Verführt von dem italienischen Milliardär - Chantelle Shaw - E-Book

Verführt von dem italienischen Milliardär E-Book

Chantelle Shaw

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Beschreibung

Die stets korrekte Lehrerin Leah Ashbourne ist verzweifelt. Um ihr Erbe ausbezahlt zu bekommen und ihre kranke Mutter vor dem Ruin zu retten, muss sie heiraten. Doch als die Hochzeit mit ihrem Verlobten platzt, bleibt der rothaarigen Schönheit nur eine Wahl. Ein Pakt mit dessen arrogantem Bruder Marco De Valle. Dafür, dass sie sich um seinen kleinen Sohn kümmert, wird Leah seine Frau auf Zeit. Natürlich ist die schüchterne Leah gegen Marcos brodelnden Sex-Appeal immun. Bis der italienische Milliardär sie auf Capri in eine Welt purer Sinnlichkeit entführt …

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JULIA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2020 by Chantelle Shaw Originaltitel: „Her Wedding Night Negotiation“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MODERN ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIABand 2474 - 2021 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Übersetzung: Stella Ković

Abbildungen: Harlequin Books S. A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2021 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733718466

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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1. KAPITEL

Marco De Valle hasste Hochzeiten und alles, was damit zu tun hatte. Das ganze Theater um den „großen Tag“, an dem sich zwei Menschen falsche Versprechungen machten, fand er einfach nur lächerlich.

Lieber wäre er gar nicht erst gekommen und stattdessen heute Abend mit seinem Sohn zurück nach Capri geflogen. Leider war der „glückliche“ Bräutigam sein Halbbruder, und um seiner Mutter einen Gefallen zu tun, war er schließlich doch zur Hochzeit von James und seiner langweiligen Verlobten angereist, obwohl er wusste, dass all seine Bemühungen eigentlich umsonst waren. Seine Mutter hatte in den letzten Jahren keinen Hehl daraus gemacht, wer ihr Lieblingssohn war.

Sie wollte ihn nur für die Publicity dabeihaben, dachte er frustriert. Marco zog die Paparazzi magisch an. Mit ihm als Gast würde bestimmt das ein oder andere Hochzeitsfoto in den Klatschzeitschriften landen.

Der Probedurchlauf für die morgige Trauung hätte eigentlich vor zwanzig Minuten beginnen sollen, aber James war wie immer zu spät. Um seine wachsende Ungeduld nicht offen vor allen Gästen zu zeigen, zog sich Marco in eine schattige Nische im hinteren Bereich der kleinen Kapelle zurück, die zum Anwesen seiner Eltern gehörte. Missmutig lehnte er sich gegen eine der Säulen und betrachtete die Braut, die vorne am Altar auf ihren Verlobten wartete.

Marco hatte Leah Ashbourne erst heute kennengelernt. James’ Verlobte war durch und durch eine graue Maus – von ihrer blassen Haut bis zu ihrem furchtbaren Modegeschmack. Sie trug eine strahlend weiße Bluse, die bis zum Hals zugeknöpft war, und einen dunkelblauen Rock, der weit unter dem Knie endete. Das rote Haar hatte sie zu einem strengen Zopf geflochten. In diesem Aufzug hätte sie glatt als Nonne durchgehen können. Oder als Mary Poppins.

Als James die beiden heute einander vorgestellt hatte, hatte sie ihn nicht einmal anständig begrüßen können. Stattdessen war sie knallrot angelaufen und hatte etwas in Richtung Fußboden gestammelt. Für einen Moment war Marco fasziniert von ihr gewesen – er hatte schon lange keine Frau mehr erröten sehen. Er kam zu dem Schluss, dass sie ein Mauerblümchen war, zwar sehr hübsch auf ihre Art, aber nicht sein Typ. Die Frauen, auf die er stand, waren sexy, selbstbewusst und akzeptierten, dass er weder Interesse an einer ernsthaften Beziehung noch am Heiraten hatte. Sicher kein zweites Mal.

