Beschreibung

»Je größer die Unterschiede, desto stärker die Sehnsucht, desto wilder die Leidenschaft.« Catherine Deneuve Gleich und Gleich gesellt sich gern und hat langfristig die besten Aussichten. Doch zwischen Gleich und Ungleich herrscht die größere erotische Spannung. Reife Frau und junger Mann, Prinzessin und Bad Boy, Aschenputtel und Prinz: Dietmar Bittrich erzählt die anekdotenreiche Kulturgeschichte der ungleichen Paare. Es ist eine alte Geschichte, doch passiert sie immer neu. Die reife Lady verfällt dem Reitburschen, der tibetische Lama seiner Schülerin, die Prinzessin brennt mit dem Leibwächter durch, und der Tattergreis heiratet das Busenwunder. Einige Fälle sind spektakulär. Doch aufregende Mesalliancen gibt es auch in der eigenen Familie oder gleich nebenan. Aschenputtel und Prinz, die Schöne und das Ungeheuer, reifes Alter und zarte Jugend: Ungleiche Paare üben seit jeher eine besondere Faszination aus. Und die klassischen Konstellationen kehren immer wieder, komisch und tragisch, hoffnungslos und leidenschaftlich. In autobiographischem Rahmen erzählt Dietmar Bittrich von den skandalträchtigen Abenteuern ungleicher Paare. »Der legitime Erbe von Kishon und Loriot.« Welt am Sonntag

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 277


Dietmar Bittrich

Ungleiche Paare

Die Leidenschaft

der Gegensätze

1. Auflage 2010

Copyright © 2010

by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

www.hoca.de

Satz: atelier eilenberger, Leipzig

ISBN 978-3-455-40268-1

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

Für Claudia

Die Galerie der Leidenschaften

Niemand weiß, wie oft Joschka Fischer mittlerweile geheiratet hat. Nur dass seine Frau vierzig Jahre jünger ist, zwei Köpfe größer und nur halb so schwer, das steht fest. Die beiden sind ein ungleiches Paar. Ivana Trump präsentiert regelmäßig Gefährten, die dreißig bis vierzig Jahre jünger sind, allerdings wechselnde. Agatha Christie heiratete einen vierzehn Jahre jüngeren Mann. Das ging gut.

Es kann sein, dass einem europäischen Prinzen viele ebenbürtige Mädchen auf Bällen vorgeführt werden; und dann verliebt er sich in eines aus der Vorstadt, dessen Nasenscheidewand löcherig ist vom Kokain. Die Verbindung hält. Oder dass eine wohlerzogene Prinzessin einem rülpsenden Türsteher verfällt, und die Sache geht, na ja, eine Weile. Goethe verbrachte viel Zeit mit adeligen Damen und heiratete eine arme Hutmacherin. Wenn die Mutter von Queen Victoria sich keinen Seitensprung mit einem Abenteurer geleistet hätte, gäbe es, wie wir heute wissen, das englische Königshaus nicht, zumindest nicht so, wie wir es lieben.

All das sind Celebrities. Sie haben ihren Bonus. Sie haben Sonderrechte. Sie sind weit weg.

Als meine Tochter mir ihren Mann aus Burkina Faso vorstellte, bekämpfte ich die unkorrekte Empfindung, die beiden passten nicht zueinander. Als mein Onkel mit einer Frau aus Kuba anrückte, war das schon anders. Meine Schwester wurde evangelisch erzogen, entwickelte sich zur kämpferischen Atheistin und verliebte sich schließlich in einen katholischen Pfarrer. Sie ist immer noch mit ihm zusammen, immer noch inoffiziell. Mein Bruder entdeckte früh eine Neigung zu jungen Frauen, die er retten wollte, und zwar aus einem Bereich, der früher Gosse hieß und mittlerweile in Prekariat umgetauft wurde.

Ungleiche Paare. Man beobachtet sie, bemitleidet sie, beneidet sie und sagt ihnen ein rasches Scheitern voraus. Bisweilen wünscht man es sogar. Wer sich für weitherzig und tolerant gehalten hat, erlebt Überraschungen. Zum Beispiel, wenn der eigene Vater den Tod der Ehefrau nicht verwindet, schließlich aber doch. Auf einmal ist alle Trauer abgefallen. Aha, eine robuste Polin hat den Haushalt übernommen. Nun möchte er sie heiraten. Die Nachbarn reiben sich schon die Hände. Die Kinder können nicht leugnen, dass die neue Liebe ihm guttut. Die Familienkonferenz wird allerdings ohne ihn einberufen.

Dergleichen Konstellationen kehren immer wieder. Sie sind aufregend, komisch, bisweilen tragisch. Es hat sie von jeher gegeben. Aus ihnen besteht die Kulturgeschichte der ungleichen Paare. Wer Glück hat, erlebt etwas davon am eigenen Leib. Wer Pech hat, erst recht.

Verliebte rechnen sich alles schön. Sie brauchen nicht einmal zu rechnen. Die Rechnungen gehen von selbst auf. Sie sind gleich. Beinahe eins. Alles passt in den ersten Monaten. Und die paar Unterschiede, die sich bemerkbar machen, sind spannend.

Fand ich auch. Das Thema der Ungleichheit traf mich unvorbereitet, als ich im vergangenen Jahr Gotha besuchte, ein Städtchen in Thüringen zwischen Erfurt und Eisenach. In die Suche nach klassischen Kulturstätten und verwunschenen Wäldern hatte ich einen Abstecher zu meiner ältesten Tante väterlicherseits eingeflochten. Sie war niemals in den Westen gereist und residierte unangefochten in der bröckelnden Villa ihrer Kindheit.

