Variante zwei - Philip K. Dick - E-Book

Variante zwei E-Book

Philip K. Dick

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Beschreibung

Der Kalte Krieg hat nie stattgefunden - er wurde sofort heiß. Der Westen und die Sowjetunion haben sichso lange mit ihren Atombomben bekriegt, bis von der Erde nur noch ein verseuchter Wüstenplanet übrig ist, auf dem kaum noch menschliches Leben möglich ist und sich die Vereinten Nationen auf eine Mondbasis zurückziehen mussten. Sich selbst replizierende Roboterwesen führen für sie als Stellvertreter weiter Schlachten auf der Erde. Doch deren Aktionen verselbständigen sich zunehmend. Major Hendricks wird als Unterhändler zu den Sowjets geschickt, die offensichtlich mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sind und entdeckt, dass es eine neue Roboterrasse gibt, die sich von niemandem mehr kontrollieren lässt. Diese frühe, 1953 erschienene Erzählung von Philip K. Dick zählt zu seinen einflussreichsten. Die ›Terminator‹-Reihe, ›Battlestar Galactica‹ und viele weitere Science-Fiction-Stoffe nehmen hier ihren Ausgang.

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Philip K. Dick

Variante zwei

Story 4 aus: Total Recall Revisited. Die besten Stories

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Variante zwei

Der russische Soldat kämpfte sich nervös die zerklüftete Seite des Hügels hinauf, das Gewehr im Anschlag. Er blickte sich rasch um und leckte mit starren Gesichtszügen seine trockenen Lippen. Von Zeit zu Zeit wischte er sich mit dem Handschuh den Schweiß aus dem Nacken; dabei schob er seinen Mantelkragen hinunter.

Eric drehte sich zu Corporal Leone um. »Willst du ihn? Oder kann ich ihn haben?« Er stellte den Sucher so ein, dass die Gesichtszüge des Russen die Linse genau ausfüllten und das Fadenkreuz durch seine harten, düsteren Gesichtszüge schnitt.

Leone überlegte. Der Russe war nah, er bewegte sich schnell, rannte fast. »Nicht schießen. Warte.« Leone verkrampfte sich. »Ich glaube nicht, dass wir gebraucht werden.«

Der Russe beschleunigte sein Tempo, Asche und aufgehäufter Schutt wirbelten unter seinen Schritten auf. Er erreichte die Hügelkuppe, blieb keuchend stehen und blickte sich angespannt um. Der Himmel war bedeckt; graue Staubwolken zogen darüber hinweg. Der Boden war eben und kahl, von Geröll übersät; gelegentlich ragten kahle Baumstümpfe auf, hier und da standen Ruinen von Häusern wie vergilbende Schädel.

Der Russe war beunruhigt. Er wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Er begann hügelabwärts zu laufen. Jetzt war er nur noch wenige Schritte vom Bunker entfernt. Eric wurde nervös. Er spielte mit seiner Pistole und warf einen schnellen Blick auf Leone.

»Keine Angst«, sagte Leone. »Bis hierher wird er nicht kommen. Sie werden sich um ihn kümmern.«

»Bist du sicher? Er ist verdammt weit gekommen.«

»Sie lungern ganz nah beim Bunker herum. Gleich betritt er den gefährlichen Teil. Aufgepasst!«

Der Russe begann zu laufen, er rutschte den Hügel hinunter, seine Stiefel versanken in grauen Aschehaufen, er versuchte, sein Gewehr hochzuhalten. Einen Augenblick blieb er stehen und hob das Fernglas an die Augen.

»Er schaut genau in unsere Richtung«, sagte Eric.

Der Russe kam näher. Sie konnten seine Augen sehen: zwei blaue Steine. Sein Mund war ein wenig geöffnet. Er hätte eine Rasur vertragen können; sein Kinn war stoppelig. Auf einer seiner knochigen Wangen klebte ein viereckiges Heftpflaster, an dessen Rand sich etwas Blaues zeigte. Ein pilzartiger Fleck. Sein Mantel war schmutzig und zerrissen. Ein Handschuh fehlte. Wenn er rannte, hüpfte der Geigerzähler an seinem Gürtel auf und ab und prallte gegen ihn.

