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Seit Jahren sind diese Städte verlassen. Kaum jemand will sie mehr betreten. Rätselhaftes geht dort vor sich. Viele Gebäude sind bereits verfallen. Dicke Staub- oder Schmutzschichten überziehen alles. In den Häusern findet man zum Teil aber noch alles so vor, wie es verlassen wurde. Warum kümmert sich aber niemand mehr darum? Warum werden manche dieser Orte sogar gemieden? Was ist dort geschehen? Neugierig geworden? Dann folgt uns einfach in diese Geisterstädte und lasst euch überraschen, welche düsteren Geheimnisse sich dort verbergen.
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Seitenzahl: 476
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Verfluchte
Staedte
Anthologie
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www.verlag-der-schatten.de
Zweite Auflage 2025
© Coverbilder: Jordy Meow auf Pixabay, Depositphotos VJTAR
Covergestaltung: Verlag der Schatten
© Bilder: Fotolia Evengy Droku (verfallene Stadt),
flashgphoto (Grenzgebiet), mandritoiu (Gebaut auf Trug und Schein), amheruko (Bruckhafen),akeeris (DieAugen der Geisha), Friedberg (Weilersreuth), andyz275 (Shadow of Frear, Eine Regel, Stadt der Bilder),mw-luftbild.de (Ort ohne Geister), fottoo (Das ertränkte Dorf), m_haberstock (Spuren im Staub),Fyle (Aurum), Annette Schindler (Mittwoch), morena (Krieg gegen die Entfremdeten)
depositphotos kokal (Ruinen am Hang), kefirm (Prypjat)
Lektorat: Verlag der Schatten
© Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster,
Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel
E-Mail: [email protected]
ISBN: 978-3-946381-13-6
Seit Jahren sind diese Städte verlassen.
Kaum jemand will sie mehr betreten.
Rätselhaftes geht dort vor sich.
Viele Gebäude sind bereits verfallen. Dicke Staub- oder Schmutzschichten überziehen alles. In den Häusern findet man zum Teil aber noch alles so vor, wie es verlassen wurde.
Warum kümmert sich aber niemand mehr darum?
Warum werden manche dieser Orte sogar gemieden?
Was ist dort geschehen?
Neugierig geworden? Dann folgt uns einfach in diese Geisterstädte und lasst euch überraschen, welche düsteren Geheimnisse sich dort verbergen.
Inhalt
Juliane Schiesel: Grenzgebiet
Marius Kuhle: Gebaut auf Trug und Schein
Gabriel Maier: Bruckhafen
Renée Engel: Die Augen der Geisha
Johannes Kratzer: Weilersreuth
Jenny Dotzauer: Shadow of Fear – im Schatten der Angst
Lea Baumgart: Ort ohne Geister
Daniel Spieker: Eine Regel
Tim Pollok: Das ertränkte Dorf
Christin Schäfer: Spuren im Staub
Jasmin Jülicher: Aurum
Maria Grzeschista: Mittwoch
Anett Arnold: Stadt der Bilder
Şafak Sarıçiçek: Krieg gegen die Entfremdeten
»So überschlägt sich die Zeit wie ein Stein vom Berge herunter, und man weiß nicht, wo sie hinkommt und wo man ist.«
Johann Wolfgang von Goethe
09. Juni 2075
Emily Tal spürte mit jeder Faser ihres Körpers, dass sie an diesem verlassenen und heruntergekommenen Ort endlich am Ende ihrer Reise war. Von einem Hügel blickte sie auf die Stadt, die in keiner Karte eingezeichnet war und von deren Existenz nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Die meisten Häuser waren eingestürzt, die Natur hatte sich ihren Anteil zurückgeholt.
Von ihrem Standpunkt aus konnte Emily sehen, dass Autos mit offenen Türen mitten auf der Straße standen. Bäume wuchsen aus Dächern heraus, und über allem lag die Stille einer verlassenen Stadt.
»Bist du sicher, dass wir hier endlich richtig sind?« Vince Lang und Dave Scott, ihre Forscherkollegen, blickten genervt.
»Aber ja doch. Seht sie euch an!« Emily lachte und lief die letzten Meter den Hügel hinunter in Richtung der ersten Ruine. Sie konnte die Skepsis der Männer verstehen, auch wenn ihr Unglaube wehtat. Seit Wochen stapften die drei durch Wälder und über Wiesen, übernachteten im Freien und verweilten in ausgestorbenen Städten, die alle Urban Explorer schon kannten. Emily wollte jedoch nicht altbekannte Orte fotografieren. Sie wollte das Unbekannte, das Neue, das Gefährliche!
Vor fast einem Jahr kamen die ersten Gerüchte über diesen Ort auf. Fotos davon waren in der Szene aufgetaucht. Sie selbst hatte zwar nie welche gesehen, aber die Neugierde in ihr war angefacht und durch nichts zu besänftigen. Einige Kollegen, die aufgebrochen waren, um diesen ominösen Ort zu suchen, waren nie wieder zurückgekommen, und so entstand die Legende der Menschenfresserstadt.
Emily kletterte über einen umgefallenen Baum und lächelte. Natürlich waren diese Gruselgeschichten Schwachsinn. Keine Stadt fraß Menschen. Viel wahrscheinlicher war, dass die Männer und Frauen sich gegenseitig zu viel Angst gemacht hatten oder die Geschichte ganz einfach als Spinnerei abtaten. Vielleicht wurden auch andere Lost Places gefunden und das eigentliche Ziel geriet in Vergessenheit. Mit der Zeit glaubte kaum noch jemand an diesen Ort – außer Emily. Die Einzigen, die sie begleiten wollten, waren Dave und Vince.
In den letzten Wochen hatte es Emily immer wieder bereut, überhaupt jemanden gefragt zu haben. Vince und Dave waren hervorragende Fotografen, aber sie hatten keine Ausdauer, um die wirklich interessanten Lost Places zu suchen. Sie wollten einfach gute Bilder. Emily wollte mehr.
Als sie endlich in der Stadt standen, pochte in Emily die Vorfreude gemischt mit dem Wissen, an einem Ort zu stehen, den wahrscheinlich seit Jahren kaum jemand betreten hatte. Hier warteten Geheimnisse darauf, entdeckt zu werden!
»Suchen wir uns erst mal einen Platz, an dem wir unsere Sachen lassen können.« So langsam tat ihr der Rücken vom Rucksack weh, und das Foto-Equipment wurde auch nicht leichter.
Dave und Vince nickten, schwiegen aber. In ihren Gesichtern war eindeutig zu sehen, dass sie ebenso beeindruckt waren wie sie.
Emily konnte sich ein leises Auflachen nicht verkneifen. Sie hatte die Zweifler wohl doch überzeugen können. Die Strapazen und Entbehrungen hatten sich gelohnt, und nun würden sie Fotos schießen können, mit denen sie in die Geschichte der Urban Explorer eingehen würden.
Eine Weile liefen sie zwischen den kaputten Häusern hindurch, unschlüssig, in welchem sie ihr Quartier beziehen sollten. Die fehlenden Türen und offenen Fenster zeugten davon, dass es in keinem wirklich trocken oder richtig sicher war. Emily war das egal. Sie konnte sich an dem Verfall kaum sattsehen. Abgebrannte Dächer. Eingestürzte Wände. Kleidungsstücke, die aus kaputten Hauswänden hingen. Kaum zu entziffernde Schriften über Einkaufsläden, in denen offensichtlich noch Inventar stand. Emily wurde ganz heiß. Sie öffnete ihre Regenjacke. Das hier war mehr, als sie jemals würde verarbeiten können.
Vor einem Haus am Rand der Stadt blieb sie stehen. Dahinter lag eine große Wiese, aus der hier und da Teile von einem Zaun ragten. Dann begann der Wald. Er war dunkel und wirkte fast schon bedrückend. Eine Gänsehaut bildete sich auf Emilys Haut, und sie wandte sich schaudernd von dem unheimlichen Bild ab.
Der Anblick des Hauses war Furcht einflößend und beflügelnd zugleich. Eine Terrasse führte um die komplette untere Etage. Die Fenster dort waren zugenagelt, die oberen schienen mit Decken und Laken verhangen. Rechts neben dem Gebäude standen die Überreste einer Garage. Ein Baum war durch sie hindurchgewachsen. Das Auto davor war von Efeu umrankt. Ein Zaun grenzte den Garten vom Fußweg ab. Er war hier weitestgehend intakt. Die Tür hing etwas schief in ihren Angeln, aber sie war da. Das Einzige, was Emily beunruhigte und ihr sogar etwas Angst bereitete, waren die Handabdrücke, die rechts um das Haus an der Wand entlang führten. Wenn das Sonnenlicht nicht gerade daraufgeschienen hätte, hätte sie diese wohl übersehen.
»Das nehmen wir. Anscheinend haben sich hier schon vor uns Urban Explorer eingerichtet. Das kommt uns nur zugute. Dann brauchen wir die Fenster nicht zu verhängen und können unsere Decken sparen!« Vince war schon auf halbem Weg und Dave folgte ihm, ohne zu zögern.
