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Verletzte und tote Pferde Doping und verbotene Medikation und mittendrin ein toter Tierarzt: Der Pferdesport von seiner dunkelsten Seite Harry Schurrer, engagierter Kämpfer gegen Missstände im Pferdesport, liegt tot in seiner Wohnung. Anders als die Polizei ist seine Mitstreiterin Tamara Wagner überzeugt, dass er keines natürlichen Todes gestorben ist. Sie sucht auf eigene Faust nach seinem Mörder - und vor allem nach einer Antwort auf die Frage, welche Beweise der streitbare Tierarzt gegen hohe Pferdesport-Funktionäre in der Hand hatte.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Dieses Buch ist ein Roman. Die geschilderten Missstände im Pferdesport sind leider bittere Wahrheit. Der Kriminalfall und die handelnden Personen sind jedoch frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht beabsichtigt und wären zufällig.
Verletzte & tote Pferde, Doping & verbotene Medikation. Und mittendrin ein toter Tierarzt
Der Pferdesport von seiner dunkelsten Seite
Karin Schweiger, in Hamburg als Tochter eines Seebären geboren, verbrachte ihre Schulzeit im westfälischen Münsterland, wo sie sich unheilbar mit dem Pferdevirus infizierte. Das Studium führte sie dann nach München. Heute lebt sie mit Mann, Hund und Katze in der Nähe von Landsberg im Lechrain.
Als Fachbuchautorin, in der Pressearbeit, im Fachbuch und Magazinlektorat sowie in der Redaktion diverser Magazine und Internet-Portale hat sie seit den ersten beruflichen Schritten mit Texten zu tun.
Besuchen Sie mich im Internet: https://karin-schweiger.de
EINS
ZWEI
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SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREISSIG
EINUNDDREISSIG
ZWEIUNDDREISSIG
DREIUNDDREISSIG
VIERUNDDREISSIG
FÜNFUNDDREISSIG
SECHSUNDDREISSIG
GLOSSAR
Vor zwei Tagen war Tamaras Welt zusammengebrochen – nein, sie drehte sich noch, aber sie hatte eine Unwucht bekommen, eine gehörige Unwucht. Durch die große Panoramascheibe im Clubraum des Warendorfer Reitstalls starrte sie in die Halle. Wie hinter einem Schleier nahm sie zwei Frauen wahr, die ihre Pferde in der Bahn ritten. Doch sie interessierten sie nicht.
Tamara hatte keine Ahnung, wie es ohne Harry weitergehen sollte. Beruflich. Im Verein. In ihrem Herzen. Er war der engste und beste Freund, den sie hatte. Seit Jahren. Wie konnte er sie einfach so alleinlassen? Allein mit dem Kampf gegen die Windmühlenflügel des RVD, dem das Wohl der Reiter deutlich näher lag als das der Pferde. Gegen den Pferdesport-Verband kämpfte der Verein unter Harrys Führung seit Jahren auf schier aussichtslosem Posten. Keiner von ihnen würde je die Lücke füllen können, die er da hinterließ. Und er hatte sie ganz allein gelassen mit seinem verhassten Juniorpartner in der tierärztlichen Praxis, auf sich selbst gestellt mit all ihren fachlichen Fragen.
Lautes Kichern riss sie aus ihren Gedanken. Jemand zog sich ein Getränk aus dem Automaten und verließ den Clubraum wieder. Die Tür fiel zu. Allmählich schärfte sich Tamaras Blick, sie nahm wahr, wer da in der Halle ritt. Prompt verzog sie das Gesicht: Susanne. Die sollte in ein paar Minuten hier oben zur Vereinsbesprechung auftauchen. Da würde der arme Lancaster wohl mal wieder das Superkurzprogramm nach der Arbeit bekommen: Sattel runter, Decke drauf, Boxentür zu, fertig. Schweiß aus dem Fell waschen oder putzen? Hufe auskratzen und nachsehen? Sehnen nach der Anstrengung kühlen, gerade bei ihm? Nasse Abschwitzdecke abnehmen? Nein, sowas hatte Susanne nicht nötig, wozu gab es Pferdepfleger?
Warum war Harry aus heiterem Himmel gestorben? Herzversagen, schalt sie sich, kommt meist ohne Vorwarnung. Trotzdem, mit nicht einmal sechzig Jahren. Ohne die geringsten Anzeichen von Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder anderen Stressfaktoren. Ob das … Steckten da womöglich genau die dahinter, denen er jetzt endlich auf die Schliche gekommen war? Nein, das war absurd. So weit ging nicht einmal …
Stefans Hand auf ihrer Schulter ließ sie zusammenzucken. Er begrüßte sie mit einem Küsschen auf die Wange, das sie gern erwiderte. Als sie sich erneut der Reithalle zuwandte, waren Susanne und Lancaster verschwunden, dafür stiegen gerade zwei junge Mädchen schwatzend und kichernd auf ihre Pferde. Nur Augenblicke später hörte sie Susannes Reitstiefel auf dem Linoleumboden heranquietschen.
Abrupt drehte Tamara sich um. »Drecksäcke!« Ihr Handy mit der geöffneten Meldung von der Website des Pferdesport-Verbands flog auf den Tisch und rutschte Stefan vor die Nase.
»Die haben überhaupt nichts verloren und auf deren Andenken kann Harry sicher bestens verzichten.« Genervt strich Tamara sich eine ihrer widerspenstigen Locken aus dem Gesicht. Der verlogene Haufen sollte gefälligst die Klappe halten und sie in ihrem Schmerz in Ruhe lassen.
Susanne schluchzte auf und tupfte sich mit dem Taschentuch die Augen.
»Mensch!«, murrte Stefan, warf Tamara einen tadelnden Blick zu und schob das Handy wieder in ihre Richtung. »Was soll der Saftladen denn sonst schreiben? ›Wir sind froh, dass er uns endlich kein Bein mehr stellen kann‹?«
»Du bist so gefühlskalt, Tamara! Ist dir Harrys Tod derart egal?« Susannes Stimme kippte ins Schrille und Stefans Augen zogen sich reflexhaft zu Schlitzen zusammen. »Ich habe dich noch nicht eine Träne weinen sehen seit gestern und dabei hast du immer einen auf soooo dicke mit ihm gemacht.« Die Blondine warf das Haar in den Nacken und band es nachlässig zu einem Pferdeschwanz, während ihr Blick aus tränennassen Augen etwas Herausforderndes annahm.
