Unter der Erde - Sara Strömberg - E-Book

Unter der Erde E-Book

Sara Strömberg

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Beschreibung

Ein Erdrutsch erschüttert den kleinen Ort Åre im Nordwesten Schwedens und bringt dunkle Geheimnisse ans Licht … Ein neuer Fall der mehrfach preisgekrönten SPIEGEL-Bestsellerreihe um Journalistin Vera Bergström.

Heftige Regenfälle läuten das Ende des Sommers in Åre ein. Das führt schließlich zu einem Erdrutsch mit tragischen Folgen. Zeitgleich wird in Stockholm das Armband des vor Jahren in den Bergen verschwundenen Schafzüchters Jonte Andersson gefunden. Neugierig geworden, beginnt Vera zu recherchieren. Doch die Suche nach der Wahrheit reißt alte Wunden auf und bringt eine schreckliche Vergangenheit ans Licht, die alle Beteiligten ins Unglück stürzen wird …

Sie lieben bildgewaltige, tiefgründige schwedische Spannung? Dann lesen Sie auch »Im Unterholz«.

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Seitenzahl: 558

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Heftige Regenfälle läuten das Ende des Sommers in Åre ein. Das führt schließlich zu einem Erdrutsch mit tragischen Folgen. Zeitgleich wird in Stockholm das Armband des vor Jahren in den Bergen verschwundenen Schafzüchters Jonte Andersson gefunden. Neugierig geworden, beginnt Vera zu recherchieren. Doch die Suche nach der Wahrheit reißt alte Wunden auf und bringt eine schreckliche Vergangenheit ans Licht, die alle Beteiligten ins Unglück stürzen wird …

Autorin

Die Schwedin Sara Strömberg avancierte in ihrem Heimatland zum Bestseller-Phänomen. Ihr erster Roman Im Unterholz erschien 2021 und wurde von der Schwedischen Krimiakademie zum besten Debüt des Jahres gekürt. 2022 folgte der zweite Band der Serie über die Journalistin Vera Bergström, der von der Schwedischen Krimiakademie als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet wurde. Seitdem feiert die Serie überwältigende Erfolge bei Leser*innen und Kritiker*innen; zahlreiche weitere Nominierungen folgten, unter anderem für den Glasnyckeln 2023 – den wichtigsten skandinavischen Krimipreis. Strömbergs Romane wurden alle zu Platz-1-Bestsellern in Schweden; sie werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und von den Produzenten der »Millennium«-Reihe verfilmt.

Von Sara Strömberg bereits erschienen

Im Unterholz

Sara Strömberg

Unter der Erde

Kriminalroman

Deutsch von Leena Flegler

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel »Skred« bei Modernista, Stockholm.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen. 

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright der Originalausgabe © Sara Strömberg, 2022

Published by arrangement with Sebes & Bisseling Literary Agency Scandinavia

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2025 by Blanvalet

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformation nach GPSR)

Redaktion: Holger Wolandt

Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de

JaB · CS

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-31269-5V001

www.blanvalet.de

Für Ida und Emma

Er hinterlässt große Löcher im Schnee. Die Decke trägt nicht mehr, daran hätte er denken und sich einfach ein Taxi nach Hause zum Hof nehmen sollen, als auf den Schneemobilen niemand mehr Platz für ihn hatte. Immer wenn der Harsch unter seinen Schuhen einbricht, rutschen die Jeansbeine hoch, und die vereisten Kanten kratzen über seine nackte Haut, die bereits taub zu werden beginnt, auch wenn er immer noch spürt, wie das Blut warm und kitzelnd über seine Schienbeine läuft. Die anderen sind bestimmt längst oben im Fjäll und genehmigen sich einen GT in der Sauna. Allein bei der Vorstellung drückt ihm die Blase.

Als er stehen bleibt und pinkelt, frischt der Wind auf. Aprilwetter. Aber so weit ist es ja nicht mehr. Sofern seine Blase irgendwann noch mal leer wird. Nach seinem DJ-Einsatz hat er mehrere Biere getrunken – schnell hintereinander, um aufzuholen. Er legt den Kopf in den Nacken, das Gesicht in Richtung der trüben Nacht. Die Luft schmeckt streng, ähnlich wie Erde im Frühling riecht. Der Himmel ist hier um einiges näher, auch wenn man rund um Åre selbst bei klarem Wetter die Sterne nicht mehr richtig hell leuchten sieht, so wie früher in seiner Kindheit.

Als er sich gerade die Hose zuknöpft, hört er das Geräusch. Ein leises, aber anhaltendes Knirschen. Sind da noch mehr Leute, die auf die Party wollen? Oder ein Tier? Sein Herz fängt an zu hämmern. Warum hat er urplötzlich so wahnsinnige Angst? Das dort zwischen den schmächtigen Birken sind doch bloß die Schatten, die die Flutlichter auf den Pisten ein gutes Stück entfernt auf den Hang werfen. Bestimmt spielt ihm der Alkohol gerade einen Streich.

»Hallo?«, ruft er trotzdem. »Ist da jemand?«

Keine Antwort. Das Licht flackert im Wind, und das Knirschen kommt näher.

Was ihn im nächsten Moment aus dem Gleichgewicht bringt, begreift er nicht ganz, doch die über die Erde gespannte Schneedecke gibt augenblicklich nach, als er vornüberstürzt. Er sinkt in das zuckrige Weiß und immer tiefer, während über ihm die Dunkelheit rotiert.

Es dauert einige Zeit, aber zu guter Letzt kann er wieder aufstehen. Mit weichen Knien setzt er sich erneut in Bewegung. Dann fängt es an zu schneien. Die Löcher hinter ihm werden sich wieder füllen. Andere hingegen reißen neu auf.

VERA

Im selben Moment, als der Åreskutan vor mir aus den Wolken auftauchte, sah ich den Riss in der Straße und stieg auf die Bremse. Das Wohnmobil mit norwegischem Kennzeichen, das seit einer halben Stunde vor mir hergondelte, musste in letzter Sekunde über das Loch drübergerumpelt sein – inzwischen würde es garantiert mit den Rädern darin stecken bleiben. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel und hielt an.

Der Riss ging quer über die komplette E14 und musste ganz frisch sein. Zumindest war er noch nicht da gewesen, als ich am Morgen in die Redaktion gefahren war. Bestimmt hatten die Touris in Kopparbranten schon Alarm geschlagen, weil sie um ihre teuren SUVs fürchteten. Bislang war es nur eine Handvoll neuer Sommerhausbesitzer, allerdings türmte sich der Schutt am Straßenrand, und die Planierraupen waren Tag und Nacht im Einsatz. In den Plänen für Leif Trondes frisch erschlossenes Bauland zwischen den Hotels Copperhill und Åre Continental Inn östlich von Åre waren schon jetzt, in der ersten Bauphase, zwanzig protzige neue Gebäude eingezeichnet. Das Projekt war enorm umstritten. Wie in den meisten größeren Touristenorten stellte sich auch hier die Frage, für wen da in Wahrheit gebaut wurde und warum.

Hier unten an der Straße waren Schotter und Sand auf den Asphalt gerutscht, und am Straßenrand waren Wiesenkerbel und Schmalblättriges Weidenröschen entwurzelt worden. Irgendwie machten mir die Wurzeln Angst – so wie mir alles Angst machte, was unter normalen Umständen unsichtbar bleiben sollte: Blut, Erbrochenes und Tränen. Ich seufzte in mich hinein und sah auf die Uhr. Weit nach Abendessenszeit.

Statt irgendein Risiko einzugehen und mich auf den noch sechzig Kilometer langen Heimweg zu machen, fuhr ich an der Tankstelle raus. Mir knurrte der Magen. Ich hatte kein bisschen Hunger gehabt, bis irgendwann der Geruch angesengter Grillsteaks bis an meinen Schreibtisch geweht war, mich angetippt und das Ende meines Arbeitstags verkündet hatte. Wenn ich Glück hatte, war der Tankstellenladen noch offen.

Auf den Titelseiten der Zeitungen überall Krieg, explodierende Strompreise und steigende Zinsen. Kein Wunder, dass die Leute von der großen weiten Welt nichts mehr hören wollten. Ich versuchte, durch das getönte Schaufenster zu spähen, aber ob sich dahinter etwas rührte, war genauso unmöglich zu erkennen, wie hier draußen unbemerkt zu bleiben. Verdammte Sommersonne – unschuldig und hinterhältig wie ein junger Taschendieb. Allerdings stand noch der Werbeaufsteller an der Tankstellenzufahrt, also stellte ich den Motor ab und stieg aus. Ich griff in meine Jackentasche, um mein Portemonnaie herauszunehmen, ehe mir wieder einfiel, dass es in meiner Kameratasche auf dem Rücksitz steckte.

Ich schlug die Fahrertür zu, dann wurde es still. Der Abend war wahnsinnig schwül. Herb-säuerlicher Rainfarngeruch wehte mir entgegen, aber immerhin regnete es nicht mehr. Seit Undersåker hatten die Scheibenwischer nur noch vor sich hin gequietscht. Wie lange hatte es jetzt insgesamt geregnet? Meine Gummistiefel waren inzwischen seit Wochen im Dauereinsatz, und ich hatte mindestens zwanzig Artikel zu hochwasserführenden und überlaufenden Fjällbächen geschrieben. Das Wasser suchte sich neuerdings andere Wege und höhlte den Fels effizienter aus als jeder Bagger der Welt, seit die Waldstücke, die früher die Fluten aufgesaugt hatten, neuen Bauflächen hatten weichen müssen.