Sie brauche keinerlei Aufwand zu treiben, hatte ich versprochen. Wir würden Kekse mitbringen und Tee, wir, ach so, ja, richtig, ich brächte jemanden mit. Als sie die schwere, über dunkle Fliesen schrammende Tür aufzog, musste sie einen Moment blinzeln, um sich an die Tageshelligkeit zu gewöhnen. Dann begriff sie, was sie sah, und freute sich mit schonungsloser Aufrichtigkeit: »Dietmar! Dass ich endlich deine Tochter kennen lerne!«

Sie hatte falsch begriffen. Sie war eine Greisin, tröstete ich mich, eingekerkert in weltferne Düsternis. Deshalb vermochte sie das Alter jüngerer Generationen nicht einzuschätzen. Gewiss, ich hatte eine Tochter, das traf zu. Die hatte sich gerade zum dritten Mal in einen Afrikaner verliebt, in den schwärzesten von allen. Diesmal sei es der richtige, hatte sie mitgeteilt, ihn wolle sie heiraten. Ich hatte keinen Einfluss darauf. Ich konnte lediglich ihrer Mutter die Schuld geben.

Nein, die junge Frau an meiner Seite, Josephine, war mein biologisches Mittel zur Verjüngung. Machte sie mich etwa älter? Sie war vierundzwanzig, ich zweiundfünfzig. Ich wähnte mich auf Augenhöhe mit Heiner Lauterbach und Mickey Rourke und natürlich mit Joschka. Der Altersunterschied fiel doch nicht auf? Bislang hatte ich ihn nie verspürt. Beinahe nicht. Selten. Nur dass ich erfahrener war und Josephine mit den Grundzügen des Lebens vertraut machen konnte, das war mir aufgefallen, und zwar angenehm.

Josephine war blond wie ein Mädchen aus Bullerbü, schlank, geschmeidig, hell, ihre Augen leuchteten, die Haut schimmerte, sie war neugierig, kiebig, frech. Jenseits der vierzig würde sie möglicherweise ein bisschen zickig werden. Aber jetzt war alles frisch an ihr, schier, knospend, sommersprossig. Sie funkelte. Und ja, zugegeben, etwas Töchterliches hatte sie auch. Aber sie betrachtete mich als Liebhaber. Oder spielte noch anderes eine Rolle?

Wir ließen die Tante vorerst in ihrem Glauben. Josephine war sonderbar stolz auf die Fehleinschätzung. Mir selbst schien es zu kompliziert, die Verhältnisse in Zahlen darzustellen und anschließend auch noch zu rechtfertigen.

»Kinder, ihr könnt gern heute Nacht hierbleiben – aber ihr müsst euch das Schloss ansehen!«

Mussten wir? Wir hatten es liegen sehen, monumental und mit eingeschlafenen Füßen auf einem Hügel vor der Altstadt. Meine töchterliche Geliebte wollte. Sie war jetzt Prinzessin.

»Ich mache euch inzwischen die Zimmer zurecht«, frohlockte die Tante. »Oder«, fiel ihr ein, »schlaft ihr auf Reisen in einem Zimmer?«

»O nein, niemals«, beteuerte Josephine.

»Sie spielt vor dem Einschlafen mit ihren Puppen«, erklärte ich. »Das stört mich beim Lesen.«

»Nein, wie hübsch!« Die Tante fand Gefallen an der jungen Verwandtschaft. Es schien vorteilhaft, die Komödie weiterzuspielen. Die betagte Villa war demnächst zu vererben. Bei guter Führung gehörte ich zu den Anwärtern.

»Kinder, haltet euch nicht auf, ich kümmere mich um alles!«, befahl die künftige Erblasserin, während ich unser Gepäck im verdunkelten Wohnzimmer abstellte, zwischen abgedeckten Möbeln, ausladenden Stehlampen und düsteren Schränken.

»Darf ich die Vorhänge aufziehen?«, fragte ich und tat es schon.

»Oh, nein! Das schadet den Bildern!«

Die paar ranzigen Ölschinken würde ich im Erbfall zu wohltätigen Zwecken entsorgen. Allerdings, da war etwas Besonderes. »Mach doch mal eine Lampe an!«

Sie fingerte gichtig an einer gedrehten Kordel. Josephine wusste nicht, ob sie helfen sollte. Funzeliges Aufglimmen. Ich staunte: »Das sind ja meine Eltern!«

Das Gemälde hing etwas schief über einem Biedermeiersofa.

»Das sind deine Eltern?«, fragte Josephine und schlich ungläubig näher.

»Also deine Großeltern!«, korrigierte ich boshaft. »Da muss sie Ende zwanzig gewesen sein, er Anfang dreißig.«

Ich sah nach der Signatur. Das Bild war vor meiner Geburt gemalt worden. Offensichtlich im Sommer. Es zeigte meine Eltern am Strand, von oben betrachtet. Der Maler musste auf eine Leiter gestiegen sein oder auf den Hochsitz des Bademeisters. Meine Mutter räkelte sich kokett in einem weißen Badeanzug in der verführerischen Mode jener Zeit.

»Die war ja sexy«, wunderte sich Josephine.

Meine Tante blies Luft durch die Nase und nickte verschwörerisch, als wisse sie erheblich mehr, als wir Dummerchen vertragen könnten.

Auf dem Gemälde gab sich meine Mutter lustvoll der Sonne hin, genauer gesagt: dem Blick des Malers. Mein Vater, rothaarig, blass und empfindlich, war dagegen ein Bild des Jammers. Abgedeckt mit Handtuch, ausgebreiteter Zeitung und einer dicken Cremeschicht, ein Arsenal medizinischer Hilfsmittel zur Seite, sehnte er sich gequält anderswohin. Im Zweifelsfall in seine schattenreiche Bibliothek. Es war ein typisches Bild von meinen Eltern. Warum hing es hier im Exil?

