Verführt, um zu bleiben? - Kat Cantrell - E-Book

Verführt, um zu bleiben? E-Book

Kat Cantrell

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Beschreibung

Sinnliche Affären? Dafür hat der exzentrische Milliardär und Erfinder Desmond Pierce nun wirklich keine Zeit! Damit er trotzdem einem Kind sein Wissen schenken kann, engagiert er die Medizinstudentin McKenna Moore als Leihmutter. Doch kaum ist das Baby auf der Welt, kommt es zu tragischen Komplikationen. Nur McKenna kann ihm helfen. Für Desmond ein Desaster, denn er fühlt sich immer stärker zu der schwarzhaarigen Schönheit hingezogen. Doch warum lehnt sie es so kategorisch ab, bei ihm zu bleiben?

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Seitenzahl: 214

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IMPRESSUM

BACCARA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2017 by Kat Cantrell Originaltitel: „The Marriage Contract“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto in der Reihe: DESIRE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BACCARABand 2010 - 2018 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Übersetzung: Selma Nowack

Abbildungen: Harleqiun Books S.A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 1/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733720049

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

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1. KAPITEL

Obwohl er nie an Wunder geglaubt hatte, erlebte Desmond Pierce eines, als er an einem ganz gewöhnlichen Dienstag um 19:23 Uhr zum ersten Mal seinen Sohn erblickte.

Eine Krankenschwester in marineblauer OP-Bekleidung brachte das Kind in den kleinen Raum, in dem Desmond gewartet hatte. In dem Moment, in dem sein Blick auf das Baby fiel, traf ihn ein Gefühl des Wiedererkennens wie ein Stromschlag.

Mein Sohn.

Sprachlos vor Ehrfurcht und Bewunderung, streckte Des die Hände aus, um seine Zukunft zu berühren.

Ein Gefühl von Wärme und etwas völlig Unbekanntes schnürten ihm die Kehle zu. Tränen. Freude.

Unglaublich. Wer hätte gedacht, dass man Glück tatsächlich mit Geld kaufen konnte?

Da verzog das Kind plötzlich das Gesicht und begann so erbärmlich zu weinen, als hätte die Krankenschwester es mit einer Nadel gestochen. Des verspürte ein derart starkes Mitgefühl für das Leid seines Sohnes, wie er es zuvor noch für niemanden empfunden hatte, und das hatte etwas zu sagen. Es durchdrang seinen gesamten Körper, und er musste sich davon abhalten, der Krankenschwester das Baby aus den Armen zu reißen.

War diese schreckliche Mischung aus Überwältigung, Ehrfurcht und absoluter Panik das, was alle Eltern fühlten? Oder hatte er eine besondere Verbindung zu seinem Sohn, weil dieser keine Mutter haben würde?

„Wie geht es Ihnen heute Abend, Mr. Pierce?“, fragte die Krankenschwester freundlich.

„Ich bereue die beträchtliche Spende, die ich diesem Krankenhaus gemacht habe“, grummelte er und bedauerte es sofort, sich nicht um eine akzeptablere Art der Kommunikation bemüht zu haben. Zumal er sich geschworen hatte, nicht so schroff zu sein wie gewöhnlich. „Warum weint mein Sohn?“

Schon besser. Immerhin hatte er vor dem Spiegel geübt. Doch er wurde das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Während der letzten vierzig Wochen war das Baby für ihn nicht real gewesen, oder besser gesagt, er hatte es sich nicht erlaubt, daran zu glauben, dass diese Schwangerschaft anders enden würde als bei Lacey.

Jetzt, da er das Baby gesehen hatte, war sein Traum wahr geworden, und um nichts in der Welt würde er zulassen, dass seinem Sohn etwas geschah.

„Er ist hungrig“, gab die Krankenschwester mit einem verhaltenen Lächeln zurück. „Möchten Sie ihn füttern?“

Ja. Das wollte er. Doch er konnte nur nicken, da ihm vor Überwältigung die Stimme versagte.

