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Die Straßen von Neukölln-Süd Harm Harmsen könnte so ein guter Ermittler sein. Wären da nicht die zahlreichen Neurosen, seine Abscheu vor Computern und anderem neumodischen Quatsch sowie die für einen Ostfriesen nicht ganz untypische Sturheit. Bei seinem neuesten Fall bekommt Harmsen daher die zwanzig Jahre jüngere Peggy Storch zur Seite gestellt: digitale Forensikerin, brillant, aufsässig, Teamarbeit liegt auch ihr nicht so. Zwei Ermittler mit Stärken und Schwächen. Und sie sollen sich offenbar gegenseitig kontrollieren. Der Mord hat in einer Laubenpiepersiedlung südlich des S-Bahn-Rings stattgefunden. War dies eine politische Gewalttat? Ein Beziehungsdelikt? Schlichte Habgier? Die Freundin des Toten wirkt ehrlich erschüttert, doch Peggys DNA-Analyse belastet sie schwer. Allerdings führen die hypermodernen Recherchemethoden in eine Sackgasse. Und aus der finden die beiden sich gegenseitig so herzlich verachtenden Ermittler am Ende nur gemeinsam heraus. Ein Roman, drei Hauptrollen: Harm Harmsen, Peggy Storch, Berlin
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2018
Sebastian Kretz
Tatort Neukölln
Kriminalroman
Die Straßen von Neukölln-Süd
Harm Harmsen könnte so ein guter Ermittler sein. Wären da nicht die zahlreichen Neurosen, seine Abscheu vor Computern und anderem neumodischen Quatsch sowie die für einen Ostfriesen nicht ganz untypische Sturheit. Bei seinem neuesten Fall bekommt Harmsen daher die zwanzig Jahre jüngere Peggy Storch zur Seite gestellt: digitale Forensikerin, brillant, aufsässig, Teamarbeit liegt auch ihr nicht so. Zwei Ermittler mit Stärken und Schwächen. Und sie sollen sich offenbar gegenseitig kontrollieren.
Der Mord hat in einer Laubenpiepersiedlung südlich des S-Bahn-Rings stattgefunden. War dies eine politische Gewalttat? Ein Beziehungsdelikt? Schlichte Habgier? Die Freundin des Toten wirkt ehrlich erschüttert, doch Peggys DNA-Analyse belastet sie schwer. Allerdings führen die hypermodernen Recherchemethoden in eine Sackgasse. Und aus der finden die beiden sich gegenseitig so herzlich verachtenden Ermittler am Ende nur gemeinsam heraus.
Ein Roman, drei Hauptrollen: Harm Harmsen, Peggy Storch, Berlin
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2018
Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
Umschlagabbildungen Sergey Kohl/shutterstock.com; Rene Zieger/OSTKREUZ
ISBN 978-3-644-40383-3
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Im Prinzip hat Harmsen nichts gegen den Tod. Aus Sicht der Historiker sind sowieso die meisten Menschen tot. Genau genommen verdient Harmsen sogar sein Geld mit dem Tod anderer Leute. Und doch ist er nicht mit sich im Reinen, als er kurz vor seinem zweiundfünfzigsten Geburtstag zum ersten Mal auf einen Menschen schießt. Nicht wegen der Person, auf die er zielt. Die hätte es verdient. Sondern wegen der Umstände, die ihn, zerzaust, schweißnass, japsend, blutend, zitternd und ohne Schuhe, in das Wäldchen geführt haben, an dessen Rand er sich nun die Dienstpistole zu zücken gezwungen sieht.
Es ist nicht so, dass Kriminaloberkommissar Harm Harmsen mächtig viel erwarten würde vom Leben. Wenn er abends nach Hause kommt, schnell einen Parkplatz findet und der Calvados nicht leer ist, sind seine Wünsche im Wesentlichen erfüllt. Ab und an fährt er zur Bibi oder guckt in den Fernseher. Außerdem erfreut er sich an seinem guten Bariton, den er abends nach dem zweiten Doppelten, das wellige Laminat seines Fußbodens rhythmisch einebnend, zum Absingen der Marseillaise einsetzt.
Dass Holger Gschwendtner tot ist, lässt sich aber durchaus als Problem bezeichnen. Sein erzwungenes Ableben, das jetzt Harmsens ersten Dienstwaffengebrauch nötig macht, hat in einer verhängnisvollen Verkettung von Ereignissen den jahrzehntelang eingeübten und somit halbwegs erträglichen Trott des Kommissars durcheinandergebracht. Und wenn es etwas gibt, das ihn aufwühlt, dann sind das Geschehnisse, die seinen Trott durcheinanderbringen. Das hat damit angefangen, dass er an einem Montagmorgen um halb sieben zur Leiche musste, und zwar so, dass er vorher nicht einmal Zeit hatte, einen Tee zu kochen. Im Rückblick wäre Harmsen aber aus freien Stücken ein ganzes Jahr lang frühmorgens teelos aus dem Haus gegangen, wenn sich so hätte vermeiden lassen, was wenige Tage nach dem Leichenfund geschah: In einem Vierteljahrhundert bei der Mordkommission ist er nicht auf solche Weise gedemütigt worden (und es braucht viel, um einen wie ihn zu demütigen).
Endgültig ist der Fall aber an ebendiesem Nachmittag außer Kontrolle geraten, als Harmsen, der zu Recht als langsamster und linkshändigster Mitarbeiter der Berliner Polizei gilt, seinen steinalten Opel Rekord wie einen Rennwagen durch die Stadt jagte. Eine schwer mordverdächtige Person über Stock und Stein verfolgte. Schließlich die Pistole zog und nun verzweifelt darauf hofft, dass sein totales Versagen bei der Schießprüfung vor über fünfundzwanzig Jahren reiner Zufall war.
Wenn das so weitergeht, wäre es vielleicht doch besser, die Menschen würden aufhören zu sterben. Oder Harmsen würde aufhören zu ermitteln. Aber was sollte er stattdessen machen?