Emily drehte sich um ihre eigene Achse. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber da war nur der Wald, dessen Bäume sich im Wind bogen. Sie schüttelte das bohrende Gefühl ab und ging schnellen Schrittes hinter den Männern her.
»Was denkst du, Vince? Warum sind hier alle weg?« Emily hockte vor zwei Regalen, die umgestürzt waren und sich verkeilt hatten, und fotografierte den Boden darunter. Intakte Dosen, aufgerissene Kekspackungen und Knochen toter Tiere tauchten auf dem Display auf. Der Laden, in dem sie sich befanden, war ganz offensichtlich ein Nahrungsmittelgeschäft gewesen. Sie drehte sich um, als Vince verhalten fluchte.
»Keine Ahnung.« Der Angesprochene starrte angeekelt auf seinen Schuh, der in etwas Klebrigem stand. »Wahrscheinlich war es ihnen zu dreckig.«
Sie gingen zurück auf die Straße und sahen sich um. In der Ferne verlor sich der Weg im Wald. Emily tippte darauf, dass er ab einem gewissen Punkt überwuchert und unbefahrbar war, sonst hätte man diesen Ort schon viel eher gefunden.
Langsam folgten sie der Straße weiter in den Ort hinein. Emily schoss ein Bild nach dem anderen. Liegen gebliebene Puppen. Ein Schuh, der in einem Rosenbusch steckte. Aufgerissene Mülltüten. Es gab so viele Eindrücke, die sie festhalten wollte, dass Emily nicht wusste, ob ihre Speicherkarten reichen würden. Schwindel erfasste sie, als sie an all die Plätze dachte, die darauf warteten, entdeckt zu werden.
»Hey, kommt mal her! Ich hab was Krasses gefunden!« Dave stand in der offenen Doppeltür eines großen, vier Etagen hohen Gebäudes.
Emily versuchte, die Buchstaben an der Häuserfront zu lesen, aber es war unmöglich, daraus etwas abzuleiten. Durch die Witterung waren mehr als die Hälfte verblasst, während die restlichen dem Schmutz zum Opfer gefallen waren. »Was ist das für ein Ort?«, fragte sie.
Dave zuckte mit den Schultern. »Ich tippe auf eine Schule. Jedenfalls sieht es danach aus. Aber ich will euch was anderes zeigen. Das … das ist … das müsst ihr selbst sehen.«
Emily und Vince folgten Dave durch einen Vorraum. Ohne zu zögern, stieg er eine Treppe hoch. Die Spuren im Staub auf den Stufen zeigten, dass er das schon mal getan hatte.
Dave lief bis ganz hoch. Oben angekommen stockte er kurz, drehte sich um, als wollte er etwas sagen, schüttelte aber dann den Kopf und stieß eine Tür auf.
Er ließ den anderen den Vortritt.
Emily runzelte die Stirn, als sie sich auf dem Dach des Gebäudes wiederfand. Von hier aus konnte sie den Ort perfekt überblicken. Aber es war nicht die Aussicht, die ihre Aufmerksamkeit fesselte, auch nicht der Wald, der sich bewegte, als würde ein Sturm aufziehen – nicht einmal die Ruine der Kirche nebenan nahm Emily richtig wahr. Es war der Mann, der zusammengesunken in einem Sessel auf dem Dach saß.
Die Hände hingen schlaff an den Seiten herunter, der Kopf lehnte auf der Brust. Die Beine waren mit einer braunen Decke zugedeckt, und auf seinem Schoß lag ein aufgeschlagenes Buch.
»Verdammt«, flüsterte Vince und hob die Kamera.
Bevor Emily ihn aufhalten konnte, hatte er schon eine Reihe von Fotos geschossen. Sie würde nachher darauf bestehen, dass er alle löschte. Dann ging sie auf den Toten zu. Er war alt und hatte kaum mehr Haare auf dem Kopf. Emily fühlte den Puls, obwohl offensichtlich war, dass er schon länger hier saß. »Er ist tot.« Sie schüttelte den Kopf. »Was hat er hier wohl gemacht?«
Dave und Vince hörten ihr gar nicht zu. Sie fotografierten den Mann und grinsten. Das war ein Motiv, das so schnell niemand aus der Szene würde übertrumpfen können.
Angewidert schüttelte Emily den Kopf. Das würde noch Ärger geben.
Langsam streckte sie die Hand nach dem Buch auf seinem Schoß aus – aber nicht, ohne vorher davon ein Foto geschossen zu haben.
Der Einband war abgenutzt, der Buchrücken so oft geknickt, dass sie Angst hatte, es könnte auseinanderfallen. Während die Männer noch ein paar Bilder vom Ort von dort oben knipsten, setzte sich Emily mit dem Buch an die Kante des Daches. Ein zusammengefalteter Zettel fiel heraus. Sie öffnete ihn. »Guckt euch das an!«, rief sie und blickte auf, als Vince sich neben sie fallen ließ.
»Was ist das?« Er griff nach dem Buch und Emily ließ es geschehen.
»Es ist eine Karte des Ortes.« Sie drehte den Zettel hin und her, sah sich um und nickte. »Wir sind hier. … Dort ist unser Unterschlupf. Hier ist die Waldgrenze. Und hier … Das kann nicht wahr sein!« Zusammen mit Vince beugte sie sich über die Karte. Zeitgleich sahen sie auf. Emily fragte sich, ob ihr Gesicht vor Freude genauso glühte wie seins. »Ein Jahrmarkt!« Schnell rechnete sie durch, wie lange ihre Vorräte noch reichten. Sie war sich nämlich nicht sicher, ob sie diesen Ort je wiederfinden würde.
»Da müssen wir hin!« Vince sprang auf und ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Der Tote im Sessel war vergessen. »Heute aber nicht mehr. Die Sonne geht bald unter, und ich hab keine Lust, mich wieder einmal in irgendeinem Wald zu verlaufen.« Vince sah Emily zwar nicht direkt an, ihr war jedoch klar, dass er damit auf sie und ihren nicht vorhandenen Orientierungssinn anspielte.
»Du hast recht. Lasst uns hier noch ein paar Bilder machen und morgen den Rummel suchen.«
Gemeinsam verließen sie die Schule und trennten sich dann.
Am Abend saßen alle drei um eine Campinglampe herum. Sie hatten gut gegessen, denn Dave hatte hinter einem Holzbrett, das an der Wand lehnte, einige Konserven gefunden. Sie waren zwar staubig gewesen, aber verschlossen, und der Inhalt schmeckte wunderbar.
»Habt ihr ein Anzeichen für den Jahrmarkt entdeckt?«, fragte Emily und streckte sich auf ihrem Schlafsack aus.
Dave verneinte. »Rein gar nichts. Ich hab eine Poststation gefunden und einen Sockenverkauf.« Er grinste. »Wer hat denn einen Laden nur für Socken?«
Emily sah Vince an. Seit dem Essen saß er an die Wand gelehnt da und las in dem Buch, das sie dem Toten entwendet hatte. »Vince? Hast du irgendwelche Werbeplakate gesehen?«
Er schüttelte den Kopf und las weiter.
Emily zuckte mit den Schultern und fragte sich, was sie morgen entdecken und wie der Rummel aussehen würde. In Gedanken ging sie die Bilder durch, die sie schon geschossen hatte, und grinste. Mit dem Material konnte sie gutes Geld verdienen, wenn sie die richtigen Zeitungen ansprach. Vielleicht würde ja auch eine Artikelreihe mit ihren Bildern als visuelle Untermalung dabei rausspringen.
Während sie darüber nachdachte, was sie alles mit den Fotos anfangen könnte, kam Wind auf. Kalt wehte er um die Häuser, heulte zwischen den Mauersteinen und rüttelte an den Fensterläden. Emily bekam davon nichts mit, aber Vince blickte besorgt. Auf seinem Schoß lag das Buch. Die aufgeschlagene Seite zeigte einen düster gezeichneten Wald.
08. April 1990
Olivia Palmer grinste ihr Spiegelbild in der frisch geputzten Scheibe des hölzernen Häuschens an, wienerte einen letzten Fleck weg und warf den Lappen in den Metalleimer am Fuß der Leiter. Sie betrachtete ihr Werk. Bewusst blendete sie die Geräusche um sie herum aus und konzentrierte sich nur auf das, was direkt vor ihr war.
Hässliche Fratzen, geifernde Zähne, jede Menge Blut. Ein riesiges Maul, das sich jeden einverleibte, der ihm zu nah kam. Gespenster, die ruhelos über den Köpfen der Unwissenden kreisten und dabei schrille Laute ausstießen. Rot glühende Augen beobachteten alles aus dem Hintergrund, um im richtigen Moment hervorzustoßen. Nebel kroch aus den Hautfalten, umspielte die Marionetten des Grauens und verteilte sich auf dem Boden. Grünes Licht strahlte aus unbekannten Quellen. Und über all dem thronte das Zeichen des Schreckens – weithin sichtbar und untermalt von grusligem Kichern und Windgeheul.