»Deinem Vater gefiel es nicht«, seufzte die Tante. »Später haben die beiden sich prächtig verstanden. Aber in jenem Sommer gab es wohl eine kleine Krise. Deine Eltern waren sehr verschieden. Sie so lebenslustig, er ein Hypochonder. Aber im April nach diesem Urlaub bist du zur Welt gekommen, und von da an ging alles prächtig.«

Neun Monate nach der Krise. »Kanntest du den Maler? Hat er noch mehr Bilder von meiner Mutter gemalt? Vielleicht von ihr allein?«

Meine Tante hob die Hände wie eine Zeugin, der man das Allerschlimmste angedroht hat. »Ich gehe die Betten machen«, entschied sie und riss an der Kordel. Wir standen im Dunkeln. »Und ihr geht raus in die Sonne und seht euch das Schloss an!«

Zu dem wuchtigen Bau mussten wir uns aufwärts bemühen. Er schien etwas zu herrschsüchtig für das bescheidene Städtchen. Der Innenhof hatte die Größe eines Fußballfeldes, nebst Loggien mit Platz für Trainerstab und Ersatzbank. Früher hatten Burgfräulein hier ihre Ritter beklatscht und ihnen nach dem Turnier den Schweiß abgeleckt. Jetzt hallten die Arkaden wider vom Lärm einer Schulklasse, die zur Besichtigung ökologischer Schautafeln im Seitenflügel verdonnert war. Die Parkplätze vor dem Haupttrakt waren verwaist.

»Man kennt uns nicht«, bedauerte die junge Aushilfskraft in der ehemaligen Wachstube, jetzt Museumsshop. Außer Eintrittskarten hatte sie Reiseführer und Postkarten im Angebot, drei Sorten regionaler Obstbrände sowie Püppchen in Thüringer Tracht; eine würde ich für Josephine erwerben. Sie sollte abends im Bett damit spielen.

»Zum Gothaer Liebespaar gehen Sie in den Hof und rechts durch den Bogen die Treppe hinauf. Im ersten Stock bitte klingeln. Das Aufsichtspersonal hört Sie. Ihnen ist bekannt, dass wir zurzeit eine Sonderausstellung zum Thema ›Ungleiche Paare‹ haben?« Es war uns unbekannt. »Ist im Preis inbegriffen.« Dann mussten wir wohl.

Bei dem Liebespaar handelte es sich um ein Gemälde. So viel hatten wir mitbekommen. Plakate mit einer ausgeblichenen Reproduktion prangten an den Schlossmauern und erhoben das Werk zum Pilgerziel für Bildungstouristen. Offenbar war es das Highlight der fürstlichen Sammlungen und mit etwas Glück das Einzige, wovon wir der Tante Bericht erstatten mussten.

Ein abgenutztes Treppenhaus ließ ahnen, dass hier in sozialistischen Zeiten eine Behörde amtiert hatte. Angeblich das Standesamt. Die doppelt mannshohe Tür im ersten Stock war zerkratzt, womöglich von gehärteten weiblichen Fingernägeln. Die Farbe um den Klingelknopf war abgeschabt. Heiraten musste etwas Dringliches gewesen sein. Ich war erst jetzt, mit zweiundfünfzig, dazu bereit. In meiner Generation war das Heiraten aus der Mode gekommen. Jetzt war es wieder normal. Und ich war bereit, normal zu werden. Fast.

Nach ergebenem Warten öffnete uns ein Vietnamese. Er war noch keine dreißig, trug ein Polyesterhemd des Gothaer SV, Radlerhosen und Turnschuhe. Doch laut Ansteckschild war er Angestellter der fürstlichen Museen. Ob wir ihn wohl später nach einem Asia-Restaurant fragen könnten, Thailänder am besten? Er prüfte stumm, ob wir die Eintrittskarten gefälscht hatten, und hub plötzlich unaufgefordert zu einem Vortrag an, mit thüringischem Akzent. Es kamen allerlei Jahreszahlen und Fürsten darin vor, auch Gemächer, Gobelins und Intarsien, schließlich war von Schwammbeseitigungsmaßnahmen die Rede, am Ende sogar von der Klimaerwärmung und Kohlendioxid-Emission. Das hing alles zusammen.

Zum Überdenken unserer Verantwortung waren wir nun entlassen in die sogenannte Kirchgalerie, einen breiten Korridor, durch den einst das Fürstenpaar zum Gottesdienst gerauscht war. Wo war das Liebesgemälde? Von Wänden und Nischen grüßten goldschimmernde Heilige, Altartafeln, Kruzifixe, versteinerte Märtyrer. Sonnenabweisende Vorhänge tauchten die Figuren in weihevolle Dämmerung. Fern, am Ende des Korridors, kam Bewegung in eine notdürftig restaurierte Skulptur mit rotem Helm. Sie erhob sich. Es war eine Wärterin.

»Langsam gehen, ab und zu innehalten und Interesse vortäuschen«, ermahnte ich Josephine. »Sonst können sie böse werden.«

»Ich brauche nichts vorzutäuschen, ich finde das alles sehr interessant«, schnippte sie, etwas zu laut für eine Wandelhalle, in der verdächtige Personen von zwei Wärtern und sechs Videokameras beaufsichtigt werden. Ich nickte der heranschiebenden Dame versöhnlich zu. Sie war dem Pensionsalter nahe und hatte die Locken noch einmal richtig feurig gefärbt, ein schöner Kontrast zum Blattgold der Galerie.

Mit störrischer Hingabe widmete Josephine sich nun jedem Heiligen und jeder devoten Stifterfigur, jedem Wundertätigen auf Goldgrund und Gekreuzigten vor düsterem Himmel, all den Trauernden und lichtwärts Fahrenden, für die sie zuvor nie Interesse gezeigt hatte. Mit vierundzwanzig, meinte ich, sollte sie ihre schlimmste kulturelle Phase hinter sich haben. Oder begann die erst jetzt? Kam sie dann noch als Partnerin in Frage?