Marco warf einen Blick auf die Uhr und fluchte leise. In einer Stunde musste Nicky ins Bett, und er wollte eigentlich noch ein bisschen Zeit mit seinem Sohn verbringen. Ihn überkamen Schuldgefühle. Nicky war schon die ganze Woche mit seinem Kindermädchen in Nancarrow Hall alleine gewesen, da Marco für einen dringenden Geschäftstermin ins Ausland gereist war.

Er seufzte tief. Seine Beziehung zu Nicky war seit dem tragischen Unfall nicht mehr dieselbe. Auch wenn ihm der Psychiater versichert hatte, dass ein Fünfjähriger noch nicht dazu in der Lage sei, ihm die Schuld an der Tragödie zu geben, fühlte sich Marco für den Tod von Nickys Mutter verantwortlich. Jetzt ließ er seinen Sohn schon wieder im Stich, weil er nicht wusste, wie er die Beziehung zu seinem traumatisierten Kind wiederaufbauen konnte.

Wo war James, verdammt noch mal?

Marco sah, wie Leah das Handy aus ihrem Täschchen hervorholte und die Schultern hängen ließ. Sie sah so einsam und verloren aus, wie sie dort alleine vor dem Altar auf ihren Bräutigam wartete. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass James nicht der Märchenprinz war, für den sie ihn augenscheinlich hielt. Doch Marco hielt sich zurück. Nein, das war wirklich nicht seine Verantwortung.

Er dachte zurück an Nicky und an das Spielzeugauto, das er als Geschenk für ihn gekauft hatte, ein Miniaturmodell seines eigenen Ferraris. Marco freute sich schon jetzt unheimlich auf Nickys leuchtende Augen, wenn er das Geschenk auspackte. Vielleicht würde es ihm sogar ein Lächeln entlocken.

Jetzt reichte es! Marco würde nicht noch mehr Zeit für diese Hochzeitsprobe verschwenden. Zielstrebig schritt er auf den Altar zu.

„Noch immer kein Lebenszeichen vom Bräutigam?“ Der Pastor lächelte Leah aufmunternd zu.

„Ich weiß einfach nicht, was los ist“, sagte sie und sah noch einmal auf ihr Handy. „James wollte nur kurz nach Padstow fahren und ein paar Sachen für die Flitterwochen besorgen, aber er hat versprochen, rechtzeitig für die Probe wieder hier zu sein.“

Keine Nachricht von James, kein erklärender Anruf … Leah versuchte, sich keine Sorgen zu machen. James war nicht gerade ein Raser, das wusste sie nur zu gut. Die Fahrt nach Nancarrow Hall über die schmalen Straßen Cornwalls hatte letzte Woche eine gefühlte Ewigkeit gedauert, weil James die engen Kurven im Schneckentempo genommen hatte.

Leah versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass James’ Eltern im schlimmsten Fall schon von den Einsatzkräften kontaktiert worden wären. Viel wahrscheinlicher war es, dass er schlichtweg die Zeit vergessen hatte. Das wäre schließlich nicht das erste Mal. James verlor sich oft in seinen Tagträumen und war die meiste Zeit gedankenverloren und zerstreut. Manchmal fühlte sich Leah wie sein Kindermädchen und nicht wie seine Verlobte.

Doch seit Leah seine Eltern letzte Woche kennengelernt hatte, verstand sie. Sie behandelten James noch immer wie ein Kind, und Leah hatte einen ersten Eindruck davon bekommen, wie sehr er wohl seit seiner Kindheit verwöhnt worden war. Doch trotz seines reichen Elternhauses war er bodenständig geblieben, und in ihrer Beziehung gab es weder Drama noch Streit – anders, als Leah es aus ihrer Kindheit kannte. Ihre Mutter war von einer katastrophalen Affäre in die nächste geschlittert.

Obwohl sie bei seinem Antrag erst seit einem halben Jahr zusammen gewesen waren, hatte Leah keine Sekunde gezögert. Sie wusste einfach, dass sie den Rest ihres Lebens mit James Fletcher verbringen wollte. Er benahm sich zwar etwas seltsam, seit sie in dem alten Familienanwesen am Rande von Bodmin Moor angekommen waren, aber es war sicher ganz normal, vor der Hochzeit ein wenig nervös zu sein.

