Ungeduld des Herzens - Stefan Zweig - E-Book

Ungeduld des Herzens E-Book

Stefan Zweig

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Beschreibung

Der junge Leutnant Anton Hofmiller lernt die gelähmte Adelstochter Edith kennen und entwickelt Gefühle für sie – aber er weiß nicht, ob es sich dabei um Liebe oder Mitleid handelt. Hofmiller macht ihr Hoffnungen auf Liebe und Genesung. Aber aus Angst vor gesellschaftlichem Spott verleugnet er schließlich seine wahren Gefühle, bis die Katastrophe unausweichlich ist. Zweig, der Meister der Novelle, erweist sich auch in seinem einzigen Roman als ein profunder Schilderer tiefster menschlicher Regungen und Momente. Grandios ist die Schilderung des peinlichen Momentes, in dem Hofmiller die gelähmte Edith unwissentlich zum Tanz auffordert. Wer hier nicht gerührt ist, hat ein Herz aus Stein. Null Papier Verlag

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Stefan Zweig

Ungeduld des Herzens

Roman

Stefan Zweig

Ungeduld des Herzens

Roman

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019 1. Auflage, ISBN 978-3-954188-02-4

null-papier.de/387

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Vor­wort

Ka­pi­tel 1

Ka­pi­tel 2

Ka­pi­tel 3

Ka­pi­tel 4

Ka­pi­tel 5

Ka­pi­tel 6

Ka­pi­tel 7

Ka­pi­tel 8

Ka­pi­tel 9

Ka­pi­tel 10

Ka­pi­tel 11

Ka­pi­tel 12

Ka­pi­tel 13

Ka­pi­tel 14

Ka­pi­tel 15

Ka­pi­tel 16

Ka­pi­tel 17

Ka­pi­tel 18

Ka­pi­tel 19

Ka­pi­tel 20

Ka­pi­tel 21

Ka­pi­tel 22

Ka­pi­tel 23

Ka­pi­tel 24

Ka­pi­tel 25

Ka­pi­tel 26

Ka­pi­tel 27

Ka­pi­tel 28

Ka­pi­tel 29

Ka­pi­tel 30

Ka­pi­tel 31

Ka­pi­tel 32

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Die er­folg­reichs­te di­gi­ta­le Werk­samm­lung zu Ste­fan Zweig

Un­ge­duld des Her­zens, Schach­no­vel­le, Bren­nen­des Ge­heim­nis, Ma­rie An­to­i­net­te, Der Amok­läu­fer, Ma­ria Stuart, St­ern­stun­den der Mensch­heit u.v.a.

978-3-954182-92-3 (Epub) 978-3-954182-91-6 (Mobi) 978-3954182-93-0 (PDF)

0,99 €

null-pa­pier.de/zweig

Vorwort

Stock­holm/Ams­ter­dam 1939

»Wer da hat, dem wird ge­ge­ben«, die­ses Wort aus dem Bu­che der Weis­heit darf je­der Schrift­stel­ler ge­trost in dem Sin­ne be­kräf­ti­gen: »Wer viel er­zählt hat, dem wird er­zählt.« Nichts Irr­tüm­li­che­res als die all­zu um­gäng­li­che Vor­stel­lung, in dem Dich­ter ar­bei­te un­un­ter­bro­chen die Fan­ta­sie, er er­fin­de aus ei­nem un­er­schöpf­li­chen Vor­rat pau­sen­los Be­geb­nis­se und Ge­schich­ten. In Wahr­heit braucht er nur, statt zu er­fin­den, sich von Ge­stal­ten und Ge­scheh­nis­sen fin­den zu las­sen, die ihn, so­fern er sich die ge­stei­ger­te Fä­hig­keit des Schau­ens und Lau­schens be­wahrt hat, un­aus­ge­setzt als ih­ren Wie­der­er­zäh­ler su­chen; wer oft­mals Schick­sa­le zu deu­ten ver­such­te, dem be­rich­ten vie­le ihr Schick­sal.

Auch die­ses Be­geb­nis ist mir bei­na­he zur Gän­ze in der hier wie­der­ge­ge­be­nen Form an­ver­traut wor­den und zwar auf völ­lig un­ver­mu­te­te Art. Das letz­te Mal in Wien such­te ich abends, von al­ler­hand Be­sor­gun­gen ab­ge­mü­det, ein vor­städ­ti­sches Re­stau­rant auf, von dem ich ver­mu­te­te, es sei längst aus der Mode ge­ra­ten und we­nig fre­quen­tiert. Doch kaum ein­ge­tre­ten, wur­de ich mei­nes Irr­tums är­ger­lich ge­wahr. Gleich von dem ers­ten Tisch stand mit al­len Zei­chen ehr­li­cher, von mir frei­lich nicht eben­so stür­misch er­wi­der­ter Freu­de ein Be­kann­ter auf und lud mich ein, bei ihm Platz zu neh­men. Es wäre un­wahr­haf­tig, zu be­haup­ten, dass je­ner be­flis­se­ne Herr an sich ein un­ebe­ner oder un­an­ge­neh­mer Mensch ge­we­sen wäre; er ge­hör­te nur zu je­ner Sor­te zwang­haft ge­sel­li­ger Na­tu­ren, die in eben­so em­si­ger Wei­se, wie Kin­der Brief­mar­ken, Be­kannt­schaf­ten sam­meln und des­halb auf je­des Exem­plar ih­rer Kol­lek­ti­on in be­son­de­rer Wei­se stolz sind. Für die­sen gut­mü­ti­gen Son­der­ling – im Ne­ben­be­ruf ein viel­wis­sen­der und tüch­ti­ger Archi­var – be­schränk­te sich der gan­ze Le­bens­sinn auf die be­schei­de­ne Ge­nug­tu­ung, bei je­dem Na­men, der ab und zu in ei­ner Zei­tung zu le­sen war, mit eit­ler Selbst­ver­ständ­lich­keit hin­zu­fü­gen zu kön­nen: »Ein gu­ter Freund von mir« oder »Ach, den habe ich erst ges­tern ge­trof­fen« oder »Mein Freund A hat mir ge­sagt und mein Freund B hat ge­meint«, und so un­ent­wegt das gan­ze Al­pha­bet ent­lang. Ver­läss­lich klatsch­te er bei den Pre­mie­ren sei­ner Freun­de, te­le­fo­nier­te jede Schau­spie­le­rin am nächs­ten Mor­gen glück­wün­schend an, er ver­gaß kei­nen Ge­burts­tag, ver­schwieg un­er­freu­li­che Zei­tungs­no­ti­zen und schick­te ei­nem die lo­ben­den aus herz­li­cher An­teil­nah­me zu. Kein un­ebe­ner Mensch also, weil ehr­lich be­flis­sen und schon be­glückt, wenn man ihn ein­mal um eine klei­ne Ge­fäl­lig­keit er­such­te oder gar das Ra­ri­tä­ten­ka­bi­nett sei­ner Be­kannt­schaf­ten um ein neu­es Ob­jekt ver­mehr­te.

Aber es tut nicht not, Freund »Ada­bei« – un­ter die­sem hei­te­ren Spott­wort fasst man in Wien jene Spiel­art gut­mü­ti­ger Pa­ra­si­ten in­ner­halb der bunt­sche­cki­gen Grup­pe der Sn­obs für ge­wöhn­lich zu­sam­men – nä­her zu be­schrei­ben, denn je­der kennt sie und weiß, dass man sich ih­rer rüh­ren­den Un­schäd­lich­keit ohne Ro­heit nicht er­weh­ren kann. So setz­te ich mich re­si­gniert zu ihm, und eine Vier­tel­stun­de lief schwatz­haft da­hin, als ein Herr in das Lo­kal ein­trat, hoch­ge­wach­sen und auf­fäl­lig durch sein frisch­far­bi­ges, ju­gend­li­ches Ge­sicht mit ei­nem pi­kan­ten Grau an den Schlä­fen; eine ge­wis­se Auf­recht­heit im Gang ver­riet ihn so­fort als ehe­ma­li­gen Mi­li­tär. Eif­rig zuck­te mein Nach­bar mit der für ihn ty­pi­schen Be­f­lis­sen­heit grü­ßend auf, wel­chen Im­pe­tus je­doch je­ner Herr eher gleich­gül­tig als höf­lich er­wi­der­te, und noch hat­te der neue Gast nicht recht bei dem ei­lig zu­drän­gen­den Kell­ner be­stellt, als mein Freund Ada­bei be­reits an mich her­an­rück­te und mir lei­se zu­flüs­ter­te: »Wis­sen Sie, wer das ist?« Da ich sei­nen Sam­mel­stolz, je­des halb­wegs in­ter­essan­te Exem­plar sei­ner Kol­lek­ti­on rüh­mend zur Schau zu stel­len, längst kann­te und über­lan­ge Ex­pli­ka­tio­nen fürch­te­te, äu­ßer­te ich bloß ein recht un­in­ter­es­sier­tes »Nein« und zer­leg­te wei­ter mei­ne Sa­cher­tor­te. Die­se mei­ne In­do­lenz aber mach­te den Na­mens­kupp­ler nur noch auf­ge­reg­ter, und die Hand vor­sich­tig vor­hal­tend, hauch­te er mir lei­se zu: »Das ist doch der Hof­mil­ler von der Ge­ne­ral­in­ten­danz – Sie wis­sen doch – der im Krieg den Ma­ria The­re­si­en­or­den be­kom­men hat.« Weil nun die­ses Fak­tum mich nicht in der er­hoff­ten Wei­se zu er­schüt­tern schi­en, be­gann er mit der Be­geis­te­rung ei­nes pa­trio­ti­schen Le­se­buchs aus­zu­pa­cken, was die­ser Ritt­meis­ter Hof­mil­ler im Krieg Groß­ar­ti­ges ge­leis­tet hät­te, zu­erst bei der Ka­val­le­rie, dann bei je­nem Er­kun­dungs­flug über die Pia­ve, wo er al­lein drei Flug­zeu­ge ab­ge­schos­sen hät­te, schließ­lich bei der Ma­schi­nen­ge­wehr­kom­pa­gnie, wo er drei Tage einen Front­ab­schnitt be­setzt und ge­hal­ten hät­te – all das mit vie­len Ein­zel­hei­ten (die ich hier über­schla­ge) und im­mer da­zwi­schen sein maß­lo­ses Er­stau­nen be­kun­dend, dass ich von die­sem Pracht­men­schen nie ge­hört hat­te, den doch Kai­ser Karl in Per­son mit der sel­tens­ten De­ko­ra­ti­on der ös­ter­rei­chi­schen Ar­mee aus­ge­zeich­net habe.

Un­will­kür­lich ließ ich mich ver­lei­ten, zum an­de­ren Tisch hin­über­zu­schau­en, um ein­mal einen his­to­risch ab­ge­stem­pel­ten Hel­den aus Zwei­me­ter­di­stanz zu se­hen. Aber da stieß ich auf einen har­ten, ver­är­ger­ten Blick, der etwa sa­gen woll­te: Hat der Kerl dir et­was von mir vor­ge­flun­kert? An mir gib­t’s nichts an­zu­gaf­fen! Gleich­zei­tig rück­te je­ner Herr mit ei­ner un­ver­kenn­bar un­freund­li­chen Be­we­gung den Ses­sel zur Sei­te und schob uns ener­gisch den Rücken zu. Et­was be­schämt nahm ich mei­nen Blick zu­rück und ver­mied von nun an, auch nur die De­cke je­nes Tischs neu­gie­rig an­zu­strei­fen. Bald dar­auf ver­ab­schie­de­te ich mich von mei­nem bra­ven Schwät­zer, beim Hin­aus­ge­hen je­doch schon be­mer­kend, dass er sich so­fort zu sei­nem Hel­den hin­über­trans­fe­rier­te, wahr­schein­lich um einen eben­so eif­ri­gen Be­richt über mich zu er­stat­ten wie zu mir über je­nen.

Das war al­les. Ein Blick hin und her, und ich hät­te ge­wiss die­se flüch­ti­ge Be­geg­nung ver­ges­sen, doch der Zu­fall woll­te, dass ich be­reits am nächs­ten Tage, in ei­ner klei­nen Ge­sell­schaft mich neu­er­dings die­sem ab­leh­nen­den Herrn ge­gen­über­sah, der üb­ri­gens im abend­li­chen Smo­king noch auf­fal­len­der und ele­gan­ter wirk­te als ges­tern in dem mehr sport­li­chen Ho­me­spun. Wir hat­ten bei­de Mühe, ein klei­nes Lä­cheln zu ver­ber­gen, je­nes omi­nöse Lä­cheln zwi­schen zwei Men­schen, die in­mit­ten ei­ner grö­ße­ren Grup­pe ein wohl­ge­hü­te­tes Ge­heim­nis ge­mein­sam ha­ben. Er er­kann­te mich ge­nau wie ich ihn, und wahr­schein­lich er­reg­ten oder amü­sier­ten wir uns auch in glei­cher Wei­se über den er­folg­lo­sen Kupp­ler von ges­tern. Zu­nächst ver­mie­den wir, mit­ein­an­der zu spre­chen, was sich schon des­we­gen als aus­sichts­los er­wie­sen hät­te, weil rings um uns eine auf­ge­reg­te Dis­kus­si­on im Gan­ge war.

