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Als Lunas schwerreiche Eltern ermordet werden, fällt der Verdacht zuerst auf ihren drogenabhängigen Zwillingsbruder Max. Doch dieser liegt nach einem Unfall im Koma. Bald befürchtet Luna an Halluzinationen zu leiden, da ihr Bruder immer öfter bei ihr ist, während sein Körper im Krankenhaus liegt. Sie kämpft mit ihrer Trauer und ihrer Angst um Max, dessen Leben am seidenen Faden hängt. Und dann ist da noch die Frage, wer ihre Eltern ermordet hat. Ein spannender Mystery-Thriller vor der sonnigen Kulisse Kaliforniens.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2020
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WO IMMER DU BIST
CHRIS FABIAN
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Prolog
Luna
Max
Luna
Max
Luna
Luna und Max
Luna
Max
Luna
Max
Luna
Max
Luna
Max
Luna
Max
Luna
Max
Luna
Max
Luna
Luna, Tom, Cindy
Max
Luna und Max
Max
Luna
Epilog
Letzte Seite
Jeremiah war ganz allein, kein Mensch weit und breit.
„Mom? Wo bist du, Mom?“ Ein frischer Wind kam auf und trug Jeremiahs Stimme mit sich fort. Wo blieb sie nur? Mom hatte doch nur Wasser fürs Grab holen wollen.
Er genoss sonst ihre Zweisamkeit. Nun aber wünschte er fast seinen Bruder herbei, der das Wochenende bei den Boy Scouts im Camp Balboa verbrachte.
Noch einmal folgte er vorsichtig, Fuß um Fuß, der schmalen Umrandung, die die Grabplatte säumte, stellte sich vor, auf dem Hochseil zu tanzen, wie ein Zirkusartist. Doch dann kehrte die Furcht zurück, als er bemerkte, wie sich düstere Wolken über ihm bauschten. Wie Dämonen sahen sie aus, denen die Haare wild von den Köpfen standen.
Ein Blitz zuckte auf. „Mom“, flüsterte er. Er stemmte die kleinen Fäuste tief in die Hosentaschen und summte das Lied, das Mom ihm abends vorsang.
You're my Honeybunch, Sugarplum,
pumpy-umpy-umpkin …
And I love you so …
… that I’ll always be right here …
Er stockte. Da war eine Bewegung gewesen! Vor der Mauer hinter den letzten Gräbern. Da – ein Schatten! Ein Mann lächelte ihn an.
Jeremiahs kleines Herz pochte dumpf.
„Mom?“, rief er abermals, und seine Stimme zitterte. Auf Friedhöfen passierten seltsame Dinge.
„Miah, hier bin ich!“ Mit der schweren Gießkanne bewaffnet trat Mom in ihrem türkisfarbenen Kleid auf ihn zu. Eine Träne kullerte seine Wange hinab, noch bevor der einsetzende Schauer sie fortspülte. Mom ließ die Gießkanne fallen und Wasser schwappte über. Sie strich Jeremiah sanft übers Gesicht.
„Du brauchst doch keine Angst zu haben! Die Toten tun nichts, mein Junge.“
Er deutete auf die Mauer.
„Aber der Mann mit den braunen Haaren“, sagte er. „Er sah aus wie auf dem Foto auf dem Klavier.“
In Gestalt eines silbernen Kringels, der das Gardinenmuster spiegelte, tanzte das Morgenlicht feurigen Salsa auf Schreibtisch und Fliesen. Luna sah zum gekippten Fenster, schloss kurz die Augen und genoss die Wärme auf ihrem Gesicht, während die Patientin auf der Couch auf ihre monotone Art weiterredete.
„Helfen Sie mir, Ms. Yowett! Ich halte das nicht mehr aus“, sagte sie, und Luna unterbrach ihren Tagtraum und riss die Augen auf.
„Was genau fühlen Sie in diesem Moment? Sind Sie wütend auf Ihren Vater?“
Ein Windzug teilte die Gardinen, und durch das Fenster drang grelles Tageslicht und blendete Luna, sodass sie den Blick rasch auf den Notizblock in ihrem Schoß lenkte und ein paar Strichmännchen daraufkritzelte. Wut haben. Auf den Vater. Den Rat sollte sie selbst beherzigen. Bestimmte Patientengespräche triggerten ihr Unterbewusstsein und führten sie hart an ihre Grenzen. Gerade heute fiel ihr die Konzentration so schwer und ihre Gedanken kreisten seit dem frühen Morgen um ihre Familie.
„Gott weiß, dass ich es versucht habe“, jammerte Stephenson. „Aber jetzt ist sie da, und sie sagt, dass … Nun, Wut, sagt sie, sei auch keine Lösung.“
„Und wer ist „sie“?“
„Sie ist … mein neues Problem.“
Luna versuchte, zu sortieren, doch die Brocken, die Stephenson ihr da hingeworfen hatte, bildeten einen undurchsichtigen Haufen.