Am Morgen des neunten Mai, sechs Uhr, schrillt neben Harmsens Bett das Telefon. Der Kommissar, der zu jener Sorte Mensch gehört, die – wenn überhaupt – erst aufstehen können, nachdem sie die Weckung mindestens fünfmal weggedrückt haben, stöhnt. Man könnte es auch als Grunzen bezeichnen. Er haut auf das Telefon, findet die Schlummertaste nicht. Haut noch mal – immer noch keine Schlummertaste. Merkt, dass das Telefon keine Schlummertaste hat, weil es das Telefon ist und nicht der Wecker. Erinnert sich, dass niemand seine Festnetznummer kennt außer der Bibi und dem Dezernatsleiter, und die Bibi ist niemals vor halb zehn wach. Denkt, dass er drangehen sollte, wenn der Chef so früh anruft. Überlegt, doch nicht dranzugehen. Nimmt schließlich wortlos ab.
«Harmsen, alter Freund, wir haben hier einen Leckerbissen für Sie.»
Spätestens bei dem abstoßenden Klang des Worts Leckerbissen müsste der Kommissar tun, was jeder gesunde Mensch täte, nämlich sofort auflegen, zumal der Dezernatsleiter weder sein noch, soweit Harmsen das beurteilen kann, irgendjemandes Freund ist. Aber er befindet sich, wie wir später feststellen werden, dem Dezernatsleiter gegenüber in einer Situation, die diplomatisches Geschick erfordert.
«Kolonie Deutsche Freiheit e.V., in dem Gewerbegebiet am Neuköllner Schifffahrtskanal. Da liegt ein Kleingärtner tot in seiner Laube, Parzelle fünfunddreißig. Holger Gschwendtner. Bis halb sieben sind Sie bitte da. Spurensicherung ist unterwegs. Wünsche viel Vergnügen.»
Um Gottes willen. Eine Laubenkolonie.
Nicht dass Harmsens Lebensentwurf in irgendeiner Weise exotisch wäre. Vom Wesen her gäbe er selbst einen fabelhaften Kleingärtner ab. Wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum er dieser Szene gegenüber gewisse Vorurteile hegt. Aber ihm bleibt jetzt nichts übrig, als einen Pullover über die rotweißgestreifte Pyjamajacke zu zerren, in die Hose von gestern zu schlüpfen und ungekämmt das Haus zu verlassen (Letzteres wird kaum auffallen, da von einer überschaubaren Anzahl Haare die Rede ist). Er tippelt in einem Tempo die vier Stockwerke hinab, mit dem er jeden Zwei- und sogar den einen oder anderen Dreijährigen überholen würde, steigt in den rostroten Rekord und gurkt los. Gurkt, weil der dritte Gang nicht einspringt, vom vierten ganz zu schweigen, weswegen Harmsen selbst auf der Stadtautobahn, wo achtzig erlaubt ist, aber alle hundert fahren, nicht über sechzig hinauskommt.
Als Kriminaloberkommissar, Besoldungsgruppe A10, bekäme er spielend einen Neuwagen finanziert. Das kommt für Harmsen, der ein Freund klarer Worte ist, aber nicht in Frage. Weil hier als finanziert bezeichnet wird, was ja gerade nicht finanziert ist, weil es erst noch bezahlt werden muss. Außerdem pflegt Harmsen Autos gegenüber dieselbe Leidenschaft, die er Kleidung, Möbeln oder digitalem Spielzeug entgegenbringt, also keine. Den Rekord hat ihm vor Jahrzehnten eine Großtante hinterlassen, und da sich die Räder, wenn auch immer schwerfälliger, bis heute drehen, kann er keinen Anlass zu einem Wagenwechsel erkennen. Überhaupt sind die einzigen beiden Dinge, für die er jemals größere Summen ausgegeben hat, der dreißigbändige Brockhaus und die Bibi. Die Bibi ist Harmsens wichtigster weiblicher Kontakt (strömte nicht vierhundert Kilometer weiter nordwestlich zum Erstaunen der Nachbarn noch immer minütlich ein gutes Dutzend Züge Deichluft durch Mutter Harmsens Lunge, wäre sie sein einziger). Aber seien Sie jetzt nicht überrascht, dass ein Typ wie der überhaupt Kontakte zu Frauen pflegt: Harmsen ist kein Mönch. Obwohl sein Leben dem eines Mönchs in vielerlei Hinsicht ähnelt, und zwar nicht nur wegen der kreisrunden Lichtung auf seinem Schädel.
Berliner Niemandsland. Hier gibt es nur Gebrauchtwagenhändler, Tiefbaufirmen und einen Holzgroßmarkt. Wenn etwas auffällt, dann die unverhältnismäßig hohen Pfeiler, auf denen das sechsarmige Autobahndreieck ruht. Oder die ebenfalls unverhältnismäßige Braunwässrigkeit des Schifffahrtskanals. Oder der größte Recyclinghof der Stadt, in dessen Gruben Sie mehrere Waschmaschinen auf einmal entsorgen dürfen. Andererseits ist es hier nicht mehr ganz so freudlos wie früher, denn der wenige hundert Meter entfernte Flughafen wurde vor ein paar Jahren stillgelegt. Dessen Gelände wimmelt neuerdings von Windskatern, Kiteboardern und Anhängern verwandter Ingenieurssportarten. Der Fluglärm ist weg, was dazu geführt hat, dass zugereiste Grafiker aus aller Welt sowie jene bedauernswerten Flüchtlinge, die ihren süddeutschen Kulturkreis wegen liberalen Gedankenguts verlassen mussten, über die Straßennamen zwischen Flughafen und der Deutschen Freiheit nicht mehr die Nase rümpfen. Das wiederum freut all jene, die dort unbewegliches Eigentum besitzen: Sie können jetzt überall eine Null dranhängen.
Scheppernd bringt Harmsen den Rekord auf einem kleinen Kiesplatz zum Stehen. Neben dem Eingang zu den Kleingärten steht ein umweltpapierfarbener Flachbau mit vergitterten Fenstern, über dem Tor prangt in Fraktur der Schriftzug Kolonie Deutsche Freiheit e.V. Harmsen muss durch die Fliederstraße in den Veilchenweg, um zum Toten zu kommen. Was mühsamer ist, als es klingt, denn mit dem Rekord darf er da nicht durch, Paragraph dreizehn der Laubenordnung, und Fußarbeit gehört nicht zu seinen Stärken. Harmsen hat schwaches Bindegewebe. Einmal ist er einem Bus hinterhergerannt, da riss ihm die Achillessehne, und er musste wochenlang humpeln. Das Kreuzband hatte er auch schon zweimal durch. Sport ist inzwischen kein Thema mehr, war es allerdings auch vorher nie. Am Bauch spannt Harmsens beigefarbener Trenchcoat, während er ihn an den Ärmeln umkrempeln muss.