Der Drang, wieder einen handfesten Streit mit Susanne vom Zaun zu brechen, wuchs. Stefans Hand, die sich fest auf ihren Arm legte, schüttelte Tamara unwirsch ab. Sie holte tief Luft und sofort stand Harrys Gesicht wieder vor ihrem inneren Auge – und wie sie ihn vermisste! Die Nachricht von seinem Tod hatte sie förmlich in Schockstarre versetzt. Aber wenn sie in ihrem Leben eines gelernt hatte, dann nach vorn zu sehen. Keine Träne der Welt würde Harry wieder ins Leben zurückholen – und Harry selbst? In seiner ruppig-bärbeißigen Art hätte er wohl geknurrt: ‚Mädsche, nu lass ma dat Gefühlsdusseliche und kümmer dich um et Wichtige!‘
»Harry wäre es garantiert lieber, wenn wir in seinem Sinn weiterkämpfen statt an seinem Grab zu heulen. Und hol mich der Teufel, aber ich muss rauskriegen, welche Beweise er auf den Tisch legen wollte. Ich wette, er hatte einen von unseren speziellen Freunden beim RVD am Arsch.«
Susanne legte ihre ganze Verachtung in ein prustendes Schnauben. »Was du alles zu wissen glaubst! Ich jedenfalls werde mich um das kümmern, was Harry tatsächlich wollte: dass er verbrannt und hier im Warendorfer Friedwald beigesetzt wird. Und das schnell, bevor seine selbstsüchtige Ex ihn in Stromberg im Familiengrab versenkt.«
Spiel mir das Lied vom Tod erklang und der Tisch vibrierte unter Tamaras Handy. »Ja, mach das«, murmelte sie geistesabwesend, bevor sie aufstand und Charles Bronsons Mundharmonika abwürgte. Es war nur die Nachfrage aus der Tierklinik, ob sie trotz allem die heutige Nachtschicht antreten würde.
Kaum hatte sich die Tür des Clubraums hinter Susanne geschlossen, rutschte Tamara wieder auf den abgewetzten Stuhl und blies die Luft aus vollen Wangen aus. »Warum war die gleich bei uns im Vorstand?« Stefan ließ die ohnehin nicht ernst gemeinte Frage unbeantwortet. Schweigen legte sich über den Raum, in dem der seines Kopfes beraubte Vereinsvorstand sich eigentlich über das weitere Vorgehen absprechen wollte.
Tamaras Gedanken sprangen ganz von selbst zu Harrys Tochter. »Wie geht es Dani?«
»Immer noch sehr schlecht, ihre Mutter kümmert sich natürlich um sie. Sie wollte heute wohl wieder in den Stall, damit sie beschäftigt ist und auf andere Gedanken kommt. Aber sie hat mir sofort gesagt, dass wir unbedingt in Harrys Sinn weiterarbeiten müssen, dass wir ihm das schuldig sind. Ach ja, und wenn es belastende Unterlagen gäbe, lägen die ihrer Vermutung nach eher in der Wohnung.«
Tamaras Mundwinkel zuckte nach oben, das Mädchen hatte Biss. »Sie weiß es eigentlich, aber sag du es ihr auch nochmal – sie kann jederzeit zu mir kommen, das Angebot steht. Egal ob zum Ausheulen, zum Fragen, zum Schwelgen in Erinnerungen oder auch zum Übernachten, wenn sie nicht allein sein will.«
Stefan brummte nur zustimmend und unterzog sie dann einer kritischen Musterung. »Du bist geladen. Was ist los?«
Leidend seufzte Tamara auf. »Ben ist los.«
Stefan verzog das Gesicht und weil er sicher nachhaken würde, rückte Tamara lieber gleich mit der Sprache raus. »Er ist der Meinung, ich schulde ihm seit meinem … meinem überstürzten Abgang ein paar hundert Euro.«
»Ach, und das fällt ihm jetzt ein? Nach so langer Zeit?«
Schulterzucken war ihre ganze Antwort, sie wusste ja selbst nicht, was ihr Ex schon wieder ausbrütete. Erneut spürte sie diese fassungslose Ohnmacht und die Selbstzweifel, die sie hassen gelernt hatte. Fühlte sich wieder so zerrissen wie jedes Mal, wenn er sie um Verzeihung gebeten hatte. Das Verantwortungsbewusstsein – sie konnte ihn doch nicht einfach im Stich lassen, und in seinen guten Zeiten war er doch immer noch der Mann gewesen, den sie liebte. Viel zu lange war sie bei ihm geblieben, war für ihn der perfekte Spielball, hatte ihm immer wieder vergeben. Wie so viele Opfer … Dabei hätte sie immer Stein und Bein geschworen, dass ihr so etwas niemals passieren könne.
»Wie hat der dich denn kontaktieren können? Du hast damals doch alles geändert und gelöscht?« Stefans Stimme holte sie zurück ins Hier und Jetzt.
Sie schnaubte. »Die Klinik hat ihre Website aufgemotzt, bei mir zwar ohne Bild, aber mit Namen – und der Diensthandynummer.«
»Uff, was für ein Dilemma!«
»Themenwechsel, bitte.«
»Einverstanden.« Mit dem Daumen wies Stefan in die Himmelsrichtung, in der Harrys Praxis lag. »Wie lässt es sich mit Monsieur an?«
Noch so ein Thema! »Du meinst, ob Kotzbrocken sich schon aufführt?« Den provokanten Blick konnte sie sich nicht verkneifen, wusste sie doch, dass Stefan solche Ausdrücke nicht mochte. Sie dagegen hatte kein Problem damit, das Kind beim Namen zu nennen und Harrys Juniorpartner in der Praxis als das zu bezeichnen, was er war. »Gestern hat er sich erstaunlich zurückgehalten, ich glaube tatsächlich, selbst der war schockiert.«
Stefan nickte zufrieden und suchte dann ihren Blick. »Hör zu, Stitzken! Ich weiß, dass dir Harrys Tod mindestens so nah geht wie Susanne und mir. Aber verrenne dich nicht. Wir wissen nichts, Harry hat ja nie über sowas gesprochen, bevor alles hieb- und stichfest war.«
»Er hat ›Jetzt hab ich dich!‹ gesagt. Nein, gerufen. Und dann: ›Damit kann ich raus!‹ Dabei hat er übers ganze Gesicht gestrahlt. Du weißt, was das bei Harry bedeutet! Stefan, das sagt der nicht umsonst oder wegen Pipifax. Der hatte ganz was Dickes an der Angel.«
Stefans Fingerkuppen spielten eine Melodie auf der Tischplatte, von der nur er wusste, welche es war. »Schon«, räumte er gedehnt ein und fischte nach einem Bierdeckel aus dem Halter. »Aber was? Und außerdem: War das das letzte Puzzleteil? War es ein erster Hinweis? Gegen wen? Tatsächlich den RVD? Pellmann selbst? Oder war er vielmehr an einem der Reiter dran, mit denen er noch ein Hühnchen zu rupfen hatte?«
»Also, bitte! Stefan! Das hieß eindeutig, dass er damit an die Öffentlichkeit wollte. Und dann war das kein Hinweis, sondern was Handfestes. Dann war das auch nicht gegen irgendeinen seiner Lieblingsreiter.«
»Hat er das tatsächlich so gesagt?«, bohrte Stefan nach.
Tamara kam aus dem Konzept. Was sonst hieß denn ›Jetzt hab ich dich! Damit kann ich raus!‹ aus Harrys Mund? Oder hatte sie da zu viel hineininterpretiert? Erneut wanderten ihre Gedanken zurück zu Harrys letzten Lebenstagen, versuchte ihr Gedächtnis, jede Äußerung, jeden Gesichtsausdruck und jedes noch so unwichtige Detail zu erfassen und zu bewerten. Hatte Stefan mal wieder Recht? Gab es da gar nichts so Konkretes? »Glaubst du denn tatsächlich, dass Harry … Dass er einfach so gestorben ist?«
Stefans Schulterzucken wirkte so ratlos wie ihre eigenen Gedanken.
»Der war doch erst vor Kurzem beim Arzt.« Sie hatte es mehr zu sich selbst als laut gesagt und Stefans kehliges Lachen ließ sie erstaunt aufblicken.
