Valdombra (Bd. 2) - Martina Folena - E-Book

Valdombra (Bd. 2) E-Book

Martina Folena

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Beschreibung

Ein Licht in der Dunkelheit – doch statt Hoffnung bringt es Angst! Ein leuchtendes Geheimnis und ein dunkles Abenteuer. - Mehrfach ausgezeichnete Autorin - Ein fantastisches Abenteuer mit zwei schlagfertigen Helden In Dunkelberg sind die Winternächte schwarz und sternenlos. Doch auf mysteriöse Weise erstrahlt eines Nachts der alte verfallene Lichterturm. Könnten es Gespenster sein? Böse Geister? Mutig machen sich Gwen und Teo auf, um die wahre Ursache des Leuchtens herauszufinden. Als ein mächtiger Schwarm Glühwürmchen ihnen eine düstere Warnung überbringt, ahnen sie: Nicht nur die kleinen Wesen sind in Gefahr, sondern ganz Valdombra! Ein packendes Abenteuer beginnt – und die Zeit läuft … Für alle, die fantastische Abenteuergeschichten lieben. Mit zwei Hauptfiguren der Extraklasse: eine erfinderische Heldin und ein liebenswert-verträumter Forscher.

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EPUB
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Seitenzahl: 361

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Martina Folena

Valdombra

Die Lichter von Dunkelberg

Martina Folena

Mit Illustrationen von Greta Mainardi

Aus dem Italienischen von Barbara Neeb und Katharina Schmidt

5 4 3 2 1

eISBN 978-3-649-65272-4

© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten. Die Nutzung des Werkes für das Text- und Data-Mining nach § 44b UrhG ist durch den Verlag ausdrücklich vorbehalten und daher verboten.

2022 MIMebù Edizioni

© Mim Edizioni s.r.l.

Dieses Werk wurde vermittelt durch das FIND OUT Team di Cinzia Seccamani, Italien

Originaltitel: Valdombra – Le luci di Montebuio

Umschlagillustration: Greta Mainardi

Übersetzung: Barbara Neeb und Katharina Schmidt

Lektorat: Sabine Vieler

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-64919-9.

INHALT

Prolog

Bevor der Schnee kommt

Ein Ritter ist zu früh dran

Cordelias Schreiben

Zwei unmögliche Ereignisse

Ein unerwarteter Gast

Nächtlicher Ausflug

Auf der Suche nach Antworten

Die Weiße Dame

Papiere, Tinte und Gänsekiele

Der Salon der Lichterchen

Eine dramatische Teestunde

Das Gasthaus in der Sternenstraße

Banditenfallen

Die finsterste Kneipe von Lichtberg

Madame Pepitas Kompanie

Unter Artisten

Der große Auftritt

Für eine edle Sache

Lügen für den guten Zweck

Die Mittwinternacht

Für wen die Glocken läuten

Die letzte Hoffnung für Valdombra

Epilog

Für Andrea, der in meinem Bauch war, als ich diese Geschichte schrieb.

Prolog

Was, wenn ich euch sage, dass ich einen Weg gefunden habe, die Dunkelheit für immer zu besiegen?

Ade, Finsternis! Auf Nimmerwiedersehen, Dunkelheit! Ihr beide werdet nur noch eine Erinnerung sein und möglicherweise nicht einmal mehr das. Vielleicht eher ein böser Traum: So einer, der einem beim Aufwachen ein ungutes Gefühl hinterlässt, aber alles in allem harmlos war. Valdombra, das Finstertal, wird seinen Namen ändern müssen, denn finster wird es im Tal nie mehr sein.

Was, wenn ich euch sage, dass ich bald Herrin des Lichts sein werde? Würdet ihr mir glauben?

Na, da wärt ihr die Ersten.

Hier in Dunkelberg glaubt mir einfach niemand. Und in Lichtberg schon gleich dreimal niemand. Selbst Menschen, die sich als meine Freunde bezeichnen, haben mir nur auf die Schulter geklopft und meine Ideen mit diesem unerträglichen Satz abgetan: »Gwen, niemand kann das Licht beherrschen.«

Aber ich werde ihnen beweisen, dass sie sich irren. Ich werde es allen beweisen.

Wenn es euch schon passiert ist, dass man euch nicht ernst genommen hat, dass man euch wegen eurer Träume ausgelacht hat, dass man euch alle Türen vor der Nase zugeschlagen hat … dann ist das hier eure Geschichte.

Aber ebenso, wenn ihr euch wünscht, dass eure Heimat von Katastrophen verschont bleibt, nachdem sie schon einmal eine andere überstanden hat.

Oder wenn ihr euch mit einem prahlerischen Banditen verbünden würdet, um ein nobles Ziel zu erreichen.

Oder wenn ihr euch einen Freund vorstellen könnt, der mit Insekten spricht.

Ich bin Gwen Derocca, die letzte der Deroccas aus Dunkelberg, und bevor auch ihr noch denkt, dass ich nichts auf die Reihe bekomme, hört erst mal, wie alles wirklich war, und dann urteilt selbst.

Bevor der Schnee kommt

Es war eine sternlose Nacht, finster und wolkenverhangen, wie es nur Spätherbstnächte sein können. Weiter unten im Tal konnte man gerade noch die erleuchteten Fenster von Lichtberg sehen. Sie wirkten wie eine Nachbildung des Nachthimmels. Statt von Sternen erhellt von Kerzen oder viel wahrscheinlicher Glühwürmchenlaternen, die von den Decken der Festsäle hingen oder vor den Zimmerfenstern all jener Kinder, die sich in der Dunkelheit fürchteten. Unten in Lichtberg hatten sie es warm in ihren schönen, hell erleuchteten Häusern, wo sie warme Getränke schlürften und sich über alles Mögliche unterhielten. In Dunkelberg dagegen war schon alles still: Die alten Leutchen schliefen bereits, und ich hatte diese Gelegenheit genutzt, um mich heimlich auf den Weg zu machen.

Die Luft war schneidend kalt und die Bäume waren überwiegend kahl. Nur die Tannen, die ein wenig weiter unten standen, trotzten dem Herbst, doch der Reif auf ihren Nadeln konnte nur eins bedeuten: Bald würde der erste Schnee fallen.

Genau aus diesem Grund musste ich es jetzt tun. In dieser Nacht oder nie mehr; also zumindest bis zum Frühling.

Wenn in Dunkelberg Schnee fällt, ist es fast unmöglich, zum Gipfel zu gelangen. Ich sage »fast«, um der Wahrheit die Ehre zu geben, denn früher war das anders, und man konnte den Lichterturm über gut befestigte Pfade an jedem Tag des Jahres erreichen. Dort oben empfing man gern Besuch, ob es sich nun um einen einfachen Briefboten oder einen Kartografen aus der Hauptstadt handelte. Auch kostbare Geschenke, meist leckere Speisen, trafen hier ein; dankbare Reisende hatten sie geschickt, denen in Sturmnächten der Lichterturm von Dunkelberg wie ein strahlender Stern in der Finsternis den Weg gewiesen hatte.