Ich übte mich in der Gehmeditation, die ich vor Jahren in einem Zen-Haus an der oberen Donau erlernt hatte (linke Faust, von rechter Hand umschlossen, vor dem Oberkörper, Unterarme parallel zum Boden, langsam Fuß vor Fuß). Dann im Besichtigungsschritt, den die Unesco für sensible Kunstbetrachtung vorgeschrieben hat: gemessenes Flanieren mit wachem Blick, gebremst durch kundiges Verweilen, hier nur kurz, dort etwas länger, hier die Stirn runzeln, dort lächeln.

»Bitte nicht berühren!«, raschelte es hinter meinem Kopf. Die feuerrote Wärterin, die ihre Stimmbänder an diesem Tag wenig benutzt hatte, schritt in einer priesterlichen Wolke aus Staub und Würde vorüber. Die Kreuzgewölbe leiteten ihre Worte weiter wie Flüsterbögen. Ich hatte lediglich einen sandsteinernen Zeh berührt; das sollte Glück bringen! Aber Josephine warf mir einen erzieherischen Blick zu und schüttelte ratlos den Kopf. In ihrer Einschätzung hatte ich soeben den Rang eines Vaters verlassen, in Richtung eines desorientierten Seniors. Sie würde ab sofort Behindertenermäßigung herausschinden.

Ich sah sie mit der Wärterin sprechen.

»Sie suchen das Gothaer Liebespaar?«, fragte die. »Hier entlang.« Dazu winkelte sie graziös den Arm ab.

Ihr junger Kollege, der vortragsbereit am Eingang der Galerie wartete, beobachtete die Szene mit buddhistischem Gleichmut. Vor ihm, auf einer antiken Eichentruhe, war ein Stillleben entstanden, aus einer Thermoskanne nebst zwei Plastikbechern und einem Kuchenteller. Für dieses Paar begann jetzt eine weitere von vielen Kaffeepausen, aus denen der Tag bestand. Hatten die beiden was miteinander? Obwohl die Frau mindestens zwanzig Jahre älter war? Unmöglich.

Wir betraten die Galerie der Leidenschaften. Ein Blick genügte, um von den magischen Kräften erfasst zu werden. Es war eine Galerie der Skandale. Diese Motive waren einst mit Stiften, Federn, Nadeln angeblich zur Warnung auf Tafeln gebannt worden. In Wahrheit leuchtete unerlaubtes Verlangen aus ihnen, eine Sehnsucht nach der ganz anderen Liebeserfahrung, nach den schamduftenden Reichen jenseits des Anstands. Dies war der Tempel der ungleichen Paare.

Ursprünglich hatte der Raum der Andacht gedient, mit einem Kruzifix in der Nische und einem Tischchen für Oblaten und Wein. Unter den Gewölben webte noch die fromme Feierlichkeit, in der das Fürstenpaar auf die Samtkissen gesunken war – schon damals nicht nur zum Gebet. Herzog Ernst, Erbauer des Schlosses, war der Fromme genannt worden, doch seine Gemahlin – um achtzehn Jahre jünger als er – machte das wett. Spät hatte er sich zur Heirat drängen lassen, mit fünfunddreißig, als er sich zu verlieren drohte in den Studien philosophischer Schriften. Die Frau half ihm heraus, überraschend schnell, und die beiden wurden so etwas wie die Kombination von Eremit und Kurtisane, wie vormals Johannes und Maria Magdalena nach der Himmelfahrt ihres Herrn und etwas später Hieronymus und seine Magd oder wie der tibetische Mönchsvater Kalu Rinpoche und seine Gespielin. Auch mein eigenes zenbuddhistisches Zölibat war einst von einer Frau gestört und beendet worden.

Die alte Kapelle war vollgehängt mit dergleichen Bildern. Das also war die Sonderausstellung. Grenzwertige Leidenschaften. Die Werke stammten aus Epochen, die heute als sittenstreng gelten. Doch die Freude der Künstler an riskanten Motiven war unübersehbar. Vorgeblich moralisierend, in Wahrheit voll Lust und Vergnügen, huldigten sie der reifen Frau und dem bebenden Jüngling, dem dunklen Wilden und der hinsinkenden Rose, dem Klosterbruder und seiner liebsten Hexe, der kunstsinnigen Gräfin und ihrem Knecht und nicht zuletzt jenem bekannten Motiv, vor dessen diskriminierende Darstellung ich mich sogleich schützend schob. Es war meine Aufgabe, es abzuschirmen gegen unberufene Blicke.

Ohnehin gebührte alle Aufmerksamkeit dem Hauptwerk des Raumes. Da hing es, von energiesparenden Strahlern hervorgehoben, in der Mitte eines Gewölbebogens.

»Das ist es?«, fragte Josephine.

»Das ist es«, raunte die feuerrote Aufseherin feierlich. Sie war in der Türöffnung stehen geblieben und hatte eine respektvolle Miene aufgesetzt. »Das Gothaer Liebespaar.«

Unter Glas, in vergoldetem Rahmen, schimmerte ein vornehmes Paar. Der Gentleman und seine Geliebte. Vor nachtschwarzem Hintergrund, unter flatternden Spruchbändern, stellten die beiden sich den Blicken wie frischvermählte Royals, die sich vom Balkon aus bejubeln lassen. Sie stützten sich auf eine Brüstung. So sah man sie nur von der Taille aufwärts in hochgeschlossenen Gewändern, auf den ersten Blick sittsam, auf den zweiten entrückt in ein erotisches Geheimnis.

»Das ist es«, wiederholte die Feurige. »Das ist unser Gothaer Liebespaar.« Sie hätte sich diskret zurückziehen können zu ihrem fernöstlichen Liebhaber vom Sportverein. Sollten wir sie noch etwas fragen? Ein Kommentar zum Bild hing an der Wand.

»Sie sagen ›Liebespaar‹«, bot ich an, »also nicht Ehepaar?«

Josephine war nah an das Gemälde getreten. Sie hatte eine Innigkeit entdeckt, deren Rätsel sie lösen wollte. Ich blieb unverrückbar vor dem einzig niederträchtigen Bild des Raumes.