»Und du glaubst, dass die verschlossenste aller Austern ausgerechnet dir oder, besser gesagt, einem von uns auf die Nase gebunden hätte, wenn ihm was fehlt?«
Nein, das nicht – aber er hatte sie noch nie angelogen. Und seine Antwort auf ihre mehr rhetorische Frage nach dem Ergebnis, auf die sie eigentlich wie üblich keine Reaktion erwartet hatte, war ein eindeutiges ›Alles in bester Ordnung‹.
Erschrocken zuckte sie zusammen, als Stefan plötzlich die Hände hob. »Lass uns mal kurz auf einen Nenner kommen. Sind wir uns einig darin, dass Harry etwas Brisantes entdeckt hat?«
Tamara nickte. »Und das hat mit dem RVD zu tun.«
»Woran machst du das fest?«
Gute Frage. Ihr war es klar, aber wie sollte sie das erklären? »An der Art, wie er dieses ›Jetzt hab ich dich‹ gerufen hat. An seiner unbändigen Freude.«
Stefan wiegte den Kopf hin und her. »Das mag uns reichen, weil wir Harry gut kennen. Aber der Rest der Welt?«
Tamara seufzte. Wie so oft, hatte er mal wieder Recht. Aber deshalb diesen Verdacht – ja, einfach so fallen lassen?
»Und bist du dir – abgesehen von diesem kryptischen Halbsatz – sicher, dass er damit an die Öffentlichkeit wollte?«, fragte Stefan weiter.
»Wenn Dani schon davon weiß.« Für diese Antwort musste Tamara nicht eine Sekunde überlegen.
Stefan nickte tatsächlich. »Da ist was dran.« Er stand auf und griff nach seiner Jacke. »Komm, lass uns in seine Wohnung fahren und suchen, ob wir etwas finden.«
»Geht das denn? Dürfen wir da einfach rein? Ist die Tür nicht versiegelt?«
Stefan schmunzelte und boxte sie leicht an den Oberarm. »Zu viele Krimis, hm? Nein, bei einem natürlichen Todesfall wird da nichts versiegelt. Und bevor jemand …« Mit unbehaglich hochgezogenen Schultern suchte er ganz offensichtlich nach passenden Worten. Sie musterte ihn von der Seite. Wo war er gedanklich? Bei – Harrys Mörder, der Beweismaterial vernichten wollte? Oder bei Harrys Erben, die …?
Stefan fuhr die kurze Strecke zu Harrys Wohnung.
»Was passiert denn überhaupt mit seiner Wohnung? Ich meine, Dani ist noch nicht mal volljährig. Und wer erbt was?« Die Gewissheit, dass man auch bei einer wirklich engen Freundschaft völlig ahnungslos vor solchen Fragen stand, machte sich in ihrem Bewusstsein breit. Sowas wüsste sie auch von Stefan nicht oder von Corinna. Gut, Stefan lebte in einer glücklichen Ehe, Corinna hatte ihre Eltern und ihren Bruder – und Susanne? Für die traf die Bezeichnung ›Freundin‹ sicher nicht zu.
»Sag mal«, setzte sie dann zu einer neuen Frage an, »hat Harry je mit dir darüber geredet, wie er beerdigt werden will?«
Einen Augenblick lang herrschte bis auf das Motorengeräusch völlige Stille. Ganz langsam drehte Stefan sich ihr zu. »Du verdächtigst jetzt aber nicht Susanne des Mordes, oder?«
Tamara hob mit Unschuldsmiene die Schultern. »Zu viele Krimis. Man muss jeder Spur nachgehen – weiß der erfolgreiche Kommissar.«
Sie kamen tatsächlich völlig problemlos sowohl in Harrys Praxisbüro als auch in die Wohnung oberhalb der Tierarztpraxis, immerhin hatten sie beide als seine engsten Freunde einen Schlüssel. Nichts wies auf die Katastrophe hin, die sich hier ereignet hatte. Es war penibel aufgeräumt und blitzsauber, wie immer, ein Verdienst von Harrys ›Putzteufelchen‹, wie er sie immer liebevoll nannte – und dafür jedes Mal einen Lumpen nachgeschmissen bekam, wenn sie das hörte. Tamara mochte sich kaum vorstellen, wie tief der Schock bei der patenten und warmherzigen Kroatin sitzen musste, die Harrys Leiche gefunden hatte.
Der Rechner mit dem großen Bildschirm stand an seinem Platz, als warte er auf seinen Herrn und Meister, die Registermappen mit Harrys Aufzeichnungen und Unterlagen hingen unberührt im Aktenschrank und auch Harrys Handy lag neben der Computermaus, als hielte es nichts Interessantes in seinen Innereien bereit.
»Haben die nichts mitgenommen? Gibt es keine Nachforschungen, gar nichts?«
Stefan schüttelte den Kopf. »Ich habe lange mit dem diensthabenden Kommissar telefoniert, aber nein, es gibt keine Hinweise auf Fremdverschulden an Harrys Tod.« Als Tamara Luft holte, hob er abwehrend beide Hände. »Doch, natürlich habe ich ihn wissen lassen, dass Harry sich ein wenig unbeliebt gemacht hat in Funktionärskreisen. Und ja, ich habe ihm auch gesagt, dass er vermutlich brisante Unterlagen gefunden hat.«
Ein tiefer, resignierter Seufzer entkam ihr. »Den Hund muss man wohl zum Jagen tragen.« Mehr und vor allem Flüche über Beamte verkniff Tamara sich; sie wusste, wie Stefan reagieren würde, denn auch Susanne war Beamtin.
Stefan legte ihr mitfühlend den Arm um die Schultern. »Ich weiß, dass gerade ein großes Stück deiner Welt zusammengefallen ist. Dass dir der halbe Job weggebrochen ist, weil das mit Monsieur wohl nicht lange gutgehen wird, dass du nicht weißt, wie du Harrys Vereinsarbeit fortsetzen sollst. Geht mir ja ähnlich. Und ich will genauso wie du da weitermachen, wo Harry aufhören musste. Aber Mord? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Verrenne dich nicht in die fixe Idee, da gehst du zu weit. Und vergiss nicht, dass du dem Verein und damit Harrys Lebenswerk auch schaden kannst, wenn du solche Ideen in die Welt setzt, ohne sie hieb- und stichfest beweisen zu können.«
Im ersten Moment wollte Tamara protestieren, aber – es stimmte ja. Sie war nun mal ein impulsiver Mensch und hatte eine verdammt lose Zunge. Und vielleicht war es tatsächlich für sie einfach nur unvorstellbar, dass jemand so Kraftvolles wie Harry völlig ohne Vorwarnung sterben konnte. Sie nickte an Stefans Schulter. »Ich geb mir Mühe.«
Die folgenden Stunden verbrachten die beiden damit, Handynachrichten abzuhören, Chats auszulesen, Telefonnummern zu katalogisieren, Ordner und Dokumente im Rechner und in den Registern einander zuzuordnen, Zettelvermerke und Papier auf verschiedene Haufen zu türmen.