Des hatte sich über Flaschennahrung gründlich informiert, genau wie über alle anderen Aspekte des Elternseins: Er hatte Bücher über Kindererziehung, Bücher von angesehenen Verhaltensforschern, Webseiten mit Tipps für frischgebackene Eltern gelesen. Das meiste davon hatte er mühelos in seinem Gedächtnis abgespeichert, vor allem weil er so aufgeregt war und sich für die Themen interessierte. Aber immerhin hatte er zwei Harvard-Doktortitel. Es gab nicht viele wissenschaftliche Fächer, die er nicht beherrschte, und er war sich ziemlich sicher, dass er so einer einfachen Aufgabe, wie einem Baby einen Schnuller in den Mund zu stecken, gewachsen war.

Vorsichtig und mit einem Lächeln legte die Krankenschwester ihm das Baby in die Arme. „So, hier kommt Ihr Sohn. Es ist wichtig, dass Sie ihn so oft wie möglich im Arm halten.“

Des betrachtete aufmerksam das rosafarbene, etwas verschrumpelte Gesichtchen, und die Welt um ihn herum war vergessen. Sein Sohn war federleicht. Er wog weniger als eine Fünf-Kilo-Hantel. Sofort nahmen seine Sinne jedes Detail auf. Dunkle Augen. Dunkle Haare, die unter dem Neugeborenenmützchen hervorlugten.

Conner Clark Pierce. Sein Sohn.

Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um diesem kleinen Menschlein alles zu geben. Privatlehrer, Trips zu Kulturstätten wie den Pyramiden von Gizeh und Machu Picchu, eine Werkstatt wie seine, falls er gern Dinge erfinden würde wie sein Vater. Conner würde es an nichts fehlen, und er würde in seinem Leben nichts vermissen, noch nicht einmal eine Mutter.

Die Krankenschwester rückte dem Baby das Mützchen zurecht. In diesem Moment begann der Kleine erneut zu jammern. Die Pein des Babys ging Desmond unter die Haut, und er mochte das Gefühl ganz und gar nicht.

Die Krankenschwester drehte sich zu einem Tisch herum. „Ich bereite ihm eine Flasche vor.“

Sie mischte die Milchnahrung, während das Babygeschrei von Sekunde zu Sekunde verzweifelter klang.

Schon immer hatte Des tiefes Mitgefühl für das Leid anderer empfunden, was der Hauptgrund dafür war, dass er Menschenmengen mied, doch seine Reaktion auf seinen Sohn war so viel intensiver als seine gewöhnliche Empathie. Dieser kleine Mensch trug seine Gene in sich. Ob es dieser Gedanke war, der seinen Puls beschleunigte, oder es wirklich eine genetisch bedingte Bindung zwischen ihnen gab, die Dringlichkeit der Situation konnte nicht verleugnet werden.

Endlich kam die Krankenschwester zu dem Sessel, in dem Des saß, und reichte ihm die Flasche. Er hielt den Sauger an die Unterlippe des Babys, so wie er es in unzähligen Videos gesehen hatte, und tippte sie an.

Die Unterlippe seines Sohnes zitterte beim Weinen, aber er nahm die Flasche nicht an. Des hätte sich selbst nie als geduldige Person beschrieben, doch er versuchte es hingebungsvoll weitere vierzehn Mal.

„Warum nimmt er die Flasche nicht?“, fragte er die Krankenschwester, als das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, erneut seine Brust zusammenzog.

„Ich weiß es nicht.“ Er sah ihren sorgenvollen Blick. „Für Babys, die von ihrer Mutter getrennt wurden, ist es nicht ungewöhnlich, dass sie Probleme haben sich zurechtzufinden. Wir können es mit einer Pipette versuchen.“

Desmond nickte und biss sich auf die Zunge, als die Krankenschwester näher an ihn heranrückte, als ihm lieb war.

Mit der Pipette funktionierte es. Für ungefähr fünf Minuten. Dann begann Conner alles wieder auszuspucken. Die Krankenschwester zog die Stirn erneut in Falten, und ihm lief ein kalter Schauer das Rückgrat hinunter.

