Unter offenem Himmel - Katharina Geiser - E-Book

Unter offenem Himmel E-Book

Katharina Geiser

0,0

Beschreibung

Klara ist Buchhändlerin. Sie ist unverheiratet (das hat sie sich schon als Kind so geschworen), aber sie ist nicht ohne Männer geblieben. Einen gibt es, Paul, von dem kommt sie nicht los, obwohl er nur noch eine ferne Erinnerung aus der Vergangenheit ist. Um zu verstehen, was sie mit ihm verbindet, fährt sie in den hohen Norden Deutschlands, in den Winkel, aus dem er gekommen ist, bevor er für immer verschwand. Vom Verschwinden handelt auch die Geschichte von Elise mehr als hundert Jahre davor. Nach dem Tod ihrer Mutter verlässt sie das Dorf, den Vater, die vielen Geschwister, das eigene uneheliche Kind. Für eine bessere Zukunft will sie sich in Zürich prostituieren und findet dabei einen Mann, mit dem sie eine Familie gründet, deren Geschichte mit Klara bis in die Gegenwart reicht. "Unter offenem Himmel" ist ein Roman über das Suchen und Finden und das Geheimnis, dass über die Zufälle und Wechselfälle des Lebens hinweg immer alles aufgehoben scheint wie in einem Buch ohne Anfang und Ende.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 339

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0


Sammlungen



Die Autorin dankt der Kulturförderung der Stadt Zürichfür die Unterstützung der Arbeit an diesem Roman.

© 2020 Jung und Jung, Salzburg und Wien

Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung,Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten.

Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com

Druck und Bindung: GGP media GmbH, Pößneck

eISBN 978-3-99027-174-2

KATHARINA GEISER

Unter offenem Himmel

Roman

Und du – bisch nur en Idee vo mirSo wie’n ich sie bruuch

Sophie Hunger (2008)

Fame is a bee.It has a song –It has a sting –Ah, too, it has a wing.

Emily Dickinson (1788)

Inhalt

1 KLARA UND DER ANFANG

2 ELISE UND DAS KIND

3 KLARA UND DER SCHUSS

4 ELISE UND DIE STRASSE

5 KLARA UND DIE LIPPENSTIFTE

6 ELISE UND BUSTER KEATON

7 KLARA UND DER KITSCH

8 ELISE UND BENI

9 KLARA UND DIE FISCHE

10 ELISE UND DIE PEST

11 KLARA UND FRANZ

12 BENI UND DER VERDACHT

13 ANNI UND DIE ZEIT

14 BENI UND DIE POLITIK

15 KLARA UND DER MANN IM MOND

16 ELISE UND DAS VERSPRECHEN

17 KLARA UND DER FLUSS

1

KLARA UND DER ANFANG

Mit den kleinen Dingen fing es an, die nach und nach vor Klaras Augen verschwanden.

Es fing mit der Schwalbe an. Lautlos stürzte sie auf die Landstraße, an einem Tag, an dem der Wind blendend weiße Wolken über den Himmel fegte und in den Birken und Weiden wühlte, sich kräftig aufs Reet legte und mit rauer Zunge über die Wassergräben leckte. Er stäubte die Erde auf, die ausgetrocknete, sandige Erde abgemähter Kornfelder, und er saß Klara mal im Rücken, mal ungehörig an der Brust, während sie zum Fluss radelte. Und als wäre dies alles nicht schon genug, unterstrich er sein vielseitiges Können damit, dass er sich das Schutzblech des uralten Fahrrades zunutze machte, um es mit einem einzigen Ton zu bespielen. So war die Luft voller Sirren und Rauschen, war ein Wetteifern von mindestens zwei Geräuschen.

Mit der Wäscheleine fing es an.

Mit einem Schuss.

Mit dem frisch bezogenen Bett an einem stillgelegten Gleis.

Mit der Hausiererin, die an einem ausnehmend heißen Sommertag am Garten stehen blieb, einen Gruß rief und in einer Weise mit ihrem Arm winkte, als würde sie gleich in See stechen, worauf Klara den Spaten in die Erde rammte, aus dem Schatten von Hasel und Weißdorn trat und zwischen aufgeblühten Sonnenbräuten auf die Frau zuging. Einmal im Jahr komme sie hier vorüber, sagte die Alte, sie sammle Geld für hungrige Zirkustiere und verkaufe deshalb Gummibänder. Mit ihrer ebenso kümmerlichen wie lächerlichen Kopfbedeckung, ihrem wadenlangen Rock und den derben Schuhen stand sie nun sehr breitbeinig da. Ein Schneidezahn fehlte ihr. Sie vermied es, Klara über den von Schlafmohnkapseln gesäumten Staketenzaun hinweg anzuschauen, und Klara schwieg, da sie nichts zu sagen wusste. Die Frau zog die Henkel ihrer bereits offenen, deutlich abgenutzten Kunstledertasche derart langsam auseinander, als hätte sie alle Zeit der Welt, um mit knotigen Fingern in die Tasche zu langen. Und sie hatte alle Zeit der Welt. In ihrer ganzen Erscheinung erinnerte sie Klara zuerst an Paula Beckers Armenhäuslerin, nur dass diese Alte hier statt einer langstieligen Blume ein um ein Stück Karton gewickeltes Elastikband in der Hand hielt. Das Auffälligste an der Frau war jedoch ein Geschwür schräg zwischen Mund und Unterkiefer, irritierend vor allem wegen seiner Größe, in Farbe und Textur einem Stück Schweinelunge nicht unähnlich. Mit dieser faustgroßen Wucherung und der behaupteten Zirkusmenagerie fing es an.

Mit einer gestohlenen Mosaikbrosche.

Es fing mit diesem unglaublichen Lachen an, in das man mir nichts, dir nichts einstimmt und das unmöglich zu beschreiben ist und so leise war, dass Klara es zunächst gar nicht bemerkte.

Es fing an, als das Wort okay plötzlich in aller Leute Mund war. Das war, nachdem die Tamagotchis praktisch ausgestorben waren, ohne in die Rote Liste aufgenommen worden zu sein. Damals fiel es Klara wie Schuppen von den Augen, dass die Sterne auch am Tag leuchten. Das fand sie mehr als okay.

Sie hielt an, als die Schwalbe vom Himmel fiel, sang- und klanglos vor ihrem Fahrrad aufschlug. Der Vogel lag mit offenem Schnabel und verdrehtem Körper da, mit gelbem Rachen und hellen Wulsten in den Schnabelwinkeln. Der blaue Schimmer auf Kopf und Rücken war vollkommen. Einzelne Bauchfedern und Eingeweideteilchen blieben am Asphalt kleben, als Klara den Jungvogel aufhob. Er hatte kein Gewicht, lag in ihrer Hand, ohne noch zu sein, worüber sie eine seltsame Freude empfand. Sie schaute empor. Weit und breit waren keine Vögel zu sehen, schon gar keine Raubvögel, bloß Wolken, die die Leere des Himmels spielend kaschierten.