Doch inzwischen genügte bereits der erste Schnee, dass man den Weg nicht mehr sah und der Steilhang zu einer eisigen Rutschbahn gefror. Dann half wirklich nur noch Warten, bis der Frühling den Weg zum Turm wieder freilegte.

Ehrlich gesagt war ich die Einzige, die sich das zu Herzen nahm. Nur ich entdeckte mit Sorge die Anzeichen, die auf ein Ende des Herbstes hindeuteten: den Wind, der aus einer anderen Richtung wehte, die Luft, die schneidend kalt wurde, die Tiere, die auf einmal fort waren. Aber dass der Schnee wirklich kommen würde, das konnten wir stets erst ein paar Stunden zuvor erahnen. Wenn diese Stille über uns herniedersank, wenn diese eisige Stille sich über das gesamte Gebirge legte, dann war der Winter da.

Bis dahin fehlte nicht mehr viel, das wussten wir, und in den vergangenen Tagen hatte ich oft den Blick zum Himmel gerichtet und ihn nach Wolken abgesucht, in der stillen Hoffnung auf ein letztes Herbstgewitter. Und in dieser finsteren, bedrohlichen Nacht sah ich meine letzte Chance gekommen.

Ich hatte mir den Lederrucksack auf den Rücken geschnallt, der auch einem plötzlichen Regenschauer standgehalten hätte. Er enthielt nur wenig, aber alles davon war wichtig: eine Flasche mit gewürztem Apfelsaft, den ich kurz vor dem Aufbruch erhitzt hatte, meine ledernen Arbeitshandschuhe und eine feste Schürze aus grobem Leinen, die meinem Vater gehört hatte, eine Schutzbrille, ein Päckchen mit Proviant und dann das Wichtigste überhaupt, den Glaskolben für das Experiment.

Um mich vor der Kälte zu schützen, hatte ich meinen Umhang mit der pelzgefütterten Kapuze angezogen, die ich am Hals mit zwei Stoffbändern schloss. Rechts und links an den Seiten hatte der Umhang kleine Schlitze, das war praktisch, weil ich so jederzeit die Hände nach draußen strecken konnte, ohne dass ich jedes Mal den Umhang anheben musste und viel Wärme entwich, und die Kapuze lag so eng an den Ohren an, dass ich mir auf keinen Fall eine Erkältung holen konnte. Vielleicht sah ich nicht gerade hübsch oder modisch gekleidet aus, meine Cousine Cordelia hätte mich sicher mit einem verächtlichen Blick bedacht, aber so war ich perfekt für dieses Wetter gerüstet.

Dunkelberg ist mein Zuhause, und dort kann mich nichts schrecken, nicht einmal die schroffe Silhouette des alten Lichterturms, der hinten auf dem Bergkamm erscheint, wenn man am Ende des Weges durch den Wald so hoch oben ankommt, dass es nicht mehr höher geht. Was man dann sieht, ist eine Landschaft, wie ich sie mir auf dem Mond vorstelle: karg, mit bleichen Felsen und Steinhaufen. Und unten im Tal ein Strom aus Lichtern, das könnte die Milchstraße sein, aber es ist Valdombra, das Finstertal, das in der tiefschwarzen Nacht im hellsten Glanz erstrahlt.

Der Weg ist nicht lang, nur ist er nachts beschwerlicher wegen der Dunkelheit und wegen des Frostes, der ihn rutschig macht. Obwohl ich ihn schon Hunderte Male gegangen war, musste ich ordentlich aufpassen, und so seufzte ich erleichtert auf, als ich endlich aus dem Wald heraustrat. Dort erwartete mich mein Turm wie immer. Unerschütterlich, trotz allem.

Ich weiß nicht, welcher meiner Vorfahren den ersten Stein gelegt hat, dem dann viele weitere Steine folgten, bis schließlich der Turm in seiner ganzen Höhe über Dunkelberg thronte und vom gesamten Tal aus zu sehen war.

Er ist der einzige Ort in ganz Valdombra, an dem man über das Tal hinausblicken kann.

Lange Jahre hatte ich dort oben im Lichterturm gewohnt, zusammen mit meinen Eltern, den letzten Turmwärtern von Dunkelberg. Als ich klein war, bin ich viele Male in den höchsten Raum des Turms hinaufgestiegen, in dem große Glasscheiben die Kerzenflammen vor dem Wind schützten. Meine Mutter breitete auf diesen Fenstern ihre Karten aus: Sie zeichnete die Höhenlinie der Hügel im Osten und die der anderen Gebirgskette im Westen nach, ebenso den Verlauf des Tals, das sich nach Süden erstreckt, und schließlich die winzig kleinen Berggipfel, die man gerade noch hinter einer endlos weiten Ebene im Norden erspähen kann. »Es sieht nur aus, als wären die Berge klein«, hatte meine Mutter mir erklärt, »aber wenn du weiter in diese Richtung laufen würdest, wärst du erstaunt, wie groß sie in Wirklichkeit sind. Alles eine Frage der Perspektive.«

Die Karte war unglaublich lang, sie ging rundum über die gesamte Fensterfläche, und ich hielt sie fest, während meine Mutter mit einem Bleistift ihre Linien darauf zog. Sie hatte in der Allgemeinen Akademie in Lichtberg Kartografie studiert, aber sie liebte das Leben hier in Dunkelberg.

Diese Landkarte gab es nicht mehr: Sie war verbrannt wie alles Übrige.

Die rußgeschwärzte Eingangstür des Turms begrüßte mich mit einem Kreischen. Vorsichtig betrat ich den Turm und kniff die Augen zusammen, bis sie sich besser an die Dunkelheit dort drinnen gewöhnt hatten.

Mein früheres Zuhause, in dem nun niemand mehr lebte, außer vielleicht ein paar Siebenschläfern oder Wanderratten, lag so leer und verlassen vor mir wie immer, wenn ich jetzt kam. Der Brand, dem vor fünf Jahren alles Holz zum Opfer gefallen war, hatte nur die steinernen Grundmauern und den eisernen Mast auf dem Dach verschont. Ein durchdringender Geruch nach Asche und Kälte lag in der Luft.

Vorsichtig hob ich ein paar Spiegelglasscherben auf und legte damit die Laterne aus, die ich mitgebracht hatte. Das Licht der Kerze vervielfältigte sich und wurde auch von den anderen Spiegeln zurückgeworfen, die ich schon früher an den Wänden des Turms angebracht hatte, dennoch reichte es nicht aus, um die Dunkelheit vollends zu vertreiben. Das war ein weiteres Experiment, an dem ich noch arbeiten musste.

Aber nur ein Experiment ließ sich in dieser Nacht mit dem dunkel drohenden Himmel durchführen. Das letzte in diesem Jahr, und dieses Mal würde es gelingen, das fühlte ich.

»An die Arbeit!«, rief ich freudig.