Leah plagte das schlechte Gewissen. Sie hätte James vom Erbe ihrer Großmutter erzählen sollen – und der Bedingung, die sie in ihrem Testament gestellt hatte. Denn Leah konnte das Vermögen nur erben, wenn sie verheiratet war, und Leah machte sich Sorgen, ob James die Situation missverstehen würde. Doch sie liebte ihn. Sie liebte ihn wirklich.

Manchmal hatte sie trotzdem das Gefühl, dass alles zu schnell ging, aber Leah ignorierte die innere Stimme der Vernunft. Sie sehnte sich so sehr nach dem Gefühl von Sicherheit und Stabilität, das ihr während ihrer Kindheit immer verwehrt geblieben war.

„Ich habe später noch einen wichtigen Termin mit dem Bischof“, sagte der Pastor ungeduldig. „Wir müssen wohl oder übel ohne James anfangen. Vielleicht kann jemand einspringen, bis er hier ist?“

Er musterte die Anwesenden. Von den vierzig Gästen der kleinen Feier gehörten neununddreißig zu James’ Freunden und Familie.

Leah warf ihrer besten Freundin und Trauzeugin Amy einen fragenden Blick zu. Sie hatten sich während ihres Studiums an der Universität kennengelernt. Amy war eine alte Schulfreundin von James und hatte das Brautpaar einander auf einer Party vorgestellt. James war gut aussehend und gebildet, und es schmeichelte Leah, dass jemand wie er überhaupt Interesse an ihr zeigte. Sie war keine Schönheit, das wusste sie.

Und James gab ihr Sicherheit. Nach der Hochzeit würden sie so schnell wie möglich das Großstadtleben in London hinter sich lassen und ein kleines Cottage auf dem Land kaufen, und schon bald würden zwei Kinder und ein Hund dazukommen. Für andere Frauen waren vielleicht Geld, Designerklamotten und teurer Schmuck die größte Erfüllung, doch Leah wollte eine Familie.

Auf die Frage des Pastors nach einem Ersatz-Bräutigam folgte betretenes Schweigen. Amy zuckte hilflos mit den Schultern.

„Es gibt sicher einen guten Grund dafür, dass James zu spät ist“, bemerkte ihre Hochzeitsplanerin Davina mit erstickter Stimme. Sonst war sie immer perfekt organisiert, aber gerade sah sie so aus, als hätte sie heimlich auf der Toilette geweint.

„Es müsste jemand einspringen, der während der richtigen Zeremonie keine tragende Rolle hat.“

„Ich mach’s“, sagte eine tiefe Stimme mit leichtem Akzent. Sie kam aus dem hinteren Teil der Kapelle.

Leahs Herz schlug augenblicklich schneller. Die Stimme gehörte zu Marco De Valle. Als er heute aus seinem silbernen Ferrari gestiegen war und sie das erste Mal James’ großen, dunkelhaarigen italienischen Halbbruder gesehen hatte, war ihre Reaktion genau dieselbe gewesen.

Später, als James die beiden im Salon miteinander bekannt gemacht hatte, hatte Leah völlig im Bann des schönen Fremden gestanden. Sein selbstsicheres Auftreten stellte alles um ihn herum in den Schatten. Sie hatte ihm nur einen kurzen Blick zugeworfen und dann sofort verlegen zu Boden gestarrt. Plötzlich war sie so sprachlos gewesen wie ein Teenager, der auf seinen Lieblingsstar traf. Das Blut hatte in ihren Ohren gerauscht, während sie nur eine knappe Begrüßung gemurmelt hatte.

Obwohl sie Marco nur kurz gesehen hatte, war deutlich, dass sich die beiden Brüder nicht im Geringsten ähnlich sahen. James war blond, und seine feinen Gesichtszüge verliehen ihm etwas Knabenhaftes. Eine Zeitlang hatte er als Model gearbeitet und war sogar auf den Titelseiten einiger extravaganter Hochglanzmagazine zu sehen gewesen. Solche, in denen die schönsten Schlossgärten oder die Modetrends für Ascot vorgestellt wurden.