»Schau dir das mal an!« Tamara hielt ein kleines Zettelchen in die Höhe, das erst bei ihrer zweiten Durchsicht aus einem Stapel Unterlagen herausgefallen war. Stefan kniff die Augen zusammen, um es lesen zu können. ›Schweigegeld – noch zuordnen‹ stand da in großen Lettern, dick unterstrichen. Und darunter hatte Harry eine kurze Liste mit Reiternamen zusammengeschrieben, die ihnen nur allzu bekannt waren.
Eifrig durchsuchten sie die Stapel noch einmal nach den entsprechenden Beträgen und Namen ab.
»Ach, guck mal einer an! Martina hat auch Geld bekommen. Und nicht gerade wenig. Deshalb ist das also damals im Sand verlaufen.« Stefan schüttelte den Kopf und legte die Kopie eines Kontoauszugs auf den neu gebildeten Papierstapel unter Harrys kleinem handgeschriebenen Zettel.
»Im Ernst?« Ausgerechnet Martina, die damals in den Skandal um übelste Ausbildungspraktiken verwickelt war. Die über Wochen standfest bei ihrer Aussage geblieben war, dass die bekannte Dressurreiterin bei einer Trainingseinheit systematisch auf die Beine eines Kundenpferdes eingedroschen hätte. Die danach dem Sport vollständig den Rücken gekehrt hatte. So hatte man sie also mundtot gemacht. »Und vier Wochen später war ihr Pferd tot«, murmelte Tamara, noch immer vor den Kopf geschlagen. »Und man weiß bis heute nicht, woran es eingegangen ist.«
»Tja …« Stefan schlug sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel und Tamara blickte erstaunt ob dieses Temperamentsausbruchs auf. »Ich hab letzte Woche noch mit ihr gesprochen – DAS hätte ich da gern schon gewusst.«
»Harry eben, der alte Geheimniskrämer. Hätte er uns eingeweiht, bräuchten wir jetzt nicht verzweifelt herumzuschnüffeln ohne überhaupt zu wissen, was wir wo suchen sollen.«
Schweigend machten sie sich daran, die Liste vollständig abzuarbeiten und konnten Harrys Anweisung ›noch zuordnen‹ für ihn fertigstellen.
»Lieber Wasser oder einen Eistee?«, fragte Tamara, die Durst hatte und sich außerdem dringend zumindest ein wenig bewegen musste. Stefan wählte das Wasser und Tamaras Blick blieb beim Weg in die Küche an der riesigen Collage im Flur hängen. Harrys Tierarztleben im Zeitraffer sozusagen. Es durften wohl an die hundert Fotos in den verschiedensten Formaten sein, die den Bogen von seinen beruflichen Anfängen bis zur Übergabe der Ehrenurkunde der Tierärztekammer im vergangenen Jahr spannten. Was hatte sie ihn immer mit dem inzwischen ziemlich verblichenen kleinen Bild aufgezogen, das ihn als zahnlückigen Burschen in kurzen Hosen zeigte. Strahlender Stolz im Gesicht, ein Kaninchen auf dem Schoß, dem er unter Aufsicht des Rinder-Tierarztes auf dem elterlichen Hof einen Verband an der verletzten Pfote angelegt hatte.
Mit einem wehmütigen Seufzer riss sie sich los, nur um in der Küche über Harrys übliche Post-its an der Kühlschranktür zu stolpern. Die schurrersche Kommunikationszentrale. Er und Dani waren irgendwie ein Dream Team gewesen und hatten sich wahrlich wie der sprichwörtliche Deckel den Topf ergänzt. Eine Träne stahl sich in ihren Augenwinkel.
»Hast du dich im Kühlschrank eingesperrt?«, rief Stefan aus dem Arbeitszimmer.
»Nein, so weit bin ich noch nicht einmal gekommen.« Sie wischte sich über die Augen, öffnete energisch die Kühlschranktür und versuchte, sich aufs Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Als sie die beiden Gläser durch den offenen Durchgang vom Arbeitszimmer ins Wohnzimmer trug, hatte Stefan gerade seine Brille zur Seite gelegt und rieb sich die Augen.
»Komm«, sagte sie, »wir machen eine kurze Pause, uns schwimmt doch schon alles vor den Augen.« Er nickte zustimmend und leistete ihr auf der Couch Gesellschaft.
»Mann, wie oft sind wir hier auf dem Ding versackt, haben uns bis zum Morgengrauen die Köpfe heißgeredet.« Auch Stefan hing also den Erinnerungen nach. »Weißt du noch, wieviel Schiss er hatte, als sie ihm die Klinik vor die Nase gesetzt haben? Und dann hat sich alles so perfekt gefügt.«
Oh ja, das wusste sie noch, als sei es gestern gewesen. Gerade mal drei Kilometer entfernt von Harrys gutgehender Praxis hatte der Besitzer eines Reitstalls einen großen Trakt samt Genehmigung für Zusatzgebäude für den Bau einer Klinik an zwei Tierärzte verpachtet. In dem Stall standen damals wie heute die meisten Pferdepatienten, die Harry betreute. ›Da kann ich wohl zusammenpacken‹, hatte er gejammert – und zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, hatte sie Harry ratlos und verzweifelt gesehen.
Wer hätte auch ahnen können, dass die beiden Kollegen so feine Kerle waren? Aus der ersten misstrauischen Begegnung war über die Jahre nicht nur eine dicke Freundschaft entstanden, sondern auch eine perfekte Aufgabenteilung zwischen Klinik und Praxis. Und ein Job für Tamara, als sie nach der Trennung von Ben Hals über Kopf in ein neues Leben stolpern musste.
»Schluss mit Erinnerungen, wir wollten noch was tun.« Stefan stand schwungvoll von der Couch auf, streckte den Rücken kräftig durch und schob sich die Brille auf der Nase wieder zurecht. Nur widerwillig verließ Tamara die gemütliche Couch und das heimelige Gefühl von vertrautem Erlebtem, um sich wieder rätselhaften Unterlagen zu widmen.
Stefan schob ihr die Kopie eines Kontoauszugs hin. »Hast du noch andere Auszüge von diesem Konto in deinen Unterlagen gesehen?«
Tamara schüttelte den Kopf. »Nein, hier in diesem Stapel sind überhaupt keine Kontoauszüge. Aber …« Sie beugte sich tiefer über das Blatt, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht verlesen hatte. »Das ist HPe … Äh, was läuft denn da für ein Deal?«
»Ja, mir stellt sich da auch gleich mal die Frage, was HPe Event & Catering mit seinem härtesten Konkurrenten für ein abgekartetes Spiel am Laufen hatte. Noch will ich nicht glauben, dass Pellmann denen geliefert hat. Schon gar nicht, dass ausgerechnet die sich gegenseitig Aufträge zugeschustert haben. Außerdem ist das nicht das Geschäftskonto von Pellmanns alter Firma, das liegt definitiv bei einer anderen Bank. Und dann wüsste ich natürlich gern, wie Harry an solche Auszüge kommt. Und was er darin zu finden geglaubt hat.«
»Gute Fragen«, murmelte Tamara und rieb sich zum wiederholten Mal über die Augen. Die Dämmerung brach herein und es wurde Zeit für sie, sich für ihren Dienst fertigzumachen. Also verstauten sie die sortierten Papierstapel in Hüllen und ließen sie in einem Schub des Registerschranks verschwinden, dessen Schlüssel nach kurzem Hin und Her in Tamaras Jeanstasche wanderte.