„Beruhigen Sie sich“, murmelte sie. „Und jetzt bitte noch einmal der Reihe nach.“
Für einen Moment war wieder Stille im Raum, dann begann die Patientin, leise zu weinen. Luna ging zu ihr, reichte ihr die Kleenex-Box und lächelte ihr aufmunternd zu. Im Anschluss nahm sie wieder auf ihrem Stuhl hinter Stephenson Platz. Einen guten Teil der Stunden brachte sie in ihrem Beruf mit Warten zu. Warten, bis das Weinen, der akute Schmerz, nachließen, um für die Heilung Raum zu schaffen.
Sie hörte Reifen über knirschenden Kies auf den Parkplatz rollen, eine Wagentür schlug zu. Jemand lief mit strammen Schritten zum Praxiseingang. Ein Patient ihres Kollegen, Dr. Luke Bowers? Die meisten Leute, die in ihre Psychotherapie kamen, erkannte sie schon an ihrem schleppenden Gang. Luna tippte, dass es ihr College-Freund David war – wie üblich eine Viertelstunde zu früh. Er hatte sie zum gemeinsamen Mittagessen zu Hodad`s Downtown eingeladen, und sie freute sich auf einen Veggie-Burger zu Sweet-Potato-Fries mit einer doppelten Portion Sour-Cream. Wenn nur dieses komische Kribbeln in ihrem Inneren nicht wäre! Ein irgendwie unheilvolles Zeichen.
Sie räusperte sich ausgiebig. „Alles okay, Ms. Stephenson?“
Ein unterdrücktes Schluchzen. „Bitte. Nur einen Moment.“
„Natürlich.“
Lunas Magen knurrte. Verbunden mit einem Seufzer, straffte sie ihre Schultern, setzte sich aufrecht hin und richtete den Block in ihrem Schoß mittig, um jederzeit für eine Notiz bereit zu sein.
„Ich habe Angst. Es ist so schrecklich dunkel“, sagte die Patientin und würde gleich denselben traurigen Lebenslauf wie schon die letzten Wochen abspulen. Luna kannte so gut wie jeden Satz. … Und dann geht die Tür auf … Er schließt sie hinter sich … Ich kann seinen Atem hören … Er kriecht zu mir unter die Decke, und ich soll … nein, bitte …“
„Sie fürchten sich“, murmelte sie in Stephensons Richtung. „Sie haben Angst, nie wieder aus diesem Zimmer entrinnen zu können. Ms. Stephenson, bitte glauben Sie mir: Sie können es schaffen. Lassen Sie die Vergangenheit hinter sich! Gehen Sie zur Tür, drehen Sie sich nicht um. Drücken Sie die Klinke hinunter. Verlassen Sie das Zimmer. Ich bin bei Ihnen. Niemand wird Sie daran hindern.“
Wieder weinte die Patientin. Luna beobachtete die körperlichen Reaktionen genau, sah, wie Stephenson den Kopf zwischen die Schultern zog, und hörte, wie sie den Atem erregt über die Lippen stieß. Das bewies, wie konzentriert sie mitarbeitete.
Sie wartete ab, doch Stephenson brauchte noch einen Moment, und Lunas Blick schweifte wieder zu der breiten Fensterfront im Erdgeschoss des Psychatric-Centers, vor der ein Busch-Natternkopf die ersten Knospen öffnete. Regentropfen benetzten ihn nun, doch die Sonne schien unbeirrt weiter. Irgendwo musste ein Regenbogen zu sehen sein.
„Ich traue mich nicht zur Tür. So schrecklich dunkel“, murmelte die Patientin. „Nur das Nachtlicht in der Steckdose schimmert. Mein Herz klopft. Die Mama soll kommen. Sie soll es Papa sagen. Lass das Kind in Ruhe. Aber nichts passiert …“
Eine Welle des Mitgefühls und auch der Scham überrollte Luna, weil ihr das Einfühlen heute so schwerfiel.
„Es ist völlig in Ordnung, die Angst zu spüren“. Sie kritzelte mit dem Kugelschreiber die Worte Panik, Attacke, Schweißausbruch und Missbrauch auf ihren Notizblock. Dann ließ sie die Halskette mit dem Mondstein-Anhänger durch ihre Finger gleiten, wie sie es immer tat, wenn sie um Konzentration rang – ein Stein, wie ihn auch ihr Bruder Max besaß. Sitzungen mit Stephenson waren stets fruchtbar – was man nicht von allen Patienten behaupten konnte. Viele suhlten sich in ihrem Leid und blieben zeitlebens darin stecken.
„Gehen Sie ruhig in die Angst hinein. Und überlegen Sie genau“, sagte sie. „Wer könnte das kleine Mädchen in Ihnen am besten beschützen?“
„Warten Sie … Sie meinen mich, nicht wahr? Ich könnte das wohl am besten.“
Luna räusperte sich und warf einen verstohlenen Blick auf die Schreibtischuhr: Gleich waren die fünfzig Minuten voll und die Zeit war zu knapp für eine Fantasiereise oder ein Rollenspiel. Es tat ihr leid für Ms. Stephenson. Sie beschloss, um den Faden nicht abreißen zu lassen, ihr gleich eine schriftliche Übung für zu Hause auszuhändigen. Die Übung hatte zum Ziel, das Selbstwertgefühl zu stärken, ein paar Fragen wie: Was mag ich an mir? Was zeichnet meine Persönlichkeit aus? Wofür ernte ich Lob von anderen?
