren Hunden um, denn Sam hatte auch Siggys Leine losgelassen.
»Siggy!«, rief er.
»Snickerdoodle!«, rief Kit und atmete erleichtert auf, als Snick schwanzwedelnd hinter einem Steinhaufen hervorgetrottet kam. Doch sie war allein. Von Siggy keine Spur.
Sam trabte los, während Kit Snicks Leine nahm und ihm folgte.
Bei Siggys Anblick blieben beide abrupt stehen.
Der Hund hatte einen Schuh im Maul. Einen ledernen Herrenschuh, schätzungsweise Größe 45. Der dazugehörige zweite Schuh steckte halb von Staub bedeckt am Fuß eines Mannes.
Eines toten Mannes, der mit dem Gesicht nach oben im Wüstensand lag.
Oder dem, was von seinem Gesicht noch übrig war, denn die Wüstentiere hatten sich bereits an ihm zu schaffen gemacht.
Igitt.
Die Leiche lag zwischen mehreren Felsbrocken, sodass sie gegen den Wind geschützt war, trotzdem waren die Beine, ein Fuß und ein Teil des einen Arms von Sand bedeckt.
Unfall oder Mord? Kit trat näher und bekam ihre Antwort. Quer über den Hals des Mannes verlief eine klaffende Wunde, in der sich Dutzende von Fliegen tummelten. Unübersehbar war ihm die Kehle vom einen zum anderen Ohr aufgeschlitzt worden.
Immer schön vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht, sinnierte Kit beim Gedanken daran, was ihr am Abend zuvor durch den Kopf gegangen war.
Sie sah zu Sam hinüber, der mit weit aufgerissenen Augen und entsetzter Miene auf den Leichnam starrte. »Sam? Alles klar?«
Er räusperte sich. »Puh … verdammt.«
Sie nickte knapp. »Allerdings. Ich muss das melden.«
»Warte.« Den Blick immer noch auf das Opfer gerichtet, trat er vorsichtig näher. »Sieh dir mal sein Gesicht an.«
»Habe ich schon. Es ist nicht genug für eine zweifelsfreie Identifikation übrig. Wahrscheinlich muss die Rechtsmedizin das Zahnschema oder eine DNA-Probe zu Hilfe nehmen. Er –«
»Nein, Kit. Sieh noch mal hin. Ich kenne den Mann.«
Kit ging neben dem Toten in die Hocke. Und dann erkannte auch sie ihn. Zumindest das Tattoo im Tribal-Stil an seinem Hals, das hinter der Stelle endete, wo sich sein Ohr befunden hatte. »Ach du Scheiße.«
Sam stieß ein freudloses Lachen aus. »Das kannst du wohl laut sagen. Das ist Brooks Munro.«
Einer von San Diegos Stadträten.
Mit finsterer Miene blickte Kit auf die Leiche. »Das wird kein Spaß werden.«
»Unser zweitliebster Lokalpolitiker«, bemerkte Sam mit vor Verachtung triefender Stimme.
Kit sah ihn erstaunt an. Diesen ätzenden Tonfall kannte sie nicht von ihm, und sie fragte sich, welche Erfahrungen er mit dem Stadtrat gemacht haben mochte, der als überaus charmant und charismatisch galt. Gleichzeitig waren Kit Gerüchte über Schmiergeld zu Ohren gekommen, wobei es keine handfesten Beweise gegeben hatte.
»Und wer ist die Nummer eins?«, fragte sie, obwohl sie es bereits ahnte.
»Drummond.« Sam sah ihr in die Augen.
Nach dem Mordvorwurf war Drummond zwar zurückgetreten, trotzdem verstand Kit, was Sam meinte. Weshalb Sam Munro nicht ausstehen konnte, war damit allerdings nicht geklärt. »Munro wird seit mehreren Tagen vermisst«, sagte sie.
»Weiß ich«, erwiderte er tonlos. »Ich habe es in den Nachrichten gesehen.«
»Seine Frau, die sich derzeit nicht in der Stadt aufhält, hat ihn als vermisst gemeldet. Zwei Kollegen sind zu ihm nach Hause gefahren und haben Blut auf dem Garagenboden gefunden. Genug, um davon ausgehen zu müssen, dass er ernsthaft verletzt wurde.«
Sam verzog das Gesicht. »So würde ich es durchaus bezeichnen. Ach du Scheiße, Kit. Seine Hände …«
Kit seufzte. Die Finger des Opfers fehlten, ebenso wie die Zehen an dem schuhlosen Fuß. »Könnten Tiere gewesen sein.«
»O Gott, ich hoffe es. Aber du glaubst das nicht.«
»Nein.« Denn bei genauerer Betrachtung erkannte sie auch die Stichwunden in der Brust des Mannes – bestimmt zwanzig Stück, wie es aussah. Jemand hatte gewollt, dass der Mann Höllenqualen litt. »Aber das wird uns die Rechtsmedizin sagen. Ich mache jetzt Meldung.«
Sie zog ihr Handy heraus, stellte jedoch fest, dass sie kein Netz hatte. »Verdammt.«
»Warte.« Sam ließ sich auf ein Knie sinken, nahm seinen Rucksack ab und räumte den Inhalt auf den Boden, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. »Hier«, sagte er und reichte ihr ein Telefon. »Das ist ein Satellitenhandy. Damit hast du Empfang.«
»Hast du immer ein Satellitentelefon bei dir?«
»Ja. Zur Sicherheit. Siggy und ich sind häufig in entlegenen Gebieten unterwegs, und es gibt nicht immer einen Handymast in der Nähe.«
Sie sah ihn an, während sie die Nummer ihres Vorgesetzten auf ihrem Handy heraussuchte. »Ist das da … ein Nachtsichtgerät?«
Leichte Verlegenheit spiegelte sich auf seiner Miene. »Ein Weihnachtsgeschenk meiner Eltern. Ich habe versprochen, es für alle Fälle immer bei mir zu haben. Ich habe auch ein paar Vorräte für ein Picknick eingepackt, allerdings ist mir der Appetit vergangen, glaube ich.« Er gab alle Sachen in den Rucksack zurück, erhob sich und blickte mit gequälter Miene zu der Leiche hinüber. »Bitte ruf Lieutenant Navarro an, Kit. Ich will so schnell wie möglich weg von hier.«
Es widerstrebte Kit zutiefst, ihm zu eröffnen, dass es wohl mehrere Stunden dauern würde, bis sie gehen könnten, deshalb wählte sie einfach nur Navarros Nummer.