Es mag euch seltsam erscheinen, dass ich in einem verlassenen Turm auf dem Gipfel eines Berges Selbstgespräche führte, aber ihr würdet auch mit euch selbst reden, wenn ihr euer Leben in der Gesellschaft von sieben alten Leuten und einer nicht genau zu bestimmenden Zahl von Hoftieren zubringen würdet. Das muss man einfach, um mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Ich konnte ein so bedeutendes Experiment doch nicht durchführen, ohne jeden meiner Schritte meiner Assistentin zu erklären … und die war in diesem Fall eben auch ich.

Damit ich nach dem alles verzehrenden Brand überhaupt noch hoch zur Spitze des Turms kam, hatte ich eine Leiter aus Seil sorgfältig von Hand geflochten und an den Wänden mehrere halbrunde Holzplattformen angebracht. Rauf- und Runtersteigen war nun ein Kinderspiel.

Ich hatte auch ein System von Seilrollen ausgetüftelt und montiert, damit ich alles, was ich brauchte, einfach nach oben oder unten befördern konnte.

Ich warf meinen Rucksack in einen der Tragekörbe und kletterte die Strickleiter hinauf, immer schön an den Plattformen vorbei. Im Nu war ich ganz oben angekommen und stieß die eiserne Falltür auf.

Der Raum in der Spitze des Lichterturms war gebaut worden, um Tausende Kerzen aufzunehmen, deshalb hatte man ausschließlich Metall und Stein verwendet und kein Holz. Das war ein großes Glück gewesen. Nur diesen Teil des Turms hatte der Brand nicht zerstört, das riesige Kohlebecken war zwar rußgeschwärzt, aber noch intakt. Einzig die großen Glasscheiben waren geborsten, nicht etwa wegen der Hitze, sondern wegen des Bebens, das ganz Valdombra erschüttert hatte. Die Kerzen waren nach unten gefallen und die Holztreppen, die Zwischenböden und das gesamte Mobiliar hatten Feuer gefangen. In jener Nacht hatte ich bei den alten Leutchen im Dorf geschlafen: Nur aus diesem Grund war ich noch am Leben.

Ich packte das Seilende des Flaschenzugs und hievte meinen Rucksack hoch. Genau in diesem Moment hörte ich Donner über dem Tal: etwas entfernt, aber von Dunkelberg nicht mehr allzu weit weg. Es war wieder Zeit, mit mir selbst zu reden.

»Dunkelberg, der höchstgelegene Punkt von Valdombra«, erklärte ich, während ich mir die Lederhandschuhe anzog. »Der Herbst geht zu Ende und die Nacht scheint günstig. Es ist …« Ich sah auf die Wanduhr: Sie war in der Nacht der Katastrophe stehen geblieben. Ich beschloss, die Zeit zu schätzen. »Hm … etwa Viertel vor zwölf. Ich habe soeben den ersten Donner gehört. Aufgrund seiner Lautstärke gebe ich folgende Prognose ab: In einer knappen halben Stunde ist ein Gewitter mittlerer Stärke da.« Ein weiterer Donner unterbrach meine Überlegungen, er war noch nicht ganz über mir, aber näher als der vorige. »In zwanzig Minuten«, korrigierte ich mich.

Ich band mir die Leinenschürze um. Meinen Umhang hatte ich davor ausgezogen, weil Wolle die Erfolgsaussichten des Experiments von vornherein zunichtegemacht hätte. Schließlich hatte mein Vater eben genau beim Reiben über Wolle die Funken bemerkt, die sich bei einer Berührung wie winzig kleine Blitze entluden.

Da erhellte ein Lichtstrahl den Himmel und kurz darauf hörte ich wieder einen Donner, diesmal irgendwo über meinem Kopf.

»Es ist gleich so weit!«, rief ich und schnallte mir hastig die Schutzbrille um. Dann nahm ich vorsichtig den Glaskolben zwischen die Hände. Das war nicht irgendein Glaskolben und ich hatte nur noch wenige davon. Meine Eltern hatten sie angefertigt: Im Innern hatten sie einen dünnen Mineralienfaden angebracht, der das Licht einfangen sollte.

»Nun komme ich zu den letzten Vorbereitungen«, erklärte ich meinem imaginären Publikum und stellte den Glaskolben vorsichtig auf dem erhöhten Rand des Kohlebeckens ab. Eine lange, dünne Eisennadel, die mit der Metallspitze des Turms verbunden war, hing direkt darüber. Vorsichtig platzierte ich den Glaskolben so, dass die Eisennadel die Wachsschicht durchstieß, mit der ich ihn verschlossen hatte. Die Falle war gestellt.

Als ich die ersten Regentropfen auf das Dach trommeln hörte, schnürte es mir die Kehle zu. Das konnte nur eins bedeuten.

»Das Experiment hat begonnen!«, rief ich, zog mir die Schutzbrille nun direkt vor die Augen und suchte Deckung hinter einer Matte aus Korbgeflecht, die ich in einer Ecke des Raums aufgestellt hatte.

Nun hieß es also warten. Das war der schlimmste Teil. Während mir das Herz in der Brust hämmerte, füllte sich der Raum mit Gespenstern. Keinen echten Gespenstern, die gibt es nicht, das weiß doch jedes Kind. Aber die Gespenster der Erinnerung sind viel, viel schlimmer und verjagen lassen sie sich nur schwer.

In der gegenüberliegenden Ecke sah ich meinen Vater, der fieberhaft etwas in sein Notizbuch mit dem schwarzen Einband schrieb. Meine Mutter, die alles etwas entspannter anging, saß da, trank einen Kaffee mit Vanillearoma und zählte an ihren Fingern die Sekunden zwischen Blitz und Donner ab. Beide waren so real, wie eine Erinnerung nur sein kann, und so schmerzlich wie die Wirklichkeit.

Ein Blitz zuckte auf, dann ein zweiter, doch im Glaskolben passierte immer noch nichts.

»Jetzt mach schon«, murmelte ich und versetzte der Steinwand des Turms einen Fußtritt. »Bitte enttäusch mich nicht.«

Plötzlich sauste eine Lichtentladung in den Eisenmast, erfüllte den Raum mit Funken und vertrieb die Gespenster.

Alles ging furchtbar schnell: Es gab ein Knistern, das beinahe wie ein höhnisches Kichern klang. Der Blitz, der die Turmspitze getroffen hatte, fuhr die Eisennadel entlang direkt in den Glaskolben, und sein Prasseln war schier ohrenbetäubend. Für einen kurzen Moment füllte sich der Glaskolben mit grellweißem Licht, heller als hundert Laternen, heller als ein Doppelzentner Wachskerzen.

Und gerade als ich dachte, ich hätte es geschafft, zersprang der Glaskolben mit einem fürchterlichen Knall und wildem Funkenregen in tausend Stücke.