Dass der trenchcoattragende Ermittler ein arg ausgeschlürftes Klischee ist, weiß Harmsen natürlich. Gelegentlich stellt er sich in voller Ummantelung vor den Spiegel und versucht, blitzartig die Dienstpistole zu zücken (meist erfolglos, weil sie unter dem zweireihig geknöpften Stoff festsitzt). Humorforscher sagen ja, Witz entstehe, wo Erwartung und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Was erklärt, warum Harmsen über sein eigenes Abbild gelegentlich ins Lachen gerät, nicht aber, warum er dabei keine Bitterkeit empfindet.
Leitkulturpflanze der Deutschen Freiheit ist der Niederstammobstbaum, der gut hierher passt, weil er nicht nach Höherem strebt. Der Kommissar geht also durch Apfelblüte zur Parzelle fünfunddreißig. Dabei bröckelt gleich ein erstes Steinchen aus Harmsens Vorurteilsmauer: bisher kaum Gartenzwerge. Genau genommen findet er keinen einzigen, bis er bei der besagten Parzelle ankommt. Und der, den er da sieht, sitzt mit heruntergelassener Hose auf einem Zwergenklo, was Harmsen milde Freude bereitet. Überhaupt fällt die Fünfunddreißig ein wenig aus der Reihe. Nicht nur wegen der Leiche. Der Rasen wuchert wild, steht voller Löwenzahn und anderem pflanzlichen Gesindel. Und kein Jägerzaun trennt Parzelle und Weg.
Die Hütte, die der Kommissar betritt, entspricht dagegen voll seinen Erwartungen. Balkangrillgarnitur aus Weißplastiktisch und passenden Stühlen. Auf dem Boden Spanplatten, darauf ein Schlafsofa, Farbton Dörrorange, ein Röhrenfernseher auf Spitzendeckchen auf Tischchen sowie eine Kommode von der Sorte, die man erst vom Wohn- ins Gästezimmer gestellt hat und dann in die Waschküche, und dann waren die Siebziger immer noch nicht vorbei. Andererseits steht neben der welkenden Couch ein Sessel aus schwarzem Leder, dessen Polsterung Stangen aus blitzendem Chrom zusammenhalten. Weil die Stangen so wild geschwungen sind, erkennt sogar Harmsen, dass es sich um ein sogenanntes Designmöbel handeln muss.
Zwischen Sofa und Sessel liegt ein eindeutig toter Mann Ende dreißig. Eindeutig, weil seinen Oberkörper ein Dutzend Körperöffnungen zieren, die der menschliche Bauplan nicht vorsieht. Auf der Nase des Toten sitzt eine Brille, die größer und dickrandiger ist als normale Brillen. Oder, nennen wir es beim Namen, hässlicher. In der Hackordnung des Schulhofs gehörten Bebrillte zu den wenigen, die nicht über Harmsen standen. Kurzsichtigkeit rechnet sich nämlich zu der kleinen Zahl von Gebrechen, die ihm bisher erspart blieben. Warum sollte man einen solchen Makel auch noch betonen? Jedenfalls könnte dieser Holger Gschwendtner einer von denen sein, die vor ein paar Jahren in Harmsens Viertel aufgetaucht sind. Das wird jetzt nicht mehr nur von Türken und Arbeitslosen bewohnt, sondern auch von Leuten, die es für gelungene Ironie halten, auszusehen wie einer, der dem Lehrer die Tasche trägt. Dafür spricht neben der Brille auch die Hose, die Harmsen pietätloserweise lächerlich erscheint, denn sie ist hauteng. Eine hautenge Hose lässt jeden Oberkörper karikaturhaft umfänglich wirken, selbst dann, wenn er am Vorabend nicht zerfleddert wurde. Außerdem ist die Hose des Toten mintgrün. Bemerkenswert ist das alles, weil selbst jemand wie Harmsen, der sich von jeder Art von Szene fernhält, sofort sieht: Eine kreuzbodenständige Laubenkolonie und eine großbrillige Bunthose, das passt nicht zusammen.
Der von der Spurensicherung ist, wie die meisten Menschen, schneller als Harmsen. «Moin», sagt dieser. Sie kennen das aus dem Fernsehen, wenn ostfriesische Bauern eine Frau finden oder nach Neuseeland auswandern wollen. Es klingt wie Morgen, kommt aber von mooi, das heißt gut, bedeutet also ’n Guten, wobei nicht festgelegt wird, ob ein guter Morgen, Mittag, Nachmittag, Abend oder gar eine gute Nacht gewünscht werden soll. In Berlin weiß das kein Mensch, weswegen man Harmsen oft für debil hält. In diesem Fall ist der Morgen leider noch in vollem Gang.
«Tachchen», antwortet der Mann im weißen Schutzanzug, der mit Handschuhen und Plastikbeuteln neben der Leiche kniet.
«Und?»
«Wat und?»
«Na da.»
«Wo?»
Harmsen nickt zur Leiche. «Sie liegen doch beinahe drauf. Noch nichts gefunden?»
«Ach, die Leiche.» Der Mann im weißen Anzug richtet sich auf. «Is jestern zirka einunzwanzich Uhr abjenibbelt. Todesursache Herzbeuteltamponade oder innere Blutungen, schätz ick, verursacht durch mehrere Stiche mit einem Gegenstand, der vermutlich drei Zinken jehabt hat.»
«Ein Dreizack?», fragt Harmsen, der nichts dafür kann, dass ihm das humanistische Gymnasium immer wieder hochkommt. Und dem schwant, was die Presse daraus machen wird: Wer ist der Neptun-Killer? Zumal Ritualmörder, die solche symbolischen Waffen benutzen, meistens auch Serienmörder sind. Wann sticht Poseidon wieder zu?