Ich betrat die Tankstelle und bestellte eine Grillwurst mit Brot. Der junge Mann an der Kasse, der meine Bestellung entgegennahm, hatte einen Sonnenbrand, windzerzauste Haare und war vermutlich eben erst am Åresjön von seinem Stand-up-Paddleboard gestiegen.

»Haben Sie den Riss draußen in der Straße gesehen?«, fragte ich.

Er zuckte zusammen, als wäre er es nicht gewöhnt, dass jemand noch andere Fragen stellte als die nach dem Toilettenschlüssel oder ob es auch glutenfreies Brot zum Würstchen gebe.

»Äh, nein …?«

Ich strich mir den Pony aus dem Gesicht und ließ die Unterhaltung verkümmern, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Teilnahmslos schlurfte der junge Mann nach nebenan, wo sich eine einsame Kabanossi in ihrem eigenen Saft vor sich hin drehte. Eine Singlewurst, wie passend. Meine Einsamkeit war an Mittsommer voll aufgeblüht und würde noch eine ganze Zeit lang anhalten. Auch wenn ich versuchte, Facebook zu meiden, gingen mir die Status-Updates dort unter die Haut: gemeinsame Abendessen auf schicken Bootsstegen und Terrassen. Lachende Gesichter an langen Tafeln, Nahaufnahmen von aneinandergeschmiegten Wangen. Ich selbst hatte keine Clique mehr, zu der ich dazugehörte.

In diesem Jahr hatte ich nicht vor, auch nur einen einzigen Urlaubstag zu nehmen. Ich hatte keine speziellen Pläne und konnte deshalb genauso gut den Sommer durcharbeiten. Im Herbst würde es wieder einfacher werden, da wäre Thomas von seiner bescheuerten Tanzreise nach Argentinien zurück. Ich war überrascht, wie sehr er mir fehlte – nicht weil es einfacher war, mit jemandem Zeit zu verbringen, der genauso einsam war wie man selbst, sondern weil ich mich in seiner Gesellschaft wohlfühlte. In den Monaten vor seiner Abreise hatten wir viel unternommen, fast so viel wie früher als Kinder, und ich hatte mich erschreckend schnell daran gewöhnt, einen Freund zu haben, mit dem ich reden, zu Abend essen und Waldspaziergänge machen konnte.

»Ketchup oder Senf?«

Der Junge hatte bereits nach dem Ketchup-Spender gegriffen, der von der Decke herabbaumelte.

»Nur scharfen Senf bitte. Und ordentlich rohe Zwiebeln.«

Nur nichts für selbstverständlich halten, Jüngelchen.

Als ich nach draußen ging, um zu essen, fielen sofort die Gnitzen über mich her. Drecksbiester. Ich versuchte, sie wegzufuchteln. Gnitzen krochen einem überall rein, auch in den Mund. Mehrmals musste ich die Hand wechseln, der Senf lief mir über die Finger, ich leckte ihn weg, die Serviette hatte ich wie immer vergessen.

Ich stopfte die Wurst in mich hinein, öffnete die Beifahrertür und warf das Wurstpapier zum übrigen Müll in den Fußraum. Kramte mein Mückenmittel heraus und sprühte mich erst mal ein. Der Citronella-Duft konnte über das stark Chemische nicht hinwegtäuschen. Anschließend zündete ich mir eine Zigarette an, blieb noch kurz an der Tankstelle stehen und genoss die Stille. Obwohl das Wetter zuletzt alles gegeben hatte, um den Radfahrern, Wanderern und Kletterern das Leben schwer zu machen, schien die Sommerkarawane kein Ende zu nehmen. Corona hatte die reinste Fjällseuche hervorgebracht. Nur gut, dass das Gedränge die Schönheit der Landschaft nicht vollständig verstellen konnte: das Wasser, das sich von den Bergen hinunter ins Tal schlängelte, wogende Fichten und Birkenkronen. Allerdings rückte die Baumgrenze zusehends höher – oder war es das Gebirge, das sich von uns zurückzog, damit es vom Zugriff der Menschen verschont blieb? Die Wildnis war größer und weiter, als unser Menschenarm reichte; wir bildeten uns lediglich ein, dass unsere Reichweite allumfassend war.

Mein Blick blieb erneut an dem Riss in der E14 hängen und wanderte dann den Berg gegenüber hinauf. Dort schien ein Felsvorsprung zu beben. Ein wenig Erde rutschte den Hang herab. Ängstlich flatterten Vögel auf. Urplötzlich fiel mir auf, dass sich sämtliche Bäume und Straßenlaternen in ein und dieselbe Richtung lehnten. Mein Puls beschleunigte sich, ich ließ die Zigarette in einen Topf mit schlappen Stiefmütterchen fallen und wich instinktiv einen Schritt zurück.

Im selben Moment hörte ich das Grollen.

Der Erdboden schien aus der Tiefe heraus zu brüllen. Riesige Lehmmassen gerieten in Bewegung, Abwasserrohre und Stromleitungen wurden aus der Erde gedrückt. Alles vermischte sich zu einem braunschwarzen Brei, der immer flüssiger zu werden schien. Dann rutschte der gesamte Hang ab und riss alles mit – als würde Gott mit der Hand ein paar Krümel wegfegen. Ich sah, wie alles Grün verschluckt wurde, als Grassoden herumgewälzt wurden und im Schlick erstickten. Die Zufahrten zu den bereits erschlossenen Grundstücken wurden ausradiert, Wasser strömte, Steine flogen, Birken und Straßenlaternen kippten um wie Mikadostäbchen. Oben auf einem Felsvorsprung balancierten zwei Ferienhäuser, ehe der Boden unter ihnen nachgab. Das Knacken der Holzwände übertönte kurz den Rest des Getöses, ehe alles einstürzte und im Schlamm nach unten rutschte. Was, wenn auch Leute da oben waren?

Scheiße, Scheiße, Scheiße!

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie hinter mir die Tür aufflog. Das Glöckchen am Eingang hörte gar nicht mehr auf zu bimmeln.

»Was ist denn da los?«, stammelte der Wurstjunge.

»Erdrutsch in Kopparbranten! Gehen Sie sicherheitshalber auf Abstand!«, schrie ich, ohne mich nach ihm umzusehen.

»Und Sie? Wollen Sie nicht …?«

»Hauen Sie ab!«

Die Tür fiel ins Schloss, und dann entfernten sich seine Schritte über den Asphalt.

Die Lehmflut schien an Wucht nur mehr zuzunehmen. Würden die Massen näher kommen? Vielleicht sogar bis hierher? Am liebsten hätte ich ebenfalls die Flucht ergriffen, mich in Sicherheit gebracht, trotzdem blieb ich stehen, obwohl meine Knie schon ganz weich waren. Mit zitternden Händen nahm ich meine Kamera aus der Tasche. Das Tele war immer noch aufgesetzt, seit ich am Vormittag in Edsåsdalen das Skirennen fotografiert hatte. Mein Atem ging stoßweise, als ich das Objektiv in Richtung Verwüstung anhob und den Auslöser gedrückt hielt. Im selben Moment presste die Flut eine alte Scheune in eine Senke. Eine Vogelscheuche verschwand ebenfalls, nur ihr Strohhut trieb weiter. Der Hut sah aus wie der alte Ferienhut meines Vaters. In mir stieg Übelkeit auf, und ich musste schlucken, ehe ich weiterarbeitete. Eine halbe Minute lang waren da nur die Schlammlawine und ich und sonst niemand. Um mich herum fiel alles in sich zusammen, während ich wie immer versuchte, den Kopf oben zu behalten. Dann waren Sirenen zu hören, erst aus einiger Entfernung, aber sie näherten sich. In meiner Tasche klingelte mein Handy. Auf Begrüßungsfloskeln verzichtete ich.

»Bin schon vor Ort, Strömmen.«

Der Chefredakteur der Jämtlandsposten, Nils »Strömmen« Strömqvist, aus naheliegenden Gründen auch »Schande« genannt, räusperte sich über den Snus-Tabak unter seiner Oberlippe hinweg; unter Garantie war ihm allein bei der Vorstellung, wie bald die Klickzahlen nach oben schnellen würden, die Knopfleiste seines Flanellhemds verrutscht.

»Ach du Schande! So schnell? Ich sitz immer noch im Büro und hab schon den News-Chef und Jönsson alarmiert. Verdammt, bei dem Erdrutsch könnten Leute verletzt worden oder sogar umgekommen sein, da könnten Autos mitgerissen werden … Hast du wen gesehen, der …?«

»Nein, noch ist hier alles unklar. Ich schreib ein paar Zeilen über das, was ich von hier aus sehen kann. Ihr kriegt gleich die Meldung und mehrere Fotos, und dann müssen wir laufend aktualisieren. Kann der Webdesk schon mal mit den Rettungskräften und der Polizei reden? Ich versuche unterdessen, näher ranzukommen.«

»Klar. Eins nach dem anderen, da hast du recht. Aber da könnte noch mehr runterkommen, sei bloß vorsichtig!«

»Ich bin immer vorsichtig.«

»Und du lügst wie gedruckt, Vera.«

»Kann schon sein.«

Im selben Augenblick erreichten das Wasser und die Schlammmassen die E14 und strömten hangabwärts in Richtung der alten Dorfstraße. In Richtung Åre, Ånn und Storlien wäre dort Stopp. Aber wie weit oben hatte der Erdrutsch angesetzt? Wie breit war er? Womöglich wären die Straßen dort rüber gar nicht mehr befahrbar? Allerdings hatte ich ohnehin keine Zeit, jetzt noch auf langen Umwegen nach Hause zu fahren und mich ins Bett zu legen. Mir stand eine lange Nacht in der Redaktion bevor.

