Varietale Mehrsprachigkeit - Karoline Henriette Heyder - E-Book

Varietale Mehrsprachigkeit E-Book

Karoline Henriette Heyder

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Beschreibung

Das 21. Jahrhundert ist durch zunehmenden direkten und medialen Austausch zwischen Menschen verschiedener Kulturkreise geprägt und wird daher häufig als „Zeitalter der Globalisierung“ bezeichnet. Parallel zur Globalisierung ist „Lokalisierung“ beobachtbar, es werden also lokale Erscheinungen verstärkt. Dieses gleichzeitige und in Wechselwirkung stehende Auftreten von Globalisierung und Lokalisierung wird unter dem Begriff „Glokalisierung“ gefasst. Karoline Heyder analysiert, inwieweit sich Glokalisierung aktuell im Bereich der französischen Sprache beobachten lässt. Am Beispiel der Suisse romande untersucht sie insbesondere, ob es im Rahmen der Glokalisierung zu einem Erstarken diatopischer Varietäten und regionaler Sprecheridentitäten sowie zu einer wachsenden Akzeptanz der englischen und der deutschen Sprache durch frankophone Sprecher kommt. Des Weiteren erläutert Heyder, welche Implikationen sich hieraus für die Didaktik des Sprach- und speziell des Französischunterrichts ableiten lassen. Empirisch untersucht werden das Sprachverhalten, das Sprachbewusstsein, die Spracheinstellungen und die Sprecheridentität jugendlicher Suisses romands sowie der Umgang mit dem Regionalfranzösischen in der westschweizerischen Schule. Hierauf sowie auf einer Analyse einschlägiger Bildungsvorgaben basierend zeigt die Autorin, welche Anknüpfungspunkte sich für die bildungspolitisch auf schweizerischer Ebene angestrebte Förderung der Mehrsprachigkeit aus sprachdidaktischer Sicht bieten. Dabei wird verdeutlicht, wie unter Berücksichtigung der ermittelten empirischen Ergebnisse, bestehender didaktisch-methodischer Ansätze zur Förderung von Mehrsprachigkeit sowie einschlägiger Bildungsvorgaben die varietale Mehrsprachigkeitskompetenz jugendlicher Suisses romands gefördert und somit nicht zuletzt zum reflektierten Umgang mit Sprache in Zeiten der Glokalisierung beigetragen werden kann.

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Seitenzahl: 1214

Veröffentlichungsjahr: 2014

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Danksagung

Die Idee zur Auseinandersetzung mit der Thematik der vorliegenden Dissertation entstand während meines Studienaufenthaltes an derUniversitédeLausanne.Seit meiner Kindheit, in der ich mit verschiedenen sprachlichen Varietäten in Berührung kam, interessiere ich mich fürvarietaleMehrsprachigkeit. In Lausanne lernte ich das dortige Regionalfranzösisch kennen undbeschäftigte mich zunehmend mit derBedeutung sprachlicher Varietäten für die Mehrsprachigkeit und die Identitätskonstruktion ihrer Sprecher.

Mein Interesse an varietaler Mehrsprachigkeit und meine diesbezüglichen Forschungen haben viele Menschen unterstützt. Herr Prof. Dr. G. Holtus und Frau Prof. Dr. B. Schädlich haben mir ihr Vertrauen geschenkt und mein Dissertationsvorhaben beratend begleitet. Ihnen gilt meinbesonderer Dank.AuchFrau PD Dr. A. Overbeck, die für den emeritierten Prof. Dr. HoltusdieKorrekturder Arbeit übernahm,und Frau Prof.Dr.U. Klenkdanke ichsehrfür die Beurteilung der Doktorarbeit.

Danksagen möchte ich zudem den vielen Wissenschaftlern, Archivaren, Bibliothekaren und Lehrkräften aus der französischsprachigen Schweiz für diefruchtbaren Gesprächeund Diskussionensowie das Engagement, mit dem siemeine Forschungen unterstützt haben.Auch meinen Göttinger Kollegen am Seminar für Romanische Philologie der Georg-August-Universitätsei gedankt.Weiterhindanke ich der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften Göttingen, diemich über die gesamte Promotionszeit hinweg nicht nur ideell, sondern auch finanziell unterstützthat.

Ganz besonders bedanken möchte ich beiden Schulenund den dortigen Lehrern, diemein Projektunterstützten, indem sie mir UnterrichtsstundenundRäumlichkeitenzur Verfügung stellten und mir freie Hand bei der Durchführung der Untersuchung ließen, sowiebeiden Schülern, die bereitwillig an meiner Untersuchung teilnahmen.Dasüberwiegendgroße Interesseder Lehrkräfteund Schüler an der Thematik hat mich in meinem Forschungsvorhaben bestärkt.

MeinaußerordentlicherDank giltmeinem Ehemann Matthias, meinen Elternund meinen Freunden. Sie haben mir nicht nur die Möglichkeit gegeben, meine Interessen zu entfalten und meinen Horizont zu erweitern, sondern mich stets motiviert undgefördert.

Inhaltsverzeichnis

I.              Einleitung

II.              Konzeptionelle Grundlagen

1.             Sprachkontakt und Sprachbewertung

2.             Begrifflichkeiten

2.1             Varietale Mehrsprachigkeit

2.2             Sprachverhalten, Sprachbewusstsein und Spracheinstellungen

2.3             Sprache und Identität

2.4             DasCentre-Périphérie-Modell

2.5             Die Glokalisierungsthese

III.              Das Französische in derSuisse romande: eine kontaktlinguistische Untersuchung

1.             Untersuchungsgegenstand

1.1             Geographische, wirtschaftliche und demographische Daten zum Untersuchungsgebiet

1.2             Das Regionalfranzösische im Untersuchungsgebiet: Stand der Forschung

2.             Forschungshypothesen

3.             Methodik

3.1             Methodische Vorüberlegungen

3.2             Methodisches Vorgehen

4.             Empirische Ergebnisse

4.1             Beschreibung, Analyse und Diskussion der Ergebnisse aus dem Waadtland

4.2             Beschreibung, Analyse und Diskussion der Ergebnisse aus dem Wallis

IV.              Didaktische Implikationen

1.             Das Regionalfranzösische in der Schule im Waadtland und im Wallis

1.1             Vorstellungen der Schüler

1.2             Status quo

2.             Bildungspolitische Vorgaben

3.             Didaktisch-methodische Ansätze zur Förderung der Mehrsprachigkeit

4.             Förderung der varietalen Mehrsprachigkeitskompetenz in derSuisse romande

4.1             Kritik an bestehenden Konzepten zur Förderung der Mehrsprachigkeit

4.2             Varietale Mehrsprachigkeitskompetenz

4.3             Ansätze zur Förderung der varietalen Mehrsprachigkeitskompetenz derSuisses romandsunter Berücksichtigung des Regionalfranzösischen

5.             Zwischenfazit

V.             Schlussbetrachtungen und Ausblick

VI.              Literaturverzeichnis

VII.              Anhang

I.Einleitung

Das 21. Jahrhundert ist durch zunehmenden direkten und medialen Austausch zwischen Menschen verschiedener Kulturkreise geprägt und wird daher häufig als „Zeitalter der Globalisierung“ (Eickelpasch/Rademacher2004,S.8) bezeichnet. Zwar gibt es Austausch zwischen Bewohnern[1]der verschiedenen Regionen der Welt seit Menschengedenken, neu sind jedoch das Ausmaß und die Intensität der weltweiten Kontakte sowie das Tempo, in dem die Welt enger zusammenwächst (vgl.dazu u.a.Mufwene 2010,S.31ff.,Coupland 2010,S.1ff., Eickelpasch/Rademacher2004,S.7ff.undLevitt 1983,S.92ff.). Parallel zur Globalisierung ist zugleich beobachtbar, dass lokale Erscheinungen verstärkt werden, es also zur „Lokalisierung“[2]kommt (Robertson 1998,S.206;vgl.Robertson1998,S.197ff.).Dieses gleichzeitige und in Wechselwirkung stehende Auftreten von Globalisierung und Lokalisierung wird unter dem Begriff „Glokalisierung“[3]gefasst (Robertson1998,S.192ff.).

In der vorliegenden Arbeit[4]wird untersucht, inwiefern sich das Phänomen der Glokalisierung aktuell im Bereich der französischen Sprache beobachten lässt. Dabei steht die Frage im Fokus, ob es im Rahmen der Glokalisierung zu einem Erstarken diatopischer Varietäten und regionaler „Sprecheridentität[en]“[5](Kresic 2006)[6]sowiezueiner parallel dazu wachsenden Akzeptanz der englischen Sprache durch frankophone Sprecher kommt.

Seit dem Edikt von Villers-Cottêrets[7]im Jahr 1539 und der Gründung derAcadémie française1635, besonders intensiv jedoch seit der Französischen Revolution, gelten Frankreich,und zwar insbesondere die Region derÎle-de-France,als Zentrum der Frankophonie (vgl.Winkelmann1990,S.336ff.;vgl.Schmitt 1988,S.78ff.). Ursächlich hierfür sind v.a. politische Gründe. So kristallisierte sich Paris seit dem 13. Jahrhundert zunehmend als politischer, wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt Frankreichs heraus und erlangte im Zuge der Entstehung des Nationalstaats Frankreich dieFunktion dessen Zentrums (vgl.Winkelmann1990,S.336ff.;vgl.Schmitt 1988,S.78ff.). Der in der Region von Paris verwendete Dialekt, das Franzische, stieg in diesem Zusammenhang zur prestigeträchtigen Norm des Standardfranzösischen auf (vgl.dazu u.a.Braselmann1999,S.4ff.,Gadet 1999,S.656ff.,Clerico 1999,S.152ff.,Séguin 1999,S.231ff.,Lüdi1992,S.153ff.,Winkelmann1990,S.336,Schmitt 1988,S.78ff.,Wolf 1972,S.172undCaput1972,S.63ff.;vgl.II.2.1.2 undII.2.4). Dennoch existiert neben dem Standardfranzösischen derÎle-de-Francebis heute eine Vielfalt diatopischer Varietäten der französischen Sprache.