»Es ist das Musterbeispiel eines ungleichen Paares«, belehrte uns die Aufseherin. »Der Graf und das einfache Mädchen. Früher nannte man so etwas Mesalliance. Aber soweit wir wissen, war es eine glückliche Verbindung. Eine sehr glückliche.«

Man glaubte das zu erkennen. Der goldlockige Mann, lorbeerumkränzt, blickte zärtlich zu seiner Frau. Sie war das Aschenputtel. Er hatte sie aufs Schloss geholt. Nun senkte sie unter goldbestickter Haube bescheiden den Blick. Beide waren nicht mehr ganz jung; dafür schienen sie über die Liebe Bescheid zu wissen. Er fingerte von hinten nach ihrer Brust. Sie drehte auf zweideutige Weise an einer roten Quaste seines Gewandes. Gut, dass der Maler das Paar mit dem Nimbus von Heiligen gesegnet hatte.

»Er hat sie auf sein Schloss geholt, aber nicht geheiratet«, entnahm ich der Texttafel.

»Das war unmöglich, weil sie nicht ebenbürtig waren, aber er hat sie geliebt und über den Tod hinaus versorgt«, erzählte die Rote, als handelte es sich um ihre Großmutter. »Deshalb sind die beiden ein Symbol der Liebe jenseits von Konventionen.«

»Jenseits des Anstands?«

»Und heute«, setzte sie fort, »pilgern Liebespaare aus aller Welt hierher. Zu uns aufs Schloss. Und viele geben sich vor diesem Bild das Jawort.«

»Ach, hier kann man heiraten?«, staunte Josephine, die mit weichem Blick an dem Märchenpaar hing.

»Der Standesbeamte kommt hierher, in diesen Saal«, bestätigte unsere Gouvernante. »Gegen ein Aufgeld. Das bieten wir an, in Zusammenarbeit mit der Stadt.« Das war ihr Schlusswort. Sie wandte sich zum Gehen.

»Vielleicht kommen wir darauf zurück«, verabschiedete ich sie.

»Ach«, fiel ihr jetzt auf. »Sie verdecken ein wichtiges Bild. Wenn Sie eben beiseitegehen – das Beispiel ist unverzichtbar in der Reihe der ungleichen Paare.«

»Tatsächlich?« Es war mir unmöglich, mich umzuwenden. »Ja, es ist das erste. So etwas wie ein Klassiker. Sie stehen direkt davor.«

»Ach, wirklich?«

»Drehen Sie sich doch mal um! Der Greis und das junge Mädchen.«

Gleichheit ist nie genug

Den Schlossberg von Gotha hat der Teufel aufgeschüttet. Sogar das Landesamt für Archäologie hat diese Tatsache nach intensiven Bodenanalysen bestätigt. Von drei Erhebungen, die in mitteldeutschen Sagen als Venusberge angesehen werden, konnte man bislang zwei identifizieren. Der Gothaer Schlossberg ist, nach allem, was man jetzt gefunden hat, der dritte. Ihn umwebt die Leidenschaft eines ungleichen Paares.

Riesen und Teufel sind von jeher als Baumeister engagiert und dann um ihren Lohn geprellt worden. Auch in Gotha planten die Stadtältesten, den Teufel zuerst anzustellen und dann übers Ohr zu hauen. Der Betrug war glücklicherweise oder, wie ehrbare Zeugen sagen, entsetzlicherweise nicht nötig.

Den Berg hat einer der heidnischen Fürsten aufschütten lassen, im Mittelalter, Ludwig der Eiserne. Er meinte, sein Schloss müsste die Stadt überragen. Dazu fehlte der Berg. Ihn herkömmlich aufzuschichten hätte die Lebenszeit selbst eines gusseisernen Fürsten überdauert. Nur ein Riese wäre zum Bau in der Lage gewesen. Oder der finstere, behaarte, widderhörnige, langschwänzige Herrscher der Wollust. In Hellas war dieser Meister Pan genannt worden. Im Christentum hatte man ihn zum Teufel gekrönt.

Den also beschwor der greise Sterndeuter des Fürsten zur Mitternacht. Und der Düstere kam.

Was verlangte er für die Errichtung des Schlossbergs? Nichts Geringeres als die jüngste Tochter des Herzogs.

Ludwig gab vor, Bedenkzeit zu brauchen; er müsse mit sich ringen. In Wahrheit war seine Intrige schon fertig. Er willigte ein. Der Wilde ging an die Arbeit.

Unterdessen ließ der Fürst eine hübsche Bauernjungfer aufgreifen und prächtig einkleiden. Als wenig später der Schlossberg pompös in den Himmel ragte, pochte der Glutäugige fordernd ans Tor. Der König, heuchlerisch seufzend, führte die verkleidete Bauerntochter heran: »Da, so nimm sie denn hin, Ungnädiger, Ruchloser, nimm meine kostbare Tochter!«

Schon wollte der Wüstling mit der Falschen davonpreschen. Da geschah das schreckliche Wunder. Die wahre Prinzessin warf sich dazwischen: »Ich bin es! Lasst mich mit euch gehen!« Und leuchtenden Auges schwang sie sich zum wilden Meister aufs Pferd und ward nimmer gesehen.

Prinzessinnen, die auf sich halten, tun so etwas bis heute.

»So! Der Greis und das junge Mädchen?«, stichelte Josephine. »Nun lass doch mal sehen!«

»Der Legende nach sollen die beiden ein rauschhaftes Leben genossen haben«, fügte ich hinzu. »Ihre Kindeskinder mischen das Land hier bis heute auf.«

»Also, der alte Knacker und die Junge. Geh endlich beiseite!«

»Das Bild bedient uralte Klischees«, erklärte ich ihr. »Du kannst es gern in Augenschein nehmen, ich habe nichts dagegen, wieso auch? Aber das bringt absolut nichts!«

Sie stieß mir ihren Ellbogen in die Rippen. »Weg!«

»Ich wollte diese Geschichte eben nur erzählen, weil sie wirklich ein Klassiker ist«, brachte ich noch an. »Die Unberührte und der rohe Kerl. Rotkäppchen und der Wolf. Die Blondine und King Kong. Bad Boy und Jungfrau ...« Ich dachte an meine Tochter und ihre unbegreifliche Vorliebe für Migranten schwarzer Hautfarbe.