STINA

Hier war er nicht. Und da auch nicht. Ihr Handgelenk tat weh. Auf ihren Hosenbeinen prangten dunkle Flecken, schwarzer Ackerboden und womöglich auch getrocknetes Blut. Hatte sie wirklich so lange hier gekniet? Stina wusste nicht mehr, was sie fühlen sollte – Enttäuschung, Erleichterung? Oder einfach nur eine Art Bedeutungslosigkeit. Irgendwo musste er doch sein. Obwohl mittlerweile ein geschlagenes Jahr vergangen war, konnte sie sich an die Tage vor und nach dem Verschwinden ihres Bruders so deutlich erinnern, als wäre es gestern passiert. Minuten spielten sich in ihrem Kopf ab wie Filmausschnitte auf Dauerschleife. Manchmal kamen ihr sogar alte Erinnerungen aus ihrer Kindheit: sie beide auf der Kirchentreppe, wie sie einander ansahen, um den Blick nicht auf die Grabsteine, die Dunkelheit weiter unten richten zu müssen.

»Du wirst trotzdem immer meine Schwester bleiben«, sagte er.

Ein so schönes Wort.

Schwester.

Nicht mehr lange, und sie würde durchdrehen, das wusste sie. Es nagte an ihr. Ihr Lachen war stets gefährlich nah dran an Tränen. Wenn sie ihn nur finden könnten – ob tot oder lebendig, spielte fast schon keine Rolle mehr. Am schlimmsten war die Ungewissheit.

Sie war inzwischen seit Stunden in Gråsjön zugange. Der Hinweis, Jonte könnte in dem verlassenen Dorf in einer Ruine liegen, hatte so viel glaubwürdiger geklungen als vorige Hinweise, doch jetzt wusste sie Bescheid. Eine Antwort auf die Frage, was mit Jonte geschehen war, hatte sie auch nicht in diesem kargen Landstrich oberhalb von Kallsedet erhalten.

Die Nacht neigte sich dem Ende entgegen, die Vögel hatten schon angefangen zu zwitschern, und die Farben veränderten sich. Das silbrige Licht verblasste, und im Fjäll zog der Morgen auf – feucht und grau, wie aus Stein geschlagen. Obwohl sie sich geschworen hatte, nur noch zu suchen, wenn alle anderen schliefen, hatte sie immer weitergegraben. Jedes Mal, wenn der Spaten auf etwas Hartes gestoßen war, hatte ihr Puls sich beschleunigt. Nur war es ihr anschließend bloß umso schwerer ums Herz geworden. Es war, wie in einem fort durch Treibsand zu laufen: Nachts flammte die Hoffnung auf, da schien alles möglich, doch gegen Morgen holte die Wirklichkeit sie wieder ein, so sicher wie der Kater nach einem Rausch.

Diesmal war sie zu lange geblieben. Bestimmt streckte sich Martin im Schlaf bereits nach ihr aus. Nicht mehr lange, und ihr Mann würde aufwachen und feststellen, dass sie nicht mehr neben ihm lag. Sie machte sich an den Abstieg. Nach einer Weile hatte sie die eingestürzten Schieferruinen hinter sich gelassen. Es ging steil bergab, allerdings gab es hier und da Stufen im Hang. Mehrere Bäche sprudelten und glucksten, überall Überreste vergangenen Lebens: alte Grundmauern und Keller, Überbleibsel des Kampfes, trotzdem hatten die Menschen dort nicht überlebt.

Das Auto stand immer noch inmitten von Wiesenkerbel am Straßenrand. Als sie losfuhr, wusste sie, dass sie hier sicher war. Sie bog in Richtung Bonäshamn ab und nahm dann den Husåvägen und den Fröåvägen statt die E14. So war sie in der Nacht auch gekommen, nach dem Erdrutsch. Ein merkwürdiges Gefühl, unter dem dichten Gewebe aus Fichten hindurchzufahren und von all dem Chaos abgeschirmt zu sein.

Sie parkte unterhalb des Hofes; wenn sie über die Schafweide liefe, würde niemand sie bemerken. Vorsichtig schob sie das Gatter auf. Auf dem Riegel, auf der ganzen Weide lag schimmernde Feuchtigkeit. Dann blieb ihr Blick an ein paar durchhängenden Drähten am unteren Rand des Elektrozauns hängen. Ein paar Meter weiter waren Pfosten umgekippt, und Stahlspitzen ragten aus der Erde. Was war denn da wieder los? Diesen Zaun hatten sie doch gerade erst repariert. Ihr zog sich der Magen zusammen. Womöglich war irgendwo noch ein Loch? Dagegen mussten sie sofort etwas unternehmen. Viele hier waren der Ansicht, dass Luchse und Wölfe die größte Gefahr darstellten, dabei richteten frei laufende Hunde oft einen größeren Schaden an als Raubtiere.

Ein Geräusch. Sie blieb abrupt stehen. Die Stille rauschte in ihren Ohren. Seit Jonte verschwunden war, hatte sie immer wieder das Gefühl gehabt, dass jemand sie beobachtete und in nächster Nähe umherstrich, ohne sich zu erkennen zu geben. Da war das Geräusch wieder – Reisig und Zweige, die hinter ihr knacksten. Sie wirbelte herum, erhaschte jedoch nur noch einen Schatten, der zwischen die Bäume huschte. Ein Schatten – allerdings hatte er eindeutig nach Mensch ausgesehen. Oder doch nicht? Sie war sich nicht sicher. Zu dieser Jahreszeit hielt das Licht einen gern mal zum Narren. Der Spaten brannte in ihrer Hand, als sie mit Herzrasen weitereilte. Ihre Knie taten weh, und ja, sie hatten geblutet.

Die Schafe rührten sich nicht, als sie an dem offenen Unterstand vorbeikam. Sie schlüpfte hinter das alte Spielhaus und lehnte den Spaten gegen eine der verwitterten Fichten, vor denen sie sich als Kind so gefürchtet hatte; dort würde Martin ihn nicht entdecken. Ihr Mann war die Suchaktionen seit Langem leid. Er war der Ansicht, sie solle endlich darauf vertrauen, dass die Polizei ihre Arbeit machte, und sich stattdessen darauf konzentrieren, dass Essen auf dem Tisch stand.

Im Küchenfenster des Gästehauses regte sich nichts, allerdings würde Henning dort bald mit seinem Morgenkaffee sitzen – mit seiner speziellen Röstung aus Trondheim. Wenn sie sich nicht besser gekannt hätten, hätte sie den Mann als waschechten Snob abgetan. Doch nach und nach hatte sie die kleinen Marotten ihres Onkels zu schätzen gelernt. Er hatte sie aus der Hölle zurückgeholt, und das würde sie ihm nie vergessen.

Gerade als sie an seinem Haus vorbeilief, ging die Tür auf. Dann war er also doch schon wach.

»Wie lief’s?«, flüsterte Henning überlaut von hinten.

Sie drehte sich um. Er war barfuß und in seinem blau-weiß gestreiften Schlafanzug auf die Veranda getreten. Die Morgensonne brachte seine blonden Haare zum Leuchten. Wenn er sie nicht gerade nach hinten gekämmt hatte, sah er ihrem Vater noch ähnlicher als ohnehin schon – ihrem Vater, bevor ihn die Krankheit gezeichnet hatte; dem leidenschaftlichen Tierfreund, nicht dem unwirschen Abstinenzler Einar. Hier und da erkannte sie in Hennings Gesicht sogar Jonte wieder: im schelmischen Blick und in den länglichen Nasenlöchern, die es seit wer weiß wie vielen Generationen in der Familie gab.

»Nichts?«, hakte er nach.

Sie schüttelte den Kopf. Nichts, rein gar nichts. Beim letzten Mal hatte sie zumindest einen kleinen Tierschädel gefunden.

»Es tut mir so wahnsinnig leid, Stina. Wie du ja selbst gesagt hast, hat sich dieser Tipp wirklich anders angefühlt, und ich hätte gedacht … Völlig egal, was Martin sagt – beim nächsten Mal helfe ich dir wieder!«

Immer auf der Seite der Leidenden.

»Mal sehen. Trotzdem danke«, erwiderte sie mit einem Lächeln.

Es würde einige Zeit dauern, bis sie wieder graben ginge; die Touren fühlten sich irgendwie zwecklos an und waren kaum noch vor ihrem Mann geheim zu halten. Etwas knarrte von oben. Sie spähte zum Wohnhaus, aber nein, bestimmt war das nur die Fahnenstange gewesen.

»He, hallo, Kleiner! Bist du auch schon wach?«

Duck, der Stinas Onkel als sein neues Herrchen adoptiert zu haben schien, war nach draußen getappt und schob die Schnauze zwischen dessen Beine. Früher hatte seine Kläfferei sie oft aufgeschreckt, doch mittlerweile war der Hütehund älter geworden und zwischen seinen Arbeitseinsätzen wesentlich stiller und ruhiger.

»Hast du übrigens etwas von dem Erdrutsch mitbekommen?«, fragte Henning und kraulte den Border Collie unterm Kinn.

»Nein, hab nur kurz etwas gelesen, bevor ich losgefahren bin.«

»Gruselig, dass das alles einfach so runterbrechen kann! Da waren ordentliche Kräfte im Spiel.«

»Aber doch kaum überraschend, wenn man bedenkt, wie lange die Natur hier im Dorf und im ganzen Fjäll bis an ihre Grenzen getrieben wurde«, erwiderte sie und musste sich zusammennehmen, um nicht laut zu werden.