Der Ge­gen­stand je­ner Dis­kus­si­on ist im vor­aus ver­ra­ten, wenn ich er­wäh­ne, dass sie im Jah­re 1938 statt­fand. Spä­te­re Chro­nis­ten un­se­rer Zeit wer­den ein­mal fest­stel­len, dass im Jah­re 1938 fast je­des Ge­spräch in je­dem Lan­de un­se­res ver­stör­ten Eu­ro­pa von den Mut­ma­ßun­gen über Wahr­schein­lich­keit oder Un­wahr­schein­lich­keit ei­nes neu­en Welt­krie­ges be­herrscht war. Un­ver­meid­lich fas­zi­nier­te das The­ma je­des Zu­sam­men­sein, und man hat­te manch­mal das Ge­fühl, es sei­en gar nicht die Men­schen, die in Ver­mu­tun­gen und Hoff­nun­gen ihre Angst ab­rea­gier­ten, son­dern gleich­sam die At­mo­sphä­re selbst, die er­reg­te und mit ge­hei­men Span­nun­gen be­la­de­ne Zeit­luft, die sich aus­schwin­gen woll­te im Wort.

Der Haus­herr führ­te das Ge­spräch an, Rechts­an­walt von Be­ruf und recht­ha­be­risch dem Cha­rak­ter nach; er be­wies mit den üb­li­chen Ar­gu­men­ten den üb­li­chen Un­sinn, die neue Ge­ne­ra­ti­on wis­se um den Krieg und wür­de in einen neu­en nicht mehr so un­vor­be­rei­tet hin­ein­tap­pen wie in den letz­ten. Schon bei der Mo­bi­li­sie­rung wür­den die Ge­weh­re nach rück­wärts los­ge­hen, und ins­be­son­de­re die al­ten Front­sol­da­ten wie er hät­ten nicht ver­ges­sen, was sie er­war­te. Die flun­kern­de Si­cher­heit, mit der er in ei­ner Stun­de, wo in zehn­tau­sen­den und hun­dert­tau­sen­den Fa­bri­ken Spreng­stof­fe und Gift­ga­se er­zeugt wur­den, die Mög­lich­keit ei­nes Krie­ges eben­so läs­sig weg­streif­te wie mit ei­nem leich­ten Klaps des Zei­ge­fin­gers die Asche sei­ner Zi­ga­ret­te, är­ger­te mich. Man sol­le nicht im­mer glau­ben, was man wahr­ha­ben wol­le, ant­wor­te­te ich recht ent­schie­den. Die Äm­ter und Mi­li­tä­r­or­ga­ni­sa­tio­nen, die den Kriegs­ap­pa­rat di­ri­gier­ten, hät­ten gleich­falls nicht ge­schla­fen, und wäh­rend wir uns mit Uto­pi­en be­du­sel­ten, die Frie­dens­zeit reich­lich be­nützt, um die Mas­sen schon im vor­aus durch­zu­or­ga­ni­sie­ren und ge­wis­ser­ma­ßen schuss­fer­tig in die Hand zu be­kom­men. Be­reits jetzt, mit­ten im Frie­den, sei die all­ge­mei­ne Ser­vi­li­tät dank der Ver­voll­komm­nung der Pro­pa­gan­da in un­glaub­li­chen Pro­por­tio­nen ge­wach­sen, und man möge der Tat­sa­che nur klar ins Auge se­hen, dass von der Se­kun­de an, wo das Ra­dio die Mel­dung der Mo­bi­li­sie­rung in die Stu­ben wer­fen wür­de, nir­gends Wi­der­stand zu er­war­ten sei. Das Staub­korn Mensch zäh­le heu­te als Wil­le über­haupt nicht mehr mit.

Na­tür­lich hat­te ich alle ge­gen mich, denn in be­währ­ter Pra­xis sucht sich der Selbst­be­täu­bungs­trieb im Men­schen in­ner­lich be­wus­s­ter Ge­fah­ren am liebs­ten da­durch zu ent­le­di­gen, dass er sie als null und nich­tig er­klärt, und schon gar muss­te eine sol­che War­nung vor bil­li­gem Op­ti­mis­mus un­will­kom­men wir­ken an­ge­sichts ei­nes im Ne­ben­zim­mer be­reits splen­did auf­ge­deck­ten Sou­pers.

Uner­war­te­ter­wei­se trat nun der Ma­ria The­re­si­en­rit­ter als Se­kun­dant mir zur Sei­te, ge­ra­de er, in dem mein falscher In­stinkt einen Geg­ner ver­mu­tet hat­te. Ja, es sei blan­ker Un­sinn, er­klär­te er hef­tig, das Wol­len oder Nicht­wol­len des Men­schen­ma­te­ri­als heut­zu­ta­ge noch ein­kal­ku­lie­ren zu wol­len, denn im nächs­ten Krie­ge sei die ei­gent­li­che Leis­tung den Ma­schi­nen zu­ge­teilt und die Men­schen nur mehr zu ei­ner Art Be­stand­teil der­sel­ben de­gra­diert. Schon im letz­ten Krie­ge sei er nicht vie­len im Feld be­geg­net, die den Krieg klar be­jaht oder klar ver­neint hät­ten. Die meis­ten sei­en hin­ein­ge­rollt wie eine Staub­wol­ke mit dem Wind und hät­ten dann im großen Wir­bel ein­fach drin­ge­steckt, je­der ein­zel­ne wil­len­los her­um­ge­schüt­telt wie eine Erb­se im großen Sack. In sum­ma sei­en viel­leicht so­gar mehr Men­schen in den Krieg hin­ein­ge­flüch­tet als aus ihm her­aus­ge­flüch­tet.

Ich hör­te über­rascht zu, in­ter­es­siert vor al­lem durch die Hef­tig­keit, mit der er jetzt wei­ter­sprach. »Ge­ben wir uns kei­ner Täu­schung hin. Wenn man heu­te in ir­gend­ei­nem Land für einen völ­lig exo­ti­schen Krieg, für einen Krieg in Po­ly­ne­si­en oder in ei­nem Win­kel Afri­kas, die Wer­be­trom­mel auf­stell­te, wür­den Tau­sen­de und Hun­dert­tau­sen­de zu­lau­fen, ohne recht zu wis­sen warum, viel­leicht nur aus Lust an dem Weg­lau­fen vor sich selbst oder aus un­er­freu­li­chen Ver­hält­nis­sen. Den fak­ti­schen Wi­der­stand ge­gen einen Krieg kann ich aber kaum hö­her als null be­wer­ten. Wi­der­stand ei­nes Ein­zel­nen ge­gen eine Or­ga­ni­sa­ti­on er­for­dert im­mer einen viel hö­he­ren Mut als das blo­ße Sich-mit­rei­ßen-las­sen, näm­lich In­di­vi­dual­mut, und die­se Spe­zi­es stirbt in un­se­ren Zei­ten fort­schrei­ten­der Or­ga­ni­sa­ti­on und Mecha­ni­sie­rung aus. Ich bin im Krieg fast aus­schließ­lich dem Phä­no­men des Mas­sen­muts, des Muts in­ner­halb von Reih und Glied, be­geg­net, und wer die­sen Be­griff nä­her un­ter die Lupe nimmt, ent­deckt ganz selt­sa­me Kom­po­nen­ten: viel Ei­tel­keit, viel Leicht­sinn und so­gar Lan­ge­wei­le, vor al­lem aber viel Furcht – ja­wohl, Furcht vor dem Zu­rück­blei­ben, Furcht vor dem Ver­spot­tet­wer­den, Furcht vor dem Al­lein­han­deln und Furcht vor al­lem, sich in Op­po­si­ti­on zu set­zen zu dem Mas­se­ne­lan der an­de­ren; die meis­ten von je­nen, die im Feld als die Tap­fers­ten gal­ten, habe ich per­sön­lich und in Zi­vil dann als recht frag­wür­di­ge Hel­den ge­kannt. – Bit­te«, sag­te er, höf­lich zu dem Gast­ge­ber ge­wandt, der ein schie­fes Ge­sicht schnitt, »ich neh­me mich sel­ber kei­nes­wegs aus.«

Die Art, wie er sprach, ge­fiel mir, und ich hat­te Lust, auf ihn zu­zu­ge­hen, aber da rief die Haus­da­me schon zum Abendes­sen, und weit von­ein­an­der plat­ziert, ka­men wir nicht mehr ins Ge­spräch. Erst bei dem all­ge­mei­nen Auf­bruch ge­rie­ten wir bei der Gar­de­ro­be zu­sam­men.

»Ich glau­be«, lä­chel­te er mir zu, »un­ser ge­mein­sa­mer Pro­tek­tor hat uns in­di­rekt schon vor­ge­stellt.«

Ich lä­chel­te gleich­falls. »Und gründ­lich dazu.«

»Er hat wahr­schein­lich dick auf­ge­tra­gen, was für ein Achil­les ich bin, und sich mei­nen Or­den aus­gie­big über die Wes­te ge­hängt?«

»So un­ge­fähr.«

»Ja, auf den ist er ver­flucht stolz – ähn­lich wie auf Ihre Bü­cher.«

»Ko­mi­scher Kauz! Aber es gibt üb­le­re. Üb­ri­gens – wenn’s Ih­nen recht ist, könn­ten wir noch ein Stück zu­sam­men ge­hen.«

Wir gin­gen. Er wand­te sich mit ei­nem Mal zu mir zu:

»Glau­ben Sie mir, ich ma­che wirk­lich kei­ne Phra­sen, wenn ich sage, dass ich jah­re­lang un­ter nichts mehr ge­lit­ten habe als un­ter die­sem für mei­nen Ge­schmack all­zu auf­fäl­li­gen Ma­ria The­re­si­en­or­den. Das heißt, um ehr­lich zu sein – als ich ihn da­mals im Feld drau­ßen um­ge­hängt krieg­te, ging mir’s na­tür­lich zu­nächst durch und durch. Schließ­lich ist man zum Sol­da­ten auf­er­zo­gen wor­den und hat in der Ka­det­ten­schu­le von die­sem Or­den wie von ei­ner Le­gen­de ge­hört, von die­sem einen Or­den, der viel­leicht nur auf ein Dut­zend in je­dem Krie­ge fällt, also tat­säch­lich so wie ein Stern vom Him­mel her­un­ter. Ja, für einen Bur­schen von acht­und­zwan­zig Jah­ren be­deu­tet so et­was schon al­ler­hand. Man steht mit ei­nem Mal vor der gan­zen Front, al­les staunt auf, wie ei­nem plötz­lich et­was an der Brust blitzt wie eine klei­ne Son­ne, und der Kai­ser, die un­nah­ba­re Ma­je­stät, schüt­telt ei­nem be­glück­wün­schend die Hand. Aber se­hen Sie: die­se Aus­zeich­nung hat­te doch nur Sinn und Gül­tig­keit in un­se­rer mi­li­tä­ri­schen Welt, und als der Krieg zu Ende war, schien’s mir lä­cher­lich, noch ein gan­zes Le­ben lang als ab­ge­stem­pel­ter Held her­um­zu­ge­hen, weil man ein­mal wirk­lich zwan­zig Mi­nu­ten cou­ra­giert ge­han­delt hat – wahr­schein­lich nicht cou­ra­gier­ter als zehn­tau­send an­de­re, de­nen man nur das Glück vor­aus hat­te, be­merkt zu wer­den, und das viel­leicht noch er­staun­li­che­re, le­ben­dig zu­rück­zu­kom­men. Schon nach ei­nem Jahr, wenn über­all die Leu­te hin­starr­ten auf das klei­ne Stück­chen Me­tall und den Blick dann ehr­fürch­tig zu mir her­auf­klet­tern lie­ßen, wur­de es mir gründ­lich über, als am­bu­lan­tes Mo­nu­ment her­um­zu­stie­feln, und der Är­ger über die­se ewi­ge Auf­fäl­lig­keit war auch ei­ner der ent­schei­den­den Grün­de, wes­halb ich nach Kriegs­en­de so bald ins Zi­vil hin­über­ge­wech­selt habe.«

Er ging et­was hef­ti­ger.