Dreißig Minuten später waren alle drei frustriert.

„Wie es scheint, ist er allergisch auf Flaschennahrung“, verkündete die Krankenschwester schließlich.

„Was bedeutet das? Muss er jetzt verhungern?“ Gequält schloss Des die Augen und rieb sich den Bart, den er schon längst hätte stutzen sollen, doch wie immer hatte er es vergessen. Manchmal erinnerte ihn Mrs. Elliot daran, die Haushälterin, aber nur, wenn sie sich begegneten. In letzter Zeit hatte er sich zur Vorbereitung auf den heutigen Tag in seiner Werkstatt vergraben.

Umsonst, wie es schien, denn auf dieses Szenario war er nicht vorbereitet gewesen.

„Nein, das werden wir nicht zulassen. Es gibt noch ein paar andere Möglichkeiten …“ Sie zögerte. „Ich wurde auf Ihre Wünsche hinsichtlich der Mutter Ihres Sohnes hingewiesen, also …“

„Vergessen Sie meine Wünsche, und nennen Sie mir die Möglichkeiten. Das Baby muss trinken.“

Die Krankenschwester nickte. „Es könnte Muttermilch trinken …“

Conner fiel ihr ins Wort. „Sie ist noch hier? Im Krankenhaus?“ Er hatte die Leihmutter seines Sohnes nie kennengelernt, wie sie es verabredet hatten, doch er hoffte verzweifelt auf eine Lösung.

„Ja, natürlich. Die meisten Frauen brauchen ein paar Tage, um sich von der Entbindung zu erholen, aber …“

„Bringen Sie mich zu ihr.“ Er überlegte, wie er es besser hätte sagen können, doch eine Notlage war nicht der beste Moment für einen neuen Versuch. „Bitte!“

Die Krankenschwester nickte erleichtert. „Aber ich muss Sie warnen. Es könnte sein, dass sie nicht stillen will.“

„Ich werde sie überzeugen“, gab er zurück und erhob sich mit dem Baby im Arm.

In der Vereinbarung mit McKenna Moore, der Leihmutter seines Sohnes, gab es Regelungen für medizinische Notfälle. Außerdem war sie offiziell immer noch seine Frau. Sie waren ferngetraut worden, um rechtliche Schwierigkeiten zu vermeiden, aber ihre Beziehung war rein professioneller Natur. Obwohl sie sich noch nie gesehen hatten, würde die Tatsache, dass sie verheiratet waren, hoffentlich etwas zählen. Das Baby musste trinken. Desmond musste Conners Mutter davon überzeugen, dass sie seine einzige Hoffnung war.

Sie um Hilfe zu bitten, war nicht einfach, denn ihre Vereinbarung beschränkte Ms. Moores Kontakt zu dem Baby, weil Des seinen Sohn ganz für sich allein wollte. Doch er war ernsthaft um dessen Wohlergehen besorgt.

Sie liefen den Flur entlang. Vor Zimmer 247 hielt die Krankenschwester an und nickte mit dem Kopf. „Geben Sie mir eine Sekunde, um zu sehen, ob sie Besucher empfängt.“

Des nickte. Das Baby hatte sich während des Gehens beruhigt. Wahrscheinlich hatte die schaukelnde Bewegung es getröstet. Das war eine wichtige Information.

Stimmen drangen aus dem Raum zu ihm auf den Korridor.

„Er will was?“ Die weibliche Stimme musste McKenna Moore gehören. Sie war also wach und wahrscheinlich auch angezogen, da die Krankenschwester im Raum war.

Das Baby zuckte und hob sein kleines Gesicht dem Klang der Stimme entgegen. Das entschied alles. Conner erkannte die Stimme seiner Mutter, und obwohl Des davon überzeugt war, dass es das Beste wäre, nie im selben Raum mit der Frau zu sein, die seinen Sohn geboren hatte, stieß er die Tür mit dem Fuß auf und betrat das Krankenzimmer.