»Navarro. Wer spricht da?« Die barsche Stimme ihres Vorgesetzten drang durch die Leitung.
»Hier ist Kit. Wir haben ein Problem.«
Connor Robinson streckte den Kopf zur Tür herein. »Ihr beide habt also rein zufällig in einem zweieinhalbtausend Quadratkilometer großen Naturschutzpark diese eine Leiche gefunden, die vermisst wird?«
Kit und Sam saßen in Navarros Büro und warteten darauf, dass der Lieutenant sie entließ. Die Hunde hatten sie bei Betsy und Harlan abgegeben, und Kit war mit ihrem eigenen Wagen hergekommen, weil sie wusste, dass ihr Tag noch lange nicht vorbei war. Hoffentlich ließ Navarro Sam nach Hause gehen, sobald sie seine Aussage noch einmal durchgesprochen hatten.
Bitte teile mir nicht den Fall zu. Bitte nicht.
»Ich wette einen Wochenlohn, dass das nicht die einzige Leiche in diesem Park ist«, erwiderte sie.
Sam gab einen gequälten Laut von sich, woraufhin Kit ihm die Hand tätschelte. »Geht’s dir gut?«
»Nein«, brummte Sam. »Der Tag ist ruiniert. Das Date ist ruiniert. Und ich kriege den Anblick dieses Gesichts bestimmt nie wieder aus dem Kopf.«
»Das ist übel, Mann«, bemerkte Connor mitfühlend. »Tut mir leid, dass dein Date so geendet ist.«
Sams neuerliches Brummen klang hinreißender, als es sollte.
»Wir holen es nach«, versprach Kit. »Ein Nachhol-Date ohne Leiche. Versprochen.«
»Na gut.« Trotzdem blieb seine Miene finster, und Kit tat er leid.
Munros Leiche hatte einen grauenvollen Anblick geboten, und Sam steckte das Ganze dennoch besser weg als manch anderer. Natürlich war dies nicht die erste Leiche, die er zu Gesicht bekommen hatte, trotzdem war diese … extrem gewesen.
Selbst für mich.
»Wie kommt es, dass du heute überhaupt hier bist?«, fragte sie Connor. »Es ist doch Samstag. Haben wir einen neuen Fall zugeteilt bekommen?«
»Nein. Ich habe gehört, ein Cop vom SDPD hätte die Leiche entdeckt, und ich wusste ja, dass ihr in der Gegend unterwegs sein wolltet, deshalb wollte ich sehen, ob ihr es wart.«
Kit runzelte die Stirn. »Woher weißt du von der Leiche?«
Connor grinste. »Baz hat mich angerufen. Er hatte es über die Gerüchteküche des Reviers erfahren. Ich muss sagen, es kränkt mich, dass du mir nicht mal eine Nachricht geschickt hast.«
Kit verdrehte die Augen. »Wenn ich es richtig sehe, hängt Baz quasi immer noch an der Nabelschnur des Reviers.« Ihr ehemaliger Partner war nach einem Herzinfarkt vor neun Monaten in den Ruhestand gegangen, und sie vermisste ihn sehr, doch sie und Connor hatten sich mittlerweile zusammengerauft. »Und ich habe dir nicht geschrieben, weil ich wusste, dass du mit CeCe unterwegs bist.«
»Ihre Mom hat sich das Knie verstaucht, und CeCe ist mit ihr zum Arzt gefahren.« Er zuckte die Achseln. »Deshalb bin ich hergekommen. Oh, bitte um Entschuldigung, Sir.« Er trat zur Seite, um Platz für Navarro zu machen, der alles andere als glücklich aussah. »Bis später dann.«
»Nein«, sagte Navarro. »Sie bleiben.«
Connor zog die Schultern hoch, und Kit unterdrückte einen Seufzer. Wenn Connor bleiben musste, bedeutete das, dass der Lieutenant sie mit den Ermittlungen zu Munros Ermordung betrauen würde.
