Verlockung pur - Linda Lael Miller - E-Book

Verlockung pur E-Book

Linda Lael Miller

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3,99 €

Beschreibung

Carlys Ratgeberkolumne wird von ihrem erfolgreichen Kollegen Mark Holbrook nur belächelt. Trotz hitziger Wortgefechte verspürt sie jedoch kribbelnde Frühlingsgefühle in seiner Nähe ... aber Mark versucht die Anziehung zwischen ihnen um jeden Preis zu ignorieren.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 196




Linda Lael Miller

Verlockung pur

Roman

Aus dem Amerikanischen von Louisa Christian

MIRA® TASCHENBUCH

Copyright © 2017 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Mixed Messages

Copyright © 1990 by Linda Lael Miller

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises, Toronto

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Laura Oehlke

Titelabbildung: Harlequin Books S.A.

ISBN eBook 978-3-95649-932-6

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. Kapitel

Mark Holbrook war ein Starjournalist. Und er saß genau auf der anderen Seite des Flugzeuggangs. Carly Barnett überlegte, ob sie ihn ansprechen sollte, und ging in Gedanken die Möglichkeiten durch.

Sie konnte sich zu ihm beugen, leicht auf seinen Arm tippen und erklären: Entschuldigen Sie bitte, ich verfolge Ihre Karriere schon seit der Highschool. Ich möchte Ihnen sagen, wie sehr mir Ihre Arbeit gefällt. Nicht zuletzt Ihretwegen habe ich beschlossen, ebenfalls Journalistin zu werden.

Nein, das war zu naiv.

Vielleicht sollte sie zweifelnd auf ihr Mittagessen blicken und fragen: Entschuldigen Sie bitte, haben Sie zufällig ein Papiertaschentuch für mich?

Dieser Einfall war auch nicht besonders intelligent. Hoffentlich entwickelte sie mehr Fantasie, wenn sie erst ihre neue Stelle bei der „Times“ in Portland angetreten hatte.

Heimlich beobachtete Carly Mark Holbrook, der sich mit der linken Hand eifrig Notizen machte und das Essen nicht beachtete, das die Stewardess ihm kurz zuvor gebracht hatte. Er war groß und jünger, als sie wegen seiner Bekanntheit angenommen hatte. Höchstens zwei- oder dreiunddreißig Jahre konnte er sein. Er hatte schönes braunes Haar und braune Augen und müsste sich eigentlich rasieren. Einmal schaute er zu Carly hinüber, schien sie aber nicht wahrzunehmen.

Carly war enttäuscht. Immerhin hatte sie ebenfalls schon im Rampenlicht gestanden, wenn auch aus einem anderen Grund als Mr. Holbrook. Normalerweise übersahen die Männer sie nicht.

Sie räusperte sich, und er hob den Kopf.

„Hallo“, sagte Mark und lächelte derart, dass es Carly heiß überlief.

Obwohl sie daran gewöhnt war, die seltsamsten Fragen zu beantworten – zum Beispiel, was sie tun würde, wenn sie die Welt für einen Tag regieren könnte –, fiel ihr nichts Besseres ein als: „Hallo! Schmeckt Ihnen das Essen nicht?“

Vergnügt nahm er ein knuspriges Brötchen vom Tablett und biss kräftig hinein.

Carly errötete ein wenig.

Er lachte über ihre Verlegenheit und streckte seine Hand hinüber. „Mark Holbrook“, sagte er herzlich.

Carly war ein Leben lang zur Höflichkeit erzogen worden und konnte die angebotene Hand nicht ignorieren. Sie nahm sie höflich, wenn auch etwas steif, und antwortete: „Carly Barnett.“

Mark sah sie aufmerksam an. „Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Sind Sie vielleicht Schauspielerin?“

Wenn sie sich in ihr Schneckenhaus zurückzog, sobald jemand etwas Ärgerliches sagte, würde sie nicht lange im Zeitungsgeschäft bleiben, das war Carly klar. Deshalb lächelte sie so reizend wie möglich und antwortete: „Vor vier Jahren war ich Miss United States.“

„Nein, das meine ich nicht“, erwiderte Mark so rasch, dass Carly ein wenig verletzt war. „Machen Sie Fernsehwerbung für eine Rasiercreme oder so?“

„Normalerweise brauche ich mich nicht zu rasieren“, sagte Carly freundlich.

Mark lachte leise. Es klang nett, männlich und unbekümmert. „Sie sind also eine Schönheitskönigin“, stellte er fest.