Olivia war zufrieden mit ihrer Arbeit. Sobald die ersten Unwissenden auf den Monstern saßen, wäre ihr Untergang gesichert. Niemand kam als die Person wieder heraus, als die sie hineinfuhr. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie an den Spaß im letzten Jahr dachte. Hunderte waren dem Ruf des Monsters gefolgt, hatten geschrien und geflucht.
»Hey Palmer! Bist du endlich fertig? Komm von deinem Thron runter, es gibt noch genug zu tun!«
»Halt die Fresse, Kurt«, entgegnete sie lachend. Mit sicheren Handgriffen klappte Olivia die Leiter zusammen, schüttete das Schmutzwasser ins Gebüsch neben dem Häuschen und stellte sich hinter Kurt, der die Geisterbahn betrachtete. »Gut schaut sie aus, oder?«
Kurt drehte sich zu ihr um, und Olivia hob den Kopf. Sie wusste, was er von Frauen in ihrem Beruf hielt, und sie würde sich diesen Moment nicht madigmachen lassen.
Nach einer Weile des schweigenden Betrachtens nickte er. »Für eine Frau hast du ganze Arbeit geleistet, das muss man dir lassen. Nur deine Spezialeffekte sind dieses Jahr gewöhnungsbedürftig. Hoffentlich meckert keiner rum.«
Irgendwo krachte es plötzlich, gefolgt von einem saftigen Fluch. Kurt lief sofort los und schüttelte den Kopf. »Wie oft hab ich Steve schon gesagt, er soll den Grill nicht alleine aufstellen?«
»Kurt, was meinst du? Warum sollten die Leute meckern?« Olivia hatte wirklich alles gegeben. Die letzten Wochen waren hart gewesen, und an Schlaf traute sie sich nicht mal, zu denken. Aber sie hatte es entgegen aller Erwartung wieder einmal geschafft!
»Ich meine den Wind, Palmer. Der ist echt kalt!«
Schon war Kurt um die Ecke verschwunden, und Olivia hörte, wie er und Steve sich anschrien.
Sie seufzte. Gegen den Wind konnte sie nun wirklich nichts machen. Manchmal verlangte Kurt echt seltsame Sachen von ihr. Letztes Jahr waren es die Hände gewesen, die angeblich die Fahrgäste während der Fahrt angefasst hatten, die sie entfernen sollte, dieses Jahr der Wind. Was käme nächstes Jahr?
Krampfhaft versucht, sich nicht unterkriegen zu lassen, betrachtete sie das Monster, aber es half nicht. Die Geräusche der Umgebung waren übermächtig und drängten sich in ihre Ohren, ohne Rücksicht darauf, dass sie unerwünscht waren.
Da waren die Clowns, die sich Kegel zuwarfen und fallen ließen, der Feuerspucker, der ausdauernd gurgelte, Steve und Kurt, die verschiedenen Musiken, mal lauter, mal leiser, mal langsam, mal schnell, das Klappern von Besteck, Tische, die über die Erde gezogen wurden, Gelächter …
Mit geschlossenen Augen lauschte Olivia der Hintergrundkulisse. Tief sog sie die Gerüche ein, die sich unter die Geräusche mischten. Kaffee, Pommes, Zuckerwatte, Waffeln, verbrannte Holzkohle, Bier … Das alles zusammen ergab einen Cocktail, der Olivia zum Taumeln brachte, sie berauschte und euphorisch stimmte.
»Beeilt euch, Leute, in fünf Minuten öffnen die Tore! Los, letzte Handgriffe! Räumt alles auf!« John hatte mit den Händen einen Trichter vor dem Mund geformt. Sein Umhang flatterte hinter ihm her, als er an Olivia vorbeirannte.
Fünf Minuten! Olivia spürte das Kribbeln in den Händen, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie begann, mit offenem Mund zu atmen.
Ruhig, Olivia!, ermahnte sie sich. Das ist nur der Anfang, es folgen lange Monate.
Ein letztes Mal drehte sie sich zu dem Monster um. Dann richtete sie lächelnd die Uniform, ordnete den Zopf, atmete tief durch, drehte sich um, breitete die Arme aus und empfing die ersten Gäste der neuen Saison.
»Kommen Sie näher, kommen Sie ran! In unserem Grenzgebiet vermischen sich Realität und Unmögliches! Wagen Sie die Fahrt mit einer Geisterbahn, wie Sie sie noch nie gesehen haben! Kommen Sie näher, trauen Sie sich!«
Und die Besucher des Rummels folgten ihrem Ruf.
16. März 2016
Marc und Sam kämpften sich durch das hüfthohe Gras an der Waldgrenze – immer hinter Josh her, der seit Stunden nur ein Thema kannte: seine Mutter. Fünfzehnjährige Jungs sollten nicht immer nur über ihre Mutter reden, fanden sie.
Es war ein Uhr mittags, Wolken zogen auf und Marc hatte Hunger. Er wollte nach Hause, sonst nichts. Dieses ewige Querfeldeinlatschen regte ihn auf, und gleichzeitig war er zu Tode gelangweilt.
»Ich sag’s euch, meine Mutter hat ’ne Macke! Die spinnt völlig. Paralleluniversum, dass ich nicht lache!« Josh trat gegen einen kleinen Baum am Rand des Waldes. »So ein Mist! Wer soll ihr das bitte glauben?« Fast schon verzweifelt drehte er sich zu seinen Kumpels um.
Sam hob einen trockenen Ast auf und schleuderte ihn weg. »Niemand, Alter.«
Marc nickte. Er war es leid, Josh zu versichern, dass niemand das Gerede seiner Mutter glaubte. Demonstrativ warf er einen Blick auf sein Smartphone. »Was genau war es denn diesmal?«, fragte er dennoch pflichtbewusst.
Josh schnaubte, drehte sich um und lief in den Wald hinein.
Marc warf Sam einen Blick zu und rief Josh hinterher: »Ähm, Alter … meinst du wirklich?«
»Los, ihr Flachzangen! Der Alten zeig ich es heute! Von der lasse ich mir nichts mehr sagen!«, drang es hinter ein paar großen Eichen hervor.
Noch einmal wechselten Marc und Sam einen Blick, bevor sie schließlich auch in den Wald liefen.
Josh hatte schon ein ganzes Stück hinter sich gebracht. Unsicher sah Marc zurück, aber die Häuser des Ortes waren nicht mehr zu sehen.
»Willst du wissen, was sie diesmal gesagt hat?«, griff Josh die Frage seines Freundes auf. »Wisst ihr was? Es ist egal, was sie gesagt hat!« Er schnaubte und stapfte schnurstracks weiter zwischen hohen Kastanien und ausladenden Eichen hindurch, an Buchen vorbei und durch stachelige Büsche. Die Bäume um sie herum wurden immer höher und das Unterholz dichter.
»Sagt mal, sollten wir nicht umdrehen?« Marc hielt sein Telefon in die Höhe, ging nach rechts und nach links. »Ich hab hier so gar keinen Empfang.«
»Jungs! Kommt mal her!«, rief Josh.
Marc war unwohl dabei, noch tiefer in den Wald zu gehen. Er hielt nicht viel von der Natur, außerdem waren ihm die Warnungen der Erwachsenen gerade nur allzu präsent.
»Geht nicht in den Wald!«
»Haltet euch vom Wald fern!«
Sobald sie auf der Welt waren, hörten alle Kinder im Ort immer wieder diese Worte.
Sie fanden Josh vor einer Wand aus Efeu – halb verborgen hinter hohen Bäumen.
»Toll, Grünzeug«, sagte Sam und drehte sich wieder um.
»Wartet! Seht euch das an!« Josh griff in den Efeu hinein, schob ihn beiseite und eine Tür aus Holz kam zum Vorschein.
»Toll. Eine Tür hinter Grünzeug.« Sam steckte die Hände in die Hosentaschen, offensichtlich nicht gewillt, einer alten Tür etwas Gutes abzugewinnen.
»Was ist wohl dahinter?« Marc konnte sich der Aufregung, die Josh versprühte, nicht länger entziehen. Wenn sie schon mal hier waren, wollte er mehr sehen als nur Bäume. Und was hatte eine Tür mitten in einem Wald verloren?
»Finden wir es heraus.« Josh grinste und begann an der Tür zu ziehen.
Marc sah sich sprachlos um. Was hatte dieser Ort mitten im Wald verloren? Warum wurde das hier versteckt? Schließlich führte die Mauer, die sie gefunden hatten, um den ganzen Platz herum. Der Efeu hatte sie komplett überwuchert, und Bäume hatten die Steine an einigen Stellen verdrängt.
Zwischen halbhohen Birken, Moos und verwilderten Grasflächen erhob sich ein verlassener Rummelplatz mit all seinen Attraktionen.
»Wo sind wir hier gelandet?«, fragte Josh.
»Auf einem Jahrmarkt«, sagte Marc und grinste ihn an.