Aus dem durch die französische Sprachpolitik geförderten (vgl.dazu u.a.Stroh 2002,S.81, Braselmann 1999,S.4ff.,Gadet 1999,S.656ff.undSchmitt 1988,S.78ff.)und bei der Mehrheit der Frankophonen bestehenden Anspruch, so zu sprechen, wie es die Regeln derAcadémie françaisevorschreiben, resultieren z.T. gravierende negative Folgen für das Selbstbild derjenigen Frankophonen, die diesemsprachlichen Standard nichtoder nur unvollständig entsprechen (vgl.Stroh 2002,S.75;vgl.Pöll 1998,S.11f.). Beschrieben werden diese Konsequenzen in dem sog.Centre-Périphérie-Modell („modèle Centre-Périphérie“[8]) (Singy 1996,S.28), dem zufolge die Frankophonen der Peripherie gegenüber denjenigen aus dem Zentrum – womit die Bewohner Frankreichs bzw. noch konkreter die führenden sozialen Schichten von Paris gemeint sind – ein Gefühl sprachlicher Unsicherheit bis hin zu Minderwertigkeitskomplexen entwickeln (vgl.dazu u.a.Singy 2001,S.274ff.,1996,S.26ff.,1993b,S.109ff.).

Aktuell jedoch finden sich Anzeichen dafür, dass sich das Französische von einer mono- zu einer „plurizentrischen Sprache“[9](Clyne 1992a,S.1ff.;Lüdi 1992,S.149ff.;vgl.Haas2006,S.1777,Pöll 2005,S.17ff.undKloss 1978,S.65ff.)entwickelt, d.h. die Dominanz desfrançais standardabnimmt, sich verschiedene regionale Normen der französischen Sprache herausbilden, und diedemCentre-Périphérie-Modell zugrundeliegenden Annahmen dementsprechend an Bedeutung verlieren (vgl.Herrmann 2009,S.32ff.,Oakes 2007,S.72, Pöll 2005,S.9ff., 241, 291ff.,Thibault1996,S.361 undValdman 1983,S.667).Es stellt sich die Frage, ob es im Zuge dieser Entwicklung im sprachlichen Bereich – ähnlich wie dies etwa schon für die Ökonomie, aber auch allgemein für den kulturellen Bereich beobachtet worden ist (vgl.u.a.Eickelpasch/Rademacher2004,S.63f.undRobertson1998,S.208ff.) – zu einem parallelen Auftreten von Erscheinungen der Globalisierung und der Lokalisierung kommt. Wäre eine zunehmende Bedeutung regionalsprachlicher Elemente parallel zu der weltweit fortschreitenden Verbreitung bestimmter Sprachen, so v.a. des Englischen alslingua franca(vgl.Ricento 2010,S.127ff.;vgl.Mar-Molinero 2010,S.165),zu beobachten, so könnte auch hier von Glokalisierung gesprochen werden.

Am Beispiel derSuisseromandewird in der vorliegenden Arbeit[10]untersucht, ob sich Glokalisierung im sprachlichen Bereich beobachten lässt und welche Konsequenzen sich hieraus für die Didaktik des Sprachunterrichts undspeziell des Französischunterrichts ableiten lassen. Die französischsprachige Schweiz[11], die zu den peripheren Regionen der Frankophonie zählt (Thibault1996,S.336)[12], eignet sich insofern als Untersuchungsgebiet, als sie zu denjeni-genGebieten der Frankophonie gehört, für deren Sprecher laut Forschung ein ausgeprägtes Sprachbewusstsein sowie einhierdurchunddurchspezifische Spracheinstellungen beeinflusstes Sprachverhalten typisch sind (vgl.Jolivet1984a,S.137). Gemäß dem aktuellen Stand der Forschungistfür vieleSuisses romandskennzeichnend, dass sie sich sprachlich an Frankreich und der Norm desfrançais standardorientieren (vgl.Singyet al. 2004,S.103, Singy 2001,S.275f., 1998,S.103, 1996,S.38, 119, 257).Zu beobachtenist jedoch, dass die meisten von ihnen eine regional gefärbte Varietät des Französischen verwenden (vgl.Wolf 1972,S.175). Hieraus resultiert – so weite Teile der Forschung –, dass für vieleSuisses romandseine sprachliche Unsicherheitundsprachliche Minderwertigkeitskomplexe typisch sind (vgl.dazu u.a.Singy 2008,S.12f., 1998,S.104, 1996,S.64, 1993b,S.111ff.,Pöll2002,S.78,Béguelin/De Pietro 2000,S.276, 282, Cichon1995,S.228undKnecht/Rubattel1985,S.153, 1984,S.147). Für die Beschreibung der sprachlichen Situation in derSuisseromandewird daher häufig das o.g.Centre-Périphérie-Modell verwendet (vgl.dazu u.a.Prikhodkine 2002a,S.139ff.,Singy 2001,S.274ff.,1996,S.26ff.,1993b,S.109ff.). Die französischsprachige Schweiz eignet sich dementsprechend als Untersuchungsgebiet, um zu überprüfen, ob sich dort aktuell Tendenzen einer Entwicklung des Französischen zu einer plurizentrischen Sprache sowie zum Auftreten des Phänomens der Glokalisierung im sprachlichen Bereich beobachten lassen oder aber, ob die demCentre-Périphérie-Modellzugrundeliegenden Thesen dortweiterhin Gültigkeit besitzen.

Da es sich bei derSuisseromandesowohl sprachlich als auch politisch-administrativ und kulturell um ein heterogenes Gebiet handelt, wird in der vorliegenden Arbeit der Schwerpunkt auf zwei ihrer Kerngebiete, die Kantone Waadtland und Wallis, gelegt,in denen mehr als die Hälfte aller frankophonen Schweizer lebt (Bundesamt für Statistik2000). Andere Gebiete der französischsprachigen Schweiz werden lediglich vergleichend oder ergänzend in die Überlegungen einbezogen.

Die vorliegende Arbeit basiert auf einer kontaktlinguistischen Untersuchung sowie den daraus abgeleiteten Implikationenfür die Didaktik des Sprach-,und zwar vornehmlichdes Französischunterrichts. Auf der Grundlage eines heuristischen, durch die Verfasserin entwickelten Sprachverhaltensmodells sowie eines in Anlehnung an die einschlägige Forschungsliteratur (vgl.v.a.Keuppet al.2008,Kresic2006,Bossong1994,Halwachs1993 undLüdi/Py1984) entwickelten Konzepts von Sprecheridentität wurde im Februar 2008 eine empirische Untersuchung in derSuisseromandedurchgeführt. An dieser auf vier linguistischen Tests und einem Fragebogen basierenden Untersuchung nahmen jeweils 108 Jugendliche aus den Kantonen Waadtland und Wallis teil.

Die kontaktlinguistische Analyse widmet sich vorrangig der in derSuisseromandebestehenden varietalen Mehrsprachigkeitssituation,und zwarnamentlichder aus dem Gebrauch desfrançais standardund des Regionalfranzösischen derSuisseromanderesultierenden Mehrsprachigkeit. Zudem wird der Einfluss der englischen und der deutschen Sprache auf das Französische in der frankophonen Schweiz thematisiert. Der Kontakt des Regionalfranzösischenin derSchweiz mit anderen Sprachen– wie dem Italienischen –und Varietäten, insbesondereanderenfrançaisrégionaux– etwa dem Französischen Québecs –,ist am Rande Gegenstand der Arbeit. Im Zentrum der Untersuchung stehen das Sprachverhalten, das Sprachbewusstsein und die Spracheinstellungen der Jugendlichen in der frankophonen Schweiz.Da es sich bei den Jugendlichen um diekünftige Erwachsenengenerationhandelt, sindgerade ihr sprachliches Verhalten sowie ihr Sprachbewusstsein und ihre Einstellungen in Bezug auf Sprache für die sprachliche Entwicklung in derSuisseromandebedeutsam. Ein besonderes Augenmerk wird zudem auf die Zusammenhänge zwischen Sprache und Identität bei denjeunesSuisses romandsgelegt, da diese ebenso wie die Spracheinstellungen Rückschlüsse auf soziale Entwicklungen und die Herausbildung der Normen des Französischen zulassen (vgl.Raith2010b,S.171f.;vgl.Spychala2002,S.47). Die Analyse fokussiert insbesondere die Frage, ob sich dieSuisses romandsbzgl. ihres Sprachverhaltens und ihrer Spracheinstellungen – wie in der Forschung angenommen (vgl.Singy et al.2004,Singy 2008,2002b, 1998, 1996, 1993,Cichon 1995, Manno1994 undVoillat1971) – an der eher „utopischen“ Norm des Standardfranzösischen (vgl.Oakes 2007,S.72,Boulangerzit. n.:Chaurand 1999,S.740f.,Lüdi1992,S.155 undValdman 1983,S.671f.;vgl.II.2.1.2,II.2.4,III.1.2.4.1,III.1.2.4.3 undIII.3.2.1)[13]oder aber eher an einer regionalen Norm orientieren. Zudem soll ermittelt werden, ob dieSuisses romandsgegenüberdem Einfluss anderer Sprachen, und zwar insbesondere des Englischen und des Deutschen,auf das Französischeaufgeschlossen sind.