«Sieht dit hier aus wie’n Angelverein? Mit ’nem Dreizack könnse jar nich sone säuberliche Furchen ziehen. Ick würd ma tippen, Tatwerkzeuch is’n Kultivator jewesen.»
So offenherzig wie Gschwendtner da in seiner Lache aus Blut liegt, hat Harmsen nicht den Eindruck, als sei es am Sonntagabend darum gegangen, Kultur herbeizuführen. Er zieht die Augenbrauen hoch.
«Kennse nich? Damit könnse Unkraut jäten. Oder Erde ufflockern. Im Prinzip wie ’ne Harke, aber ohne Stiel. Und mit drei richtich böse jebogenen Zacken.»
Harmsen fragt, auf nüchternen Magen, lieber nicht nach, auf welche Weise genau das Innere der Leiche aufgelockert wurde. Ihm reicht bis auf weiteres, dass die Person, die Gschwendtner für Unkraut hielt, gründlich gejätet hat. Erstaunlich bloß, wie sauber der Tatort ist. «Das, was der Täter aus dem Toten rausgeholt hat – müsste das nicht irgendwo hier liegen?»
«Da hat eener sauber jearbeitet. Keen fremdet Blut, keene Haare, keene Hautschuppen, keen Sperma, keene Spucke, keen Schweiß, keene Fingerabdrücke, soweit ick dit erkennen kann. Ansonsten keene weiteren Beweismittel. Schon gar keen Kultivator. Ick würd sagen, da is eener beim Uffräumen überrascht worden. Weil: Spuren beseitigt, aber Leiche noch vor Ort.»
Der Spurensicherer packt Lupe, Pinsel, Pinzette, Pipette, Fingerabdruckband zurück in seinen Koffer. «Wollnse noch’ne Sekunde unter vier Augen?»
Harmsen schüttelt den Kopf und klopft dem anderen auf die Schulter.
«Dann lass ick ihn abtransportieren.» Der Kriminaltechniker richtet sich auf und wendet sich zur Tür. «Ach so: Wie ick anjekommen bin, war der Oberlaubenpieper da. So’n janz Vornehmer, mit Schlips und Kragen. Hat jesacht, Sie finden ihn in seinem Büro im Vereinsheim.»
Harmsen nickt. Er wollte sowieso mit dem Führer sprechen. Mag sein, dass der Tote äußerlich mit dem Abziehbild des gärtnernden Nationalisten nicht übereinstimmt. Aber dass in Laubenkolonien grundsätzlich in den geographisch bequemen, weltanschaulich aber hautengen Grenzen von 1942 gedacht wird, ohne den Führer also nichts geht, von diesem Vorurteil mag Harmsen sich noch nicht trennen. Außerdem war es ein gewisser Dehler, Vorsitzender des Kolonie Deutsche Freiheit e.V., der am Morgen Gschwendtners Tod gemeldet hat.
Bevor wir ihn an sein kommissariales Werk gehen lassen, müssen wir etwas klären: Harmsen, der geboren wurde, als der erste Sputnik ins All flog, unterscheidet zwischen zwei Sorten von Ermittlern: dem Schachspieler und dem Gameboyspieler. Der Gameboyspieler geht davon aus, dass sich alles in der Welt messen lässt. Wenn man bloß genug misst, denkt der Gameboyspieler, lässt sich jedes Verbrechen aufklären. Er nimmt Fingerabdrücke und gibt sie in seinen Gameboy (falls Sie noch jung sind und mit dem Begriff Gameboy nichts anfangen können: Das ist ein Videospielgerät aus den späten Achtzigern, das einzige, das Harmsen kennt). Er sammelt Haare und Hautschuppen und wirft sie in seinen Gameboy. Er vermisst Tatorte mit seinem Gameboy, durchsucht Datenbanken mit seinem Gameboy, und zum Schluss sagt er «2,718» oder «42» oder irgendeinen Fachbegriff, und die anderen Gameboyspieler lachen verschwörerisch, weil sie verstanden haben, wer der Mörder ist.
Der Schachspieler versteht die Ermittlungsarbeit als Partie gegen den Mörder. Er befragt Zeugen, ermittelt Motive, prüft Alibis, vergleicht verschiedene Versionen derselben Geschichte. Dank dieses Wissens, getränkt am tiefen Quell seiner Menschenkenntnis, erkennt er, wann sein Gegenspieler ein Bauernopfer erbringt, rochiert, verzweifelt genug ist, seine Dame zu opfern. Irgendwann hat er ihn in eine Ecke des Spielbretts gedrängt, aus der er sich mit eigener Kraft nicht mehr befreien kann. Die letzten Züge müssen präziser sitzen als alle davor. Und dann ist der Gegner schachmatt.
Sie ahnen, zu welchem Typ Harmsen sich zählt. Nicht, dass er glauben würde, jeder Fall lasse sich ausschließlich kraft kommissarialen Scharfsinns lösen. Er gesteht dem Gameboyspieler durchaus eine Rolle zu, nämlich die eines Novizen des örtlichen Schachclubs, der dem Großmeister den Stuhl zurechtrücken darf.
Klar, dass er damit im Allgemeinen falsch liegt. So falsch übrigens, dass der Dezernatsleiter ihn bereits mehrfach gerügt hat. Kürzlich etwa verzögerten sich die Ermittlungen in einem Mordfall um Wochen, weil Harmsen eine Hautschuppe nicht im Labor hatte untersuchen lassen. Damals kündigte der Chef sogar Konsequenzen an. Aber wenn Sie ein paar Jahrzehnte Dienst in einer Einrichtung geleistet haben, deren Name «Amt» oder «Verwaltung» enthält und auf deren Briefkopf ein Adler schnappt oder, noch schlimmer, ein Bär tappt, dann können Sie sich denken: Da kommt so bald nichts. Andererseits schätzt Harmsen den unangenehm frühen Anruf heute Morgen durchaus als bedrohlich ein; bisher hatte der Chef ihm derlei Schikanen erspart.