»Nein!«, schrie ich verzweifelt auf und krabbelte auf allen vieren hastig zum Kohlebecken. Von der Stelle, an der der Blitz den Glaskolben getroffen hatte, stieg ein dünner schwarzer Rauchfaden auf. Entmutigt lehnte ich mich mit dem Rücken an die eiskalte Wand und verbarg mein Gesicht in den Händen.

»Wo liegt mein Fehler?«, fragte ich mich laut, riss mir die Schutzbrille vom Kopf und schmiss sie wütend fort. »Wo?«

Das Klopfen der Regentropfen war nun zu einem ununterbrochenen Rauschen geworden. Es roch verbrannt, und ich merkte, dass eine meiner Locken durch einen Funken Feuer gefangen hatte. Abwesend nahm ich die Haare zwischen zwei meiner noch lederbehandschuhten Finger und löschte es.

Solche angesengten Strähnen hatte ich viele, da jedes der vorigen Experimente ganz genauso ausgegangen war. Da machte eine mehr keinen Unterschied. Wirklich schlimm war dagegen, dass ich jetzt bis zum Frühling warten musste. Ich hatte keinerlei Fortschritte erreicht, die ich nach Lichtberg vermelden könnte, und der Herbst endete mit einem Desaster.

»Experiment gescheitert«, sagte ich ganz leise zu mir. In dieser Nacht würde ich nicht mehr mit mir selbst reden.

Ein Ritter ist zu früh dran

Nach dem Desaster räumte ich die Scherben weg, dann nahm ich meine Sachen und kletterte die Strickleiter hinunter, wobei ich mich bemühte, nicht daran zu denken, dass die Fledermäuse bis zu meiner Rückkehr im Frühling nun den Turm in Besitz nehmen und die Eulen im Kohlebecken nisten würden.

Der untere Teil des Lichterturms war in einem traurigen Zustand, aber wenigstens saß ich dort vor Sturm und Regen geschützt. Ich setzte mich in die trockenste Ecke und löschte die Laterne, um keine Kerzen zu verschwenden. Da ich hungrig geworden war, holte ich meinen Imbiss aus dem Rucksack.

Mein Getränk war noch angenehm warm: Nach dem ersten Schluck ging es mir schon besser. Ich knotete das Tuch auf, in das ich mein Essen gepackt hatte, und sofort erfüllte ein heimeliger Duft nach Brot, Rosinen und Walnüssen die frostige Luft.

Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass ich eingeschlafen war, nachdem ich mir den Bauch gefüllt hatte. Als ich die Augen wieder öffnete, war es im Raum viel zu hell.

»Oh nein! Nein, nein, nein!«

Ich sprang auf und rannte zur Tür. Es regnete immer noch, aber ich konnte nicht warten. Das schräg von Osten hereinfallende Licht der Sonne verriet mir, dass sie schon vor einer Weile aufgegangen war.

Ich warf alles wahllos in den Rucksack. Die Schutzbrille allerdings setzte ich auf, damit ich besser sehen konnte, wo ich bei diesem strömenden Regen meine Füße hinsetzte. Dann verließ ich den Turm, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Nein, nein, nein, wiederholte ich stumm, wie eine Zauberformel, als könnte ich damit das Unausweichliche abwenden. Ich sah schon die alten Leutchen vor mir, wie sie mich überall suchten. Großmama Ursula würde sich wahrscheinlich am meisten Sorgen machen, aber sie würde sich auch am meisten freuen, wenn ich wieder da wäre. Doch die anderen, oh je, was würden die wohl sagen? Bei jedem Schritt krampfte sich mein Magen mehr zusammen. Wie gern hätte ich mich in die Lüfte geschwungen und wäre über die Felsen hinweg im Sturzflug nach unten gesaust; stattdessen versuchte ich, ruhig zu bleiben, damit ich nicht auf die einzig mögliche andere Art hinuntersauste, nämlich holterdiepolter den Abhang hinab.

Es donnerte nicht mehr, aber der Regen fiel immer noch heftig und kalt. Dass Blitz und Donner Dunkelberg liebten, wusste man seit jeher, und mir würde im Grunde einer, ein einziger genügen. Der Gedanke ging mir ständig durch den Kopf, während ich darauf achtete, nicht auf dem Weg auszurutschen.

Ich hatte beinahe den oberen Rand des Waldes erreicht und war an der Stelle, wo man schon die Straße, die von Lichtberg nach Dunkelberg führt, ausmachen konnte, als ich plötzlich verdattert stehen blieb. Ich nahm die Schutzbrille ab, um mehr zu erkennen.

Jemand kam den Weg herauf, jemand auf einem prachtvollen Pferd.

»Soll das ein Scherz sein?!«, schrie ich hinauf zum Himmel. Ich war wütend auf den Regen, die Blitze und überhaupt auf die ganze Welt. »Es gibt so viele Tage, und dann heute? Ausgerechnet heute? Außerdem ist es viel zu früh!«

Blitz und Donner würdigten mich keiner Antwort. Nur der Regen klatschte mir weiter gleichgültig ins Gesicht. Mit einer wütenden Handbewegung wischte ich mir das Wasser aus den Augen. »Zum Teufel mit dir, Ritter«, fluchte ich. Und machte mich wieder an den Abstieg, jetzt rannte ich.

Im Wald war der Weg nicht mehr so nass, weil die Bäume hier ganz dicht standen und ihre Kronen einen natürlichen Schutz boten. Der Geruch der feuchten Erde stieg mir in die Nase und löste in mir eine tiefe Freude aus, von der Art, dass nichts sie erschüttern kann, auch wenn alles Übrige den Bach runtergeht.

Als ich schließlich aus dem Wald kam, hörte ich sofort das wilde Gegacker unserer Hühner im Stall, sie waren zutiefst beleidigt, weil ich sie vergessen hatte. Ich rannte am Gehege mit den Ziegen vorbei. Und wie sollte es anders sein? Auch sie warfen mir strafende Blicke zu – und eine Ziege, die einen schief und völlig verärgert ansieht, wirkt wesentlich bedrohlicher, als ihr denkt, das könnt ihr mir glauben.

Ich ging um das große Haus herum, in dem wir alle gemeinsam leben, zur Hintertür, denn ich wollte Großpapa Pancrazio und Großpapa Ginepro nicht begegnen, die gewöhnlich auf der Bank neben der Eingangstür saßen. Kaum hatte ich die Küche betreten, hüllte mich dort angenehme Wärme ein: Es roch nach Holzscheiten, Baumharz und ofenfrischem Brot. Kurz wünschte ich mir nichts sehnlicher, als mich hinzusetzen und diese Wärme zu genießen.

Dass ich mich ein wenig mit dem Gedanken aufhielt, genügte und schon hatte Großmama Ursula mich entdeckt.

»Gwendalina! Du bist ja völlig durchnässt!«, rief sie aus und schob mich in Richtung Ofen. »Du wirst dir noch den Tod holen, ach, du Ärmste! Und gefrühstückt hast du bestimmt auch noch nicht!«

Sie hatte mich nicht gefragt, wo ich herkam, aber so ist Ursula eben: Zuerst geht es mal darum, dass man es warm hat und etwas isst, erst dann darf man sich andere Sorgen machen.