Ein paar Sekunden lang sah er sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Total verständlich, dämmerte es ihr, immerhin hatte Henning nie zur Gänze mitbekommen, was in den vergangenen zehn Jahren in seiner alten Heimat vorgegangen war. Das Pro und Kontra, die Diskussionen. Dreiunddreißig Jahre lang war er weg gewesen, im Grunde ein Leben lang. Das verändere einen, behauptete Martin und war sich natürlich auch vollkommen sicher, was für ein Mensch aus Henning geworden war, seit er im Internet die alten Jetset-Bilder von Henning und seiner Frau gesehen hatte.

»Nein, schon, trotzdem«, sagte Henning nach einer Weile. »Angeblich ist jemand ums Leben gekommen. Hab gerade die Nachrichten gelesen.«

Sie verspürte bloß Leere. Aus Lebenskrisen ging der Mensch zugleich gestärkt und geschwächt hervor – und obendrein leicht betäubt.

Im Haus stieg sie aus ihren Klamotten, legte sie in die Waschmaschine und schlüpfte in ihren fadenscheinigen Bademantel. Steckte den Kopf durch die Schlafzimmertür. Schon auf der Schwelle schlug ihr der Stallgeruch entgegen, den Martin aus allen Poren ausdünstete. Der große, schwere Mann bewegte sich und machte im Schlaf leise Geräusche. Vorsichtig schloss sie die Tür und ging auf leisen Sohlen in die Küche.

In der Kanne war noch Tee. Natürlich kalt. Sie wärmte den Rest in der Mikrowelle auf, legte die Hände um die Tasse und setzte sich mit ihrem Laptop an den Küchentisch.

Klar, dass die Jämtlandsposten mit dem Erdrutsch aufmachte. Diese Reporterin, die von hier berichtete, war ihr sogar ein Begriff: Vera Bergström. Stina konnte sich weder dazu durchringen, sich den Videoclip anzusehen, noch, die Meldungen lesen.

Stattdessen rief sie Facebook auf. Die Wo ist Jonte-Gruppe hatte siebentausend Mitglieder, und ständig kamen neue hinzu. Das Profilbild war das letzte Foto, das von Stinas Bruder entstanden war: auf dem Marktplatz in Åre, lachend, in einem gemusterten Hemd über einem schwarzen T-Shirt und Jeans. In seinen Fingern – Pianistenfingern, im Gegensatz zu ihren kurzen – hielt er den Flachmann, den er sich gleich in die Gesäßtasche schieben würde. Unter dem Ärmel waren seine Tattoos zu sehen.

So lebendig. Es war unbegreiflich.

Sie wollte, dass sich den Menschen genau dieses Foto in die Netzhaut einbrannte. Vielleicht wäre es irgendwann noch mal von Nutzen. Brächte den Durchbruch. Sie hatte noch andere Erinnerungen an ihn, die ihr noch lieber waren, die aber zusehends verblassten.

Martin, der von sozialen Netzwerken keine Ahnung hatte, wusste nichts von der Facebook-Gruppe. Er ging davon aus, dass Stina scheuer geworden war und ihre Zeit damit zubrachte, zwischen Schafweide, Garten und Küche hin und her zu wandern, nichts weiter. Unterdessen hatte sie zu mehr Leuten Kontakt als je zuvor.

Am heutigen Tag wäre Jonte fünfundzwanzig geworden. Die meisten aus der Gruppe wussten das. Wenn jemand verschwand, dann machte das etwas mit anderen Menschen, manche bezogen daraus regelrecht Kraft oder Trost angesichts eines so tragischen Schicksals. Stina hatte gelernt, alledem mit Nachsicht zu begegnen, immerhin lag es auch in der Natur des Menschen, Rätsel entschlüsseln zu wollen. Entweder lebte jemand oder nicht. Ein junger Mann, der eben noch da gewesen war, konnte sich nicht einfach in Luft auflösen. Und Morde passierten nun mal, niemand wurde einfach so ausradiert, und irgendwann kam jedes Geheimnis ans Licht.

Ihr Messenger platzte aus allen Nähten. Sie sollte sich die Nachrichten gar nicht ansehen, nahm sie sich doch im Nachhinein meist viel mehr zu Herzen als ursprünglich gedacht, und mit jedem Monat, der verstrich, wurde es nur noch schlimmer. Trotzdem wusste sie, dass sie sich die Nachrichten würde ansehen müssen, irgendwo zwischendrin konnte sich schließlich ein wichtiger Hinweis verstecken, ein Zeuge, der etwas gesehen oder gehört hatte.

Wo hatte sie ihre Brille hingelegt? Auf die Dunstabzugshaube. Zügig und effizient ging Stina die Nachrichten durch, fast wie eine Ärztin, die eine Krankenakte sichtete. Viele glaubten, sie würden Jonte gut kennen – Glückwünsche, Smileys, rote Herzchen, Rosen und niedliche Hunde, die eine Umarmung andeuteten. Nach und nach wurde Stina ruhiger. Und genau deshalb war die letzte Nachricht so viel schlimmer für sie, als sie es hätte sein müssen. Sie fühlte sich an wie ein heftiger Stromschlag. Als sie das Foto sah, verschüttete sie ihren Tee auf dem Tischtuch.

CLAES

Claes rauschte den Flur entlang. Unmittelbar nach der Sendung war er immer völlig euphorisiert, fühlte sich dem Leben ganz nah. Die Stylistin hatte sich diesmal wirklich selbst übertroffen – das helle Hemd über dem T-Shirt, das lässige Halstuch. Sommerlich, urban. Kolleginnen und Kollegen lächelten ihm zu. Er liebte es, morgens im Sender zu sein – der Duft von frischem Brot, die Spannung in der Luft. Hier konnte alles passieren, wenn die Nachrichtennasen Witterung aufnahmen.

Script-Max schloss im Eingangsbereich zu ihm auf.

»Claes, das mit den Bitcoin-Betrügereien war richtig stark. Du bist echt schwer zu toppen!«

»Danke, cool, das zu hören, wirklich.« Er fuhr sich durchs Haar und knöpfte sich dann den Mantel zu.

»Und morgen? Wolltest du da die besten Weine der Welt machen?«

Claes wich ein Stück zurück, obwohl er sich inzwischen daran gewöhnt hatte, dass andere sich dermaßen an ihn anwanzten, als wollten sie ihm unter die Haut kriechen.

»Nein, nein. Das kommt erst im August. Stay tuned!« Lächelnd straffte er die Schultern. »Erst mal hab ich Urlaub. Am Freitag fahren wir nach Åre.«

»Ihr Glückspilze! Da habt ihr doch schon länger ein Ferienhaus, oder?«

»Seit ich klein war. Meine Eltern haben es in den Sechzigern gekauft – für quasi kein Geld. Sieht heute ein bisschen anders aus.« Er lachte, wurde dann jedoch schlagartig ernst. »Aber das mit dem Erdrutsch ist natürlich heftig. Gut, dass es so glimpflich ablief! Also, morgen ist der erste Tag seit über einer Woche, an dem ich freihabe. Endlich mal nicht um drei Uhr nachts aufstehen!«

Mit einem Lächeln schulterte Max seinen Rucksack.

»Verstehe. Dann einen tollen Urlaub, und grüß Vicky von mir! Ist sie schon wieder zu Hause?«

»Sie kommt heute Abend. Ich will sie überraschen und was Schönes kochen. Ich fahre gleich noch schnell zur Markthalle und kaufe Hummer.«

»Wow, und das an einem Dienstag! Ist sie aber auch wert, deine Allerliebste.«

Grinsend nahm Claes beide Hände hoch. Dann blieb er kurz stehen und sah Max und dessen Rucksack mit all den Lämpchen an den Gurten, zu beiden Seiten und auf der Vorderseite hinterher. Heutzutage sahen Radfahrer immer aus wie in Elastan gewickelte Weihnachtsbäume. Er fragte sich, ob ihre Frauen sie so immer noch attraktiv fanden – erst recht, wenn hinten noch ein Anhänger dranhing. Schwachköpfe.

Sein Parkplatz war teuer, aber jede Krone wert. Und wer war er, dass er auf ein Fahrrad stieg oder – noch schlimmer – in die U-Bahn? In Zeiten wie diesen! Das sollten gern diejenigen machen, die es toll fanden, eine fremde Achsel vor der Nase zu haben.

Er fuhr auf die E20 auf, bei Ica in Lindhagen wieder ab und ging einkaufen: Wurst und Nudeln. Eine Tafel Schokolade landete in seiner Manteltasche – er kam einfach mit allem durch, und was für ein Hochgefühl, wenn das Adrenalin anfing, in den Muskeln zu ziehen!

Rund eine halbe Stunde später hatte er die Skånegatan erreicht und parkte direkt vor ihrem Hauseingang. Die Straße war in den Sommermonaten für Autos gesperrt, allerdings hatte er sich einen der wenigen heiß begehrten Anwohnerparkausweise sichern können.

Es war inzwischen zehn Uhr und die Straßen noch immer verschlafen. Einer Hauptstadt nicht würdig. Ginge es nach ihm, würde hier vierundzwanzig Stunden am Tag das Leben toben. Er wollte Wein, Koks, beschlagene Barfenster. Andererseits standen die Hipster, Yuccies und übrigen Existenzialisten bestimmt längst in den Startlöchern und hatten sämtliche Tische und Stühle besetzt, ehe die Touristen hier hindurchströmten. Früher hatten Vicky und er immer im Fenster gesessen und sich schier totgelacht über all die Frauen in weißer Dreiviertelhose und mit praktischem schwarzem Rucksack auf dem Rücken, die ein bisschen SoFo-Atmosphäre erleben wollten und dann keinen Platz mehr unter den Wärmelampen ergatterten.