Die drei bestaunten den Autoskooter. Die kleinen Fahrzeuge standen auf der Fläche verteilt. Verstaubt und verblasst schienen sie auf Gäste zu warten. In den Gondeln des umgestürzten Riesenrads sammelten sich Äste und trockenes Laub. Rost überzog das Gestell. Die Glühlampen waren zersprungen. In dem Kinderkarussell stand nur noch ein Pferd mit Festhaltestange, die restlichen fehlten. In einem offenen Kiosk fanden sie verblichene Flyer, alte Schokoriegel und aufgerissene Chipstüten. Wahrscheinlich versteckten sich zwischen den halb verfallenen Tischen und Stühlen, den zugewucherten Fahrgeschäften und dem umherliegenden Müll so einige Tiere des Waldes. Marc tippte auf Schlangen, Marder, Füchse und … Ratten? Er hoffte, dass sie auf keines dieser Viecher stoßen würden.
Sie standen auf einem kreisförmigen, kleinen Platz. Um sie herum waren mehrere Holzhäuschen, in denen allem Anschein nach Essen und Getränke verkauft worden waren. Dazwischen führten Wege zu den Attraktionen.
Die Wolken am Himmel wurden dunkler. Kühler Wind wehte ihnen entgegen, als sie das Beste entdeckten, was Jungs in ihrem Alter auf einem Rummel aufspüren konnten: die Geisterbahn!
Sam und Josh rannten die letzten Meter, während Marc den Eingang auf sich wirken ließ. Fünf Monster-Wagen warteten vor einem geschlossenen Tor, auf das ein riesiges, blutiges Maul gemalt war. Geister schwirrten um den Schriftzug, rote Augen glänzten unheilvoll dahinter hervor, während das letzte Sonnenlicht von den Wolken verschluckt wurde. Stilisiertes Blut tropfte von den Klauen, die über den Eingang ragten. Das Kassenhäuschen war komplett eingefallen und von Pflanzen überwuchert.
»Grenzgebiet«, las Marc vor. Er sah sich um, als kalter Wind ihn streifte und frösteln ließ.
Die anderen beiden kletterten schon über die Wagen. Sam stellte sich breitbeinig auf den ersten und streckte die Hände in die Höhe. »Ich habe das Monster bezwungen!«
Die Jungs lachten.
Sie lachten noch immer, als Sam den Halt verlor und rückwärts gegen das Tor fiel. Ganz langsam gaben die Türen nach, und das aufgemalte Maul schien ihn zu verschlucken.
Im Wald schrie ein Milan. Der Himmel wurde noch dunkler. Eine alte Zeitung wurde vom Wind an der Geisterbahn vorbeigeweht und verfing sich in einem kahlen Busch, während das Maul sich wieder schloss, als wäre nichts passiert.
»Scheiße! Sam?« Marc und Josh rannten auf das Tor zu und drückten dagegen. Nur mit einer ordentlichen Portion Anstrengung in Verbindung mit ein paar saftigen Flüchen schafften sie es, die Türen aufzustemmen. Dann standen sie im Inneren des Monsters.
Das Letzte, das Marc sah, bevor sich die Türen leise und fließend wieder schlossen, waren die dunklen Wolken, die am Himmel entlangzogen.
17. März 2016
Anna Bishop ließ sich auf ihren Bürostuhl fallen und legte die Füße samt Schuhen auf dem Schreibtisch ab. Ein paar Kratzer mehr würden auch nicht schaden. Wahrscheinlich würde es nicht einmal was ausmachen, wenn sie die pissgelben Wände mit schwarzer Farbe anpinselte, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Eine dicke Spinne hatte die rechte, obere Ecke – genau Anna gegenüber – beschlagnahmt und wartete geduldig, dass sich etwas in ihrem beachtlichen Netz verfing.
Leises Klopfen riss sie aus ihrer Überlegung, ob es gut gewesen war, zurückzukommen.
»Hast du dich umgesehen?« David Perks, ihr Kollege, lächelte sie offen und freundlich an. Ihm konnte sie ihre Unentschlossenheit nicht vorwerfen. Seit ihrem Eintreffen vor sieben Tagen überschlug er sich förmlich, um Anna ihre Heimatstadt wieder näherzubringen. Alles nicht so schlimm, zählte dabei zu seinen Lieblingsfloskeln.
»Japp, die Spinne da in der Ecke ist nun meine beste Freundin«, entgegnete sie und deutete in die besagte Richtung.
Davids Blick folgte ihrem Finger. »Hm, nun ja … ich könnte …«
»Lass gut sein. Wolltest du etwas?« Anna setzte sich richtig an den Schreibtisch, schob ein paar leere Blätter von rechts nach links und griff sich einen Stift.
»Ja, dich holen. Wir haben einen Einsatz.« Während er sich umdrehte, rief David über die Schulter: »Und wir schreiben unsere Berichte mit Kugelschreiber, nicht mit abgebrochenen Buntstiften.«
Anna pfefferte das unnütze Stück Holz in die nächste Ecke und folgte ihrem Partner in die Weiten des alten, neuen Kleinstadtlebens.
Der Ort, in dem Anna nun wieder wohnte, sah von oben aus wie ein Viertel einer Torte. An der Spitze stand eine übermäßig große Kirche, etwas erhöht im Vergleich zum Rest. Vor dieser fächerte sich die kleine Stadt auf, ihre Ausläufer waren zumeist Bauernhöfe mit großen Feldern oder Wiesen im Rücken. Dahinter kam der Wald. Es gab eine Hauptstraße, die das Tortenstück teilte. Es war der einzige Weg in den Ort und wieder heraus.
Anna und David liefen eine Straße entlang, die parallel zur Hauptstraße verlief. Hier befanden sich nur Wohnhäuser, keine Läden.
Noch war die Zeit nicht gewesen, sich die Einkaufsmöglichkeiten genauer anzusehen, Anna hatte jedoch einen kleinen Laden für Socken entdeckt. Socken! Dieser hatte ihr alles gesagt, was sie wissen musste. Sie hatte erwartet, dass sich in den Jahren ihrer Abwesenheit das Leben hier weiterentwickelt hätte, aber weit gefehlt. Ein Hoch auf eine funktionierende Internetleitung!
»Also, um was geht’s«, fragte sie, um sich von den sauberen Straßen und akkuraten Rasenkanten abzulenken.
»Wen, nicht was. Josh Lennert. Wohnt mit seiner Mutter Katha schon immer hier. Josh ist nicht ganz ohne. Seine Mutter hat ihn heute Morgen als vermisst gemeldet, und das will schon was heißen.«
»Ein Ausreißer?« Der Name Lennert sagte Anna gar nichts.
David schüttelte den Kopf, während er gleichzeitig versuchte, zu nicken. »Josh ist ohne Vater aufgewachsen, war schon immer ein bisschen rebellisch, aber er hat es nie übertrieben. Alles nicht so schlimm. Rauchen hinter der Sporthalle, Unterricht schwänzen … Das Schlimmste bisher war, dass er das Auto seiner Mutter genommen hat, um ein Mädchen zu beeindrucken. Er ist vorlaut, aber nicht dumm.«
»Alles nicht so schlimm«, murmelte Anna und machte sich Notizen. »Warum könnte er weggelaufen sein?«
»Ich hab keine Ahnung.« David zuckte mit den Schultern.
Na, mir würden da ein paar Gründe einfallen, dachte Anna und betrachtete die zwei älteren Personen, die ihnen mit jeweils einer Zeitung unter einem Arm schnellen Schrittes entgegenkamen. Sie hatten die Köpfe gesenkt und trugen die gleichen Windjacken, sogar die Schuhe ähnelten sich.
»Guten Morgen, Ricarda. Jon«, sprach David sie an, worauf sie sich einen Blick zuwarfen und dann fast schon widerwillig stehen blieben.
»David. Anna Bishop. Schöner Tag heute, oder?«, sagte Jon.
Anna nickte und lächelte.
»Anna, das sind Ricarda und Jon Frost. Mittlerweile Inhaber und Herausgeber der Gazette, der örtlichen Zeitung.«
»Aber nur nebenher. Uns gehört das Sockengeschäft. Wenn Sie mal neue Socken brauchen, kommen Sie vorbei.« Jon Frost ergriff ihre Hand und redete auf Anna ein. Er schien ehrlich begeistert über die Möglichkeit, Socken zu verkaufen.
»Ähm, gerne!«
Jon hielt noch immer ihre Hand fest.
»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, bei uns passiert nie etwas. Und wenn eine Frau die hiesige Polizei unterstützt, wird das auch so bleiben.« Ricarda nahm ihre andere Hand. Anna begann sich unwohl zu fühlen. Zwei Paar graue Augen sahen ihr, ohne zu blinzeln, ins Gesicht, musterten sie genau. Das Ehepaar hatte einen stechend-wissenden Blick, der ihr eine Gänsehaut bescherte.
Ehepaar Frost … Dunkel erinnerte Anna sich an sie. Wahrscheinlich war sie noch zu klein gewesen, als sie mit ihrer Mutter hier wegging, um sich an alle alteingesessenen Bewohner zu erinnern.