Es versprach eine ruhige Nachtschicht für Tamara zu werden. Die beiden Intensivpatienten waren unauffällig: Das Pferd mit Kolik, dem sie tagsüber mit der kompletten Palette nicht-invasiver Behandlungsmöglichkeiten wohl eine OP ersparen konnten, döste mit angewinkeltem Hinterfuß, während die letzte vorgesehene Infusion in die Vene lief. Und der Hund mit Torsio ventriculi war bereits vollständig aus der Narkose aufgewacht und schnüffelte träge durch sein Revier. Alle anderen Tiere waren von der Tagschicht bestens versorgt und sahen einer weiteren normalen Nacht entgegen.
Der Klinikkomplex bestand aus zwei langgezogenen Gebäuden, dem alten Stall mit Außenboxen und Kleintierstation und dem neugebauten Trakt, in dem sich die beiden OPs, Aufwach- und Intensivboxen, Anmeldung und Büros befanden. Modernste Technik sorgte dafür, dass Tierärzte und Pflegepersonal Tag und Nacht auch bei voll belegter Klinik alle Patienten gut im Blick haben konnten. Während in dem für Besucher und Tierbesitzer zugänglichen Bereich die großen Schautafeln angebracht waren, in denen sich die Klinik mit ihrem Team und dem Angebot präsentierte, klebten in den Diensträumlichkeiten teils maschinen-, teils handgeschriebene Dienstpläne, Todo-Listen und Anweisungen. Die allgegenwärtigen Monitore waren am Rand zugepflastert mit Post-its in allen Farben. Man musste schon Insider sein, um begreifen zu können, dass in dem scheinbaren Chaos System steckte und jeder wusste, was dort für wen geschrieben stand.
Nach der Übergabe und einem prüfenden Rundgang zu Dienstbeginn setzte Tamara sich einen Tee auf, machte es sich im Überwachungsraum vor den Bildschirmen bequem und wanderte in Gedanken zurück zum Nachmittag. Es war ein komisches Gefühl gewesen, in Harrys Unterlagen zu schnüffeln, sein Praxisbüro, das Auto und vor allem seine Wohnung zu durchwühlen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie vor jeder neuen Mappe und vor jeder Schranktür Angst gehabt, etwas zu finden, das ihr Bild von Harry in Scherben legen könne. Sie war heilfroh um Stefans Anwesenheit, hatte ihm aber angesehen, dass er sich ähnlich unbehaglich fühlte.
Glücklicherweise war sie im Praxisbüro auch noch auf ihren Laptop gestoßen. Harry hatte sich das Gerät vor einer guten Woche ausgeliehen, weil seiner den Geist aufgegeben hatte. Und hier lag er ganz unschuldig und wartete auf den nächsten Einsatz am vierbeinigen Patienten. Tamara hatte ihn gleich in ihre Tasche geschoben, bevor der Kotzbrocken übernehmen würde und sich das gute Stück als Praxisinventar einverleibte.
Es half ja nichts! Wenn sie in Harrys Sinne weiterarbeiten wollten, dann mussten sie wissen, wie der Stand der Dinge war. Und vor allem: Sollte Harry tatsächlich einem Mord zum Opfer gefallen sein, brauchten sie jeden noch so kleinen Hinweis, um den Täter dingfest machen zu können. Sie ärgerte sich maßlos über die Polizei und speziell diesen Kommissar – wie konnte der sich nur so lässig darüber hinwegsetzen, dass Harry ganz offenbar etwas Brisantes entdeckt hatte? Und dann war er plötzlich tot? Das war doch ein augenfälliges Verdachtsmoment! Vielleicht musste sie sich diesen Sheriff selbst nochmal vorknöpfen, Stefan war manchmal einfach zu lieb.
Oder? Verrannte sie sich, wie Stefan so schön gesagt hatte, in eine fixe Idee? Wollte sie einfach die Augen verschließen vor der Tatsache, dass auch Harry sterblich war? Wenn auch gerade zum dümmsten Zeitpunkt. So war nun mal das Leben. Stefan kannte Harry und die Vereinsarbeit genauso gut wie sie – und er hielt Mord für unwahrscheinlich. Die Polizei hatte mehr als genug Erfahrung darin, Mord und Totschlag von natürlichem Tod zu unterscheiden, doch auch die hielten Harrys Tod nicht für Mord. War sie denn die Einzige, die da einen Zusammenhang, genauer gesagt: einen kausalen Zusammenhang sah?
Der für den lauten Tagesbetrieb eingestellte schrille Klingelton des Kliniktelefons riss sie aus ihren Gedanken. Nach elf, wer wollte denn um die Zeit noch etwas? Hoffentlich kein Notfall! »Tierklinik Freckenhorst, Sie sprechen mit Tamara Wagner, was kann ich für Sie tun?«
»Guten Abend, entschuldigen Sie, dass ich mich so spät noch melde. Kann ich die Klinikleitung sprechen, bitte?«
Die Frau mit der Stimme, die nach zehn Schachteln Zigaretten und einer Flasche Whisky am Tag klang. Tamara verdrehte die Augen und verbiss sich eine schnippische Bemerkung. »Tut mir leid, der Chef hatte Tagdienst, ich bin heute Nacht diensthabende Tierärztin.«
»Ach, wie dumm! Meine Hundesitterin …«
»Ja, Ihre Mirella ist hier. Sie kam heute Morgen mit einer Magendrehung, der Chef hat sie natürlich selbst operiert. Die OP ist soweit gut verlaufen, aber noch kann der Kreislauf zusammenbrechen.«
»Gott, mein armes Mäuschen! Ich möchte, dass alles für sie getan wird, hören Sie? Geld spielt keine Rolle, aber die Klinikleitung weiß das.«
Ja, ich auch. Sie mochte die Frau dafür, dass sie immer wieder Notfall-Tieren ein schönes Leben ermöglichte und auch medizinisch alles für diese Tiere tat – im letzten Jahr hatte sie den Gegenwert eines Mittelklassewagens in die Behandlung eines alten Zirkusesels gesteckt. Allerdings war es einfach, sich als Wohltäterin aufzuspielen, wenn man die Drecksarbeit und die durchwachten Nächte auf andere abwälzen konnte.
Mit einem Seufzer beendete sie das Gespräch, prüfte noch einmal mit einem Blick auf die Monitore, ob ihre beiden Sorgenkinder wohlauf waren, und ließ ihren Gedanken dann wieder freien Lauf. Die fanden sich rasch beim RVD. Natürlich hatte Harry denen mehr als einmal ein Bein gestellt, freilich gab es da ein paar Leute, die auf ihn überhaupt nicht gut zu sprechen waren, und sie war sich sicher, dass Harrys Entdeckung genau den RVD betraf – aber deshalb Mord? Wenn überhaupt, dann musste das ein Alleingang sein. Nur, von wem?
Und was war mit Susanne? Hatte Harry ihr wirklich gesagt, dass er verbrannt werden wollte? Das konnte sie sich nicht vorstellen, aber vielleicht waren sie in einem belanglosen Gespräch mal über dieses Thema gestolpert. War ja möglich. Aber warum hatte Susanne es damit so eilig? Hatte sie tatsächlich die Befürchtung, dass wer auch immer Harry sonst ins falsche Grab brächte? Oder hatte sie Gründe, Spuren verwischen zu wollen? Sie mochte es nicht glauben. Nein, Susanne und sie waren nicht die besten Freundinnen, aber sie musste zugeben, dass Harry Recht gehabt hatte, sie in den Vorstand zu holen. Mit ihren beruflichen und familiären Kontakten hatte sie für den Verein so manche Tür geöffnet, die für den Rest der Mannschaft einschließlich Harry sicherlich verschlossen geblieben wäre.