Marcos Foto würde eher zu einer Zeitschrift über Extremsport oder einem Überlebensguide für den Dschungel passen, dachte Leah. Er war wild und ungezähmt, das spürte sie. Ein Mann, der nach seinen eigenen Regeln lebte und dem es egal war, was andere von ihm hielten.

Später hatte sie vom Schlafzimmerfenster aus beobachtet, wie er alleine in Richtung Moor stapfte. Der wehende schwarze Mantel und die durch den Wind zerzausten Haare hatten sein raues Wesen unterstrichen.

Über Marcos rechte Gesichtshälfte zog sich eine lange, weiß glänzende Narbe. Er hatte sie bei einem furchtbaren Unfall davongetragen, dem Marcos Frau zum Opfer gefallen war. Seitdem kümmerte er sich alleine um seinen fünfjährigen Sohn. Offenbar war er noch immer traumatisiert, denn er sprach kaum ein Wort und lächelte selten. Für Leah war klar, dass Marco nun mehr denn je für seinen Sohn da sein musste, aber von James erfuhr sie, dass Nicky oft mit seinem Kindermädchen in Nancarrow Hall blieb, während sein Vater geschäftlich ins Ausland reiste.

Wahrscheinlich waren diese Reisen unvermeidlich, doch Leah wusste nur zu gut, wie es sich für ein Kind anfühlte, alleine gelassen zu werden. Sie hatte Mitleid mit Nicky. Seine großen braunen Augen erinnerten sie schmerzlich an ihren eigenen kleinen Bruder. Er war gestorben, als er ungefähr in Nickys Alter gewesen war, und es verging kein Tag, an dem Leah nicht an Sammy dachte. Während der vielen Stunden, die sie in der letzten Woche mit Nicky gespielt hatte, war sie zwischen Freude und Trauer hin- und hergerissen gewesen.

Jetzt kam Marco langsam durch den Mittelgang auf sie zu, und ihr Herz schlug unfreiwillig schneller.

Die Narbe schlängelte sich von Marcos rechtem Auge über die Wange bis zum Mundwinkel. Die Oberlippe zog sich dadurch leicht nach oben, und das schiefe Lächeln sowie die kühlen, grauen Augen verliehen ihm einen permanent zynischen Gesichtsausdruck. Jeder andere Mann wäre durch eine solche Narbe wohl entstellt gewesen, doch an Marco unterstrich sie nur seine wilde, ungezähmte Männlichkeit.

Marco war nicht einfach nur gut aussehend, sein Gesicht war atemberaubend: prägnante Wangenknochen, gepaart mit einem markanten Kinn und einem sexy Dreitagebart, dann dieser volle Mund, die kantige Nase und darüber dichte, dunkle Augenbrauen … Sein mittellanges Haar war fast pechschwarz und zerzaust, als wäre er gerade eben nach einer langen, leidenschaftlichen Nacht aus dem Bett seiner Geliebten gestiegen.

Leah wusste nicht, wo dieser letzte Gedanke plötzlich herkam. Aber das Bild von Marcos nacktem Körper, nur bedeckt von einem Hauch Satinbettwäsche, ließ sie nicht mehr los.

Sie hatte noch nie einen nackten Mann gesehen, außer in dieser merkwürdigen Datingshow, die sie ein paarmal im Fernsehen gesehen hatte. Mit Liebe oder Leidenschaft hatte das aber wenig zu tun gehabt.

Als er auf sie zukam, erinnerte Marco sie an einen Panther, der kurz davor war, seine Beute zu erlegen. Bevor Leah sich sammeln konnte, stand er schon neben ihr.

Sie zwang sich dazu, ihn anzusehen, und ihr Mund wurde schlagartig staubtrocken. Marco lächelte nur süffisant. Sie fragte sich, ob er ihren Herzschlag hören konnte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie dieses leidenschaftliche Pochen gefühlt. Nicht einmal bei James.

Plötzlich hatte sie ein schlechtes Gewissen. Marco war anscheinend ganz versessen darauf, ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen.