»Ei­ner der Grün­de, sag­te ich, aber der Haupt­grund war ein pri­va­ter, der Ih­nen viel­leicht noch ver­ständ­li­cher sein wird. Der Haupt­grund war, dass ich selbst mei­ne Be­rech­ti­gung und je­den­falls mein Hel­den­tum gründ­lich an­zwei­fel­te; ich wuss­te doch bes­ser als die frem­den Gaf­fer, dass hin­ter die­sem Or­den je­mand steck­te, der nichts we­ni­ger als ein Held und so­gar ein ent­schie­de­ner Nicht­held war – ei­ner von de­nen, die in den Krieg nur des­halb so wild hin­ein­ge­rannt sind, weil sie sich aus ei­ner ver­zwei­fel­ten Si­tua­ti­on ret­ten woll­ten. De­ser­teu­re eher vor der ei­ge­nen Verant­wor­tung als Hel­den ih­res Pf­licht­ge­fühls. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist – mir we­nigs­tens er­scheint das Le­ben mit Nim­bus und Hei­li­gen­schein un­na­tür­lich und un­er­träg­lich, und ich fühl­te mich red­lich er­leich­tert, mei­ne Hel­den­bio­gra­fie nicht mehr auf der Uni­form spa­zie­ren­füh­ren zu müs­sen. Noch jetzt är­ger­t’s mich, wenn je­mand mei­ne alte Glo­rie aus­gräbt, und warum soll ich’s Ih­nen nicht ge­ste­hen, dass ich ges­tern knapp auf dem Sprung war, an Ihren Tisch hin­über­zu­ge­hen und den Schwät­zer an­zu­fah­ren, er sol­le mit je­mand an­de­rem prot­zen als ge­ra­de mit mir. Den gan­zen Abend hat mich Ihr re­spekt­vol­ler Blick noch ge­wurmt, und am liebs­ten hät­te ich, um die­sen Schwät­zer zu de­men­tie­ren, Sie ge­nö­tigt, an­zu­hö­ren, auf wel­chen krum­men We­gen ich ei­gent­lich zu mei­ner gan­zen Hel­den­haf­tig­keit ge­kom­men bin – es war schon eine recht son­der­ba­re Ge­schich­te, und im­mer­hin könn­te sie dar­tun, dass Mut oft nichts an­de­res ist als eine um­ge­dreh­te Schwä­che. Üb­ri­gens – ich hät­te kein Be­den­ken, sie Ih­nen noch jetzt ker­zen­grad zu er­zäh­len. Was ein Vier­tel­jahr­hun­dert in ei­nem Men­schen zu­rück­liegt, geht nicht mehr ihn an, son­dern längst einen an­de­ren. Hät­ten Sie Zeit? Und lang­weilt Sie’s nicht?«

Selbst­ver­ständ­lich hat­te ich Zeit; wir gin­gen noch lan­ge auf und nie­der in den schon ver­las­se­nen Stra­ßen und wa­ren noch in den fol­gen­den Ta­gen aus­gie­big zu­sam­men. In sei­nem Be­richt habe ich nur we­ni­ges ver­än­dert, viel­leicht Ula­nen1 ge­sagt statt Husa­ren, die Gar­ni­so­n­en, um sie un­kennt­lich zu ma­chen, ein we­nig auf der Land­kar­te her­um­ge­scho­ben und vor­sorg­lich alle rich­ti­gen Na­men weg­schraf­fiert. Aber nir­gends habe ich We­sent­li­ches hin­zu­er­fun­den, und nicht ich, son­dern der Er­zäh­ler be­ginnt jetzt zu er­zäh­len.

»Es gibt eben zwei­er­lei Mit­leid. Das eine, das schwach­mü­ti­ge und sen­ti­men­ta­le, das ei­gent­lich nur Un­ge­duld des Her­zens ist, sich mög­lichst schnell frei­zu­ma­chen von der pein­li­chen Er­grif­fen­heit vor ei­nem frem­den Un­glück, je­nes Mit­leid, das gar nicht Mit-lei­den ist, son­dern nur in­stink­ti­ve Ab­wehr des frem­den Lei­dens von der ei­ge­nen See­le. Und das an­de­re, das ein­zig zählt – das un­sen­ti­men­ta­le, aber schöp­fe­ri­sche Mit­leid, das weiß, was es will, und ent­schlos­sen ist, ge­dul­dig und mit­dul­dend al­les durch­zu­ste­hen bis zum Letz­ten sei­ner Kraft und noch über dies Letz­te hin­aus.«

Als Ula­nen, auch Uhla­nen, be­zeich­net man eine mit Lan­zen be­waff­ne­te Gat­tung der Ka­val­le­rie.  <<<

Kapitel 1

Die gan­ze Sa­che be­gann mit ei­ner Un­ge­schick­lich­keit, ei­ner völ­lig un­ver­schul­de­ten Töl­pe­lei, ei­ner »gaf­fe«, wie die Fran­zo­sen sa­gen. Dann kam der Ver­such, mei­ne Dumm­heit wie­der ein­zu­ren­ken; aber wenn man all­zu has­tig ein Rad in ei­nem Uhr­werk re­pa­rie­ren will, verdirbt man meist das gan­ze Ge­trie­be. Selbst heu­te, nach Jah­ren, ver­mag ich nicht ab­zu­gren­zen, wo mein pu­res Un­ge­schick en­de­te und mei­ne ei­ge­ne Schuld be­gann. Ver­mut­lich wer­de ich es nie­mals wis­sen.

Ich war da­mals fünf­und­zwan­zig Jah­re alt und ak­ti­ver Leut­nant bei den x…er Ula­nen. Dass ich je­mals son­der­li­che Pas­si­on oder in­ne­re Be­ru­fung für den Of­fi­zier­s­stand emp­fun­den hät­te, darf ich nicht be­haup­ten. Aber wenn in ei­ner al­t­ös­ter­rei­chi­schen Be­am­ten­fa­mi­lie zwei Mä­del und vier im­mer hung­ri­ge Bu­ben um einen schmal­ge­deck­ten Tisch sit­zen, so fragt man nicht lan­ge nach ih­ren Nei­gun­gen, son­dern schiebt sie früh­zei­tig in den Back­ofen des Be­rufs, da­mit sie den Haus­stand nicht all­zu­lan­ge be­las­ten. Mei­nen Bru­der Ul­rich, der sich schon in der Volks­schu­le die Au­gen mit vie­lem Ler­nen verd­arb, steck­te man ins Pries­ter­se­mi­nar, mich di­ri­gier­te man um mei­ner fes­ten Kno­chen wil­len in die Mi­li­tär­schu­le: von dort aus spult sich der Le­bens­fa­den me­cha­nisch fort, man braucht ihn nicht wei­ter zu ölen. Der Staat sorgt für al­les. In we­ni­gen Jah­ren schnei­dert er kos­ten­los, nach vor­ge­zeich­ne­tem ära­ri­schem Mus­ter, aus ei­nem halb­wüch­si­gen, blas­sen Bu­ben einen flaum­bär­ti­gen Fähn­rich und lie­fert ihn ge­brauchs­fer­tig an die Ar­mee. Ei­nes Ta­ges, zu Kai­sers Ge­burts­tag, noch nicht acht­zehn Jah­re alt, war ich aus­ge­mus­tert und kurz dar­auf mir der ers­te Stern an den Kra­gen ge­sprun­gen; da­mit war die ers­te Etap­pe er­reicht, und nun konn­te der Tur­nus des Avan­ce­ments in ge­büh­ren­den Pau­sen me­cha­nisch sich wei­ter­has­peln bis zu Pen­sio­nie­rung und Gicht. Auch just bei der Ka­val­le­rie, die­ser lei­der recht kost­spie­li­gen Trup­pe, zu die­nen, war kei­nes­wegs mein per­sön­li­cher Wunsch ge­we­sen, son­dern die Marot­te mei­ner Tan­te Dai­sy, die den äl­te­ren Bru­der mei­nes Va­ters in zwei­ter Ehe ge­hei­ra­tet hat­te, als er vom Finanz­mi­nis­te­ri­um zu ei­ner ein­träg­li­che­ren Bank­prä­si­dent­schaft über­ge­gan­gen war. Reich und sno­bis­tisch zu­gleich, woll­te sie es nicht dul­den, dass ir­gend ei­ner aus der Ver­wandt­schaft, der gleich­falls Hof­mil­ler hieß, die Fa­mi­lie »ver­schan­deln« soll­te, in­dem er bei der In­fan­te­rie diente; und da sie sich die­se Marot­te hun­dert Kro­nen Zu­schuss im Mo­nat kos­ten ließ, muss­te ich bei al­len Ge­le­gen­hei­ten vor ihr noch sub­mis­sest dank­bar tun. Ob es mir sel­ber zu­sag­te, bei der Ka­val­le­rie oder über­haupt ak­tiv zu die­nen, dar­über hät­te nie je­mand nach­ge­dacht, ich sel­ber am we­nigs­ten. Saß ich im Sat­tel, dann war mir wohl, und ich dach­te nicht weit über den Pfer­de­hals hin­aus.

In je­nem No­vem­ber 1913 muss ir­gend ein Er­lass aus ei­ner Kanz­lei in die an­de­re hin­über­ge­rutscht sein, denn surr – auf ein­mal war un­se­re Es­ka­dron1 aus Ja­ros­lau in eine an­de­re klei­ne Gar­ni­son an der un­ga­ri­schen Gren­ze ver­setzt wor­den. Es ist gleich­gül­tig, ob ich das Städt­chen beim rich­ti­gen Na­men nen­ne oder nicht, denn zwei Uni­form­knöp­fe am sel­ben Rock kön­nen ein­an­der nicht ähn­li­cher sein als eine ös­ter­rei­chi­sche Pro­vinz­gar­ni­son der an­de­ren. Da und dort die­sel­ben ära­ri­schen Ubi­ka­tio­nen: eine Ka­ser­ne, ein Reit­platz, ein Ex­er­zier­platz, ein Of­fi­ziers­ka­si­no, dazu drei Ho­tels, zwei Kaf­fee­häu­ser, eine Kon­di­to­rei, eine Wein­stu­be, ein schä­bi­ges Va­riété mit ab­ge­ta­kel­ten Sou­bret­ten, die sich im Ne­ben­amt lie­be­vollst zwi­schen Of­fi­zie­ren und Ein­jäh­ri­gen auf­tei­len. Über­all be­deu­tet Kom­miss­dienst die­sel­be ge­schäf­tig lee­re Mo­no­to­nie, Stun­de für Stun­de ein­ge­teilt nach dem stahl­star­ren, jahr­hun­der­te­al­ten Re­gle­ment, und auch die Frei­zeit sieht nicht viel ab­wechs­lungs­rei­cher aus. In der Of­fi­ziers­mes­se die­sel­ben Ge­sich­ter, die­sel­ben Ge­sprä­che, im Kaf­fee­haus die­sel­ben Kar­ten­par­ti­en und das glei­che Bil­lard. Manch­mal wun­dert man sich, dass es dem lie­ben Gott be­liebt, we­nigs­tens einen an­de­ren Him­mel und eine an­de­re Land­schaft um die sechs- oder acht­hun­dert Dä­cher ei­nes sol­chen Städt­chens zu stel­len.

Ei­nen Vor­teil al­ler­dings bot mei­ne neue Gar­ni­son ge­gen­über der frü­he­ren ga­li­zi­schen: sie war Schnell­zugs­sta­ti­on und lag ei­ner­seits nahe bei Wien, an­de­rer­seits nicht all­zu­weit von Bu­da­pest. Wer Geld hat­te – und bei der Ka­val­le­rie die­nen im­mer al­ler­hand rei­che Bur­schen, nicht zu­letzt auch die Frei­wil­li­gen, teils Hochadel, teils Fa­bri­kan­tensöh­ne – der konn­te, wenn er recht­zei­tig ab­pasch­te, mit dem Fün­fuhr­zug nach Wien fah­ren und mit dem Nacht­zug um halb drei Uhr wie­der zu­rück sein. Zeit ge­nug also, um ins Thea­ter zu ge­hen, auf der Ring­stra­ße zu bum­meln, den Ka­va­lier zu spie­len und sich ge­le­gent­li­che Aben­teu­er zu su­chen; ei­ni­ge der Be­nei­dets­ten hiel­ten sich dort so­gar eine stän­di­ge Woh­nung oder ein Ab­stei­ge­quar­tier. Lei­der la­gen der­lei auf­fri­schen­de Es­ka­pa­den jen­seits mei­nes Mo­nats­e­tats. Als Un­ter­hal­tung blieb ein­zig das Kaf­fee­haus oder die Kon­di­to­rei, und dort ver­leg­te ich mich, da mir die Kar­ten­par­ti­en meist zu hoch ins Geld gin­gen, auf das Bil­lard oder spiel­te das noch bil­li­ge­re Schach.