»Später, Großmama«, antwortete ich leise, damit mich nicht auch noch die anderen erwischten, falls sie in der Nähe waren. »Der Ritter kommt gleich, ich habe es eilig.«

»Der Ritter kommt gleich? Das ist ja fantastisch!« Großmama Ursula klatschte beglückt in ihre pummeligen Händchen. »Hat er uns wieder den guten Honig vom letzten Mal mitgebracht? Es war Kirschblütenhonig, wenn ich mich nicht irre.«

»Woher soll ich das wissen? Aber ich gehe gleich zu ihm und frag ihn«, sagte ich auf dem Weg zu meinem Zimmer. Es war das reinste Chaos, ein Durcheinander aus halbfertigen Apparaturen und Notizzetteln, die kreuz und quer an den Wänden aufgespießt waren, aber ich wusste immer, wo etwas war. Ich schnappte mir ein bestimmtes Bündel Papiere. Ich hatte gehofft, hier nach gestern Abend noch etwas ergänzen zu können, oder besser noch, dass ich ganz viel daran ändern müsste. Aber jetzt hatte mein Experiment im Desaster geendet und der Ritter würde gleich hier sein. Mir blieb also keine Zeit mehr für Änderungen.

Als ich wieder in der Küche war, kam Großpapa Amilcare zur Tür herein, er hatte einen Schal um den Kopf gewickelt, um es hübsch warm zu haben. Kaum hatte er mich bemerkt, riss er die Augen auf und fragte vorwurfsvoll: »Wo bist du gewesen? Jetzt habe ich die Eier einsammeln müssen, und das bei dieser furchtbaren Kälte!«

Großmama Ursula seufzte nur und drückte ihrem Mann eine heiße Kastanie in die Hand. »Da, so wird es dir gleich wieder warm.« Dabei entging ihr nicht, wie gierig ich ihre Bewegungen verfolgte, denn sie wandte sich dem über dem Herd hängenden Topf zu, rüttelte noch einmal kräftig daran, damit die Kastanien nicht verbrannten, und holte mit einem Tuch eine Handvoll davon heraus. »Iss etwas, Gwendalina, und bring dem Ritter auch welche.«

Ich lächelte sie dankbar an und verließ die Küche. Das Papierbündel trug ich unter meinem Umhang, damit es nicht nass wurde, und in der anderen Hand die ins Tuch gewickelten heißen Kastanien. Ich stand schon im Hof, als ich hinter mir Großmama Belisandra in strengem Ton sagen hörte: »Ich weiß, wo sie sich rumgetrieben hat. Im Turm. Sie ist immer dort oben und verschwendet ihre Zeit, genau wie ihr seliger Vater.«

Ich drehte mich nicht um, um ihr zu antworten, sondern schlug rasch den Weg durchs Dorf ein. Davor grüßte ich im Vorübergehen noch Großpapa Pancrazio und Großpapa Ginepro, die vor der Eingangstür saßen, genau wie ich es mir gedacht hatte. Der Platzregen hatte sich in ein jämmerliches Nieseln verwandelt, ich hasste ihn dafür, hätte er das nicht früher tun können?

In einer Zeit lange vor meiner Geburt war das Dorf Dunkelberg ein wunderbarer Ort gewesen. Seine Bewohner schmückten die Fassaden ihrer Häuser mit Girlanden aus Immergrün und hängten drinnen lange Ketten aus getrockneten Orangen, kleinen Blumensträußchen und Tannenzapfen auf – so hatte jedes Haus seinen ganz eigenen Duft. Die Menschen flochten Körbe und Stühle aus Reisig und bemalten sie so schön, dass die Leute eigens aus Lichtberg heraufkamen, um sie zu kaufen.

Aber die jungen Leute zog es in die Hauptstadt und in die Welt, die man vom Gipfel des Berges sehen konnte, die so riesig wirkte und so viele Möglichkeiten zu versprechen schien. Viele waren losgezogen und waren danach nie mehr wieder zurückgekehrt. Gleichzeitig begannen die Bewohner im Tal, Dunkelberg zu vergessen. Unser Dorf leerte sich allmählich. Als ich klein war, waren meine Eltern die einzigen jungen Erwachsenen und ich und meine Cousine Cordelia die einzigen Kinder. Wobei sie älter ist als ich. Kurz nach der Katastrophe waren nur noch ich und die alten Leutchen übrig geblieben.

In dieser Zeit hatte der Ritter begonnen, uns zu besuchen. Er hatte angeboten, dass er uns die weniger gewordenen Geschenke der nostalgischen Reisenden vorbeibringen könnte, was mir einen Haufen Arbeit ersparte. Er half, wo er konnte, und kümmerte sich sehr fürsorglich um die alten Leutchen. Manchmal brachte er uns sogar Buttergebäck aus Kahlhang mit, seiner Geburtsstadt. Großmama Crispina meinte, er sei ein hübscher Junge, deshalb zogen sie alle damit auf, dass sie sich in ihn verguckt hätte.

Ich stieß auf den Ritter, gerade als er auf den Hauptplatz des Ortes ritt. Sein Pferd wieherte erschrocken, bäumte sich auf und ich landete auf dem Hosenboden.

»Ruhig, ruhig, Iolao!«, sagte der Ritter. Er musste seinem Tier nur kurz über die Mähne streicheln, schon hatte es sich wieder beruhigt. Es schnaubte zwar noch und blähte die Nüstern, aber es bäumte sich nicht mehr auf.

Inzwischen war der Ritter schon vom Pferd gesprungen, um mir zu Hilfe zu eilen, und hielt mir die Hand hin, auf diese galante Art, die Großmama Crispina immer erröten ließ. »Alles in Ordnung, Gwendalina?«

»Mein Frühstück hat sich davongemacht«, sagte ich nur,

als ich sah, wie die gerösteten Kastanien den Weg hinabrollten. Der Ritter lächelte.

»Ich fürchte, jetzt wird es das Frühstück für irgendein Eichhörnchen. Warum hattest du es denn so eilig?«

»Und warum seid Ihr so früh dran, Anselmo? Wir haben Euch erst nächsten Monat erwartet.«

»Nun … anscheinend wird der Schnee dieses Jahr sehr früh kommen«, erwiderte der Ritter. »Ich wollte nicht erleben, dass der Weg eventuell bis zum Frühling unpassierbar ist. Außerdem habe ich einen Brief …«

Er wandte sich um und kramte in einer Satteltasche. Mein Herz machte einen Satz. Hatte der König sich vielleicht doch endlich entschlossen, mir zu antworten? Sollte ich es nach fünf Jahren voller Berichte an ihn endlich geschafft haben? Würde er meine Forschungen finanzieren, selbst wenn ich noch keine einzige funktionierende Blitzlampe zustande gebracht hatte? Oder schrieb er mir etwa, ich solle endlich aufhören, ihn zu belästigen? Das war ebenfalls möglich. Wie auch immer, ich würde endlich Gewissheit erlangen.

