Verliebt in deine schönsten Seiten - Emily Henry - E-Book

Verliebt in deine schönsten Seiten E-Book

Emily Henry

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9,99 €

Beschreibung

Die Romance-Autorin und der Literat:
charmante romantische Komödie über Bücher, das Leben und natürlich die Liebe

Wie schreibt man einen Liebesroman, wenn die eigene Beziehung gerade in die Brüche gegangen ist?
In einem idyllisch gelegenen Strandhaus hofft die New Yorker Romance-Autorin January, ihre Schreibblockade zu überwinden, denn der Abgabetermin für ihren neuesten Liebesroman rückt unerbittlich näher. Gleich am ersten Abend beobachtet January eine wilde Party bei ihrem Nachbarn – der sich ausgerechnet als der arrogante Gus herausstellt, mit dem sie vor Jahren einen Schreibkurs besucht hat. Als January erfährt, dass Gus ebenfalls in einer veritablen Schreibkrise steckt, seit er sich vorgenommen hat, den nächsten großen amerikanischen Roman zu verfassen, hat sie eine ebenso verzweifelte wie geniale Idee: Sie schreiben einfach das Buch des jeweils anderen weiter! Ein Experiment mit erstaunlichen Folgen …

»Verliebt in deine schönsten Seiten« ist das Debüt der amerikanischen Autorin Emily Henry: eine moderne, locker-leicht erzählte romantische Komödie über zwei Autoren mit erheblichen Vorurteilen gegen das Genre des jeweils anderen, über die Liebe zu Büchern und zum Lesen und natürlich über das Suchen (und Finden) der ganz großen Liebe, die sich gerne da versteckt, wo man sie am wenigsten erwartet.

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Seitenzahl: 460

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Emily Henry

Verliebt in deine schönsten Seiten

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Naumann

Knaur e-books

Über dieses Buch

Wie schreibt man einen Liebesroman, wenn die eigene Beziehung gerade in die Brüche gegangen ist?

In einem idyllisch gelegenen Strandhaus hofft die New Yorker Romance-Autorin January, ihre Schreibblockade zu überwinden, denn der Abgabetermin für ihren neuesten Liebesroman rückt unerbittlich näher. Gleich am ersten Abend beobachtet January eine wilde Party bei ihrem Nachbarn – der sich ausgerechnet als der arrogante Gus herausstellt, mit dem sie vor Jahren einen Schreibkurs besucht hat. Als January erfährt, dass Gus ebenfalls in einer veritablen Schreibkrise steckt, seit er sich vorgenommen hat, den nächsten großen amerikanischen Roman zu verfassen, hat sie eine ebenso verzweifelte wie geniale Idee: Sie schreiben einfach das Buch des jeweils anderen weiter! Ein Experiment mit erstaunlichen Folgen …

Inhaltsübersicht

Kapitel einsKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenKapitel achtKapitel neunKapitel zehnKapitel elfKapitel zwölfKapitel dreizehnKapitel vierzehnKapitel fünfzehnKapitel sechzehnKapitel siebzehnKapitel achtzehnKapitel neunzehnKapitel zwanzigKapitel einundzwanzigKapitel zweiundzwanzigKapitel dreiundzwanzigKapitel vierundzwanzigKapitel fünfundzwanzigKapitel sechsundzwanzigKapitel siebenundzwanzig
[home]

Kapitel eins

Das Haus

Ich war gerade durch die Tür des Strandhauses getreten, als mein Telefon klingelte.

»Wie ist es denn?«, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung ohne Umschweife. »Gibt es eine Sexhöhle?«

»Shadi?«, riet ich.

»Ich mache mir ernsthaft Sorgen darüber, dass ich offenbar der einzige Mensch bin, der dich extra anruft, um dich das zu fragen«, antwortete sie.

»Du bist der einzige Mensch, der überhaupt von dem Liebesnest weiß«, sagte ich. Dann stellte ich die Kiste Gin, die ich gerade trug, auf den Küchentresen aus Granit.

»Ich bin nicht die Einzige, die davon weiß«, widersprach Shadi.

Das stimmte, rein technisch gesehen. Ich hatte vor einem Jahr herausgefunden, dass mein Vater ein geheimes Haus am See besaß, und zwar bei seiner Beerdigung, aber Mom hatte schon viel länger davon gewusst, und natürlich war Diese Frau schon von Anfang an eingeweiht gewesen. »Gut«, sagte ich. »Du bist der einzige Mensch, dem ich davon erzählt habe. Aber gib mir noch eine Sekunde. Ich bin gerade erst hier angekommen.«

»Buchstäblich?« Shadi atmete schwer, was darauf schließen ließ, dass sie gerade zur Arbeit ging. Da wir so unterschiedliche Tagesabläufe hatten, unterhielten wir uns meistens zu dieser Zeit.

»Nein, metaphorisch«, konterte ich. »Buchstäblich bin ich schon seit Stunden hier, aber erst jetzt habe ich das Gefühl, angekommen zu sein.«

»So weise«, bemerkte Shadi. »So tiefsinnig.«

»Pssst«, machte ich. »Ich nehme das alles in mich auf.«

»Und such nach der Sexhöhle!«, beeilte sich Shadi zu sagen, als wollte ich schon auflegen.

Das tat ich nicht. Ich presste nur das Handy ans Ohr, hielt den Atem an, versuchte, das heftig pochende Herz in meiner Brust zu beruhigen, und schaute mich im zweiten Zuhause meines Vaters um.

In seinem zweiten Leben, dachte ich.

Das Erdgeschoss war offen geschnitten. Das Wohnzimmer ging in die Küche mit einer Essecke über. Die ganze Wand bestand aus Fenstern, durch die man auf eine Terrasse und den See darunter sehen konnte. Wäre es Moms Haus gewesen, hätte das Mobiliar aus cremefarbenen Stücken bestanden, die Bilderrahmen an den Wänden dagegen wären strahlend weiß gewesen, um die Naturdrucke hinter dem Glas besser zur Geltung zu bringen. Ihr Geschmack war spießig, aber sie machte es trotzdem gut – bis der Krebs zum zweiten Mal zurückkam, war sie Innenarchitektin gewesen.

Der unkonventionelle Raum, in den ich getreten war, hätte besser in Shadis Wohnung als in das Haus meiner Eltern gepasst. Mir wurde ein bisschen übel dabei, mir meinen Dad hier vorzustellen, inmitten all der Dinge, die Mom niemals ausgesucht hätte – der dunkelfleckigen eingebauten Bücherregale und des durchgesessenen niedrigen, aber sehr raumgreifenden Sofas, das mit handgewebten Kissen übersät war.

»Und?«, fragte Shadi. »Wie ist es?«

»Langsam frage ich mich, ob Dad wohl Gras geraucht hat.«

»O Gott – ist es ein Gewächshaus?« Shadi klang begeistert. »Du hättest den Brief lesen sollen, Janie. Das war alles nur ein Missverständnis. Dein Dad hinterlässt dir das Familienunternehmen. Diese Frau war seine Geschäftspartnerin.«

Wie schlimm war es, dass ich mir wünschte, sie hätte recht? Dass die Frau, die auf Dads Beerdigung mit einem Brief und einem Hausschlüssel auftauchte, tatsächlich nur seine Partnerin in irgendeiner illegalen Aktivität gewesen wäre, statt seine Langzeitgeliebte?

»Es ist kein Gewächshaus«, sagte ich, schob die Glastür auf und trat auf die sonnenverblichene Holzterrasse hinaus. »Es sei denn, das Gras ist im Keller.«

»Auf keinen Fall«, versetzte Shadi. »Da ist ja schon die Sexhöhle.«

»Können wir vielleicht über etwas anderes sprechen?«

»Du meinst das Geisterauge«, sagte Shadi sofort, bereit, mich von den Schrecken meiner Situation abzulenken. Wenn sie nur weniger als vier Mitbewohner in ihrer schuhkartonkleinen Wohnung in Chicago hätte, dann würde ich bei ihr wohnen und nicht hier, dem letzten Ort auf Erden, an dem ich gern sein wollte. Um ehrlich zu sein, stand das allerdings nie zur Debatte. Ich war absolut außerstande, irgendetwas geregelt zu kriegen, wenn Shadi und ich zusammen waren, und so finster, wie meine finanzielle Situation aussah, war dies meine letzte Hoffnung: Ich würde mich in meine persönliche (und mietfreie) Hölle verkriechen, bis ich zumindest das Exposé für mein nächstes Buch fertig hatte und mir wieder eine Wohnung leisten konnte.