„Das haben Sie richtig erkannt. Sie sind erwachsen“, sagte Luna, mit fester Stimme. „Ihr Vater kann Ihnen nichts mehr tun. Nehmen Sie sich dieses Bild ruhig öfter vor. Stehen Sie auf. Gehen Sie aus der Tür …“
Ruckartig setzte Stephenson sich auf, ließ die Beine von der Liege baumeln und wandte ihr Gesicht Luna zu. „Es ist etwas passiert, Ms. Yowett.“
Das klang allerdings neu. Wieso kam das jetzt, am Ende der Stunde? Stimmen wurden laut, draußen auf dem Flur. Kein Zweifel: Das war David, der mit der Empfangsdame und gleichzeitig Lunas bester Freundin Cindy Bold debattierte. Himmel, was war denn da los?
„Allein der Gedanke bringt mich fast um.“ Mit zitternden Lippen starrte Stephenson Luna an. „Ich wollte es gar nicht erwähnen … Gestern Nacht, müssen Sie wissen, da habe ich mir ein Herz gefasst.“
Luna horchte auf, und Stephenson fuhr fort. „Ich also die verdammte Tür geöffnet, so, wie Sie es mir immer raten. Und da stand sie. Meine Mutter.“
Etwas schlug gegen die Fensterscheibe, gleichzeitig klopfte jemand. Luna blieb fast das Herz stehen. „Einen Moment bitte“, rief sie barsch Richtung Tür. Dann sah sie Stephenson an. Hatte sie richtig gehört? Stephenson hatte „gestern Abend“ gesagt?
„Aber – Ihre Mutter liegt im Sterben“, murmelte sie. Die Ärzte hatten der Krebskranken noch einen Tag gegeben, vielleicht zwei.
„Es war ihr Geist. Verstehen Sie? Sie nahm mich an der Hand, brachte mich ins Bett zurück und sagte, dass es ihr leidtäte. Dass jetzt alles gut würde. Dass sie mich ab jetzt beschützen würde. Aber, im Ernst? Das macht mir genauso viel Angst. Der Geist meiner Mutter!“ Mit irrem Ausdruck winkte sie Luna zu sich heran. „Sagen Sie mir die Wahrheit, Ms. Yowett: Bin ich verrückt geworden?“
In der Tür stand David, doch als Luna in sein ernstes Gesicht sah, verbiss sie sich die scharfen Worte.
„Bin sofort bei dir.“ Sie sah ihn an. Er zögerte, nickte dann knapp und die Tür fiel mit leisem Klicken ins Schloss.
Sie merkte selbst, wie monoton ihre Stimme klang. Ja, Sie sind verrückt, hätte sie am liebsten zu Stephenson gesagt, doch sie schwieg.
„Tut mir leid, aber für heute ist Schluss. Holen Sie sich bitte zeitnah einen Termin. Die Entwicklung mit Ihrer Mutter sollten wir dringend beleuchten.“
Wider Erwarten wirkte Stephenson sehr gefasst, als sie mit dem Kinn zum Glastisch wies. „Ist gut. Sind das da meine Hausaufgaben?“
Luna schenkte ihr ein Lächeln. Stephensons Verständnis nährte ihr schlechtes Gewissen. Sie hätte wenigstens kurz auf ihre letzte Befürchtung eingehen sollen: ihre Angst, den Verstand zu verlieren.
„Lassen Sie sich Zeit mit den Fragen“, antwortete sie sanft. Und als Stephenson nach den Unterlagen griff und zur Tür ging, legte Luna den Notizblock beiseite, stand auf und folgte ihr. „Alles wird gut, Sie werden sehen“, murmelte sie, auch wenn sie ihrer Worte nie unsicherer war als in diesem Moment.
Mit einem Gruß verließ die Patientin den Raum, während Luna zum Fenster trat, um, wie immer, zwischen den Stunden zu lüften – auch, um Zeit zu gewinnen. Den Schrecken, der sie in Davids Gesicht erwartete, hinauszuzögern. Etwas stimmte hier nicht!
Ihr Blick wanderte hinab auf die Brüstung des französischen Balkons. Zwischen Geländer und Fensterscheibe hing ein Rabe, das Köpfchen kraftlos, einen Flügel zur Seite geklappt. Oberhalb seiner gebrochenen Augen, die Luna anstarrten, prangte eine winzige weiße Feder. Himmel! Das arme Ding hatte sich beim Flug gegen die Scheibe das Genick gebrochen. Das war schlimm genug und das Tier tat Luna leid. Doch es ähnelte stark dem Raben aus ihrem Traum letzte Nacht!