Carlys Lächeln erstarb. Verärgert warf sie den Kopf zurück, und ihre kinnlangen blonden Locken wippten auf und ab. „Ich bin Reporterin“, sagte sie kühl. „Zumindest werde ich es ab Montagmorgen sein.“

Er nickte. „Natürlich beim Fernsehen.“

Carly ärgerte sich über Marks Annahme, dass der Beruf, den sie ausüben wollte, etwas mit ihrem Aussehen zu tun haben müsse. Dabei hatte sie ihr Collegeexamen in Kansas mit Auszeichnung bestanden und sogar eine wöchentliche Kolumne in ihrer Heimatzeitung geschrieben. Außer ihrer Schönheit hatte sie durchaus weitere Qualitäten aufzuweisen. „Nein“, antwortete sie, „ich habe eine Stelle bei der ‚Times‘ angenommen.“

Mark Holbrooks Augen funkelten immer noch, doch er wurde ernst. „Verstehe. Das ist eine der besten Zeitungen an der Westküste.“

„Stimmt“, antwortete Carly ihm. „Wenn ich mich nicht irre, ist sie sogar eine Konkurrenz für Ihr Blatt.“ Augenblicklich bedauerte Carly, verraten zu haben, dass sie wusste, wer Mark war. Doch jetzt war es zu spät. Deshalb versuchte sie, möglichst gleichgültig zu wirken.

Erneut lächelte Mark Holbrook vergnügt. „Sie haben Ihre Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht, Miss Barnett“, stellte er fest. „Ich arbeite seit zwei Jahren ebenfalls bei der ‚Times‘.“

Sie würden also im selben Verlag arbeiten. Während Carly noch über diese Erkenntnis nachdachte, sammelte die Stewardess die Tabletts wieder ein. Anschließend wurden Getränke angeboten. Als der Wagen weiterrollte, sah Carly, dass Mark Holbrook ein Glas Whisky in der Hand hielt.

Mit ihrem Tomatensaft fühlte sie sich ihm ein wenig überlegen, doch nur so lange, bis ihr einfiel, dass Mark Holbrook Pulitzerpreisträger war und schon Präsidenten und Könige und einige der größten Filmschauspieler interviewt hatte.

Inzwischen beachtete er sie gar nicht mehr, sondern schrieb konzentriert weiter.

Kurz darauf setzte das Flugzeug zur Landung an. Automatisch klappte Carly ihren Tisch hoch und schnallte sich an. Fliegen machte sie nervös, ganz besonders die Starts und die Landungen. Sie krallte sich derart an die Armlehnen, dass ihre Fingerknöchel schmerzten. Obwohl sie häufig flog, hatte sie sich immer noch nicht daran gewöhnt und bezweifelte, dass sie es je tun würde.

Als das Flugzeug aufsetzte und rumpelnd die Landebahn entlangraste, schloss sie fest die Augen und erwartete das Schlimmste.

„Alles in Ordnung“, hörte sie eine Stimme und sah erschrocken auf.

Mark Holbrook beobachtete sie belustigt und ergriff ihre Hand.

Carly kam sich richtig albern vor und lächelte unsicher. Doch als die Turbinen der großen Maschine auf Umkehrschub geschaltet wurden und das Geräusch der über die Flügel rasenden Luft in die Kabine drang, verzog sie erneut das Gesicht.

„Meine Damen und Herren“, ertönte die Stimme der Stewardess über den Lautsprecher, „wir sind soeben in Portland, Oregon, gelandet. Die Außentemperatur beträgt etwa 10 Grad, und es fällt ein leichter Frühlingsregen. Wir danken Ihnen, dass Sie mit unserer Linie geflogen sind, und hoffen, Sie bald wieder an Bord begrüßen zu können. Bitte, bleiben Sie sitzen, bis die Maschine an ihrer Parkposition völlig zum Stehen gekommen ist.“

Mark gehörte offensichtlich zu jenen Reisenden, die sich nie an diese Aufforderung hielten. Er drückte Carly kurz die Hand, stand auf und holte sein Handgepäck herunter.

„Kann ich Sie mit in die Stadt nehmen?“, fragte er.