»Natürlich meine ich das Geisterauge«, sagte ich. »Erzähl mir alles.«

»Hat immer noch nicht mit mir geredet«, seufzte Shadi wehmütig, »aber ich kann sozusagen spüren, wie er mich ansieht, wenn wir zusammen in der Küche sind.«

»Na klar«, sagte ich. »Das ist ja auch ein Geisterauge.«

»Ich glaube, ich spüre sein echtes Auge. Das, das nicht aus Glas besteht. Weil wir eine Verbindung haben.«

»Machst du dir nicht Sorgen, dass deine Verbindung vielleicht nicht zu dem Typen mit dem Glasauge besteht, sondern zu dem Geist des Mannes, der das Glasauge vor ihm getragen hat? Oder der Frau? Was tust du, wenn du merkst, dass du dich in einen weiblichen Geist verliebt hast, der von einem lebenden Mann Besitz ergriffen hat?«

»Ähmmm.« Shadi dachte einen Moment lang nach. »Ich glaube, ich muss meine Tindr-Bio aktualisieren.«

Eine warme Brise kräuselte die glitzernden Wellen am Fuß des Hügels, zausten mein Haar und wehten mir die braunen Locken über die Schultern. Tief in meiner Brust spürte ich ein Ziehen. Das geschah immer wieder, auch schon bevor ich von Dieser Frau erfahren hatte.

Seit dem Tag, an dem mich Mom anrief und mir sagte, dass Dad einen Schlaganfall gehabt habe, dass er tot sei, hatte ich das Gefühl, als versuchte einer der Xenomorphs aus den Alien-Filmen aus meinem Körper auszubrechen, als drückte er gegen meine inneren Organe und die Haut, um zu testen, wie weit sie sich dehnen ließ, bis sie riss.

Shadi, das bemerkte ich erst jetzt, hatte weitergesprochen. Noch mehr über das Geisterauge. Geisterauge hieß eigentlich Ricky, aber wir nannten ihn nie so. Über Shadis Liebesleben sprachen wir immer verschlüsselt. Da war dieser ältere Mann, der das großartige Seafood-Restaurant (The Fish Lord) leitete, dann war da ein Typ, den wir Mark nannten, weil er aussah wie ein anderer, berühmter Mark (die Einzelheiten waren ein bisschen undurchsichtig; ich konnte mich weder daran erinnern, welchem Mark er angeblich ähnelte, noch, wie er wirklich hieß), und jetzt war da ihr neuer Mitarbeiter, der sandblondes Haar hatte, ein dunkelbraunes Auge und ein leuchtend blaues Glasauge. Bisher war es ihr noch nicht gelungen herauszufinden, wie er sein Auge verloren hatte, aber wir gingen regelmäßig alle Möglichkeiten durch.

An der Terrassenkante blieb ich stehen und folgte mit meinem Blick dem gewundenen Pfad, der zu dem schmalen Sandstreifen hinabführte, gegen den die Wellen schlugen. Ich stellte mir vor, wie Dad am Seeufer entlangging, Hand in Hand mit Dieser Frau, und der Schmerz loderte erneut auf.

Ich versuchte, mich auf die Außenwelt zu konzentrieren: auf den Klang der sanft brechenden Wellen, die fluffigen Wölkchen am Himmel. Wenn das hier ein Häuschen wäre, das ich gemietet hätte, wäre es der perfekte Ort, um das Manuskript zu schreiben, das ich Sandy Lowe Books versprochen hatte.

Ich hörte Shadi wieder zu, als sie gerade sagte: »Am Wochenende des vierten Juli? Kann ich dich dann besuchen?«

»Das ist noch mehr als einen Monat hin«, stöhnte ich. In einer vollkommenen Welt würde ich dann gar nicht mehr hier sein. Wenn es sein musste, würde ich das Buch schreiben, während ich das Haus zum Verkauf anbot und darauf wartete, bis es jemand kaufte. Aber im Idealfall würde sich jemand dieses Grundstück direkt am Seeufer schon nach ein paar Tagen schnappen, und ich würde mich kurz darauf mit dem Geld auf die Suche nach einer Wohnung machen, sodass ich das Buch in meinem neuen Zuhause fertig schreiben konnte.

Sei nicht albern, January. Wenn du das Buch nicht JETZT schreibst, bringst du nur das Geld durch, das du aus dem Hausverkauf bekommst, und dann stehst du wieder am Anfang, aber ohne das mietfreie Haus.

Wenn ich das Buch fertig schreiben, ein paar Monate lang mietfrei leben und das verdammte Strandhaus samt Mobiliar noch diesen Sommer verkaufen könnte, würde ich wieder relativ komfortabel leben. Vielleicht nicht wieder in New York, aber an einem weniger teuren Ort.

Ich nahm an, dass Duluth erschwinglich wäre. Mom würde mich dort nie besuchen, aber wir hatten uns im vergangenen Jahr ohnehin nicht sehr oft besucht.

Wir hatten unsere Ausreden. Ich hatte das zurückgelegte Geld für meinen Besuch zu Thanksgiving für den Flug nach Hause zur Beerdigung ausgeben müssen; sie musste jeden Job annehmen, den sie bekommen konnte, um die (winzige) Miete allein aufzubringen – aber wir kannten beide die Wahrheit.

Wir mieden einander. Ich hatte zwei liebevolle Eltern gehabt und einen langjährigen Freund, der mit mir zusammenwohnte, und jetzt hatte ich nur noch Shadi, meine viel zu weit weg wohnende beste Freundin.

»Der vierte Juli ist viel zu lang hin«, beschwerte ich mich erneut.

»Ich weiß, Süße, aber ich kann doch nicht durch die Gegend jetsetten wie meine berühmte BFF.«

»Jet-setten? Du wohnst in Chicago. Du bist haargenau drei Fahrtstunden von mir entfernt.«

»Ja, und ich kann nicht Auto fahren.«

»Dann solltest du den Führerschein vielleicht zurückgeben«, meinte ich.

»Glaub mir, ich warte nur noch darauf, dass er ungültig wird. Ich werde mich so frei fühlen, wenn meine Referenzen endlich zu meinen Fähigkeiten passen. Ich hasse es, dass die Leute glauben, ich könnte Auto fahren, nur weil ich das vor dem Gesetz kann.«

Es stimmte. Shadi war eine schreckliche Autofahrerin. Sie schrie jedes Mal, wenn sie nach links abbiegen musste und ihr jemand entgegenkam, ob das betreffende Auto nun noch anderthalb Kilometer entfernt war oder nur noch hundert Meter.

»Süße, du weißt, wie schwierig es ist, in dem Business freizubekommen. Ich habe Glück, dass mein Chef mir den vierten Juli genehmigt hat. Vermutlich erwartet er jetzt, dass ich ihm dafür einen blase.«

»Auf keinen Fall. Blowjobs gibt es nur für den Jahresurlaub. Was du ihm dafür bieten kannst, ist ein guter alter Fußjob, quid pro quo.«

Ich wandte mich von der Aussicht ab und kreischte beinahe auf. Auf der Terrasse neben meiner spitzte über der Rückenlehne eines Liegestuhls ein brauner Lockenkopf hervor. Einen seligen Moment lang redete ich mir ein, dass der Nachbar im Liegestuhl eingeschlafen war, dass unser erstes Zusammentreffen absolut gar nicht von dem Ausdruck guter alter Fußjob oder dem Gras im Keller oder so ziemlich allem anderen überschattet sein würde, was ich Shadi in unserem Gespräch gesagt hatte. Aber dann beugte er sich vor und griff nach seiner eiskalten Bierflasche, die auf dem Tischchen neben ihm stand, nahm einen Schluck und lehnte sich wieder zurück.

»Du hast ja so was von recht. Ich müsste nicht mal meine Crocs ausziehen«, sagte Shadi am anderen Ende. »Jedenfalls bin ich jetzt bei der Arbeit angekommen. Aber sag mir Bescheid, wenn du Drogen oder Ledergeschirr im Keller findest.«

Ich wandte mich von der Nachbarterrasse ab, fasste mich wieder und erklärte: »Ich schaue nicht nach, bis du mich besuchst.«

»Frech«, bemerkte Shadi.

»Druckmittel«, sagte ich. »Hab dich lieb.«

»Hab dich lieber«, entgegnete sie und legte auf.

Ich klatschte das Handy in meine Handfläche, wandte mich wieder zum Lockenkopf um und wartete, dass er mich bemerkte, damit ich mich vorstellen konnte. Ich kannte keinen meiner Nachbarn in New York, aber hier waren wir in Michigan. Und nach allem, was mir mein Dad aus seiner Kindheit in North Bear Shores erzählt hatte, war ich vollkommen darauf vorbereitet, diesem Mann irgendwann einmal Zucker leihen zu müssen (Notiz: muss Zucker kaufen). Nach einer Weile hatte er sich immer noch nicht umgedreht, also räusperte ich mich demonstrativ.

Wieder beugte er sich vor, um einen Schluck Bier zu nehmen, und lehnte sich dann erneut im Liegestuhl zurück, ohne sich zu mir umzudrehen.