„Das ist wirklich nicht nötig“, sagte sie angespannt. „James taucht sicher jeden Moment auf.“

„Dein Vertrauen in meinen kleinen Bruder ist bewundernswert“, antwortete er gedehnt, „aber James’ Pünktlichkeit ist vergleichbar mit seinem Talent, nach spätestens zwei Wochen gefeuert zu werden.“

Leah versuchte, James zu verteidigen. „Hey, die Kunstgalerie war nicht seine Schuld! Sein Wecker hat nicht geklingelt … er war wirklich nur ein paar Minuten zu spät!“

„Tja, ich werde sicher nicht noch länger auf ihn warten.“ Marcos Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Ihr kennt euch erst seit ein paar Monaten, oder? Vielleicht solltet ihr das Ganze doch noch verschieben. Eine Ehe ist ein großer Schritt … Nur ein gut gemeinter Ratschlag.“

„Auf deinen Rat kann ich gut und gerne verzichten“, fauchte Leah ihn an.

Seine grauen Augen leuchteten. „Hat die graue Maus etwa doch so etwas wie Temperament?“, fragte er sanft. „Vielleicht bist du doch nicht so langweilig, wie ich gedacht habe.“

Er ignorierte ihr wütendes Schnauben und wandte sich an die Hochzeitsplanerin.

„Der Pastor hat recht: Wir sollten ohne James anfangen. Meine Haushälterin hat für heute Abend ein Büfett vorbereitet, damit sich die Küche auf das Essen für morgen konzentrieren kann.“

Davina nickte stumm. Marco strahlte eine gewisse Autorität aus und erwartete offenbar, dass seine Anweisungen ohne Widerworte akzeptiert wurden.

Doch Leah wurde stutzig. Meine Haushälterin? Sie war bestimmt von James’ Eltern eingestellt worden, oder? Immerhin war Nancarrow Hall ihr Anwesen, und Marco lebte hauptsächlich in Italien, wo er die weltberühmte Kaffeehauskette De Valle Caffè leitete. Das hatte James ihr zumindest erzählt.

Die Hochzeitsplanerin öffnete ihren Ordner mit der Aufschrift „Hochzeit Fletcher/Ashbourne, 21. Juli“.

„Wir fangen ohne James an, und ich erkläre ihm die wesentlichen Details später“, entschied sie. „Alle Gäste sind da. Ich werde sie bitten, an ihre korrekten Positionen zu gehen, und dann starten wir mit der Zeremonie.“

Der Pastor stand auf der Treppe, die zum Altar führte, als Davina anfing, ihre Anweisungen zu geben.

„Der Bräutigam und sein Trauzeuge stehen auf der rechten Seite, die Trauzeugin und die Familie der Braut auf der linken. Wenn ich so darüber nachdenke, wäre es wahrscheinlich besser, wenn Freunde und Familie des Bräutigams sich auf beide Seiten aufteilen“, sagte sie rasch, wohl wissend, dass Leahs Seite bis auf Amy leer sein würde. „Und das Ehepaar steht hier, mit Blick zum Altar.“

Leah ging in Position und schaute kurz über die Schulter, in der Hoffnung, James würde jeden Moment durch das Tor stürmen. Sie bemerkte den zufriedenen Gesichtsausdruck seiner Mutter. Wahrscheinlich wäre es Olivia Fletcher gar nicht so unrecht, wenn James kalte Füße bekommen hätte und die Hochzeit abgesagt wäre. Ihre Allüren würden sogar der königlichen Familie Konkurrenz machen, und sie gab sich auch keine Mühe, ihren Unmut darüber zu verschweigen, dass ihr jüngster Sohn sich für eine Frau unter seinem Niveau entschieden hatte.

„Ist es nicht unfassbar schade, dass deine Mutter an deinem großen Tag nicht hier sein kann? So eine Kreuzfahrt kann schon ziemlich ungelegen kommen …“, hatte sie mit gespieltem Mitgefühl gesagt, als Leah ihr davon erzählt hatte, dass ihre Familie nicht bei den Feierlichkeiten dabei sein konnte. Ihr Vater war tot … und die Kreuzfahrt ihrer Mutter eine Notlüge.