Ihr Herz klopfte hart gegen ihre Brust. Sie zwang sich, langsam ein- und auszuatmen, um ihren Puls herunterzufahren. Auch wenn David es als Chefredakteur des San Diego Union Tribune schon allein von Berufs wegen gewohnt war, sich in Dinge einzumischen: Es war so ganz und gar nicht seine Art, Lunas Sprechstunde zu stören. Und jetzt dieser Rabe … ein schlechtes Omen?
Sie hörte, wie Cindy der Patientin draußen im Flur in den Mantel half. Gleich darauf lugte Cindy, in blauem Rock und weißer Bluse, zur Tür herein.
„Alles klar, Boss?“
„Ich bin nicht sicher.“ Sie drehte sich um. „Du, Cindy?“
„Hm?“
„Hier am Fenster. Genickbruch. Informierst du bitte den Caretaker?“
Cindy machte große Augen und nickte mit offenem Mund und während sie langsam zum Fenster ging, verließ Luna den Raum.
Im Wartezimmer tigerte David rastlos umher. Den Kaffee, den Cindy ihm hingestellt hatte, ignorierte er. Das war kein gutes Zeichen.
Luna nahm allen Mut zusammen.
„Also? Was ist so dringend?“
Er blieb abrupt stehen, seine Arme hingen schlaff hinunter.
„Es geht um deine Eltern.“
Es klopfte. „Entschuldige, dass ich störe. Bin auch gleich wieder weg“. In der Türfüllung tauchte Cindy auf. „Der Hausmeister weiß Bescheid, ich meine, wegen des Raben. Und soll ich die restlichen Termine verlegen?“ Neugierig schaute sie von David zu Luna. Nur Cindys angenehm ausgeglichener Art war es zu verdanken, dass Luna die Ruhe bewahrte.
„Danke Cindy, und danach machst du bitte Feierabend.“ Sie lächelte ihre Perle an, die sie gleich darauf am Empfangstresen telefonieren hörte.
Mit traurigem Blick forschte David in ihrem Gesicht. Er überragte sie um einen guten Kopf. Sein schulterlanges Haar trug er mit einem Band gebändigt. Er stand so nahe, dass sie die Poren auf seinen Wangen erkannte und seinen warmen Atem auf ihrer Haut spürte.
„Also?“, beharrte sie.
„Es tut mir so leid, Lu. Aber die Polizei wird sicher bald anrufen.“
„Die Polizei?“
Davids braune Augen, die sonst so fröhlich in die Welt blickten, wirkten trüb, als läge ein feiner Schleier über der Linse.
„Du erinnerst dich an Brad Laney?“, murmelte er.
„Ungern, wenn ich ehrlich bin.“
„Der Typ, der dich daten wollte. Vorletztes Jahr, in Stews Strandbar.“
Sie stieß den Atem aus der Lunge, nahm etwas Abstand und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Dein aalglatter Kollege aus Sacramento. Der widerliche Kerl, der mich mit seinen Augen ausgezogen hat und mich erst respektierte, als er meinen Familiennamen erfuhr …“
„Bitte, Lu. Sprich nicht so …“
„Wie spreche ich denn?“ Sie warf den Kopf in den Nacken.
„… sprich nicht so von meinen Freunden.“
„Der Typ hat versucht, mich zu begrapschen.“
„Ein Heiliger ist er nicht, aber du übertreibst. Er hat dir nur den Arm getätschelt und du hast ihn dafür fast die Treppe hinuntergestoßen. Aber: Wäre Brad nicht gewesen …“
„Dann wären wir beide niemals in diese Bar gegangen, nicht wahr?“
„Und du hättest niemals Tom kennengelernt. Deinen Verlobten.“
Von wegen Arm getätschelt, dachte sie grimmig. Natürlich hatte David nicht mitbekommen, dass Brads Hand, auf ihrem Po …
„Ich gebe zu, dass jede Begegnung für irgendwas gut ist. Kein Brad, kein David. Muss ich mich jetzt bei ihm bedanken?“ Sie sah ihn eine lange Sekunde an. „Was hat nun aber Brad mit meinen Eltern zu tun?“
„Ein Auftrag seiner Zeitung …“
„Käseblatt, genauer gesagt.“
„Er war in Santa Monica. Ganz früh heute Morgen. Ein Artikel über …“
„… Mary und Bob Yowett, die selbstlosen Gründer des neuen Waisenhauses, in ihrem bescheidenen Feriendomizil …“ Sie brach ab, spürte beschämt ihrem Zorn nach, der im Augenblick fehl am Platze war. Ihre Zunge lag trocken und wie geschwollen in ihrem Mund. David ging es vorsichtig an, doch was jetzt kommen würde, würde ihr sicher nicht gefallen.
„Käseblatt-Brad war also in Santa Monica“, murmelte sie. „In der Standvilla meiner Eltern, richtig?“
David suchte nach ihren Händen und nahm sie sanft in seine. Die schmale Narbe, die er sich als kleiner Junge bei einer Rauferei zugezogen hatte, und die quer über sein Jochbein lief, fiel ihr sonst nie so deutlich ins Auge.