So saß ich auch dies­mal ei­nes Nach­mit­tags, es muss Mit­te Mai 1914 ge­we­sen sein, mit ei­nem ge­le­gent­li­chen Part­ner, dem Apo­the­ker zum Gol­de­nen En­gel, der gleich­zei­tig Vi­ze­bür­ger­meis­ter un­se­res Gar­ni­sons­städt­chens war, in der Kon­di­to­rei. Wir hat­ten un­se­re üb­li­chen drei Par­ti­en längt zu Ende ge­spielt, und man re­de­te nur aus Träg­heit, sich auf­zurap­peln – wo­hin denn in die­sem lang­wei­li­gen Nest? – noch so hin und her, aber das Ge­spräch qualm­te schon schläf­rig wie eine ab­ge­brann­te Zi­ga­ret­te. Da geht mit ei­nem Mal die Tür auf, und ein we­hen­der Glo­cken­rock schwingt mit ei­nem Bü­schel fri­scher Luft ein hüb­sches Mä­del her­ein: brau­ne, man­del­för­mi­ge Au­gen, dunk­ler Teint, fa­mos ge­klei­det, gar nicht Pro­vinz, und vor al­lem ein neu­es Ge­sicht in die­sem gotts­jäm­mer­li­chen Ei­ner­lei. Lei­der schenkt die smar­te Nym­phe uns re­spekt­voll Auf­stau­nen­den kei­nen Blick; scharf und ras­sig, mit sport­lich fes­tem Schritt quert sie an den neun klei­nen Mar­mor­tisch­chen des Lo­kals vor­bei ge­ra­de­wegs auf das Ver­kaufspult zu, um dort gleich en gros ein gan­zes Dut­zend Ku­chen, Tor­ten und Schnäp­se zu be­stel­len. Mir fällt so­fort auf, wie de­vo­tis­si­me sich der Herr Ku­chen­bä­cker vor ihr ver­neigt – nie habe ich die Rücken­naht sei­nes Schwal­ben­rocks so straff hin­ab­ge­spannt ge­se­hen. So­gar sei­ne Frau, die üp­pig-grob­schläch­ti­ge Pro­vinz­ve­nus, die sich sonst von al­len Of­fi­zie­ren nach­läs­sigst ho­fie­ren lässt (oft bleibt man ja bis Mo­nats­en­de al­ler­hand Klei­nig­kei­ten schul­dig), er­hebt sich von ih­rem Sitz an der Kas­se und zer­geht bei­na­he in pflau­men­wei­cher Höf­lich­keit. Das hüb­sche Mä­del knab­bert, wäh­rend der Ku­chen­bä­cker die Be­stel­lung ins Kun­den­buch no­tiert, acht­los ein paar Pra­linés an und macht ein biss­chen Kon­ver­sa­ti­on mit Frau Groß­mai­er; für uns aber, die wir viel­leicht un­ge­bühr­lich eif­rig die Häl­se re­cken, fällt nicht ein­mal ein Au­gen­blink ab. Na­tür­lich be­schwert sich die jun­ge Dame nicht mit ei­nem ein­zi­gen Päck­chen die hüb­sche Hand; es wird ihr al­les, wie Frau Groß­mai­er sub­mis­sest ver­si­chert, zu­ver­läs­sig ge­schickt. Und sie denkt auch nicht im min­des­ten dar­an, wie wir ge­wöhn­li­chen Sterb­li­chen an der stäh­ler­nen Au­to­ma­ten­kas­se bar zu be­zah­len. So­fort wis­sen wir alle: ex­tra­fei­ne, vor­neh­me Kund­schaft!

Wie sie sich jetzt nach er­le­dig­ter Be­stel­lung zum Ge­hen wen­det, springt Herr Groß­mai­er has­tig vor, um ihr die Tür zu öff­nen. Auch mein Herr Apo­the­ker er­hebt sich von sei­nem Sit­ze, um sich von der Vor­bei­schwe­ben­den re­spekt­vollst zu emp­feh­len. Sie dankt mit sou­ve­rä­ner Freund­lich­keit – Don­ner­wet­ter, was für sam­te­ne, reh­brau­ne Au­gen! – und ich kann kaum er­war­ten, bis sie, über­zu­ckert von vie­len Kom­pli­men­ten, den La­den ver­las­sen hat, um neu­gie­rigst mei­nen Part­ner nach die­sem Hecht im Kar­pfen­teich zu fra­gen.

»Ach, die ken­nen Sie nicht? Das ist doch die Nich­te von …« – nun, ich wer­de ihn Herrn von Ke­kes­fal­va nen­nen, der Name lau­te­te in Wirk­lich­keit an­ders – »Ke­kes­fal­va – Sie ken­nen doch die Ke­kes­fal­vas?«

Ke­kes­fal­va: wie eine Tau­send­kro­nen­no­te wirft er den Na­men hin und blickt mich an, als er­war­te er als selbst­ver­ständ­li­ches Echo ein ehr­furchts­vol­les »Ach so! Na­tür­lich!« Aber ich frisch trans­fe­rier­ter Leut­nant, ge­ra­de erst vor ein paar Mo­na­ten in die neue Gar­ni­son ge­schneit, ich Ah­nungs­lo­ser weiß nichts von die­sem sehr ge­heim­nis­vol­len Gott und bit­te höf­lichst um wei­te­re Er­läu­te­rung, die mir Herr Apo­the­ker auch mit dem gan­zen Wohl­be­ha­gen pro­vin­zi­el­len Stol­zes er­teilt – selbst­re­dend viel ge­schwät­zi­ger und aus­führ­li­cher, als ich sie hier wie­der­ge­be.

Ke­kes­fal­va, er­klärt er mir, sei der reichs­te Mann im gan­zen Um­kreis. Ein­fach al­les ge­hö­re ihm, nicht nur das Schloss Ke­kes­fal­va – »Sie müs­sen’s doch ken­nen, man sieht’s vom Ex­er­zier­platz aus, links von der Chaus­see das gel­be Schloss mit dem fla­chen Turm und dem großen, al­ten Park« – son­dern auch die große Zucker­fa­brik an der Stra­ße nach R. und das Sä­ge­werk in Bruck und dann in M. das Ge­stüt; all das ge­hö­re ihm und dazu sechs oder sie­ben Häu­ser in Bu­da­pest und Wien. »Ja, das möch­te man nicht glau­ben, dass es bei uns sol­che stein­rei­che Leu­te gibt, und zu le­ben weiß der wie ein rich­ti­ger Ma­gnat. Im Win­ter im klei­nen Wie­ner Palais in der Jac­quin­gas­se, den Som­mer in Ku­r­or­ten; hier führt er gra­de nur im Früh­jahr ein paar Mo­na­te Haus, aber, Herr­gott noch ein­mal, was für ein Haus! Quar­tet­te aus Wien, Cham­pa­gner und fran­zö­si­sche Wei­ne, das Ers­te vom Ers­ten, das Bes­te vom Bes­ten!« Nun, wenn er mir da­mit ge­fäl­lig sein kön­ne, wer­de er mich ger­ne dort ein­füh­ren, denn – große Ges­te der Ge­nug­tu­ung – er sei mit Herrn von Ke­kes­fal­va be­freun­det, habe in frü­he­ren Jah­ren oft ge­schäft­lich mit ihm zu tun ge­habt und wis­se, dass er Of­fi­zie­re im­mer gern bei sich sehe; nur ein Wort kos­te es ihn, und ich sei ein­ge­la­den.

Nun, warum nicht? Man er­stickt ja in dem mul­mi­gen Krebs­teich ei­ner sol­chen Pro­vinz­gar­ni­son. Man kennt vom Se­hen schon alle Frau­en auf dem Kor­so und von je­der den Som­mer­hut und den Win­ter­hut und das no­ble und das ge­wöhn­li­che Kleid, es bleibt im­mer das­sel­be. Und den Hund kennt man und das Dienst­mäd­chen und die Kin­der vom An­schau­en und Weg­schau­en. Man kennt alle Küns­te der di­cken böh­mi­schen Kö­chin im Ka­si­no, und der Gau­men wird ei­nem all­mäh­lich flau beim An­blick der ewig glei­chen Spei­se­kar­te im Gast­haus. Man kennt je­den Na­men, je­des Schild, je­des Pla­kat in je­der Gas­se aus­wen­dig und je­des Ge­schäft in je­dem Haus und in je­dem Ge­schäft jede Aus­la­ge. Man weiß schon bei­na­he so ex­akt wie der Ober­kell­ner Eu­gen, um wel­che Stun­de der Herr Be­zirks­rich­ter im Kaf­fee­haus er­scheint und dass er an der Fens­te­r­e­cke links Platz neh­men wird und Schlag vier Uhr drei­ßig eine Me­lan­ge be­stellt, wäh­rend der Herr No­tar wie­der­um ge­nau zehn Mi­nu­ten spä­ter kommt, vier Uhr vier­zig, und da­für – hol­de Ab­wechs­lung – we­gen sei­nes schwa­chen Ma­gens ein Glas Tee mit Zitro­ne trinkt und zur ewig glei­chen Vir­gi­nia die­sel­ben Wit­ze er­zählt. Ach, man kennt alle Ge­sich­ter, alle Uni­for­men, alle Pfer­de, alle Kut­scher, alle Bett­ler im gan­zen Um­kreis, man kennt sich sel­ber zum Über­druss. Wa­rum nicht ein­mal aus der Tret­müh­le aus­bre­chen? Und dann, die­ses hüb­sche Mä­del, die­se reh­brau­nen Au­gen! Ich er­klä­re also mei­nem Gön­ner mit ge­spiel­ter Gleich­gül­tig­keit (nur sich nicht zu hap­pig zei­gen vor dem eit­len Pil­len­dre­her!), ge­wiss, es wür­de mir ein Ver­gnü­gen sein, die Be­kannt­schaft der Fa­mi­lie Ke­kes­fal­va zu ma­chen.

Tat­säch­lich – sie­he da, der wa­cke­re Apo­the­ker hat nicht ge­flun­kert! – schon zwei Tage spä­ter bringt er mir, ganz auf­ge­plus­tert vor Stolz, mit gön­ne­ri­scher Ge­bär­de eine ge­druck­te Kar­te ins Kaf­fee­haus, in die mein Name kal­li­gra­fisch ein­ge­fügt ist, und die­se Ein­la­dungs­kar­te be­sagt, dass Herr La­jos von Ke­kes­fal­va Herrn Leut­nant An­ton Hof­mil­ler für Mitt­woch nächs­ter Wo­che acht Uhr abends zum Di­ner bit­te. Gott sei Dank, auch un­serei­ner ist nicht auf der Brenn­sup­pe her­ge­schwom­men und weiß, wie man sich in sol­chem Fal­le be­nimmt. Gleich Sonn­tag vor­mit­tag haue ich mich in mei­ne bes­te Kluft, wei­ße Hand­schu­he und Lack­schu­he, un­er­bitt­lich ra­siert, einen Trop­fen Eau de Co­lo­gne in den Schnurr­bart, und fah­re hin­aus, An­tritts­be­such zu ma­chen. Der Die­ner – alt, dis­kret, gute Li­vree – nimmt mei­ne Kar­te und mur­melt ent­schul­di­gend, die Herr­schaf­ten wür­den auf das höchs­te be­dau­ern, Herrn Leut­nant ver­säumt zu ha­ben, aber sie sei­en in der Kir­che. Umso bes­ser, den­ke ich mir, An­tritts­vi­si­ten sind im­mer das Grau­sigs­te im Dienst und au­ßer Dienst. Je­den­falls, ich habe mei­ne Pf­licht ge­tan. Mitt­woch abend gehst du hin und hof­fent­lich wird’s nett. Er­le­digt, den­ke ich, An­ge­le­gen­heit Ke­kes­fal­va bis Mitt­woch. Aber red­lich er­freut fin­de ich zwei Tage spä­ter, Diens­tag also, eine ein­ge­bo­ge­ne Vi­si­ten­kar­te von Herrn von Ke­kes­fal­va in mei­ner Bude ab­ge­ge­ben. Ta­del­los, den­ke ich mir, die Leu­te ha­ben Ma­nie­ren. Gleich zwei Tage nach der An­tritts­vi­si­te mir, dem klei­nen Of­fi­zier, einen Ge­gen­be­such – mehr Höf­lich­keit und Re­spekt kann ein Ge­ne­ral sich nicht wün­schen. Und mit ei­nem wirk­lich gu­ten Vor­ge­fühl freue ich mich jetzt auf den Mitt­wo­cha­bend.