Aber Josephine hatte sich jetzt den freien Blick auf den Klassiker erobert, auf den Number-one-Hit: »Gott, wie widerwärtig!« Sie schien ergriffen von dem hetzerischen Bild. »Der garstige Tattergreis hier und das schüchterne Mädchen! Jetzt weiß ich, warum du die ganze Zeit wie angewurzelt davorgestanden hast.«

»... Paris Hilton und ihre Hell’s Angels«, kam mir noch in den Sinn. Und als letzter Versuch: »Ich war selbst mal ein Bad Boy.«

»Hör auf mit dem Schmalz! Du wolltest nicht, dass ich dieses Bild sehe, von diesem verwarzten Kahlkopf, wie er die Unschuld eines armen Mädchens kauft. Du wolltest nicht, dass ich die Wahrheit sehe, du feiger Egoist. Dabei ist es das erste Bild der Ausstellung! Der Anfang!«

Ich erinnerte mich an Hillary Clintons Satz: Der Feminismus sei keineswegs erloschen bei der jungen Frauengeneration, vielmehr sei er ihr in die Gene geschleust worden. Das hörte sich nach Monsanto an und nach Foodwatch und dringend erforderlichen Hinweisen auf der Verpackung. Alle männlichen Verbraucher mussten wissen, was sie erwarben.

»Völlig klar«, rief Josephine, »hier beginnt die Geschichte!«

Welche Geschichte? Wessen? Josephines? Die Geschichte jeder Frau?

»Die Geschichte der ungleichen Paare! Die arglose Jungfrau fällt auf einen reichen Alten rein, auf einen spendablen Graumelierten, der die fünfzig schon überschritten hat ...«

»Fällt herein? Willst du das für dich behaupten?« Nach meiner Erinnerung war sie jedenfalls keine Jungfrau mehr gewesen.

»Danach«, malte sie sich aus, »brennt sie mit einem Bad Boy durch, um sich auszutoben. Du bist kein Bad Boy mehr. Ich bezweifle, dass du es jemals warst. Mönch passt eher.«

Vor der Tür paradierte die Aufseherin vorbei, leuchtete alarmrot und täuschte Teilnahmslosigkeit vor. Einmal in Fahrt gekommen, schritt Josephine die Bilderreihe mit wachsendem Optimismus ab.

»Nicht so laut!«, bat ich.

»Sie befreit einen Mönch aus seiner Klause und macht ihn mit den Vorzügen des weltlichen Lebens vertraut.« Das war der Holzschnitt vom Eremiten und der betörenden Hexe. »Um zu heiraten, sucht sie sich was Solides, etwa diesen Nobeltyp.« Der Edelmann auf dem Dürer-Stich wirkte dumm und blasiert. »Millionenschwer abgesichert, kann sie sich was Lustiges leisten, einen sexy Künstler oder Fitnesstrainer. Und für die Cellulitisjahre schnappt sie sich einen unerfahrenen Jüngling.« Ihre Wangen glühten wie auf der Werbung für einen Vitamintrunk. Sie sah rundum gesund und zufrieden aus. »Ich glaube, ich habe die Ausstellung verstanden.«

Vielleicht. Einen Jüngling zu schnappen würde ihr leichter fallen, als es meiner ersten Liebhaberin gefallen war. Die war knapp vierzig gewesen, ich Anfang zwanzig. Zu der Zeit hatte es wenig aktuelle Vorbilder gegeben, eher klassische wie Kleopatra und Katharina die Große und Isadora Duncan, aber die waren zu weit weg. Harold und Maude wirkten bestenfalls skurril, eher abstoßend. Benjamin Franklins berühmte Gründe, eine ältere Frau zu heiraten, hatte ich gelesen. Aber heiraten wollte ich ja nicht. Die Frau war schon verheiratet, mit einem Mann ihres Alters, und daran wünschte ich nichts zu ändern.

Die lebenden Vorbilder für ungleiche Paare waren damals, vor nunmehr dreißig Jahren, erst langsam ans Licht gekrochen und taugten kaum als Ermutigung. Lea Massari hatte sich eine verkorkste Affäre geleistet, mit einem Fünfzehnjährigen, dessen Mutter sie in einem Louis-Malle-Film spielte. Im Fernsehen wurde Lieben Sie Brahms? wiederholt; darin stellte Ingrid Bergman dem zwanzig Jahre jüngeren Anthony Perkins nach und fiel anschließend in Depressionen. Peter Handke war zur vierzehn Jahre älteren Jeanne Moreau gezogen und bald wieder geflohen. Bestärkend war das nicht.

Aber mit Jakob und Alexander, meinen Erstsemester-Freunden, peinlicherweise noch jungfräulich, streunte ich spätabends unter den erleuchteten Fenstern durchs Viertel. Wir starrten nach oben und sehnten uns nach den Frauen dahinter, den Dreißigjährigen, die sich tagsüber mit Einkaufstüten und Kinderwagen durch die Straßen mühten. All diese mit der Langeweile verheirateten jungen Mütter! Sie waren noch rosig und halbwegs frisch und begehrenswert. Sie konnten unmöglich zufrieden sein mit ihrem Trott und ihren Männern. Sie mussten sich nach Abenteuern sehnen in ihren selten besuchten Betten!