Bevor er zu Dehler geht, durchschnüffelt er die Laube. Auf der Kommode liegen, neben einer Ausgabe des Architectural Digest, deren Titelbild eine luftige Terrasse mit Meerblick zeigt, ein Netzteil und Kopfhörer mit weißen Kabeln. Hier kommt der besagte Harmsen’sche Scharfsinn ins Spiel. Zwar war der Kommissar wahrscheinlich der letzte Mensch in Berlin, der ein Mobiltelefon erwarb, das anschließend ein halbes Jahr lang ungenutzt herumlag, weil Sie mit über fünfzig die Betriebsanleitungen nicht mehr so schnell auswendig lernen wie als junger Mann. Dass normale Leute derartige Geräte beinahe täglich nutzen, ist ihm aber nicht entgangen. Wenn Gschwendtner den Gentrifizierern aus Harmsens Viertel nicht nur in der Kleidung, sondern auch im Verhalten glich, dürfte er an seinem geradezu geklebt haben. Ausgeschlossen, dass er es am Vorabend nicht bei sich hatte. Natürlich müsste die zu findende Person auf der anderen Seite des Schachbretts, wenn sie ein würdiger Gegenspieler ist, ihres Opfers Mobiltelefon beim Großreinemachen beseitigt haben. Andererseits scheint sie genau dabei unterbrochen worden zu sein.
In den Kommodenschubladen findet er Elastolinsoldaten – Stabsgefreiter Wehrmacht Gewehr bei Fuß, Sturmbannführer Leibstandarte SS Adolf Hitler marschierend – und einen Stapel Ausgaben der von Pazifismus ähnlich weit entfernten Zeitschrift Nachkrieg, allerdings kein Mobiltelefon. Immerhin steht Harmsens Vorurteil vom rückwärtsgewandten Laubenpieper jetzt auf dem Boden der Tatsachen. Andererseits passt Nazipropaganda auf den ersten Blick nicht zu dem modernistischen Magazin, das auf der Kommode liegt. Und noch weniger zu dem Tütchen, das eine nicht justiziable Menge Marihuana enthält und Harmsen nur deshalb auffällt, weil es nicht wie üblich durchsichtig, sondern silbergrau schimmernd und mit einer maskierten Kampfschildkröte bedruckt ist.
Als enttäuschend erweist sich auch die Durchsicht des Technikparks auf dem Buchenholz imitierenden Fernsehmöbel. Da ist zwar ein großer Bildschirm, an den mittels eines unschönen Kabelgestrüpps ein schwarz schimmernder Monolith angeschlossen ist, dessen Funktion sich dem Kommissar nicht erschließt. Darauf liegen zwei ähnlich nutzlose Gegenstände, die sich näherungsweise als kunststoffene Croissants mit Knöpfen beschreiben lassen. Selbst Harmsen erkennt, dass man mit denen nicht telefonieren kann.
Aussichtsreicher ist die Jeansjacke, die neben der Tür hängt. Wo, wenn nicht in der Jackentasche, würde ein vernünftiger Mensch sein Mobiltelefon aufbewahren? Aber da ist nur eine angebrochene Tüte Weingummis, deren Inhalt so scheußlich schmeckt, dass Harmsen sie in die Ecke wirft, kaum dass er in die erste Gelatinefrucht gebissen hat. Mangels nennenswerter Eigenerfahrung mit Mobiltelefonen muss er jetzt extrapolieren. Der Kommissar verbringt viel Zeit damit, Dinge, die ihm im Lauf des Tages aufgefallen sind, abends in der Enzyklopädie nachzuschlagen. Der Ort, an dem er diese private Fortbildung am intensivsten betreibt, ist das Klosett. Da Leute wie Gschwendtner, vermutet Harmsen, ihr Weltwissen aus dem Mobiltelefon beziehen, wäre es nicht abwegig, dass sie dieses dort bedienen und gelegentlich auch zurücklassen. Auf dem Fenstersims des Aborts liegt aber nur eine weitere Zeitschrift, nämlich die Immobilienwirtschaft, und anderswo wäre in dem kaum mehr als einen Kubikmeter umfassenden Verschlag kein Platz.
Harmsen setzt sich auf das zerschlissene Sofa, lässt die Arme nach hinten fallen, zieht sie aber angesichts der Krümeldichte in den Polsterritzen gleich wieder zurück. Verblüffend, wie alles, was auf ein Sofa fällt, sich in den Ritzen sammelt. Als hätte der Weltverband der Möbelhersteller aus unerfindlichem Grund einen ritzenseitig zu verbauenden Generalmagneten entwickelt, der jegliche Materie ansaugt, Kekskrümel, Münzen, Bleistifte, gar kleinere Elektrogeräte.
Nun gut, genug ermittelt. Harmsen rafft sich hoch und schlurft zur Tür. Aber sein Unterbewusstsein ist freundlich genug, doch noch zusammenzuführen, was zusammengehört; der Kommissar vollzieht eine Wendung und tappt erneut auf das Sofa zu, vor dem er sich unter Ausstoß eines Seufzers niederlässt, wie man ihn erst in der zweiten Lebenshälfte zuwegebringt. Er holt ein Paar Handschuhe hervor, zieht sie über, steckt den Zeigefinger tief zwischen Rückenpolster und Sitzkissen und führt ihn wie eine Kreditkarte im Lesegerät durch die Ritze. Erste Erkenntnis: Die Weltverschwörung der Möbelhersteller gibt es wirklich. Zweitens: Gschwendtner oder wer immer das Sofa regelmäßig besetzte, hatte eine Vorliebe für Gelatinetiere sowie Schwierigkeiten, Kupfermünzen der Währungen Euro und Deutsche Mark bei sich zu behalten. Und drittens stößt Harmsens Finger etwa fünfzehn Zentimeter bevor er am Ende der Polsterritze angekommen ist, auf einen Widerstand. Der Finger ruckelt, zuppelt, gleitet hinter eine Kante, zieht. Als er wieder auftaucht, schiebt er einen flachen, verglasten Gegenstand vor sich her, der äußerlich mit dem sechzehntastigen Kunststoffklotz in Harmsens äußerer Trenchcoattasche nichts gemein hat, aber zweifelsfrei der Geräteklasse der Mobiltelefone zuzuordnen ist.