Ich trat an das Geländer und rief verlegen durch eine Lücke: »Entschuldigen Sie die Störung!«

Er winkte lässig mit der Hand. Ich erkannte ein Buch in seinem Schoß, aber nicht, was es für eines war. »Was soll mich wohl an Fußjobs als Währungseinheit stören?«, fragte er gedehnt mit rauchiger, gelangweilter Stimme.

Ich schnitt eine Grimasse und suchte nach einer Entgegnung – irgendeiner Entgegnung. Aber mein Kopf war so leer wie jedes Mal in letzter Zeit, wenn ich Microsoft Word öffnete.

Na gut, vielleicht war ich im vergangenen Jahr ein bisschen eigenbrötlerisch geworden. Vielleicht war ich mir nicht einmal mehr ganz sicher, womit ich das Jahr überhaupt verbracht hatte; jedenfalls nicht damit, Mom zu besuchen, und auch nicht, ein Buch zu schreiben, und ganz sicher nicht, meine Nachbarn nach Strich und Faden um den Finger zu wickeln.

»Na egal«, presste ich schließlich hervor. »Ich wohne hier jetzt nämlich.«

»Dann lassen Sie mich wissen, falls Sie mal Zucker brauchen«, entgegnete er mit einem erneuten desinteressierten Winken, als könnte er meine Gedanken lesen, ohne auch nur in meine Richtung zu schauen, und genösse die Gelegenheit, sie ins Lächerliche zu ziehen. »Oder eine Wegbeschreibung zum nächsten Sex-Fetisch-Laden.«

»Ich warte dann einfach darauf, dass Sie losfahren, und folge Ihnen unauffällig«, zickte ich zurück. Er lachte, ein raues, kratziges Geräusch, drehte sich aber immer noch nicht zu mir um.

»War schön, Sie kennengelernt zu haben«, fügte ich sarkastisch hinzu. Dann drehte ich mich um, um durch die gläserne Schiebetür zurück ins Haus zu gehen.

»Lügnerin«, hörte ich ihn brummen, bevor ich die Tür schloss.

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Kapitel zwei

Der Nachbar

Mit dem Schreiben von Liebesromanen ist es so: Es hilft, wenn man daran glaubt.

Und mit mir ist es so: Ich hatte immer gedacht, meine Eltern wären ein vorbildliches Paar.

Meine Mom, der zarte Gesellschaftsschmetterling, Inneneinrichterin der besten Sorte und eisenharte zweimalige Krebsüberlebende. Mein Dad, ein Koloss von einem Mann, Software-Händler, der die Wochenenden draußen auf dem Boot und die Nächte zusammengerollt auf dem Sofa mit irgendeiner sinnlos langen Biografie verbrachte. Die beiden waren total gegensätzlich und passten doch irgendwie perfekt zusammen.

Sie ordnete die herumliegenden Bücher und pickte die Popcornkerne und Münzen vom Boden auf, die er im Haus herumliegen ließ, und er zog sie vom Ausguss weg, um direkt in der Küche mit ihr einen Walzer aufs Parkett zu legen. Eine Liebe wie die ihre war immer mein Ziel gewesen.

Bis zum Tag der Beerdigung. Nach dem Gottesdienst war Mom kurz auf die Toilette gegangen, und da sah ich sie. Die einzige Frau, die ich nicht kannte. Sie trug ein graues Maxikleid, Ledersandalen und einen schwarzen gehäkelten Schal, den sie sich nachlässig um die Schultern geschlungen hatte. Sie hatte kurzes weißes Haar, ein wenig vom Wind zerzaust, es sah aus wie direkt vom Strand, und sie starrte mich an.

Nach kurzem Zögern ging sie auf mich zu, und aus irgendeinem Grund hatte ich da bereits das Gefühl, dass mir der Magen nach unten sackte. Ich wusste, dass sich die Dinge ändern würden. Dass die Anwesenheit dieser Fremden auf Dads Beerdigung mein Leben ebenso aus der Bahn werfen würde wie sein Tod.

Sie lächelte zögerlich, als sie vor mir stand. Sie roch nach Vanille und Zitrus. »Hallo, January.« Ihre Stimme war rauchig, ihre Finger zupften nervös an den Fransen ihres Schals. »Ich habe ja so viel von dir gehört.«

Hinter ihr öffnete sich die Tür zur Toilette, und Mom kam heraus. Sie blieb stehen, erstarrt wie ein Eisblock, und ihr Gesichtsausdruck war mir völlig fremd. War es ein Wiedererkennen? Ein Erschrecken?

Sie wollte nicht, dass wir miteinander sprachen. Was bedeutete das, dass sie nicht wollte, dass wir miteinander sprachen?

»Ich bin eine alte Freundin von deinem Vater«, sagte die Frau. »Er bedeutet … er bedeutete mir sehr viel. Ich kannte ihn so ziemlich mein ganzes Leben lang. Für eine ziemlich lange Zeit waren wir praktisch unzertrennlich, und – er hat ununterbrochen von dir geredet.« Ihr Lachen sollte leichthin klingen, war aber Lichtjahre davon entfernt.

»Tut mir leid«, sagte sie heiser. »Ich habe versprochen, nicht zu weinen, aber …«

Ich fühlte mich, als wäre ich gerade aus einem Flugzeug gesprungen oder von einem hohen Gebäude geschubst worden. Der Fall schien unendlich zu sein. Ich steckte in diesem Moment der Schwerelosigkeit fest. Die Kirche schien sich über mich zu wölben und näher zu kommen.

Alte Freundin. Das hatte sie gesagt. Nicht Geliebte oder Mätresse. Aber es war egal. Ich wusste es, sah es an der Art, wie sie weinte – eine verzerrte Version von Moms Tränen bei der Beerdigung. Ich erkannte ihren Blick als denselben wieder, den ich heute Morgen im Spiegel gesehen hatte, als ich mich schminkte: Dads Tod hatte sie gebrochen, und sie würde nie wieder heil werden.

Sie holte etwas aus ihrer Tasche und hielt es mir hin. Einen Umschlag, auf den mein Name gekritzelt stand. Darauf lag ein Schlüssel, an dem ein Adressschild hing. »Er wollte, dass du das hier bekommst«, sagte sie. »Es gehört dir.«

Sie drückte mir beides in die Hand und ließ ihre kurz auf meiner liegen, als müsste sie sich stützen. »Es ist ein wunderschönes Haus, direkt am Lake Michigan«, brachte sie hervor. »Du wirst es lieben. Ganz bestimmt. Er sagte immer, dass du es lieben würdest.«

In Mom, die hinter ihr stand, kam wieder Leben. Sie trat mit einem mordlustigen Gesichtsausdruck auf uns zu. »Sonya«, zischte sie der Frau zu.

Und dann wusste ich alles.

Ich war die ganze Zeit ahnungslos gewesen, Mom aber nicht. Sonya verließ danach eilig die Beerdigung, Mom und ich kurze Zeit später. Wir stritten die ganze Fahrt nach Hause miteinander, und doch sagten wir kaum etwas. Wir redeten um den heißen Brei herum, und besser gesagt: wir schrien.

»Wie konntest du mir das verschweigen?«

»Das ist doch alles die Schuld Dieser Frau! Sie hätte gar nicht herkommen sollen!«

»Du wusstest von ihr und hast nichts unternommen?«, fragte ich außer mir.

»Was hätte ich denn tun sollen?«, kreischte sie zurück. »Ich habe deinen Vater geliebt!«

»Wie konntest du nur zulassen, dass er uns so täuscht? Wie konntest du ihm das durchgehen lassen?«

»Er sagte, dass es vorbei wäre!«

»Sie hatten ein gemeinsames Haus!«, schrie ich. Der Schlüssel in der Tasche drückte sich glühend heiß gegen meine Hüfte.

In der Nacht zuvor war ich mit ihr in ihrem Zimmer geblieben. Sie hatte nicht allein schlafen wollen, aber nur in dem Bett, das sie mit ihm geteilt hatte. Aber später war ich in mein altes Kinderzimmer gegangen, das sie seit meinem großen Umzug nach New York in ein Nähzimmer umgewandelt hatte. Sie nähte hier Quilts, was sie vor dem Krebs nie getan hatte. Als sie wieder gesund war, begann sie mit allen möglichen Hobbys, obwohl sie keines davon allzu lange durchhielt. Joggen, Tennis, Aquarellmalerei. Yoga, Stricken, Backen mit wenig Kalorien. Dad hatte einiges davon mitgemacht: tanzen, töpfern, Fahrrad fahren.

Ein zweites Haus, wollte ich schreien. Stattdessen ging ich ins Bett. Am nächste Morgen taten Mom und ich so, als wäre nichts passiert. Wir tranken unseren Kaffee, aßen unser Rührei aus dem Weißen vom Ei und legten die Wäsche zusammen. Dann fuhr sie mich zum Flughafen, und wir umarmten uns nicht zum Abschied.