Im Einzelnen wird dabei den folgenden Forschungsfragen nachgegangen: Zum einen wird überprüft, ob das Sprachverhalten der Jugendlichen in derSuisseromanderegional geprägt ist und ob das Sprachbewusstsein derjeunesim Waadtland und im Wallis so beschaffenist, dass sie sich der Besonderheiten des Regionalfranzösischen in ihrem Heimatkanton bewusst sind. Zum anderen soll ermittelt werden, ob die jungen französischsprachigen Schweizer über eine guteauto-perceptionverfügen, d.h. ob sie in der Lage sind, ihr eigenes Sprachverhalten einzuschätzen. Darüber hinaus werden die Spracheinstellungen der jugendlichenSuisses romandsuntersucht. Dabei soll insbesondere festgestellt werden, ob sich die Jugendlichen im Waadtland und im Wallis sprachlich eher an einer schweizinternen odereiner schweizexternen Norm, namentlich dem Standardfranzösischen Frankreichs, orientieren. Auch der Frage, ob für die Spracheinstellungen der jugendlichen Westschweizer zwischen einer negativen „appréciation sociale“ und einer positiven „appréciation affective“ im SinneDe Pietros(1995,S.232) unterschieden werden kann (vgl.Pöll 1998,S.34f.), wird dabei nachgegangen. Des Weiteren wird analysiert, ob man situativundsozial differenzieren kann, an welcher Sprachnorm sich die Jugendlichen in der frankophonen Schweiz orientieren. Untersucht wird in diesem Zusammenhang auch, inwiefern sich die Jugendlichen hinsichtlich ihres Sprachverhaltens durch ihre Lehrer, Eltern und Freunde beeinflusst fühlen. Nicht zuletzt wird das Verhältnis von Sprache und Identität bei den Jugendlichen in derSuisseromandenäher betrachtet unddabei u.a.analysiert, ob sich Hinweise darauf ergeben, dass diejeunesSuisses romandseineregional gefärbteschweizerischeVarietät des Französischen zur Konstruktion ihrer Sprecheridentität verwenden.

Übergeordnet bleibt insgesamtdie Frage, ob sich aktuell Tendenzen einer eventuellen Um- bzw. Destandardisierung der französischen Sprache in Richtung einer plurizentrischen Sprache sowie Hinweise auf Glokalisierung im Bereich der französischen Sprache in der Schweiz ergeben. Hierfür wirduntersucht, ob für die Jugendlichen eine sprachliche Unsicherheit oder Minderwertigkeitskomplexe typisch sind. In diesem Zusammenhang wird nicht zuletzt ermittelt, wie sich diejeunesSuisses romandshinsichtlich der Integration von Germanismen und Anglizismen ins Regionalfranzösische, der Aufnahme von Regionalismen der französischsprachigen Schweiz in französische Wörterbücher, der Akzeptanz des Sprechens mit regionaler Aussprache im Unterricht sowie der Einführung von Unterricht zum Regionalfranzösischen ihrer Heimat positionieren.

Hieran anknüpfend werden aus den ermittelten empirischen Ergebnissen zu den bestehenden sprachlichen Verhältnissen sowie zu denVorstellungender Schüler hinsichtlich des Umgangs mit dem Regionalfranzösischen in der Schule didaktische Implikationen abgeleitet und ein Ansatz zur Förderung der varietalen Mehrsprachigkeitskompetenz Jugendlicher in derSuisseromandeentwickelt.Dafür werden zunächst die im Rahmen der empirischen Untersuchung ermittelten Vorstellungender Schüler hinsichtlich des Umgangs mit regionalen Varietäten und speziell dem Regionalfranzösischen in der Schule mit der aktuellbeobachtbaren Thematisierung desfrançais régionalder frankophonen Schweiz im dortigen Unterricht kontrastiert. Auf der Grundlage einer Analyse bestehender bildungspolitischer Vorgaben, namentlich v.a. des„Plan d'études romands“(Conférenceintercantonale2012aund b)– im Folgenden mitPERabgekürzt – und des„Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen[s]für Sprachen“–künftigmitGERabgekürzt – (Europarat 2001), sowie bestehender didaktisch-methodischer Ansätze zur Förderung von Mehrsprachigkeit (vgl.v.a.Candelier et al. 2011a), wird schließlich aufgezeigt, inwieferndie varietale Mehrsprachigkeitskompetenz der Jugendlichenim Sinne eines reflektierten Umgangs mit der eigenen Mehrsprachigkeit, aber auch derjenigen anderer Menschengefördert und dabeigleichzeitigeinerseitsden bildungspolitischen Vorgaben und andererseits dengenanntenVorstellungender Schüler zum Umgang mit dem Regionalfranzösischen in der Schule entsprochenwerden kann.Hierfür werden exemplarische Vorschläge zur Förderung der varietalen Mehrsprachigkeitskompetenz bei Jugendlichen in derSuisseromandegemacht, wobei insbesondere gezeigt wird, welche Möglichkeiten eines Anknüpfens an diefrançais régional-Kenntnisse der Jugendlichen sich bieten.

Die vorliegende Arbeit ist an der Schnittstelle zwischen angewandter Linguistik und der Didaktik des Sprachunterrichts angesiedelt. Mit einem interdisziplinären Ansatz werden Erkenntnisse aus der Linguistik für die Didaktik des Sprachunterrichts nutzbargemacht. Dabei steht das Zielim Vordergrund, den Unterricht an den sprachlichen Realitäten zu orientieren. Aus linguistischer Sicht geht die Untersuchunginsofern über die bisherigen Forschungen zum Französischen in derSuisseromande(vgl.etwaMoix2007undSingy1996) hinaus, als sie sowohl das tatsächliche Sprachverhalten der französischsprachigen Schweizer als auch deren Sprachbewusstsein und Spracheinstellungen sowie – und dies ist im Hinblick auf die französischsprachige Schweiz bisher kaum untersucht worden – die Zusammenhänge zwischen Sprache und Identität in derSuisseromandethematisiert. Dabei entstehen sowohl konzeptionelle Ideen als auch aktuelle empirische Ergebnisse.

War bisher lediglich in wenigen linguistischen Arbeiten die Idee eines parallelen Auftretens von globalen und lokalen Prozessen berücksichtigt worden (vgl.u.a.Mar-Molinero 2010, Mufwene 2010, Kelly-Holmes 2010, Coupland 2010undMichel2008), so werdenin der vorliegenden Arbeit die der Glokalisierungsthese zugrundeliegenden Annahmen explizit auf den Bereich der Sprache übertragen. Anschließend wird das Phänomen der Glokalisierung am Beispiel des Französischen in derSuisseromandeuntersucht.Besondersneuartig sinddie im Rahmen der linguistischen Untersuchung im Wallisermittelten Ergebnisse, da bisher zur regionalen Varietät des Französischen im Schweizer Kanton Wallis sowie zum Sprachverhalten, zum Sprachbewusstsein und zu den Spracheinstellungen der Bewohner dieser Region kaum Forschungsarbeiten vorlagen. Viele der in der vorliegenden Arbeit geschilderten Erkenntnisse zur Sprachgeschichte und insbesondere zum Umgang mit denpatois francoprovençauxund dem Französischen in den walliserischen Schulen hat die Verfasserin bei Archivrecherchen im Wallis und Waadtland gewonnen.

Relativ neu ist zudem die Untersuchung des Sprachverhaltens, des Sprachbewusstseinsund der Spracheinstellungen vonJugendlichen in der frankophonen Schweiz. Zu Beginn der Arbeiten lagen diesbezüglich kaumForschungen vor, inzwischen ist der allerdings anders fokussierteBericht vonSingy (2008)zum schweizerischen Nationalfondsprojekt 56 erschienen.[14]

Methodisch unterscheidet sich die Arbeit von vorliegenden Arbeiten–wie etwa denjenigen vonMoix (2007), Singy et al. (2004)undSingy (2008, 2002b,1998, 1996und1989)–v.a.insofern, als sie aus der Perspektive einer externen Beobachterin geschrieben wurde.Zudem wurden hier sowohl Sprachtestsals auch ein Fragebogen alsErhebungsmethoden verwendet, während die vorhandenen Arbeitenüberwiegendauf Befragungen oder Interviews basieren.

DieimRahmen der didaktischen Implikationen gemachten Vorschlägezur Förderung der varietalen Mehrsprachigkeitskompetenz undzum Umgang mit dem Regionalfranzösischen im Unterricht in derSuisseromandeergänzen die bildungspoltischen Vorgaben und Unterrichtsvorschläge desPER(Conférenceintercantonale2012aund b)insofern, als sie auch die varietalen Kenntnisse und Kompetenzen der Schüler, namentlich im Regionalfranzösischen ihrer Heimat, berücksichtigen. Dies bietet nicht nur den Vorteil, dass an die Lebenswelt der Schüler – und zwar im Gegensatz zu monolingual orientierten oder auf die Mehrsprachigkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund fokussierenden Verfahrenaller Schüler – angeknüpft wird, sondern auch, dass dabei gleichzeitig denVorstellungender Jugendlichen zum Umgang mit dem Regionalfranzösischen der Schweizim dortigen Schulunterrichtentsprochen werden kann.