Aber gleich an­fangs fährt ein Scha­ber­nack da­zwi­schen – man soll­te ei­gent­lich aber­gläu­bisch sein und auf klei­ne Zei­chen mehr ach­ten. Mitt­woch halb acht Uhr abends, ich bin schon fix und fer­tig, die bes­te Uni­form, neue Hand­schu­he, Lack­schu­he, die Hose scharf wie eine Ra­sier­schnei­de ge­bü­gelt, und mein Bur­sche legt mir ge­ra­de noch die Fal­ten des Man­tels zu­recht und re­vi­diert, ob al­les klappt (ich brau­che im­mer mei­nen Bur­schen dazu, denn ich habe nur einen klei­nen Hand­spie­gel in mei­ner schlecht be­leuch­te­ten Bude), da pol­ter­t’s an die Tür: eine Or­don­nanz. Der Of­fi­zier vom Dienst, mein Freund, der Ritt­meis­ter Graf Stein­hü­bel, lässt mich bit­ten, ich sol­le zu ihm hin­über in den Mann­schafts­raum. Zwei Ula­nen, stern­ha­gel­be­sof­fen wahr­schein­lich, ha­ben mit­ein­an­der kra­wal­liert, schließ­lich hat der eine den an­de­ren mit dem Ka­ra­bi­ner über den Kopf ge­schla­gen. Und nun liegt der Tol­patsch da, blu­tend, ohn­mäch­tig und mit of­fe­nem Mund. Man weiß nicht, ob sein Schä­del über­haupt noch ganz ist oder nicht. Der Re­gi­ments­arzt aber ist auf Ur­laub nach Wien ab­ge­schwom­men, der Oberst nicht zu fin­den; so hat in sei­ner Not der gute Stein­hü­bel, ver­flucht, ge­ra­de mich her­an­ge­trom­melt, dass ich ihm bei­sprin­ge, in­des er sich um den Blu­ten­den be­müht, und ich muss jetzt Pro­to­koll auf­neh­men und nach al­len Sei­ten Or­don­nan­zen schi­cken, da­mit man im Kaf­fee­haus oder sonst­wo rasch einen Zi­vil­arzt auf­treibt. Un­ter all dem wird es drei­vier­tel acht. Ich sehe schon, vor ei­ner Vier­tel- oder ei­ner hal­b­en Stun­de kann ich kei­nes­falls los­kom­men. Ver­dammt, ju­sta­ment heu­te muss eine sol­che Saue­rei pas­sie­ren, ju­sta­ment heu­te, wo ich ein­ge­la­den bin! Im­mer un­ge­dul­di­ger sehe ich auf die Uhr; un­mög­lich pünkt­lich zu­recht­zu­kom­men, wenn ich hier auch nur noch fünf Mi­nu­ten her­um­murk­sen muss. Aber Dienst, so ist’s uns ja bis in die Kno­chen ge­bleut, geht über jede pri­va­te Ver­pflich­tung. Ich darf nicht aus­knei­fen, so tue ich das ein­zig Mög­li­che in die­ser ver­track­ten Si­tua­ti­on – das heißt, ich schi­cke mei­nen Bur­schen mit ei­nem Fia­ker (vier Kro­nen kos­tet mich der Spaß) zu den Ke­kes­fal­va hin­aus, ich lie­ße um Ent­schul­di­gung bit­ten, falls ich mich ver­spä­ten soll­te, aber ein un­ver­mu­te­ter dienst­li­cher Vor­fall, und so wei­ter und so wei­ter. Glück­li­cher­wei­se dau­ert der Rum­mel in der Ka­ser­ne nicht all­zu lan­ge, denn der Oberst er­scheint in Per­son mit ei­nem rasch auf­ge­fun­de­nen Arzt, und nun darf ich mich un­auf­fäl­lig drücken.

Aber neu­es Pech: ge­ra­de heu­te steht am Rat­haus­platz kein Fia­ker, ich muss war­ten, bis man ein acht­hu­fi­ges Ge­fährt her­an­te­le­fo­niert. So wird’s un­ver­meid­lich, dass, wie ich schließ­lich bei Ke­kes­fal­vas in der großen Hall lan­de, der lan­ge Zei­ger an der Wand­uhr schon ver­ti­kal her­un­ter­hängt, ge­nau halb neun statt acht Uhr, und ich sehe, die Män­tel in der Gar­de­ro­be bau­schen sich be­reits dick über­ein­an­der. Auch an dem et­was be­fan­ge­nen Ge­sicht des Die­ners mer­ke ich, dass ich reich­lich ver­spä­tet an­rücke – un­an­ge­nehm, un­an­ge­nehm, so et­was ge­ra­de bei ei­nem ers­ten Be­such!

Im­mer­hin, der Die­ner – dies­mal wei­ße Hand­schu­he, Frack, stei­fes Hemd und Ge­sicht – be­ru­higt mich, mein Bur­sche habe vor ei­ner hal­b­en Stun­de mei­ne Bot­schaft über­bracht, und führt mich in den Sa­lon, vier­fenst­rig, rot­sei­den aus­ge­spannt, glü­hend mit kris­tal­le­nen Leuch­tern, fa­bel­haft ele­gant, ich habe nie et­was No­b­le­res ge­se­hen. Aber lei­der er­weist er sich zu mei­ner Be­schä­mung als völ­lig ver­las­sen, und von ne­ben­an höre ich deut­lich mun­te­res Teller­k­lir­ren – är­ger­lich, är­ger­lich, ich dach­te mir’s gleich, sie sit­zen schon bei Tisch!

Nun, ich raf­fe mich zu­sam­men, und so­bald der Die­ner vor mir die Schie­be­tür auf­tut, tre­te ich bis an die Schwel­le des Spei­se­zim­mers, klap­pe die Ha­cken scharf zu­sam­men und ver­beu­ge mich. Al­les blickt auf, zwan­zig, vier­zig Au­gen, lau­ter frem­de Au­gen, mus­tern den Spät­ling, der sich nicht sehr selbst­be­wusst vom Tür­stock rah­men lässt. So­fort er­hebt sich ein äl­te­rer Herr, der Haus­herr zwei­fel­los, tritt, die Ser­vi­et­te rasch ab­strei­fend, mir ent­ge­gen und bie­tet mir ein­la­dend die Hand. Gar nicht, wie ich ihn mir vor­ge­stellt habe, gar nicht wie ein Lan­de­del­mann magya­risch-schnurr­bär­tig, voll­bä­ckig, feist und röt­lich vom gu­ten Wein, sieht die­ser Herr von Ke­kes­fal­va aus. Hin­ter gol­de­ner Bril­le schwim­men ein biss­chen müde Au­gen über grau­en Trä­nen­sä­cken, die Schul­tern schei­nen et­was vor­ge­neigt, die Stim­me klingt flüst­rig und ein we­nig vom Hüs­teln ge­hemmt: für einen Ge­lehr­ten könn­te man ihn eher hal­ten, mit die­sem schma­len zar­ten Ge­sicht, das in ei­nem dün­nen wei­ßen Spitz­bärt­chen en­det. Un­ge­mein be­schwich­ti­gend wirkt die be­son­de­re Ar­tig­keit des al­ten Herrn auf mei­ne Un­si­cher­heit: nein, nein, an ihm sei es, sich zu ent­schul­di­gen, fällt er mir gleich ins Wort. Er wis­se ge­nau, was im Dienst al­les pas­sie­ren kön­ne, und es sei eine be­son­de­re Freund­lich­keit mei­ner­seits ge­we­sen, ihn ei­gens zu ver­stän­di­gen; nur weil man mei­nes Ein­tref­fens nicht si­cher ge­we­sen sei, hät­te man schon mit dem Di­ner be­gon­nen. Aber nun sol­le ich un­ver­weilt Platz neh­men. Er wer­de mich dann spä­ter mit all den Herr­schaf­ten ein­zeln be­kannt ma­chen. Nur hier – da­bei ge­lei­tet er mich an den Tisch – sei­ne Toch­ter. Ein halb­wüch­si­ges Mäd­chen, zart, blass, fra­gil wie er selbst, blickt aus ei­nem Ge­spräch auf, zwei graue Au­gen strei­fen mich schüch­tern. Aber ich sehe bloß wie im Flug das schma­le, ner­vö­se Ge­sicht, ver­beu­ge mich erst vor ihr, dann kor­po­ra­tiv rechts und links ge­gen die an­de­ren, die of­fen­bar froh sind, Ga­bel und Mes­ser nicht weg­le­gen zu müs­sen, um durch um­ständ­li­che Vor­stel­lungs­ze­re­mo­ni­en ge­stört zu wer­den.

Die ers­ten zwei, drei Mi­nu­ten füh­le ich mich noch herz­lich un­be­hag­lich. Nie­mand vom Re­gi­ment ist da, kein Ka­me­rad, kein Be­kann­ter, und nicht ein­mal je­mand von den Ho­no­ra­tio­ren des Städt­chens – aus­schließ­lich frem­de, stock­frem­de Men­schen. Haupt­säch­lich schei­nen es Guts­be­sit­zer aus der Um­ge­bung zu sein mit ih­ren Frau­en und Töch­tern oder Staats­be­am­te. Aber nur Zi­vil, Zi­vil, kei­ne an­de­re Uni­form als die mei­ne! Mein Gott, wie soll ich un­ge­schick­ter, scheu­er Mensch mit die­sen un­be­kann­ten Leu­ten Kon­ver­sa­ti­on ma­chen? Glück­li­cher­wei­se hat­te man mich gut plat­ziert. Ne­ben mir sitzt das brau­ne, über­mü­ti­ge We­sen, die hüb­sche Nich­te, die da­mals mei­nen be­wun­dern­den Auf­blick in der Kon­di­to­rei doch be­merkt zu ha­ben scheint, denn sie lä­chelt mir freund­lich wie ei­nem al­ten Be­kann­ten zu. Sie hat Au­gen wie Kaf­fee­boh­nen, und wirk­lich, es knis­tert, wenn sie lacht, wie Boh­nen beim Rös­ten. Sie hat ent­zücken­de, klei­ne, durch­leuch­ten­de Ohren un­ter dem dich­ten schwar­zen Haar: wie rosa Zy­kla­men mit­ten im Moos, den­ke ich. Sie hat nack­te Arme, weich und glatt; wie ge­schäl­te Pfir­si­che müs­sen sie sich an­füh­len.

Es tut wohl, ne­ben ei­nem so hüb­schen Mäd­chen zu sit­zen, und dass sie mit ei­nem vo­ka­li­schen un­ga­ri­schen Ak­zent spricht, macht mich bei­na­he ver­liebt. Es tut wohl, in ei­nem so fun­kelnd hel­len Raum an ei­nem so vor­nehm ge­deck­ten Tisch zu ta­feln, hin­ter sich li­vrier­te Die­ner, vor sich die schöns­ten Spei­sen. Auch mei­ne Nach­ba­rin zur Lin­ken, die wie­der mit leicht pol­ni­schem Ton­fall re­det, scheint mir, wenn auch schon et­was mas­siv, ei­gent­lich ap­pe­tissant. Oder macht das nur der Wein, der gold­hel­le, dann wie­der blut­dunkle und jetzt cham­pa­gner­per­len­de Wein, den von rück­wärts her die Die­ner mit ih­ren wei­ßen Hand­schu­hen aus sil­ber­nen Kar­af­fen und breit­bäu­chi­gen Fla­schen ge­ra­de­zu ver­schwen­de­risch ein­schen­ken? Wahr­haf­tig, der wa­cke­re Apo­the­ker hat nicht ge­flun­kert. Bei Ke­kes­fal­vas geht es zu wie bei Hof. Ich habe noch nie so gut ge­ges­sen, nie mir über­haupt träu­men las­sen, dass man so gut, so no­bel, so üp­pig es­sen kann. Im­mer köst­li­che­re und kost­ba­re­re Ge­rich­te schwe­ben auf un­er­schöpf­li­chen Schüs­seln her­an; blass­blaue Fi­sche, von Lat­tich ge­krönt, mit Hum­mer­schei­ben um­rahmt, schwim­men in gol­de­nen Sau­cen, Ka­pau­ne rei­ten auf brei­ten Sät­teln von ge­schich­te­tem Reis, Pud­din­ge flam­men in blaubren­nen­dem Rum, Eis­bom­ben quel­len far­big und süß aus­ein­an­der, Früch­te, die um die hal­be Welt ge­reist sein müs­sen, küs­sen ein­an­der in sil­ber­nen Kör­ben. Es nimmt kein Ende, kein Ende und zum Schluss noch ein wah­rer Re­gen­bo­gen von Schnäp­sen, grün, rot, weiß, gelb, und spar­gel­di­cke Zi­gar­ren zu ei­nem köst­li­chen Kaf­fee!

Ein herr­li­ches, ein zau­be­ri­sches Haus – ge­seg­net sei er, der gute Apo­the­ker! – ein hel­ler, ein glück­li­cher, ein klin­gen­der Abend! Ich weiß nicht, füh­le ich mich nur des­halb so auf­ge­lo­ckert und frei, weil rechts und links und ge­gen­über nun auch die an­de­ren glit­zern­de Au­gen und lau­te Stim­men be­kom­men ha­ben, weil sie gleich­falls al­les No­bel­tun ver­ges­sen, mun­ter drauf­los und durch­ein­an­der re­den – je­den­falls, mei­ne sons­ti­ge Be­fan­gen­heit ist weg. Ich plau­de­re ohne die ge­rings­te Hem­mung, ich ho­fie­re bei­den Nach­ba­rin­nen zu­gleich, ich trin­ke, la­che, bli­cke über­mü­tig und leicht, und wenn es nicht im­mer Zu­fall ist, dass ich ab und zu mit der Hand an die schö­nen, nack­ten Arme Ilo­nas (so heißt die knusp­ri­ge Nich­te) strei­fe, so scheint sie dies lei­se Anglei­ten und Aus­glei­ten kei­nes­wegs krumm­zu­neh­men, auch sie ent­spannt, be­schwingt, ge­lo­ckert wie wir alle von die­sem üp­pi­gen Fest.