„Er hat durch jedes Fenster gesehen“, fuhr er fort. „Und schließlich, im Wohnzimmer … Er musste gewaltsam eindringen. Aber es war zu spät. Es ist immer zu spät, wenn die Presse eintrifft.“
„Du machst mir Angst.“
„Es tut mir leid, Lu.“
Sie spürte, wie ihre Hände erschlafften in Davids, wie Körper, aus denen das Leben wich.
„Moment mal, du willst doch nicht sagen …“ Sie schüttelte den Kopf. „Kann es sein, dass er an der falschen Adresse …“
Es gelang ihr, ihm ihre Hände zu entziehen.
„Es ist ihre Villa. Man hat ihre Führerscheine sichergestellt. Ein Nachbar hat sie identifiziert. Sie sind es, Lu. Kein Zweifel.“ Und er fügte noch leise hinzu: „Brad hat eine WhatsApp geschickt, ein Foto vom Fundort. Die Polizei vermutet erweiterten Selbstmord, aber es wird eine gerichtsmedizinische Untersuchung geben.“
Luna war zurückgewichen und schließlich in einen Stuhl gesunken. Sie wagte es kaum, zu atmen. Tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Das war unmöglich! Suizid! Aus welchem Grund?
Sie blickte David ungläubig an. Was um Himmels willen war da vorgegangen zwischen Mary und Bob? Ein Gewicht schien auf ihren Magen zu drücken, das sie in die Knie zu zwingen drohte, und nur mühsam hielt sie sich auf dem Stuhl aufrecht.
„Du kennst sie doch. Selbstmord ist nicht …“, murmelte sie.
„Nicht ihr Stil. Das wolltest du doch sagen. Mary und Bob Yowett waren viel zu sehr verliebt in das Leben, in ihren Erfolg.“
Sie nickte stumm, spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten und nahm eine ganz neue Nähe zwischen David und ihr wahr, als eine sekundenlange Pause entstand und er sie traurig ansah.
„Menschen ändern sich. Du hast sie lange nicht gesehen“, erwiderte er vorsichtig. Da hatte er allerdings Recht. Es mochte ein, zwei Jahre her sein, dass sie die Eltern noch regelmäßig besucht hatte. In letzter Zeit war ihr Verhältnis angespannt, und das lag vor allem an Moms und Dads Umgang mit Max. Sie konnte einfach nicht länger mit ansehen, wie sie ihren Sohn immer wieder verstießen, ihm mit Geldentzug drohten und ihn bei jeder Gelegenheit verspotteten, anstatt ihm Hilfe anzubieten und endlich die Eltern zu sein, die er sich immer gewünscht und verdient hatte. Nein, das konnte sie nicht dulden, auch wenn sie selbst mit Max so ihre Probleme hatte.
Ohne, dass sie es verhindern konnte, liefen ihr die Tränen über das Gesicht, während David sich neben sie setzte und ihre bebenden Schultern streichelte. Sie nestelte das Smartphone aus ihrer Tasche, fand nach ein paar Missgriffen die Nummer, tippte hastig und legte es enttäuscht auf den Tisch, als sie nur Max Anrufbeantworter erreichte. Für einen Moment drängte es sie, Tom anzurufen, doch sie wusste, dass er gerade operierte.
„Zeig mir das Foto“, murmelte sie. Aber David schüttelte stumm den Kopf. Im selben Moment steckte Cindy den kupferroten Schopf zur Tür herein. „Die Polizei ist drüben im Sprechzimmer“, sagte sie, mit verwirrtem Ausdruck, und Luna stand langsam auf.
Während der Fahrt sprach sie kein Wort. Hin und wieder reichte David ihr seine Hand und sie hielt sich daran fest wie an einem Rettungsanker. Sie dachte an das Telefonat vorhin, an ihre Eltern, an Max und an letzte Nacht. Immer wieder war sie aufgeschreckt, mit den Bildern von Mary und Bob Yowett und ihrem Bruder Max vor Augen, die vor offenen Gräbern standen. Das scharfe Krächzen eines Raben von irgendwoher aus den Baumkronen hatte den Gruselfaktor verstärkt. Schließlich war der Rabe zu ihnen geflogen und hatte sich frech auf der Friedhofsmauer niedergelassen. Unbewusst musste sie es gespürt haben, dass ein großes Unglück geschehen war.
Andere Bilder ploppten vor ihrem geistigen Auge auf und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Es war die sternklare Nacht vor Moms vierzigstem Geburtstag: Lichterketten auf der Veranda, über den Köpfen zahlloser Gäste. Nur die zehnjährigen Zwillinge Luna und Max hatte man in ihre Betten geschickt. Die Nanny hatte ihnen die Geschichte von Leon, dem goldenen Kater erzählt, der sich bei Tag vor den Menschen versteckte, da diese begierig waren, ihm das Fell über die Ohren zu ziehen. Allein bei Vollmond wagte er sich aus seinen Höhlen und Bretterverschlägen und streifte durch einsame Gegenden.