Aus alter Gewohnheit schlenderte er am Massagesalon vorbei und rüttelte an der Klinke. Wäre doch nice, eben kurz auf einen Quickie vorbeizuschauen. Musste ja nicht länger als eine Viertelstunde dauern. Bis zur Wohnungsbesichtigung wäre er wieder zurück – und wenn er zehn Minuten zu spät käme. Wenn die Besichtigung länger dauern sollte, könnte er immer noch in der Vorschule anrufen, die hätten Verständnis. Sein Moderatorenjob erfordere ja so viel mehr, als nur auf dem Studiosofa zu sitzen, würden sie sagen und Lukas nach dem Mittagessen den Mund abwischen.

Im selben Moment blieb sein Blick an einem Mann hängen, der ein Stück weiter an der Straßenecke lehnte – ein verdeckter Ermittler mit Sender im Ohr, das war schon von Weitem zu sehen. Claes ließ die Klinke los, als hätte er sich daran verbrannt. Dann wäre dies also der nächste Salon, den sie hochnehmen würden. Da musste jemand geplaudert haben.

Er setzte seine Sonnenbrille auf. Man wusste ja nie, wer gerade sonst noch hersah – und wenn er in den sozialen Netzwerken zum Gegenstand von Gerüchten würde, wäre das eine Katastrophe. In den Zeitungsredaktionen warfen sie sofort ihren Pressekodex über den Haufen, sobald irgendwo jemand »Frauenrechte« rief. Besser, er hielt sich ein Weilchen bedeckt oder ging zu einer anderen Thailänderin. Von denen gab es schließlich genug.

Staub tanzte im Sonnenlicht. Er klappte seinen Mantelkragen hoch und zog das Kinn an. Irgendwo hatte er mal gelesen, dass Staub gefährlicher war, als man gemeinhin glaubte. Dass beispielsweise Mondstaub für künftige Weltraumreisen heikel werden könnte. Aber das würde diesen Milliardären, die neue Planeten kolonisieren wollten, nur recht geschehen. Das wäre mal ein Thema fürs Frühstücksfernsehen – Mondstaub! Dazu Christer Fuglesang als Studiogast, während an der Kücheninsel ein paar himmlische Desserts zubereitet würden. Bei der Vorstellung musste er schmunzeln.

Die Wohnung, die er sich ansehen wollte, lag nur einen Katzensprung von ihrer derzeitigen Wohnung entfernt. Natürlich war sie ein bisschen kleiner, hatte aber immer noch vier Zimmer, die Jungs hätten also eigene Zimmer, klar. Vor dem Eingang nahm er sein Handy aus der Tasche, rief seine E-Mails auf und ging die Inbox durch. Er hatte den Code für die Haustür doch bekommen – wie hieß diese Frau gleich wieder, die ihn geschickt hatte? Die Sekretärin von jemandem … Er kam beim besten Willen nicht auf den Namen, musste jedoch nicht lange überlegen, weil ein Mann mittleren Alters mit quietschgelber Brille und hellblauem Anzug über dem weißen Hemd durch die Tür und auf ihn zukam. Er strahlte ihn an.

»Hallo, hallo! Sind Sie Dag af Sandebergs Sohn?«

»Richtig. Ich bin Claes af Sandeberg.«

Er hätte gern hinzugefügt, dass er so viel mehr war als nur der Sohn von jemandem, aber das würde dem Mann schon noch aufgehen, sofern er in den letzten Jahren nicht hinterm Mond gelebt hatte.

»Sehr erfreut. Lars Birnbaum.« Sie gaben einander die Hand. »Sie müssen bitte entschuldigen, ich war noch gar nicht oben in der Wohnung, deshalb weiß ich nicht, in welchem Zustand sie ist. Bin gerade erst aus New York zurück … Aber follow me!«

Allein schon das geschmackvolle Treppenhaus zeugte davon, dass dies keine beliebige, schäbige Stockholmer Adresse war: weißer Marmorboden, dunkelgraue Bodenleisten, schwarzes Geländer, rot lackierte Türen. Sie ließen den Aufzug links liegen und nahmen die Treppe mit dem roten Perserläufer in den dritten Stock, wo Lars Birnbaum gleich mehrere Schlüssel brauchte, um die Tür zu öffnen.

»Sehen Sie, wie ausgeklügelt das ist? Modernste Sicherheitstechnik«, sagte er, als sie die Wohnung betraten. Nach mehreren Einbrüchen hätten sie sich leider genötigt gesehen, die alten klassizistischen Türen auszutauschen.

Die Schlafzimmer waren samt und sonders wie Zimmer in Luxushotels eingerichtet: voluminöse Decken, Vorhänge an Deckenschienen, Teppichboden. Lars Birnbaum räusperte sich und wischte sich ein wenig eingebildeten Staub vom Revers.

»Wir haben die Wohnung in den letzten Jahren über Airbnb vermietet, aber wenn Sie möchten, gehört sie bis Ende des Sommers Ihnen – zum Monatswechsel August, September. Zu einem Spitzenpreis. Wir müssten nur noch die Papiere fertig machen und natürlich die Möbel abholen lassen.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Aber sicher. Ist doch klar, dass wir Dag den Gefallen tun, überhaupt kein Problem! Ihr Vater hat erwähnt, dass er sich wieder zum Schreiben zurückziehen will. Still going strong, was?«

Die Bewunderung war ihm deutlich anzuhören. Claes erschauderte, zwang sich dann aber zu einem Lächeln, obwohl ihm die Info neu war. Sie sahen einander nicht allzu oft, und wenn sein Vater an einem neuen Roman saß, entfernte er sich nur umso mehr, sowohl geistig als auch körperlich: Da zog er in sein Sommerhaus in Österlen und vergrub sich in der Arbeit. Kein Wunder, dass Claes’ Mutter davon irgendwann die Nase voll gehabt hatte.

»Er wird nie aufhören zu arbeiten, und warum sollte er auch? Als Schriftsteller muss er nicht in Rente gehen«, erwiderte Claes und lachte.

Lars Birnbaum nickte feierlich.

»So ist es, genau so ist es.«

Sie tauschten Telefonnummern aus. In einem Monat würden sie sich miteinander kurzschließen.

Anschließend holte Claes die Jungs ab. Sie waren aufgedreht – endlich Sommerferien, und zwar richtige. Oskar war aus dem Hort rüber in Lukas’ Vorschule gekommen, und Luella half ihm, alles aus dem Regalfach in die Stofftasche zu packen, damit auch garantiert nichts liegen blieb. Claes vergaß gern mal Lukas’ Matschhose, allerdings würden sie die brauchen, wenn Vicky am Wochenende mit den Jungs in den Vitabergsparken wollte.

»Ah, und bevor ich es vergesse: Ende September haben wir hier in der Vorschule einen Renovierungsabend geplant. Da wären wir dankbar, wenn so viele Eltern wie möglich mit anpacken würden.« Luella lächelte ihn an.

Er erwiderte ihr Lächeln.

»Klingt cool.«

»Definitiv – und in aller Regel sind Eltern und Kinder begeistert. So lernen sie einander viel besser kennen. Es gibt Kaffee und Kuchen und Würstchen vom Grill. Ich kann die Liste holen, wenn Sie sich gleich eintragen möchten? Es dauert nur …«

Sie hatte sich schon halb umgedreht.

»Äh … Ich hab meinen Kalender gerade nicht dabei, und Vicky und ich müssten das erst besprechen. Aber ich melde mich, sobald ich Bescheid weiß.«

Was glaubten die eigentlich – dass er hier herumstehen und die Spielecke neu malern oder – noch schlimmer – das Laub draußen harken würde? Ja wohl kaum! Bezahlte er dafür nicht jeden Monat Steuern, damit er genau das nicht selbst machen musste?

»In Ordnung.«

Luellas enttäuschter Gesichtsausdruck entging ihm, weil Lukas bereits um ihn herumhüpfte und ihn am Pullover zog.

»Was machen wir in Åre, Papa?«

»Das weiß ich noch nicht, aber natürlich irgendwas Spannendes, wie immer«, antwortete er und kniff seinem Sohn in die Nase.

»Ich will Fahrrad fahren«, warf Oskar ein.

»Na klar fährst du Fahrrad! Aber da fällt uns doch noch mehr ein!«

Claes sah auf die Uhr, ehe er die bunten Girlanden und Ballons unter der Decke mit dem Blick streifte. Dass das Personal es hier aushielt!

»Bestimmt stehen euch jede Menge Abenteuer bevor. Euer Papa scheint ja ziemlich einfallsreich zu sein«, kicherte Luella und schnickte ihre Haare nach hinten.

Ein paar dieser jungen Erzieherinnen waren wirklich sexy. Wann immer er sich mit einer unterhielt, wurde ihm Vickys Alter schmerzhaft bewusst.

Ihr letzter gemeinsamer Urlaub. Der letzte Sommer als Familie. Anschließend würde für ihn ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Bei der Vorstellung bekam er fast eine Erektion.

VERA

Jemand war tags zuvor gestorben – das war am Morgen nach dem Erdrutsch mein erster Gedanke, als ich in meinem Schneemobil-Overall auf dem Redaktionssofa aufwachte. Spät am Abend hatte die Polizei gemeldet, dass sie im Geröll eine Leiche geborgen hätten; die Spürhunde hätten angeschlagen.