Einen Augenblick bedauerte Carly beinahe, dass ihre Freundin Janet in der Flughafenhalle auf sie warten würde. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, danke. Ich werde abgeholt.“

Mark zog eine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie ihr. „Hier“, sagte er scherzhaft, „falls Sie bei der Einarbeitung Hilfe benötigen, rufen Sie mich ruhig an.“

Carly strahlte ihn an und antwortete im selben Ton: „Ich nehme an, dass ich mir selbst helfen kann, Mr. Holbrook.“

Er lachte leise und ging zusammen mit den ersten Reisenden nach vorn. Plötzlich drehte er sich noch einmal um, zwinkerte ihr herausfordernd zu und lächelte derart, dass ihre Knie weich wurden.

Fünf Minuten später verließ Carly ebenfalls das Flugzeug. Ihre beste Freundin Janet McClain erwartete sie aufgeregt am Tor. Sie kannten sich seit der Highschool.

„Ich dachte schon, du hättest das Flugzeug verpasst“, schalt Janet, nachdem die beiden Freundinnen sich umarmt hatten. Sie war eine attraktive Brünette mit dunklen Augen und arbeitete als Einkäuferin in einem großen Kaufhaus in Portland. Auf ihren Rat hin hatte Carly das Elternhaus endgültig verlassen, um sich an der Westküste ein eigenes Leben aufzubauen.

„Ich wollte nicht ins Gedränge kommen“, antwortete Carly. „Ist mein Apartment fertig?“

Janet schüttelte den Kopf. „Die Farbe ist noch nicht getrocknet, aber mach dir deshalb keine Sorgen. Du kannst ein paar Tage bei mir wohnen – die Möbel sind sowieso noch nicht da.“

Carly nickte. Weiter vorn entdeckte sie Mark Holbrook. Gern hätte sie gewusst, ob er von jemandem abgeholt wurde. Aber bei ihrer Größe von einsachtundsechzig war jedes Hochrecken sinnlos.

„Wen starrst du so an?“, fragte Janet neugierig. „Hast du jemanden im Flugzeug kennengelernt?“

„So könnte man es nennen“, gab Carly zu. „Ich saß gegenüber von Mark Holbrook.“

Janet war beeindruckt. „Der Journalist? Hast du mit ihm gesprochen?“

„Oh ja“, antwortete Carly. „Er war so gnädig, ein paar Worte an mich zu richten.“

„Hat er dich eingeladen?“

Carly seufzte. Sie wünschte, es wäre so und war gleichzeitig froh, dass es nicht der Fall war. Aber sie wollte nicht zugeben, wie hin- und hergerissen sie war. Reporter mussten eindeutig Stellung beziehen können. „Er gab mir seine Visitenkarte.“

Janet ging nicht weiter auf das Thema ein, obwohl sie, nach ihren Briefen und Telefongesprächen zu urteilen, neuerdings unbedingt heiraten und ein Kind bekommen wollte.

Sie holten Carlys Gepäck und ließen es von einem Träger zu Janets Wagen bringen, der ganz hinten auf dem Parkplatz stand.

„Montag geht es also für dich los“, bemerkte Janet, nachdem sie ihren schnittigen Wagen geschickt in den Nachmittagsverkehr eingefädelt hatte. „Bist du schon aufgeregt?“

Carly nickte. Trotzdem musste sie an zu Hause denken. Dort war es später als hier. Bald würde ihr Vater seine Tankstelle schließen und heimfahren. Da die Tochter nicht mehr für ihn kochte, würde er vermutlich ein Fertiggericht zum Abendessen kaufen und damit seinen Cholesterinspiegel in die Höhe treiben.

„Du bist ziemlich still“, stellte Janet fest. „Hast du ein schlechtes Gewissen?“

Energisch schüttelte Carly den Kopf. Ihr Leben lang hatte sie davon geträumt, für eine große Zeitung zu arbeiten, und bedauerte nichts. „Ich musste nur gerade an meinen Vater denken. Nachdem ich fort bin, hat er niemanden mehr, der für ihn sorgt.“

„Du liebe Güte, Carly“, antwortete Janet entsetzt. „Das klingt ja, als wäre er ein Greis. Wie alt ist er – fünfundvierzig?“

Carly seufzte. „Fünfzig. Und er ernährt sich nicht richtig.“

Janet lächelte schelmisch. „Nachdem seine altjüngferliche Tochter nicht mehr auf ihn aufpasst, wird er sich wahrscheinlich schnell in eine lustige Witwe oder Geschiedene verlieben und eine heiße Affäre beginnen. Vielleicht heiratet er sogar wieder und zeugt eine ganze Schar von Kindern.“

Lächelnd schüttelte Carly den Kopf. Doch während sie hinaus in die neblige Landschaft Oregons blickte, heiterte sich ihre Miene auf. Endlich hatte sie die Chance, ihre Träume zu verwirklichen und mehr zu sein als eine Schönheitskönigin.