Die Arbeit gliedert sich in drei große Abschnitte: Der erste Abschnitt (vgl.II.) widmet sich den konzeptionellen, theoretischen Grundlagen der Arbeit. In einem ersten Kapitel (vgl.II.1.) wirdeineErläuterung der Problematikvorgenommen, in der aufgezeigt wird, dass die Bewertung von Sprachen bzw. sprachlichen Varietäten sowie der Sprachkontakt verschieden bewerteter Idiome Auswirkungen auf das Sprachverhalten und die Spracheinstellungen der Sprecher haben. Umanschließend die Glokalisierungsthese und dasCentre-Périphérie-Modell, die zeigen, welche Konsequenzen sich aus der verschiedenen Bewertung unterschiedlicher Idiome in Sprachkontaktsituationen ergeben können, auf den Bereich der Sprache übertragen zu können, wird in einem weiteren Kapitel (vgl.II.2.) dieses Abschnitts dargelegt, welche Begrifflichkeiten der Untersuchung zugrundeliegen. Dabei wird zunächst vor dem Hintergrund der Forschungsliteratur der in dieser Arbeit verwendete Sprachbegriff (vgl.II.2.1.1) erläutert und es werden die hier relevanten theoretischen Begrifflichkeitenfrançais régional(vgl.II.2.1.2), Mehrsprachigkeit und varietale Mehrsprachigkeit (vgl.II.2.1.3), Sprachverhalten (vgl.II.2.2.1), Sprachbewusstsein (vgl.II.2.2.2) und Spracheinstellungen (vgl.II.2.2.3) –sowie sie hier verstanden werden –erläutert. Zudem wird das o.g. Sprachverhaltensmodell über die Zusammenhänge von Sprachverhalten, Sprachbewusstsein und Spracheinstellungen entwickelt, das als heuristisches Modell für die im zweiten Teil dieser Arbeit dokumentierte empirische Untersuchung dient (vgl.II.2.2.4). Darüber hinaus werden die Zusammenhänge zwischen Sprache und Identität aufgezeigt (vgl.II.2.3). Dabei wird zunächst die „sozialsymbolische Funktion“ von Sprache (Hess-Lüttich2004,S.491ff.)[15]erläutert (vgl.II.2.3.1). Im Anschluss daran werden basierend auf der einschlägigen Forschung die Begriffe Identität (vgl.II.2.3.2) und „soziale Identität“[16](vgl.II.2.3.3) erläutert. Hierauf aufbauend wird in Anlehnung an die vorhandene Forschung eine Erklärung des Konzeptes Sprecheridentität vorgenommen und dieses anhand einer schematischen Darstellung veranschaulicht (vgl.II.2.3.4). In einem zweiten und dritten Teilkapitelschließlichwerden, die dem sog.Centre-Périphérie-Modell (vgl.II.2.4) und der Glokalisierungsthese (vgl.II.2.5) zugrundeliegenden Annahmenerläutert und auf den Bereich der Sprache allgemein sowiespezielldes Französischenübertragen.

Der sich hieran anschließende zweite Abschnitt der Arbeit (vgl.III.) dient der Dokumentation und Auswertung der kontaktlinguistischen Untersuchung des Sprachverhaltens, des Sprachbewusstseins, der Spracheinstellungen sowie der Zusammenhänge zwischen Sprache und Identität bei Jugendlichen in den Kantonen Waadtland und Wallis. Hier wird zunächst der Untersuchungsgegenstand vorgestellt (vgl.III.1.). Dabei werden geographische, wirtschaftliche und demographische Daten zum Untersuchungsgebiet präsentiert (vgl.III.1.1). Zudemwird der Forschungsstand zum Regionalfranzösischen in derSuisseromandevorgestellt(vgl.III.1.2), wobei die sprachgeschichtliche Entwicklung im Untersuchungsgebiet (vgl.III.1.2.2) und Kenntnisse zur Erforschung und Dokumentation desfrançais régionalin der frankophonen Schweiz (vgl.III.1.2.1) skizziert sowie die Charakteristika des Regionalfranzösischen in den Kantonen Waadtland und Wallis (vgl.III.1.2.3) dargelegtwerden. Nicht zuletzt werden die bisherigen Erkenntnisse zum Sprachverhalten, zum Sprachbewusstsein, zu den Spracheinstellungen sowie zur Sprecheridentität der frankophonen Schweizer präsentiert (vgl.III.1.2.4). Hieran anknüpfend werden Forschungshypothesen für die Untersuchung abgeleitet (vgl.III.2.) und es wird die der empirischen Untersuchungzugrundeliegende Methodik (vgl.III.3.) erläutert. Im Anschluss werden in gesonderten Kapiteln jeweils die Ergebnisse der Untersuchung aus dem Waadtland (vgl.III.4.1) und aus dem Wallis (vgl.III.4.2) vorgestellt und diskutiert. Im Rahmen der Diskussion der Ergebnisse aus dem Wallis werdenzudemdie Resultate aus den beiden Kantonen verglichen.

Der dritte Abschnitt der Arbeit (vgl.IV.) beschäftigt sich mit den Implikationen, die sich aus den Ergebnissen der kontaktlinguistischen Untersuchung im Waadtland und Wallis für die Didaktikdes Französischunterrichts ergeben. In einem ersten Kapitel (vgl.IV.1.) werden zunächst dieVorstellungender Jugendlichen zum Umgang mit regionalen Varietäten im Unterricht sowie zur expliziten Thematisierung des Regionalfranzösischen des Waadtlandes/Wallis bzw. der Schweiz im Unterricht präsentiert(vgl.IV.1.1)und mit demStatus quoder Thematisierung desfrançais régionalsowie der Akzeptanz regionaler Aussprachevarianten im Unterricht kontrastiert(vgl.IV.1.2). Zudem wird eine Analyse einschlägiger bildungspolitischer Vorgaben – namentlich desPER(Conférenceintercantonale2012aund b)und desGER (Europarat 2001) –(vgl.IV.2) sowie didaktisch-methodischer Ansätze zur Förderung der Mehrsprachigkeit – v.a. des„Referenzrahmenfür Plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen“(Candelieretal.2011a;vgl.IV.3)–vorgenommen. Hierauf aufbauend werden unterIV.4.3Vorschläge zur Förderung der varietalen Mehrsprachigkeitskompetenz in der frankophonen Schweiz unter Berücksichtigung desdortigenfrançais régionalderSuisseromandegemacht. Dafürwirdvoraberläutert, wasunter varietaler Mehrsprachigkeitskompetenz verstanden wird(vgl.IV.4.2)und eine Kritik an bestehenden didaktisch-methodischen Konzepten vorgenommen, die die Kompetenzen von Schülern in verschiedenen Sprachen, nicht jedoch Varietätenfokussieren(vgl.IV.4.1). Die Arbeit endet mit Schlussbetrachtungen und einem Forschungsausblick(V.).

II.Konzeptionelle Grundlagen

1.Sprachkontakt und Sprachbewertung

Sprachen und sprachliche Varietäten werden unterschiedlich bewertet. Dabei wird einigen Idiomen mehr Prestige zugeschrieben als anderen (vgl.Edwards 1996,S.704ff.,Kremnitz1990,S.74f., 82f.undFerguson1959,S.329f.).[17]Ein und demselben Idiom kanndurch verschiedene Personen unterschiedlich viel Prestige zugeschriebenwerden(vgl.Kremnitz2004,S.162). Zudem können sich die Bewertung einer Sprache odereinersprachlichen Varietät und das ihr zugeschriebene Prestige verändern (vgl.Kremnitz1990,S.75, 82f.). In Sprachkontaktsituationen – also immer dann, wenn verschiedene Sprachen bzw. Varietäten parallel auf einem Gebiet verwendet werden – treffen daher häufig unterschiedlich bewertete Sprachen oder sprachliche Varietäten aufeinander. Hieraus resultieren Situationen, in denen es zur Konkurrenz zwischen Sprachen bzw. Varietäten und somit zum Sprachkonflikt auf individueller oder kollektiver Ebene, d.h. innerhalb einer Sprachgemeinschaft,[18]kommen kann (vgl.dazuFerguson1959,S.332). Von einem Sprachkonflikt spricht man, wenn zwei Sprachen – bzw. aus der in dieser Arbeit vertretenen Sicht auch zwei Varietäten –, die parallel in ein und derselben Sprachgemeinschaft vorkommen, in Konflikt zueinander stehen, d.h.wenn zwischen einer „dominanten“ und einer „dominierten“ Sprache/Varietät unterschieden werden kann (Kremnitz1990,S.33f.). Häufig endet ein solcher Sprachkonflikt, indem sich die Verwendung einer Sprache bzw. Varietät – und zwar i.d.R. der prestigeträchtigeren Sprache/Varietät – durchsetzt (vgl.Dirven/Pütz 1996,S.684ff.;vgl.Kremnitz 1996, 250f.). Es kann jedoch auch dazu kommen, dass die verschiedenen Sprachen oder Varietäten funktional differenziert, parallel weiterbenutzt werden, d.h. eine Di- bzw. Polyglossiesituation entsteht (vgl.Dirven/Pütz 1996,S.684ff.).

Die Begriffe Di- und Polyglossie werden in der Forschungsliteratur unterschiedlich definiert (vgl.dazu u.a.Kremnitz 2004,S.158ff.,1996,S.245ff.undLüdi 1990,S.307ff.). Im Folgenden wird auf eine ausführliche Darstellungder verschiedenen Definitionen und Konzepte verzichtet, stattdessen werden die für diese Arbeit relevanten Aspekte erläutert. Als Di- bzw. Polyglossie wird i.A. der funktional verschiedene, regelmäßige Gebrauch zweier bzw. mehrerer sprachlicher Varietäten oder Sprachen innerhalb einer Gesellschaft bezeichnet (vgl.dazuKremnitz2004,S.158ff.,1996,S.245f.,Lüdi1996,S.237, 1990,S.320,Kremnitz1990,S.27ff.,Lüdi/Py1984,S.12 undFerguson1959,S.325ff.). In der vorliegenden Arbeit wird in Anlehnung anFerguson(1959,S.325ff.) von Diglossie gesprochen, wenn in einer Gesellschaft verschiedene Varietäten einer Sprache funktional differenziert verwendet werden[19]und dabei eine der beiden Varietäten als weniger prestigeträchtige, niedrigere („low“) Varietät und die andere als prestigeträchtigere, höhere („high“) Varietät angesehen und benutzt wird (vgl.dazuKremnitz2004,S.159,Lüdi1996,S.237,Kremnitz 1996,S.247ff., Lüdi1990S.307ff.undLüdi/Py 1984,S.10).Ferguson(1959,S.333ff.) legt für seinen Diglossiebegriff u.a. eine strukturelle Differenz der beiden Varietäten zugrunde. Demnach ist für Diglossiesituationen, in denen zwei Varietäten einer Sprache in Kontakt stehen, kennzeichnend, dass die Grammatik der prestigeträchtigeren Varietät differenzierter ist als diejenigeder weniger prestigeträchtigeren Varietät (Ferguson1959,S.333f.). Des Weiteren unterscheiden sichFerguson (1959,S.334f.)zufolgedie beiden Varietäten hinsichtlich des Lexikons. So finden sich i.d.R. im Wortschatz der prestigeträchtigeren Varietät mehr technische Fachtermini, wohingegen in der weniger prestigeträchtigen Varietät „popular expressions“ und Lexemevorkommen, die lokale Besonderheitenund nur lokal verbreitete Gegenstände bezeichnen(Ferguson1959,S.334). Häufig existierenFerguson(1959,S.334) zufolge zudem in beiden Idiomen jeweils verschiedene Lexeme, die einen ähnlichen oder gleichen semantischen Gehalt haben.