Jeder einzelne Muskel hatte gezittert, als ich mich hingelegt und versucht hatte zu schlafen. Der Vermieter knauserte wieder mit der Heizung, und eine Decke hatte ich bislang nicht mit hergebracht, dabei war es jetzt sechs Monate her, seit die Jämtlandsposten die Lokalredaktion in Järpen wiedereröffnet hatte. Zuvor hatte ich von zu Hause gearbeitet. Irgendwann war ich nach draußen gegangen und hatte aus meinem Kofferraum den Overall geholt, der dort für den Fall lag, dass ich irgendwo mit dem Auto liegen blieb. In der vergangenen Nacht hatte er mir sowohl als Schlafsack als auch als Schutz vor dem kratzigen Sofabezug gedient.

Ich fuhr mir übers Gesicht. Auf meiner Wange zeichnete sich immer noch der Abdruck des Polsters ab. Es hatte nach nassem Hund gerochen. Oder war ich das selbst? Ich richtete mich auf, öffnete den Reißverschluss und schnüffelte an mir. Nein, ich selbst roch lediglich nach Feuchtigkeit und nach versengtem Lehm. Die Klamotten, die ich tags zuvor getragen hatte, hingen starr vor Schmutz über den Stuhllehnen in der Kaffeeküche. Ich schob die Hand zwischen meine Brüste und kratzte mich an einem alten Mückenstich. Der Schorf ging ab, aber es kam nur noch so wenig Blut, dass ich es gerade so verschmieren konnte, ehe der Stich auch schon aufhörte zu bluten.

Ich nahm das Handy vom Boden. Immer noch keine Antwort auf die Nachricht, die ich an Thomas geschickt hatte, bevor ich spätabends wie komatös eingeschlafen war. Komisch. Seit er nach Argentinien geflogen war, hatten wir immer mehrmals die Woche Kontakt gehabt und einander Fotos und lustige Nachrichten geschickt. Wie Freunde es eben machten. Ich war davon ausgegangen, dass ihn die Nachricht vom Erdrutsch erschüttern würde, aber vielleicht hatte er auch einfach nur keine Gelegenheit gehabt, mir zu antworten.

Stattdessen hatte ich eine SMS von Strömmen bekommen. Der Tote war ein Bauarbeiter aus Litauen. Seine Papiere scheinen in Ordnung zu sein, aber versuch, einen O-Ton vom Bürgermeister zu kriegen, es ist verdammt noch mal an der Zeit, dass wir die Politik an den Pranger stellen. Ich schickte einen erhobenen Daumen zurück.

Seit das Schwedische Geotechnische Institut Åre als Risikogebiet für Erdrutsche ausgewiesen hatte, hatten wir die Bauvorhaben im Fjäll mit Argusaugen beobachtet, und das Bauprojekt Kopparbranten war von Anfang an ein Pulverfass gewesen. Ich hatte eine ganze Reihe Artikel über die Auseinandersetzungen verfasst, an denen Unternehmer und Anwohner, Grundbesitzer und Naturschützer beteiligt waren. Jetzt würden die Kritiker womöglich recht bekommen: Die Natur hatte von neuen Skipisten und Liften in der Gegend die Nase voll.

Ich stützte die Stirn auf meine Fingerspitzen. Vier komplette Artikel, eine Liveschalte und Aberhundert Fotos forderten ihren Tribut.

Was brachte eigentlich SVT Nyheter Jämtland über den vergangenen Tag? Ich klickte die jüngste Sendung an. Dramatische Bilder des Erdrutschs, vermischt mit alten Aufnahmen vom symbolischen ersten Spatenstich: der Nutznießer höchstpersönlich, Leif Tronde, zusammen mit dem sozialdemokratischen Bürgermeister Morgan Brodin, beide breit grinsend mit Schutzhelm. Tronde sah nicht annähernd so schwammig und rotnasig aus wie sonst, das Foto musste also unmittelbar nach seiner Teilnahme an Let’s Dance entstanden sein. Deshalb hatte wohl auch so ausgelassene Stimmung geherrscht. Als junger Mann war Tronde die Pisten von Åre hinabgetanzt, war der Stolz der gesamten Gemeinde und das Werbegesicht für den alpinen Skisport in Schweden gewesen. Auf dieser Welle hatte er später reiten können, als er seine Vision für den Ort als Touristenmekka vorgestellt hatte.

Als Nächstes sollte Torvdalen bebaut werden. Ein paar Jahre zuvor hatte Trondes Firma der Gemeinde Grund abgekauft, und die wiederum hatte im selben Atemzug ihre Pläne aufgegeben, dort unter Berücksichtigung des Naturschutzes bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Nicht wenige hielten es für einen Skandal, dass dem Tourismus Vorrang gewährt worden war, doch Tronde war frühzeitig klar gewesen, wen er dafür hatte schmieren müssen.

Die Tür des Blumenladens nebenan quietschte und schlug gegen die Wand, dann wurde es still. Stimmen von dort waren hier in den Redaktionsräumen nicht zu verstehen, ganz gleich, wie sehr ich mich darauf konzentrierte.

Ich vermisste die Stimme meines Vaters. Zerstreut wählte ich die Nummer seines Seniorenheims, der Sonnenlichtung. Als Maggan ranging, teilte sie mir fröhlich mit, dass er immer noch schlafe und sie ihn lieber nicht wecken wolle, er benötige inzwischen viel Ruhe. Das konnte ich natürlich verstehen.

»Kommen Sie morgen doch zum Mittagessen vorbei. Es gibt Wurstragout Stroganoff. Ein paar Extraportionen machen wir immer, und um die Mittagszeit ist Algot immer ziemlich fit.«

»Klingt super. Wenn ich es schaffe, bin ich dabei.«

»Ich weiß schon, dass Sie mit dem Erdrutsch einiges zu tun haben. Tragisch, dass dabei jemand ums Leben gekommen ist. Kopparbranten sollte so schön werden – und dann die ganzen Bauarbeiten, die jetzt stillstehen! Da sieht man mal, wie abhängig wir vom Tourismus sind!«

»Ja, das stimmt.«

Während Maggan weiterplauderte, musste ich an die erste Bürgerversammlung zum Thema denken, an Trondes Versprechen von sich neu ansiedelnden Firmen und mehr Arbeitsplätzen und seiner Predigt zur Bedeutung von Teamwork. Ein älterer Mann hatte sich damals zu Wort gemeldet und auf das Erosionsrisiko hingewiesen, doch Tronde hatte nur gelacht und gefragt, ob noch mehr Leute anwesend seien, die sich mit Veränderungen schwertäten – da könne er einen kognitiven Verhaltenstherapeuten empfehlen. Aber nicht doch, schwertun würde sich überhaupt niemand, und renitente Blockierer waren auch keine da. Das Wohlwollen hatte zwar seitdem gelitten, trotzdem gab es immer noch viele, die behaupteten, der einstige Skistar habe nur Gutes für ihre Gegend im Sinn.

»Okay, Vera, dann sehen wir uns hoffentlich morgen«, sagte Maggan. »Wir freuen uns auf Sie!«

»Danke.«

Ich zog um an meinen Schreibtisch. Starrte stur geradeaus, um die Papierberge nicht sehen zu müssen, die um den Bildschirm herumlagen. Bevor ich an diesem Tag irgendwas zustande brächte, benötigte ich erst mal einen starken Kaffee. Wie war überhaupt das Wetter draußen? Es klang, als würde es schon wieder regnen.

Mit Daumen und Zeigefinger schob ich die Jalousie auseinander und sah im selben Moment draußen eine Frau, die an der Klinke rüttelte und dann die Hände an die Schläfen legte, um durch den Briefschlitz zu spähen. Ihre Jeans waren auf Höhe der prallen Schenkel mit Schmutzflecken übersät, und die roten Haare klebten ihr strähnig am Schädel.

Ich zauderte. Sollte ich wirklich die Jalousien hochziehen? Solange sie unten waren, konnte ich so tun, als wäre niemand hier. Andererseits könnte die Frau mit wichtigen Hinweisen kommen. Die Neugier siegte über die Müdigkeit, und ich öffnete das Fenster zur Außenwelt.

Sobald die Frau mich entdeckte, winkte sie hektisch und hielt ihr Handy vor die Fensterscheibe. Ich trat näher. Sie zeigte auf etwas, auf ein Foto. Es sah aus, als wäre darauf ein Armreif zu sehen.

»Wie ist es möglich, dass dieser Armreif in Stockholm auftaucht, wenn er doch hier in Åre verschwunden ist? Ich verstehe das nicht – sechshundert Kilometer von dem Ort entfernt, wo er zuletzt gesehen wurde? Das kann doch kein Zufall sein! Ich will, dass Sie darüber berichten. Können Sie das machen?«

Mit ihren rot geränderten Augen sah die Frau mich flehentlich an. Dass ich mitten im Sommer meinen Schneemobil-Overall trug, schien sie nicht einmal bemerkt zu haben. Ich fragte sie, ob ich unser Gespräch aufzeichnen dürfe.

»Ja, ja, machen Sie, was Sie wollen«, sagte sie, seufzte und knibbelte mit dem Zeigefinger am Nagelbett ihres Daumens. Die Nagelhaut war jetzt schon wund.

Ich schaltete die Diktierfunktion meines Handys ein und sah ihr zu, als sie in der Redaktion auf und ab tigerte wie ein eingesperrtes Tier im Zoo. Die Frau kam mir bekannt vor, eindeutig. Waren wir uns vielleicht schon mal begegnet? Manchmal führte ich lange Gespräche mit Interviewpartnern, die ich nur wenige Jahre später nicht mehr wiedererkannte.

»Setzen Sie sich doch. Wir fangen besser noch mal ganz von vorn an.«

Ich tätschelte das Polster des braunen Ledersessels. Den hatte der Friseur hier zurückgelassen, der sich nach der Schließung der Redaktionsräume fünf Jahre zuvor kurzzeitig hier eingemietet hatte. Die Frau starrte auf die Risse in dem zerschlissenen Leder hinab und strich sich mit dem Handrücken über die sommersprossige Stirn.