Hoffentlich konnte sie sich auch in der Alltagswelt durchsetzen.

Carlys Apartment befand sich im selben Haus wie Janets. Es handelte sich um eine kleine weiß gestrichene Zweizimmerwohnung. Da die Wände noch feucht waren, roch es stark nach Chemie.

Der frisch gereinigte Teppichboden war beige, und im Wohnzimmer befand sich ein Kamin aus falschem weißen Marmor. Carly freute sich schon darauf, in ihrem geliebten Chenillebademantel vor dem knisternden Feuer zu lesen.

„Na, was hältst du davon?“, fragte Janet und breitete die Arme aus.

Carly wünschte, die Farbe wäre schon trocken und die Möbel wären angekommen. Schade, dass sie sich nicht sofort einrichten und an ihr neues Heim gewöhnen konnte. „Großartig. Danke, dass du dir meinetwegen so viel Mühe gemacht hast, Janet.“

„Ach, so schwierig war das gar nicht, da ich ja selbst in diesem Haus wohne. Komm, ziehen wir uns um. Anschließend gehen wir essen und schauen uns einen Film an.“

„Hast du bestimmt keine andere Verabredung?“, fragte Carly und folgte der Freundin hinaus. Sie dachte an Reggie, ihren ehemaligen Verlobten, und fragte sich, was er in diesem Augenblick wohl tat. Wahrscheinlich machte er seine Runde durchs Krankenhaus oder schwamm im Country Club. Carly bezweifelte ernsthaft, dass er sie vermisste. Die Karriere ging ihm über alles. „Bist du verliebt?“

Sie waren an Janets Tür angekommen, bevor die Freundin antwortete. „Ich weiß nicht recht. Tom sieht gut aus. Er ist nett und hat eine sichere Stellung. Vielleicht reicht das – und die Liebe ist nur das Fantasieprodukt irgendeines Dichters.“

Kopfschüttelnd folgte Carly Janet in die Wohnung, die genauso geschnitten war wie ihre. Nur der Teppich war grün. „An deiner Stelle würde ich nichts überstürzen“, warnte sie die Freundin. „Vielleicht ist doch etwas dran an der Liebe.“

„Mag sein“, stimmte Janet ihr zu, warf die Handtasche auf das Sofa und streifte den Regenmantel ab. „Zumindest bricht sie einem das Herz und lässt einen nachts nicht schlafen.“

Nach dieser Bemerkung gab Carly den Versuch auf, die Freundin von ihrem Standpunkt zu überzeugen. Außerdem hatte sie selbst keine Ahnung von der Liebe, denn sie war noch nie richtig verliebt gewesen – nicht einmal in Reggie.

„Die Ratgeberecke?“, fragte Carly in dem vollgestopften Eckbüro am Montagmorgen. „Ich dachte, ich sollte als Reporterin arbeiten …“

Allison Courtney, Carlys neue Chefin, stand groß und aufrecht auf der Schwelle. Sie war eine sachliche Frau mit aufmerksamen grauen Augen, glattem blonden Haar, das fest zu einem Knoten verschlungen war, und tadellosem Make-up. „Wir haben Sie eingestellt, weil wir Sie für eine gute Teamarbeiterin hielten, Carly“, schalt sie freundlich.

„Das bin ich auch, aber …“

„Eine Menge Leute würden wer weiß was für solch eine Stelle geben. Dafür bezahlt zu werden, anderen zu raten, was sie tun sollen …“

Carly hatte sich vorgestellt, Senatoren und Obdachlose zu interviewen, Prozesse zu beobachten und über Vergleiche zwischen der Polizei und der Unterwelt zu berichten. Natürlich wusste sie, dass die Ratgeberecke als „Perle“ galt. Aber sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, diesen Bereich zu übernehmen, und war daher ehrlich enttäuscht. Trotzdem riss sie sich zusammen und fragte so fröhlich wie möglich: „Womit soll ich anfangen?“

Allison lächelte befriedigt zurück. „Jemand wird Ihnen gleich die Post dieser Woche bringen. Die nötigen Fachleute finden Sie in der Kartei. Vielleicht können Sie außerdem bei den Büroarbeiten aushelfen. Willkommen in unserem Team.“ Nach diesen Worten ging sie hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Carly stellte ihre Aktentasche mit einem Knall auf den Schreibtisch und sank auf ihren Stuhl. „Büroarbeit?“, wiederholte sie und warf einen Blick auf die Computeranlage. „Du liebe Güte. Bin ich etwa bis nach Oregon gezogen, um als Sekretärin zu arbeiten?“ Wie zur Antwort summte ihr Telefon.