Neben diesen systemimmanenten Kriterien führtFerguson(1959) eine Reihe anderer, nicht-systemlinguistischer Gesichtspunkte einerDi- bzw. Polyglossiesituationan: So wird seiner Ansicht nach in Di- bzw. Polyglossiesituationen typischerweise durch die Sprecher die prestigeträchtigere Varietät gegenüber der oder den weniger prestigeträchtigen Varietät(en) als schöner („more beautiful“), logischer („more logical“) und besser zum Ausdrücken von Gedanken („better able to express important thoughts“) geeignetes Idiom eingestuft (Ferguson1959,S.330;vgl.Ferguson 1959,S.339). Auch die in der prestigeträchtigeren Varietät verfasste Literatur wird seitens der Sprachgemeinschaft oftmals als besonders hochwertig befunden (Ferguson1959,S.330). Zudem gibt es für prestigeträchtigere Sprachen bzw. Varietäten i.d.R. Grammatiken, Wörterbücher, Ausspracheregeln, Stilregeln u.ä. („grammars, dictionaries, treaties on pronunciation, style, and so on“Ferguson1959,S.331f.). Für die weniger prestigeträchtigen Idiome hingegen existieren i.d.R. keine oder nur wenige deskriptive oder gar normative Grammatiken, Wörterbücher o.ä. (Ferguson1959,S.332). Eng hiermit verbunden ist die Tatsache, dass die prestigeträchtigere Varietät i.d.R. durch„formal education“gelernt und in der schriftlichen und formellen Kommunikation („is used for most written and formal spoken purposes“), jedoch nicht in der „gewöhnlichen Unterhaltung“ („ordinary conversation“) verwendet wird (Ferguson1959,S.336).Dafür, welches Prestige einer Sprache zugeschrieben wird, sindüblicherweiseweniger sprachsysteminterne Faktoren, sondern v.a. das Urteil der Sprecher und Sprachgemeinschaftsfremder, aber auch sprachpolitische und kulturelle Faktoren entscheidend (vgl.dazuPool 2010,S.142f.,Kremnitz 1996,S.249,Clyne1992a,S.3,Kremnitz1990,S.12f.undFerguson1959,S.339).

In der vorliegenden Arbeit, die die Analyse einer Sprachkontaktsituationzum Ziel hat, dielaut Forschungsstand (vgl.dazu v.a.Singy 1996)durch den Kontakt vonals verschieden prestigeträchtig erachteten Varietäten der französischenSprache geprägt ist, werdenfür dieBeschreibung der daraus resultierenden Diglossie (vgl.II.2.1.2)nicht die o.g. systemimmanenten Kriterien, sondernv.a.das Urteil der Sprecher bzw. Sprachgemeinschaftsfremder als maßgeblich erachtet (vgl.II.2.1.1). Berücksichtigt man, dass das Sprecherurteil für eine Di- oder Polyglossiesituationentscheidendist, so wird deutlich, dass eine Di- bzw. Polyglossiesituation oder ein Sprachkonflikt Ausdruck einer Konkurrenz zwischen den beteiligten (Sprach-)Gruppen– im vorliegenden Fall derSuisses romandsund der Frankophonen des ZentrumsFrankreichbzw. Paris–oder gar eines gesellschaftlichen Konflikts ist(vgl.Mattheier 1987,S.294).[20]Mit dem Sprachkonflikt verbunden ist i.d.R. ein „Konflikt um die Macht“ (Kremnitz 1995,S.34), meist ein „soziale[…][r] Konflikt[…]“ (Kremnitz1995,S.48).

Sowohl in relativ stabilen Di- bzw. Polyglossiesituationen als auch bei akuten Sprachkonflikten hat der Kontakt zweier oder mehrerer Idiome Auswirkungen auf das Sprachverhalten, das Sprachbewusstsein und die Spracheinstellungen sowie auf die Sprecheridentität.Mattheier(1987,S.295), der sich dabei aufOksaar(1984,S.257ff.) stützt, hat dies folgendermaßen zum Ausdruck gebracht: Ihm zufolgehat Sprachkontakt neben einem „sozio-politischen Aspekt“ „[…] auch einen kognitiv-emotionalen Aspekt mit massiven Auswirkungen aus den Identitätsstrukturen des Individuums.“ Dieser Konflikt werde in der „Psyche des Einzelnen“ ausgetragen (Mattheier1987,S.295). Im Hinblick auf das Sprachverhalten kommen dabei bestimmte intergruppale Verhaltensweisen zum Tragen (vgl.Tajfel/Turner1986;vgl.II.2.3.4), wobei es dem einzelnen Sprecher möglich ist, sein Sprachverhalten so zu verändern, dass er sich durch die Verwendung eines anderen Idioms mit einer anderen Sprachgemeinschaft identifiziert und somit seine Sprecheridentität umkonstruiert (vgl.dazuNaglo2007,S.58ff.,Kresic 2006,S.103f.,Tajfel/Turner 1986,S.16ff.,Lüdi/Py 1984,S.10undWeinreich 1977,S.134). Ebenso kann er aber auch sein ursprüngliches Sprachverhalten beibehalten und hat die Möglichkeit, dazu beizutragen, dass etwa ein zuvor negativ bewertetes Idiom positiver bewertet wird und dessen „Gebrauchsmöglichkeiten“ somit erweitert(Lüdi/Py 1984,S.10)oder aber die Vergleichskategorien gewechselt werden, etwa indem sich die Sprachgemeinschaft mit einer anderen Sprachgemeinschaft als zuvor vergleicht (vgl.Naglo2007,S.59f., 121,Lüdi 1990,S.330f.undTajfel/Turner 1986,S.16ff.). Im Sprachverhalten der vom Sprachkontakt betroffenen Sprecher ist zudem zu beobachten, dass in Folge des Sprachkontakts häufig Mischformen entstehen, diez.B.durch die Entlehnung bestimmter Lexeme aus der prestigeträchtigeren in die weniger prestigeträchtige Varietät(vgl.Ferguson1959,S.332f.) oder seltener auchumgekehrt zustande kommen (vgl.Halwachs 1993,S.74,Lüdi 1990,S.327ff.undWeinreich 1977,S.128;vgl.II.2.2.1 undII.2.3.4).Hinsichtlich des Sprachbewusstseins führt Sprachkontakt häufig dazu, dass die Sprecher über ein besonders ausgeprägtes Sprachbewusstsein verfügen(vgl.dazu u.a.Gauger 1976,S.51;vgl.II.2.2.2). Nicht zuletzt hat der Kontakt verschiedener Sprachen Auswirkungen auf die Spracheinstellungen und somit die Konstruktion der Sprecheridentität. Die Sprecher entwickeln Einstellungen gegenüber den einzelnen Idiomen, bewerten diese und versuchen,ihr Sprachverhalten gemäß ihrenEinstellungen zu steuern (vgl.II.2.2.4).

In der Kontaktlinguistik existieren verschiedene Annahmen dazu, wie das Sprachverhalten, das Sprachbewusstsein, die Spracheinstellungen und die Konstruktion der Sprecheridentität in Sprachkontaktsituationen geprägt sind. Für die in der vorliegenden Arbeitzugrundegelegte empirische Untersuchung der Situation des Französischen in derSuisseromandewerden zwei verschiedene Modelleherangezogen, die der Verdeutlichung der Zusammenhänge zwischen Sprachkontakt und dessen Auswirkungen auf das Sprachverhalten, das Sprachbewusstsein, die Spracheinstellungen und die Sprecheridentität dienen. Namentlich handelt es sich einerseits um dasCentre-Périphérie-Modell und andererseits um die Glokalisierungsthese.

Während dasCentre-Périphérie-Modell in verschiedenen empirischen Untersuchungen auf den Bereich der Sprache und auch auf die sprachliche Situation in derSuisseromandeim Speziellen übertragen wurde (vgl.dazu insbesondereSingy1996), wurde die Glokalisierungsthese bisher nicht systematisch auf den Bereich der Sprache generell oder des Französischen im Speziellen angewendet (vgl.I.). Dennoch wird sie im „Zeitalter der Globalisierung“ (Eickelpasch/Rademacher 2004,S.8)immer häufiger benutzt, um soziale Zustände und Entwicklungen zu beschreiben (vgl.II.2.5). Um die demCentre-Périphérie-Modell und der Glokalisierungsthesezugrundeliegenden Annahmen auf den Bereich der Sprache allgemein und der französischen Sprache speziell übertragen zu können, muss im Folgenden zunächst erläutert werden, wie die hierfür relevanten Begrifflichkeiten in der vorliegenden Arbeit verstanden werden. Dies ist deswegenvon Nöten, weil dazu jeweils unterschiedliche Definitionen und Konzepte vorliegen. Zudem wird ein Modell über die Zusammenhänge zwischen dem Sprachverhalten, dem Sprachbewusstsein und den Spracheinstellungen entwickelt. Basierend hierauf werden anschließend dasCentre-Périphérie-Modell und die Glokalisierungsthese vorgestellt undauf die französische Sprache und deren Varietäten bezogen.

Aufbauend auf den in diesem Abschnitt erläuterten theoretischen Überlegungen wird unterIII.die sprachliche Situation in derSuisseromandeuntersucht. Dabei wird überprüft, welche Hinweise sichhinsichtlich der Identitätskonstruktion derSuisses Romandssowie deren Sprachverhalten,Sprachbewusstsein undSpracheinstellungenfinden lassen, die dafür sprechen, dass für siedie demCentre-Périphérie-Modell oder der Glokalisierungsthesezugrundeliegenden Annahmen zutreffen.