Aber als Anselmo mir einen indigoblauen Umschlag reichte, elegant verschlossen mit einem goldenen Wachssiegel, verflog meine Aufregung augenblicklich.

»Von deiner Cousine …«

»… Cordelia«, ergänzte ich. Mit einem tiefen Seufzer nahm ich den Umschlag und steckte ihn in eine Innentasche meines Umhangs. Dann strich ich mit den Fingern über das Bündel Papiere mit den Aufzeichnungen für den König und fragte mich, ob es wirklich der Mühe wert war. Er hatte nie auf meine Briefe geantwortet, in denen ich ihm über die Zustände in Dunkelberg schrieb und erklärte, wie wichtig meine Experimente waren. Inzwischen würde ich mich sogar über eine negative Antwort freuen, alles war besser als diese Gleichgültigkeit.

»Würdet Ihr dies bitte im königlichen Palast abgeben?«, fragte ich schließlich den Ritter, als ich ihm verlegen und mit geschlossenen Augen die Papiere hinhielt.

»Selbstverständlich.«

Plötzlich fühlten sich meine Finger leichter an: Anselmo hatte mir das Bündel aus den Händen genommen und verstaute es schon in den Satteltaschen. »Weißt du, was seltsam ist? Bevor ich fahrender Ritter wurde, war ich einige Jahre lang tatsächlich Briefbote. Ich reiste kreuz und quer durch Valdombra und stellte tonnenweise Briefe wie diesen zu.«

»Ich glaube kaum, dass es welche wie dieser hier waren«, flüsterte ich.

Anselmo blieb stumm. Ich war sicher, dass er mir gerade etwas sagen wollte, als die Stimme von Großpapa Bartimeo die Stille durchbrach: »Herr Ritter!«

Rappeldürr und viel zu dünn angezogen für die Jahreszeit, trippelte er über den Dorfplatz wie ein Eichhörnchen durch den tiefen Wald. »Das ist doch keine Art, hier so plötzlich aufzutauchen.«

»Ich bin untröstlich, Herr Bartimeo, aber wie ich schon Eurer Enkelin sagte, ich wollte nur dem ersten Schnee zuvorkommen.«

»Wartet!«, hörte man nun Großmama Belisandra rufen, die mit Großmama Crispina im Schlepptau die Straße entlangkam, ganz rot im Gesicht, das sie halb unter dem Tuch auf ihrem Kopf verbarg. »Was sind das denn für Manieren, Ihr kommt den weiten Weg hierher und nehmt Euch dann nicht einmal die Zeit, eine Tasse Zichorienkaffee mit uns alten Leutchen zu trinken?«

»Frau Belisandra, leider muss ich …«

»Dann einen Früchtetee.«

»Ich bin nur auf einen Sprung hierhergekommen …«

»Einen warmen Apfelsaft zur Stärkung.«

»Ich …«

»Eine heiße Schokolade«, schlug Großmama Crispina kaum hörbar vor. »Mit Sahne.«

Anselmo schwieg. Ein wahrer Ritter weiß, wann er sich ergeben muss. »Nun gut, aber nur einen Schluck.«

»Unsere Ziegen werden es schon nicht krummnehmen, wenn wir diesem schönen Pferd etwas von ihrem Heu geben«, fügte Bartimeo freudig hinzu.

Belisandra hakte Crispina unter, die ganz aufgeregt wirkte. Dann sah sie finster zu mir hinüber, während sie sich auf den Heimweg machte. »Und unsere Gwendalina schlägt die Sahne«, erklärte sie dann äußerst bestimmt.

Großmama Belisandra wollte mich damit bestrafen, denn niemand schlug gern Sahne. Man muss sie zusammen mit dem Zucker unglaublich kräftig schlagen, bis sie so weich und luftig wie eine Wolke und so süß wie ein Traum ist. Aber da Belisandra nicht nur sehr streng, sondern auch recht fantasielos ist und mir immer wieder dieselbe Strafe aufträgt, hatte ich etwas erfunden, wie ich diese Tätigkeit erledigen konnte, ohne mir graue Haare wachsen zu lassen.

Im Haus herrschte reges Treiben. Großmama Ursula hatte die gerösteten Kastanien auf den Tisch gestellt, Pancrazio und Ginepro halfen ihr, sie zu schälen. Großpapa Amilcare hatte die bemalten Teller für feierliche Anlässe herausgeholt. Überall spendeten Kerzen Licht, besser gesagt Stummel, die wir in Gläser gestellt hatten, denn bei uns wird nichts vergeudet. Der Duft der heißen Schokolade zog verheißungsvoll durch den Raum und im Wohnzimmer hörte ich die alten Leutchen durcheinanderreden.

»Gwendalina bringt uns jetzt gleich die Sahne«, sagte Großmama Belisandra, und zwar so laut, dass ich es in der Küche hörte. »Sonst wird die Schokolade kalt.«

Mein Verstand hat schon immer in Konstruktionsplänen und Getrieben gedacht, das war für mich die einzige Möglichkeit, Probleme zu lösen. Also hatte ich an den Schlägern aus Holz, die wir zum Sahneschlagen nehmen, eine kleine Änderung vorgenommen und sie mit einem Rad und einer Kurbel versehen. Wenn ich diese kräftig drehte, bewegten sich die Schläger nun rasend schnell.

Kurz darauf betrat ich das Wohnzimmer und stellte triumphierend mein Ergebnis auf den Tisch. Großmama Crispina riss erstaunt die Augen auf, Großmama Belisandra beäugte mich misstrauisch, aber Großpapa Bartimeo klatschte freudig in die Hände.

»Wie hast du das denn so schnell geschafft?«, fragte Ursula mit ehrlicher Begeisterung.

»Mit ihrem Kurbeldingsda«, erklärte Bartimeo. Er sah mich schuldbewusst an. »Ich habe dich beobachtet.«

»Kurbeldingsda?«, fragte Anselmo, während er seine heiße Schokolade schlürfte, und runzelte die Stirn. Ich sah ihm an, dass er mehr darüber wissen wollte, aber Belisandra ging gleich dazwischen.

»Wieder eins von ihren Spielzeugen«, meinte sie knapp.

»Aber dieses funktioniert«, erwiderte ich.

»Genau, meine Kleine. Dieses.« Großmama Belisandra warf mir einen vielsagenden Blick zu, bevor sie sich wieder ihrer Tasse Zichorienkaffee zuwandte. Sie mochte keine heiße Schokolade.

Ich schämte mich so, dass es mir einen Stich ins Herz versetzte. Schnell blickte ich zu Boden, und ich spürte, dass ich meine Wut nicht länger zurückhalten konnte. Ich sprang so heftig vom Tisch auf, dass mein Stuhl polternd umstürzte, und lief in den Hof.