Leone berührte Erics Arm. »Da kommt einer.«

Etwas Kleines, Metallisches näherte sich über den Boden und blitzte im trüben Licht der Mittagssonne auf. Eine Metallkugel. Sie raste den Hügel hinauf hinter dem Russen her, ihre Laufflächen ließen Funken stieben. Sie war klein, eine der Babykugeln. Ihre Greifer waren ausgefahren, zwei vorspringende Rasiermesser, die so schnell rotierten, dass der weiße Stahl vor den Augen verschwamm. Der Russe hörte sie. Augenblicklich drehte er sich um und schoss. Die Metallkugel löste sich in Einzelteile auf. Doch schon war eine zweite aufgetaucht und folgte der ersten. Der Russe schoss noch einmal.

Eine dritte Metallkugel schwirrte klickend und surrend am Bein des Russen hinauf. Sie sprang auf die Schulter. Die rotierenden Messer verschwanden in seiner Kehle.

Eric entspannte sich. »Nun, das war’s. Mein Gott, bei diesen verdammten Dingern krieg ich Gänsehaut. Manchmal denke ich, wir waren besser dran, als es sie noch nicht gab.«

»Wenn wir sie nicht erfunden hätten, dann hätten die das getan.« Leone zündete sich zitternd eine Zigarette an. »Ich frage mich, warum ein Russe wohl den ganzen Weg hierherkommt, allein. Ich habe keinen gesehen, der ihm Deckung gab.«

Lieutenant Scott schob sich durch den Tunnel hinauf in den Bunker. »Was ist passiert? Irgendetwas tauchte auf dem Bildschirm auf.«

»Ein Iwan.«

»Nur einer?«

Eric drehte den Sucher zu ihm hinüber. Scott spähte hinein. Jetzt krochen eine Menge Metallkugeln über den niedergestreckten Körper, trübe Metallkugeln, die klickten und surrten und den Russen zum Abtransport in kleine Teile zersägten.

»Was für eine Menge Greifer«, murmelte Scott.

»Sie kamen wie die Fliegen. Es gibt nicht mehr viel für sie zu jagen.«

Angewidert schob Scott den Sucher beiseite. »Wie Fliegen. Ich frage mich, was er da draußen wollte. Sie wissen, dass hier überall Greifer sind.«

Ein größerer Roboter war zu den kleineren Kugeln gestoßen. Er bestand aus einem einfachen langen Rohr mit hervortretenden Stielaugen und beaufsichtigte den Einsatz. Von dem Soldaten war nicht mehr viel übrig. Der Rest wurde von dem Heer von Greifern den Abhang hinuntergebracht.

»Sir«, sagte Leone. »Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gerne hinausgehen und mir die Stelle ansehen.«

»Warum?«

»Vielleicht hatte er etwas bei sich.«

Scott überlegte. Er zuckte die Achseln. »In Ordnung. Aber seien Sie vorsichtig.«

»Ich habe meinen Streifen.« Leone tätschelte das Metallband an seinem Handgelenk. »Mich können sie nicht angreifen.«

Er nahm sein Gewehr und stieg vorsichtig hinauf zum Ausgang des Bunkers; dabei kämpfte er sich gekrümmt und gebückt zwischen Betonblöcken und Stahlzacken durch. Oben war die Luft kalt. Mit großen Schritten ging er über den weichen Ascheboden auf die Überreste des Soldaten zu. Um ihn herum wehte der Wind und blies ihm graue Partikel ins Gesicht. Er kniff die Augen zusammen und ging weiter.

Als er in ihre Nähe kam, zogen sich die Greifer zurück; einige erstarrten in Reglosigkeit. Er berührte seinen Streifen. Was hätte der Iwan nicht dafür gegeben! Die kurze, harte Strahlung, die von dem Streifen ausging, neutralisierte die Greifer und setzte sie außer Gefecht. Sogar der große Roboter mit seinen zwei schwenkbaren Stielaugen zog sich respektvoll zurück, als er näher kam.

Leone beugte sich hinunter zu den Überresten des Soldaten. Die Hand unter dem Handschuh war fest geschlossen. Sie hielt irgendetwas umklammert. Er bog die Finger auseinander. Ein versiegelter Behälter, Aluminium. Er glänzte noch.

Er steckte ihn in seine Tasche und machte sich auf den Rückweg zum Bunker. Hinter ihm kam wieder Leben in die Greifer, sie setzten ihre Arbeit fort. Die Metallkugeln nahmen ihre Prozession durch die graue Asche wieder auf und schleppten ihre Lasten davon. Er konnte hören, wie ihre Laufflächen über den Boden scharrten. Ihn schauderte.

Gespannt beobachtete Scott, wie er das glänzende Röhrchen aus seiner Tasche hervorholte. »Hatte er das bei sich?«

»In der Hand.« Leone schraubte den Deckel auf. »Vielleicht sollten Sie sich das anschauen, Sir.«

Scott nahm es. Er leerte den Inhalt in seine Handfläche. Ein sorgfältig zusammengefaltetes Stück Seidenpapier. Er setzte sich neben die Lampe und faltete es auseinander.