Was übel war, weil es der Fall garantiert in sich hatte. Schon jetzt war die Liste der Verdächtigen ellenlang. Seine Wähler schienen Brooks Munro zu mögen, in Polizeikreisen hatte der Mann hingegen nur wenig Sympathie genossen. Wenn man es genau nahm, hatten ihn viele aus tiefster Seele verabscheut.
Navarro zeigte auf sie und Sam. »Sie beide. Immer sind es Sie beide.«
»Sir?«, fragte Kit gereizt.
Sam fiel die Kinnlade herunter. »Sir?«
»Es scheint so, als ziehen Sie den Ärger förmlich an«, brummte Navarro und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. »Leugnen ist zwecklos.«
Sam seufzte. »Mag sein, trotzdem ist es ja nicht so, als hätten wir nach der Leiche gesucht. Vielmehr hat uns das den ganzen Tag verdorben. Und mir den Appetit für die nächste Woche verschlagen.«
Navarros Lippen zuckten. »Stimmt, er sah ziemlich übel aus.« Er richtete seine Aufmerksamkeit auf seinen Computer. »Guter Bericht, Kit. Alle Einzelheiten sind aufgeführt. Brooks Munro, einundfünfzig Jahre alt, Stadtrat. Wurde zuletzt am Mittwoch lebend von seiner Büroleiterin gesehen. Am Donnerstag ist er nicht zur Arbeit erschienen und hat nicht auf die Anrufe seiner Frau reagiert. Da sie sich außerhalb der Stadt aufhält, hatte sie darum gebeten, dass eine Streife zu ihrem Haus fährt, um nach ihm zu sehen. Die Kollegen haben Blutspuren auf dem Garagenfußboden vorgefunden. Sein Wagen fehlte.« Er sah mit hochgezogenen Brauen auf. »Und dabei handelte es sich nicht um irgendeinen Wagen, Kit, sondern um einen verdammten Ferrari. Haben wir Material aus den Überwachungskameras seines Hauses?«
Sie schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Ich bin davon ausgegangen, dass die zuständigen Detectives sich darum kümmern werden.« Bitte teilen Sie nicht den Fall uns zu.
Navarro sah sie nur an. »Übernehmen Sie das.«
Verdammt. Sie seufzte, und Connor sank auf seinem Stuhl zusammen. »Na gut«, murmelte sie.
Navarro räusperte sich, woraufhin sich Kit und Connor aufsetzten.
»Ich meinte, ja, Sir«, korrigierte sich Kit. »Natürlich, Sir.«
Connor verdrehte die Augen. »Schleimerin.«
Navarro schüttelte den Kopf. »Wurde er in der Wüste oder in seiner Garage ermordet?«
Kit öffnete die Notizen-App auf ihrem Handy. Sie und Sam waren am Fundort geblieben, bis die Teams der Spurensicherung des SDPD und der Rechtsmedizin eingetroffen waren und ihre Arbeit aufgenommen hatten. »Soweit ich gesehen habe, befand sich Blut unter der Leiche im Sand, nachdem die Rechtsmedizin sie hat abtransportieren lassen, allerdings weiß ich nicht, wie tief es eingesickert war. Doch das allein lässt darauf schließen, dass die Tat im Anza-Borrego-Park begangen wurde. Die Kollegen von der Rechtsmedizin meinten, der Tod sei als Folge der tiefen Schnittwunde in der Kehle eingetreten.«
Sie registrierte, wie Sam neben ihr erschauderte, sagte jedoch nichts. Kurz verspürte sie den Drang, ihm erneut die Hand zu tätscheln, allerdings war sie sich Navarros Blick überdeutlich bewusst. Deshalb fuhr sie fort.
»An welchem Ort dem Opfer die Stichwunden zugefügt wurden, weiß ich nicht. Ich habe mindestens zwanzig Wunden gezählt. Alicia hat versprochen, mir die genaue Zahl zu nennen, sobald sie die Leiche auf dem Tisch hat.« Dr. Alicia Batra war etwa eine Dreiviertelstunde nach der Spurensicherung am Fundort eingetroffen. »Die untere Körperhälfte war mit Sand bedeckt, deshalb könnten es auch mehr sein. Oder er könnte noch welche auf dem Rücken haben.«
»Ich gehe davon aus, dass sie uns auch im Hinblick auf die mögliche Tatwaffe helfen kann«, bemerkte Navarro.
»Garantiert. Bei den Wunden gab es Unterschiede. Manche sahen tief aus, andere waren oberflächlich, bei einigen handelte es sich bloß um Kratzer. Mein erster Eindruck war, dass ihn jemand bewusst leiden lassen wollte.«
»Ich wünschte, das würde mich schockieren«, bemerkte Navarro trocken.
»Dieser Mann hat sich viele Feinde gemacht«, warf Connor ein. »Das wird ein Riesenspaß.«
Sein Ton verriet, dass er vom genauen Gegenteil ausging.
»Sam?«, fragte Kit leise, als sie sein Stirnrunzeln bemerkte.