An der Badestelle traf sie niemanden an.

Normalerweise führt der Fluss braunes Wasser, das an Weinbrand oder Filterkaffee denken lässt. An nicht wenigen Uferabschnitten weiden Kühe, außerdem sickert die häufig verspritzte Gülle in den Moorboden. Äußerst träge bewegt sich der Fluss mal nach dieser und mal nach der anderen Richtung, derart träge, dass man die Strömung nur beim Schwimmen erkennen kann. Das Wasser macht die Haut weich und riecht nach nichts.

An diesem Tag war der Fluss ungleich blauer als die blauen Himmelsfragmente. Aufgeregt sprangen Gold und Silber über die Kämme und Spitzen der zahllosen Wellen. Das Wasser war zu unruhig zum Schwimmen. Obwohl sie seit über einem halben Jahrhundert schwamm, war Klara keine gute Schwimmerin. Trotzdem zog es sie überall zu Gewässern.

Sie setzte sich auf den Steg und lauschte und schaute. Sie sah sich den Bergsee ihrer Kindheit schlucken, den See der alljährlich wiederkehrenden Sommerferien, sah, wie sie die Orientierung verlor, sobald sie untertauchte, wo Schwärme kleiner Fische durch ihre gespreizten Beine schwammen, und wie sie vor Kälte am ganzen mageren Körper zitterte, das empfand sie jetzt auch. Und sie hörte, wie ihre Zähne aufeinanderschlugen, wenn sie sich sehr lange im untiefen Wasser am Ufer aufhielt. Die Kälte war nicht schlimm gewesen, hatte sie nicht einmal dazu gebracht, aus dem Wasser zu steigen. Sanne hatte sie jeweils an Land gerufen. Immer hatte Sanne gerufen – Befehlsformen, Entzückungsrufe, Schimpftiraden. Auch ein Kuckuck oder ein Waldohreulenästling lässt sich an seinen Rufen erkennen.

So wie der Fluss kein richtiger Fluss ist, so ist die Straße, auf der Klara zu allen Tageszeiten fuhr, keine richtige Straße. Denn sie verbindet keine Orte, sondern von der Natur bespielte Flecken, die zu einem Ganzen zusammengefügt worden sind. Auf keiner Karte Nordfrieslands ist die Straße verzeichnet und wird wohl gerade deswegen kaum benutzt. Stellenweise stehen Erlen, Weiden und Schlehen an den Rändern, dann wieder Kerbel und Giersch mit ihren zum Verwechseln ähnlichen Doldenblüten. Öfters führt die Straße auch am Reet entlang, hinter dem sich Wassergräben verbergen. In einzelnen dieser zahlreichen Gräben, die zu früheren Zeiten von Bauern oder Postboten mithilfe eines sehr langen Stocks übersprungen worden sind, wächst die Wasserfeder; sie steht auf der Roten Liste.

Nachdem Klara die Straße entdeckt hatte, war ihr einmal ein Mähdrescher begegnet, und ein andermal hatte ein Auto sie überholt, eine alte, gleichsam aus Elfenbein geschnitzte Mercedeskutsche, mit einem lässig angewinkelten Männerarm im heruntergekurbelten Fenster. Hin und wieder kam Klara ein Mensch mit Hund oder ein Hund mit Mensch entgegen, häufiger jedoch stand nach einer scharfen Kurve ein Reh mitten auf der Straße oder es schlängelte sich eine Ringelnatter. Und einmal hockte eine Kröte da, so groß wie ein Hase.

Damit fing es an.

2

ELISE UND DAS KIND

Anni schreit. Der Mond hat sich durch eine Ritze gedrängt und liegt als bleiches Band quer über Elises Decke. Sie schlägt die Augen auf, holt einmal tief Luft, ist schon aus dem Bett. Das Dielenknarren geht im Schreien unter. Elise kauert sich neben die Wiege, bringt sie in Schwung und streicht Anni über Stirn und Wange, über Stirn und Wange. Irgendwann bemalte irgendwer die Wiege mit hübschen Blumen. Zuvor wurde sie vom unbekannten Großvater auf dem Thalberg gezimmert. Über Stirn und Wange.

Der Thalberg ist kein Berg, nur eine Anhöhe, ein Hügel unter Hügeln im Emmental, auf dem ein einziges Haus steht, das Familienstammhaus. Moosige, mit Lichtungen durchsetzte Wälder umgeben den Thalberg. Hexen haben vor Urzeiten den Waldboden mit Ringen markiert, aus denen bis heute Pilze schießen. Und die besten Erdbeeren sind da zu finden. Man braucht nur die Augen aufzusperren und sich zu bücken.

Alle haben sie in der Wiege gelegen, schon der Vater. Einmal ist auch er ein Säugling gewesen, ein Zahnlückenbub, dann ein schlaksiger Vogeleiersammler, ein gewissenhafter Lehrling und endlich ein scheuer Bewunderer der Mutter. Ein stiller Handwerker ist er immer noch.

Beim Schaukeln blinken auf der Wiege die in hellen Tönen gemalten Zungenblüten auf. Zungen wie von Feuer. Über Stirn und Wange.

Erst fällt die Dunkelheit ins Fenster, dann in mich hinein, denkt Elise. Erst zieht der Mond über den Nachthimmel, dann macht er sich dünn und wirft mir etwas Licht zu. Ein Band, ein Stecken, zum Hauen und Lecken.

Wenn sie Anni beruhigen will, indem sie die Wiege bewegt, kommen ihr im Halbschlaf manches Mal solche Sätze in den Sinn. Sie nehmen sich wie eine Linie gesteckter Puffbohnen aus. Oder wie die Eiablage des Kohlweißlings. An die Blattunterseite kleben, sich nicht mehr kümmern und davonfliegen.

Morgen wird sie gehen. Sich heimlich davonmachen. Aus dem ganzen Kummer ins halbe Leben. Vermutlich wird sie noch für eine Weile das Dorfgespräch sein. Lasst die Leute einfach reden, hatte die Mutter öfters zu den Kindern gesagt. Klatsch und Tratsch geben etwas her, gleichen den in Rinderbrühe schwimmenden Fettaugen, und wer würde die nicht gern oben weglöffeln.