»Ja, klar. Weiß ich doch. Bin ja auch von hier.« Anna wand sich aus ihren Griffen. »Ich denke, wir müssen los.« Sie ging an den beiden vorbei, und David folgte ihr. Nach ein paar Metern drehte sie sich noch einmal um.
Das Ehepaar stand noch immer an Ort und Stelle und sah ihnen nach.
»Was war das?«
David lachte. »Die sind harmlos. Vielleicht ein bisschen eigenbrötlerisch und nervtötend neugierig, aber vollkommen harmlos. Kennst du sie noch von früher?«
»Ich weiß noch nicht so ganz, wo ich sie einordnen soll.« Anna konnte das Gefühl, beobachtet zu werden, einfach nicht abschütteln. Das Ehepaar Frost war seltsam, und sie hoffte, nichts mehr mit ihnen zu tun haben zu müssen.
Glücklicherweise bogen sie an der nächsten Kreuzung ab und hielten direkt auf ein zweistöckiges Haus mit weißer Außenfassade und vollgepflanzten Blumenkästen zu. Der Garten war frei von Unkraut, und höchstwahrscheinlich hatten die Grashalme alle die gleiche Länge.
»Katha?« David stieg die drei Stufen zur vorderseitigen Terrasse hoch und klopfte an den Türrahmen. Zwar stand die Tür offen, aber es war still im Haus sowie darum herum.
Anna konnte kaum etwas im Inneren erkennen. Das war eigenartig, schließlich schien die Sonne und die Fenster waren offen.
»Katha? Ich bin’s, David! Können wir reinkommen?«, rief er etwas lauter, als keine Antwort kam.
Geräusche erklangen plötzlich von innen. Anna trat einen Schritt zurück und blieb am Ende der Treppe stehen. Es knallte, worauf ein Stöhnen folgte. Dann erschien Frau Lennert in der Tür.
Die Augen waren schwarz wie die Farbe, die Anna an die Wände schmieren wollte. Kathas Haarknoten hatte sich gelöst, und einige Strähnen hingen ihr ins Gesicht. Immer wieder sah sie auf ihr Telefon, drehte sich um, tippte etwas und schüttelte den Kopf. »Kein Empfang. Ich kriege einfach keinen Empfang.« Sie sah David an. »Keinen scheiß Empfang!«, schrie sie und knallte die Tür zu.
Ein kalter Hauch ließ Anna zittern. Am Himmel war keine Wolke zu sehen, die Sonne strahlte noch immer. Sie blickte in Richtung Wald und sah, wie der Wind die Bäume bog, als würde eine riesige Hand über die Wipfel streichen.
Irgendwo im Nirgendwo
Keuchend warfen sich die Jungs hinter einen halb in der Erde versunkenen Bus. Das rostige Gestell trotzte dem Wetter und wurde von einigen kleinen Pflanzen überwuchert. Der Innenraum war kaum noch als solcher zu erkennen.
»Ist es noch da?« Marc spähte durch die zum Teil nicht mehr vorhandenen Scheiben. Zwischen den weit auseinander stehenden Bäumen konnte er nichts Ungewöhnliches erkennen. Mit dem Rücken lehnte Marc sich an das Metall. Sein Herzschlag dröhnte in den Ohren, und das Schlucken bereitete ihm Schmerzen. Tief ein- und ausatmend schloss er für einige Sekunden die Augen, länger traute er sich nicht, die Umgebung unbeobachtet zu lassen.
Josh klopfte auf seine Armbanduhr. »Das kann nicht sein«, murmelte er und klopfte wieder drauf.
»Was tust du da?« Die Anspannung war Sam ins Gesicht geschrieben. Sein Blick huschte unentwegt von rechts nach links. »Wir sollten weiter!«
Marc wusste, dass Sam recht hatte, aber sein Körper weigerte sich, auch nur einen Schritt zu gehen. Wer weiß, was ihnen noch begegnen würde? Sollten sie nicht einfach hier sitzen bleiben? Sie waren stundenlang durch einen Wald geirrt und hockten jetzt in dieser Einöde.
»Da! Seht ihr das?« Sam zeigte in die entgegengesetzte Richtung, aus der sie gekommen waren. »Sind das Häuser?«
»Ich denke schon.« Josh kniff die Augen zusammen und schirmte sie mit der Hand ab.
»Lasst uns hierbleiben. Wir verkriechen uns in dem Bus«, sagte Marc leise.
Sam und Josh drehten sich ihm zeitgleich zu. Sam hatte eine blutige Schramme im Gesicht. Joshs Shirt hing in Fetzen an ihm herab. Marc fühlte sich genauso erledigt, wie seine Kumpels aussahen. Zweifel und Unsicherheit schlugen ihm entgegen. Keiner der drei wusste, was er machen sollte.
Hinter ihnen krachte etwas, und ein tierischer Schrei erklang. Dem kurzen Austausch panischer Blicke folgte ein ruckartiger Aufbruch. Gleichzeitig stürzten die Jungs los und rannten auf die Häuser zu, die sich beim Näherkommen als Ruinen offenbarten. Diese Überreste würden ihnen kaum Schutz bieten können.
Sie flohen ins erste Haus, dessen Tür offen war, stürmten in das nächstbeste Zimmer und pressten sich gegen eine Wand – darum bemüht, keinerlei Geräusche zu machen.
Draußen war es still. Der Wind blies die zerrissenen Gardinen in das Innere des Zimmers. Es war das Fenster, das zur Straße führte.
Erst nach einer Weile beruhigte sich Marcs Herz so weit, dass er sich umsehen konnte.
Sie standen in einem Wohnzimmer. An der Wand gegenüber lagen ein paar Bretter. Anscheinend hatten sie einst zu einer Anbauwand gehört. Unter dem Fenster stand ein Sofa, dessen Innenleben herausgerissen wurde. Rechts von Marc führte eine weitere offene Tür in das Schlafzimmer. Das große Bett mitten im Raum war voll braunschwarzem Zeug. Eine Ratte huschte über die Bettdecke und verschwand aus seinem Blickfeld. Marc runzelte die Stirn und trat einen Schritt näher an den Nachbarraum.
»Lass das!«, fuhr Sam ihn an. »Wer weiß, was hier auf uns lauert!«
Josh spähte durch die Gardinen nach draußen. »Alles ruhig. Jetzt jedenfalls. Habt ihr gesehen, wo es hin ist?«
»Denkst du, ich hatte Zeit, dieses Ding danach zu fragen?« Sam lief rot an und ballte die Hände zu Fäusten.
Marc schüttelte den Kopf und wandte sich den Bildern zu, die neben der Tür zum Schlafzimmer hingen. Er verstand nicht, wie seine Freunde jetzt streiten konnten.
Die Bilder waren kaum noch als solche zu erkennen. Ganz schwach sah er die Umrisse von Menschen und von einem Haus. Das Glas war gesprungen, aber der Rahmen war noch intakt. Wieder runzelte Marc die Stirn und beugte sich näher heran.
»Hast du nichts Besseres zu tun als Sightseeing?« Sam packte ihn an der Schulter und drehte ihn um.
In diesem Moment sprang ein dunkler Schatten durch das Fenster und verbiss sich in Joshs Arm.
»Helft mir!« Schreiend kämpfte der und trat um sich, während er durch die Tür nach draußen gezerrt wurde.
Sam und Marc rannten, ohne nachzudenken, hinterher. Vor dem Haus trennten sie sich. Marc sprintete um das Gebäude herum, sprang dabei über einen alten Reifen und hechtete an zerstörten Mülltonnen vorbei. Dann hetzte er Sam hinterher, der die Straße entlang in den Ort hinein lief. Auf einer Kreuzung hielten sie an. Joshs Schreie waren verstummt.
»Weg! Er ist weg! Wo ist dieses Ding mit Josh, verdammt noch mal, hin?«, fragte Sam atemlos.
Sie drehten sich im Kreis, doch überall bot sich ihnen das gleiche Bild: eingefallene Häuser, mit verlassenen Autos zugeparkte Straßen und Unkraut, das sich durch die Ritzen im aufgeplatzten Teer seinen Weg bahnte. Über all dem herrschte Stille. Kein Vogel war zu hören, nicht einmal der Wind wagte es, ein Geräusch zu verursachen.
Marc stellten sich die Härchen an den Armen auf. Sam schluckte hörbar. Ganz langsam, Rücken an Rücken, drehten sie sich, um die Kreuzung im Blick zu behalten. Die Straßen wirkten verlassen, aber Marc war sich sicher, dass sie hier nicht allein waren.
»Der Laden! Siehst du ihn?«, flüsterte Sam.
Marc nickte. Er wusste, was Sam plante.
Die Fenster des Ladens waren zugenagelt, aber die Tür stand einen Spalt auf. Das Schild über dem Eingang war zerstört und die rechte Seite des Hauses nicht mehr existent. Nichtsdestotrotz schien es dort sicherer zu sein als hier mitten auf einer Kreuzung, für alles und jeden sichtbar.
»Drei«, fing Sam an.