Sam stieß den Atem aus. »Ich bin ihm nur ein einziges Mal begegnet und konnte ihn auf Anhieb nicht ausstehen.«
»Willkommen im Club«, bemerkte Navarro. »Wie hat er es sich mit Ihnen verscherzt, Dr. Reeves?«
»Im August wurde ich vom Vorstand des New Horizons beauftragt, mich mit dem Stadtrat zusammenzusetzen, weil über eine Finanzierungshilfe entschieden werden sollte.«
Navarro beugte sich interessiert vor. »Sie sprechen von dem Heim für obdachlose Teenager?«
Sam nickte. »Ich arbeite dort seit einigen Jahren ehrenamtlich und habe vor dem Stadtrat eine Präsentation gehalten, doch einige Mitglieder waren abwesend, daher habe ich danach zusätzliche Einzeltermine vereinbart. Munro sollte als Letzter an der Reihe sein. Leider hatte sich bloß die Hälfte des Stadtrats offen für das Finanzierungsgesuch gezeigt, deshalb hätte Munro das Zünglein an der Waage sein können. Anfangs schien er auf meiner Seite zu stehen, aber als ich zusammengepackt habe, meinte er plötzlich, er erwarte eine gewisse ›Dankbarkeit‹ für seine Stimme.«
Kit spannte sich an. Sam war so ein wunderbarer Mensch, und Munro zog eine derart miese Nummer mit ihm ab?
»Und haben Sie konkret gefragt, was er damit meint?«, wollte Navarro wissen.
»Ja. Im ersten Moment war ich … völlig perplex. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber das war wohl ein Fehler. Ich hatte von den Gerüchten gehört, aber bis zu diesem Moment war er so kooperativ gewesen.« Sams Wangen röteten sich. »So peinlich es mir ist, so muss ich doch zugeben, dass er mich kalt erwischt hat.«
»Das muss Ihnen nicht peinlich sein«, erwiderte Navarro. »Der Kerl war aalglatt. Wir haben ihn schon seit Jahren wegen Bestechlichkeit im Verdacht, konnten ihm aber nie etwas nachweisen.«
»Trotzdem ist es peinlich. Eigentlich sollte ich doch eine gute Menschenkenntnis haben. Jedenfalls meinte er, er hätte gehört, ich sei für die psychologischen Gutachten von Beklagten zuständig, deren Verhandlung unmittelbar bevorstünde. Das war der Moment, als ich hellhörig wurde. Ich habe ihn gefragt, wen er konkret meine. ›Ronald Tasker‹, antwortete er. Tags zuvor war ich mit Taskers psychologischer Evaluierung betraut worden.«
Navarro stieß einen leisen Pfiff aus. »Tasker hat versucht, in der Anklage wegen Mordes an seiner Ehefrau mit Geisteskrankheit durchzukommen. Er hat ihr die Kehle aufgeschlitzt und sie zerstückelt.«
»Munro wurde ebenfalls die Kehle aufgeschlitzt«, warf Kit ein. »Und davor hatte der Täter ihm mehrere Stichwunden zugefügt. Besteht da etwa eine Verbindung?«
»Könnte sein«, meinte Navarro. »Setzen Sie das auf Ihre Liste, Kit. Wenigstens ist Tasker mit seiner Taktik nicht durchgekommen. Er hat lebenslänglich ohne die Möglichkeit einer Bewährung bekommen. Sie haben seine Evaluierung nicht vorgenommen, oder, Sam?«
»Nein. Nach dem Termin war ich so erschüttert, dass ich im ersten Moment nicht wusste, was ich tun soll, aber dann habe ich Joel angerufen.«
Kit war froh, dass Sam in Joel Haley, einem der leitenden Staatsanwälte der Stadt, einen guten Freund und Vertrauten hatte. Trotzdem fragte sie sich, weshalb er sich nicht zuerst an sie gewandt hatte.
Aber dann fiel der Groschen. Der Termin mit Munro hatte im August stattgefunden, als sie es um jeden Preis vermieden hatte, Sam Reeves über den Weg zu laufen.
Du hättest ihm helfen können, warst aber zu feige, um zuzugeben, dass du ihn magst.
Sie unterdrückte einen Seufzer. Daran konnte sie jetzt nichts mehr ändern. Sondern nur dafür sorgen, dass sie in Zukunft für ihn da war.
»Joel meinte, wir könnten nichts dagegen tun«, fuhr Sam fort. »Es stünde mein Wort gegen Munros. Aber Joel hat wenigstens dafür gesorgt, dass ich die Begutachtung abgeben konnte. Den neuen Kollegen hat er vorgewarnt, dass jemand an ihn herantreten könnte, damit er seine Aussage ändert, aber das ist nicht passiert.«
»Hat Munro sonst noch etwas zu Ihnen gesagt?«, wollte Navarro wissen.
»Nein. Aber letztlich hat er gegen den Antrag auf eine Finanzspritze für New Horizons gestimmt. Zum Glück hatte ich unterdessen von anderen Stadtratsmitgliedern genug Unterstützung bekommen, weshalb seine Stimme die Zuteilung der Gelder nicht verhindert hat.«
Glück hatte damit nichts zu tun, dachte Kit voller Stolz. Sam konnte gut mit Menschen umgehen und brachte notfalls selbst einen Felsbrocken zum Tanzen.