Es gibt im Dorf ständig etwas zu bereden, auch nach Elises Weggang wird es nicht anders sein. Zum Beispiel wird man über den Habegger Sämu sprechen, vielmehr über dessen Auge, das ihm mit einer Steinschleuder herausgeschlagen werden wird, und niemand wird daran schuld sein wollen. Etliche Worte wird man auch über die herangekarrte Rolle Stacheldraht verlieren. Die Dörfler werden sie in der Tenne des herrschaftlichen Gutshofs wie einen prämierten Zuchtstier anglotzen können – oder wie die Kinder der Ärmsten unter den Armen, bevor man sie mittels Los auf die Höfe aufteilt. Gegen die Viehdiebe sollen Zäune mit Stacheldraht errichtet werden. Doch für die meisten Bauern wird das vorerst unerschwinglich bleiben, weil sie den bevorstehenden Ernteausfall nicht einfach werden wegstecken können. Ein gewaltiges Gewitter mit mostbirnengroßen Hagelkörnern kommt nämlich auf das Dorf zu. Sämtliche Kulturen im ganzen Umland wird es vernichten.

Mit alledem wird Elise nichts mehr zu tun haben. Morgen Abend ist sie weit weg. Und sie lässt doch etwas hier.

Weil Anni immer noch schreit, sich weder durch Schaukeln noch Streicheln beruhigen lässt, steht Elise auf, stellt sich auf Zehenspitzen und langt nach der Blechdose in dem an der Decke angebrachten Weidenkorb. Beiläufig, nur aus Gewohnheit, wirft sie auch einen Blick auf Marie und Lini, die im anderen Bett mehr zu erahnen als zu erkennen sind und wie üblich eng aneinandergeschmiegt über Annis Geschrei hinwegschlafen.

Vielleicht zahnt das Kleine. Oder es hat schlecht geträumt. Warum sollen Säuglinge nicht auch träumen? Kaum sind sie auf der Welt, spitzen sie den Mund, als wollten sie ein Liedchen pfeifen. Sie furzen und gähnen wie die Großen, sie sind lustig und zuweilen verärgert, krähen wie am Spieß und mögen Aufmerksamkeit. Natürlich träumen sie.

Elise öffnet die Blechdose, steckt den Zeigefinger hinein, ringelt die klebrige Masse auf. Der Finger wandert im schreienden Mund und pendelt darin, bis Anni zu saugen beginnt.

Ich lege dir meinen Stern zu Füßen, das hatte der Doktor gesagt. Was meinte er eigentlich damit? Wäre die Mutter noch da gewesen, so hätte Elise sie fragen können. Sie wusste Dinge, die dem Vater unbekannt sind. Als Tochter eines Schulmeisters, der auch das Ehrenamt eines Gerichtsäß innegehabt hatte (zu einer Zeit, da viele Gerichtsäße noch barfuß gingen), konnte die Mutter jahrelang zur Schule gehen und Bücher lesen. Einige stehen gut versorgt im Stubenschrank, im Ganzen neunzehn Bücher, zweifellos schampar viele.

Der Doktor ist längst abgedampft, Elises Zuneigung verpufft. Er sah dem jungen Buster Keaton verblüffend ähnlich. Derzeit kennt niemand auf dieser großen weiten Welt Buster Keaton, kein Mensch weiß etwas über seine Tricks, diese impossible gags, die in fernen Zeiten einmal berühmt sein und in noch ferneren Zeiten in Vergessenheit geraten werden. Noch kommt es vor, dass er nachts durch Elise hindurchgeht, der Doktor. Dann wird Elise wach. Besser ist es allerdings, von Kindern geweckt zu werden.

Anni schläft längst. Atmet wie ein Lamm.

Das Band aus Mond und Licht ist gewandert. Elise legt sich zurück ins Bett. Sie stellt sich vor, dass es endlich ein Ende haben wird mit den Steinen. Jeden Tag ist mindestens ein Stein nach ihr geworfen worden. Daher die Kopfschmerzen. Und der ständig wiederkehrende Traum. Der Traum mit den roten Händen und den hohen Häusern. Der Traum, in dem der Regen nichts anderes ist als ihr Schweiß, und Füchse kopfüber unter den Firsten hängen, aber nicht tot sind, weil sie kauen. Das Kaugeräusch klingt wie das trockene Klacken von Geweih, wenn Hirschböcke im Zweikampf aufeinanderprallen. Und Elises Hände schmecken nach Blut, und das Blut und der Schweiß und die Füchse und die hohen Häuser machen Angst, und sie rafft Rock und Schürze und rennt, rennt.

Wie kann sie zu Geld kommen, wenn sie vor dem Steinhagel flieht, hat Elise sich gefragt. Eine Anstellung als Dienstmädchen oder Fabriklerin kam nicht in Betracht; einem Hausherrn oder Meister ausgeliefert sein, vom Regen in die Traufe – nein danke. Außerdem müsste sie so viel verdienen, dass sie mit Anni zusammen möglichst bald ein neues Leben würde beginnen können.

Olgi wusste Rat. Elise würde bei der Ausübung dieses Berufs sehr wählerisch sein müssen. Schnell ein gutes Gespür entwickeln. Reinlichkeit als oberstes Gebot. Von den Kunden ebenfalls Reinlichkeit verlangen. Sich keinem anvertrauen, sagte Olgi, der anscheinend zu dir halten will, indem er Kundschaft auftreibt, aber dem du plötzlich nur noch parieren und einen Teil deines Verdienstes abliefern musst. Von so einem kommst du nicht mehr los. Vor allem aber musst du wissen, dass dieser Beruf nicht schlechter ist als die meisten anderen.

Das Gewerbe in der Bundesstadt auszuüben, davon jedoch riet Olgi ab, zum einen wegen der Nähe zum Dorf, zum andern wegen der Gesetze. Aber was man in Bern verbiete, das sei in Zürich gang und gäbe und straffrei. Nur die Kuppelei würde dort bestraft, wobei eine erfahrene Kupplerin sich garantiert nicht erwischen lasse.

Bald reichte Olgi ihr eine Adresse, notiert auf ein Kalenderblatt. Auf der Vorderseite eine dicke rote Zwölf und auf der Rückseite mit Bleistift in etwas unbeholfener Schrift ein Name, eine Straße, eine Hausnummer.

Der dünne, zweimal gefaltete Zettel steckt in Elises Jackenärmelsaum. Man kann nie wissen. Nur dass sie sich in der ihr fremden Stadt ganz schön wird anstrengen müssen. Da muss sie eben durch. Eine Sonnenblume muss sich auch erst aus dem harten Kern, durch die Erde und noch den ganzen Stiel hinaufkämpfen.

Dass sie das Dorf morgen für längere Zeit verlassen wird, hat Elise nur Marie verraten. Ig wott für mi luege, hat sie erklärt, niemand tut das sonst für mich. So wird früher oder später alles gut werden, auch wegen der Gerechtigkeit. Und weil ich nicht faul bin, verstehst du?