2.Begrifflichkeiten

Im Folgenden wird zunächst–gestützt auf den Standder Forschung –aufgezeigt, was in der vorliegenden Arbeit unter den Begriffen Sprache,français régionalund dem hier neu eingeführten Konzept der varietalen Mehrsprachigkeit verstanden wird. Zudem werdendie BegrifflichkeitenSprachverhalten, Sprachbewusstsein und Spracheinstellungen abgegrenzt undes wirderläutert, wie die Zusammenhänge zwischen dem Sprachverhalten, dem Sprachbewusstsein und den Spracheinstellungen hier verstanden werden. Da in der Forschungdiesbezüglich keine Theorie existiert, die sich besonders dazu eignet, die sprachliche Situation in derSuisseromandezu untersuchen, wird im Rahmen des folgenden Kapitels in Anlehnung an die einschlägige Forschungsliteratur ein Modell über die Zusammenhänge zwischen Sprachverhalten, Sprachbewusstsein und Spracheinstellungen entwickelt. Dabei wird der Versuch unternommen, verschiedene bestehende Konzepte zu integrieren. Darüber hinaus werden unter Berücksichtigung der einschlägigen Forschungsliteratur die Zusammenhänge zwischen Sprache und Identität dargelegt. Ausgehend von dersozialsymbolischen Funktionder Sprache wird zunächst definiert, was hier unter dem Begriff Identität allgemein verstanden wird. Zudem wird das Konzept dersozialen Identitäterläutert. Hierauf basierend wird aufgezeigt, inwiefern mittels Sprachen und sprachlicher Varietäten die Konstruktion vonSprecheridentität(en) erfolgt.

Auf der Grundlage dieser Begriffsdefinitionen werden in den beiden letzten Teilkapiteln dieses Abschnitts dasCentre-Périphérie-Modell und die Glokalisierungsthese vorgestellt und vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in der Frankophonie diskutiert.

2.1Varietale Mehrsprachigkeit

Der BegriffMehrsprachigkeit wird sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch inder Alltagssprache verschiedendefiniert. Im vorliegenden Kapitel wird auf der Basis v.a. der linguistischen Forschungsliteratur dargelegt, was hier unter Mehrsprachigkeit bzw. varietaler Mehrsprachigkeit verstanden wird. Grundlegend für diese Erörterung ist zunächst der Sprachbegriff, der dabei verwendet wird. Zudem bedarf es, da in der vorliegenden Untersuchung der Schwerpunkt auf die Analyse von Mehrsprachigkeitssituationen gelegt wird, in denen neben demfrançais standardeinfrançais régionalverwendet wird,einer Erläuterung des KonzeptsRegionalfranzösisch.

2.1.1Zugrundeliegender Sprachbegriff

In der vorliegenden Arbeit wird ein soziolinguistischer Sprachbegriff zugrunde gelegt. Sprache wird hier im SinneFeilkes(1996,S.9)als „soziale Gestalt“ aufgefasst. Dementsprechend wird davon ausgegangen, dass jede sprachliche Varietät oder Sprache „[…] ontogenetisch wie soziogenetisch – im Prozeß der Kommunikation hervorgebracht […]“ wird (Feilke1996,S.9). Maßgeblich ist also die Verwendung der Sprache im konkreten Sprechen.

Im Vordergrund stehen hier die „[…] Analyse des kommunikativ-funktionalen Einsatzes […]“ (Bußmann2008,S.771) regionaler Varietäten sowie deren Bewertung.Der Fokus der vorliegenden Arbeitliegtdahereinerseitsauf der Analyse des konkreten Sprechens, namentlich derregionalen Varietäten des Französischen, sowie andererseits auf dem Sprachbewusstsein und den Spracheinstellungen.

In jeder Sprache existiert eine Vielzahl von Varietäten. Problematisch ist jedoch die Abgrenzung zwischen Einzelsprachen und Varietäten einer Sprache. Allgemein akzeptierte Kriterien für die Definition von Sprachen bzw. Varietäten liegen in der Linguistiknicht vor. Eine Differenzierung der verschiedenen Erscheinungsformen ist daher nur in „[…] Abgrenzung von anderen Systemen […]“ möglich; in der Forschungsliteratur wird diese Problematik unter dem Stichwort „Thümmelsches Paradoxon“ (Glück2010b,S.711) behandelt. Als mögliche Kriterien für die Abgrenzung von Sprachen und Varietäten gelten die „[…] strukturelle Distanz, lexikal.[ische] Differenzen und […] gegenseitige Verständlichkeit […]“ (Glück2010a,S.635) sowie der gemeinsame bzw. verschiedene sprachgeschichtliche Ursprung (vgl.Ammon/Arnuzzo-Lanszweert 2001,S.794,Sokol2001,S.179f.undFerguson/Gumperz 1960,S.3ff.). Haben zwei Varietäten einen gemeinsamen historischen Ursprung, so gehören sie demnach zu einer Sprache (vgl.Berruto2004,S.191). Ein anderes entscheidendes Kriterium für die Abgrenzung von Sprachen und Varietäten istdie (Nicht-)Anerkennung als Sprache durch die Sprecher oder Sprachgemeinschaftsfremde (vgl.Kremnitz1990,S.12f.;vgl.Ferguson/Gumperz1960,S.4ff.). Letzterem Faktor entsprechend hängt es gemäßGumperz (1975,S.65) „[…] in hohem Maß von den soziopolitischen Verhältnissen ab […], ob Sprechvarietäten einer einzigen Sprache oder verschiedenen Sprachen zugeordnet werden […]“. Es kann daher durchaus vorkommen, dass Sprecher eng miteinander verwandte Idiome als verschiedene Sprachen betrachten, während andere strukturell verschiedenere Idiome als Varietäten einer Sprache eingeordnet werden (vgl.dazuGumperz1975,S.65). Je nach Betrachtungsweise können bei der Abgrenzung verschiedener Sprachen bzw. Varietäten also sprachimmanenteoder -externe Gesichtspunkte herangezogen werden. An späterer Stelle (vgl.II.2.1.2) wird bei der Erläuterung des Begriffsfrançais régionalauf die Problematik der Abgrenzung verschiedener Varietäten bzw. Sprachen erneut eingegangen.

Für die folgenden Ausführungen ist wichtig, dass aus Sicht der Verfasserin die Vorstellung von Sprache als einem „Polysystem“ (Wandruszka1979,S.39) maßgeblich ist:

„Eine menschliche Sprache ist kein in sich geschlossenes und schlüssiges homogenes Monosystem. Sie ist ein einzigartig komplexes, flexibles, dynamisches Polysystem, ein Konglomerat von Sprachen, die nach innen in unablässiger Bewegung ineinandergreifen und nach außen auf andere Sprachen übergreifen[…]“ (Wandruszka1979,S.39).

LautHalwachs(1993,S.72) besteht ein solches „[…] sprachliche[s]Polysystem[…] aus mehreren soziokulturell determinierten Varietäten, die mit der sozialen und/oder räumlichen Schichtung der Bevölkerung eines Sprach- bzw. Kulturraums korrelieren.“ Die einzelnen Varietäten unterscheiden sich dabei „[…] auf allen linguistischen Ebenen […]“ und beeinflussen sich gegenseitig (Halwachs1993,S.72). Zudem bestehen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Polysystemen. Diese gegenseitige Beeinflussung verschiedener Polysysteme bzw. der Varietäten eines Polysystems untereinander führen zu „Interferenzen“ (Halwachs1993,S.72;vgl.Weinreich 1977,S.15ff.). Demgemäß ändert sich jede Sprache ständig und ist „[...] nur als dynamisches, offenes System beschreibbar“ (Halwachs1993,S.72;vgl.Weinreich 1977,S.15).

Jeder Sprecher verfügt gemäßHalwachs(1993,S.85ff.) über ein „individuelles Repertoire“ verschiedener Varietäten, die er benutzen kann, wobei das „Repertoire“[21]dynamisch ist, d.h. sich permanent verändert.[22]Beim Sprechen wählt das Individuumin den WortenHalwachs(1993) gesprochenjeweils bestimmte Elemente seines sprachlichen Repertoiresaus, die es benutzt (vgl.dazu auchMoore/Py2008,S.278).[23]Diese Auswahl geschieht – gemäß den dieser Arbeitzugrundeliegenden theoretischen Annahmen – aus Sicht des einzelnen Sprechers bewusst oder unbewusst und wird durch verschiedene soziale Faktoren bedingt (vgl.Näheres dazu unterII.2.3.4).

Im Folgenden wird zum einenüberprüft,ob sich im Sprachverhalten derSuisses romandsregionalsprachliche Elemente zeigen. Zum anderenwird die metasprachlicheReflexion der Sprecheruntersucht, die wiederum Rückschlüsse auf das Sprachbewusstsein und die Spracheinstellungen erlaubt.Analysiertwird dabei insbesondere, ob sich die varietalmehrsprachigenSuisses romands– bewusst oder unbewusst – für oder gegen die Verwendung desfrançais régionalihrer Heimat entscheiden. Hierfür wirdnunzunächst aufgezeigt, was sich hinter dem Konzeptfrançais régionalverbirgt.