»Was steht denn drauf?«, fragte Eric. Mehrere Offiziere kamen durch den Tunnel herauf. Major Hendricks erschien.

»Major«, sagte Scott. »Schauen Sie sich das an.«

Hendricks las den Zettel. »Eben gekommen?«

»Ein einzelner Melder. Gerade eben.«

»Wo ist er?«, fragte Hendricks scharf.

»Die Greifer haben ihn erwischt.«

Major Hendricks brummte. »Hier.« Er reichte den Zettel an seine Begleiter weiter. »Ich glaube, das ist genau das, worauf wir schon lange gewartet haben. Auf jeden Fall haben sie sich damit reichlich Zeit gelassen.«

»Also wollen sie verhandeln«, sagte Scott. »Werden wir darauf eingehen?«

»Es ist nicht unsere Sache, das zu entscheiden.« Hendricks setzte sich. »Wo ist der Fernmeldeoffizier? Ich will die Mondstation.«

Leone grübelte, während der Fernmeldeoffizier vorsichtig die Antenne draußen aufrichtete und dabei den Himmel über dem Bunker nach Spuren eines russischen Beobachtungsschiffs absuchte.

»Sir«, sagte Scott zu Hendricks. »Es ist auf jeden Fall merkwürdig, dass sie plötzlich einlenken wollen. Wir haben die Greifer seit fast einem Jahr im Einsatz. Jetzt auf einmal beginnen sie weich zu werden.«

»Vielleicht sind die Greifer in ihre Bunker eingedrungen.«

»Letzte Woche drang einer von den großen Robotern mit den Stielaugen in einen Iwanbunker ein«, sagte Eric. »Er erwischte einen ganzen Zug, bevor sie ihren Deckel zukriegten.«

»Woher weißt du das?«

»Hat mir ein Kumpel erzählt. Das Ding kam zurück mit – mit Überresten.«

»Die Mondstation, Sir«, sagte der Fernmeldeoffizier.

Auf dem Bildschirm erschien das Gesicht des Horchfunkers auf Luna. Seine frisch gebügelte Uniform stand in krassem Gegensatz zu den Uniformen im Bunker. Und er war glattrasiert. »Mondstation.«

»Hier Frontkommando L-Whistle. Auf Terra. Verbinden Sie mich mit General Thompson.«

Der Horchfunker wurde ausgeblendet. Gleich darauf erschienen scharfgestochen die groben Züge General Thompsons. »Was gibt’s, Major?«

»Unsere Greifer haben einen einzelnen russischen Melder mit einer Nachricht erwischt. Wir wissen nicht, ob wir darauf eingehen sollen – solche Tricks haben sie schon früher versucht.«

»Wie lautet die Nachricht?«

»Die Russen wollen, dass wir einen Offizier mit Entscheidungsbefugnis rüber zu ihren Linien schicken, allein. Zu einer Besprechung. Die Art der Besprechung ist nicht näher angegeben. Sie schreiben, dass Angelegenheiten von –« Er zog den Zettel zurate: »– Angelegenheiten von äußerster Dringlichkeit es ratsam erscheinen lassen, Verhandlungen zwischen einem Vertreter der UN-Kräfte und ihnen selbst aufzunehmen.«

Er hielt die Nachricht an den Bildschirm, damit der General sie lesen konnte. Thompsons Augen bewegten sich.

»Was sollen wir tun?«, fragte Hendricks.

»Schicken Sie einen Mann rüber.«

»Glauben Sie nicht, dass es eine Falle ist?«

»Könnte sein. Aber der Standort, den sie für ihr Frontkommando angeben, ist korrekt. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert.«

»Ich werde einen Offizier rüberschicken. Und Ihnen über die Ergebnisse berichten, sobald er zurückkehrt.«

»In Ordnung, Major.« Thompson unterbrach die Verbindung. Der Bildschirm erlosch. Oben wurde die Antenne langsam eingefahren.

Tief in Gedanken versunken, rollte Hendricks das Papier zusammen.

»Ich werde gehen«, sagte Leone.

»Sie wollen jemanden mit Entscheidungsbefugnis.« Hendricks rieb sich das Kinn. »Entscheidungsbefugnis. Ich bin seit Monaten nicht draußen gewesen. Vielleicht könnte ich mal frische Luft gebrauchen.«

»Glauben Sie nicht, dass es riskant ist?«