Glaube schon, hat die jüngere Schwester geantwortet und ihr bei der seligen Mutter versprochen, sich um Anni zu kümmern und ein waches Auge auf die jüngsten Geschwister zu haben. Auf Maries Herzensgüte ist Verlass. In ihrer Obhut wird es auch Anni an nichts fehlen.

Dem Vater hat Elise erzählt, morgen mit dem Bacher Emmi nach Langnau zum Weiberschießen fahren zu wollen. Erstmals seit drei Jahren fände der Anlass wieder statt. Sicher würden sie sich gut amüsieren. Der Vater hatte nichts dagegen.

Die Fahrt nach Zürich kann sie zum Glück selber bezahlen, denn der Doktor hat ihr irgendwann nach seinem letzten Erscheinen einen Umschlag geschickt. Zwei Gold- und vier Silbermünzen lagen darin, fest umwickelt mit Bast. So viel Geld aufs Mal hat Elise noch gar nie gesehen – sechzig Franken! Sie hat aber auch noch nie einen derart kurzen Brief gesehen: Für Dein Kind und Dich. Hochachtungsvoll, W. S.

Eine der Goldmünzen hat Elise an Marie weitergegeben. Und ja, den Vater wird sie, Elise, vermutlich enttäuschen, doch er hat sie ebenfalls enttäuscht.

Kurz vor dem neuerlichen Einschlafen, in diesen Sekunden vor dem Hinüberdämmern, diesem Einsinken in etwas, das so warmweich ist wie eine leer getrunkene Mutterbrust und so großflächig wie ein Strohsack, zeigt Elise den vergangenen Monaten doch noch Fäuste.

3

KLARA UND DER SCHUSS

Schon als Kind hatte sie sich geschworen, niemals zu heiraten, wobei die Ehe für sie damals die einzig denkbare Form einer Gemeinschaft gewesen war.

Diesen vermutlich überspannten und dennoch gut überlegten Schwur legte Klara in dem bis unter die Decke milchgrün gefliesten Badezimmer ihres Elternhauses ab. Die Anleitung zum Zähneputzen klebte als Bilderfolge an einem knallgelben Arzneikasten; sie zeigte ein sehr fröhliches Negerkind, auf dessen unglaublich weiße Zähne Klara kein bisschen eifersüchtig war. Sie zog es vor, ihre Zahnbürste unters laufende Wasser zu halten und sie dann schnell wieder zurück ins Wasserglas zu stellen, statt im Mund all die Pirouetten, Sägebewegungen und Liftfahrten auszuführen, die das sehr fröhliche Negerkind zu tun empfahl.

Bei ihrem Schwur starrte Klara in den Wasserhahn, in seine Krümmung, zu der sie seit Neuestem nicht mehr aufblicken musste. Jetzt spiegelte sie sich im Chromstahl, sah sich geradewegs in die eigenen Augen, die vom Kopf wegflohen, nach links, nach rechts, stecknadelklein und dunkel. In Sannes Taschenspiegel waren sie wassergrün. Die ungewohnt breite Nase und die wulstigen Lippen wirkten auf Klara befremdlich und drollig in einem. Bleckte sie die Zähne, sah sie sich einem Tigergebiss gegenüber.

Sie mochte den Tiger im Zoo. Es beeindruckte sie, wie er immer nur fünf Schritte ging und einen sechsten andeutete, indem er das rechte Vorderbein leicht anhob und zurückstellte, um gleich darauf seinen ganzen Körper schwungvoll zu wenden und den engen Käfig in die entgegengesetzte Richtung auszumessen – fünf Schritte und ein angedeuteter sechster. Eine wundervolle Ewigkeit dauerte dieses Hin und Her, bei dem das Tier sie ununterbrochen im Auge behielt. Vielleicht überprüfte der Tiger, so dachte Klara, ob sie richtig mitzählte. Ständig erwartete sie sein Zähnefletschen. Wie er dabei den Kopf leicht schief stellte. Er tat es nur, wenn ein Wärter im angrenzenden leeren Käfig ein Fleischstück platzierte, sich anschließend nach hinten begab und von dort aus mittels einer zauberhaften Mechanik ein Fallgitter öffnete, um der größten aller Raubkatzen Zugang zu ihrem Futter zu verschaffen.

Alle paar Monate gingen sie sonntags in den Zoo. Franz, der stets mit dabei war, erklärte Klara, was dem Tiger zum Fraß vorgeworfen wurde, Kuhrippen etwa oder Teile von vermutlich totgefahrenem Wild. Er gestikulierte mit den Händen, um seine Erklärungen zu unterstreichen, bis Sanne, die sich jeweils nur kurz im Raubkatzenpavillon aufhielt, Mann und Tochter von der Eingangstür her zu sich ins Freie rief. Ihre Rufe kamen immer zu früh, und sie waren derart laut, dass sämtliche Besucher im Gebäude in Sannes Richtung blickten. Für die Dauer eines Atemzugs wurde es still im Pavillon, lange genug, damit Klara ihr ungutes Gefühl einmal mehr irgendwo in ihrem Innern unterbringen konnte.

Wenn Klara sich ins Badezimmer zurückzog, imitierte sie manches Mal die geschmeidigen Bewegungen des Tigers, exakt fünf, beinahe sechs Schritte in die eine und fünf, beinahe sechs Schritte in die andere Richtung und so fort. Oder sie setzte sich auf den Klodeckel und dachte daran, wie es wäre, hinuntergespült zu werden. Sich das vorzustellen war die schwierigste aller Aufgaben, und gerade deshalb eignete sie sich zur Ablenkung. Sannes Anfälle waren hässlich und machten Angst. Einmal hatte Klara mitangesehen, wie sie Franz die Brille aus dem Gesicht geschlagen hatte. Franz versuchte, Sanne zu beschwichtigen, wobei er möglichst ruhig blieb, obwohl er bestimmt um vieles stärker war als sie. Er konnte ganze Schweinehälften schultern und große Gefäße mit Blut oder Brät tragen. Und außerdem kostete es ihn keine Mühe, mit einem einzigen Hieb einen Knochen zu zerteilen, selbst wenn dieser so dick wie ein Telefonhörer war.

Lieber als ins Badezimmer schlüpfte Klara aber in ihr Zimmer. Wegen der Bücher. Zwischen Wand und Bett legte sie sich rücklings auf den Boden, auf den kleinen Teppich, der angeblich aus Persien stammte und ein Geschenk eines Aufschnittmaschinenhändlers an den Vater gewesen war. In der dunkelsten Ecke ihres Zimmers liegend, stülpte Klara sich das Buch über den Kopf, in dem sie gerade las. Mal stellte es ein Zelt dar, mal einen Helm oder eine Eishöhle, und Klara ließ das offene Buch so lange über ihrem Kopf liegen, bis sie taub war. Taub bedeutete, dass sie sich an die bereits gelesenen Szenen aufs Genaueste erinnern konnte. Erst in diesem Zustand erlaubte sie sich, an vertraute Orte zurückzukehren, nach Owambien oder ins Mumintal. Dort stand sie niemandem im Weg.