Als edle Frühintellektuelle hatten wir die französischen Filme gesehen, die den Trend für dekadente Geister vorgaben und in denen sich die Verführung von selbst ergab. Auch Warhols Flesh hatte uns infiziert. Wir hatten uns vorgestellt, wie wir als Callboys Spaß hätten und zugleich Geld abschöpfen würden. Warum gab es so wenig Callboys? Hier waren wir! Niemand rief uns. Niemand kannte uns. Wie kam man ins Geschäft? Der Flesh-Darsteller sprang in einer späteren Fortsetzung ins Bett einer alternden Diva und strich dafür Vermögen und Connections ein. Na bitte! Das musste doch möglich sein!

Läufig und ratlos strichen wir durch die abendlichen Straßen und spähten zu den Fenstern hoch. Wie kam man als Jungstudent mit einer zehn oder zwanzig Jahre älteren Frau zusammen, einer immer noch jungen, lüsternen, vernachlässigten Ehefrau? Nicht für länger, nur mal so zwischendurch, ohne Verpflichtung, ohne Versprechen, lediglich mit dem Schwur, niemandem ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen.

Man kam nicht zusammen. Kein Weg tat sich auf. Zunächst jedenfalls nicht. Eine Zeit lang war es bei berauschenden Vorstellungen geblieben, gesteigert im gegenseitigen Anfeuern, bei in der Nachtluft verglühenden Bildern. Die erwachsenen Frauen, mochten sie noch so unbefriedigt sein, hatten uns keines Blickes gewürdigt.

Mittlerweile bemühen sich die Frauenzeitschriften, die ältere Partnerin als erotischen Standard durchzusetzen. Selbst der desinteressierteste Netzwerker kann online den Bildern von gelifteten Diven nicht entgehen, die von zwanzig Jahre jüngeren Männern begleitet werden und Triumph ausstrahlen. Kate Moss, Cameron Diaz, Demi Moore, Susan Sarandon, Tina Turner, Vivienne Westwood, Nena, Iris Berben, Lisa Fitz, Uschi Glas. Selbst Gespenster wie Joan Collins, Brigitte Nielsen, Amanda Lear oder Ivana Trump müssen als Beweis herhalten dafür, dass Frauen sich endlich offiziell erlauben, was Männer sich von jeher geleistet haben.

»Dietmar, du siehst so frustriert aus! Ist denn kein Bild für dich dabei?«

Doch, doch. »Ich hatte nur vergessen, warum ich mir keine Schlösser und Museen mehr antun wollte.« Jetzt wusste ich es wieder. Angeblich sollten die Masterpieces das Bewusstsein des Betrachters erweitern. In Wahrheit stutzten sie es aufs Versagerformat.

»Du wirst ja nicht abstreiten«, frohlockte sie, »dass dieses hier unser Zusammentreffen ist.«

Es machte ihr Spaß, mich mit dem Bild des blatternarbigen Alten zu quälen. Er war dargestellt, wie er mit einer Hand einen prallen Geldbeutel streichelte, mit der anderen das blühende junge Mädchen auf seinem Schoß. Nicht verkehrt, aber ich war hundert Jahre jünger als der Schwartenkopf. Die hier dargestellte Variante wollte ich mir für später vorbehalten.

»Das sind wir«, stichelte sie. »Oder willst du es leugnen?«

»Wie könnte ich? Es ist doch offensichtlich!«

»Ach so?«

»Ja, das ist exakt das Porträt, das am Schlosseingang von uns aufgenommen worden ist. Mit der versteckten Webcam. Die Aufseherin hat es rasch hingehängt, als wir klingelten. Deswegen hat es gedauert, bis ihr Lover die Tür öffnen durfte. Den Trick machen sie mit allen Besuchern.«

»Du kommst um die schmerzhafte Erkenntnis nicht herum«, lächelte Josephine großmütig: »Dein Weg ist bei diesem Bild zu Ende, und meiner beginnt erst.«

Die Feuerrote schielte durch die Türöffnung. Sie wollte allmählich Kaffee trinken. Sicher kannte sie die toten Winkel der Videokameras, um dabei ihrem fernöstlichen Jüngling ungestört näher zu rücken.

Ich senkte die Stimme: »Denkst du daran, dass wir noch meine Tante beerben wollen? Dazu sollten wir ein glückliches Paar abgeben. Wenigstens heute Abend und noch morgen beim Frühstück. Sonst überschreibt sie das Haus ihrer sozialistischen Seilschaft.«

»Denk du daran und mach mich glücklich!« Eine triumphale Selbstgewissheit glitzerte in ihrem Lächeln. Makellose Reißzähne. Sie hatte ihren grünen Leopardenblick mit den nadelfeinen Pupillen aufgesetzt. Fehlten noch geschliffene Krallen und ein gieriges Fauchen. Ich musste sie heiraten.

Der Gazevorhang des rechten Fensters – hinter der Vitrine mit dem Modell der ersten aller Mesalliancen, Adam und Eva – war ausgefranst vom häufigen Zurückbiegen. Eigentlich sollte hier wohl niemand aus dem Fenster spähen. Aber ein paar bedrückte Ausstellungsopfer hatten keine andere Ausflucht gewusst als den Blick hinaus.

Unmittelbar unter dem Fenster stand das Denkmal des Herzogs, daruntergestaffelt folgte eine barocke Brunnenterrasse, dann der Marktplatz, von einem sphinxhaften Rathaus bewacht. Drum herum die Schar wärmend zusammengedrängter Häuser, in denen ebenbürtige Paare wohnten, soziokulturell kompatibel, die sich gerade, jeder für sich, nach anderen, konträren Partnern sehnten, um das Gegenteil zu erleben und die ganz andere Erfahrung zu machen, in der es mehr geben musste, mehr Ekstase und Intensität, derweil sie sicher und in Frieden lebten unter sauber gedeckten Dächern, hinter sanierten Fassaden, in dieser freundlichen Spitzwegstadt. Gleichheit ist nie genug.

Gleich und Gleich gesellt sich gern und hat langfristig die besten Aussichten. Aber zwischen ungleichen Partnern herrscht die größere erotische Spannung. Dort, wo die Lücke klafft, wo der andere stets aufs Neue in die Unerreichbarkeit driftet und die Fremdheit immer wieder überwunden werden will: Dort ist die Leidenschaft.