All­mäh­lich füh­le ich – ob das nicht doch der un­ge­wohnt herr­li­che Wein macht, To­kai­er2 und Cham­pa­gner quer durch­ein­an­der? – eine Leich­tig­keit über mich kom­men, die an Über­mut und fast an Un­bän­dig­keit grenzt. Nur et­was fehlt mir noch zum vol­len Glück­lich­sein, zum Schwe­ben, zum Hin­ge­ris­sen­sein, und was dies war, nach dem ich un­be­wusst ver­lang­te, wird mir schon im nächs­ten Au­gen­blick herr­lich klar, als plötz­lich von ei­nem drit­ten Rau­me her, hin­ter dem Sa­lon – der Die­ner hat­te un­merk­lich die Schie­be­tü­ren wie­der auf­ge­tan – ge­dämpf­te Mu­sik ein­setzt, ein Quar­tett, und ge­ra­de die Mu­sik, die ich mir in­ner­lich wünsch­te, Tanz­mu­sik, rhyth­misch und weich zu­gleich, ein Wal­zer, von zwei Vio­li­nen ge­tra­gen, von ei­nem dunklen Cel­lo schwer­mü­tig ge­tönt; da­zwi­schen tak­tiert ein­dring­lich mit schar­fem Stac­ca­to ein Kla­vier. Ja, Mu­sik, Mu­sik, nur sie hat noch ge­fehlt! Mu­sik jetzt und viel­leicht dazu tan­zen, einen Wal­zer, sich schwin­gen, sich flie­gen las­sen, um die in­ne­re Leich­tig­keit se­li­ger zu emp­fin­den! Und wirk­lich, die­se Vil­la Ke­kes­fal­va muss ein Zau­ber­haus sein, man braucht nur zu träu­men, und schon ist der Wunsch er­füllt. Wie wir jetzt auf­ste­hen und die Ses­sel rücken und Paar an Paar – ich rei­che Ilo­na den Arm und füh­le wie­der die küh­le, wei­che, üp­pi­ge Haut – in den Sa­lon hin­über­ge­hen, sind alle Ti­sche hein­zel­män­nisch weg­ge­räumt und die Ses­sel rings an die Wand ge­stellt. Glatt, blank, braun spie­gelt das Par­kett, himm­li­sche Eis­bahn des Wal­zers, und von dem Ne­ben­raum her ani­miert un­sicht­bar die Mu­sik.

Ich wen­de mich zu Ilo­na. Sie lacht und ver­steht. Ihr Auge hat schon »Ja« ge­sagt, schon wir­beln wir, zwei Paa­re, drei Paa­re, fünf Paa­re über das glat­te Par­kett, in­des die Be­hut­sa­me­ren und Äl­te­ren zu­schau­en oder plau­dern. Ich tan­ze gern, ich tan­ze so­gar gut. Ver­schlun­gen schwe­ben wir hin, ich glau­be, ich habe nie bes­ser ge­tanzt in mei­nem Le­ben. Bei dem nächs­ten Wal­zer bit­te ich mei­ne an­de­re Nach­ba­rin; auch sie tanzt aus­ge­zeich­net, und ich atme, zu ihr hin­ab­ge­beugt, mit ei­ner leich­ten Be­täu­bung das Par­füm ih­res Haars. Ach, sie tanzt wun­der­bar, al­les ist wun­der­bar, ich bin so glück­lich wie seit Jah­ren nicht. Ich weiß nicht mehr recht aus und ein, ich möch­te am liebs­ten alle um­ar­men und je­dem et­was Herz­li­ches, et­was Dank­ba­res sa­gen, so leicht, so über­schweng­lich, so se­lig jung emp­fin­de ich mich. Ich wirble von ei­ner zur an­de­ren, ich spre­che und la­che und tan­ze und spü­re, hin­ge­ris­sen in dem Ge­ström mei­ner Be­glückung, nicht die Zeit.

Da plötz­lich – ich bli­cke zu­fäl­lig auf die Uhr: halb elf – fällt mir zu mei­nem Schre­cken ein: jetzt tan­ze und spre­che und spa­ße ich schon fast eine Stun­de her­um und habe, ich Lüm­mel, noch gar nicht die Hau­s­toch­ter auf­ge­for­dert! Nur mit mei­nen Nach­ba­rin­nen und zwei, drei an­de­ren Da­men, ge­ra­de de­nen, die mir am bes­ten ge­fie­len, habe ich ge­tanzt und die Hau­s­toch­ter to­tal ver­ges­sen! Wel­che Fle­ge­lei, ja, wel­cher Affront! Nun aber fix, das muss so­fort re­pa­riert wer­den!

Doch zu mei­nem Schre­cken kann ich mich über­haupt nicht mehr ge­nau er­in­nern, wie das Mäd­chen aus­sieht. Nur einen Au­gen­blick lang habe ich mich ja vor ihr ver­beugt, als sie schon bei Tisch saß; ich ent­sin­ne mich bloß an ir­gend et­was Zar­tes und Fra­gi­les und dann an ih­ren ra­schen grau­en Neu­gier­blick. Aber wo steckt sie denn? Als Hau­s­toch­ter kann sie doch nicht weg­ge­gan­gen sein? Un­ru­hig mus­te­re ich die gan­ze Wand ent­lang alle Frau­en und Mäd­chen: kei­ne will ihr glei­chen. Schließ­lich tre­te ich in das drit­te Zim­mer, wo, von ei­nem chi­ne­si­schen Pa­ra­vent ver­deckt, das Quar­tett spielt, und atme ent­las­tet auf. Denn da sitzt sie ja – be­stimmt, sie ist es – zart, dünn, in ih­rem blass­blau­en Kleid zwi­schen zwei al­ten Da­men in der Bou­doi­re­cke hin­ter ei­nem ma­la­chit­grü­nen Tisch, auf dem eine fla­che Scha­le mit Blu­men steht. Sie hält den schma­len Kopf ein we­nig ge­senkt, als horch­te sie ganz in die Mu­sik hin­ein, und ge­ra­de an dem hei­ßen In­kar­nat der Ro­sen wer­de ich ge­wahr, wie durch­sich­tig blass ihre Stirn schim­mert un­ter dem schwe­ren braun­röt­li­chen Haar. Aber ich las­se mir kei­ne Zeit zu mü­ßi­ger Be­trach­tung. Gott sei Dank, atme ich in­ner­lich auf, dass ich sie auf­ge­spürt habe. So kann ich mein Ver­säum­nis noch recht­zei­tig nach­ho­len.

Ich gehe auf dem Tisch zu, ne­ben­an knat­tert die Mu­sik, und ver­beu­ge mich zum Zei­chen höf­li­cher Auf­for­de­rung. Ein be­frem­de­tes Auge starrt über­rascht zu mir auf, die Lip­pen blei­ben halb of­fen mit­ten im Wort. Aber sie macht kei­ner­lei Be­we­gung, mir zu fol­gen. Hat sie nicht ver­stan­den? Ich ver­beu­ge mich also noch­mals, mei­ne Spo­ren klim­pern lei­se mit: »Darf ich bit­ten, gnä­di­ges Fräu­lein?«

Aber was jetzt ge­schieht, ist furcht­bar. Der vor­ge­beug­te Ober­kör­per fährt mit ei­nem Ruck zu­rück, als woll­te er ei­nem Schla­ge aus­wei­chen; gleich­zei­tig stürzt von in­nen ein Guß von Blut in die blei­chen Wan­gen, die eben noch of­fe­nen Lip­pen pres­sen sich scharf in­ein­an­der, und nur die Au­gen star­ren un­be­weg­lich auf mich mit ei­nem sol­chen Aus­druck von Schre­cken, wie er mir noch nie im Le­ben ent­ge­gen­ge­fah­ren ist. Im nächs­ten Au­gen­blick geht durch den gan­zen auf­ge­krampf­ten Kör­per ein Ruck. Sie stemmt sich, stützt sich mit bei­den Hän­den am Tisch em­por, dass die Scha­le dar­auf klap­pert und klirrt, gleich­zei­tig fällt et­was hart von ih­rem Fau­teuil3 auf den Bo­den, Holz oder Me­tall. Noch im­mer hält sie sich mit bei­den Hän­den an dem wan­ken­den Tisch fest, noch im­mer schüt­tert es die­sen kind­leich­ten Leib durch und durch; aber trotz­dem, sie flüch­tet nicht weg, sie klam­mert sich nur noch ver­zwei­fel­ter an die schwe­re Tisch­plat­te. Und im­mer wie­der die­ses Schüt­tern, die­ses Zit­tern von den an­ge­krampf­ten Fäus­ten bis hin­auf ins Haar. Und plötz­lich bricht es her­aus: ein Schluch­zen, wild, ele­men­tar wie ein er­stick­ter Schrei.

Aber schon sind von rechts und links die bei­den al­ten Da­men um sie her­um, schon fas­sen, strei­cheln, um­schmei­cheln, be­schwich­ti­gen sie die Be­ben­de, schon lö­sen sie ihre Hän­de, die an­ge­krampf­ten, sanft vom Tisch, und sie fällt wie­der in den Fau­teuil zu­rück. Doch das Wei­nen hält an; eher ve­he­men­ter wird es, wie ein Blut­sturz, wie ein hei­ßes Er­bre­chen fährt es in ein­zel­nen Stö­ßen im­mer wie­der zu­ckend her­aus. Wenn die Mu­sik hin­ter dem Pa­ra­vent (die all das über­lärmt) nur einen Au­gen­blick in­ne­hält, muss man das Schluch­zen bis in den Tanz­raum hin­über­hö­ren.

Ich ste­he da, ver­töl­pelt, er­schreckt. Was – was ist denn ge­sche­hen? Rat­los star­re ich zu, wie die bei­den al­ten Da­men die Schluch­zen­de zu be­ru­hi­gen su­chen, die jetzt in er­wa­chen­der Scham ih­ren Kopf auf den Tisch ge­wor­fen hat. Aber im­mer wie­der neue Stö­ße von Wei­nen lau­fen, Wel­le nach Wel­le, den schma­len Leib bis hin­auf in die Schul­tern, und bei je­dem die­ser jä­hen Stö­ße klir­ren die Scha­len mit. Ich aber ste­he gleich rat­los da, Eis in den Ge­len­ken, ge­würgt von mei­nem Kra­gen wie von ei­nem hei­ßen Strick.

»Ver­zei­hung«, stot­te­re ich schließ­lich halb­laut in die lee­re Luft und tre­te – bei­de Frau­en sind um die Schluch­zen­de be­schäf­tigt, kei­ne hat einen Blick für mich – ganz taum­lig in den Saal zu­rück. Hier hat an­schei­nend noch nie­mand et­was be­merkt, stür­misch dre­hen sich die Paa­re, und ich spü­re, dass ich mich an dem Pfos­ten hal­ten muss, so schwingt der Raum um mich her. Was ist ge­sche­hen? Habe ich et­was an­ge­stellt? Mein Gott, am Ende habe ich bei Tisch zu viel, zu rasch ge­trun­ken und jetzt in der Be­nom­men­heit einen Blöd­sinn ge­tan!

Da stoppt die Mu­sik, die Paa­re lö­sen sich. Mit ei­ner Ver­beu­gung gibt der Be­zirks­haupt­mann Ilo­na frei, und so­fort stür­ze ich auf sie zu und schlep­pe die Auf­stau­nen­de fast ge­walt­sam bei­sei­te: »Bit­te hel­fen Sie mir! Um Him­mels wil­len, hel­fen Sie, er­klä­ren Sie mir!«

Of­fen­bar hat­te Ilo­na er­war­tet, ich hät­te sie zum Fens­ter ge­drängt, um ihr et­was Lus­ti­ges zu­zu­flüs­tern, denn ihre Au­gen wer­den plötz­lich hart: an­schei­nend muss ich mit­lei­der­re­gend oder er­schre­ckend aus­ge­se­hen ha­ben, in mei­ner Auf­ge­regt­heit. Mit flie­gen­den Pul­sen er­zäh­le ich al­les. Und son­der­bar; mit dem glei­chen kras­sen Ent­set­zen im Blick wie je­nes Mäd­chen drin­nen fährt sie mich an:

»Sind Sie wahn­sin­nig ge­wor­den …? Wis­sen Sie denn nicht …? Ha­ben Sie denn nicht ge­se­hen …?«

»Nein«, stot­te­re ich, ver­nich­tet von die­sem neu­en und eben­so un­ver­ständ­li­chen Ent­set­zen. »Was ge­se­hen? … Ich weiß doch nichts. Ich bin doch zum ers­ten Mal hier im Hau­se.«

»Ha­ben Sie denn nicht be­merkt, dass Edith … lahm ist …? Nicht ihre ar­men ver­krüp­pel­ten Bei­ne ge­se­hen? Sie kann sich doch kei­ne zwei Schrit­te ohne Krücken fort­schlep­pen … und Sie … Sie Roh…« – (sie un­ter­drückt rasch ein Zorn­wort) – »… Sie for­dern die Arme zum Tanz auf … oh, ent­setz­lich, ich muss gleich hin­über zu ihr …«

»Nein« – (ich pa­cke Ilo­na in mei­ner Verzweif­lung am Arm) – »einen Au­gen­blick noch, einen Au­gen­blick … Sie müs­sen mich bei ihr ent­schul­di­gen. Ich konn­te doch nicht ah­nen … ich habe sie nur bei Tisch ge­se­hen, nur eine Se­kun­de lang … Bit­te er­klä­ren Sie ihr doch …«

Aber schon hat­te Ilo­na, Zorn im Blick, ih­ren Arm be­freit, schon läuft sie hin­über. Ich ste­he mit ge­würg­ter Keh­le, Übel­keit im Mund, an der Schwel­le des Sa­lons, der wir­belt und schwirrt und schwatzt mit sei­nen (mir plötz­lich un­er­träg­li­chen) un­be­fan­gen plau­dern­den, la­chen­den Men­schen, und den­ke: fünf Mi­nu­ten noch, und alle wis­sen von mei­ner Töl­pe­lei. Fünf Mi­nu­ten, dann tap­pen und tas­ten höh­ni­sche, miss­bil­li­gen­de, iro­ni­sche Bli­cke von al­len Sei­ten mich an, und mor­gen läuft, von hun­dert Lip­pen zer­schmatzt, der Schwatz über mei­ne rohe Un­ge­schick­lich­keit durch die gan­ze Stadt, früh­mor­gens schon mit der Milch ab­ge­la­gert an den Hau­stü­ren, dann breit­ge­schwenkt in den Ge­sin­de­stu­ben und wei­ter­ge­tra­gen in die Kaf­fee­häu­ser, die Äm­ter. Mor­gen weiß man’s in mei­nem Re­gi­ment.