Der Regen hatte aufgehört, der Nebel lichtete sich, und die Sonne bemühte sich verzweifelt, hinter den Wolken hervorzudringen. Schon bald würden wir einige Stunden volles Tageslicht bekommen, bevor das gewohnte Halbdunkel zu uns zurückkehrte.

»Es ist bestimmt nicht einfach mit sieben Großeltern.«

Ich schrak zusammen und drehte mich dann ruckartig um: Anselmo war hinter mir aus dem Haus getreten und holte gerade sein Pferd aus dem Stall. Er lächelte mich verständnisvoll an. Ich zuckte nur stumm mit den Schultern.

»Niemand von denen ist wirklich mein Großpapa oder meine Großmama, ich nenne sie nur so, weil sie alt sind.«

Anselmo kam näher zu mir, er zog Iolao am Zügel hinter sich her. Das arme Pferd hatte offensichtlich keine Lust, sich bei dieser Kälte wieder auf den Weg zu machen. Anselmo sah kurz auf unser menschenleeres Dorf, dann klopfte er mir auf die Schulter. »Ich werde versuchen, ein gutes Wort für dich und deine Briefe einzulegen. Na ja, wie viel auch immer das Wort eines fahrenden Ritters gelten mag.«

»Bestimmt mehr als meins.«

Anselmo zögerte, seine Hand ruhte noch immer auf meiner Schulter. Vielleicht suchte er nach den passenden Worten, um mich zu trösten, ohne zu wissen, dass dies unmöglich war.

Schließlich verabschiedete er sich doch: »Komm gut durch den Winter, Gwendalina Derocca. Wir sehen uns im Frühling wieder, und ich hoffe, ich habe dann gute Nachrichten für dich.«

Gekonnt schwang er sich auf sein Pferd. Als er sich für einen letzten Gruß zu mir umwandte, rief ich: »Gwen!«

»Wie bitte?«

»Gwen, nicht Gwendalina. Mein Name ist zu lang. Man käme bis Lichtberg und zurück, bis man den einmal ausgesprochen hat.«

Anselmo lächelte belustigt. »Das erinnert mich an jemanden, den ich kenne.« Er legte galant eine Hand an die Kapuze seines Umhangs. »Auf Wiedersehen, Gwen.«

Ich sah ihm nach, bis er hinter der Biegung am Dorfrand verschwunden war, während er meinen Brief für den König und damit einmal mehr meine ganze Hoffnung mit sich fortnahm.

»Gwendalina!«

Die schrille Stimme von Großmama Belisandra holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Cordelias Schreiben

Es wurde ein äußerst anstrengender Tag, weil ich alles nachholen musste, was ich am Morgen versäumt hatte.

Nachdem ich mir endlich trockene Kleidung angezogen hatte, kümmerte ich mich um die Tiere. Ich säuberte den Hühnerstall gründlich und gab den Hennen frisches Futter. Danach ging ich zu der Kuh und den Ziegen und legte Heu nach. Unser Esel, der als großer Schmuser bekannt ist, schmiegte seine Schnauze an meinen Arm und ließ mich nicht eher gehen, bevor er an einem der Bänder meiner Kapuze knabbern durfte. Ich holte etwas Kohl aus dem Garten, überzeugte mich, dass dort alles in Ordnung war, und brachte ihn in unsere Vorratskammer.

Diese war nicht mehr so gut gefüllt wie früher, denn inzwischen gab es in Dunkelberg fast nur noch das zu essen, was bei uns auf dem Berg wuchs und gedieh. Trotzdem lagerten dort Säcke mit Weißmehl und Maismehl, die ich von den Händlern aus Lichtberg von dem Geld mitbringen ließ, das ich im Jahr als Turmwächterin erhielt, außerdem Gläser mit Honig und Sirup, die uns Reisende in Erinnerung an den rettenden Lichterturm schenkten. Dazu kamen das eingemachte Obst und Gemüse, mit dem wir den ganzen Sommer zu tun hatten: Ich musste Großmama Ursula dabei helfen, denn obwohl sie eine Meisterin im Einmachen war, schaffte sie die Arbeit nicht mehr allein.

Ich lugte in die Küche und da war sie bereits wie erwartet mit dem Mittagessen beschäftigt. Sie belegte Teigfladen aus Maismehl mit gereiftem Käse und süßsauren Zwiebeln, die wir am Anfang des Sommers eingemacht hatten.

Wenig später kam Großpapa Bartimeo vorbei, um die herzhaft duftende Focaccia für sich, Ginepro und Pancrazio abzuholen. Die drei aßen lieber draußen und legten sich gegen die kühle Luft eine Decke über die Beine. Im Austausch ließ er uns eine hübsche Ausbeute Waldpilze da.

Großpapa Amilcare, Belisandra und Crispina aßen mit uns am Küchentisch aus unbearbeitetem Holz. Beim Mittagessen sagte keiner ein Wort: Belisandra warf mir böse Blicke zu.

Nach dem Essen kochten sich die alten Leutchen noch einen Kaffee aus Zichorie, aber ich murmelte nur, ich hätte zu tun, und schlüpfte schnell aus der Tür.

Der Nachmittag ging schnell vorbei. Die von mir erfundene Konstruktion aus Rinnen und Abwasserrohren hatte sich über Nacht verkantet, und ich machte mich daran, sie wieder zum Laufen zu bringen. Dann nahm ich den Esel auf seinen gewohnten Spaziergang mit und nutzte die Gelegenheit, um im Wald die letzten Eicheln in diesem Jahr zu sammeln. Als ich gerade wieder zurückwollte, sah ich Großmama Belisandra zwischen den Bäumen auf mich zukommen.

»Pass bloß auf«, mahnte sie mich.

War das nur eine allgemeine Warnung oder hatte sie einen bestimmten Grund dafür?

»Der Wald ist voller wilder Tiere, es ist schlimmer als früher«, fuhr sie fort. »Heute Nacht habe ich Schreie gehört. Es klang, als würde ein kleines Kind weinen. Ich sag's dir, das sind Füchse. Und wenn wir nichts unternehmen, werden sie noch zur Plage.«

»Heute Morgen habe ich aber im Wald überhaupt keine Tierspuren gesehen.«

Belisandra kniff die Augen ein wenig zu. »Wärst du heute Nacht zu Hause gewesen, hättest du die Schreie auch gehört. Aber du warst ja wieder im Lichterturm, habe ich recht?«

Ich verfluchte meine vorlaute Zunge und riss mich schwer zusammen. Halt jetzt bloß den Mund, Gwen. Großmama Belisandra war aber noch nicht fertig.

»Was hoffst du denn, dort oben zu finden? Gerolamo und Evelina kommen nicht wieder, Friede ihren armen Seelen. Was du mit den Blitzen anstellst, ist gefährlich.«

»Du hast doch keine Ahnung«, stieß ich zwischen den Zähnen hervor.