Bereits vor Schuleintritt hatte sie sich mit Max und Moritz das Lesen beigebracht. Ihm war das Abschreiben von Eigennamen im Kindergarten vorausgegangen. Dabei hörte sie in sich hinein, steckte die Buchstaben bald schon wie Matador-Holzklötze aneinander. Sanne zeigte Klara im Laden noch das C und schwenkte dazu eine Tube Cenovis. Von Franz war das Z. Verflixt nur, dass Tss (C) und Tss (Z) gleich klangen. Klara buchstabierte sich beherzt durch die Streiche von Max und Moritz hindurch, obwohl sie das Lesen als ungeheure Anstrengung empfand und manches Wort zwar hinter sich bringen, aber nicht verstehen konnte, so wie Tra-u-er-blic-k. Und auch die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Wörtern erschlossen sich nur selten. Zum Glück gab es die Illustrationen. Und zum Glück las Trudchen einzelne Verse wieder und wieder vor, mit der Geduld, die Großmüttern zumeist eigen ist. Wurde die Anstrengung zu groß, brach Klara ihre Leseübung vorübergehend ab, manchmal mitten in der Zeile. Damit sie die vorangegangenen Wörter nicht noch einmal zu lesen brauchte, markierte sie die Stelle mit einem Farbstift oder mit ihrem Daumennagel. So machte sie etwa bei Nicht allein im Schreiben, Lesen / Übt sich ein vernünftig Wesen nach Übt einen senkrechten Strich. Das Papier fühlte sich weich und ein wenig rau an. Als die erwachsene Klara das zerfledderte Buch erstmals wieder durchblätterte, war es schon recht vergilbt. Aber immer noch roch es nach dem Meerschaumpfeifenschmauch von Lehrer Lämpel.

Die Farbstifte, mit denen das Kind die Lesezeichen gemalt hatte, waren mehrheitlich Stummel. Weil es so viele bunte Schmetterlinge und Blumen gab, die Klara beim Zeichnen klein und fein aus der Hand fielen. Anstelle von Papier reichte Sanne ihr oft Kartons, die sie mit einem Küchenmesser aus SUNIL- oder TAMPAX-Packungen geschnitten hatte. Immer fünf Stück gaben die Packungen her, immer zu wenig für all die Prinzessinnen, Vogelschwärme und am Himmel aufgehängten Sterne, vierzackig, vielzackig oder gar mit Schweif, ausladend, einladend über den Ställen, wo die Jesüsser und Marias und Esel wohnten. Klara malte auch den Eseln Heiligenscheine. Die Marias hatten kein toupiertes Haar wie Sanne, sondern Locken bis zu den Schultern. Glatzköpfige Engel flogen kopfüber durch die Luft und hingen an den Stallbalken wie Fledermäuse. Sie piepsten wohl auch so. Männer kamen vorwiegend als Hirten und Osterhasenpapas vor. Im Übrigen war die gezeichnete Welt in Ordnung: Türen hatten Schlüssellöcher, tief liegende Kinderwagen aufgespannte Verdecke mit Klappbügeln, und Mädchen weinten manchmal Bäche.

Im Laufe der Zeit malte Klara die Dinge immer noch kleiner und detailreicher. Kurz vor Schuleintritt war alles so winzig, dass man es mit einer Pinzette in Robert Walsers Bleistiftgebiet hätte setzen können. Doch in der Schule waren die Formate vorgegeben. Und Klara sah auch halbwegs ein, dass sie keinen mückenkleinen Birnbaum mit fünf saftigen Früchten auf ein riesiges Papier zeichnen durfte. Denn später würde ihr Bild neben einundvierzig anderen Bildern mit großen, plumpen Birnbäumen zu hängen kommen. Und mehr als einen Baum zu zeichnen war nicht erlaubt. Also malte sie ihre Obstbaumwiese eben zu Hause. Dafür hatte sie sich von Sanne ein Blatt aus einem unlinierten Schreibblock erbeten.

All das war lange her und nur dadurch in die Gegenwart zu holen, weil Sanne die Kinderzeichnungen datiert und aufgehoben hatte. Klara hätte eine Wette darauf abgeschlossen, nie glatzköpfige Engel gezeichnet zu haben. Umgekehrt erinnerte sie sich gut daran, dass sie einst mitten im Sommer das Christkind hellblau durchs Schlüsselloch des elterlichen Schlafzimmers gesehen hatte. Damals hätte sie es anleinen und hinter sich herziehen wollen, und sie hätte es Kunststücke gelehrt. Doch Sanne hatte sie von der Tür weggerufen.

Seither waren Jahrzehnte verstrichen. Ab und zu zeichnete Klara noch, eine Knoblauchknolle, eine verdorrte Tulpenblüte oder auch ihre linke Hand. Das Zeichnen erschloss jetzt Formen und Veränderungen. Sie hatte nie wieder durch ein Schlüsselloch geguckt. Sie übte einen Beruf aus, in dem Bücher im Mittelpunkt standen. Sie schrieb zwar keine, empfahl und verkaufte aber viele, immer öfters solche, deren Verfasser (männlich und weiblich) wohl die Urschreiseminare und andere wirksame Selbsterfahrungskurse verpasst hatten und sich deshalb dazu berufen fühlten, selbst etwas zum unübersichtlich langen (und übersichtlich langweiligen) Kanon der Betroffenheitsliteratur hinzuzufügen. Wie Pilze schossen diese Schreiberlinge aus dem Boden. Nu sind Pilze ja notorisch neugierich und steckn überall die Köpfe raus, wo man’s gar nich denkt, wie Klara bei Arno Schmidt gelesen hatte, doch war es eben in diesen Fällen nicht Neugier, und schon gar nicht Neugier auf fremdes oder gut erfundenes Leben (was vielleicht dasselbe ist). Klara hatte Vorlieben und Vorurteile. Nicht wenige betrafen Bücher. Hatte sie einige Seiten in einem Buch gelesen, so meinte sie urteilen zu können, welche Autoren einen oder eben keinen Schimmer von Tönen und Zwischentönen hatten.

An Männern fehlte es ihr nie. Sie hielt sich die Treue, indem sie ledig geblieben war. Immer wieder und noch wurde sie begehrt, und umgekehrt verfügte sie über einen imaginären, umfangreichen Zettelkasten mit abgelegten Gefühlen, die sie bei Bedarf aktivieren konnte. Über Gefühlsschwankungen führte sie nicht Buch, sie waren aber jederzeit zu erwarten.