Ein Grund für die Kinder, die Sache zu testen.
„Schau aus dem Fenster“, hatte Max geflüstert. Es war Vollmond und der Bambushain hinter dem großen Schwimmteich verbarg solch einen einsamen Ort, wie für Leon geschaffen: einen geheimen Tierfriedhof.
„Machen wir es?“, hatte Luna zurückgeflüstert. Aber Max hatte gar nicht zu antworten brauchen. Er hatte sich die Schachtel mit dem toten Chipmunk, dem Streifenhörnchen, unter den Arm geklemmt, den sie am Mittag vor den hohen Palmen, im Beet der roten Akeleien entdeckt hatten, und der schon einen leicht süßlichen Geruch im Kinderzimmer verströmte.
Das offene Kinderzimmerfenster. Die langen, weißen Nachthemden. Gäste in edlen Kleidern. Halbleere Sektgläser auf den Tischen und Luna, die sich von dem heimlichen Genuss des bitteren Zeugs fast übergab. Musik und Gelächter auf der Veranda, Betrunkene, die sich im angrenzenden Pool Wasserschlachten lieferten, dazu Leons aufregende Abenteuer. Wer sollte denn dabei ein Auge zu tun?
„Gehen wir“, sagte Max und nahm Luna an der Hand. „Holen wir die Schaufeln.“ Sie lächelte bitter. Die unbeschwerte Zeit war endgültig vorüber und ihre Beziehung zueinander hatte durch die Drogen und Max Verhalten empfindlich gelitten. Luna hatte einfach die Kraft verlassen. Sie war es leid, ihn zu unterstützen, ohne, dass von ihm eine Mitarbeit kam.
Hinter dem Teich, in einer Nische zwischen den haushohen Horsten der Bambusse, dort, wo die Erde ein klein wenig feinkörniger war, hatten schon der eine oder andere Goldfisch, zwei Käfer und Bonzo, Max alter Teddy, ihre letzte Ruhe gefunden. Bonzo, dem ein Auge fehlte und die Holzwolle aus dem Bauch quoll: tot, eindeutig.
Luna ließ den Anhänger mit dem Mondstein um ihren Hals durch ihre Finger gleiten, wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte. Max hatte den gleichen, die andere Hälfte. Er war ein Geschenk ihrer Grandma Rose zu ihrer Geburt gewesen. Die gute Grandma, die noch eine Weile Max und Lunas Kindheit begleitet und ihre schützende Hand über die beiden gehalten hatte, bis sie ganz plötzlich verstarb.
Von Wind und Wetter gegerbte Häuserfassaden, die längst eines neuen Anstriches bedurften, zogen an ihr vorüber. Die Menschen an den Fußgängerampeln sahen aus wie immer, vom Leben gelangweilt und vom Nine-to-five-Job frustriert. Dabei hatten die allermeisten keinen Grund zur Klage. Sie hatten ein Dach über dem Kopf und genügend zu essen. Wer mit offenen Augen durch San Diegos Straßen ging, sah Bettler und Obdachlose und ganze verwahrloste Familien, die ein härteres Schicksal erlitten.
Als sie an einer Ampel in Höhe der Monroe Ave hielten, und Luna fast schon zu Hause war, fiel ihr Blick auf den Radfahrer in kurzen Hosen, der wohl partout den Sommer einläuten wollte, obwohl es immer mal wieder nieselte. Auf dem Lenkrad, in einem Kindersitz, saß ein kleines Mädchen in einem hübschen Sommerkleid und lächelte zu Luna in den Wagen. Immerhin hatte man dem Kind eine Sweatjacke übergezogen. Sie wusste, wie sehr Max Kinder mochte und sich schon mal Zeit für ein Footballmatch mit den Nachbarjungs nahm. Bei ihr war das komplett anders. Viel konnte sie nicht mit den Gören anfangen und den Grund dafür suchte sie in ihrer eigenen Kindheit. Tom würde sich damit abfinden müssen, dass ihre künftige Ehe wohl kinderlos blieb.
Seufzend musterte sie das Mädchen mit den blonden Locken unter dem Fahrradhelm, während sie noch einmal Max Nummer in ihr Mobilphone tippte. Max wäre sicher ein toller Daddy, würden seine Gedanken nicht rund um die Uhr um den Stoff kreisen.
Jetzt lächelte die Kleine wieder zu ihr herüber. Schnell sah Luna weg. Ihr Herz klopfte so stark, dass David es hören musste. Auch sie war einmal so ein kleines Mädchen gewesen, und hatte sich so sehr Moms herzliches Lächeln gewünscht … Aber Mom hatte nur Blicke für Dad. Sie hatten einander gefunden, wie man einen Diamanten auf einem kargen Boden entdeckte unter tausend wertlosen Steinen. Zwei Herzen, ein Takt. Zwei Köpfe, ein Gedanke.