Schließlich hatte er Kit für sich erwärmt, obwohl sie wild entschlossen gewesen war, es zu verhindern.
»Ich frage mich, ob Munro versucht hat, auch auf andere Fälle Einfluss zu nehmen«, murmelte Kit.
Connor stöhnte. »Wir haben ja auch nicht schon genug Verdächtige.«
»Erzählen Sie mir etwas Neues«, bemerkte Navarro trocken. »Stellen Sie eine Liste zusammen. Fangen Sie an zu fragen. Sollten Sie Unterstützung brauchen, sagen Sie Bescheid. In vier Stunden will ich ein Update haben. So lange kann ich uns den Captain vom Leib halten. Bestimmt weiß er es schon vom Bürgermeister. Außerdem habe ich gehört, dass Munros Frau inzwischen zu Hause ist. Fahren Sie zu ihr und reden mit ihr.« Er wedelte mit der Hand. »Los, ab mit Ihnen.«
Kit nahm ihre Sachen und folgte Connor und Sam aus dem Büro, dessen Tür sich mit einem lauten Klicken hinter ihnen schloss. Sie waren entlassen.
»Kannst du einen Wagen besorgen, damit wir die Witwe informieren können?«, bat Kit Connor. »Wir treffen uns dann unten.«
»Klar. Wenn du es ihr beibringst. Bis dann, Sam. Lass von dir hören.«
Kit wandte sich mit einem traurigen Lächeln an Sam. »Tut mir leid, dass unser Date ruiniert wurde.«
»Du hast mir doch schon ein weiteres versprochen«, entgegnete er so sanft, dass sie erschauderte.
Sie schluckte. »Stimmt. Ich lasse mir etwas Schönes einfallen.«
Er strich ihr mit dem Finger über den Handrücken, so diskret, dass es unbemerkt geblieben wäre, selbst wenn jemand hergesehen hätte. »Ich würde sagen, ich bin dran.«
Sie holte Luft. »Alles klar. Und nur fürs Protokoll – es gibt nichts, was dir peinlich sein müsste. Munro war eine hinterhältige Schlange.«
Sam zog die Brauen hoch. »Was hat er dir denn getan?«
»Mir selbst nichts, aber ich habe Gerüchte über seine Unredlichkeit gehört. Hauptsächlich, dass er im Zuge irgendwelcher Bauprojekte Schmiergelder angenommen haben soll. Aber niemand hat je offiziell Beschwerde gegen ihn eingereicht, und ich habe gehört, dass viele seiner Wähler ganz begeistert von ihm waren. Vor allem die weiblichen. Er war ein gut aussehender Mann.« Bevor sich die Tiere über sein Gesicht hergemacht haben, fügte sie im Geist hinzu, sprach es mit Rücksicht auf Sam jedoch nicht aus. »Wie Navarro schon sagte, konnte er ein echter Charmeur sein. Vor allem, wenn er etwas von einem wollte. Seine Erwartung, dass du dich ihm gegenüber erkenntlich zeigst, erstaunt mich nicht, trotzdem bin ich stinksauer, weil er das bei dir versucht hat.«
Sams Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Alles halb so wild.«
Sie lachte. »Los, geh schon und genieß den Rest deines freien Tages. Ich muss mich jetzt an die Arbeit machen.«
Er wandte sich zum Gehen, drehte sich jedoch noch einmal um. »Ich kann dir etwas zum Abendessen vorbeibringen. Ich fahre jetzt zu deinen Eltern, um Siggy abzuholen, und sicher besteht deine Mutter darauf, dass ich etwas esse, bevor ich wieder fahre. Sie kann dir und Connor ja eine Portion herrichten, außerdem komme ich auf dem Heimweg ohnehin praktisch hier vorbei.«
»Danke«, sagte sie gerührt. Dieser Mann. Er ist viel zu gut für mich. »Schreib mir, bevor du bei Mom und Pop losfährst, falls wir gerade mitten in einer Befragung sind.«
»Mache ich. Pass auf dich auf, Kit.«
»Das werde ich. Und … Sam? Ich habe den Tag heute sehr genossen. Zumindest bis unsere Hunde auf Munros Leiche gestoßen sind. Wir sollten bei Gelegenheit mal wieder in den State Park fahren.«
Er grinste. »Ich wusste, dass ich dich für die Wüste begeistern kann.« Er wandte sich um und ging beschwingten Schritts zur Tür.
Ich glaube, du könntest mich für viel zu viele Dinge begeistern, dachte sie und drückte die Schultern durch.
Aber jetzt galt es erst einmal, Brooks Munros Mörder zu finden.
»Heiliger Strohsack.« Vom Beifahrersitz des Revierwagens aus blickte Kit auf die Monstrosität, die Brooks Munro als sein Zuhause bezeichnet hatte. Dass sie sich jemals an den Lebensstil der Superreichen gewöhnen würde, konnte sie sich nicht vorstellen. Das war eine völlig andere Welt.
Soweit sie vom Ende der Zufahrt aus sehen konnte, war das Grundstück professionell gestaltet, mit perfekt getrimmten Bäumen und Sträuchern und einem Rasen ohne ein einziges schief stehendes Grashälmchen.