Mit dem umtriebigen Smiledesigner Roman (andere sagten Zahnarzt) hatte Klara sich immer nur außerhalb seines Wohnortes und außerhalb ihrer Wohnung verabredet. Er war findig im Aufspüren neuer Treffpunkte. Offenbar glaubte er, ihr wenigstens in dieser Hinsicht etwas bieten zu müssen. Das war angenehm und am Ende langer Arbeitstage in der Buchhandlung genau das Richtige. Selten gingen sie in ein Restaurant, denn Roman fand die von Klara inszenierten Picknicks eine Klasse für sich.

Er war deutlich jünger, was nur insofern eine Rolle spielte, als sie sich mit ihm weder über den Geschmack von Tetravitol unterhalten konnte noch über die Jo-Jo-Schritte des ersten Mannes auf dem Mond. Dabei hatte Klara Neil Armstrong seinerzeit gar nicht als Mann erkennen können, nicht einmal als Mensch. Lieber hätte sie die Sache in Schwarz-Weiß verschlafen, aber sie war von Sanne geweckt und vor den Fernseher gezerrt worden.

Zu jener Zeit hatte sich das Fernsehbild noch öfters verselbstständigt. Bild um Bild war nach unten gefallen. Ein sich beschleunigendes Staccato war das gewesen, das schließlich zu einer Art Schneesturm wurde. Spätestens dann rief Sanne nach Franz. Hörte er sie nicht, rief sie nach Klara, damit sie den Vater in der Metzgerei oder im Garten holen ging. Franz machte den Schneesturm wieder rückgängig, indem er an einem Knopf auf der Rückseite des Fernsehers drehte, während Sanne Anweisungen gab, in rascher Abfolge gut – nicht gut – gut – gut – nicht gut sagte, an die dreißig oder vierzig Mal. Nie hatte Klara den Eindruck, dass Franz’ Tun mit Sannes Anweisungen übereinstimmte. Am Schluss war das Bild aber immer wieder da.

Sanne hatte möglichst oft ferngesehen, sog dazu meistens an einer Zigarette. Erst wölbten die Wangen sich nach innen, dann kam der Pafflaut. Roman rauchte ebenfalls, ohne Paff. Seinen mit Nikotin und Alkohol imprägnierten Atem fand Klara anziehend. Der Mann gefiel ihr, vor allem äußerlich. Besonders mochte sie seine sommers wie winters sonnenbraune Haut über dem fettarmen Körper. Und seine Zähne – auch seine Zähne in ihrem Fleisch. So gut wie nie traf sie ihn am Wochenende, weil er dann als Ehemann und Vater zugegen sein musste, was Klara wohlwollend abgenickt hatte, weil sie erstens gerne alleine blieb und zweitens noch andere Leute kannte.

Sie war deshalb erstaunt gewesen, dass Roman sie zu jener mehrtägigen Reise ins Burgund eingeladen hatte. Für die erste Nacht war ein Zimmer in einem alten Schloss gebucht, das mittlerweile als Gästehaus mit Charme geführt wurde. Die Fahrt zog sich in die Länge, weil Klara unbedingt noch über zwei Soldatenfriedhöfe gehen wollte. Mein deutscher Urgroßvater könnte auch hier liegen, sagte sie in die Stille hinein, die über dem Gräberfeld von Berru lag, wo zigtausend Soldaten ruhten, viele unter identischen Metallkreuzen in Reih und Glied (selbst im Tod diszipliniert und uniformiert), andere in Massengräbern, was auch kein ewiger Spaß ist. Aber er ist davongekommen, fuhr Klara fort, hat zuerst in Ostpreußen, später dann irgendwo hier gekämpft und sich gegen Kriegsende in einem verlassenen oder aber in einem zum Morden und Plündern bestimmten Haus, was weiß ich, mit einer Tischuhr bedient. Gelegenheiten gab’s ja genug. Eine Uhr macht zwar nicht satt, kann aber, so dachte sich mein Urgroßvater vielleicht, gegen etwas Essbares eingetauscht werden. Doch er blieb auf ihr sitzen. Biedermeier, hübsch, wenngleich zum Schämen. Seit ich mich zurückerinnern kann, ist das Uhrwerk kaputt. Bleibt übrigens noch die Möglichkeit, dass er die Uhr einem toten Kameraden abgenommen hat.

Roman machte ein langes Gesicht. Mehr war von ihm in diesem Punkt auch nicht zu erwarten.

Das geräumige Gästezimmer wies auf den ersten Blick tatsächlich einen gewissen Charme auf. Im Badezimmer allerdings roch der Abfluss sehr uncharmant, und da der Messingknauf seine besten Zeiten längst hinter sich hatte, war Romans Fingerfertigkeit gefragt, damit der Geruch sich aussperren ließ. So was konnte er gut.

Reichlich spät, nachdem Klara die Weingläser, die Schalen, die Löffel und Gabeln sowie eine Schraubdose mit Couscous aus ihrem Koffer geholt hatte und Roman mit einer Flasche gekühltem Weißwein und Wasser von der Theke-für-alles zurückgekommen war, bemerkte sie auch die Fliegen, die trägen Fliegen, ihr Versteck, ihr Wimmeln in den Falten der brüchigen Samtvorhänge, die einst dunkelrot gewesen sein mochten. Klara versuchte sich nicht aufzuregen – nicht über geschätzte vierhundertzweiundsiebzig Fliegen. Es war ohnehin nichts mehr zu ändern, auch weil sämtliche übrigen Zimmer von einer Hochzeitsgesellschaft belegt waren. Und überhaupt: Nachts schliefen die Fliegen doch.

Mit Klaras Taschenmesser entkorkte Roman den Wein (weniger als ein Château et cetera hatte es nicht sein dürfen), er schenkte ein und kostete den Couscous. Sie erzählte, dass sie kürzlich in einem Café eine weinende Frau gesehen habe. Ich überlegte mir schon, mich zu ihr zu setzen, sagte Klara, als ich realisierte, dass die Frau über einem Buch saß und sich bei der Lektüre einfach gehen ließ. Das hat mich bewegt.

Ein Plus für die Leser von Fachliteratur, meinte Roman trocken. Er meinte sich selbst.

Weiß nicht. Im Kino weinen die Leute doch auch. Und es gibt Kinder, die weinen bei Nils Holgersson, und Erwachsene, die beispielsweise Der Gott der kleinen Dinge nur unter Tränen zu Ende lesen können. Wie ich. Ist allerdings eine Weile her.

Roman hatte bereits wieder die Weinflasche in der Hand: Noch ein Glas?

Gerne. Und du? Hast du irgendetwas Schönes erlebt in letzter Zeit?