Seitdem hatten wir kaum ein Wort miteinander gewechselt. Wenn unser Verhältnis ein bisschen weniger eisig gewesen wäre, wäre ich vielleicht zu ihr nach Ohio gekommen, statt mein ganzes Geld für die teure Zwei-Personen-Wohnung auszugeben, in der ich nach meiner Trennung von James festsaß. Irgendwie kam mir diese Option trotzdem erträglicher vor.

Das Haus, in dem ich aufgewachsen war, mit seinen gerahmten Bildern und den weißen Holzbuchstaben, die über dem Kaminsims das Wort FAMILIE bildeten, war eine Lüge. Und das Häuschen hier am See war die hässliche Wahrheit.

Wobei Diese Frau unglücklicherweise recht hatte: Rein theoretisch war das Haus wunderschön, was die Sache irgendwie nur noch schlimmer machte.

Ich hatte vorgehabt, einkaufen zu gehen, sobald ich meine Sachen abgelegt hatte – ein edler, wenn auch recht ehrgeiziger Plan. Stattdessen betrank ich mich zügig mit dem Gin aus dem untersten Regal des Supermarkts, den ich mitgebracht hatte. Ich war nicht stockbesoffen, aber eindeutig über den süßen, leicht beschwipsten Zustand hinweg, den James so unwiderstehlich gefunden hatte. Das hier war hässlich-beschwipst. Wegen-allem-losheulen-beschwipst. Eindeutig-nicht-mehr-verkehrstüchtig-beschwipst.

Statt in den Küchenschubladen nach Lieferservice-Flyern zu suchen (ich wollte nicht zufällig genau dasselbe Spaghetti-Gericht bestellen, das Dad und Diese Frau vielleicht einmal in einem Susi und Strolchi-Moment geteilt hatten), googelte ich kurz und rief alle drei Restaurants an, die an meine derzeitige Adresse lieferten (Pizza, Pizza und Thai). Alle drei waren geschlossen.

Und dann heulte ich doch. Und aus irgendeinem Grund (vermutlich, weil ich jetzt begriff, dass ich den Abend allein im Haus verbringen würde, ohne dass auch nur die Person vom Lieferservice vorbeikam) zog ich mich bis auf die Unterwäsche aus.

Warum bist du überhaupt hierhergekommen, January?, dachte ich, und dann: weil ich musste.

Bisher hatte ich es nicht geschafft, mehr als drei Sätze zu schreiben, und von denen hatte ich zwei wieder gestrichen.

Ich schloss das Word-Dokument wieder. Ich wusste nicht mehr genau, ob ich es gespeichert hatte oder nicht. Ich wusste aber genau, ob das egal war oder nicht. (Es war egal. Es war nur noch ein Satz, und der war noch nicht mal besonders gut.) Ich öffnete die neueste E-Mail meiner Agentin Anya. Sie hatte sie vor zwei Tagen geschickt, bevor ich aus Queens losgefahren war, und ich hatte immer lächerlichere Gründe dafür gefunden, sie nicht zu öffnen und zu lesen. Packen. Mein Zeug einlagern. Fahren. Versuchen, so viel Wasser wie möglich zu trinken, während ich in einer Raststätte pinkelte. Fahren. »Schreiben«, mit Betonung auf den Gänsefüßchen. Extrem betrunken. Atmen. Hungrig. Weinen.

Anya hatte den Ruf, besonders tough zu sein, eine echte Bulldogge den Verlegern gegenüber. Aber zu ihren Autoren war sie praktisch Miss Honey, die liebe Lehrerin aus Matilda, gekreuzt mit einer sexy Hexe. Man wollte ihr immer verzweifelt gefallen, nicht nur, weil man das Gefühl hatte, dass einen niemand je so rückhaltlos geliebt und bewundert hatte, sondern auch, weil man heimlich befürchtete, sie könnte einem ein Gelege Pythons auf den Hals hetzen, wenn sie es wollte.

Ich blinzelte die Tränen weg und las die E-Mail:

Hallooo, Du meine wunderschöne und zauberhafte Qualle, engelsgleiche Künstlerin, Gelddruckmaschine,

 

ich weiß ja, dass alles in letzter Zeit SO irre war bei Dir, aber Sandy schreibt schon wieder – sie will jetzt echt wissen, wie es mit dem Manuskript läuft, Schrägstrich: ob es immer noch Ende des Sommers zu erwarten ist. Ich bin natürlich wie immer sofort bereit, ans Telefon zu springen (oder übers Internet zu chatten oder auf den Rücken eines Pegasus zu hüpfen und herbeizufliegen, wenn es sein muss), um dir beim Brainstormen zu helfen/Handlungsdetails auszubaldowern/zu tun, WASAUCHIMMER du brauchst, damit mehr von deinen wunderbaren Wörtern und unvergleichlicher Verzückung das Licht der Welt erblicken.

Fünf Bücher in fünf Jahren waren vielleicht ein bisschen viel (selbst für jemanden mit deinem spektakulären Talent), aber ich glaube wirklich, dass wir bei SLB gerade eine Sollbruchstelle erreicht haben, und es ist an der Zeit, den sauren Apfel zu gebären, wenn es irgendwie geht.

XOX

Anya

»Den sauren Apfel zu gebären.« Ich argwöhnte, dass es mir leichter fallen würde, am Ende des Sommers ein ausgereiftes, vollkommen gesundes Baby aus meinem Uterus zu pressen, als ein neues Buch zu schreiben und zu verkaufen. Ich schloss meinen Computer und ließ mich aufs Sofa fallen. Zu meiner Enttäuschung war es sogar noch gemütlicher, als es aussah. Verdammt sei Diese Frau mit ihrem wunderbar bunten Geschmack.

Im Haus war es heiß und stickig – es gab keine Klimaanlage –, also stand ich auf und öffnete die Fenster. Es war erst acht Uhr abends, aber ich war sowieso eine Morgenschreiberin. Wenn ich jetzt ins Bett ging, konnte ich morgen früh um sechs aus dem Bett hüpfen und ein paar Tausend Wörter raushauen. Vor dem Schlafzimmer im Erdgeschoss blieb ich zögernd stehen. Ich würde niemals wissen, in welchen Betten Dad und Diese Frau gelegen hatten.

Ich befand mich in einem Gruselkabinett des Ehebruchs. Des Ehebruchs unter Greisen. Das Sofa, stellte ich fest, war zu niedrig, als dass ein Mann mit Rückenschmerzen davon problemlos hätte aufstehen können. Dad hatte nicht immer Rückenschmerzen gehabt. Als ich noch ein Kind war, war er so etwas wie ein Experte im Bootfahren, und aus den wenigen Ausflügen, die ich mit ihm unternommen hatte, hatte ich den Eindruck gewonnen, dass Bootfahren zu neunzig Prozent daraus bestand, sich zu bücken und Knoten zu knüpfen und wieder zu verknoten, während man die restlichen zehn Prozent damit verbrachte, die Arme auszubreiten, in die Sonne zu schauen und den Wind mit der knisternden Jacke spielen zu lassen und …

Der Schmerz breitete sich mit Macht in meiner Brust aus.

Diese frühen Morgen draußen auf dem Wasser, auf dem künstlich angelegten See eine halbe Stunde von unserem Haus entfernt, hatten immer nur uns beiden gehört. Und wir fuhren immer am Morgen nach seiner Rückkehr von einer Reise hinaus. Manchmal wusste ich noch nicht einmal, dass er wieder zu Hause war. Ich wachte dann im dunklen Zimmer auf, weil er vor meinem Bett hockte, meine Nase kitzelte und leise die Dean-Martin-Songs sang, nach denen er meinen Namen ausgesucht hatte: »It’s June in January, because I’m in love … I can feel the scent of roses in the air, it’s June in January.« Dann war ich sofort hellwach, und mein Herz sang vor Aufregung, weil ich wusste, was das bedeutete: ein Ausflug mit dem Boot, nur wir beide.

Jetzt fragte ich mich, ob all diese kostbaren, eiskalten Ausflüge im Grunde nur aus seinen Schuldgefühlen heraus entstanden waren – seine Zeit, in der er sich nach einem Wochenende mit Dieser Frau wieder an das Leben mit seiner Familie, mit Mom, gewöhnen konnte.

Ich schob all diese Gedanken beiseite und legte mich aufs Sofa. Der Schlaf verschluckte mich sofort, wie Jonas der Wal aus der Bibel.

Als ich aus dem Schlaf aufschreckte, war es dunkel im Zimmer, und sehr laute Musik spielte.

Ich stand auf und tapste benommen zum Messerblock in der Küche. Ich hatte noch nie von einem Serienkiller gehört, der seine Morde damit begann, dass er sein schlafendes Opfer mit R.E.Ms »Everybody Hurts« in voller Lautstärke weckte, wenn es auch absolut im Bereich des Möglichen lag. Aber als ich in der Küche stand, wurde die Musik leiser.

Sie kam durch die offenen Fenster. Aus dem Haus des Riesenarschs.