Die dunkelhaarige Frau, die in dem Krankenhausbett lag, zog seinen Blick geradezu magisch an, und als sich ihre Blicke trafen, durchzuckte ihn ein Gefühl des Wiedererkennens und ließ all seine Sinne vibrieren. Das gleiche Gefühl wie das, als er seinen Sohn zum ersten Mal gesehen hatte. Ihren gemeinsamen Sohn.

Diese Frau war die Mutter seines Sohnes. Diese Frau war seine rechtmäßig angetraute Ehefrau.

McKenna Moores Gesichtszüge waren zart und wunderschön, und er war noch nie in seinem Leben von jemandem so aufgewühlt worden. Des konnte weder sprechen noch denken, und für einen Mann mit seinem IQ war ein Aussetzen der Gehirnfunktion extrem alarmierend. Genauso alarmierend wie die plötzliche unwiderrufliche Überzeugung, dass er beim Aufsetzen der Leihmutterschaftsvereinbarung einen schrecklichen Fehler begangen hatte.

Er konnte nicht anders, als der verpassten Gelegenheit nachzutrauern, dieser Frau den Hof zu machen, sie kennenzulernen.

Wie, zur Hölle, konnte es sein, dass er sich innerhalb weniger Sekunden so von ihr angezogen fühlte?

Er hatte es abgelehnt, sie kennenzulernen, weil er mit gesellschaftlichen Szenarien schlecht umgehen konnte. Er stolperte stets über die Art von Beziehungen, die für andere einfach und normal zu sein schienen, weshalb er in einer abgelegenen Gegend von Oregon lebte, weit weg von Astoria, der nächsten größeren Stadt.

Desmond war immer das seltsame Kind gewesen, das nicht richtig dazugehörte. Dass er bereits mit fünfzehn Jahren die High-School abgeschlossen hatte, war nicht sehr hilfreich dabei gewesen, soziale Kontakte zu knüpfen. Auch nicht, dass er Milliardär geworden war. Wenn er versucht hätte, eine normale Beziehung mit McKenna Moore zu führen, hätte es in einem Desaster geendet, genau wie seine Beziehung mit Lacey.

Blutsbande wie die, die er mit seinem Sohn teilte, waren für jemanden wie ihn die einzige Lösung. Das Baby würde seine Familie sein und seinen Wunsch nach einem Erben erfüllen. Vielleicht würde sein Sohn ihn lieben. Einfach so, nur weil Desmond sein Vater war.

Conner gehörte ihm. Desmond entschied, was mit seinem Kind geschehen würde, und niemand auf der ganzen Welt konnte seine Pläne durchkreuzen.

Außer vielleicht seiner Ehefrau.

Doch er hatte seiner Anwaltskanzlei über eine Million Dollar gezahlt, um sicherzustellen, dass sein Vermögen durch den Ehevertrag geschützt war, und eine bereits ausgearbeitete Scheidungsvereinbarung garantierte ihm das alleinige Sorgerecht. Die Vereinbarung war absolut wasserdicht, oder besser gesagt würde sie es sein, sobald er die Scheidung einreichte.

McKenna würde sich von der Entbindung erholen, Desmonds Geld nehmen und verschwinden. Genau wie er es sich ausgemalt hatte, als er beschlossen hatte, dass nur ein Baby das klaffende Loch in seinem Leben füllen könnte. Ein Baby, das jenes ersetzen würde, das er verloren hatte, weil Lacey es nicht haben wollte.

Nie wieder würde er sich emotional auf eine Frau einlassen, die auch nur ein Quäntchen Macht über sein Lebensglück hatte. Eines Tages würde sein Sohn das verstehen.

„Ms. Moore“, knurrte er schließlich, lange nachdem es eigentlich angebracht gewesen wäre, etwas zu sagen. „Wir haben ein Problem. Unser Sohn braucht Sie.“

Desmond Pierce stand in McKennas Krankenhauszimmer. Mit einem weinenden Baby.

Ihrem Baby.