»Zwei«, flüsterte Marc.
»Eins!«
Beide rannten los.
Marc stolperte über einen Fahrradreifen, der auf der Straße lag, fing sich aber gerade rechtzeitig, um nicht zu stürzen.
Als sie im Laden waren, schlugen sie die Tür zu und lauschten. Außer dem eigenen unregelmäßigen Keuchen war weder auf der Straße noch im Geschäft etwas zu hören.
Nur langsam gewöhnten sich Marcs Augen an die schummrige Umgebung, während draußen die Vögel wieder anfingen, ihre Lieder zu singen.
»Alter Schwede.« Sam drückte sich gegen die Tür und rutschte daran hinunter. Sein Kopf landete auf den Knien. Er seufzte, dann erbrach er sich.
Der Innenraum des Ladens kam Marc seltsam vertraut vor, obwohl auf den Regalen zentimeterdick Staub und Schmutz lagen. Zwei Regale hatten sich verkeilt und bildeten zusammen mit dem Tresen eine kleine Höhle.
Aufgedreht durch das Adrenalin begannen seine Füße, sich selbstständig zu machen. Hinsetzen kam nicht infrage. Den Blick auf den Boden geheftet tat er einige Schritte. Unrat, Tierknochen und jede Menge alter Müll verteilten sich großzügig bis in jede Ecke. Als er den Blick wieder hob, sah er direkt in die Mündung eines silbrig glänzenden Revolvers.
»Noch einen Schritt und ich ballere dir das Hirn aus deinem scheiß Schädel!«
16. Mai 1990
Mit einem Aufschrei trat Olivia gegen das Kassenhäuschen. Ein paar Besucher warfen ihr irritierte Blicke zu, die meisten jedoch ignorierten sie und eilten lachend von einem Stand zum nächsten. Steve’s Pommes lief gut, und auch der Schießstand konnte sich nicht über mangelndes Interesse beschweren. Nur die Grenzgebiet stand still. Die Monster-Wagen wirkten, als wollten sie Olivia auslachen.
»Wirf sie noch mal an!« Kurt wischte sich die öligen Finger an einem Tuch ab und nickte Olivia zu. Kurz schloss sie die Augen und schickte ein Stoßgebet an den heiligen Georg, Schutzpatron des fahrenden Volkes, bevor sie mit Wucht auf den Start-Knopf schlug.
Der Schriftzug flackerte, Rauch quoll aus den Nasenlöchern des Monsters. Die Grenzgebiet erwachte störrisch zu neuem Leben.
»Ha! Sieht doch gut aus!«
Skeptisch wackelte Olivia mit dem Kopf. Freude wollte sie erst zulassen, wenn die Wagen mindestens zwei Runden ohne Probleme gefahren waren. Mit bebenden Fingern legte sie den Hebel um. Die kleinen Monster erzitterten. Das erste ruckelte wie vor Aufregung.
Kurt fuhr sich durch die Haare. »Komm schon!«
Aus dem Inneren ertönte ein Kichern.
Olivia begann, durch den Mund zu atmen. Unbewusst beugte sie sich weiter vor. Das Eingangstor wackelte. Es sah aus, als wollte das aufgemalte Maul alle verschlingen.
Hinter Olivia rumpelte es. Sie schrak zusammen und drehte sich um. Ein Mann mittleren Alters lag auf dem Boden und wedelte unkoordiniert mit den Armen.
Verdammt! Sie hasste diese Menschen, die kein Ende am Bierstand fanden und dann betrunken umfielen oder randalierten. Ein anderer Mann, der selbst nicht mehr ganz nüchtern aussah, half dem am Boden liegenden Kerl hoch, dann wankten sie weiter.
Olivia schüttelte den Kopf und wandte sich wieder um. Sie sah gerade noch, wie der Schriftzug flackerte, dann ging alles wieder aus. Frustriert ließ sie den Kopf hängen.
»Verdammte Kacke!« Kurt schmiss den Lappen auf den Boden. »Was stimmt denn mit dem Scheißding nicht?«
»Schienen?«, fragte Olivia.
»Alle gecheckt. Startkonsole?«
»Überprüft. Generator?«
Kurt zündete sich eine Zigarette an. »Kontrolliert. Stromverbindungen?«
»Fünfmal überprüft – genau wie alles andere auch!«, beendete Olivia den Dialog.
Es war zum Kotzen! Im Kopf ging sie alle technischen Daten durch, dachte noch mal an jedes Kabel und jede Verbindung, an alle Lämpchen und Lautsprecher, Nebelmaschinen und automatische Gelenkverbindungen. Nichts. Da war rein gar nichts, was kaputt sein könnte.
Olivia rieb sich fröstelnd über die Arme. Es war, als wollte der Wind sich ihrer Laune anpassen, so kalt, wie er plötzlich um sie herumstrich. Sie wandte sich Richtung Geisterbahn-Eingang.
»Was machst du?«, rief Kurt ihr hinterher.
Vor dem Tor blieb Olivia stehen und drehte sich zu ihm um. »Ich gehe die Schienen ab und checke noch mal alles. Was soll ich denn sonst machen?«
Über dem Autoskooter stieg ein roter Luftballon hoch. Sie sah ihm nach, bis er sich in einem Baum verfing.
»Denk mal über eine Alternative nach.«
Olivia sah Kurt in die Augen, nickte widerwillig und verschwand hinter dem geifernden Maul der Grenzgebiet.
18. März 2016
Anna war sich sicher, dass sie hier und jetzt, auf diese Art und Weise, nicht weiterkommen würden. Sie seufzte lautlos und verließ das offensichtlich harmlose und unaufgeräumte Zimmer eines vollkommen normalen Jungen.
Das Haus von Familie King sah von innen genauso ordentlich und normal aus wie alle anderen Häuser, und es fiel ihr immer schwerer, Gründe zu finden, warum drei Jungs von hier abhauen sollten. Jungs, die alles von ihren Eltern bekamen, die gute Noten hatten und Drogen nur in Wortform kannten. An die Großeltern von Frau King konnte sie sich erinnern – anständige Leute, die viel ehrenamtlich für den Ort getan hatten.
Anna warf einen letzten Blick auf die gerahmten Bilder im Wohnzimmer, bevor sie sich auf die Suche nach David machte.
»Und? Was gefunden?« Sie stellten sich etwas abseits auf die Straße. Um das Haus herum wuselten nicht nur Polizeibeamte, sondern auch besorgte Mitbürger. Es geschah nicht jeden Tag, dass drei Menschen verschwanden, und jeder hatte seine eigene Theorie dazu.
David schüttelte den Kopf. Mit in Falten gelegter Stirn beobachtete er das Treiben. »Nein. Nichts. Alle Mütter beteuern, dass ihre Kinder nie weglaufen würden. Keiner hat was bemerkt. Die Jungs selbst hatten das wohl auch nicht geplant, wenn man ihren Freunden glauben darf.« Frustriert fuhr er sich durch die Haare. Anscheinend hatte er das in den letzten vier Stunden öfter gemacht, denn sie standen wild vom Kopf ab. »Irgendetwas übersehen wir, Anna!«
»Die Zimmer sehen alle normal aus. Es fehlen keine Sachen, und es gibt keine Abschiedsbriefe.«
»Katha hat mich vorhin übrigens reingelassen. Sie ist etwas verwirrt. Ich hab ihr psychologische Unterstützung dagelassen, aber sonst war dort auch alles normal.« David stockte. Ganz kurz glaubte Anna, so etwas wie Scham über sein Gesicht huschen zu sehen, bevor er sich wieder straffte.
Anna besah sich ihre Notizen und stimmte David zu. Es war alles zum Erbrechen normal. Nicht der kleinste Hinweis deutete darauf hin, dass die Jungs das geplant haben könnten.
Marc King und Sam Rocker wohnten nebeneinander, nur Josh Lennert wohnte am Stadtrand. Das war die einzige Auffälligkeit. Aber Anna war sich sicher, dass das nichts zu bedeuten hatte.
Es ärgerte sie ein bisschen, dass David mehr Informationen von den Leuten bekam als sie. Das schien jedoch die Strafe dafür zu sein, weil ihre Mutter sie als Kind von hier weggeschleppt hatte. Anna war erst zurückgekommen, nachdem ihre Mutter gestorben war. Zwar hatte sie ihr versprechen müssen, diesen Ort nie zu besuchen, aber irgendetwas hatte Anna hierher getrieben.
Hinter ihnen räusperte sich jemand. »Perks, der Suchtrupp ist zurück.«
»Danke«, sagte David und nickte Gray, dem Besitzer des Drugstores, zu. »Fragen wir mal nach, ob die was gefunden haben.«
»Du scheinst nicht überzeugt davon?«, fragte Anna, als sie sich einen Weg durch die Menschen und Autos vor den Häusern bahnten.
David zuckte mit den Schultern und Anna sah, wie ihr Partner einen schnellen Blick in Richtung Wald warf. »Hier verschwindet niemand einfach so.«
Irgendetwas in seiner Stimmlage ließ Anna stutzen. Bevor sie nachfragen konnte, standen sie vor einem wirklich beeindruckenden Exemplar von einem Mann.