Warte – ja, auf dem Golfplatz. Meine beiden Sprösslinge dürfen ja immer die Wägelchen lenken. Kürzlich ließ ich den Älteren erstmals abschlagen. Und kannst du dir vorstellen, wie verblüfft wir waren, als er gleich ein Hole-in-One spielte? Ein Zufall natürlich. Oder das Glück der Unbedarften.

Klara kannte Golfbälle praktisch nur von einer ausgefuchsten Kunstinstallation, die sie Roman besser nicht beschrieb. Also sagte sie: Trotzdem habt ihr den Jungen gelobt, hoffe ich?

Aber sicher, sagte er. Auf Romans Smile war Verlass.

Später drehte sie fast durch, wegen der Fliegen. Auch nach dem Löschen des Lichts flogen sie herum, steuerten nahe an ihrem Ohr vorüber, landeten vereinzelt auf ihrem Gesicht. Roman schlief. In diversen Frequenzen übertönten die Fliegen seinen angenehm gleichmäßigen Atem. Zuweilen prallte eine gegen das Fensterglas. Klara gelang es nicht, die lästigen Geräusche zu überhören, offenbar hatte sie den Trick verlernt. Verärgert stand sie schließlich auf, ging zum Fenster, riss beide Flügel auf und schlug die Arme um sich. Die helle Nacht mit ihren Scherenschnitten fünfhundertjähriger Eichenkronen war ein Traum.

Auch Franz hatte Fliegen gehasst, besonders wenn diese das Schlachtvieh belästigten. Er hatte eine besondere Beziehung zu den Tieren, die er tötete. Bei sehr heißem Wetter verschob er die Schlachterei um mindestens sieben Tage, weil er den Rindern und Schweinen neben der Hitze nicht auch noch den Tod zumuten wollte. Er ließ sie dann auf der Wiese hinter dem Haus, die eigentlich der Garten war, weiden. Vor Sannes Gemüsebeeten (wo Kartoffeln nicht fehlen durften) hatte er Pfähle eingeschlagen und Stacheldraht gespannt. Die drei anderen Seiten der improvisierten Kleinweide waren durch eine Wildhecke abgegrenzt. Ein Apfelbaum spendete Schatten. Die Rinder reckten ihre Hälse und taten sich gütlich an Laub und Äpfeln. Und sie hatten nicht nur Franz’ Mitgefühl, sondern bekamen auch Fliegenklebestreifen an Hörner oder Ohren.

Sanne hielt dafür Mücken und Fliegen von Klara fern. Mit einem handelsüblichen und hochwirksamen Insektizid sprayte sie allabendlich das Kinderzimmer aus, damit Klara ungestört schlafen konnte. Eine Weile ließ Sanne das Gift einwirken, dann öffnete sie das Fenster und rief über die Schulter: Es ist Zeit für dich!

Vor Jahrzehnten schlief Klara perfekt, besonders im Sommer.

Von der Hochzeitsgesellschaft war kein Ton zu hören.

Als Klara sich nach Langem doch wieder hinlegte, krachte es. Ein Louis-Quinze-Fuß war vom Bett weggebrochen. Roman schreckte auf, seinem Smile folgte ein Lachen. Klara fluchte ausgiebig und schlug dann vor, beide Hartschalenkoffer als Stütze unter das Bett zu schieben. Im Schein der Deckenleuchte (gesprungenes Opalglas) wurden die Fliegen noch flugfreudiger, und Roman meinte mit Blick auf Klara, die nach der Kofferaktion mit angezogenen Knien und mürrischem Gesicht auf einem Sessel saß: Schlag sie alle tot!

Anderntags wurde das Frühstück an einem Banketttisch serviert, um den schon die ganze Hochzeitsgesellschaft saß, elf durchwegs ältere Personen. Braut und Bräutigam gaben sich nicht zu erkennen. Klara und Roman setzten sich nebeneinander auf die beiden noch freien Plätze. Gleichsam zur Entschädigung für die vorangegangene Nacht war das Frühstück echt fürstlich. Kaum hatte Klara zugelangt, fragte ihr Tischnachbar, woher sie komme. Aus der Schweiz, antwortete Klara. Sie hatte keine Lust auf ein Gespräch, sie wollte frühstücken.

Der Franzose fing augenblicklich damit an, sie über die Abfolge der französischen Monarchen zu informieren: Name, Lebensdaten, Regierungsdauer, Todesart. Der Auftakt zu seinem Monolog bildete ein Kinderpaar namens Maria und Franz, sechzehntes Jahrhundert, also arg früh. Dass der Franzose in der Folge sämtliche Mätressen, Zweitfrauen und Himmelbetthüpfchen unterschlug, hatte sein Gutes. Klaras Französisch war mittelmäßig; sie verstand viel, sprach aber schlecht. Sie nahm sich weitere Baguette-Scheiben (schön dick und schräg geschnitten), noch mehr Käse (köstlicher Brebis), langte nach frischen Feigen und Erdbeeren, trank Saft und starken Tee, kaute und hörte zu und war angeödet.

Als ein Teil der Hochzeitsgesellschaft bereits aufgebrochen war und Klara die Erdbeerstiele und die trapezförmigen Käserinden zu einem Muster auf ihrem Tellerrand drapiert hatte, kam der Franzose, der während seiner geschichtlichen Ausführungen lediglich eine Tasse schwarzen Kaffee getrunken hatte, endlich zu einem Schluss. Klara wollte sich verabschieden, doch er nutzte den Moment, sich nach den letzten Königen der Schweiz zu erkundigen.

Radebrechend legte Klara dar, dass es in der Schweiz niemals Königshäuser gegeben habe, weil der Adel (la noblesse?) laut Helvetischer Staatsverfassung verboten sei. Fliegen hingegen (des mouches!) gäbe es offenbar da wie dort eine ganze Menge.

Der Franzose hob fix seinen Zeigefinger und erinnerte an das Fliegenwunder: Vous le connaissez, Madame?

Sie zuckte nur mit den Schultern.

Dieses Wunder, sagte der Franzose beflissen, hätte sich in gar nicht allzu großer Distanz von diesem Schloss ereignet, zur Zeit der Regentschaft des dicken Ludwigs, als in (den Namen vergaß Klara gleich wieder) eine Klosterkirche eingeweiht wurde und Fliegen in ungewöhnlich großer Zahl über die Gläubigen hergefallen seien. Der Abt habe kurzen Prozess gemacht und die unerwünschten Eindringlinge während der Messe ohne Vorwarnung exkommuniziert. Tatsächlich hätten am nächsten Tag alle Fliegen tot auf dem Boden der Kirche gelegen. Die Tat sei im Nachhinein von vielen Gläubigen bezeugt worden, viele Ungläubige hätten dagegen auf einen im November nicht ungewöhnlichen Kälteeinbruch hingewiesen.