Dem Baby, von dem sie verzweifelt zu vergessen versucht hatte, dass sie es während einer extrem schmerzhaften und schwierigen Geburt aus ihrem Körper gepresst und dann weggegeben hatte.

McKennas Augen weiteten sich, als ihr klar wurde, was er gerade gesagt hatte, doch ihre Augenhöhlen waren so ausgetrocknet, dass sogar das wehtat. Sie wollte Kodein und drei Tage durchschlafen und nicht bei jedem Schrei des Babys einen Stich im Herzen verspüren. Sie streckte die Arme nach ihrem Sohn aus, um ihn zu berühren.

Sie durfte das Baby nicht sehen. Oder es im Arm halten. Das hatte die Krankenschwester ihr gesagt, als sie es weggebracht hatten, obwohl McKenna darum gebeten hatte, ihm Lebewohl zu sagen. Das Personal im Kreißsaal hatte ihr Flehen grausam ignoriert. Was wussten sie schon über Aufopferung? Über große, klaffende Löcher, die sich durch nichts auf der Welt je wieder schließen lassen würden?

Für einen Moment hatte sie gedacht, dass der Vater ihres Sohns das gespürt hatte. Dass er gekommen war, um ihren Wunsch zu erfüllen. Der Ausdruck in seinen Augen, als er durch die Tür getreten war … dieser Ausdruck hatte sie umgehauen. Ihre Blicke hatten sich getroffen, und sie hatte das Gefühl gehabt, als könnte er all ihre Angst und Unentschlossenheit sehen. Und als hätte er sie verstanden.

Alles wird gut, schien er ohne Worte zu sagen.

Doch in Wahrheit war das nicht der Grund, aus dem Mr. Pierce mit dem Baby hier war. Er war hier, um ihr das Herz aus der Brust zu reißen. Zum zweiten Mal.

Sie mussten gehen. Jetzt gleich. Bevor sie anfangen würde zu weinen.

„Er ist nicht mein Sohn“, stieß sie mit rauer Stimme hervor.

Das hätte sie nicht sagen sollen. Dieser Satz, so wahr und so brutal, nagte mit scharfen Zähnen an ihrer Seele, genau wie das Weinen des Babys.

Er war ihr Sohn. Der, den sie weggegeben hatte, weil er alles verkörperte, was ihre Eltern ihr einzupflanzen versucht hatten. „Du solltest einen Mann finden und viele Babys bekommen“, hatten sie gesagt. „Es gibt nichts Schöneres im Leben als Kinder.“

Nur, dass sie keine Kinder wollte. Sie wollte Ärztin werden, um leidenden und bedürftigen Menschen zu helfen. Desmond hatte sich nach einem Baby gesehnt, und sie konnte es ihm geben und eine Schwangerschaft erleben, ohne sich dem Druck ihrer Eltern zu ergeben. Sie hielten nichts von der westlichen Medizin. Das war eine ständige Quelle von Konflikten, vor allem nachdem ihr Großvater gestorben war, weil eine homöopathische Behandlung seinen Krebs nicht hatte heilen können.

Ihre Rolle als Leihmutter für Desmond Pierce hatte ihr ermöglicht, den Wunsch ihrer Eltern zu erfüllen und trotzdem nach ihren Vorstellungen etwas für die Gesellschaft zu leisten. Das zumindest hatte sie sich während der letzten Stunden wieder und wieder gesagt. Am Ende hätte sie es fast geglaubt, bis ein Mann mit einem weinenden Baby auf dem Arm in ihr Zimmer gestürmt war.

Und er sah sie so seltsam an, dass sie sich gezwungen fühlte, ihm zu antworten. „Was wollen Sie, Desmond?“

Sie waren sich noch nie persönlich begegnet, doch das Baby war ein todsicherer Beweis. Desmond Pierce sah nicht einmal annähernd so aus wie auf den Fotos, die sie im Internet gefunden hatte.