»Das sieht aus wie Nervenbahnen«, sagte sie und verzog das Gesicht.

»Stimmt.« Ich lächelte. »Aber nun ist Leder ein Naturmaterial, insofern ist das nicht weiter verwunderlich.«

Unter Garantie eine Spinnerin. Ich bereute, dass ich sie reingelassen hatte, andererseits gab es kaum noch Leute, die persönlich vorbeikamen und mit nachrichtentauglichen Tipps bei uns anklopften. So etwas fand nur noch in den sozialen Medien statt, und manchmal fehlte mir der direkte Kontakt. Wenn die Jämtlandsposten näher an ihren Lesern dran sein wollte, wie sie es in der Werbung behauptete, dann hieß das auch, dass man ihnen die Tür aufmachen musste.

Die Frau setzte sich auf die Stuhlkante. Ihr Blick huschte hin und her, über den Schreibtisch und den Schreibtischstuhl, den Technikschrank und das Bücherregal, in dem sage und schreibe zwei Bücher standen: die neueste Auflage des schwedischen Gesetzbuchs sowie eine Aufsatzsammlung zum Thema Urheberrechte. Sie hustete, sodass es tief in ihrer Brust rasselte, und auf ihrer Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet. Wie alt mochte sie sein? Allenfalls dreißig.

»Warten Sie, ich hole Ihnen ein Glas Wasser«, sagte ich und verschwand in der Küche.

Und plötzlich sah ich alles durch die Augen meiner Besucherin. Wie kahl es hier war. Ich hatte mich bislang nicht dazu durchringen können, für etwas mehr Gemütlichkeit zu sorgen. Diese Branche schlug schonungslos alles kahl und kaputt, und wenn ganze Abteilungen abgeholzt wurden, waren Menschen eben nichts weiter als Gesträuch. Ich hatte längst nicht vergessen, wie sie mich, die loyale Lokalreporterin, nach mehr als drei Jahrzehnten gefeuert und nur deshalb erneut angestellt hatten, weil die Aufsichtsbehörde irgendwann festgestellt hatte, dass Teile des Regierungsbezirks Åre nachrichtentechnisch nicht mehr abgedeckt waren. Jetzt sollte ich also dem medialen Schattendasein der umliegenden Ortschaften ein Ende setzen – eine einzige Reporterin im flächenmäßig elftgrößten Bezirk Schwedens. Da fühle man sich bitte bloß nicht unter Druck gesetzt.

Die Frau trank das Wasser in einem Zug. Ich wartete, bis sie fertig war.

»Ich kenne Sie irgendwoher, kann Sie aber leider nicht einordnen …«

»Jonte Andersson«, erwiderte sie nur und stellte das Glas auf den Schreibtisch. Obwohl sie einen derart angespannten Eindruck erweckte, war die Bewegung sehr kontrolliert. »Der verschwundene Junge – das war mein Bruder.«

Ich hob die Hände.

»Natürlich! Bitte entschuldigen Sie!«

Der Schafhof westlich von Åre. In der Gegend sprachen die Leute immer nur von Anderssons in Ängena.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ist nicht weiter verwunderlich. Es ist ja jetzt auch schon eine Zeit lang her, und damals haben Sie nur mit meinem Mann gesprochen, mit Martin. Ich hatte damals nicht die Kraft …«

Richtig, so war es gewesen, jetzt fiel es mir wieder ein. Der zweite Morgen nach dem Verschwinden. Irgendwer hatte mich in die dunkle Bauernküche geführt, wo hohläugig und in einer hässlichen Windjacke ihr Ehemann gesessen hatte. Der ganze Ort hatte sich an der Suche beteiligt, Missing People hatte die Aktion geleitet. Obwohl noch nichts an dem Fall klar gewesen war, hatte ich damit eine Doppelseite nach der anderen gefüllt. Die Leserschaft schien damals unersättlich gewesen zu sein. Dann verging einige Zeit, die Polizei hatte nichts ausrichten können – nicht die geringste Spur, die sie hätte verfolgen können –, und man wandte sich anderen Themen zu. Das Leben kehrte zur Normalität zurück, auch die Zeitung. Eine Leiche wurde nie gefunden. Jonte Andersson war und blieb wie vom Erdboden verschluckt.

Ich zermarterte mir den Kopf nach einem Namen. Die Frau sah mich an.

»Stina. Stina Bylund. Martin und ich haben immer noch den Hof, also, der früher Einar gehört hat, bevor …«

»Richtig, Einar. Wie geht es ihm?«

Einar und ich kannten uns nicht, dabei waren wir nur ein Jahr auseinander. Wir hatten beide das Gymnasium in Duved besucht, er eine Klasse unter mir, und damals war ich eher an älteren Jungs interessiert gewesen. Wenn mich nicht alles täuschte, hatte er noch einen jüngeren Bruder, einen geselligen, coolen Typen.

Sie schüttelte den Kopf.

»Mein Vater ist leider verstorben, ein halbes Jahr bevor Jonte verschwand. An Krebs.«

»Oh, das wusste ich nicht. Mein Beileid!«

Kurz huschte Trauer über ihr Gesicht.

»Einar war nicht mein leiblicher Vater, und Jonte war … auch nicht mein leiblicher Bruder. Trotzdem waren die beiden wie Vater und Bruder für mich. Können Sie das verstehen? Manchmal ist Wasser eben doch genauso dick wie Blut.«

»Ich weiß.«

Wusste ich das wirklich? Hatte ich nicht mein Lebtag versucht, außerhalb der eigenen Familie nach Liebe zu suchen, und war kläglich daran gescheitert?

»Wie kam es, dass Sie bei den Anderssons gelandet sind?«

»Jontes Mutter war jung gestorben, aber irgendwann hat Einar dann eine neue Frau kennengelernt – meine Mutter, da war ich selbst allerdings schon auf der Welt. Tragischerweise ist sie dann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als ich sieben war. Trotzdem hat Einar sich um mich gekümmert und … Tja. Und ich bin auf dem Hof geblieben.«

So viele Todesfälle. Warum saß ich hier und hörte mir das alles an? Es gab so viele mögliche und unmögliche Familienkonstellationen. Doch aus irgendeinem Grund hatte die junge Frau meine Neugier geweckt.

»Dann waren Sie also Einars Patchwork-Tochter. Und Ihr leiblicher Vater?«

»Meine Mutter ist in Paris von einer Urlaubsaffäre schwanger geworden. Leider konnte sie sich nicht mal mehr an seinen Namen erinnern.«

»Aber Einar hat Sie nie adoptiert?«

»Nein, dazu ist es nicht mehr gekommen. Vielleicht hätte er es sogar gemacht, wenn Mama länger gelebt hätte. Andererseits waren sie ja nie verheiratet. Einar hielt nicht wahnsinnig viel von Zeremonien und Formalitäten – für ihn zählte hauptsächlich harte Arbeit. Insgeheim glaube ich, dass Jonte der Grund war, warum ich letztlich geblieben bin. Bei der Beerdigung meiner Mutter hat er sich um mich gekümmert und mich die ganze Zeit seine Schwester genannt. Seitdem haben wir wie selbstverständlich zusammengehört.«

Ein vages, trauriges Gefühl machte sich in mir breit. Wer waren wir ohne die Menschen, die wir liebten? Ohne die, die uns ihrerseits liebten? Das Schönste, was uns Menschen passieren konnte, war tatsächlich das Gefühl, selbstverständlich zu sein. Jonte hatte Stina dieses Gefühl gegeben – und ich konnte verstehen, dass sie die Hoffnung, ihn wiederzufinden, nie hatte aufgeben können.

Ich starrte auf meine Hände hinab. Wie kraftlos sie im Vergleich zu Stinas Händen aussahen. Der Ledersessel knarzte, als sie die Sitzposition änderte. Dann klopfte sie ihre Hosentaschen ab, als würde sie etwas suchen. Gleichzeitig murmelte sie irgendwas Unhörbares in sich hinein.

»Entschuldigung, ich hab Sie nicht verstanden …«

Sie holte tief Luft.

»Oh, ich hab nur gesagt, dass ich froh bin, dass er Jontes Verschwinden nicht mehr erleben musste. Die Ungewissheit ist … ziemlich unerträglich. Eine einzige Nacht hat alles verändert.«

Draußen spähte die Sonne hervor, die ersten schläfrigen Strahlen fielen herein und beschienen drei ungespülte Kaffeetassen auf einem Stapel alter Gemeinderatsprotokolle.

»Aber dann müssen Sie auf dem Hof jetzt umso härter anpacken?«, fragte ich.

»Ja. Zum Glück ist Henning da.«

»Henning?«

»Einars Bruder, Jontes und mein Onkel. Seit unser Vater krank wurde, hilft er uns auf dem Hof.«

»Wie gut. Richtig, Henning hieß er … Ich hab gerade überlegt, was aus ihm geworden ist.«

Stina schien mir gar nicht zuzuhören, sondern hielt mir stattdessen erneut das Handy mit dem Bild des breiten Metallarmreifs hin.

»Diesen Armreif hat Jonte von uns zum Abitur gekriegt, mit der Gravur Åre 13. Juni. Wie ist der nach Stockholm gekommen?«

Das Foto sei in sozialen Netzwerken zigmal geteilt worden, erklärte sie. Irgendwer – eine junge Frau – habe den Armreif in Stockholm auf der Straße gefunden und zunächst über die Facebook-Seite Du kommst aus Stockholm, wenn … versucht, den Besitzer ausfindig zu machen. Irgendwann sei das Bild dann auch in der Gruppe Du kommst aus Åre, wenn … geteilt worden, wo eins der Mitglieder der Wo ist Jonte-Gruppe den Armreif wiedererkannt und das Foto an Stina weitergeleitet habe. Inzwischen sei der Armreif mit der Post auf dem Weg zu ihr.