Nach mehreren Minuten, während deren Apparat und Kommissar einander anschweigen, ringt sich Letzterer durch, an Ersterem den einzigen vorhandenen Knopf zu drücken. «Bitte PIN eingeben», erscheint unter der Glasscheibe. 1234 funktioniert nicht. 4321 auch nicht. Dasselbe mit 0000, 1111 und so fort. Da das Gerät nach Eingabe der 6666 warnt, beim nächsten Fehlversuch werde es sämtliche Daten löschen, bricht Harmsen seine Versuchsreihe lieber ab, obwohl er persönlich die 7777 für einen gewieften Code hält: im Vergleich zur 1234 geradezu abwegig, dennoch leicht zu behalten. Das Mobiltelefon wandert in den Trenchcoat und dieser in Richtung des Vereinsheims.
Aber als Harmsen auf die Waschbetonfliesen des Veilchenwegs tritt, nähert sich jemand im Hinterbliebenengang. Ist so ein Privatwort von Harmsen. Wenn Sie zigmal beobachten, wie Menschen auf die Nachricht reagieren, dass ein Verwandter oder Freund tot ist, dann erkennen Sie das Muster: Die Schultern hängen. Den Bewegungen fehlt Kraft. Der Blick geht ins Leere, die Mimik gerinnt zur Maske. So reagieren jedenfalls die, die ehrlich trauern. Sowie die, die gut schauspielern.
Harmsen braucht also nicht abzuwarten, bis die sich nähernde Gestalt Parzelle fünfunddreißig betritt. Falls heute Nacht im Veilchenweg nicht noch einer gestorben ist, kommt sie wegen Gschwendtner. Auffällig ist der Gegensatz zwischen schwermütiger Körpersprache und todesverachtendem, nach Harmsens Maßstab ans Kindische grenzendem Äußeren: eine Frau Anfang dreißig, blondes Haar bis zum Rücken, um die Schultern eine Art Bomberjacke mit pinkfarbenen Bündchen und großflächigen, ohne jedes System angeordneten Klecksen. Die Füße stecken in hochtechnologisch anmutenden Turnschuhen, die ihre Trägerin vermutlich auf Knopfdruck in die Stratosphäre katapultieren können.
Dass sie sich nähert, bringt Harmsen in eine Zwickmühle: Einerseits ist er Ermittler und sie vermutlich eine wichtige Zeugin. Er muss mit ihr sprechen. Andererseits ist das Trösten nicht seine Stärke. Zwar guckt er seit Jahrzehnten im Abendprogramm dieser Phantasiekommissarin zu, die immer im rechten Moment das Rechte sagt. Die ahmt er so beflissen nach, dass es ihm in Zeugengesprächen gelingt, seinen Scharfsinn durch einen Situation und Gegenüber einigermaßen angemessenen Tonfall zu ergänzen. Aber nur, weil das Befragen Teil der Schachpartie ist. Wenn es darum geht, Leid zu lindern, ohne den Fall voranzubringen, fällt ihm nichts ein. Nicht, dass er herzlos wäre: Harmsen hat Dutzende Mordfälle untersucht; wenig geht ihm näher als das Leid von Leuten, die einen Angehörigen verloren haben. Aber bloß weil Sie Mitgefühl haben, heißt das nicht, dass Sie auch über einen Werkzeugkasten voller warmer Worte verfügen. Bei Harmsen jedenfalls ist dieser Kasten, vorsichtig ausgedrückt, leer.
Zum Glück raucht auf dem Parzellenrasen noch der Spurensicherer; er wird sicher den richtigen Ton treffen. Harmsen guckt schnell in die andere Richtung und geht eine Runde drehen. Um zu erklären, warum er praktisch gleich wieder zurückkommt, müssen wir noch tiefer ins Reich seiner Neurosen tauchen. Am besten stellen Sie sich vor, dass sein Seelenleben von einer Art Generalneurose beherrscht wird. Diese metastasiert in die entlegensten Winkel des Kommissarsgemüts und nimmt dort verschiedene, gelegentlich widersprüchliche Formen an. Bei Harmsen, der sich ungern aus eigener Kraft fortbewegt, löst zielloses Herumgehen ein Gefühl von Nutzlosigkeit aus, das, einmal ausgelöst, schnell ins Unerträgliche wächst. Andere Leute greifen in dieser Situation zum Mobiltelefon und informieren sich beispielsweise über die jüngsten Raketentests absonderlich frisierter Diktatoren, aber dieser Lösungsweg ist Harmsen bekanntlich versperrt. Nach kurzer Zeit hält er die Verbindung geistigen Nichtstuns mit körperlicher Betätigung nicht mehr aus, macht kehrt und lässt seine Hand in Richtung der Turnschuhträgerin fallen: «Moin, Harm Harmsen, neunte Mordkommission.» Das genügt schon, dass sie ihre Hände vors Gesicht hält und schluchzt. Die Leute wissen ja nicht, dass, was von einer Mordkommission untersucht wird, nicht zwangsläufig ein Mord ist. Solange kein Urteil gesprochen ist, kommen beispielsweise auch ein Totschlag, eine fahrlässige Tötung, ein Unfall ohne Fremdverschulden oder gar ein natürlicher Tod in Frage. Wobei Gschwendtners Äußeres oder, besser gesagt, Inneres eher nicht auf einen unglücklichen Sturz hindeutet.
«Entschuldigen Sie, Frau …»
«Blischniok, Nadine.»
«… ich werde Ihnen leider ein paar Fragen stellen müssen.» Hier, im Übergangsbereich zwischen Trösten und Befragen, gewinnt er Boden unter den Füßen. Er denkt an die Ermittlerin aus dem Fernsehen und guckt Nadine Blischniok in die Augen wie ein Vierjähriger, der seine Milch verschüttet hat. Sie guckt auf dieselbe Weise zurück und nickt.
«Frau Blischniok, Sie wissen, was hier gestern Abend passiert ist?»
«Jochen hat mich vorhin angerufen.» Harmsen runzelt die Stirn. «Jochen Dehler, der Vorsitzende der Freiheit. Er hat mir gesagt, dass mein Holger …», erneutes Schluchzen, «dass Holger nicht mehr ist.» Nach einer Pause: «Liegt er da drin?»