Leah schauderte bei der Vorstellung, wie ihre Mutter in die Kapelle torkeln und sich unmöglich aufführen würde. Doch das war einfach Toris Stil. Sogar zu Leahs Abschlussfeier war sie völlig betrunken aufgetaucht und hatte so diesen besonderen Anlass ruiniert.

James hatte Tori nur ein einziges Mal getroffen. Leah hatte ihn an einem Samstagmorgen eingeladen, da war ihre Mutter normalerweise noch nüchtern. Das Treffen war unspektakulär verlaufen, aber Leah hatte sich schnell eine Ausrede einfallen lassen müssen, als James ein Mittagessen im Pub vorschlug.

Während seines Besuchs hatte Leah ihre Mum wieder so gesehen, wie sie früher gewesen war: klug, wortgewandt und mit einem schon fast vergessenen, wunderschönen Lächeln. Doch dann, als sie in der Küche Tee für die drei machen wollte, fand Leah eine Flasche Wodka, die Tori im Schrank unter der Spüle versteckt hatte. Sie konnte den Inhalt nicht unentdeckt wegschütten und wusste, Tori würde die Flasche bis zum Abend leer trinken und danach im Supermarkt sowieso eine neue kaufen.

Bis jetzt hatte sie James noch nichts vom Alkoholproblem ihrer Mutter erzählt. Sie schämte sich einfach zu sehr.

Als Kind hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als eine normale Mutter zu haben. Eine Zeitlang hatten sie mit ein paar von Toris Freunden in einer Künstlerkommune im Ausland gelebt. Damals war ihre Sucht noch nicht so schlimm gewesen. Doch als Leah zwölf Jahre alt gewesen war, hatten sie nach England zurückkehren müssen, und mit ihrem Umzug hatte sich die Situation schlagartig geändert.

Der Gedanke an ihre Schulzeit ließ Leah vor Scham zusammenzucken. Tori war zu jedem Elternsprechtag sturzbetrunken aufgetaucht, hatte viel zu laut geredet und auch sonst die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Einmal hatte sie bei einer Preisverleihung mit dem Schuldirektor geflirtet und sich danach vor allen Anwesenden in der Aula übergeben. Nach diesem Vorfall hatte Leah ihrer Mutter zwar nichts mehr von Schulveranstaltungen erzählt, aber das hatte die anderen Kinder nicht davon abgehalten, sie mit ihrer „Alki“-Mum aufzuziehen.

Tori war eine sogenannte funktionierende Alkoholikerin. Auf den ersten Blick war sie eine ganz normale Frau, die als Buchhalterin in einer Baufirma arbeitete, wo bis heute niemand von ihrer Sucht wusste. Sie trank ausschließlich am Wochenende, dann aber so viel, dass es gefährliche Ausmaße annahm.

Leah nahm sich vor, James nach der Hochzeit alles zu erzählen. Auch, dass sie ihrer Mutter mit einem Teil des Erbes eine spezielle Therapie ermöglichen wollte. Er würde bestimmt Verständnis haben, davon war Leah überzeugt.

Wo zum Teufel bleibt er?

Sie wandte noch einmal den Kopf, um nachzusehen, ob James vielleicht gerade angekommen war, doch ihr Blick blieb an Marcos rätselhaften, grauen Augen hängen. Er war sehr groß, und sie musste den Kopf weit in den Nacken legen, um ihn überhaupt ansehen zu können. Sein undurchdringlicher Blick und die harten Gesichtszüge ließen ihr Herz schneller schlagen. Er war männlich, stark … und doch wunderschön.

Leah konnte einfach nicht aufhören, ihn anzustarren. Marco zog fast spöttisch eine Augenbraue hoch, als wüsste er genau, welche Wirkung er auf sie hatte. Schlagartig lief sie knallrot an und schaute schnell weg. Innerlich bebte sie. Was nahm sich dieser arrogante Kerl eigentlich heraus, sie eine graue Maus zu nennen? Ja, sie bebte vor Wut! Und nicht etwa, weil er eine fast magische Anziehungskraft auf sie ausübte …

Der Pastor sagte etwas, und Leah kehrte mit ihren Gedanken ins Hier und Jetzt zurück.