Im Gegensatz zum Hausbesitzer. Munro war ein falscher Fuffziger gewesen, wie er im Buche stand.
Kit war immer noch wütend wegen dem, was Munro bei Sam versucht hatte. Sam Reeves war ein hochanständiger Mann, der niemals seine ethischen Grundsätze verraten würde.
»Du knirschst mit den Zähnen«, bemerkte Connor. »Bist du immer noch wütend, weil Munro versucht hat, Gefälligkeiten von Sammy einzufordern?«
Sie seufzte. »Ich war auch schon mal undurchschaubarer.«
Connor lachte leise. »Und fieser. Jetzt bist du netter. Und du überbringst die Todesnachricht, falls du das vergessen haben solltest.«
»Ja, ja.« Sie war ohnehin an der Reihe, deshalb war es noch nicht einmal so, dass sie Connor einen Gefallen tat. »Wilhelmina Munro ist die Witwe, einundsechzig, also zehn Jahre älter als ihr Mann. Die beiden waren seit fünf Jahren verheiratet.«
»Und sie kommt aus einer schwerreichen Familie«, fügte Connor hinzu. »Richtig alter Geldadel.«
»Woher weißt du das?« Kit blickte auf ihren Hintergrundcheck, den sie während der Fahrt gemacht hatte. »Ich habe bloß gesehen, dass sie früher Yogalehrerin war, zweimal geschieden ist und nicht mal einen Strafzettel wegen Falschparkens bekommen hat. Ich dachte, dieses Anwesen sei von Munros Geld bezahlt worden.«
Er zog eine Braue hoch. »Das, liebe Kit, ist sexistisch.«
Sie stieß ein schnaubendes Lachen aus, denn sie war diejenige, die ihm schon allzu oft seine patriarchalische Denkweise unter die Nase gerieben hatte. »Stimmt. Tut mir leid. Also, woher weißt du, dass ihre Familie Geld hat?«
»Deine Überprüfung hätte eigentlich ergeben sollen, dass ihr Mädchenname Cliff ist.«
»Hat sie auch. Und?«
»Sie ist die Enkelin von Jonas Cliff … du weißt schon, dem Gründer der Cliff Hotels.«
»Oh. Selbst mir sagt der Name etwas. Ihr Vermögen stammt also aus einem Hotelimperium?«
»Genau. Aber dieses Haus ist auf Munro eingetragen, weshalb du davon ausgegangen bist, dass auch das Geld dafür von ihm kam. Dabei hat Wilhelmina es ihm gekauft. Als Hochzeitsgeschenk.«
»Woher weißt du das nun wieder?«
»Ich habe meine Mom gefragt«, antwortete er selbstzufrieden. »Sie führt eine Liste von den Schwerreichen, damit sie sie um Spendengelder für die Benefizveranstaltungen ihres Clubs anhauen kann. Sie weiß alles über die Leute, kennt jeden Klatsch. Mir fiel ein, dass sie erzählt hat, sie hätte auf einer dieser Veranstaltungen Geld von Wilhelmina bekommen, deshalb habe ich sie angerufen, während du dich von Sammy verabschiedet hast. Ich dachte, ein paar Insiderinformationen könnten nicht schaden.«
Wieder ließ Kit den Blick über die Villa schweifen, die bestimmt an die tausend Quadratmeter maß. Allein die separate Garage dürfte annähernd der Grundfläche des gesamten Farmhauses ihrer Eltern entsprechen. »Das nenne ich mal ein Hochzeitsgeschenk. Ich frage mich, ob die Witwe weiß, was für ein Dreckskerl Munro war.«
»Laut meiner Mom hat Wilhelmina praktisch den ganzen letzten Monat auf dem elterlichen Anwesen in Boston verbracht. Die Gerüchte machen im Club die Runde. Alle denken, sie hätte endlich herausgefunden, dass er sie betrogen hat.«
»Sie besitzt ein Anwesen in Boston? Auch das hat ihr Hintergrundcheck nicht ergeben. Nur einen Bungalow in der Nähe von Mission Beach, der ihr früher mal gehört hat.«
»Das Anwesen könnte Teil eines Treuhandvermögens sein, doch als letztes noch lebendes Mitglied der Cliff-Familie gehört es ihr.«
»Ich frage mich, was Wilhelmina uns über Munro sagen wird.« Dann fiel der Groschen. »Moment mal, deine Eltern verkehren im selben Countryclub wie Munro?«
»Sie sind Mitglieder dort, zu näherem Kontakt mit Munro ist es allerdings nie gekommen. Meine Familie mag ihn nicht, weil er ein Angeber war.«
Kit zögerte. »Deiner Mom ist klar, dass sie vorläufig Stillschweigen über den Vorfall wahren muss, oder?«
Connor nickte. »Ihr kannst du vertrauen, Kit. Aus meiner Frage nach Munros Frau hat meine Mom geschlossen, dass er selbst tot ist. Sie wünscht uns viel Erfolg mit unserer Liste der Verdächtigen.«
»Dann sollten wir schleunigst Wilhelmina ins Bild setzen, damit wir uns unserer Liste zuwenden können.«
Connor bog in die lange Auffahrt ein. »Da steht jemand auf der Veranda.«
Ein resigniert-erschöpfter Ausdruck lag auf dem faltigen Gesicht des älteren Mannes.