2.1.2Dasfrançais régional

Über das Konzept, das hinter der zuerst 1906 von AlbertDauzatverwendeten Bezeichnung „français régional“ (Pöll2005,S.115) steht, gibt es eine langandauernde wissenschaftliche Debatte. NebenDauzat(1906) trugen Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts v.a.Gilliéron(1887,S.290ff.), derden Begriffdes„français provincial“[24]prägte, undEdmont(1897) zur Konzeptualisierung des Begriffsfrançais régionalbei (Pöll2005,S.115f.).[25]

In den 1970er Jahren kam verstärkt Interesse an dem bis dahin meist aus dialektologischer Sicht betrachteten Phänomen desfrançais régionalauf (Pöll2005,S.117). V.a.Taverdet(1977aundb)undTuaillon(1977aundb)trugen damals zur Auseinandersetzungmit undum den Begriff bei (vgl.Pöll 2005,S.117). Die von den beiden Linguisten konstituierten Definitionen desfrançais régionalweichennur leicht voneinander ab (vgl.Pöll 2005,S.117). Kennzeichnend für diese Begriffsbestimmungen ist, dass das Auftreten bestimmter linguistischer Phänomene, die in den regionalen Varietäten des Französischen zu finden sind, jedoch in Abgrenzung dazu im Standardfranzösischen bzw. den Dialekten nicht auftreten, als für die Definition des Regionalfranzösischen maßgeblich erachtet wird (vgl.Pöll2005,S.117). Als Standardfranzösisch[26]wird – wie unterI.erläutert – die in der Region derÎle-de-Franceverortete und insbesondere aufdenSprachgebrauch der führenden sozialen Schichtenvon Parisbezogene Norm verstanden (Wolf 1972,S.171;vgl.dazuSingy 2002a,S.4,1996,S.30 undSchmitt 1988,S.81). Übersehen wird im Zusammenhang mit demfrançais standardhäufig – soauch von den meisten Frankophonen, in deren sprachlichen Repräsentationen dieser „phantasm“ lautLüdi (1992,S.155) vorherrscht–, dass es sich hierbei um eine eher „utopische“[27]Norm handelt, die in Wirklichkeit, wenn überhaupt, so nurvonsehr wenigenfrankophonen Sprechern realisiert wird und die in derparoleeiner Variation unterliegt (Lüdi 1992,S.155;vgl.Oakes 2007,S.72,Boulangerzit. n.:Chaurand 1999,S.740f.undValdman 1983,S.671f.;vgl.I.,II.2.4,III.1.2.4.1,III.1.2.4.3 undIII.3.2.1).Beim „français régional“ handelt es sichTuaillon(1977aundb,S.8) zufolge hingegen um „ […]l'ensemble des variantes géolinguistiques du français[…]“. FürTaverdet(1977aundb,S.41f.) ist„[…] le français régional […] la REUNION[28]de tous les faits linguistiques ORAUX et ECRITS, positifs ou négatifs, produits par des utilisateurs de la langue française et limités sur le plan géographique à un point ou à un ensemble de points plus ou moins important.“

Neben der vonTaverdet(1977aundb)undTuaillon(1977aundb)geprägten Auslegung des Terminusfrançais régionalexistiert jedoch eine weitere Definition (vgl.Pöll 2005,S.188). SowohlDamourette/Pichon (1983)als auchWolf(1972) undCoseriu(1980) betrachteten – ähnlich wie die erste Forschergeneration zum Regionalfranzösischen umBoillot(1929),Brun (1931)undSéguy (151)– diefrançais régionauxjeweils als „(Sub-) Systeme“ des Französischen (Lengert1994,S.36), die neben einigen Unterschieden zum Standardfranzösischen viele Gemeinsamkeiten mit diesem aufweisen (Pöll 2005,S.118f.,Singy 1996,S.23undLengert1994,S.36). Eine derartige Definition des Begriffsfrançais régionalwird heute v.a. von nicht-französischen Forschern vorgenommen, so z.B. von dem frankophonen SchweizerSingy(1996,S.23) (vgl.Pöll 2005,S.119).

Zusätzlich zu der Diskussion über das Konzept desfrançais régionalentstandaufgrund verschiedener Verwechslungen desfrançais régional– etwa mit „français parlé“, dem „français populaire“ oder dem „français relaché“ – sowohlin der wissenschaftlichenForschung und in den einschlägigen Wörterbüchern der französischen Sprache als auch in der Wahrnehmung der frankophonen Sprechereine Vielzahl alternierender und teils widersprüchlicherDefinitionen(Pöll2002,S.74;Knecht/Rubattel1985,S.142f., 1984,S.139;vgl.dazuHerrmann 2009,S.35ff.,Pöll 2005,S.120ff.undLengert1994,S.30ff.). Auf die Auswirkungen dieser Verwechslungen wird in KapitelIII.1.2.2.2näher eingegangen.

Auch die in verschiedenen Sprachen differierende Verwendung der Termini „dialecte“, „dialect“ und „Dialekt“ trug häufig zur Verwirrungbzgl. desBegriffsfrançais régionalbei (Berruto2004,S.189;Knecht/Rubattel 1985,S.143, 1984,S.139;vgl.dazuSingy 1996,S.22f.). In der „anglo-amerikanischen Linguistik“ beispielsweise werden die Bezeichnungen „dialect“ und „(language) variety“ oft synonym gebraucht (Berruto2004,S.189) und z.T. werden damit sogar „Umgangssprachen“ und „Standardvarietäten“ bezeichnet (Ammon/Arnuzzo-Lanszweert 2001,S.795;vgl.Knecht/Rubattel1985,S.143,1984,S.139). Um derartige Missverständnisse über den Begriff desfrançais régionalauszuschließen, sind eine saubere Trennung der Begrifflichkeiten sowie eine Klärungnötig, was in der vorliegenden Untersuchung unter dem Begrifffrançais régionalverstanden wird.

NachMüller(1975,S.116) handelt es sich bei einem „français régional“ um

„[…] ein Register regionaler bis rein örtlicher Beschränkung, das von den Sprechern einer Region bzw. eines Ortes – nicht bloß untereinander – gebraucht wird und das Frankophone anderer geographischer Herkunft entweder als ‚Französisch von A, B, C …‘lokalisieren oder –phonetisch – als Französisch ‚mit einem Akzent‘qualifizieren.“

MüllersDefinition zufolge liegen mit denfrançais régionauxalso nicht etwa verschiedene Sprachen, sondernVarietäten ein und derselben Sprache, nämlich des Französischen, vor. Aufgrund der geringen „strukturellen Distanz“ (Berruto2004,S.191;vgl.Glück 2010a,S.635;vgl.II.2.1.1) derfrançais régionauxauf semantisch-lexikalischer, morphosyntaktischer und phonologischer Ebene ist der „Systemabstand“ (Sokol2001,S.179), der als Unterscheidungskriterium dafürgilt, ob es sich um zwei verschiedene Sprachen oder zwei Varietäten ein und derselben Sprache handelt (vgl.Glück 2010a,S.635;vgl.Berruto2004,S.189ff.;vgl.II.2.1.1), zwischen den verschiedenenfrançais régionauxsowie jeweils zwischen dem Standardfranzösischen und den einzelnenfrançais régionauxgering. Als Indikator dafür, dass eben dieses Kriterium erfüllt ist, kann die beiMüller(1975,S.116) genannte Möglichkeit der Verständigung der Sprecher der verschiedenenfrançais régionauxuntereinander gelten (vgl.Berruto2004,S.191).Sokol(2001,S.179) zufolge „[…] hören Einzelsprachen [nämlich] dort auf, wo Sprecher einander nicht verstehen […]“, die „Interkomprehension“also nicht mehr funktioniert(vgl.Glück 2010a,S.635). Während die Dialekte nur in einer bestimmten Region verstanden werden, werden diefrançais régionaux– wie beiMüller(1975,S.116) beschrieben – i.d.R. von allen Frankophonen verstanden und daher als einer Sprache, nämlich dem Französischen, zugehörige Varietäten angesehen (vgl.Stein2010,S.157f.). Dennoch wird das Regionalfranzösische von dessen Sprechern selbsthäufig als „dialecte“ bzw.„patois“[29]bezeichnet,Kristol(1999,S.10) schreibt diesbezüglich:

„[…] le monde francophone est tellement puriste que le moindre écart par rapport à une norme qui réside dans un Paris mythique peut facilement être considérée comme un‚patois‘.“

Wie unterII.1. undII.2.1.1 erläutert, spielt für die Definition, ob es sich bei zwei Idiomen um zwei verschiedene Sprachen und nicht um Varietäten ein und derselben Sprache handelt, das Urteil der Sprecher eine wichtige Rolle (vgl.Wolf 2009,S.23;vgl.Berruto2004,S.189ff.). AuchMoulton(1985,S.19) weist auf die besondere Bedeutung eines solchen Urteils der Sprecher bzgl. der Definition einer Sprache bzw. eines Dialekts hin:

„Denn der Unterschied zwischen Standardsprache und Dialekt ist nicht sprachlicher, sondern soziologischer Natur. Dies bedeutet, dass wir uns nie lediglich mit dem Studium der Sprache selbst begnügen können, wir müssen immer den Menschen und seine Einstellung zur Sprache miteinbeziehen.“

UndMoulton(1985,S.23)schreibtweiter:

„Bei einer Dialekteinteilung müssen die Reaktionen der Dialektsprecher ausschlaggebend sein: es ist schliesslich ihre Sprache, und nicht die des Phonologen […].“

Gleiches gilt auch hinsichtlich der Abgrenzung verschiedener Varietäten untereinander (vgl.Wolf 2009,S.23;vgl.Pöll 2005,S.21ff.;vgl.II.2.1.1).Bayard/Jolivet(1984,S.151)schreiben hierzu:

„[…] les communautés linguistiques se définissent et se subdivisent non seulement à partir des données linguistiques immédiates (phonologie, syntaxe, lexique) mais aussiselon l'attitude générale des sujets qui les composent à l'égard des variétés et des normes [….].“