In die­sem Au­gen­blick sehe ich wie durch einen Ne­bel den Va­ter. Mit ei­nem et­was be­drück­ten Ge­sicht – weiß er schon? – kommt er eben quer durch den Saal. Geht er am Ende auf mich zu? Nein – nur ihm jetzt nicht be­geg­nen! Eine pa­ni­sche Angst packt mich plötz­lich vor ihm und vor al­len. Und ohne recht zu wis­sen, was ich tue, stol­pe­re ich zur Tür, die hin­aus­führt in die Hall, hin­aus aus die­sem höl­li­schen Haus.

»Wol­len uns Herr Leut­nant schon ver­las­sen?« staunt mit re­spekt­voll zwei­feln­der Ges­te der Die­ner.

»Ja«, ant­wor­te ich und er­schre­cke be­reits, wie das Wort mir vom Mun­de fährt. Will ich denn wirk­lich weg? Und im nächs­ten Au­gen­blick, da er den Man­tel vom Ha­ken holt, ist mir schon klar be­wusst, dass ich jetzt mit mei­nem fei­gen Da­von­lau­fen eine neue und viel­leicht noch un­ent­schuld­ba­re­re Dumm­heit be­ge­he. Je­doch es ist schon zu spät. Ich kann ihm den Man­tel nicht jetzt mit ein­mal wie­der zu­rück­ge­ben, ich kann nicht wie­der, in­des er mir schon die Haus­tür mit knap­per Ver­beu­gung öff­net, zu­rück in den Saal. Und so ste­he ich plötz­lich vor dem frem­den, dem ver­fluch­ten Haus, den Wind kalt im Ge­sicht, das Herz heiß von Scham und den Atem ge­krampft wie ein Er­sti­cken­der.

Schwa­dron  <<<

sü­ßer, aus Un­garn stam­men­der Des­sert­wein von hell­brau­ner Far­be  <<<

Lehn­stuhl, Lehn­ses­sel oder Arm­ses­sel  <<<

Kapitel 2

Das war die un­se­li­ge Töl­pe­lei, mit der die gan­ze Sa­che be­gann. Jetzt, da ich mir be­schwich­tig­ten Bluts und aus der Di­stanz vie­ler Jah­re jene ein­fäl­ti­ge Epi­so­de neu­er­dings ver­ge­gen­wär­ti­ge, mit der al­les Ver­häng­nis sei­nen An­fang nahm, muss ich mir zu­er­ken­nen, ei­gent­lich ganz un­schul­dig in die­ses Miss­ver­ständ­nis hin­ein­ge­stol­pert zu sein; auch dem Klügs­ten, dem Er­fah­rens­ten hät­te die­se »gaf­fe« pas­sie­ren kön­nen, ein lah­mes Mäd­chen zum Tanz auf­zu­for­dern. Aber in der Un­mit­tel­bar­keit des ers­ten Ent­set­zens emp­fand ich mich da­mals nicht nur als heil­lo­sen Töl­pel, son­dern als Roh­ling, als Ver­bre­cher. Mir war, als hät­te ich ein un­schul­di­ges Kind mit der Peit­sche ge­schla­gen. All dies hät­te schließ­lich mit Geis­tes­ge­gen­wart noch gut­ge­macht wer­den kön­nen; un­wi­der­ruf­lich hat­te ich erst da­mit die Si­tua­ti­on ver­dor­ben – dies wur­de mir so­fort be­wusst, kaum dass der ers­te Stoß kal­ter Luft mir vor dem Hau­se an die Stir­ne sprang –, dass ich eben wie ein Ver­bre­cher, ohne den Ver­such, mich zu ent­schul­di­gen, ein­fach weg­ge­lau­fen war.

Den Zu­stand, in dem ich vor dem Hau­se stand, ver­mag ich nicht zu schil­dern. Die Mu­sik schwieg hin­ter den er­leuch­te­ten Fens­tern; wahr­schein­lich hat­ten die Spie­ler bloß eine Pau­se ein­ge­schal­tet. Aber in mei­nem über­reiz­ten Schuld­ge­fühl fie­ber­te ich mir so­fort vor, um mei­net­wil­len sto­cke der Tanz, al­les drän­ge jetzt in das klei­ne Bou­doir, um die Schluch­zen­de zu trös­ten, alle Gäs­te, die Frau­en, die Män­ner, die Mäd­chen er­ei­fer­ten sich hin­ter je­ner ver­schlos­se­nen Tür in ein­hel­li­ger Ent­rüs­tung über den ruch­lo­sen Mann, der ein ver­krüp­pel­tes Kind zum Tanz auf­ge­for­dert habe, um dann nach voll­brach­tem Bos­heits­s­treich fei­ge da­von­zu­lau­fen. Und mor­gen – der Schweiß brach mir aus, ich fühl­te ihn kalt un­ter der Kap­pe – wuss­te und schwätz­te und be­he­chel­te schon die gan­ze Stadt mei­ne Bla­ma­ge. Ich sah sie schon vor mir in Ge­dan­ken, mei­ne Ka­me­ra­den, den Fe­ren­cz, den Mis­ly­wetz, und vor al­lem den Joz­si, den ver­fluch­ten Wit­ze­schnei­der, wie sie schmat­zend auf mich zu­kom­men wür­den: »Na, Toni, schön führst du dich auf! Ein­mal wenn man dich von der Lei­ne lässt, und du bla­mierst das gan­ze Re­gi­ment!« Mo­na­te wird die­ses He­cheln und Höh­nen noch wei­ter­ge­hen bei der Of­fi­ziers­mes­se; zehn, zwan­zig Jah­re wird ja bei uns am Ka­me­rad­schaft­s­tisch jede Dumm­heit nach­ge­kaut, die ir­gend ei­ner von uns ein­mal an­ge­stellt hat, jede Ese­lei ver­ewigt sich, je­der Witz pe­tri­fi­ziert. Heu­te noch, nach sech­zehn Jah­ren, er­zäh­len sie die öde Ge­schich­te vom Ritt­meis­ter Wo­lin­ski, wie er heim­ge­kom­men war aus Wien und ge­protzt hat­te, die Grä­fin T. auf der Ring­stra­ße ken­nen­ge­lernt und gleich die ers­te Nacht in ih­rer Woh­nung ver­bracht zu ha­ben, und zwei Tage spä­ter stand dann in der Zei­tung der Skan­dal von ih­rem ent­las­se­nen Dienst­mä­del, das sich in Ge­schäf­ten und bei Aben­teu­ern hoch­stap­le­risch sel­ber als Grä­fin T. aus­ge­ge­ben hat­te, und au­ßer­dem muss­te der Ca­sa­no­va noch drei Wo­chen beim Re­gi­ments­arzt in die Kur ge­hen. Wer sich ein­mal vor den Ka­me­ra­den lä­cher­lich ge­macht hat, bleibt lä­cher­lich für im­mer, die ken­nen kein Ver­ges­sen, kein Ver­zei­hen. Und je mehr ich mir’s aus­mal­te und aus­dach­te, um­so­mehr kam ich ins Fie­ber ab­sur­der Ide­en. Hun­dert­mal leich­ter schi­en es mir in die­sem Au­gen­blick, mit dem Zei­ge­fin­ger einen klei­nen ra­schen Druck am Re­vol­ver zu tun, als die Höl­len­qual der nächs­ten Tage durch­zu­ste­hen, die­ses ohn­mäch­ti­ge War­ten, ob die Ka­me­ra­den schon von mei­ner Bla­ma­ge wüss­ten und etwa hin­ter mei­nem Rücken das Tu­scheln und Schmun­zeln lus­tig los­ge­gan­gen sei. Ach, ich kann­te mich gut; ich wuss­te, nie wür­de ich die Kraft ha­ben, stand­zu­hal­ten, so­bald ein­mal das Spöt­teln und Höh­nen und He­ru­mer­zäh­len an­ge­fan­gen hät­te.

Wie ich da­mals nach Hau­se ge­lang­te, weiß ich heu­te nicht mehr. Ich er­in­ne­re mich nur, der ers­te Griff riss den Schrank auf, wo die Fla­sche Sli­bo­witz1 für mei­ne Be­su­cher stand, und ich kipp­te zwei, drei hal­be Was­ser­glä­ser her­un­ter, um die gräss­li­che Übel­keit in der Keh­le los­zu­wer­den. Dann warf ich mich hin auf das Bett, an­ge­zo­gen wie ich war, und ver­such­te nach­zu­den­ken. Aber wie Blu­men in ei­nem Treib­haus ein hit­zi­ge­res und tro­pi­sche­res Wachs­tum be­kom­men, so Wahn­vor­stel­lun­gen im Dun­keln. Wirr und fan­tas­tisch schie­ßen sie dort im schwü­len Grun­de auf zu grel­len Lia­nen, die ei­nem den Atem wür­gen, und mit der Ge­schwin­dig­keit von Träu­men for­men und ja­gen sich die ab­sur­des­ten Angst­bil­der im über­hitz­ten Ge­hirn. Bla­miert auf Le­bens­zeit, dach­te ich mir, aus­ge­sto­ßen aus der Ge­sell­schaft, be­spöt­telt von den Ka­me­ra­den, be­schwätzt von der gan­zen Stadt! Nie mehr wer­de ich das Zim­mer ver­las­sen, nie mehr mich auf die Stra­ße wa­gen kön­nen, aus Furcht, ei­nem von de­nen zu be­geg­nen, die um mein Ver­bre­chen wuss­ten (denn als Ver­bre­chen emp­fand ich in je­ner Nacht der ers­ten Über­rei­zung mei­ne sim­ple Dumm­heit und mich selbst als Ge­jag­ten und Ge­hetz­ten des all­ge­mei­nen Ge­läch­ters). Als ich dann schließ­lich ein­sch­lief, kann es nur ein dün­ner, un­dich­ter Schlaf ge­we­sen sein, un­ter dem mein Angst­zu­stand fie­bernd wei­ter­ar­bei­te­te. Denn gleich beim ers­ten Au­gen­auf­schlag steht wie­der das zor­ni­ge Kin­der­ge­sicht vor mir, ich sehe die zu­cken­den Lip­pen, die kramp­fig an den Tisch ge­krall­ten Hän­de, ich höre das Pol­tern je­ner fal­len­den Höl­zer, von de­nen ich jetzt nach­träg­lich be­grei­fe, dass es ihre Krücken ge­we­sen sein muss­ten, und eine blö­de Angst über­kommt mich, es kön­ne auf ein­mal die Tür auf­ge­hen und – schwar­zer Rock, wei­ßer Vor­stoß, gol­de­ne Bril­le – stapft mit sei­nem dür­ren, ge­pfleg­ten Zie­gen­bärt­chen der Va­ter her­an bis an mein Bett. In der Angst sprin­ge ich auf. Und wie ich jetzt vor dem Spie­gel in mein von Nacht- und Angst­schweiß feuch­tes Ge­sicht star­re, habe ich Lust, dem Töl­pel hin­ter dem blas­sen Glas mit­ten ins Ge­sicht zu schla­gen.