Harmsen nickt. «Wollen Sie rein?»
Sie schüttelt den Kopf.
«Ist besser so. Er ist …», wie soll er das jetzt so ausdrücken, dass die Blischniok nicht völlig zerbricht, «er sieht anders aus als vorher.»
«Anders?»
«Er ist nicht mehr so zu.»
«Zu?»
«Er ist eher … offen.»
Die Blischniok schlägt wieder die Hände vors Gesicht. «Bitte, hören Sie auf. Wurde er … hat ihn jemand …»
«Sieht so aus. Mehr ist uns aber auch noch nicht bekannt. Deshalb würde uns Ihr Wissen über den Toten helfen. Sie waren mit Holger Gschwendtner liiert?»
Wie alle unter vierzig, die den Begriff liiert hören, guckt sie, als bearbeite sie eine knifflige Matheaufgabe. «Er ist mein Freund, wenn Sie das meinen.»
«Eine harmonische Beziehung?»
«Wir sind … waren so glücklich. Ich hab den Holger kennengelernt, kurz nachdem Onkel Uwe gestorben ist. Seitdem haben wir fast jedes Wochenende hier verbracht. Der Holger hat tausend Pläne. Er will doch hier Flüchtlinge unterbringen.»
«Sie haben sich die Miete für die Parzelle geteilt?»
«Um Gottes willen, der Holger ist Freiberufler. Der kauft sogar im Supermarkt mit meiner Karte ein. Die Laube habe ich von Onkel Uwe geerbt. Das heißt, meine Schwester und ich haben die Laube geerbt. Also den Mietvertrag mit der Laube drauf. Aber die Melanie kommt selten. Die wohnt doch in Kladow, und gärtnern tut sie nicht so gern.»
«Wer hat eigentlich die Soldatenfiguren in der Kommode gesammelt?»
«Die sind noch von Onkel Uwe. Der hatte so’n Militärfimmel. Holger wollte sie unbedingt wegschmeißen. Aber ich konnte mich nicht davon trennen. Onkel Uwe hing an den Figuren.»
«Wann haben Sie beide sich zum letzten Mal gesehen?»
«Na, im März, kurz bevor er … gegangen ist.»
«Nicht den Onkel, Frau Blischniok. Ihren Freund!»
Die Blischniok macht eine Schluchzpause. «Am Donnerstagabend, als wir die Kleider beim Flüchtlingsheim abgegeben haben. Ich war ja dann das ganze Wochenende in der Agentur, die Präsentation für meinen Chef vorbereiten.»
Jetzt ein lautes Naseputzen. «Mein Holger war einer von den Guten. Der hat anderen geholfen, versteh’n Sie? Wer kann denn so einem Menschen was Böses wollen?»
Die Blischniok guckt Harmsen groß- und rotäugig an, als erwarte sie eine Antwort. Der Kommissar kommt zu dem Schluss, dass das, was da aus ihrem Sehapparat quillt, keine Krokodilstränen sind. Gleichzeitig lenkt ihn ab, dass ihre Brille ähnlich groß ist wie die von Gschwendtner. Bloß ist ihr Gesicht kleiner, die Brille daher, relativ gesehen, noch größer. Ein Karikaturist, der sich über die Fehldimensionierung zeitgenössischer Brillen lustig machen wollte, käme zwangsläufig bei der Blischniok raus. Und solche Gedanken lösen bei Harmsen diese Schweigeminuten aus, derentwegen er häufig für etwas langsam gehalten wird.
«Wer ihm Böses wollte, das würde ich eigentlich gern Sie fragen. Hatte er vielleicht Schulden? Oder» – Harmsen räuspert sich – «Affären?»
«Nur bei mir. Also Schulden. Und ’ne Affäre, nee. Holger ist’n ganz Lieber. Informatiker. Der zieht nicht abends um den Block und quatscht Frauen an.»
«Frau Blischniok, kennen Sie zufällig den Code für sein Mobiltelefon?»
«Das hat er jede Woche geändert, außer ihm kennt es niemand. Er hat mir mal erzählt, dass er extra eine App installiert hat, die den Code supersicher macht. Da kommt keiner dran.»
Harmsen hat keine Ahnung, wer oder was eine Äpp sein könnte. Aber so wie die Blischniok das sagt, klingt es nicht, als lautete Gschwendtners Code 7777.
Sie tastet nach dem Holzpfosten, der die Laubenveranda trägt, und sagt, ihr sei ganz flau. Weil sie auf den Schock nichts essen konnte. Harmsen erinnert sich an die Fernsehkommissarin, die, weil Mutter dreier Kinder, immer einen Imbiss mit sich führt, den sie ausgehungerten Seelen gegebenenfalls anbietet. Bei ihm ist es reiner Zufall, dass er im Trenchcoat eine kleine eingeschweißte Salami mitführt. Aber man darf ja wohl auch mal Glück haben, oder? Er nestelt also die Salami raus und sagt den albernen Satz der Phantasiekollegin auf: «Futter für den Magen ist Futter für die Seele.»
Der Blischniok reißt es die Mundwinkel nach unten. «Wie widerlich ist das denn! Stecken Sie das sofort weg, mir ist schon schlecht genug.» Hoppla, denkt Harmsen, woher kommt denn auf einmal die Entschlossenheit? «Wissen Sie eigentlich, Herr Kommissar, wie rücksichtslos es ist, Tierleichen zu essen? Denken Sie wirklich, Ihr Leben ist mehr wert als das von einem Rind? Und Ihr ökologischer Fußabdruck ist …»
Ach Gott, schweift Harmsens Denkapparat ab, die jungen Leute essen ja nichts Normales mehr. Deshalb sind die auch alle so dünn. Gut, dass die Bibi zu alt für solche Flausen ist. Bei ihr wandert der Speck direkt vom Kotelett unter die eigene Haut. Da bleibt er auch, und das ist gut so.