»Und Sie sind sich ganz sicher, dass er ihn am Abend seines Verschwindens getragen hat?«

»Zu einhundert Prozent. Man sieht ihn auf dem letzten Foto, das ich oben am Beginn der Schneemobil-Piste von Jonte geschossen habe. Ich hatte ihn nach seinem DJ-Job im Kåsan noch bis zum Copperhill gefahren. Von dort wollte er zu Fuß weiter zu Leif Trondes Party. Dort haben wir uns zuletzt gesehen.«

Ich hatte schon ganz vergessen, dass Leif Tronde auch im Fall Jonte eine Rolle gespielt hatte. Nach dessen Verschwinden waren sämtliche Partygäste befragt worden, allerdings hatte dort niemand etwas gesehen, gehört oder auch nur das Haus verlassen – warum auch, wenn es dort Schampus und Koks im Überfluss gab –, bis irgendwann gegen Mittag des folgenden Tages die Ersten allmählich aufgebrochen waren. Sie alle hatten die Hand füreinander ins Feuer gelegt. Derlei Klüngel fand ich immer schon verabscheuungswürdig.

Stina drückte mir ihr Handy in die Hand.

»Hier, das Foto von Jonte.«

Das Foto kannte ich bereits, von Facebook, überdies war es mehrmals in der Zeitung abgedruckt worden. Jonte sah gut darauf aus. Seinem von langen dunklen Haaren eingerahmten, gleichermaßen schelmischen wie wehmütigen Blick konnte man sich nur schwer entziehen. Und tatsächlich: Am Handgelenk trug er einen Armreif, der exakt so aussah wie jener, der nun in Stockholm aufgetaucht war.

»Er sieht eher aus wie ein Musiker denn wie ein Landwirt.« Ich lächelte.

»Jonte war … ist keiner von diesen Herumtreibern«, entgegnete sie säuerlich, als wären Musiker und Herumtreiber gleichzusetzen. Sie riss mir das Handy aus der Hand und fing dann an, leicht unzusammenhängend von der beschwerlichen Suche nach ihrem Bruder zu berichten. Ich unterbrach sie.

»Waren Sie schon bei der Polizei? Wegen des Armreifs?«

»Ja.«

Stina starrte auf ihre Fingernägel. Darunter zeichneten sich Trauerränder ab. Nicht mal die Fingernägel waren verschont geblieben. Eine gewisse Art von Verzweiflung schlug sich buchstäblich überall nieder.

»Aber?«

»Die sagen bloß, Jonte hätte den Armreif bestimmt verloren und irgendein Stockholmer, irgendein x-beliebiger Tourist, hätte ihn gefunden und mit nach Hause genommen. Andererseits hat die Polizei ja auch ihre eigene Theorie zu dem, was passiert ist.«

»Eine Theorie, die …? Entschuldigen Sie, da müssten Sie mir auf die Sprünge helfen. Es ging um eine Klamm, war es nicht so?«

Ich beugte mich vor und nahm eine Karte aus dem Schreibtischunterschrank, die ich auf meinem Schoß auseinanderfaltete. Stina kreiselte mit dem Zeigefinger darüber und tippte dann auf eine Stelle.

»Da. Sie glauben, dass er beim Pinkeln dort in die Schlucht gestürzt wäre. Klar hatte er etwas getrunken und war unterwegs zur nächsten Feier, aber dass er dort … Das glaube ich einfach nicht.«

»Stimmt, so war es.« Mir fiel wieder ein, was die Polizei bei der letzten Pressekonferenz gesagt hatte: Diewahrscheinlichste Erklärung ist ein Unglücksfall. »Und warum glauben Sie das nicht?«

»Die Klamm ist zu weit von der Schneemobil-Piste entfernt. Wenn man allein im Fjäll unterwegs ist, kann man überall pinkeln – sogar genau dort, wo man gerade steht.«

Ich nickte. Das klang völlig plausibel. Wenn er in der Stadt unterwegs gewesen wäre, hätte er sich wahrscheinlich eine abgeschiedene Stelle gesucht oder ein paar Bäume, aber doch nicht mitten in der Nacht draußen in der Natur.

Stina hob ihr Kinn.

»Außerdem sind diese Polizisten allesamt Anfänger, und das stört mich.«

Sie hatte natürlich recht, das Dezernat für Gewaltverbrechen in Åre war tatsächlich verhältnismäßig jung und die Mannschaft dort immer noch grün hinter den Ohren.

»Was glauben Sie denn, was passiert ist?« Ich krempelte meine Overall-Ärmel hoch. »Wenn Sie einfach mal frei spekulieren würden?«

Sie antwortete sofort, allerdings hatte ihre Stimme an Kraft eingebüßt.

»Spekulieren dürfen gern andere. Ich will endlich Bescheid wissen. Deshalb suche ich ja auch immer noch nach ihm, jedes Mal, wenn aus der Facebook-Gruppe gute Hinweise kommen, dann grabe ich …«

»Sie graben?«

»Ja. Insofern kann man wohl sagen, dass ich mittlerweile von seinem Tod ausgehe. Das hab ich akzeptieren müssen. Wenn man einer Hoffnung zu lange nachrennt, wird man nur verrückt. Die Frage ist aber: Wie ist er gestorben und warum? Solange ich darauf keine Antwort habe, komme ich nicht zur Ruhe. Wir haben einander sehr nahegestanden.« Sie schluckte. »Vielleicht haben Sie ja auch jemanden, dem Sie nahestehen?«

Statt zu antworten, stellte ich ihr eine Gegenfrage.

»Wo haben Sie denn zuletzt gegraben?«

»In Gråsjön. Gestern Nacht.«

»In der verfallenen Siedlung oben beim Naturschutzgebiet?«

»Genau.«

»Ist sehr schön dort.«

Sie schnaubte verächtlich.

»Damit ein Mensch irgendwo überleben kann, ist mehr nötig als nur Schönheit.«

Auch damit hatte sie recht. Oft kam es einem vor, als würde der Staat genau das über Nordschweden denken: dass die Menschen hier – genau wie die Touristen – nichts weiter als frische Luft und eine schöne Aussicht benötigten. Åre war drauf und dran, sich in eine einzige große Kommerzblase zu verwandeln. Wir, die wir tatsächlich versuchten, hier zu leben, drohten nach und nach in den Sumpf hinabgezogen zu werden.

»Ich schreibe Ihnen die Telefonnummer der Frau auf, die den Armreif gefunden hat.«

Stina schnappte sich einen Stift aus dem Stifthalter auf meinem Schreibtisch und kritzelte die Nummer auf eine Wochen alte Zeitung mit dem Foto eines Gewächshauses auf der Titelseite. Endlich Pflanzsaison!, lautete die Schlagzeile. Stina sah mich durchdringend an.

»Schreiben Sie darüber?«

Weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte tun sollen, schlug ich meinen Kalender auf. Die Seiten waren in meiner schlampigen Handschrift vollgeschrieben.

»Das ginge frühestens morgen, aber versprechen kann ich es nicht.«

Insgeheim jedoch hatte ich mich bereits entschieden. Die Zeitungsleserschaft liebte Mysterien, und dies hier war ein Mysterium. Damit würde ich die Zeit überbrücken können, die es garantiert dauerte, bis Politiker und Behörden auf meine Anfragen zum Erdrutsch geantwortet hätten.

»Bitte«, flüsterte sie, »das hier ist die erste und einzige Spur von ihm seit über einem Jahr. Allmählich sehe ich Jonte kaum noch vor mir.«

Als sie ging, sah ich ihr hinterher. Sie hielt den Kopf leicht zur Seite geneigt und schwenkte einen Arm. Es war mittlerweile zehn Uhr, der Ica-Parkplatz füllte sich, und Einkaufswagen ratterten über den Asphalt. Irgendwer hatte über Nacht die Ladenfront beschmiert. Ich hatte kürzlich erst darüber berichtet, dass in der hiesigen Schule Fensterscheiben eingeschlagen worden waren. Der Vandalismus breitete sich aus.

Es war höchste Zeit, den Tag anzugehen, aber erst musste ich meinen Schneemobil-Overall ausziehen.

Mir blieb nur die Katzenwäsche im Handwaschbecken. Es rauschte ewig in den Rohren, ehe das Wasser zumindest lauwarm wurde. Ich wich dem Blick der Gestalt im Spiegel aus. Wie ich aussah, wusste ich nur zu gut. Die Trauer, die sich um meinen schiefen Mund abzeichnete, die ledrigen Fältchen, die sich von den Augenwinkeln bis runter auf die Wangen ausbreiteten, und die achtundfünfzig Jahre alten Strähnen, die mir trotz allem immer noch blond über die Schultern fielen … Für manche Dinge musste man dankbar sein.

Bibbernd seifte ich Brüste, Achseln und Gesicht mit Spülmittel ein. Zog kleine Kreise um eine Brustwarze, arbeitete mich weiter nach außen. Keine Knötchen. Dann die andere Brust. Der künstliche Duft von grünem Apfel brannte auf der Haut. Note to self: Seife kaufen und ein Handtuch mit zur Arbeit nehmen. Als ich mich abwusch, tropfte der Linoleumboden voll. Ich trocknete mich mit Klopapier ab, das zerfledderte und in kleinen Fetzen auf der Haut kleben blieb. Verdammt noch mal.