Trotzdem biss sich die Frage, ob sie ihr noch trauen konnte, wie eine Zecke in Tamaras Gedanken fest.
Ihre Überlegungen sprangen von Susanne zu Stefans Telefonat mit der Polizei, kamen aber nicht weit, denn der Blick auf den Monitor zeigte, dass die Infusion bei ihrem Koliker bereits durchgelaufen war. Mit leisen Worten betrat sie die Box des großen Braunen, der sich unwillig schüttelte, weil er immer noch angehängt war und sich nicht frei bewegen konnte. Sie zog den Anschluss ab und verschloss den venösen Zugang wieder, der sicherheitshalber am Pferd verbleiben würde. Mit geübten Griffen prüfte sie die Vitalfunktionen und lauschte mit dem Stethoskop den Darmgeräuschen. Das klang doch auf beiden Seiten schon nach deutlich mehr Aktivität, sehr schön! Ein paar aufmunternde Worte, Boxentüre schließen, den leeren Beutel vom Haken nehmen und auf dem Weg zurück in die große Entsorgungstonne werfen – fertig.
Dachte sie, denn in der Stallgasse drüben ertönte ohrenbetäubendes Gepolter. Was war denn da los? Die zickige Tinkerin würde doch nicht mitten in der Nacht eine Fehde mit ihrem Nachbarn anfangen? Im Laufschritt rannte Tamara um die Waschbox herum und an der Anmeldung vorbei. Nein, es war nicht die Tinkerstute. Die übergewichtige Schimmeldame zwei Boxen weiter hatte sich festgelegt. Schon zum zweiten Mal, seit sie vorgestern hier angeliefert worden war. Glücklicherweise lag sie diesmal wenigstens mit dem Rücken Richtung Tür.
Nachdem das Pferd sich auf ihren Zuspruch hin beruhigt hatte, schlang Tamara die Arme um seinen Hals und zog die Vorhand des schweren Tieres Stück für Stück von der Wand weg. Bereits bei der ersten Luftholpause versuchte die Stute sich freizustrampeln, scheiterte aber kläglich. Das schien ihr eine Lehre zu sein, von da an lag sie still und ließ sich helfen. Sie blieb so bierruhig, dass Tamara sie mit einem Klaps auf die Kruppe zu einem erneuten Aufstehversuch ermuntern musste, als schließlich Platz genug zwischen Beinen und Wand war.
Nicht ungefährlich! Wenn so ein sechshundert-Kilo-Tier aus misslicher Lage auf die Beine zu springen versuchte, nahm das wenig Rücksicht auf Kleinteile im Umfeld. Während etwa eine herausgerissene Futterkrippe oder Tränke durchaus mit bösen Verletzungen beim Pferd einhergehen konnten, zog ein Mensch, den das Pferd dabei gegen die Wand drückte, meist den Kürzeren. In diesem Fall verließ Tamara die Box aber rasch durch die Tür und sah von außen zu, wie die Schimmelkugel sich problemlos wieder auf alle Viere brachte.
Im Überwachungsraum schüttete sie den inzwischen kalt gewordenen Rest Tee aus ihrer Tasse weg und goss sich einen neuen aus der Thermoskanne ein. Ein Blick auf den Monitor zeigte ihr Mirella, die sich einen Ball aus dem Spielzeugkorb gemopst hatte und ihn langsam vor sich herschob. Sehr schön! Wo waren ihre Gedanken stehengeblieben? Ach ja, Stefans Telefonat mit dem Kommissar!
Himmel, warum tat die verdammte Polizei nichts? Tamara merkte, dass die Wut in ihr hochkroch. Sollte sie die Sache selbst in die Hand nehmen, wenn die schon ihren Arsch nicht hochbekamen? Da entdeckt jemand ganz etwas Brisantes und kurz darauf ist er tot – das war doch einfach zu viel Zufall, oder? Selbst wenn, und schon das glaubte Tamara nicht, Harry deswegen und weil er das garantiert öffentlich machen wollte, unter Strom stand.
Mit der Penetranz eines Ohrwurms schlich sich der verhasste Satz Misch dich nicht in Dinge ein, bei denen du nicht mal ansatzweise durchblickst! in ihr Bewusstsein. Vor ihr inneres Auge schoben sich Bilder, die sie nicht sehen wollte. Das völlig verheulte Gesicht ihrer damals besten Freundin würde ihr nie mehr aus dem Kopf gehen. Nein, wischte sie die Bedenken energisch zur Seite, das war nicht miteinander zu vergleichen.
Aber selbst wenn sie die Tatsache mal außer Acht ließ, dass sie immer noch keine Ahnung hatte, welchen Dingen Harry auf der Spur war, war das nicht einfach eine oder gleich ein paar Nummern zu groß? Mit welchem Gegner legte sie sich da an? Wenn es tatsächlich der RVD war, dann wohl mit Goliath. Wenn die sie vor Gericht zerren würden, konnte sie einpacken. Zudem hatte sie weder Harrys Wissen noch seine Statur oder sein souveränes Auftreten. Und bei aller Liebe und allem Engagement für die Pferde – sie hatte wenig Lust, Harrys Schicksal eines frühzeitigen Todes zu teilen.
Ein tiefer Seufzer, gefolgt von säuselndem Schnarchen, drang an ihr Ohr. Das musste der Haflinger sein, der an der Sehne operiert worden war und die Box neben Tamaras Überwachungsraum hatte. Der klang genauso wie Harry, wenn er mal wieder über seinem Schreibkram eingeschlafen war oder ein Nickerchen als Beifahrer halten konnte. Und schon vermisste sie ihn wieder. Einer Diaschau gleich blitzten die Erinnerungen auf. Wie dröhnend er lachen konnte, wenn ihn etwas richtig amüsierte. Und wie geduldig er Kindern etwas erklären konnte, wenn sie mit ihren Kleintieren in die Praxis kamen. Ja, manchmal war er selbst noch ein Kind!
Sie hatten mal auf der Fahrt zu einer Fortbildungsveranstaltung stundenlang Geheimsprachen analysiert und geübt. Am besten hatte ihm die ›nach Strickmuster‹ gefallen: ›Wie bei den Maschen‹, hatte er gesagt, ›zwei stricken, eine fallenlassen, zwei rechts, eine weg, zwei links, eine weg – zwei Silben aussprechen, die dritte weglassen, zwei Silben umdrehen, eine weglassen‹. Es war alles andere als einfach, die Sätze so hinzukriegen und manchmal noch schwieriger, sie wieder zu decodieren, aber sie hatten mächtig Spaß gehabt.
Das fröhliche »Guten Morgen« der Tierpflegerin, die morgens stets als erste eintraf, ließ Tamara heftig zusammenfahren. War es wirklich schon sechs Uhr? Tatsächlich hatte sie geradezu im Routine-Halbschlaf alle Kontrollgänge durchgeführt, die Monitoringdaten stündlich eingetragen und eine weitere Nachtschicht ohne besondere Ereignisse hinter sich gebracht. »Ist was vorgefallen?«, fragte Meike wie immer.