Nachdenklich betrachtete sie den Mondstein um ihren Hals, dem sie ihren Namen verdankte. Luna und Max waren in einer Vollmondnacht geboren. Das hätte ein gutes Omen sein können, doch Moms und Dads Zweisamkeit und ihr voller Einsatz in den Juwelierläden waren durch die Schwangerschaft empfindlich gestört worden. Ein menschlicher Diamant, der in Moms Bauch heranwuchs – der passte nicht in ihren Plan.
Luna warf noch einen raschen Seitenblick auf das Mädchen auf dem Fahrrad. Sie versuchte, sich Moms Gesicht bei der zweiten Ultraschalluntersuchung vorzustellen.
Herzlichen Glückwunsch, Mrs. Yowett! Da ist auch noch ein Junge. Sehen Sie her, ein kleiner Penis. Und zwei kleine Herzen. Sie haben ein Glück, es sind Zwillinge!
„So nachdenklich?“ David musterte sie kurz, aber intensiv. Sein Mundwinkel zuckte und er sah wieder auf die Straße. „´Tschuldige. Was für eine dämliche Frage, nach allem, was du durch …“
„Kein Problem.“
„Geht Max nicht ans Telefon?“
„Ich hätte ihn gerne vorgewarnt.“
„Es ist nicht sein erster Kontakt mit der Polizei.“
„Und du glaubst, das tröstet mich jetzt?“
„Natürlich nicht. Sorry, Lu …“
„Hör auf, dich zu entschuldigen, und schau gefälligst auf die Straße! Zwei Tote genügen für heute.“
„Ich liebe deinen Sarkasmus.“
Die Ampel hatte auf Grün geschaltet. David gab Gas, zog seine Hand von Lunas zurück und hinterließ ein kaltes Gefühl. Ihre Augen brannten und sie sah rasch aus dem Seitenfenster. Das Mädchen winkte noch einmal, aber Luna hatte kein Lächeln für es übrig und richtete den Blick stur auf die Fahrbahn. Den Plan, gut und teuer essen zu gehen, vertagten sie fürs Erste und genehmigten sich stattdessen eine Portion French Fries an der Burger-Bude, die Luna ohne Appetit mit etwas Ketchup in sich hineinstopfte. Nach dem Telefonat mit dem Polizeibeamten wollte sie nur noch nach Hause, und sie sah sich in Normal Heights, Madison Ave, im vierten Stock des Mehrfamilienhauses, die Tür ihrer ebenso winzigen wie kostspieligen Zwei-Zimmerwohnung aufsperren. Sie würde ihre Handtasche in den Flur stellen und die Schuhe abstreifen, auf direktem Weg ins Bad gehen, eine heiße Dusche nehmen und eine Schlaftablette – und dann unter die warme Bettdecke kriechen und hoffentlich an nichts mehr denken, bis der Wecker klingelte. Ein harter Tag stand ihr bevor.
Ein vorwitziger Sonnenstrahl kitzelt ihn an der Nase. Im Zimmer riecht es nach Terpentin. Irgendwann gelingt es ihm, die Augen zu öffnen. Mit einer Ecke des alten Lakens wischt er sich über sein feuchtes Gesicht. Durch die Ritzen des kaputten Rollos schaffen es nur wenige Sonnenstrahlen in den düsteren Kellerraum. Auf dem Betonboden vor dem Fenster liegen Ölfarben in zerknautschten Tuben, daneben stehen farbverschmierte Einmachgläser mit dreckigen Pinseln. Die Sachen kommen Max wie Fremdkörper vor und er fragt sich, wie jeden verdammten Morgen, wie lange es her ist, dass er mit Farben experimentiert und interessante Motive auf Leinwand gezaubert hat. Die Zeit spielt keine große Rolle mehr in seinem Leben, er weiß nicht einmal, was für ein Tag heute ist.
Er lässt seine Hand suchend nach rechts gleiten, doch die Matratze neben ihm ist verlassen. Langsam dämmert es ihm. Vor ein paar Tagen ist Juli zu diesem Vorsprechen gegangen und seitdem hat er nichts mehr von ihr gehört. Was nichts bedeutet, sie verschwindet öfter und kommt dann irgendwann wieder. Nie sagt sie ihm, wo sie war und wenn er ehrlich ist, ihn interessiert es auch nicht mehr. Es ist eher eine Art Automatismus, die ihn morgens als Erstes ihren Namen denken lässt. Der Bauch ist schon frei von Liebeskummer, nur das Hirn hinkt hinterher. Schlimm ist nur, dass sie den ganzen Stoff mitgenommen hat. Das bisschen, was er in der kaputten Waschmaschine gebunkert hatte, ist aufgebraucht. Schweißtropfen rinnen seinen Rücken hinab, trotzdem ist ihm kalt, die Knochen schmerzen und seine Hände zittern. Er zündet sich eine Selbstgedrehte an. Gras ist das Einzige, was noch da ist.