Ich schaute auf die sanft glimmenden Ziffern am Herd. Zwei Uhr morgens, und mein Nachbar riss die Lautstärke bei einem Song hoch, den man oft in alten Filmen hörte, besonders in Szenen, in denen der Protagonist allein und gebeugt durch den Regen nach Hause ging.

Wenn ich nicht geschlafen hätte, wäre das vielleicht sogar lustig gewesen. Oder vielleicht, wenn mir die Fähigkeit, irgendetwas lustig zu finden, nicht im letzten Jahr abhandengekommen wäre, das ich damit verbracht hatte, romantische Komödien zu schreiben, die damit endeten, dass der Busfahrer einschlief und alle Figuren über die Klippe in den Tod rasten.

Ich stellte mir immer vor, wie Anya Das ist echt SUPERinteressant sagen würde, wenn ich eines dieser Exposés tatsächlich abschicken würde. Ich meine, ich würde ja sogar über deine EINKAUFSliste lachen und weinen. Aber das hier ist nun wirklich kein Sandy-Lowe-Buch. Fürs Erste also mehr Schmalz und weniger Untergang, Schatzilein.

Ich fühlte mich ziemlich dem Untergang geweiht und nicht besonders schmalzig, als ich auf das offene Fenster in der Essecke zustürmte und meinen Oberkörper hinauslehnte. Die Fenster des Arschs standen ebenfalls offen, und ich sah einen Haufen Leute im Licht der Küche, die Gläser und Becher und Flaschen in den Händen hielten, träge ihre Köpfe an die Schultern ihres Nachbarn gelegt und Arme umeinander geschlungen hatten, wobei sie mit Inbrunst sangen: »Everybody huuuuuurts, eevvvverrrrryyyybody crieeeees.«

Es war eine rauschende Party. Ich formte die Hände zu einem Trichter und schrie durchs Fenster: »VERZEIHUNG!«

Dasselbe versuchte ich noch zweimal ohne jede Antwort, dann knallte ich das Fenster zu und ging durch das gesamte Erdgeschoss, um alle Fenster zu schließen. Als ich fertig war, hörte es sich immer noch so an, als spielte R.E.M. ein Konzert auf meinem Sofatisch.

Und dann, einen wunderbaren Moment lang, hörte die Musik auf, und die Geräusche der Party, das Lachen und Plaudern und das Klirren der Gläser, wurden zu einem ruhigen Hintergrundrauschen.

Und dann fing es wieder an.

Dasselbe Lied. Sogar noch lauter. Oder vielleicht war es nur der betrunkene Chor, der es übertönte. O Gott. Ich riss meine Reisetasche auf und wühlte nach einem Sweatshirt und Jogginghosen, die ich über meine Unterwäsche ziehen konnte. Dabei überlegte ich, welche Vor- und Nachteile wohl ein Anruf bei der Polizei wegen Ruhestörung hätte. Einerseits könnte ich vor meinem Nachbarn immer noch überzeugend alles abstreiten. (Oh, ich habe den Wachtmeister doch keinesfalls gerufen! Ich bin doch eine junge Frau von nur neunundzwanzig Jahren, keine schrullige alte Jungfer, die nichts mehr verabscheut als Gelächter, Spaß, Gesang und Tanz!). Auf der anderen Seite fiel es mir seit dem Tod meines Vaters immer schwerer, kleine Frechheiten zu verzeihen.

Ich warf mir mein Pizza-Sweatshirt und meine grauen Jogginghosen über, stürmte durch die Eingangstür und marschierte die Stufen zur Tür meines Nachbarn empor. Ich atmete ein paar Mal tief durch und überlegte dabei, dass ich laut genug klingeln musste, damit mich mein Nachbar auch hörte, und gleichzeitig lässig genug, damit ich nicht so wirkte, wie ich auf jeden Fall wirken würde, wenn sie die Tür öffneten. Ich übte mein lässigstes Lächeln. Meine Zähne fühlten sich an, als würden sie gleich brechen. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, streckte ich die Hand nach dem Klingelknopf aus.

Es klang wie das Schlagen einer uralten Standuhr und übertönte die Musik, aber das Singen hörte nicht auf. Ich zählte bis zehn und klingelte dann erneut. Beinahe sofort wurde die Tür von einer kurvigen Blondine aufgerissen, ungefähr in meinem Alter, vielleicht ein paar Jahre mehr oder weniger (oder eine großartige Hautpflege/Jungfrauenblut?), deren rechtes Auge um einiges betrunkener war als ihr linkes.

Sie sagte etwas, aber ich konnte es wegen der Türglocke nicht hören. Ich antwortete etwas, aber wir konnten es wegen der Türglocke nicht hören. »EVERETT«, rief sie.

»WAS?«, rief ich zurück.

»WILLSTDUZUEVERETT?«

Die Musik und der Gesang hatten immer noch nicht aufgehört, aber das eigentliche Problem war die Türglocke. Sogar die Veranda erzitterte unter ihrem Klang. »ICHWOHNENEBENAN.«

»ERDIRIGIERT.« Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie genau das gesagt hatte, aber besser konnte ich es nicht deuten.

»VERZEIHUNG?«

»DASLIED.«

»DASLIED«, wiederholte ich und nickte heftig. Ich begann mit meiner Pantomime, leider nicht besonders erfolgreich. »ICHVERSUCHEZUSCHLAFEN.« Hier bitte die internationale Zusammengelegte-Hände-an-Wange-legen-und-Kopf-zur-Seite-neigen-Geste einfügen. »NEBENAN.« Hier bitte Daumen Richtung Dads Liebesnest zucken lassen. »ABERESISTSEHR … LAUT.«

Dafür machte ich mit den Händen ein beliebiges Feuerwerk. Immerhin leuchtete ihr Blick auf. Gleichzeitig hörte die Türglocke endlich auf zu lärmen. »Tut mir leid deswegen«, sagte sie. »Ist der letzte Song an diesem Abend.«

»Okay, ja, gut.« Stichwort »extrem unlässiges lässiges Lächeln«. »Ihr habt ihn nur gerade noch einmal gespielt.«

»Der läuft nie mehr als drei Mal«, versicherte sie mir. »Du weißt schon. Letzter Song des Abends. Wenn wir wirklich Spaß haben, lassen wir ihn immer wieder laufen. Ein einziges Mal ist es bisher passiert, dass er eine Dreiviertelstunde lief, aber noch einmal wäre das ja gar nicht mehr so lustig, verstehst du?«

»Auf keinen Fall«, entgegnete ich. Komischerweise wirkte ich immer wie eine peinliche Landpomeranze, wenn ich versuchte, natürlich zu sein. »Und ich verstehe das auch, aber ich arbeite doch morgens? Und es ist schon ziemlich spät?« Meine Satzmelodie hob sich am Satzende, als wären es Fragen, als wäre ich absolut nicht sicher, was ich da sagte, und wüsste genau, dass meine Bitte womöglich absolut lächerlich war.

»Du solltest mit Everett sprechen«, beschloss sie. Ihr linkes Auge schaffte es, in dieselbe Richtung zu schauen wie das rechte. »Auf keinen Faaaaall kann ich mir das merken. Wart mal ’ne Sekunde.« Sie hielt zwei Finger in die Höhe.

Als sie sich umdrehte und mit klappernden Absätzen zurück in die Küche torkelte, sah sie aus wie eine sehr betrunkene Stewardess. Die Haustür ließ sie offen. Die Motten und Mücken, die um das Verandalicht flatterten, ergriffen die Gelegenheit, um hineinzufliegen. Ich schaute mich diskret im Eingangsbereich um. Halb erwartete ich, eine riesige amerikanische Flagge und einen provisorischen Beer-Pong-Tisch zu sehen, vielleicht ein paar Snowboards, die an den Wänden hingen, aber der Raum war sauber und ziemlich karg eingerichtet, abgesehen von deckenhohen Regalen an allen drei von hier aus sichtbaren Wänden. Das einzige Licht kam aus der Küche dahinter, das allerdings ausreichte, um die Buchrücken auf dem am nächsten stehenden Regal zu beleuchten.

»EverETT!«, hörte ich das Mädchen singen, als sie die Küche erreichte, und dann merkte ich plötzlich, dass das Lied geendet hatte. Die ungefähr zehn Leute umarmten sich zum Abschied, die Gruppe löste sich auf, und ich stand in einem Jogginganzug mit aufgedruckten Pizzas in der Tür. »Da wollte irgendein ein Mädchen irgendwas von dir.«

Mein Nachbar, Everett von und zu Lockenkopf und Schlechte Manieren, hielt die Hand ans Ohr, um das betrunkene Mädchen gegen den Lärm um ihn herum zu hören. Er drehte mir wieder einmal den Rücken zu. Vielleicht waren wir sich abstoßende Magnetpole und würden niemals gegenseitig unsere Gesichter sehen.

»Was wollte sie denn?«, fragte er das Mädchen.