»Die wussten, dass wir kommen«, folgerte Kit. »Der Wachmann muss sie informiert haben, direkt nachdem wir durchs Tor gefahren sind. Ich bin gespannt, wer das ist.«
Connor löste seinen Gurt. »Dann wollen wir mal.«
Nebeneinander gingen sie auf die Haustür zu, wobei sie den Mann, der in den Siebzigern zu sein schien, im Auge behielten.
»Guten Abend«, sagte Kit. »Ich bin Detective McKittrick, das ist Detective Robinson. Wir möchten gern Mrs Munro sprechen.«
Der Mann schniefte. »Um ihr zu sagen, dass ihr Mistkerl von Ehemann tot ist? Das weiß sie bereits.«
Eigentlich war es keine große Überraschung. Zwar hatten sie so viele Informationen wie möglich zurückgehalten, doch die Leute hatten die Rettungsfahrzeuge und die Streifenwagen im Park logischerweise bemerkt. Noch war der Vorfall nicht in den Medien, doch das war eine reine Zeitfrage.
»Woher weiß sie es?«, fragte Connor.
»Eine Reporterin hat angerufen und wollte einen Kommentar von ihr. Miss Wilhelmina hat ohne ein Wort aufgelegt.«
»Und Ihr Name, Sir?«, fragte Kit.
»Jake Rafferty. Ich bin Miss Wilhelminas Betreuer.«
Trotz ihres Erstaunens bemühte Kit sich um eine neutrale Miene. »Betreuer? Ist sie denn krank?«
Rafferty schüttelte den Kopf. »Ich kümmere mich um ihr Haus in Boston und habe sie hierher begleitet. Nur für alle Fälle.«
Für welche Fälle?, fragte Kit sich. Für den Fall, dass Munro tot war? Dass Wilhelmina den älteren Mann brauchte? Aber inwiefern?
»Wann sind Sie hier angekommen?«, fragte Kit.
»Heute Nachmittag. Wir haben gleich die erste Maschine genommen. Sie war besorgt wegen dieses verlogenen Drecksacks.«
Sie würden das Alibi des Mannes überprüfen. Hoffentlich stimmte, was er sagte. Noch stand der genauere Todeszeitpunkt nicht fest, doch Munro war spätestens heute am Morgen in der Wüste abgelegt worden, vermutlich sogar bereits gestern Abend.
»Kannten Sie Mr Munro gut?«, wollte Connor wissen.
Rafferty stieß ein kehliges Lachen aus. »Fragen Sie, ob ich ihn getötet habe, Detective? Die Antwort lautet Nein. Das habe ich nicht. Aber ich würde demjenigen, der es getan hat, mit Freuden ein Bier spendieren. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er gelogen und betrogen und Miss Wilhelmina breitgeschlagen hat, ihn zu heiraten, um an ihr Geld zu kommen. Ich weiß, dass er schon fremdgegangen ist, noch bevor die Tinte auf Urkunde trocken war. Ich weiß, dass er ein untreuer, versoffener und mieser Dreckskerl war, der sie geschlagen hat. Ich musste Miss Wilhelmina erst wieder aufbauen, nachdem sie endlich nach Hause zurückgekehrt war, weil er sie praktisch zerstört hat. Dafür allein sollte er bezahlen, aber ich war’s trotzdem nicht.«
»Raffie«, ertönte eine tadelnde Stimme. »Bitte die Detectives doch herein.«
Wilhelmina Munro war groß und sehr schlank. Das Gesicht halb von Schatten verborgen, stand sie im Türrahmen, kerzengerade und mit durchgedrückten Schultern. Dennoch wirkte sie erschöpft.
Allein bei ihrem Anblick musste Kit ein Gähnen unterdrücken.
Rafferty wies mit seiner knorrig-arthritischen Hand auf die Tür. »Kommen Sie herein.«
Wilhelmina führte sie in ein Wohnzimmer, das ganz in Chrom und schwarzem Leder gehalten war. Es war ein maskuliner Raum, und die schmale Gestalt schien in dem ausladenden Sessel, in dem sie Platz genommen hatte, beinahe zu ertrinken. »Bitte setzen Sie sich, Detectives. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Nein danke, Ma’am.« Connor nahm auf dem am nächsten zu Wilhelmina stehenden Sofa Platz, während Kit einen Stuhl wählte, der ihr gestattete, Wilhelmina und Rafferty im Auge zu behalten, der im Türbogen stehen geblieben war. »Sie wissen, weshalb wir hier sind?«
Wilhelmina nickte knapp – ein majestätisches Kopfneigen. Ihr Haar war aschblond mit vereinzelten grauen Strähnen. Sie war eine klassische Schönheit mit einem Knochenbau, für den die meisten Models töten würden. Keine einzige Falte war in ihrem Gesicht zu erkennen. Entweder hatte die Frau erstklassige Gene oder aber einen talentierten Schönheitschirurgen. Abgesehen von dem Grau in ihrem Haar sah sie keinen Tag älter als vierzig aus.