Das alte Smartphone vibriert. Max kann seine Hand kaum kontrollieren, er greift zweimal daneben, bis er es schafft, und das Teil aufnimmt. Luna. Aber seine Zwillingsschwester ist der letzte Mensch, mit dem er jetzt reden will. Sie würde merken, was mit ihm los ist. Mal wieder. Lange hatten sie keinen Kontakt, doch er weiß, sie gäbe ihm eine Chance. Und noch eine. Und dann die nächste. Und jedes Mal enttäuscht er sie aufs Neue. Mehr als einmal hat ihm Luna wieder auf die Beine geholfen. Zuletzt hat sie ihm sogar einen Kontakt zu der Galerie LaPalma mitten in L.A. verschafft. Vier Wochen lief die Ausstellung und er hat ordentlich verkauft.
Der Gedanke an das Bild mit der spanischen Tänzerin zaubert ihm ein Lächeln auf die Lippen. Auch sie hat eine Käuferin gefunden. Sie hängt jetzt in Lunas Wohnung. Luna ist Max größter Fan.
Er stöhnt leise auf und streicht sein Haar nach hinten. Die Geste hinterlässt ein fettiges Gefühl auf seinen Fingerspitzen. Wird Zeit für eine Dusche. Zuvor aber muss er telefonieren, mit Joe, seinem Dealer.
Fast stolpert er über einen High Heel von Juli. Ein Teil des roten Leders wirkt verschrumpelt wie alte Haut und gibt weißes Plastik frei. Er erinnert sich, dass sie mit dem Absatz am Bordstein hängengeblieben ist und sich dabei den Knöchel verstaucht hat.
Ob sie den Job bekommen hat? Ein Filmangebot, davon träumen doch alle Statisten. Sie wird die Rolle der schönen Leiche spielen und nur wenige Sekunden zu sehen sein. Aber das ist doch schon mal ein Anfang. Er hat ihr noch seinen Mondsteinanhänger als Glücksbringer mitgegeben. Jetzt ärgert es ihn, weil dieser Stein ein Verbindungsstück zu seiner Schwester Luna darstellt. Das mit Juli und ihm war etwas ganz Besonderes, hat er gedacht, als er sie nach seinem letzten Entzug in der Klinik kennenlernte, wo sie mit ihm und fünf anderen an einer Gesprächstherapie teilnahm. Sie hatten eine Menge Spaß und viele Pläne – bis sie diesen Filmproduzenten traf, der mit seinen guten Hollywood-Kontakten prahlte.
Mit ihm kam das Koks zurück, dann Heroin. Das gemeinsame Apartment konnten Max und Juli sich schon bald nicht mehr leisten, aber das Kelleratelier ist noch für ein Jahr bezahlt. Und hier unten ist auch ein Nebenraum, der als Schlafzimmer dient. Das Bad besteht aus einem großen Waschbecken, in dem sich die Pinsel reinigen lassen, einer Toilette und einer winzig kleinen Dusche, deren Abfluss ständig von Julis Haaren verstopft ist.
Er kickt den High Heel beiseite, und trifft mit seinem Fuß auf einen Eimer mit brackigem Wasser, der fast überschwappt. Noch einmal Glück gehabt! Er schleppt sich in das Bad und schlurft zum Waschbecken mit den Rissen im Porzellan, über die sich von den Ölfarben eine dunkle Patina gelegt hat. Im halb blinden Wandspiegel sieht er ein Wrack, nicht jenen Max mit dem lockigen Haar und dem sympathischen Lächeln, dem die Frauenherzen zufliegen.
„Was glotzt du so blöde?“, knurrt er sein Spiegelbild an.
Mit den Fingern greift er in den Abfluss, erntet ein paar Büschel Haare und entsorgt sie in der Kloschüssel. Unter der Dusche erwischt er die Flüssigwaschmittelprobe. Egal. Riechen seine Haare eben nach Meeresbrise. Auf nassen Sohlen schleicht er zurück in den Schlafraum und sucht vergeblich nach frischer Wäsche. Das Telefon läutet, bricht kurz darauf ab. Lunas wunderschöne grüne Augen schauen ihn eine winzige Sekunde lang an, als er ihren Namen liest. Er wischt sich mit der Hand unwirsch über das Gesicht. Nicht jetzt, er hat es eilig. Er muss hier raus, er bekommt keine Luft mehr, in diesem Keller. Schnell schmeißt er sich zwei Tabletten ein, die letzten, die er besitzt. Sie unterdrücken das Zittern.
Die speckige Lederhose mit den Flicken am Knie gleitet über seinen bloßen Hintern. Seine Lederjacke ist alt und abgewetzt, doch mit dem bunten Schal, den er sich umbindet, wirkt er wie ein Künstler auf dem Weg zum Montmartre. Zuletzt wirft er sich den kleinen Rucksack über. Die zwei bemalten Leinwände unter seinem Arm sind nicht fixiert, das Spray war leer. Egal, er schlurft die Treppe nach oben. Schlimmstenfalls muss er das Smartphone versetzen, wenn keiner ein Bild kauft.