»Pass auf, wie du mit mir redest, Kind. Ich bin sieben Mal so alt wie du und habe sieben Mal so viel Hirn im Kopf.«

»Und auch sieben Mal so viel Bosheit.«

Großmama Belisandra schaute mich so finster an, dass ich einen Moment lang fürchtete, sie würde doch tatsächlich ihren Stock aus lauter Zorn gegen mich erheben, deshalb packte ich den Esel bei den Zügeln und sah zu, dass ich Land gewann. Sie blieb stehen, rief aber hinter mir her: »Denk daran, heute Abend lesen wir Cordelias Schreiben. Hast du etwa geglaubt, du könntest uns das verheimlichen?«

Natürlich nicht.

Großmama Belisandra war Cordelias richtige Großmutter. Sie und Großmama Crispina hatten Cordelia großgezogen, nachdem ihre Eltern sie im Stich gelassen hatten. Diese hatten sich zunächst ins Tal nach Lichtberg verabschiedet und waren später ganz aus Valdombra fortgezogen. Zumindest hatte ich es mir so aus den lückenhaften Informationen zusammengereimt. Belisandra behauptet allerdings, die Wölfe aus dem Wald hätten sie geholt. Wölfe, die ich in all den Jahren hier noch nie gesehen habe.

Ein Jahr nach der Katastrophe und nachdem viele Briefe zwischen Dunkelberg und der Hauptstadt hin- und hergegangen waren, hatte Belisandra verkündet, sie hätte für ihre geliebte Enkelin eine hervorragende Stelle bei Hof gefunden. Cordelia war in Glanz und Gloria aufgebrochen, in einem leichten Umhang, den ihre Großmutter Crispina Nacht für Nacht bei Kerzenlicht bestickt hatte: so ein Aufwand, nur damit meine Cousine etwas Schönes hatte, womit sie in der Stadt angeben konnte. Von da an musste ich mich einmal im Monat damit abquälen, ihre Briefe laut vorzulesen, in denen sie bis ins letzte Detail das Leben bei Hofe und prunkvolle Empfänge beschrieb. Mir kam dabei fast das Essen wieder hoch, aber leider war Cordelias Schrift so verschnörkelt und voller Verzierungen, dass keiner der alten Leutchen sie jemals hätte entziffern können.

Am Abend gab es heiße Suppe, Schwarzbrot und getrocknete Apfelscheiben, die mit Zimt bestäubt waren. Die alten Leutchen ließen sich Zeit beim Essen, ich hingegen musste mich bremsen, dass ich nicht alles verschlang, ohne einmal zu kauen, so hungrig war ich.

»Also gut«, meinte Großpapa Bartimeo schließlich und rieb sich die Hände. »Setzen wir uns an den Kamin und erfreuen uns an dem, was unsere liebe Cordelia zu erzählen hat.«

Ich seufzte einmal tief, während die alten Leutchen aufstanden und zu den Sesseln tappten, die rund um das Feuer standen, für jeden von ihnen einer. Ich hockte mich auf den Teppich vor dem Kamin, denn dort konnten mich alle gut sehen.

Großmama Ursula gab jedem eine Tasse heißen Kräutertee: Die Mischungen bereitete Crispina zu, die dafür ein Händchen hatte.

»Also?«, drängte Belisandra. »Geht es endlich los?«

Ich hatte meinen Umhang zum Trocknen neben dem Kamin aufgehängt. Cordelias Brief steckte noch in einer Innentasche: Als ich ihn hervorholte, war er kein schöner Anblick: Beim Trocknen war der nasse Umschlag hart geworden und hatte sich an den Rändern gewellt wie die Apfelscheiben, die wir gerade gegessen hatten. Großmama Belisandra fuhr auf: »Ich hoffe mal, er ist noch lesbar!«

Zu meinem Glück – oder Unglück, das kam ganz auf die Perspektive an – hatte der Umschlag seine Pflicht getan und der Brief darin hatte keinen Schaden genommen. Ich zog die mit enger, verschnörkelter Schrift beschriebenen Blätter heraus, räusperte mich und begann zu lesen: »Liebe Großmamas und Großpapas …«

»Lauter, Kind!«

»Liebe Großmamas und Großpapas und liebe Cousine«, begann ich noch einmal von vorn. »Ich kann es noch gar nicht glauben, dass ich mich endlich an meinen Schreibtisch setzen kann, um mich diesem Brief hier zu widmen! Ich befinde mich gerade in meinem Zimmer in der Hofresidenz. Gräfin Pavona hat mir freundlicherweise eine schöne Glühwürmchenlaterne (für das Schreiben) geschenkt, so werden meine Augen nicht so schnell müde wie bei Kerzenlicht. Das war so fürsorglich von ihr! Kaum war der Sommer vorüber, haben wir mit den Vorbereitungen für das Mittwinterfest begonnen, hier gibt es immer etwas zu tun. Für das Bankett haben wir besondere Vorräte bestellt und eine große Lieferung Glühwürmchen für die Kronleuchter. Die Gräfin hält viel auf meine Meinung und überträgt mir die wichtigsten Aufgaben: Vorgestern hat sie mich persönlich damit beauftragt, in einem der ältesten Läden von Lichtberg die Düfte für das Kaminfeuer auszuwählen. Ich muss euch gestehen, nachdem ich einen ganzen Vormittag lang an Düften geschnuppert hatte, war mir schwindelig, aber der Ladenbesitzer war so freundlich, mir ein Täfelchen dunkle Schokolade mit Kardamom anzubieten, dadurch bin ich sofort wieder zu Kräften gekommen.«

Ich konnte ein Gähnen nicht unterdrücken und verbarg deshalb mein Gesicht schnell hinter dem Brief. Was hätte Cordelia nicht alles über Lichtberg erzählen können, aber sie hielt sich immer mit den langweiligsten Details auf. Die Großmamas begeisterten sich aber gerade dafür und lauschten mit glänzenden Augen, als wären sie selbst mit im Duftladen. Selbst die Großpapas lachten vergnügt. Ich habe nie herausfinden können, ob sie das Ganze wirklich interessierte, vielleicht wollten sie ja auch nur einen angenehmen Abend verbringen.

»Das Fest, das Gräfin Pavona in ihrer Stadtresidenz gibt, wird genauso prachtvoll wie das bei Hofe. Natürlich werden wir auch dort zugegen sein wie alle anderen Adligen. Am Mittwintertag werden alle Residenzen geöffnet und wir besuchen ein Bankett nach dem anderen. Aber vorher findet noch das Neumondfest statt, ein weiteres bedeutendes Ereignis, das uns sehr beschäftigen wird! Es wird sehr viel Arbeit, aber es ist notwendig, um die guten Beziehungen aufrechtzuerhalten. Apropos gute Beziehungen …« Ich verdrehte die Augen, und zwar nicht wegen dem, was ich gerade las, sondern wegen der Vorahnung, wie die alten Leutchen gleich reagieren würden. »… ich erhielt meinen ersten Heiratsantr... «

»WAAAS