Und was glaubst du?, fragte Roman später, als sie in seinem Wagen durch die Landschaft gondelten.

Wohl dies und das, Wunder und Kälte, sagte sie. Beides ist jedenfalls effektiver als Fliegen totschlagen. Aber dass du mich nie wieder an einen solch höllischen Ort bringst!

Ansonsten waren die Treffen mit Roman in Ordnung. Bis zu jenem Abend in ihrem zweiten Spätsommer, wo sie ein Stück weit über die Landesgrenze gefahren waren und an einem Waldrand Klaras Decke ausgebreitet hatten. Vor ihnen lag ein einziges Maisfeld, Aussicht und Horizont in einem. Es war eine schön verborgene Stelle, um sich auszuziehen und davor noch mit Minze gewürzte Hackfleischbällchen, Fladenbrot und Melonensalat an Portwein und Zitronensaft zu essen. Roman lobte Klaras Kochkünste. Und Klara sagte einmal mehr, dass sie es merken würde, wenn er das Lob nicht ehrlich meinte. Ansonsten lasse sie sich gern belügen.

Während sie miteinander beschäftigt waren, hörten sie den Schuss.

Keine Sorge, flüsterte Klara, es ist bereits Jagdzeit für Damwild, Reh- und Rotwild. Und Wildschweine dürfen hier fast das ganze Jahr hindurch erlegt werden.

Obwohl sie maximal im Freien lagen, gab es also keinen Grund, länger als nur kurz innezuhalten. Doch als sich Minuten später ein Ambulanz- oder Polizeiwagen mit eingeschaltetem Martinshorn näherte und offenbar in nicht allzu großer Entfernung anhielt, einigten sie sich auf Abbruch. Klara fischte nach ihrem mit Flieder bedruckten Baumwollkleid (sie konnte so etwas tragen, immer noch), nach BH und Slip und zog sich an. Dann packte sie den Picknickkorb und sah Roman zu, wie er sich die Krawatte band, ein geschmackvoll gewähltes, trotzdem komisches Stück, Krawatte eben. Noch die Schuhe, Decke unter den Arm, Handtasche, Korb und weg. Mit Stirnlampen durchs Unterholz zum Wagen. Weiter Richtung Grenze, nach Basel. Dort zu einem in einer Nebenstraße gelegenen Haus aus den Dreißigern, wo Klaras Dachwohnung lag, die sie Roman stets vorenthielt.

Am nächsten Abend wurde sie im Netz fündig: Ein Jäger hatte auf ein Wildschwein geschossen, auf ein Wildschwein in einem Maisfeld. Das Wildschwein jedoch war ein Liebespaar gewesen. Der Pole und die Tschechin hätten in der Montageabteilung ein und derselben Fabrik gearbeitet, sich deshalb überhaupt kennengelernt, las Klara. Beide seien verheiratet gewesen, aber nicht miteinander. Mit einem einzigen Schuss wurde der Mann getötet und die Frau am Arm verletzt. Übers Handy alarmierte die Frau den Notruf. Der Deutsche Jagdverband und der Landesjagdverband bedauerten das Ereignis und wünschten der jungen Frau von Herzen gute Genesung.

Klara spürte ihren glühenden Kopf. Sie klappte ihr Notebook zu und holte eine angebrochene Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank. Ihre Hand zitterte, als sie sich einschenkte. Das erste Glas trank sie in einem Zug aus, mit dem zweiten stieß sie auf ihr Leben an. Halb voll, halb leer – was denn? Wie. Wenn. Hätte. Wäre sie. Und in dieser Verwirrung, die sie antrieb, ziellos durch ihre zweieinhalb Zimmer gehend, als fände sich irgendwo etwas, das ihre Sinne ordnen könnte, erinnerte sie sich plötzlich daran, wie sie als Kind auf dem Klo manch unberechenbaren Wutanfall von Sanne abgesessen hatte. Hinuntergespült werden. Wohin? Und an wessen Seite? Klopapier. Ein Rauschen. Fleischeinschlagpapier. Trockenes Ertrinken. Das Papier zerknüllt sich nicht raschelnd, sondern trillernd, zirpend. Ein ganz hoher Ton. Aber welches Papier. Es wird kleiner und kleiner, ist zuletzt klein wie eine Pupille des Geliebten. Dann ein Knall – und Paul war wieder da.

Paul – der Aufheber, der Aufbrecher, der Vieltakter. Im gleichen Alter wie der erschossene Liebhaber war er gewesen, als sie einander kennengelernt hatten. Klara sah Paul. Er überragte sie um mehr als eine Kopflänge; es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, auf sie hinunterzublicken. Sie vernahm seine Stimme, hörte ihn sagen, dass sie wie ein moderner Engel aussehe, als sie einen Apfel aß, er sie erstmals nackt sah und sie ihn. Und sie roch ihn. Sie fühlte seine trockene Hand, die ihre Hand beim Spazierengehen hielt, und seine feuchten Lippen schmeckte sie, spürte sie an ihrem Hals, den Brüsten, in den Leisten. Wie er noch einen Fingerhut voll sagte und sie dann wieder einschliefen. Wie sie beide einkaufen oder ins Kino gingen oder tanzten in aller Öffentlichkeit, an hellen Tagen, in diffusen Lichtern. Sie hörte, wie sie sich, wenn sie einander wiedersahen, ihre vergangenen Monate erzählten. Wenn Paul über etwas redete, ihr etwas erklärte, dann schlossen sich an ihre Welt reizende Vorgärten an, mit Wendeltreppen und Paternoster versehene Räume klappten sich aus, Lustpavillons reihten sich an Baumhütten, an Konzertsäle, an Höhlen mit dicken Schichten von Fledermauskot, manches belebt mit allen möglichen Menschen. Paul blieb immer freundlich, Klara empfand sein Erzählen als hinreißend. Und dabei hatte sie ihren Kosmos früher, bevor sie Paul kannte, als groß genug empfunden, zählte sie doch nicht nur die gelesenen, sondern auch die ungelesenen Bücher dazu.

Paul war noch da. Innerhalb von Stunden nahm er wieder jenen Platz ein, den er über Jahre innegehabt hatte. Und Klara hatte dies nicht nur nie gesucht, sondern auch genossen.

Nicht, dass die Treffen mit Roman zu riskant geworden wären (für das Risiko war Klara gar nicht zuständig), doch umgeben von Paul brauchte sie niemand anderen. Der Schlussstrich unter die Beziehung zog sich wie von selbst. Es war eine mit weichem Bleistift gezogene Linie unter ein durchaus gefälliges Aquarell mit windschiefem Klatschmohn und einer fernen violetten Hügelkette, von der sich der Himmel nicht abhob.