»Anna, das ist Peter Abrahams, unser Tierarzt. Peter, das ist Anna, meine neue Partnerin.«
Peter zog eine Augenbraue hoch, kommentierte die Vorstellung jedoch nur mit einem Nicken.
»Was habt ihr gefunden?«, fragte David.
»Nichts. Die Felder sind abgesucht. Gerry fährt den Highway rüber nach Holly Hills ab. Bis jetzt hat er auch nichts entdeckt. … Schreiben Sie mit?«
Anna blickte von ihrem Notizblock auf. »Waren Sie im Wald?«, fragte sie und hielt dem Blick des Tierarztes stand. Hätte sie weggesehen, wäre ihr entgangen, dass er kurz die Zähne zusammenbiss und seine Augen sich weiteten. Nur für einen Augenblick, aber es reichte, um zu wissen, dass sie nicht lockerlassen durfte. »Der Wald! Waren Sie dort?«, wiederholte sie die Frage – langsamer und jedes Wort betonend. Irgendetwas an diesem Tierarzt mochte Anna nicht, und sie würde auch keinen Hehl daraus machen. Unfreundlich, arrogant und herablassend, das war Peter Abrahams in den genau zwei Minuten ihres Kennenlernens gewesen. Es war ihm natürlich nicht bewusst, aber wenn sich jemand Anna gegenüber so verhielt, machte sie das nur noch neugieriger. Der Tierarzt wusste etwas, da war sie sich sicher.
»Ich hab Sie verstanden. Sehr gut sogar. Bleibt einem ja fast nix anderes übrig.« Er drehte sich kurz um und lachte mit ein paar Männern.
Anna spürte, wie ihr Wutbarometer anstieg. Was bildete sich dieser Arsch eigentlich ein? »Hören Sie mal. Das war eine berechtigte Frage. Schließlich gehen die Felder in einen nicht allzu kleinen Wald über. Ich denke, dass wir diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen dürfen!« Nach Bestätigung suchend, drehte sich Olivia zu David um. Dieser sah ganz knapp an ihrem Kopf vorbei. Er kräuselte die Lippen und nickte schwach.
»Vielleicht sollten Sie einfach den Mund halten und die Dinge jemanden regeln lassen, der sich hier auskennt, der wirklich von hier ist. Platzieren Sie Ihren hübschen Hintern hinter dem Schreibtisch und machen Sie, was man eben an einem Schreibtisch so macht, Puppe.« Dann wandte er sich David zu, winkte die anderen Männer herbei und schloss Anna so aus der Runde aus. Während er mit den Armen in die Richtung der Felder zeigte, erklärte er David, wer wo gesucht hatte, bevor sich einige Männer aus der Gruppe lösten, in ihre Autos stiegen und davonfuhren.
Nicht mit mir!, dachte Anna, packte den Tierarzt am Arm und zog ihn zu sich herum. »Passen Sie mal auf, Sie arroganter, aufgeblasener Möchtegern-Held. Mag ja sein, dass Sie hier noch nie was von ›Verschollen im Wald‹ gehört haben, aber in der großen, weiten Welt, in der echten Welt, passiert so etwas.« Sie stellte sich vor David und fing mit erhobenem Kopf Peters Blick ein. »Wenn Sie nicht eine Sekunde auch nur in Erwägung ziehen, den Wald in Ihre Suchaktionen einzuplanen, dann muss ich davon ausgehen, dass Sie mehr wissen, als Sie uns sagen. Das macht Sie zu einem Verdächtigen. Soll ich Sie in Handschellen abführen oder kommen Sie so mit?« Fragend hob sie eine Augenbraue, als die Runde schwieg. Die restlichen fünf Männer, David und der Tierarzt starrten sie an.
»Sie wissen überhaupt nicht, wovon Sie da reden!« Peters Stimme war ein heiseres Flüstern, das die Boshaftigkeit hinter den harmlosen Worten nur schwer verschleiern konnte.
Bevor Anna antworten konnte, hörten sie die Schreie.
David schlug die Tür des Krankenwagens zu, während Anna sich umwandte und den Männern auf dem Dach zusah. »Katha kommt erst mal ins Krankenhaus. Aus ihr kommen keine sinnvollen Sätze mehr raus.«
»Wie, um Himmels willen, kommt die Leiche von Josh Lennert auf das Dach der Gazette?« Anna wollte keine Erklärung einfallen.
Endlich hatten die Männer der Feuerwehr Josh erreicht. Er hing seltsam verdreht zwischen Schornstein und Antenne. Selbst von der Straße aus konnten alle erkennen, dass er tot war. Seine Kleidung war zerfetzt, und ihm fehlte neben dem rechten Arm auch das halbe Gesicht. Als die Leiche auf der Bahre lag, offenbarte sich zudem, das Josh am ganzen Körper Bisspuren hatte.
»Was ist mit dir passiert, Junge?«, murmelte Anna und nickte dem Gerichtsmediziner zu, damit Josh abtransportiert werden konnte.
Dieser Fall wurde immer abstruser. Verschwundene Jungen, eine Leiche auf dem Dach der örtlichen Zeitung und sehr seltsames Verhalten der Bewohner – allen voran von diesem nervigen Tierarzt.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, tauchte er neben ihr auf. »Ich rate Ihnen, sich die fixe Idee mit dem Wald aus dem Kopf zu schlagen.« Er beugte sich etwas vor. »Wir haben alles abgesucht, und im Wald ist rein gar nichts.«
»Wie weit waren Sie im Wald?« Unbeeindruckt zückte Anna ihr Notizbuch.
»Weit genug.« Er richtete sich abrupt wieder auf. »An manche Infos kommt man nicht, egal wie weit man geht.« Dann verschwand er in der Menge der besorgten Bürger.
Irgendwo im Nirgendwo
Marc rannte. Seine Schuhe trafen hart auf den gesprungenen Teer. Kleine Steinchen flogen zur Seite.
Nur nicht stehen bleiben! Das war das Einzige, was bewusst durch seinen Kopf schwirrte. Rechts, geradeaus, links. Das Gebäude am Ende der Straße war das primäre Ziel, wie diese äußerst seltsame Frau es genannt hatte. Er sprang über ein großes Stück Hauswand, das mitten auf der Straße lag. Die Sonne blendete ihn. Marc blinzelte und rannte, ohne langsamer zu werden, durch die halb offene Doppeltür. Sofort kniete er sich hinter einen umgefallenen Schrank, behielt aber die Straße im Auge. Der komplette Häuserblock war eingestürzt. Nur Trümmer waren übrig, überwuchert von knorrigen Bäumen, Brombeerranken und jeder Menge Gras. Verkohltes Holz war zu sehen sowie hier und da ein Stück verbogenes Metall. Marc fühlte sich wie in einem dieser Endzeitfilme, die er gerne sah.
Hinter ihm fiel Sam durch die Tür, rollte sich ab und kam hockend an der Wand hinter dem Schrank zur Ruhe.
Marc hörte nur Sams Keuchen, sonst blieb alles still. Die Jungen sahen sich an, nickten und schlichen in die Düsternis des Gebäudes.
»Alter, hier ist rein gar nichts!« Sam schnaufte und drückte die Tür, vor der sie nun standen, noch einen Zentimeter weiter auf.
»Hier muss was sein!« Wenn nicht, hatte die Frau sie in ein leeres Haus zur Nahrungssuche geschickt.
Vorräte! Marc bezweifelte, dass in dieser scheiß Endzeitversion der Welt noch irgendwas Essbares zu finden war. Wenn er aber jetzt nicht mehr an den Wahrheitsgehalt der Aussage glaubte und am einzigen menschlichen Wesen zweifelte, das sie bis jetzt getroffen hatten, würde er vollends wahnsinnig werden. Deswegen musste irgendetwas hinter dieser Tür sein!
In dem Kellerraum befand sich rein gar nichts. Sam leuchtete mit der Taschenlampe, die er von der Frau bekommen hatte, alles ab. Sie fanden aber nicht mal leere Regale, weil es gar keine Regale gab.
»Verdammte Drecksscheiße!« Die Lampe flog an die Wand und zerschellte. Augenblicklich wurde es dunkel.
Marc drehte sich um, stürmte nach oben und blieb schwer atmend vor der Doppeltür stehen. Ganz kurz hatte ihn die Angst vor der Dunkelheit überwältigt.
So viel Verstand, nicht hinauszurennen, hatte er aber noch, denn ihm war eingefallen, dass er hier auch Angst im Hellen haben musste.
Blut rauschte in seinen Ohren, außer einem hohen Pfeifton hörte Marc aber nichts. Sein Brustkorb bebte. Unbewusst ballte er die Hände zu Fäusten. Er entspannte sie erst, als sich die Fingernägel schmerzhaft in seine Handflächen bohrten.