Dieser Mann ließ die üblichen Attribute „groß“, „dunkel“ und „gut aussehend“ völlig banal erscheinen. Er war faszinierend mit seinem Dreitagebart, der ihm eine gefährliche Note verlieh, dem dunkelbraunen Haar, das er aus der Stirn gestrichen hatte, und seinem drahtigen Körperbau.

Desmond Pierce würde der perfekte Vater sein, sonst hätte sie seinem Angebot nie zugestimmt. Allerdings war ihr nicht klar gewesen, dass er auch ein perfekter Mann war. Zusammen mit dem Baby in seinen Armen hätte er durchaus das attraktivste männliche Exemplar auf diesem Planeten sein können.

Und dann wurde ihr etwas klar. Er war nicht nur irgendein Mann. Sie waren verheiratet. Er war ihr Ehemann. Den sie eigentlich nie hätte kennenlernen sollen.

„Das Baby trinkt nicht“, sagte er und musste dabei das Weinen übertönen. „Sie müssen versuchen ihn zu stillen.“

Sie blinzelte. Zweimal. „Ich muss was?“

„Die Krankenschwester sagt, dass er auf die Flaschennahrung allergisch ist. Wir haben es über eine Stunde probiert.“ Entschlossen ging er auf das Bett zu und hielt ihr das weinende Bündel hin. „Er braucht Sie. Was er jetzt braucht, kann ich ihm nicht geben.“

McKenna starrte das zerknautschte kleine Gesicht ihres Kindes an, doch sie erlaubte sich nicht, ihre Arme nach ihm auszustrecken, erlaubte ihren Gefühlen nicht, sie zu überwältigen. Das Baby brauchte sie. Sie war die einzige Person, die ihm helfen konnte. Doch wie sollte sie das über sich bringen? Stillen war ein viel zu liebevoller Akt für ein Baby, das sie nicht behalten durfte.

Wie konnte Desmond es wagen, hierherzukommen und sie noch tiefer in den emotionalen Abgrund zu ziehen?

Sie hatte ihren Teil der Vereinbarung erfüllt. Das Baby war gesund geboren worden und hatte ein Leben vor sich mit einem Milliardär als Vater, der es sich so sehr gewünscht hatte, dass er eine ungewöhnliche Leihmuttervereinbarung getroffen hatte. Er besaß die Mittel, den Kleinen großzuziehen. Was konnte Desmond Pierce weiter von ihr erwarten? Wollte er ihre Seele zerreißen, wenn er ihr das Baby zum zweiten Mal fortnahm?

„Das können Sie nicht von mir erwarten“, flüsterte sie, obwohl ihre Brüste begonnen hatten zu kribbeln. Sie waren sofort hart und schwer geworden, als sie das Baby hatte weinen hören. Das war ganz natürlich, und McKenna wusste, dass sie Hormone gegen die Milchproduktion nehmen musste. Darauf war sie vorbereitet.

Worauf sie nicht vorbereitet war, das war die Forderung, mit ihrer Milch den Hunger ihres Babys zu stillen.

Desmond runzelte die Stirn. „Haben Sie Angst um Ihre Figur?“

„Na klar, ich mache nächste Woche beim Miss-USA-Wettbewerb mit, und wie ich im Bikini aussehe, ist definitiv meine größte Sorge.“

„Das war Sarkasmus, oder?“

Es kam ihr seltsam vor, dass er das fragen musste, doch bevor sie irgendetwas sagen konnte, drückte er ihr das Baby einfach in den Arm. Gegen ihren Willen zog sie das Baby an ihre Brust, und sie war verloren. Wie er gewusst haben musste. Wie die Krankenschwester gewusst haben musste.

Jetzt war es zu spät, ihren rasenden Puls zu stoppen, der Ehrfurcht und Liebe und Pflichtgefühl und Schock direkt in ihr Herz pumpte.

Mein Sohn.

Er weinte immer noch. Er schmiegte sein Gesicht an ihre Brust, und es war klar, was er wollte. Sie hatte nur nicht gewusst, wie sehr sie sich danach sehnte, es ihm zu geben.