»Mein Mann ist tot«, sagte sie mit zittriger Stimme. Sie war entweder aufrichtig erschüttert oder aber eine recht gute Schauspielerin, wahrscheinlich ein bisschen von beidem. »Seine Leiche wurde heute Nachmittag in der Wüste aufgefunden.«
»Unser Beileid zu Ihrem Verlust, Ma’am«, sagte Kit respektvoll.
»Ein Verlust ist das nicht«, warf Rafferty halblaut ein.
Wilhelmina seufzte. »Raffie, bitte.«
Er brummte. »Tut mir leid.«
Kit war ziemlich sicher, dass er seine Bemerkung keineswegs bedauerte. »Wer hat Sie über den Tod Ihres Mannes in Kenntnis gesetzt, wenn ich fragen darf?«
»Vor ein paar Stunden hat eine Reporterin angerufen«, antwortete Wilhelmina. »Sie meinte, mein Mann sei ermordet und seine Leiche im Anza-Borrego-Park abgelegt worden. Wanderer und ihre Hunde hätten seine Leiche entdeckt.« Sie schluckte. »Und dass seine Kehle durchgeschnitten gewesen sei.«
Diese Reporterin war verdammt gut informiert gewesen. Wenigstens wusste Mrs Munro nicht, dass Kit und Sam die Wanderer gewesen waren.
»Kennen Sie den Namen der Reporterin, Mrs Munro?«, fragte Connor, der ebenso unglücklich über die undichte Stelle zu sein schien wie Kit.
Wilhelminas Lippen wurden schmal. »Tamsin Kavanaugh.«
Kit hatte Mühe, das Knurren in ihrer Kehle zu unterdrücken. Diese verdammte Tamsin Kavanaugh war Kit ein Dorn im Fleisch, seit sie dem SDPD angehörte.
Wilhelmina stieß ein freudloses Lachen aus. »Ich stimme Ihnen zu, Detective McKittrick. Ich habe mich genauso wenig über ihren Anruf gefreut wie Sie, wenn sie Ihnen wieder mal wegen einer Story auf die Pelle rückt.«
Erstaunt sah Kit die Frau an. Offenbar hatte sie ihren Unmut weit weniger gut kaschiert als angenommen. »Wie?«
»Ich lese Zeitung, Detective. Ich weiß genau, wer Sie sind. Sie beide«, fügte sie mit einer Geste auf Connor hinzu. »Ich habe Miss Kavanaughs Artikel über Sie gelesen, und diese Frau ist der reinste Witz von einer Reporterin.« Sie wandte den Blick ab. »Außerdem hatte sie eine Affäre mit meinem Mann.«
Oho. »Erst kürzlich?«, fragte Kit bemüht neutral.
Wilhelmina schüttelte den Kopf. »Nein, vor ein paar Jahren. Sie haben beide von diesem Verhältnis profitiert, abgesehen vom Offensichtlichen, versteht sich. Miss Kavanaugh bekam einen direkten Draht zum Rathaus und Brooks gute Presse. Aber auch dafür habe ich keinen Beweis, und mein Mann hat alles abgestritten, aber ich bin ihm trotzdem auf die Schliche gekommen.«
Kit atmete aus. »Es tut mir leid, dass Sie es ausgerechnet von ihr erfahren mussten.«
»Mir auch. Also, was kann ich für Sie tun? Ich bin sehr erschöpft.«
»Wir beeilen uns«, versprach Kit. »Sie waren diejenige, die Ihren Mann als vermisst gemeldet hat. Was hat Sie dazu veranlasst? Haben Sie häufig telefoniert?«
»Nein«, antwortete Wilhelmina mit kaum verhohlener Abfälligkeit. »Wir haben uns vor einem Monat getrennt und nur selten am Telefon gesprochen. Am Mittwochabend habe ich ihn angerufen, weil meine Bank mich per E-Mail darüber informiert hatte, dass er eine große Summe von unserem gemeinsamen Konto abgehoben hatte. Dieses Konto haben wir für das Haus benutzt. Für die Steuern, Unterhaltskosten und solche Dinge. Es war überzogen, und ich bekomme immer eine Mitteilung, wenn das passiert.«
»Um wie viel hat er das Konto überzogen?«, hakte Connor nach.
»Um fünfzigtausend Dollar. Er hat die Summe vom gemeinsamen auf eines seiner Privatkonten überwiesen.«
Kit fragte sich, was Munro wohl mit dem Geld angestellt hatte. »Also haben Sie ihn angerufen, er ist aber nicht rangegangen?«
»Genau. Aber das hat mich nicht weiter überrascht. Ich hatte schon damit gerechnet, schließlich hatte er das Geld transferiert, ohne mir Bescheid zu geben. Das hat er ab und zu getan, wenn seine finanziellen Zuwendungen erschöpft waren.«
Angesichts von Munros Arroganz musste es ihn mächtig gewurmt haben, von finanziellen Zuwendungen abhängig gewesen zu sein, vermutete Kit. Sie nahm sich vor, die Offenlegung von Munros Konten zu beantragen.
»Haben Sie Zugriff auf seine Privatkonten, Ma’am?«, fragte Connor, der dasselbe zu denken schien.