»Morgen! Nein, alles in bester Ordnung. Auch Prinzessin Mirella und die Gaskolik sind völlig unauffällig. Sieht gut aus für die beiden, hm?« Nach einer reibungslosen Übergabe und den besten Wünschen für die Tagschicht entschied Tamara, noch eine große Runde auf dem Weg nach Hause zu drehen, um den Kopf richtig durchzulüften. So ganz wollte es nicht gelingen, da gab es einfach zu viele Fragen und Unwägbarkeiten. Als sie den Schlüssel ins Schloss rammte, stand ihre Entscheidung fest. »Es muss Mord gewesen sein! Und ich werde nicht zusehen, wie das einfach so abgetan und im Sand verlaufen lassen wird.«
Wärme und ein bisschen abgestandene Luft empfingen sie. Spatzennest hatte sie die Zweizimmerwohnung getauft, als Corinna sie für die Bezeichnung ›Adlernest‹ ausgelacht hatte. Rasch öffnete sie die Fenster, um die frische Mailuft hereinzulassen. Sie liebte den Blick ins Grüne vom kleinen Balkon aus, sie genoss es, im Schlafzimmer von der Morgensonne geweckt zu werden, sie mochte ihre Raumwunder-Küche mit dem praktischen Esstisch, den Stefan ihr damals zum Einzug geschenkt hatte.
Seinen Platz hatte der Tisch gegenüber vom Herd in der Nische, von wo aus man in den kleinen Flur blickte – und auf das große Portrait von Tamaras bislang einzigem eigenen Pferd. Ihr »Bubi«, dessen aufmüpfiges Spielgesicht seine Reitbeteiligung damals mit ihrem fotografischen Talent perfekt eingefangen hatte. Viel zu jung war er gestorben; mit gerade mal fünfzehn hatte eine unachtsame Pflegerin ihn auf die falsche Koppel gelassen, wo er prompt den Tritt eines anderen Pferdes abbekommen hatte. Der Splitterbruch war freigelegen, so messerscharf hatte das Hufeisen Haut, Fleisch und Sehnen mit durchtrennt. Harry hatte ihn nur noch von seinen Schmerzen erlösen können.
Ein paar von wirren Träumen durchzogene Stunden Schlaf später trug Tamara zusammen mit ihrer verspäteten allmorgendlichen Tasse Früchtetee einen Block und einen Stift an den Esstisch und machte sich an eine To-do-Liste. In die linke Spalte füllte sie Namen, rechts fügte sie ein, was die Personen zu Harrys Erkenntnissen wissen könnten. Ganz oben auf der Liste standen schließlich drei Dinge: Harrys Arzt anrufen, bei der Polizei nachhaken und ein Telefonat mit Jo Kempter.
Punkt eins der Liste nahm Tamara sofort in Angriff. Sie hatte das Glück, nach den obligaten Rückfragen mit dem Arzt selbst verbunden zu werden. Man kannte sich, schließlich zählte nicht nur sein Reitpferd zu Harrys und ihren Patienten, sondern er war auch ihr Hausarzt und hatte sie mit größeren und kleineren Blessuren schon häufiger zu Gesicht bekommen als ihr lieb war. Tamara zwang sich zu ein paar Sätzen Small Talk, um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, und hakte schließlich bei der Aussage des Arztes ein, Dr. Schurrer sei ›so vital und voller Elan‹ gewesen. Natürlich pochte er auf seine ärztliche Schweigeplicht und bedauerte, ihr keine Auskünfte geben zu dürfen.
»Hören Sie, es geht um mehr als einfach nur seinen Tod.« Tamara konnte seine Zweifel förmlich durchs Telefon hören.
»Ja, ich weiß. Der Arztkollege, der Samstag Dienst hatte und den Totenschein ausstellen musste, hat mich schon gelöchert. Ist ja noch sehr unerfahren, der Mann.«
»Und ich bin mir recht sicher, dass jemand bei seinem Tod …« Tamara hielt für einen Moment inne. »… nachgeholfen hat.«
Die Überraschung des Arztes war mit Händen zu greifen. »Mord?«, erklang auch prompt die ungläubige Frage, bevor er sich wieder gefasst hatte. »Dann wird die Polizei sich schon bei mir melden.«
»Eben nicht. Die sehen das offenbar anders. Noch jedenfalls. Ich brauche jedes greifbare Argument, um die zum Ermitteln zu bringen. Und es wäre sicher auch in Dr. Schurrers Sinn, da nachzubohren.« Ihr Gesprächspartner schwieg, offenbar war er noch nicht überzeugt, dass er etwas dazu beitragen könnte. »Wenn ich wenigstens sicher wüsste, ob ihm etwas gefehlt hat oder nicht?«
»Verstehe.« Der Arzt schnaufte hörbar tief durch. »Sie bringen mich in Teufels Küche, wenn das rauskommt, das ist Ihnen hoffentlich klar?«
Angebissen, dachte Tamara und hakte im Geiste den ersten Punkt ihrer Liste ab.
Genervt rieb Forster sich die Schläfen, verflixte Kopfschmerzen! Das Letzte, was er jetzt gebraucht hatte, war diese dröhnende Stimme am anderen Ende der Leitung, die wie besessen auf ihn einredete und sich über die Unfähigkeit des Kollegen ausließ. Wer um alles in der Welt hatte das Telefonat bloß zu ihm durchgestellt? Klar, dass Vera schadenfroh grinste, als sie – zwei Kaffeebecher in den Händen, eine Mappe mit einem aktuellen Vorgang unter dem Arm und ihre riesige Tasche ausbalancierend – ins Dienstzimmer kam und der Tür einen kleinen Fußtritt verpasste.
Sein Gehirn schaltete ganz automatisch auf Durchzug, während die pittoreske Kuckucksuhr, die sein Vorgänger dem Dienstzimmer vermacht hatte, auf dem Aktenschrank tickte. Lauter als sonst, wie er fand.
Er hätte die Finger von dem verdammten Rotwein lassen sollen und geschlafen hatte er in den letzten Tagen ohnehin viel zu wenig. Musste er gestern auch ausgerechnet der »Happy Family« aus seiner Ex und seinem Kumpel aus guten Zeiten über den Weg laufen?
»Grattler«, quittierte er das Gespräch, als er den Hörer endlich aus der Hand legen konnte. Passte auch für seinen Kumpel. Vera rollte mit den Augen, sie mochte es nicht, wenn er ins Bayerische fiel.
»So ein Telefonat am Montagmorgen hast selbst du nicht verdient.« Mit mitleidigem Gesichtsausdruck schob sie ihm schließlich einen der Kaffeebecher hin, bevor sie einen ordentlichen Schluck Milch in ihren eigenen Becher goss und begann, im üblichen Chaos auf ihrem Schreibtisch nach den Schlüsseln für den Rollcontainer zu suchen. »Irgendwas Spannendes am Wochenende?«
»Nee«, brummte er und prüfte dann vorsichtig, ob der Kaffee schon Trinktemperatur hatte. »Ein Toter im Dreiländereck, aber wohl kaum unser Problem.«
Veras Hand verharrte schwebend über dem Stift. Dennis blieb abrupt in der soeben aufgestoßenen Tür stehen. »Wieso wissen wir da nix von? Und was für’n Dreiländereck?«
»Dir auch einen guten Morgen.« Forster musste schmunzeln. Vera hatte es einfach drauf, einen derartigen Vorwurf in ihre Mimik und ihren Tonfall zu legen, dass selbst jemand wie Dennis das kapierte.