„Die Sorgerechtsvereinbarung enthält einen Paragrafen über medizinische Notfälle beim Baby“, erinnerte Desmond sie. „Sie können für die nächsten achtzehn Jahre herangezogen werden, wenn er Sie aus medizinischen Gründen braucht.“

„Ja, aber ich dachte, dieser Fall träte nur ein, wenn er eine Niere bräuchte oder so etwas“, platzte sie heraus, als die kleinen Finger des Babys ihre Brust berührten. „Nicht, um ihn zu stillen.“

Sie konnte es einfach nicht tun. Denn danach würde es umso schrecklicher für sie sein, das Baby wieder herzugeben. Eigentlich sollte sie zurück nach Portland gehen und sich an der Universität einschreiben. Ärztin werden, wie es schon seit mehr als zehn Jahren ihr größter Traum war.

„Vielleicht braucht er auch mal eine Niere“. Desmond zuckte mit den Schultern. „Das bringt es nun mal mit sich, die DNA mit einem Menschen zu teilen.“

Hatte er wirklich nicht bemerkt, welche Seelenqualen sie litt? Das alles musste so einfach für ihn sein. Er war schließlich ein Mann und außerdem noch reich. Er musste nur mit dem Finger schnippen, und alle tanzten nach seiner Pfeife. „Ihnen ist klar, dass Stillen keine einmalige Sache ist, oder? Man muss es wiederholen.“

In der engen Gemeinschaft, zu der ihre Eltern gehörten, half das gesamte Dorf dabei, ein Baby großzuziehen. Sie hatte Mütter gesehen, die ganz darin aufgegangen waren, vierundzwanzig Stunden am Tag die einzige Nahrungsquelle für ihr Baby zu sein, und das für viele Monate. Doch manche Frauen hatten auch Probleme mit dem Stillen. Er tat gerade so, als ob sie nur eine Brust herausholen müsste, und alles wäre in Ordnung.

„Sobald wir eine Alternative finden, können Sie gehen. Bis dahin allerdings bedeutet unsere Vereinbarung, dass Sie ihm in medizinischen Notfällen verpflichtet sind.“ Er verschränkte die Arme. „Es gibt absolut nichts, was ich nicht tun würde, um meinem Kind zu helfen. Er braucht Sie. Für mindestens drei Monate. Sie können bei mir wohnen, natürlich in einem eigenen Zimmer. Sie können eine Pumpe benutzen, wenn Sie wollen. Wollen Sie einen zusätzlichen finanziellen Ausgleich? Dann nennen Sie mir den Preis.“

Als ob ihr Mutterinstinkt einen Preis hätte! Egal, welche Entscheidung sie auch traf, McKenna wusste, dass sie eine dauerhafte Auswirkung haben würde, die keiner von ihnen vorhersehen konnte. „Ich will keinen finanziellen Ausgleich! Ich will …“

Nichts, außer dem, was er ihr bereits versprochen hatte. Eine Abfindung, mit der sie ihr Medizinstudium finanzieren konnte, und das Wissen, dass sie Desmond geholfen hatte, eine Familie zu gründen. Plötzlich fühlte sich alles so kalt an. Doch was hätte sie sonst tun können? Sie ging so gut wie nie mit Männern aus. Nicht, nachdem sie während einer dreijährigen Beziehung an der High School mit neunzehn Jahren einmal gedacht hatte, sie sei schwanger. Sie lehnte es ab, mit einem der Männer zusammen zu sein, die ihre Eltern ihr aufzuschwatzen versuchten. Mit einem Mann zusammen zu sein, war das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft nicht wert.

Sie konnte nicht gleichzeitig Mutter und Ärztin sein. Beides erforderte absolute Hingabe. Und sie hatte sich schon vor langer Zeit entschieden. Weil sie, laut ihrer Mutter, egoistisch war und das Wissen ihrer Eltern über Naturheilmittel einfach wegwarf, als ob der Glaube ihrer Eltern nicht zählte.