Die Party war zu Ende. Also hatte ich jetzt auch keinen Grund mehr, hierzustehen, schon gar nicht in dem, was Shadi liebevoll (na gut, gar nicht liebevoll) meine »Kontrollverlust-Hosen« nannte.

»Irgendwas«, sagte das Mädchen meinem Nachbarn und schwankte ein wenig. Dieselben beiden Finger, die sie hochgehalten hatte, um die Sekunde zu zeigen, die ich warten sollte, stieß sie gegen seine Brust und verkündete: »Und zwar von dir.«

O Gott. Ich hörte sein raues Gelächter, drehte mich um und rannte den Weg zurück, den ich gekommen war. Nur dass ich immer noch halb betrunken war, sodass »rennen« eine viel zu großzügige Bezeichnung für mein lahmes Gestolper durchs Gras war. Ich hatte es schon fast zu meiner Veranda geschafft, als er mir von hinten »Hey!« hinterherrief.

Beschämt blieb ich an den Stufen stehen, die zur Veranda hinaufführten, und drehte mich zu ihm um. Ich sah nur eine schwarze Silhouette vor dem grellen Verandalicht. Hinter ihm stand die Tür noch immer offen, und die Insekten quollen weiter hinein. Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Warum rennt da eine Zeichentrick-Taschenratte über meinen Rasen?«

Entweder war es der Gin oder der ganze entwürdigende Tag, der aus mir sprach: »Und warum spielen die gottverdammten R.E.M. ein Konzert in meinem Haus?«

Er lachte, löste die Arme und lehnte sich gegen das Geländer seiner Veranda. »Und wen würden Sie bevorzugen?«

»Um zwei Uhr morgens? Brahms.«

»Bram Stoker? Dessen Bemühungen auf musikalischem Gebiet sind mir ganz unbekannt.«

»Sehr gewalttätig, unglaublich blutrünstig. Genau, was Sie brauchen.«

Ich wusste nicht genau, ob er jetzt getroffen oder verwirrt oder vielleicht sogar beeindruckt war, dass seine erst zwölf Stunden neben ihm wohnende Nachbarin ihm den Tod wünschte. Jedenfalls schwieg er einen Moment und sagte dann: »Ich heiße Everett.«

»Das habe ich bereits begriffen.«

»Weil Sie in meinem Eingangsbereich herumgeschnüffelt haben? Haben Sie so schnell meine Geburtsurkunde gefunden?«

Ich stieg auf meine eigene Veranda hinauf und drehte mich wieder zum schwarzen Schatten von Everett um. Irgendetwas an ihm kam mir bekannt vor, obwohl ich gar keine Everetts kannte. »Ist das nicht der Name, den sie skandiert haben, als sie Sie aufs Fass gewuchtet haben?«

Er lachte schallend. »Meinen Sie, dass jeder, der Freunde hat, sie mit einer Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung gekauft hat?«

»Nein, dieses Urteil reserviere ich eigentlich nur für Leute, die so wirken, als könnten sie auch Wasserrutschen an Hausdächern befestigen und Flyer verteilen, auf denen Schlammcatchen angekündigt wird.«

»Wissen Sie, es ist heute nämlich Samstagabend«, rief er zurück. »Es ist Sommer, und in der Straße stehen fast nur Ferienhäuser. Wenn diese Gegend nicht zufällig in die Stadt von Footloose oder in die Fünfzigerjahre zurückgebeamt wurde, ist es nicht vollkommen abseitig, Musik in meinem eigenen Haus zu spielen.«

»Zunächst einmal ist es nicht Samstagabend. Es ist Sonntagmorgen.« Ich war mir bewusst, dass ich mich gerade in den nervigsten Opa der Welt verwandelte, aber meine Müdigkeit und der aufgestaute Ärger eines ganzen Jahres hatten mich an einen Punkt kurz vor dem Durchdrehen gebracht. »Und zweitens können Sie in Ihrem Haus natürlich gern jederzeit die allerbeschissenste Musik hören, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Aber weniger gern höre ich sie in meinem Haus.«

»Sagt die Frau, die auf ihrer Terrasse stand und so laut ›Fußjob‹ schrie, dass die Vögel in Scharen aufflogen.«

»Um genau zu sein«, versetzte ich, »habe ich das immerhin mitten am Tag getan.«

Er lachte erneut. »Gut, jetzt, da wir Ihre Beschwerde über den Lärm angesprochen und bissige Beleidigungen ausgetauscht haben, lassen Sie uns doch bitte fair sein. Die Musik aus meinem Haus war zu laut, und jetzt verdiene ich es, geköpft zu werden, ohne dass man vorher mit mir spricht? Und besonders ohne vorher die Frage Würden Sie bitte Ihre Musik leiser stellen? gestellt zu bekommen?«

»Geköpft habe ich gar nicht gesagt«, grummelte ich. »Ich dachte eigentlich eher an ein sanftes Auspeitschen und ein paar Stunden im Gefängnis.«

Wir schwiegen einen Moment lang. Wenn er sich für den Lärm entschuldigte, beschloss ich, würde ich mich für meine Beleidigungen entschuldigen. Oder zumindest für diese verdammten Jogginghosen.

Aber da er mehr als fünf Sekunden nichts sagte, drehte ich mich um und ging zu meiner Haustür. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er sich nicht gerührt hatte.

»Ich arbeite übrigens morgens«, bemerkte ich, vermutlich, weil ich mich langsam wie eine ausnehmend langweilige Vollidiotin fühlte und glaubte, die Verkündigung meines Tagesablaufs könnte vielleicht A) meinen Besuch und das Sprengen seiner Party sowie B) dieses unverzeihliche Outfit rechtfertigen.

»Ich werd’s mir merken.« So, wie er es sagte, erinnerte es mich an einen Satz, den ich einmal geschrieben und dann später gehasst hatte: Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. »Was soll das überhaupt heißen?«, hatte ich mein leeres Schlafzimmer gefragt und mich dann über eine zweite Fassung voller roter Korrekturzeichen gebückt.

Jetzt wusste ich plötzlich haargenau, was der Satz bedeutete. Ich konnte Everetts Gesicht nicht sehen, und er lachte auch nicht hörbar, aber so, wie er »Ich werd’s mir merken« sagte, hatte sein Tonfall eine bestimmte Färbung, die mich ärgerte.

»Na gut«, sagte ich und ging ohne ein weiteres Wort ins Haus. Weil die Fenster geschlossen waren, war es darin noch heißer als zuvor. Ich verschloss die Tür, zog mich aus und stolperte zum Sofa.

Ich legte mich hin, starrte zum Deckenventilator hinauf und wollte einschlafen. Aber jetzt war ich hellwach, und die bedeutungslosen Worte »Ich werd’s mir merken« pulsierten in meinen Adern.

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Kapitel drei

Pete

Ich wachte von einer Textnachricht von Anya auf: Hey, Schnuckelchen! Wollte nur sichergehen, dass du meine E-Mail mit dem Betreff »Dein großartiger Verstand und die Sommer-Deadline, über die wir geredet haben« bekommen hast.

Dieser Punkt am Ende des Satzes dröhnte in meinem Hirn wie eine Totenglocke.

Meinen ersten Kater hatte ich mit vierundzwanzig (um genauer zu sein, am Morgen, nachdem ich erfahren hatte, dass Anya mein erstes Buch Kiss Kiss Wish Wish an Sandy Lowe verkauft hatte), und jedes Mal danach, wenn ich wieder unter einem litt, hatte ich danach geschworen, lieber in ein sehr scharfes Küchenmesser zu fallen, als es jemals wieder zuzulassen, dass sich mein Hirn anfühlte wie ein Ei, das auf einem Felsen in der Sonne von Cancun briet.

Und doch, da lag ich wieder, das Gesicht in ein Kissen mit Fransen gedrückt, und das Hirn brutzelte mir im Schädel. Ich rannte ins Badezimmer im Erdgeschoss. Ich musste mich nicht übergeben, aber ich hoffte, wenn ich wenigstens so tat, würde mein Körper darauf reinfallen und das Gift aus meinen Eingeweiden herauswerfen.

Ich ging vor der Toilette auf die Knie, schlang die Arme um die Schüssel und hob den Blick zum gerahmten Bild, das dahinter an der Wand hing.

Du meine Güte, war das ein Scherz? Dad und Diese Frau waren darauf am Strand zu sehen, er hatte den Arm um ihre Schulter gelegt, der Wind spielte mit ihrem weißen Haar und wehte ihm die grauen Locken flach gegen die Stirn. Sie trugen Windjacken und sahen alt auf diese unspezifische, weiche Art aus, als hätten sich ihre beiden Gesichter einander angeglichen. Sie wirkten verheiratet, fand ich.

Ich öffnete den Mund und würgte herzhaft in die Schüssel. Dann stand ich auf, spülte mir den Mund aus und drehte das Bild um, sodass ich es nicht mehr sehen musste.