»Ihr macht Lärm für zwanzig, nicht für zwei.«
Marc fuhr herum. Die Frau, von der sie noch immer nicht den Namen wussten, lehnte hinter ihm an einer Wand. Das Tuch, welches sonst ihr Gesicht verdeckte, hing um den Hals. Dreck verklebte die Haare, und auf der Hose waren Flecken, von denen Marc sich sicher war, dass sie von Blut stammen mussten. Die Arme vor der Brust verschränkt, sah sie ihn mit zusammengekniffenen Augen unverwandt an.
Hinter ihr hing eine übergroße Pinnwand. Der Kork war aufgequollen und schimmelig. Die Zettel, die dort hingen, waren verblichen, aber in Marc riefen sie eine Erinnerung wach. Etwas regte sich in seinem Gedächtnis, ein Bild baute sich auf. »Das ist …«
Sam kam um die Ecke gestürmt, erblickte die Frau und ballte die Hände zu Fäusten. »Hier ist rein gar nichts! Sie haben uns verarscht! Was für ein Spiel spielen Sie eigentlich? Wer, verdammt, sind Sie? Und wo sind wir?«
Die Frau lächelte herablassend. »Du willst wissen, wo wir sind?« Sie zog etwas hinter ihrem Rücken hervor und warf es Sam vor die Füße.
Die Augen auf Joshs blutigen Schuh gerichtet, hörte er, wie sie sagte: »Wir sind in der Hölle …«
Vor dem Gebäude krachte es. Sam reagierte nicht darauf. Er sah nur den Schuh. Tränen tropften auf seine Sneakers, während er auf seine Knie sank.
»Ruhe jetzt!« Die Frau erreichte mit drei großen Schritten die Doppeltür.
Schnüffelnde Laute waren zu hören. Etwas schlich über die Straße. Gebell ertönte von weiter weg. Krallen kratzten über Asphalt und Steine. Marc bekam das alles nur wie durch einen Schleier mit.
»… und die Hölle ist auf der Erde«, beendete die Frau den Satz.
20. März 2016
»… vermutlich von Krallen zerfetzt … ausgeblutet … mehrere Knochenbrüche … Bisswunden … unterernährt … ältere Blessuren …«
Anna legte den Obduktionsbericht von Josh Lennert weg. Sie schüttelte den Kopf, knallte die Füße auf den Schreibtisch und starrte die Decke an.
Der Bericht las sich wie das Drehbuch zu einem Film von George A. Romero. Es fehlten nur die Zombies. Wenn sie nicht schon so einiges Makabres gesehen hätte, würde sie nachhaken, ob der Gerichtsmediziner trank. Aber Anna hatte Joshs Leiche selbst gesehen – die Bisse und die Kratzer! Wo kamen die her? Und vor allem: Wie war die Leiche auf dem Dach der Zeitung gelandet? Ungefähr die Hälfte der Leute schwor, dass sie aus dem Nichts erschienen war. Ein paar wirklich Bekloppte, unter denen auch der Tierarzt war, behaupteten sogar, dass ein besonders großer Adler sie fallen lassen hatte. Und zu guter Letzt gab es noch die Standardaussage: Aliens. Klar. Was sonst?
Anna glaubte weder das eine noch das andere. Sie war sich sicher, dass es für das, was mit Josh passiert war, eine logische, nachvollziehbare Erklärung gab. Sie sah sie nur unter diesem ganzen Mumpitz von Mutmaßungen nicht, und das Muster der Decke brachte leider auch keine neuen Erkenntnisse.
Es klopfte an der Tür, und David trat mit zwei dampfenden Bechern ein. Der Geruch von Kaffee verteilte sich in dem kleinen Büro. Er setzte sich auf die andere Seite des Schreibtischs, und Anna nahm lächelnd einen Becher entgegen.
»Danke, das kann ich gebrauchen. Hast du den Obduktionsbericht gelesen?«
David nahm einen Schluck, verzog das Gesicht und nickte. »Ich hab weitere Tests angeordnet.«
Fast hätte Anna den Kaffee auf den Tisch gespuckt. Sie verzog trotzdem keine Miene. Während sie dieses Gebräu runterschluckte, machte sie sich gedanklich aber eine Notiz, hier keinen Kaffee mehr zu trinken. »Warum?«
»Vielleicht waren doch Drogen im Spiel? Josh könnte etwas ausprobiert haben und hat sich selbst verletzt«, sagte David.
Anna runzelte die Stirn. »Welche Drogen?« Schnell überflog sie noch einmal den Obduktionsbericht, aber nirgends war auch nur eine Andeutung von bewusstseinserweiternden Mitteln. Sie sah ihren Partner an. Dieser trank noch einen Schluck Kaffee und besah sich dann die Notizen und Bilder vom Fundort, die Anna an die Pinnwand geheftet hatte.
»Irgendwo müssen wir doch ansetzen, Anna. Ich wüsste zwar nicht, wie Josh an das Zeug herangekommen sein sollte, aber … vielleicht war ja noch jemand bei ihm. Eine Person, an die wir noch nicht gedacht haben.« Er nickte, als wollte er sich selbst gut zureden.
»David, ernsthaft? Wie erklärst du mit deiner Theorie die Bissspuren? Ich tippe eher auf einen Bären oder …«
»Es gibt hier keine Bären!« Wütend stützte sich David an der Tischkante ab und starrte Anna aus zusammengekniffenen Augen an.
Sie hob die Hände. »Okay. Immer ruhig, Kollege.« Was sollte das denn? Drogen waren im Bereich des Möglichen, aber Bären nicht? Irgendwie verstand Anna das Leben und die Logik der Menschen hier nicht – mal davon abgesehen, dass sie nicht mehr alle Latten am Zaun hatten.
»Entschuldige.« David ließ sich in den Stuhl zurücksinken. Mit zittrigen Händen fuhr er sich durch die Haare. »So etwas hab ich noch nie erlebt. Bei uns passiert so etwas nicht.«
Anna nickte, sagte aber nichts. Sie spürte jedoch, dass da noch mehr war.
David schwieg und sah aus dem Fenster. Über dem Wald kreiste seit Stunden ein Hubschrauber. Bis jetzt war nichts entdeckt worden.
Ein kalter Wind streifte Anna, und sie schloss fröstelnd das Fenster.
»Vielleicht rede ich noch mal mit Katha.«
»Vergiss es! Die spinnt. Ich sag nur zwei Worte: Aliens und Paralleluniversum. Wir sollten mal überlegen, ihr wirklich psychologische Hilfe zu holen.« Als keine Reaktion von David kam, sah sie ihn an. Sein Blick war seltsam traurig, als hätte Anna ihn enttäuscht. »Alles klar?«
Er nickte. »Ich rede trotzdem mit Katha. Sieh du dir noch mal den Fundort an. Vielleicht haben wir etwas übersehen. Und wenn doch noch jemand beteiligt war, kommt er vielleicht zurück.«
Die Skepsis war Anna ins Gesicht geschrieben. Bevor sie etwas sagen konnte, war David nach draußen verschwunden.
Kopfschüttelnd erhob sie sich. »Wenn da auch nur ansatzweise Drogen im Spiel sind, trinke ich eine ganze Kanne von diesem flüssigen Teer, den die hier Kaffee nennen.«
Natürlich fand Anna keinen weiteren Hinweis, der ihnen beim Lösen dieses Falls behilflich sein könnte.
Frustriert schob sie die Hände in die Jackentaschen und ließ den Blick über die Straße wandern. Hier war nichts auffällig. Die Leute benahmen sich erschreckend normal, wenn man mal davon absah, dass sie alle krampfhaft den Blick zum Dach des Hauses hinter ihr mieden.
Schräg gegenüber kauften sich drei Jungs je ein Eis. Zwei ältere Damen überquerten die Straße, um mit ihren Hunden im Park zu verschwinden. Ein Fahrradfahrer überholte ganz knapp einen Jogger und erntete dafür eine Schimpftirade. Die Blumen blühten in ihren Kästen, und die Vögel zwitscherten. Anna hätte kotzen können angesichts so viel vermeintlicher Idylle, und sie warf jedem, der an ihr vorbeilief einen langen Blick zu. Ihre Stimmung verschlechterte sich mit jedem freundlichen Nicken.
Seit zwei Stunden stand sie nun vor der Gazette. Weder Adler noch Bären waren in dieser Zeit aufgetaucht – Drogen erst recht nicht.
»Was mache ich hier eigentlich?«, rief sie aus und wandte sich in Richtung Polizeistation.
»Das fragen wir uns auch«, ertönte es hörbar amüsiert hinter ihr. In der Tür standen Ricarda und Jon Frost. Sie hatten je einen dampfenden Becher mit Kaffee in der Hand. Jon biss von einer Zimtschnecke ab.
Anna fröstelte. Ein kalter Wind wehte durch die Straße und ließ die Blumen in den Kübeln erzittern.
»Wollen Sie nicht reinkommen?«, fragte Jon nach einer Weile unbehaglichen Schweigens.
Anna nickte. Ihr war etwas unwohl dabei, aber es fiel ihr auch kein plausibler Grund ein, Nein zu sagen.