Die Liebe am Nachmittag

Irgendwann war der Startschuss gefallen. Es hatte geklappt: bei Jakob, wenig später bei Alexander. Die beiden verdienten sich Geld mit Nachhilfeunterricht, notgedrungen, denn die Callboy-Einkünfte wollten ja nicht in Gang kommen. Nun offenbarte sich eine unverhoffte Verwandtschaft zwischen diesen Jobs. Meine Freunde stiegen ein in die Kulturgeschichte der ungleichen Paare, tölpelhaft und ungelenk, und ich fühlte mich gedrängt, hinterherzueilen.

Alexander unterrichtete einen Neunjährigen am Klavier. Jakob half einem Elfjährigen in Latein. Die Mütter mussten Mitte bis Ende dreißig sein, für uns also in sagenhaftem Alter. Bereits Frauen Ende zwanzig waren entrückt ins unvorstellbare Land der Arrivierten; begehrenswerte Frauen allerdings waren sie noch.

Jakob, vagabundierender Geschichtsstudent und sehniger Karatekämpfer, war von der Mutter seines Nachhilfeschülers beiseitegenommen worden. Sie wolle in Ruhe über dessen Lateinschwäche reden.

»Er geht jetzt zum Hockey«, lächelte sie. Der Junge packte bereits seine Sachen.

»Also, was meinen Sie?«, forschte sie, als ihr Sohn die Tür noch nicht zugezogen hatte. Er sollte hören, dass es um ihn ging und garantiert um nichts anderes. »Sind überhaupt Fortschritte zu erkennen?«

Fortschritte? Aber ja. Unbestreitbar. Natürlich! Jakob ließ sich ein paar ermutigende Worte einfallen zur Begabung des Kleinen, zu dessen verzeihbarer Ablenkbarkeit, dem guten Willen und der allmählichen Einsicht, dass man eben üben müsse.

»Na ja«, sagte die Mutter leichtherzig. »Auf jeden Fall zahle ich Ihnen jetzt mal den Monat im Voraus.« Die Floskeln hatten ihr als Gespräch schon genügt. »Ich hole das Geld.«

Sie öffnete eine Tür, hinter die Jakob bislang nie gesehen hatte, und ließ sie offen stehen. »Kommen Sie ruhig rein!«, rief sie. Jakob lehnte sich an den Türrahmen. Es war das Schlafzimmer. Die Wände waren in sanftem Hellgrün gestrichen; davor machten sich düstere Möbel breit. Ein mit Blumen gemusterter Seidenüberwurf lief in Fransen aus.

Die anheimelnd füllige Frau kramte in einer wuchtigen Kommode mit gedrechselten Säulen. Jakob fiel ein Wäscheständer auf, der lückenhaft behängt am Fenster stand. Hinter den Gardinen prickelte herbstlicher Regen gegen die Scheiben. Man hörte die S-Bahn. Die Schienen verliefen auf einem baumgesäumten Damm hinter der gegenüberliegenden Häuserreihe. In diesem Augenblick rollte der Zug vorbei, den er hätte kriegen sollen.

»Hier ist das Geld.« Die Frau tauchte rosig aus der tiefen Kommodenschublade empor.

»Man hört die S-Bahn«, bemerkte Jakob.

»Daran gewöhnt man sich«, winkte sie ab. »Und manchmal ist es ganz gut, wenn es draußen Geräusche gibt. Kann ja mal laut zugehen im Schlafzimmer.« Sie zwinkerte ihm zu.

Jakob wusste nicht recht, ob er auf diese Andeutung eingehen sollte. Vielleicht besser nicht. Seine Eltern wurden gelegentlich laut, ja, wenn sie stritten, aber das taten sie nie im Schlafzimmer. Dort ging es leise zu. Niemals passierte dort etwas Lautes, grundsätzlich ereignete sich dort nichts außer Schlaf. Sein Zimmer lag direkt daneben. Er hätte es wissen müssen.

»Herrje, entschuldigen Sie, da steht ja noch der Wäscheständer!« Vielleicht war es ihr tatsächlich erst in diesem Augenblick aufgefallen. »So etwas gehört sich ja nicht. Aber sehen Sie mal!« Sie lachte mit pausbäckiger Heiterkeit. »Wissen Sie, was das ist?« Sie winkte ihn näher, wie zu einer naturkundlichen Entdeckung, die man mit der Lupe würdigen musste.

»Na?«, wiederholte sie wie eine nachsichtige Lehrerin. »Erkennen Sie das?«

Jakob sah unsicher hin. Es handelte sich um Frauenunterwäsche. Vor allem um sogenannte Slips, in lockerer Reihe aufgehängt an roten Plastikklammern. Er wollte daran nichts Sehenswertes finden.

Sie lächelte geheimnisvoll. »Das ist meine Reizwäsche.« »Ach so.« Das Wort war ihm fremd.

»Und ich glaube, das müsste inzwischen alles ... « Sie befühlte den Stoff. »Ja, das ist alles trocken. Hier.« Sie nahm einen Slip ab. »Sehen Sie mal, wie zart so etwas gearbeitet ist.«

Sie hielt ihm das Kunstwerk hin. Es war winzig. »Fühlen Sie mal. Ganz feine Spitze, hinten die süße Schleife, vorn transparent. Da ist kaum noch Stoff dran!« Darauf war sie stolz.

Sie legte ihm den Slip in die Hände, weil sie noch etwas anderes vorführen wollte. Sie nahm die Klammern ab. »Das Negligé!« Sie hielt es gegen das Fenster. »Fast durchsichtig!«

»Stimmt«, gab er folgsam zu. Er hielt den Slip in den Händen wie ein Tropenforscher eine neu entdeckte Kröte, deren Giftigkeit noch ungeklärt ist.