»Nie wieder«, sagte ich laut. Schritt eins auf dem Weg zu einem katerfreien Leben? Wahrscheinlich nicht, in ein Haus zu ziehen, das einen praktisch zum Trinken zwingt. Ich würde andere Methoden finden müssen, um damit zurechtzukommen. Wie vielleicht … die Natur?

Oh, wem wollte ich hier was vormachen? Wenn ich nur vierundzwanzig Stunden abwartete, würde sich mein Hirn nur noch an ein wenig Kopfschmerzen und ein bisschen säuerliches Aufstoßen erinnern, und das Haus wäre immer noch Das Haus, und die Kiste mit den Gin-Flaschen stünde immer noch auf dem Kühlschrank.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer, fischte meine Zahnbürste aus meiner Tasche und putzte mir am Küchenausguss die Zähne. Der nächste wichtige Schritt auf dem Weg zurück ins Leben war ein Kaffee, und den konnte ich mir beschaffen, ohne die ganzen Schränke zu durchwühlen.

Wenn ich das Exposé für ein Buch schrieb, lebte ich eigentlich so gut wie ausschließlich in meinen berühmten Kontrollverlust-Hosen, daher hatte ich, abgesehen von einer Kollektion schrecklicher Jogginghosen so gut wie nichts eingepackt. Ich hatte sogar ein paar Lifestyle-Blogger-Videos über »Capsule-Garderoben« geschaut, um die Anzahl der »Looks« zu steigern, die ich aus den Hotpants, die ich meistens trug, wenn ich zum Stressabbau putzte, und ein paar schäbigen T-Shirts mit berühmten Gesichtern darauf »kombinieren« konnte. (Das war eine Phase, die ich in meinen frühen Zwanzigern durchmachte. Ich ließ meinen Ex in dem Glauben, dass ich immer noch in ihr steckte, weil ich begriffen hatte, dass er mir ohnehin nie mehr etwas anderes schenken würde.)

Ich zog also ein düsteres, schwarz-weißes Joni-Mitchell-Shirt an, zwängte meinen aufgeschwemmten Körper in die Denim-Hotpants und zog dazu meine mit Blümchen bestickten Ankle-Boots mit Absatz an.

Ich hatte es mit Schuhen, egal, ob sehr billig und kitschig oder sehr teuer und protzig, und wie es sich herausstellte, vertrug sich diese Neigung ziemlich schlecht mit der Capsule-Garderoben-Idee. Ich hatte nur drei Paar eingepackt, und ich bezweifelte, dass in einer verschlafenen Kleinstadt am See wie dieser auch nur eines davon als »klassisch« durchgehen würde.

Ich suchte in der Spur herumliegender Dinge im Erdgeschoss nach meinen Autoschlüsseln, fand sie auf einem der Hocker, die an der Kücheninsel standen, und ging zur Haustür. Ich war schon halb draußen im blendenden Licht des Sommermorgens, als ich zwischen den Sofakissen mein Handy brummen hörte. Sofort zog sich mein Magen zusammen. Das passierte in letzter Zeit häufig und ging einher mit diesem Ich-werde-gerade-gevierteilt-Gefühl. Immer wenn mein Handy oder mein Computer pling machten, durchzuckte mich Panik.

Ich überlegte, mein Handy einfach unter den Sofakissen zu lassen, holte es dann aber doch heraus. Nur eine Nachricht von Shadi: Habe mit Geisterauge rumgemacht, gefolgt von einer Reihe Totenschädel-Emojis.

Ich stolperte auf die Veranda hinaus und schloss die Tür ab. Dann tippte ich: WENDEDICHSOFORTANEINENGEISTLICHEN.

Die Erinnerung an letzte Nacht kam in peinlichen Wellen wieder hoch, als ich die ausgetretenen Stufen hinunter zum Kia trabte.

Der Kia hatte ein paar Jahre lang Dad gehört, bevor er ihn mir geschenkt hatte. Als wir das letzte Mal zusammen mit dem Boot unterwegs waren, sind wir darin zur Kiesgrube gefahren. An dem Tag sagte er, ich sollte es versuchen und nach New York ziehen.

»Deine Mom kommt schon damit zurecht«, hatte er versprochen, als wir in der kalten Dunkelheit des Parkplatzes saßen.

»Der Krebs könnte zurückkommen«, wandte ich ein.

»Alles kann passieren, January.« Das sagte er damals. »Mom kann etwas passieren, oder mir oder sogar dir, jederzeit. Aber im Augenblick geht es uns gut. Du hast genug für uns getan, Kind. Jetzt tu du mal etwas für dich selbst.«

Das Leder war heiß unter meinen Schenkeln. Ich kurbelte das Fenster herunter und fuhr aus der Ausfahrt heraus. Mein Blick glitt in den Rückspiegel und zu Everetts Veranda. Die Vorstellung ärgerte mich gewaltig, dass jemand, der offenbar nicht viel älter war als ich, ein Strandhaus besitzen konnte, obwohl ich nur einen Schrotthaufen von einem Auto mein Eigen nennen konnte, das mir mein fremdgehender Vater überlassen hatte, vermutlich aus schlechtem Gewissen.

Vielleicht wohnt er dort ja nur zur Miete, dachte ich, was den Nachbarn anging. Dann: Und warum ist das wichtig, January?

Weil du verbittert bist und nicht willst, dass es anderen besser geht, gab ich mir in Gedanken selbst die Antwort.

Dad hatte mir ein Auto geschenkt und mich darin unterstützt, nach New York zu gehen. Na und? Ich hatte die Uni aufgegeben, um mich während der zweiten Runde Chemotherapie um Mom zu kümmern. Und wo ist er da gewesen? Am Strand mit Dieser Frau, in einer Windjacke und mit einem Glas Pinot Noir in der Hand, um Fotos zu machen, die er in seinem geheimen Badezimmer in seinem geheimen Strandhaus aufhängte?

Am Ende der Straße bog ich nach links ab, weg vom Wasser und zurück in die Stadt. Der Meeresarm, der wie ein Finger an der rechten Seite der Straße entlangfloss, glitzerte, und der heiße Wind rauschte angenehm in meinen Ohren. Ich passierte Horden spärlich gekleideter Teenager, die sich am Hotdog-Stand links von mir versammelt hatten. Eltern mit ihren Kindern bildeten eine Schlange vor dem Eisladen rechts, und Fahrradfahrer fuhren in Grüppchen zurück zum Strand.

Ich blieb auf der Straße, auf der die Häuschen nun näher zusammenrückten, bis sie Schulter an Schulter standen: ein winziges italienisches Restaurant mit einer weinberankten Terrasse direkt neben einem Skate-Shop, der wiederum an einen Irish Pub nebenan anschloss, gefolgt von einem altmodischen Süßwarenladen, und schließlich kam ein Café namens Pete’s Coffee – nicht zu verwechseln mit Peet’s, dem Kaffeeröster aus San Francisco, obwohl das Schild so aussah, als wollte es unbedingt mit der oben erwähnten Kette verwechselt werden.

Ich fuhr in eine Parklücke davor und tauchte in die angenehme Kühle von Pete’s, nicht Peet’s Klimaanlage. Die Dielen waren weiß gestrichen, die Wände tiefblau und übersät mit wenig überzeugenden Silbersternchen, die zwischen aufgemalten Tischen herumwirbelten, hin und wieder unterbrochen von gerahmten Plattitüden, die jeweils einem »Anonymus« zugeschrieben waren. Der Raum öffnete sich direkt in einen gut ausgeleuchteten Buchladen. Die Worte PETE’S BOOKS waren in derselben vielversprechenden Silberfarbe über den Türbogen gemalt. Ein älteres Ehepaar im Partnerlook saß mit übereinandergeschlagenen Beinen in dem durchgesessenen Arrangement von Sesseln in der hintersten Ecke des Coffee-Shops. Abgesehen von der Frau an der Kasse und mir waren sie die einzigen Leute hier.

»Viel zu schön draußen, als dass man hier drinnen sein sollte, was?«, sagte die Barista, als könnte sie meine Gedanken lesen. Sie hatte eine raue Raucherstimme, die zu ihrem blonden Kurzhaarschnitt passte. Ihre winzigen goldenen Ohrringe blinkten im weichen Licht.

Sie winkte mich zu sich, und ich sah, dass sie ihre Fingernägel rosa lackiert hatte. »Komm doch rein. Nicht so schüchtern. Wir sind alle eine Familie hier bei Pete’s.«

Ich lächelte. »O Gott, hoffentlich nicht.«

Sie schlug mit der flachen Hand auf den Verkaufstresen, warf den Kopf zurück und lachte, bis sie einen Hustenanfall bekam. »Oh, Familie ist wirklich schwierig«, stimmte sie mir zu. »Und was kann ich für dich tun, Schätzchen?«

»Ich brauche Düsenkraftstoff.«

Sie nickte weise. »Oh, du bist eine von denen. Wo kommst du her, Schätzchen?«

»Gerade aus New York. Eigentlich aus Ohio.«

»Ich habe Verwandte in New York. Im Staat New York, nicht in New York City. Aber du meinst die Stadt, oder?«

»Queens«, nickte ich.