„Zu Beginn wird sich das Brautpaar gegenüberstehen und einander die Hände reichen.“

Widerwillig wandte sie sich Marco zu. Sie wollte noch sagen, dass sie nicht jedes winzige Detail proben mussten. Doch bevor sie zu Wort kam, legte er seine großen, starken Hände um ihre, und ihr Herz machte einen Sprung.

Leahs Haut prickelte unter seiner Berührung, und sie zog scharf die Luft ein. Sein Griff war fest und trotzdem zärtlich. Sie sah auf ihre Hände. Marcos braun gebrannte Haut war ein starker Kontrast zu ihrer Blässe. Sie dachte daran, wie er mit diesen Fingern über die Wölbung ihrer Brüste strich und ihren nackten Körper liebkoste …

Leah schluckte und warf einen Blick auf Marcos durchtrainierten Oberkörper. Die zwei obersten Knöpfe seines strahlend blauen Hemds waren offen, und sie konnte ein paar dunkle Brusthaare erkennen. Als sie einatmete, roch sie sein exotisches Parfüm, Bergamotte und Sandelholz vermischt mit einem verführerischen Geruch purer Männlichkeit.

Aus weiter Ferne hörte sie, wie der Pastor den weiteren Ablauf erklärte.

„Das Ehegelübde sollten Sie sich am besten für die richtige Hochzeit und den richtigen Bräutigam aufsparen“, bemerkte er spitz.

Leah wurde rot. Sie fühlte sich ertappt. Konnte der Pastor etwa Gedanken lesen? Ihr Verhalten war nicht zu entschuldigen, nicht einmal in Gedanken wollte und konnte sie James betrügen. Und schon gar nicht mit seinem eigenen Bruder!

Sie versuchte, die Hände aus Marcos Griff zu lösen, doch er hielt sie nur noch fester und strich sanft mit dem Daumen über ihr Handgelenk. Wahrscheinlich wollte er sie einfach beruhigen, aber es hatte genau den gegenteiligen Effekt. Leahs Herz fing an, wie wild zu pochen, und sie hoffte, dass er ihr das Herzklopfen nicht ansehen konnte.

„Nach dem Jawort, dem Verlesen der Gelübde und dem Tausch der Ringe setzen sich die Gäste, und das Brautpaar begleitet mich zusammen mit den Trauzeugen in die Sakristei für die Unterschriften“, erklärte der Pastor. „Danach kehren wir zum Altar zurück, und der Bräutigam darf die Braut küssen.“

Leahs Blick schnellte zu Marco. Er wollte sie doch nicht etwa … Er konnte sie doch nicht …

Allein durch ihren Schockzustand war es zu erklären, dass sie noch aufrecht stand. Sie wollte auf keinen Fall, dass Marco sie küsste. Wirklich nicht, sagte sie sich.

Doch er kam näher, und das mysteriöse Glitzern in seinen Augen entfachte ein noch nie da gewesenes Feuer in ihr. Als sie langsam die Augen schloss, sah sie seine perfekten Gesichtszüge immer noch vor sich, als hätten sie sich für immer in ihr Gedächtnis gebrannt.

Alles um sie herum verlangsamte sich. Leah konnte kaum atmen. Wie in Zeitlupe kamen sie sich näher, Zentimeter um Zentimeter, bis nur ein Hauch von Luft sie voneinander trennte. Und dann, plötzlich, war der Bann gebrochen.

„Es tut mir so leid!“

James’ Stimme katapultierte Leah zurück in die Wirklichkeit. Sie schlug die Augen auf und atmete zitternd ein. Marco stand aufrecht vor ihr. Vielleicht hatte sie sich alles nur eingebildet. Sie konnte seinen Blick nicht deuten. Hatte er sie wirklich gerade küssen wollen?

Sie schnappte leise nach Luft und zog schnell die Hände aus Marcos Griff. „Wo warst du? Warum hast du mich nicht zurückgerufen?“, fragte sie mit leicht vorwurfsvollem Unterton und lief James entgegen.

„Der Akku war leer.“ James wich ihrem Blick aus. „Tut mir leid. Ich habe wieder mal vergessen, mein Handy aufzuladen.“