Eng verbunden mit dem Sprecherurteil ist wie unterII.1. dargelegt das Prestige, das einer Sprache oder Varietät zugeschrieben wird. Wie unterI.erläutert, ist dasfrançais standarddiejenige regionale Varietät des Französischen, die im Laufe der Zeit zur Standardnorm für die gesamte französische Sprache aufgestiegen ist. An der Entwicklung des Franzischen zur Norm des Französischen zeigt sich deutlich, dass die vonMoulton(1985,S.19ff.) beschriebenen soziolinguistischen Aspekte nicht nur synchron, sondern auch diachron für die Definition der verschiedenen Varietäten des Französischen von Bedeutung sind und waren. Für den „Aufstieg“ des Französischen derÎle-de-Francezur Standardnorm warennämlich v.a. sozio-kulturelle Faktoren bedeutsam (vgl.I.undII.2.4). Das Standardfranzösische, das also die „Dachsprache“ (Sokol 2001,S.180)bzw. die „langue type“ (Prüßmann-Zemper1990,S.830) des Französischen bildet, zeichnet sich, wie für diesen Typus von Varietäten üblich, dadurch aus, dass es gegenüber den übrigen Varietäten derselben Sprache die größteVerbreitung aufweist, „das höchste soziale Prestige“ (Sokol2001,S.180) besitzt,und in der Schriftsprache sowie der formellen Kommunikation generell bevorzugt wird (Sokol2001,S.179f.;Prüßmann-Zemper1990,S.830f.). Diefrançais régionauxunterscheiden sich vom heutigen Standardfranzösischendaher neben den strukturellen, systemlinguistischen Merkmalen, die sie nicht mit dem Standardfranzösischen teilen, v.a. bzgl. ihrer räumlich begrenzten Verbreitung, dem ihnen zugeschriebenen Prestige sowie z.T. bzgl. ihrer situativen Verwendung.Wolf (1972,S.173)beschreibt dies wie folgt:

„Du point de vue sociolinguistique aucune de toutes ces variantes géographiques n'a atteint, semble-t-il, un rang égal à celui du français normal parisien […]“.

In der vorliegenden Untersuchung werden daher nicht-systemlinguistische Kriterien wie das Sprachbewusstsein und die Einstellungen derVaudoisund derValaisans[30]gegenüber dem von ihnen gesprochenenfrançais régionalanalysiert, um zu überprüfen, ob sich dieSuisses romandsan der Norm desfrançais standardoder aber einer regionalen Norm orientieren. Zusätzlich dazu wird jedoch auch das Sprachverhalten der Jugendlichen analysiert, d.h. überprüft, ob diese bestimmte sprachliche Merkmale realisieren. Für die Herausbildung eben dieserCharakteristika der verschiedenenfrançais régionauxwar v.a. die diachrone Entwicklung maßgeblich.

Diefrançais régionauxentwickelten sich parallel zur Ausbreitung des Franzischen an den verschiedenen Orten der Frankophonie aus dem Kontakt der dortigen galloromanischen Dialekte oder der „langues ethniques“[31]mit dem Französischen derÎle-de-France(Pöll1998,S.9;vgl.Prüßmann-Zemper 1990,S.831). Dabei kann in etwa folgendes Schema als für die diachrone Entwicklung des Regionalfranzösischen zutreffend angesehen werden, dasStehl(1994,S.132ff.) exemplarisch für derartige in Südfrankreich und Italien stattgehabte Prozesse der Sprachentwicklung beschrieben hat: In der ersten Generation, die neben dempatoisbzw. der jeweiligenlangue ethniquedasfrançais standarderlernte, herrschte eine Art „sozialer Zweisprachigkeit“ (Stehl1994,S.132). In der alltäglichen Kommunikation wurden weiterhin daspatoisbzw. dielangue ethniquebenutztund nur in bestimmten Situationen und Kontexten, v.a. formeller Art,wurdedasfrançais standardverwendet (vgl.Stehl1994,S.132f.). Allerdings beherrschte diese Generation i.d.R. das Standardfranzösische nie vollständig normkonform, sondern benutzte „[…] eine von zahlreichen Interferenzen aus der Erstsprache geprägte Varietät des Standards […]“ (Stehl1994,S.132). Schon in dieser ersten Generation kam es also zum Sprachkontakt und damit zur gegenseitigen Beeinflussung desfrançais standardund der jeweiligen regional üblichenpatoisbzw.langues ethniques. Die darauffolgenden Generationen erlernten dann zunächst durch die Eltern deren stark regional geprägte Varietät des Französischen. Durch den Einfluss verschiedener Medien und der Schule, die sich häufig zum Verfechter desfrançais standardmachte, näherte sich der Sprachgebrauch des Französischen dieser Generationen weiter demfrançais standardan (vgl.Stehl1994,S.133). Er blieb jedoch durch eine Vielzahl von Regionalismen geprägt, so dass man ab diesem Stadium i.d.R. von einem „français régional“ spricht (Stehl1994,S.133). Parallel dazu kam es zu einer „Schwächung“ derpatoisbzw. der „langues ethniques“(Pöll1998,S.9f.;Müller1975,S.117f.). Von Generation zu Generation sprachen immer weniger Personen die ursprünglichen Dialekte oder Sprachen der Regionund diejenigen, die sie weiterhin sprachen, verwendeten nicht mehr die vor der Ausbreitung des Französischen üblichen Formen, sondern eine „[…] von zahlreichen Interferenzen des Standards durchsetzte Varietät […]“ dieserpatoisbzw.langues ethniques(Stehl1994,S.133;vgl.Voillat1971,S.235).

Systemlinguistisch gesehen unterscheiden sich diefrançais régionauxinfolge dieser diachronen Entwicklung vom Standardfranzösischen v.a. deshalb, weildie Sprecher der verschiedenen Regionen beim Erlernen des Französischen Merkmale ihrer Ausgangssprachen und Dialekte auf das Französische übertrugen (vgl.Pöll2005,S.129 f,1998,S.9f.undMüller1975,S.117ff.). Die galloromanischen Dialekte und die „langues ethniques“ hatten bzgl. der Herausbildung der „français régionaux“ folglich die Funktion von Substraten inne (Müller1975,S.117;vgl.Pöll1998,S.10).Müller(1975,S.117) äußert sich hierzu wie folgt:

„Die meistenfrançais régionauxsinddurch die Ausbreitung der Gemeinspracheüber die Dialektzonen und die Gebiete nichtfranzösischerlangues ethniquesentstanden. Beim langsamen Erwerb ‚des Französischen‘haben die Bewohner die lautlichen, morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Muster der Regionalsprachen auf dieses übertragen und so nach den jeweiligen regionalen Vorgegebenheiten einezusätzliche mittlere Ebene zwischen der Ausgangs- und der Zielsprachegeschaffen.“

Zusätzlich zumursprünglichen Einfluss aus den Dialekten und den „langues ethniques“wurden und werden die „français régionaux“ fortwährend durch andere Adstrate, d.h. Kontaktsprachen bzw. deren Varietäten, beeinflusst (Müller1975,S.117ff.;vgl.Pöll1998,S.10). Die Merkmalsübertragung aus den Sub- bzw. Adstraten in die verschiedenenfrançais régionauxfand und findet auch heute noch auf allen Ebenen der Sprache statt (vgl.Müller1975,S.117ff.). So finden sich sowohl im Bereich der Aussprache als auch in den Bereichen der Morphosyntax und der Lexik zahlreiche Übertragungen von den jeweiligen Sub- oder Adstraten auf dasfrançais régional.

Nicht ausgegangen werdendarf von der weit verbreiteten, aber irrigen Annahme, dass die Grenzen der heutigenfrançais régionauxjeweils mit den ehemaligenpatois-Grenzen bzw. den Grenzen derlangues ethniquesübereinstimmen (vgl.Pöll2005,S.133). Das Verbreitungsgebiet einigerfrançais régionauxbzw. der für sie charakteristischen linguistischen Merkmale hat sich im Laufe der Zeit deutlich erweitert. Nicht außer Acht gelassen werden darf zudem, dass diefrançais régionauxjeweils weiter regional unterteilt werden können, denn die jeweilige Ausprägung des Regionalfranzösischen variiert nicht nur von einer Region zur anderen, sondern auch innerhalb einer Region (Warnant1973,S.116f.;vgl.Pöll2005,S.122ff.,1998,S.11 undLengert1994,S.22).

In diesem Zusammenhang ist darauf zu verweisen, dass in der einschlägigen Forschung eine Diskussion über die Verwendung des Adjektivsrégionalbzgl. bestimmterfrançais régionauxentstanden ist.Pöll(1998,S.13) hat verschiedentlich angemerkt, dass das Wort „régional“ etwa bzgl. der französischsprachigen Schweiz seiner Ansicht nach unangemessen sei, weil es sich bei derSuisseromandeum keine „région“im Sinne der französischenrégion deFrancehandele (vgl.Pöll2005,S.122). Er schlägt daher insbesondere für Québec und dieSuisseromandedie Verwendung der Bezeichnung „françaisterritorial“ vor (Pöll 2005,S.20,1998,S.13). Auch gab es verschiedentlich den Vorschlag, zwischen nationalen und regionalen Varietäten zu unterscheiden (vgl.Pöll 2005,S.20,2002,S.78, 1998,S.13 undLüdi1992,S.161). Versteht man das Adjektivrégionaljedoch nicht als sich ausschließlich auf Frankreich und die dortige Bezeichnung einer Verwaltungseinheit beziehend, sondern allgemeiner als auf eine „geographisch-historisch“ (Lengert 1994,S.21)definierte Region generell bezogen oder legt man wieLengert (1994,S.21f.) ein „sehr flexible[s][…] Verständnis“ des Begriffs zugrunde und bezeichnet damit jede Region der Frankophonie, so dürfte diese Definitionsproblematik ausgeschlossen sein. In der vorliegenden Arbeit wird ein solches Verständnis des Begriffs zugrunde gelegt.

Neben den regionalen Einflüssen lassen sich in denfrançais régionauxhäufig Archaismen finden, die im aktuellen Standardfranzösisch nicht mehr benutzt werden.[32]Warnant(1973, S.116) bezeichnet das Regionalfranzösische daher als „marginal“ (vgl.Singy1996,S.24). Auch verfügen diefrançais régionauxüber allerdings relativ wenige Innovationen, d.h. eigene sprachliche Entwick