»War ich noch nie«, sagte sie. »Willst du Milch? Sirup?«

»Ein bisschen Milch«, antwortete ich.

»Vollmilch? Halbfett? Magermilch mit 0,5 Prozent?«

»Überrasch mich einfach. Ich bin nicht so wählerisch, wenn es um Bruchzahlen geht.«

Sie warf erneut den Kopf zurück, lachte und ging ein wenig affektiert zwischen ihren Maschinen umher. »Wer hat dafür auch Zeit? Ich schwöre, selbst in North Bear Shores geht mir alles inzwischen zu schnell. Vielleicht wäre es etwas anderes, wenn ich diesen Düsenkraftstoff trinken würde, von dem du sprichst.«

Eine Barista, die keinen Espresso trank, war jetzt nicht gerade ideal, aber ich mochte die Frau mit den winzigen goldenen Ohrringen. Vielleicht könnte ich mir morgens meinen eigenen Kaffee zu Hause machen und dann nachmittags hier ein Stück Kuchen essen, nur um zwischen dem hochkonzentrierten Schreiben eine Pause einzulegen, in das ich bestimmt, auf jeden Fall, vermutlich, vielleicht, hoffentlich nächste Woche um dieselbe Zeit vertieft sein würde.

Die Barista drückte den Plastikdeckel auf den Becher und stellte ihn vor mich hin. »Der Erste ist umsonst«, sagte sie. »Ich möchte nur, dass du wiederkommst.«

Das versprach ich ihr und steckte meinen letzten Dollar in das Trinkgeldglas. Sie begann, den Verkaufstresen zu wischen. Ich wandte mich schon zum Gehen, als ich plötzlich erstarrte, weil ich Anyas Stimme in meinem Kopf hörte: Heeeey, Süße! Will AUFGARKEINENFALL übertreiben, aber du weißt schon, dass Buchklubs und Lesezirkel dein BESTER Markt sind. Wenn du zufällig in einem unabhängigen Buchladen bist, solltest du dich vorstellen und Hallo sagen! Jeder Verkauf bedeutet einen Dollar mehr für unseren Dagobert-Duck-Tresorraum/Swimmingpool.

Ich wusste, dass die Anya in meinem Kopf recht hatte. Meine ersten vier Bücher hatten sich dank des unabhängigen Buchhandels und der Unterstützung durch Buchklubs und Lesezirkel sehr gut verkauft. Die Honorare daraus flossen noch immer auf mein Konto, leider war es nicht genug, um davon zu leben. Der Vorschuss vom Verlag dagegen war schon längst weg. Den größten Teil hatte ich dafür verwendet, meinen Studentenkredit und Moms Krankenhausrechnungen abzubezahlen. Damals fiel es mir noch leicht, ein Buch pro Jahr zu schreiben und zu verkaufen.

Aber jetzt konnte ich den Erlös aus jedem einzelnen verkauften Buch gut gebrauchen. Ich setzte also ein Lächeln auf und ging hinüber in den Buchladen, wobei ich mir wünschte, ich könnte die Zeit um eine Stunde zurückdrehen und irgendetwas anderes anziehen, egal was, und müsste mich nicht in diesem Jessica-Simpson-Musikvideo-Outfit von circa 2002 zeigen.

Der Laden war klein. Die Wände waren mit deckenhohen Eichenregalen bedeckt, und etwas niedrigere Regale bildeten ein Labyrinth im Raum. An der Kasse war niemand, und während ich wartete, warf ich einen Blick hinüber zu den drei Mädchen mit Zahnspangen, die in der Liebesroman-Abteilung standen und kicherten. Ich sah genauer hin, um sicherzugehen, dass sie nicht gerade über eines meiner Bücher lachten. Wir alle vier wären für immer traumatisiert, wenn der Buchhändler mich dorthin zum Signieren führen würde, nur um ein Exemplar von Southern Comfort in den Händen der Rothaarigen mit den Zöpfen zu entdecken. Die Mädchen rangen nach Luft und gackerten, weil die Rothaarige das Cover vor ihre Brust hielt. Es zeigte einen Mann mit nacktem Oberkörper, der eine zurückgebeugte Frau im Arm hielt, während um sie herum Flammen loderten. Eindeutig keines von meinen.

»Tut mir leid, dass du warten musstest, Schätzchen«, ertönte eine kratzige Stimme hinter mir, und ich drehte mich um und sah, dass sich eine Frau durch die schiefen Regalgänge schlängelte. »Diese Knie wollen auch nicht mehr so wie früher.«

Erst dachte ich, sie wäre die eineiige Schwester der Barista, vielleicht hatten sie gemeinsam das Café mit dem Buchladen darin eröffnet, aber dann sah ich, dass die Frau gerade ihre graue PETE’S-Schürze abnahm, als sie auf die Kasse zusteuerte.

»Kannst du dir vorstellen, dass ich früher mal ein Rollschuh-Derby-Champion gewesen bin?«, sagte sie und ließ die zusammengeknüllte Schürze auf den Verkaufstresen fallen, um sich dann dahinterzustellen. »Tja, ob du’s glaubst oder nicht, das war ich.«

»Im Moment wäre ich kaum überrascht, sollte sich herausstellen, dass du die Bürgermeisterin von North Bear Shores bist.«

Sie lachte rasselnd. »O nein, das bin ich leider nicht! Wobei ich sicher ein paar Dinge erledigt kriegen würde, wenn sie mich nähmen! Dieses Städtchen ist ein nettes kleines Liberalismus-Nest hier in Michigan, aber die Leute mit dem Kleingeld sind immer noch Golfsäcke mit Perlenketten.«

Ich unterdrückte ein Lächeln. Das klang wie etwas, das Dad gesagt hätte. Wieder durchfuhr mich der Schmerz wie ein Pflaster, das ruckartig abgezogen wurde.

»Na, achte gar nicht auf mich und meine MAIH-NUN-GÄHN«, sagte sie und zog die dichten aschblonden Brauen hoch. »Ich bin ja nur eine kleine Unternehmerin. Was kann ich denn für dich tun, Süße?«

»Ich wollte mich eigentlich nur vorstellen«, gab ich zu. »Ich bin nämlich Autorin bei Sandy Lowe Books und verbringe hier den Sommer, daher dachte ich, ich sage mal Hallo und signiere Bücher, wenn ihr welche vorrätig habt.«

»Ohhh, noch eine Autorin hier in der Stadt!«, rief sie aus. »Wie aufregend. Weißt du, North Bear zieht viele Künstler an! Wahrscheinlich liegt es an unserer Lebensart. Und am College. Alle möglichen Freigeister sind hier. Einfach eine wunderhübsche kleine Gemeinde. Du wirst es hier lieben …« So, wie sie den Satz in der Luft hängen ließ, nahm ich an, dass sie darauf wartete, dass ich meinen eigenen Namen einfügte.

»January«, sagte ich daher. »Andrews.«

»Pete«, entgegnete sie und schüttelte mir die Hand mit der Heftigkeit eines Soldaten einer Spezialeinheit.

»Pete?«, fragte ich. »So wie im berühmten Pete’s Coffee?«

»Ganz genau die. Mein richtiger Name ist Posey. Aber was soll das für ein Name sein?« Sie machte eine Würgegrimasse. »Mal im Ernst, sehe ich aus wie eine Posey? Sieht überhaupt jemand aus wie eine Posey?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich meine, vielleicht ein kleines Baby, das ein Blumenkostüm aus Polyester trägt?«

»Oder ein blöd guckender Hund. Das wär’s dann aber auch. Kaum dass ich sprechen konnte, habe ich das geändert. Aber egal, January Andrews.« Pete trat an den Computer und tippte meinen Namen ein. »Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir dein Buch haben.«

Ich verbesserte die Leute nie, wenn sie »Buch« statt »Bücher« sagten, aber es ärgerte mich doch. Ich versuchte, es nicht persönlich zu nehmen – ich mochte Pete wirklich –, aber meinen männlichen Autorenfreunden in New York passierte das nie, und mir ständig. Natürlich war ich noch jung, und überhaupt ein Buch in meinem Alter veröffentlicht zu haben, war schon eine Leistung, aber meine Freunde waren auch jung, und bei denen kam niemand auf die Idee, sie wären womöglich nur Eintagsfliegen.

Und dann waren da die Leute, die so taten, als teilten wir einen geheimen Witz miteinander. Wenn sie nach einer Unterhaltung über Kunst oder Politik herausfanden, dass ich schmalzige Frauenliteratur schrieb, sagten sie gern: Na ja, Hauptsache, es bringt Geld, oder?, und flehten mich praktisch an zu bestätigen, dass ich auf keinen Fall freiwillig Bücher über Frauen oder Liebe schrieb.