»Die südöstliche Ecke der Kernstadt, wo es nach Vohren und Freckenhorst geht«, antwortete sie Dennis dann.
»Recht bekannter Pferdearzt«, erläuterte Forster seinen Kollegen. »Ist in seiner Wohnung offenbar vom Stuhl gekippt. Ausgerechnet dieser linkische Neuling hatte Dienst, worauf meine netten ESD-Kollegen mal lieber gleich mich aus dem Bett geklingelt haben.«
»Wer?«, fragte Vera.
»Na, dieser Muttersöhnchen-Typ, der aussieht, als wenn er wegen Einser-Abi Medizin studieren musste.«
»Ach, dat Weichei mit dem Totfisch-Händedruck, der immer in blassblauen Opa-Pullundern rumläuft?« Forster nickte.
Das Wochenende hatte so schlecht angefangen, wie es geendet hatte. Um halb acht war am Samstagmorgen die Nacht vorbei gewesen, er war für den strömenden Regen alles andere als passend angezogen und auf dem Weg zum Auto prompt in eine riesige Pfütze getreten, was seine Laune kein bisschen gehoben hatte. Mit nassen Füßen hatte er dann vor der Leiche dieses Bären von einem Doc gestanden. Und vor seiner völlig aufgelösten Haushaltshilfe.
Wie immer, wenn es um die Frage Tatort oder nicht ging, hatte Forster sich aufmerksam umgesehen, wusste zudem mittlerweile, dass die siebzehnjährige Tochter des Toten bei ihm in der Wohnung lebte, dass er einen gewöhnlichen Rechner aus dem Supermarkt und ein Samsung-Smartphone genutzt und dass er, schon aus beruflichen Gründen, einen großen dunkelgrauen Mercedes-Van gefahren hatte. Das lange blonde Haar, das auf dem Tisch lag und weder zur dunkelhaarigen Putzfrau noch zur Tochter mit raspelkurzem schwarzgefärbtem Haar passte, hatte er fein säuberlich mit Handschuhen in einen Plastikbeutel verpackt. Noch steckte der in seiner Jackentasche.
Es gab keine Einbruchsspuren; er war sich mit dem untersuchenden Arzt einig, dass keinerlei Verletzungen zu erkennen waren; nach Angaben der vor Aufregung immer wieder in ihre Muttersprache fallenden Putzfrau war weder etwas durchwühlt worden noch fehlte etwas. Dummerweise hatte die Frau zwei Weingläser, die auf dem Tisch standen, bereits abgewaschen, bis die Kollegen vor Ort eintrafen. Verlust von Spuren, mit dem man leider im Polizeialltag leben musste. Allerdings konnte er aus ihr noch herauskitzeln, dass an einem der Gläser Lippenstiftspuren zu erkennen gewesen waren.
Der Arzt war mit Bestimmtheit dabei geblieben, dass Herzversagen die Todesursache war, auch sonst wies nichts auf Fremdverschulden hin. So hatte Forster seelenruhig zugesehen, wie das Doktorchen bemüht souverän das Kreuz bei »Natürlicher Tod« setzte, und war dann wieder gefahren.
»Ja, so kann’s gehen.« Ein reichlich schmieriges Grinsen breitete sich über Dennis’ Gesicht aus. »Damenbesuch kann schon mal aufregend sein. Übrigens, gibt’s schon Kaffee?«
»Na, du musst es ja wissen.« Vera verzog spöttisch den Mund, bevor sie dem Kollegen mit einem Kopfnicken in Richtung Teeküche bedeutete, sich seinen Muntermacher selbst zu holen.
Dennis brauchte sicher eine Viertelstunde, bis er wieder aufkreuzte, und statt eines Kaffees hatte er Besuch mitgebracht.
Hinter ihm schob sich ein rotbrauner Lockenkopf durch den Türspalt, dem kurz darauf der Rest einer kräftigen, nicht besonders großen Frau folgte. »Guten Morgen! Ich suche den Kommissar, der am vergangenen Wochenende beim Todesfall Schurrer Dienst hatte.« Vera wechselte einen verdutzten Blick mit ihm.
Wie konnte man um diese Uhrzeit schon so einen Ton draufhaben? Forster seufzte. Wer war das nun wieder? Ihm hatten die aufgelöste Putzfrau, die völlig fertige Tochter und diese theatralische Heulsuse am Samstag schon gereicht. Der Doc musste einen ganzen Harem unterhalten. »Forster«, stellte er sich vor, wies kurz auf Vera, »die Kollegin Chakrow.«
Ein »Wagner« schaffte es zur Vorstellung gerade noch über ihre Lippen. »Hören Sie, Sie können das nicht mal eben als natürlichen Tod abtun. Man stirbt nicht einfach so, ein paar Tage nachdem man derart brisantes Material gefunden hat.« Herausfordernd funkelte die Frau ihn an, ganz offenbar wartete sie auf Antwort.
»Frau – Wagner, sagten Sie? Sie sollten uns erst einmal erklären, in welcher Beziehung Sie zu dem verstorbenen Dr. Schurrer standen.«
»Was tut das jetzt zur Sache? Hören Sie, Dr. Schurrer ist ermordet worden, da bin ich mir ganz sicher. Und es wäre Ihre Aufgabe, den Mörder zu finden und dingfest zu machen.«
»Interessante Theorien.« Er versuchte sich an einem verbindlichen Lächeln, befürchtete aber, dass es ihm nicht ganz gelang. »Und wie standen Sie nun zu ihm?«
Ein abgrundtiefer Seufzer, dem man zehn Meilen gegen den Wind anhörte, was die Frau von ihnen hielt. Die hatte wohl zu viele Fernsehkrimis gesehen, wenn sie dachte, dass sie jetzt sofort nach Jacke und Waffe greifen und losstürmen würden.
»Gute Freundin, aktive Mitstreiterin im Verein, Mitarbeiterin – suchen Sie sich was aus, trifft alles zu.«
Warum, konnte er nicht sagen, aber einem kleinen Teil in ihm tat es leid, sie abschmettern zu müssen. »Jetzt? Muss ich Ihnen sagen, dass ich Ihnen nicht einmal Auskünfte geben darf, weil Sie weder mit Dr. Schurrer verwandt noch seine Ehefrau, Verlobte oder Lebensgefährtin sind.«
Er registrierte, dass sie die Hand in ihrer Jackentasche zur Faust ballte. Anscheinend beruhigte sie ihre Nerven mit Zählen, denn es dauerte einige Momente, bis sie ihre Sprache wiederfand. Sie war weder richtig schlank noch irgendwie fett, stellte er unpassenderweise fest. Kräftig, fand er, war das richtige Wort. Ja, doch, das glaubte er schon, dass sie zupacken konnte. Was hatte sie gesagt? Angestellte des Tierarztes? Da musste sie wohl auch hinlangen können. Er versuchte sie sich bei der Behandlung eines Pferdes vorzustellen. Oder beim Festhalten eines großen Hundes.