Nun hatte sie die Chance, einmal nicht egoistisch zu sein. Sie konnte das Baby für drei Monate stillen und, sobald es die Muttermilch nicht mehr brauchte, rechtzeitig zum Frühlingssemester in Portland sein. Das war nur eine kleine Verzögerung im Vergleich zu dem vollen Jahr, das sie bereits verloren hatte.

Sie hatte eine Schwangerschaft erleben wollen, um sich besser in ihre Patientinnen einfühlen zu können. Warum also nicht aus demselben Grund stillen? Niemand musste erfahren, dass es sie umbrachte, ihren Sohn zum zweiten Mal herzugeben, nachdem sie sich nun unsterblich in das Baby verliebt hatte.

Sie blickte zu Desmond, der sie auf eine unergründliche Art und Weise ansah. „Ich werde es tun. Aber Sie müssen den Raum verlassen.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. „Da bin ich anderer Meinung. Er ist mein Sohn.“

Toll, also würde er nun auch noch dabei zusehen. Doch sie konnte trotzdem ihre eigenen Bedingungen fordern. „Könnten Sie wenigstens die Krankenschwester zurückholen, damit ich weiß, ob ich alles richtig mache?“

Statt sie dazu zu zwingen, die Krankenschwester per Knopfdruck zu rufen, nickte er, ging aus dem Raum und gab ihr einen gesegneten Moment allein. Das Krankenhausnachthemd hatte Schlitze zum Stillen, sodass es einfach war, das Baby zu ihrer schmerzenden Brust hin zu manövrieren. Sein Weinen war mittlerweile in herzzerreißendes Jammern übergegangen, und seine Augen waren geschlossen, doch sein Mund bewegte sich, je näher er ihrer Brustspitze kam. Dann dockte er an, als hätte er noch nie etwas anderes getan, und begann zu saugen.

Ich habe es geschafft. Er hat es geschafft.

Völlig hingerissen sah McKenna ihrem Sohn dabei zu, wie er seine erste Mahlzeit auf diesem Planeten einnahm, und das hatte fast etwas Heiliges. Ein ehrfürchtiges Gefühl durchströmte sie, ein Gefühl, dass das hier gut und richtig war. So verging eine Ewigkeit, bis ein leises Geräusch sie aufblicken ließ. Desmond war mit der Krankenschwester zurückgekehrt, doch er sah sie nur schweigend an, und in seinem Blick lag mehr Zärtlichkeit, als sie ihm zugetraut hätte.

„Wie es scheint, sind Sie ein Naturtalent, Schätzchen“, sagte die Krankenschwester lächelnd. „In ein paar Minuten können Sie die Seiten wechseln. Wollen Sie, dass ich bleibe?“

„Ich denke, ich komme allein zurecht.“

In Wirklichkeit war das Herbeiholen der Krankenschwester nur eine Ausrede gewesen, um Desmond aus dem Zimmer schicken. Frauen stillten schon seit Jahrhunderten, einschließlich der Frauen in ihrer Gemeinde, die sich vehement dafür einsetzten, das Stigma abzuschaffen, das dem öffentlichen Stillen anhaftete. Sie hatte also keine Angst davor, und prüde war sie auch nicht.

Die Krankenschwester verließ den Raum. Jetzt, wo das Baby still war, spürte sie Desmonds Präsenz sehr viel stärker als zuvor, wie ein Extragewicht auf ihren Schultern. Er war so … Einfach alles. Intensiv. Entschlossen. Großartig. Beunruhigend. Jedes Mal, wenn sie zu ihm hinübersah, passierte etwas Komisches mit ihrem Magen, dabei hatte sie heute schon genug neue Gefühle zu verarbeiten.

Schweigend sah sie dem Baby beim Trinken zu, bis sie es nicht länger aushielt.

„Welchen Namen haben Sie ihm gegeben?“ Ihre Stimme klang heiser.

Desmond hielt den Kopf schräg und ließ seinen Blick in einer Art und Weise über sie wandern, die ihr ein Kribbeln verursachte. „Conner. Sein zweiter Vorname ist Clark, nach Ihrem Vater.“