«… mal ganz abgesehen davon, dass die Rinder, die Sie kaltblütig hinrichten, unterernährten Menschen das Getreide wegessen.» Harmsen isst eigentlich kaum Rindfleisch, und wenn, dann richtet er die Tiere nicht eigenhändig hin. Aber er will der Blischniok nicht den Spaß verderben. «Warum bloß können die Menschen nicht mit diesem Morden aufhören? Sogar meine eigene Schwester glaubt, sie überlebt nicht, wenn sie nicht jeden Tag ihr Steak bekommt.»
Harmsen überlegt, was die Fernsehkommissarin tun würde, und kommt zu dem Schluss, dass sie von vornherein einen veganen, koscheren, laktose- und glutenfreien Halal-Snack dabeigehabt hätte oder dass die Drehbuchautoren sie erst gar nicht in eine solche Lage gebracht hätten. «Tut mir leid, Frau Blischniok. War nicht so gemeint.»
Vielleicht hat sie nicht mit so viel Verständnis gerechnet. Oder aber auf ihrer inneren Tagesordnung hat das Wissen um Gschwendtners Tod die Empörung wieder verdrängt, jedenfalls fällt sie in die Hinterbliebenenhaltung zurück. Und schweigt. Harmsen hat genug. «Frau Blischniok, ich denke, wir sind fürs Erste fertig. Wie kann ich Sie denn gegebenenfalls erreichen?»
Sie nestelt eine Visitenkarte aus ihrer Jackentasche. Darauf steht Flauschiges Einhorn – Werbung im Web, darunter Nadine Blischniok, Media Designer sowie eine Liste verschiedener Möglichkeiten der Kontaktaufnahme: Fon, Mobil, Mail, Facebook, Google+, Twitter. Darunter: Give me a call. Anytime. Really. Dann verabschiedet sie sich.
Jetzt geht Harmsen aber wirklich zum Vereinsheim, das hinten ähnlich ergraut ist wie vorn, seinen Renovierungsbedarf aber zusätzlich durch Löcher im Putz zur Schau stellt. Schade, dass die Küche erst um sechzehn Uhr öffnet. In der morgendlichen Eile hatte er keine Zeit fürs Frühstück, und auf der Schiefertafel steht Eisbein mit Erbspüree, was er selbst dann bestellen würde, wenn in seinem Magen kein Kubikzentimeter mehr frei wäre. Mit der jetzt nicht mehr eingeschweißten Salami in der Hand drückt er die quietschende Tür auf.
Der wichtigste Punkt in dem niedrigen Raum, zumindest wenn man die Welt mit Harmsens Augen sieht, ist der gemauerte Tresen und noch mehr die Zapfanlage dahinter, auf deren Hähnen nicht nur das Bild eines betüterten Dorfschulzen prangt, sondern auch das moosgrüne Erkennungszeichen eines Brauhauses aus Harmsens friesischer Heimat, dessen Erzeugnis er besonders schätzt. Ferner Tische aus bierabweisend lackiertem Holz, an den Wänden schwarzweiße Porträts verschiedener Herren, die, wenn Harmsen sie recht einordnet, allesamt einen Wilhelm im Namen tragen.
Am anderen Ende des Raums öffnet sich schwungvoll eine Tür, und harmsenwärts schreitet ein dunkler Anzug, dessen Schulterpolster kaum durch den Rahmen passen. Der läuft um jenen Hauch zu aufrecht, als dass man ihm die Macherpose abkaufen würde. Das Lächeln breiter, als der Anlass gebietet. Wenn der einem Klischee entspricht, denkt Harmsen, dann nicht dem des bornierten Kleinstgärtners, sondern dem eines Immobilienkaufmanns, der ahnt, dass es mit der Yacht in Saint-Tropez nichts mehr wird.
Mit waagerecht ausgefahrener Hand hält er kurz vor Harmsen an, wirft einen amüsierten Blick auf dessen rotweiß gestreiften Pyjamakragen und nimmt die in Zeitlupe halb hochgehobene Rechte des Kommissars in den Schraubstock: «Jochen Dehler, ich bin der Chef von das Ganze», was Harmsen nicht nur des Deklinationsfehlers wegen schmerzt, sondern auch, weil er die Aussage für vereinsrechtlich unpräzise hält.
«Harmsen, Mordkommission, moin.»
Dehler breitet die Arme aus, als heiße er sein Publikum zum Musikantenstadl willkommen: «Kommissar Harmsen, ich bitte, die wenig ansprechenden Räumlichkeiten zu entschuldigen. Höchste Eisenbahn, dass wir mal wieder renovieren.» Er führt Harmsen in sein Büro und lässt sich hinter einen zerkratzten Schreibtisch fallen. «Herr Kommissar, ich muss Ihnen sagen, ich bin erschüttert. So was hat es in der Deutschen Freiheit noch nie gegeben. Hier wurde in über vierzig Jahren niemand angegriffen. Oder bedroht. Nicht mal beklaut. StGB und BGB, das ist für uns wie Altes und Neues Testament. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede: Mein Vater hat die Kolonie gegründet.»
Das fängt ja gut an. Typen, die sich gern reden hören, kommen auf Harmsens Unbeliebtheitsskala gleich nach Weinenden. Vielleicht sogar davor: Der Weinende trocknet von allein. Dem Lautsprecher müssen Sie ständig das Wasser abgraben.
«Sie haben Herrn Gschwendtner heute Morgen gefunden?»
Dehler tauscht den Stadlgastgeber blitzschnell gegen den Trauerredner (die Hinterbliebenenhaltung beherrscht er makellos): «Ich sage Ihnen, Herr Kommissar, es war ausgesprochen bestürzend. Wie der gute Gschwendtner da lag, so … rot.» Er wedelt mit nach oben geöffneten Handflächen. «Was für ein Mensch ist zu so einer abscheulichen Tat in der Lage?»
Wasser abgraben, Harmsen! «Warum waren Sie überhaupt frühmorgens bei Gschwendtner in der Laube?»
Dehler jetzt geschäftsmäßig mit Arm auf der Lehne und übereinandergeschlagenen Beinen. «Ich komme morgens immer direkt aus Potsdam her, bevor ich ins Büro fahre. Meistens gegen halb sieben. Verstehen Sie, ich bin im Immobiliengeschäft, und was soll ich sagen: Der Markt schläft nie