Aber glück­li­cher­wei­se, es ist schon Tag, Schrit­te pol­tern im Gang, Kar­ren un­ten auf dem Pflas­ter. Und bei hel­len Fens­ter­schei­ben denkt man kla­rer als ein­ge­sackt in jene böse Dun­kel­heit, die ger­ne Ge­s­pens­ter schafft. Vi­el­leicht, sage ich mir, ist doch nicht al­les so fürch­ter­lich. Vi­el­leicht hat es gar nie­mand be­merkt. Sie frei­lich – sie wird es nie ver­ges­sen, nie ver­zei­hen, die arme Blas­se, die Kran­ke, die Lah­me! Da blitzt ein hilf­rei­cher Ge­dan­ke jäh­lings in mir auf. Has­tig käm­me ich mein ver­rauf­tes Haar, fah­re in die Uni­form und lau­fe an mei­nem ver­dutz­ten Bur­schen vor­bei, der mir in sei­nem ar­men ru­the­ni­schen2 Deutsch ver­zwei­felt nach­ruft: »Herr Leut­nant, Herr Leut­nant, schon fer­tig ist Kaf­fee.«

Ich sau­se die Ka­ser­nen­trep­pe hin­un­ter und flit­ze so rasch an den Ula­nen, die halb an­ge­zo­gen im Hof her­um­ste­hen, vor­bei, dass sie gar nicht recht Zeit ha­ben, stramm zu ma­chen. In ei­nem Saus bin ich an ih­nen vor­über und beim Ka­ser­nen­tor drau­ßen; ge­ra­de­wegs hin zum Blu­men­ge­schäft auf dem Rat­haus­platz lau­fe ich, so­weit Lau­fen für einen Leut­nant statt­haft ist. In mei­ner Un­ge­duld habe ich na­tür­lich völ­lig ver­ges­sen, dass um halb sechs Uhr mor­gens Ge­schäf­te noch nicht of­fen sind, aber glück­li­cher­wei­se han­delt die Frau Gurt­ner au­ßer mit Kunst­blu­men auch mit Ge­mü­sen. Ein Kar­ren mit Kar­tof­feln steht halb ab­ge­la­den vor der Tür, und wie ich hef­tig an das Fens­ter klop­fe, höre ich sie schon die Trep­pe her­un­ter­trap­pen. In der Hast er­fin­de ich eine Ge­schich­te: ich hät­te ges­tern to­tal ver­ges­sen, dass heu­te der Na­mens­tag von lie­ben Freun­den sei. In ei­ner hal­b­en Stun­de rück­ten wir aus, dar­um möch­te ich gern, dass die Blu­men gleich ab­ge­schickt wür­den. Also Blu­men her, rasch, die schöns­ten, die sie hät­te! So­fort schlurft die di­cke Händ­le­rin, noch in der Nacht­ja­cke, auf ih­ren löch­ri­gen Pan­tof­feln wei­ter, schließt den La­den auf und zeigt mir ih­ren Kron­schatz, ein dickes Bü­schel langstie­li­ger Ro­sen: wie vie­le ich da­von ha­ben woll­te? Alle, sage ich, alle! Nur so ein­fach zu­sam­men­bin­den, ober ob es mir lie­ber wäre in ei­nem schö­nen Korb? Ja, ja, einen Korb. Der Rest mei­ner Mo­nats­ga­ge geht auf die splen­di­de Be­stel­lung, in den letz­ten Ta­gen des Mo­nats wer­de ich da­für das Abendes­sen und das Kaf­fee­haus mir ab­knau­sern müs­sen oder Geld aus­lei­hen. Aber das ist mir im Au­gen­blick gleich­gül­tig oder viel­mehr, es freut mich so­gar, dass mich mei­ne Narr­heit teu­er zu ste­hen kommt, denn die gan­ze Zeit schon füh­le ich eine böse Lust, mich Töl­pel gründ­lich zu be­stra­fen, mich bit­ter zah­len zu las­sen für mei­ne zwie­fa­che Ese­lei.

Also nicht wahr, al­les in Ord­nung? Die schöns­ten Ro­sen, gut ar­ran­giert in ei­nem Korb, und zu­ver­läs­sig gleich ab­ge­schickt! Aber da läuft mir die Frau Gurt­ner ver­zwei­felt auf die Stra­ße nach. Ja wo­hin denn und zu wem sie die Blu­men schi­cken sol­le, der Herr Leut­nant hät­ten ja nichts ge­sagt. Ach so, ich drei­fa­cher Töl­pel habe das in mei­ner Auf­re­gung ver­ges­sen. Zur Vil­la Ke­kes­fal­va, ord­ne ich an, und recht­zei­ti­ger­wei­se er­in­ne­re ich mich dank je­nem er­schreck­ten Aus­ruf Ilo­nas an den Vor­na­men mei­nes ar­men Op­fers: für Fräu­lein Edith von Ke­kes­fal­va.

»Na­tür­lich, na­tür­lich, die Her­ren von Ke­kes­fal­va«, sagt Frau Gurt­ner stolz, »un­se­re bes­te Kund­schaft!«

Und, neue Fra­ge – ich hat­te mich schon wie­der zum Weg­lau­fen be­reit­ge­macht – ob ich nicht noch ein Wort da­zu­schrei­ben wol­le? Da­zu­schrei­ben? Ach so! Den Ab­sen­der! Den Spen­der! Wie soll sie sonst wis­sen, von wem die Blu­men sind?

Ich tre­te also noch­mals in den La­den, neh­me eine Vi­si­ten­kar­te und schrei­be dar­auf: »Mit der Bit­te um Ent­schul­di­gung.« Nein – un­mög­lich! Das wäre schon der vier­te Un­sinn: wozu noch an mei­ne Töl­pe­lei er­in­nern? Aber was sonst schrei­ben? »In auf­rich­ti­gem Be­dau­ern« – nein, das geht schon gar nicht, am Ende könn­te sie mei­nen, das Be­dau­ern gel­te ihr. Am bes­ten also gar nichts da­zu­schrei­ben, über­haupt nichts.

»Nur die Kar­te le­gen Sie bei, Frau Gurt­ner, nichts als die Kar­te.«

Jetzt ist mir leich­ter. Ich eile zu­rück in die Ka­ser­ne, schüt­te mei­nen Kaf­fee hin­un­ter und hal­te schlecht und recht mei­ne In­struk­ti­ons­stun­de ab, wahr­schein­lich ner­vö­ser, zer­fah­re­ner als sonst. Aber beim Mi­li­tär fäll­t’s nicht son­der­lich auf, wenn ein Leut­nant mor­gens ver­ka­tert in den Dienst kommt. Wie vie­le fah­ren nach durch­bum­mel­ter Nacht von Wien so aus­ge­mü­det zu­rück, dass sie kaum die Au­gen auf­hal­ten kön­nen und im schöns­ten Trab ein­schla­fen. Ei­gent­lich komm­t’s mir so­gar gut zu­pass, die gan­ze Zeit kom­man­die­ren, ex­ami­nie­ren und dann aus­rei­ten zu müs­sen. Denn der Dienst lenkt die Un­ru­he doch ei­ni­ger­ma­ßen ab, frei­lich, noch im­mer ru­mort zwi­schen den Schlä­fen das un­be­hag­li­che Erin­nern, noch im­mer steckt mir et­was dick in der Keh­le wie ein gal­li­ger Schwamm.

Aber mit­tags, ich will ge­ra­de zur Of­fi­ziers­mes­se hin­über, läuft mit hit­zi­gem »Pan­je Leut­nant« mein Die­ner mir nach. Er hat einen Brief in der Hand, ein läng­li­ches Recht­eck, eng­li­sches Pa­pier, blau, zart par­fü­miert, rück­wärts ein Wap­pen fein ein­ge­stanzt, ein Brief mit stei­ler, dün­ner Schrift, Frau­en­schrift. Ich rei­ße has­tig den Um­schlag auf und lese: »Herz­li­chen Dank, ver­ehr­ter Herr Leut­nant, für die un­ver­dient schö­nen Blu­men, an de­nen ich mich furcht­bar freu­te und noch freue. Bit­te kom­men Sie doch an je­dem be­lie­bi­gen Nach­mit­tag zum Tee zu uns. An­sa­ge ist nicht nö­tig. Ich bin – lei­der! – im­mer zu Hau­se. Edith v. K.«

Eine zar­te Hand­schrift. Un­will­kür­lich er­in­ne­re ich mich an die schma­len Kin­der­fin­ger, wie sie sich an den Tisch press­ten, er­in­ne­re mich an das blas­se Ge­sicht, wie es plötz­lich pur­purn er­glüh­te, als hät­te man Bor­deaux in ein Glas ge­schüt­tet. Ich lese noch ein­mal, zwei­mal, drei­mal die paar Zei­len und atme auf. Wie dis­kret sie hin­glei­tet über mei­ne Töl­pe­lei! Wie ge­schickt, wie takt­voll sie zu­gleich ihr Ge­bre­chen selbst an­deu­tet. »Ich bin – lei­der! – im­mer zu Hau­se.« Vor­neh­mer kann man nicht ver­zei­hen. Kein Ton von Ge­kränkt­sein. Eine Last stürzt mir vom Her­zen. Wie ei­nem An­ge­klag­ten ist mir zu­mu­te, der schon le­bens­läng­li­ches Zucht­haus sich zu­ge­spro­chen ver­mein­te, und der Rich­ter er­hebt sich, setzt das Ba­rett auf und ver­kün­det: »Frei­ge­spro­chen.« Selbst­ver­ständ­lich muss ich bald hin­aus, um ihr zu dan­ken. Heu­te ist Don­ners­tag – also Sonn­tag ma­che ich drau­ßen Be­such. Oder nein, lie­ber doch schon Sams­tag!

Aber ich hielt mir nicht Wort. Ich war zu un­ge­dul­dig. Mich be­dräng­te die Un­ru­he, mei­ne Schuld end­gül­tig be­gli­chen zu wis­sen, mög­lichst bald fer­tig zu wer­den mit dem Un­be­ha­gen ei­ner un­si­che­ren Si­tua­ti­on. Denn im­mer krib­bel­te mir noch die Angst in den Ner­ven, bei der Of­fi­ziers­mes­se, im Café oder sonst­wo wür­de je­mand von mei­nem Miss­ge­schick zu spre­chen an­fan­gen: »Na, wie war denn das da drau­ßen bei den Ke­kes­fal­vas?« Dann woll­te ich schon kühl und über­le­gen er­wi­dern kön­nen: »Rei­zen­de Leu­te! Ich war ges­tern nach­mit­tags wie­der bei ih­nen zum Tee«, da­mit je­der gleich se­hen kön­ne, dass ich dort nicht etwa mit Stunk ab­ge­glit­ten war. Nur ein­mal Strich und Punkt un­ter die lei­di­ge Af­fä­re ge­setzt ha­ben! Nur ein­mal da­mit fer­tig sein! Und die­se in­ne­re Ner­vo­si­tät be­wirkt auch schließ­lich, dass schon am nächs­ten Tag, am Frei­tag also, wäh­rend ich ge­ra­de mit Fe­ren­cz und Joz­si, mei­nen bes­ten Ka­me­ra­den, über den Kor­so schlen­de­re, mich der Ent­schluss plötz­lich über­fällt: noch heu­te machst du den Be­such! Und ganz un­ver­mit­telt ver­ab­schie­de ich mich von mei­nen et­was ver­wun­der­ten Freun­den.

Es ist ei­gent­lich kein son­der­lich wei­ter Weg hin­aus, höchs­tens eine hal­be Stun­de, wenn man tüch­tig aus­schrei­tet. Zu­erst fünf lang­wei­li­ge Mi­nu­ten durch die Stadt, dann die et­was stau­bi­ge Land­stra­ße ent­lang, die auch zu un­se­rem Ex­er­zier­feld führt und auf der un­se­re Rös­ser schon je­den Stein und jede Bie­gung ken­nen (man kann die Zü­gel ganz lo­cker las­sen). Erst in ih­rer hal­b­en Brei­te zweigt links bei ei­ner klei­nen Ka­pel­le an der Brücke eine schmä­le­re, von al­ten Kas­ta­ni­en be­schat­te­te Al­lee ab, ge­wis­ser­ma­ßen eine Pri­vat­al­lee, we­nig be­nutzt und be­fah­ren und von den ge­mäch­li­chen Win­dun­gen ei­nes klei­nen, tüm­pe­li­gen Ba­ches ohne Un­ge­duld be­glei­tet.

Aber merk­wür­dig – je mehr ich mich dem klei­nen Sch­löss­chen nä­he­re, von dem nun schon die wei­ße Rund­mau­er und das durch­bro­che­ne Git­ter­tor sicht­bar wer­den, umso ra­scher sackt mir der Mut zu­sam­men. So wie man knapp vor der Tür des Zahn­arz­tes nach ei­nem Vor­wand sucht, um noch kehrt zu ma­chen, ehe man die Klin­gel zieht, möch­te ich noch rasch echap­pie­ren. Muss es wirk­lich schon heu­te sein? Soll ich nicht über­haupt durch je­nen Brief die pein­li­che Af­fä­re als end­gül­tig bei­ge­legt be­trach­ten? Un­will­kür­lich ver­lang­sa­me ich den Schritt; zum Um­keh­ren bleibt schließ­lich im­mer noch Zeit, und ein Um­weg weist sich al­le­mal will­kom­men, wenn man nicht den gra­den Weg ge­hen will; so bie­ge ich, den klei­nen Bach auf ei­nem wack­li­gen Holz­brett über­que­rend, von der Al­lee zu den Wie­sen ab, um zu­nächst ein­mal von au­ßen das Schloss zu um­krei­sen.