„Carly Barnett“, sagte sie in die Sprechmuschel, nachdem sie zuvor vier Knöpfe gedrückt hatte, um die Verbindung zu bekommen. „Ich wollte nur feststellen, ob es funktioniert“, antwortete eine fröhliche weibliche Stimme. „Ich bin Emmeline Rogers und sozusagen Ihre Sekretärin.“

Carly wurde klar, dass in dieser Redaktion vermutlich eine ganze Menge Büroarbeiten anfielen. „Guten Tag“, antwortete sie zurückhaltend.

„Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“

Jetzt fühlte sich Carly schon besser. „Ja gern, das wäre sehr nett.“

Kurz darauf kam Emmeline mit dem Kaffee herein. Sie war klein, hatte glattes braunes Haar und grüne Augen und lächelte verbindlich. „Ich habe Zucker mitgebracht, für den Fall, dass Sie welchen möchten.“

Carly bedankte sich erneut und schüttete ein halbes Päckchen in den heißen starken Kaffee. „Irgendwo sollen ein paar Briefe für mich sein. Wissen Sie etwas darüber?“

Emmeline nickte. „Ich bringe sie Ihnen.“

„Danke“, antwortete Carly.

Fünf Minuten später kehrte Emmeline mit einem riesigen Postsack zurück und schüttete den Inhalt auf den Schreibtisch. Carly konnte kaum noch über den Berg sehen. Sowohl ihr Telefon als auch die Computertastatur waren verschwunden. Sie trank einen Schluck Kaffee und murmelte: „Allison sagte, ich solle Ihnen bei der Büroarbeit helfen, wenn ich nichts mehr zu tun habe.“

Emmeline lächelte. „Allison hält sich für sehr witzig. Wir anderen sind nicht ganz ihrer Meinung.“

Carly lachte leise und fuhr sich mit den Fingern der linken Hand durchs Haar. Bis zu ihrer Trennung von Reggie und ihrem Entschluss, nach Oregon zu ziehen, hatte sie es lang getragen. Die neue Frisur, bei der das Haar nur etwa fünf Zentimeter unter die Ohrläppchen reichte, war eine Art Demonstration. Sie wollte völlig neu beginnen.

„Läuten Sie bitte, falls Sie etwas benötigen“, sagte Emmeline und ging.

Carly begann, die Briefe zu stapeln. „Falls Sie noch solch eine Lawine für mich haben, sollten Sie gleich einen Suchtrupp mitschicken“, rief sie ihr nach.

Gerade waren das Telefon und die Tastatur wieder aufgetaucht, da klopfte es kurz an der Tür. Bevor Carly „Herein“ rufen konnte, steckte Mark Holbrook den Kopf ins Zimmer.

„Tag“, sagte er und betrachtete den Berg Briefe mit kaum verhohlener Belustigung.

Carly sah ihn mürrisch an. „Tag“, antwortete sie.

Er betrat das winzige Büro und schloss die Tür. „Ihre Sekretärin macht gerade Pause“, erklärte er. Er trug ein kariertes Flanellhemd, Jeans und ein Cordjackett.

Carly wusste nicht recht, was sie von diesem Mann halten sollte. Er rief eine seltsame Mischung von Gefühlen in ihr hervor, die nicht leicht zu durchschauen war, und ließ ihr keinen Platz zum Atmen. Das beunruhigte und erschreckte sie. Sie fühlte sich zu Mark hingezogen und ärgerte sich, dass sie so wenig Erfahrung als Journalistin besaß.

Mark zog den einzigen Stuhl heran, drehte ihn herum, setzte sich rittlings darauf und legte seine Arme auf die Rückenlehne. „Wie soll die Spalte künftig genannt werden? Fragen Sie Miss Sympathie?“

„Ich war nicht Miss Sympathie“, stellte Carly fest.

„Das wundert mich“, antwortete Mark vielsagend.

Carly beugte sich vor und fragte so finster wie möglich: „Haben Sie einen besonderen Wunsch, Mr. Holbrook?“

„Ja, ich möchte Sie heute Abend zum Essen einladen.“

Carly band die Briefstapel mit Gummiringen zusammen und legte sie auf den Seitenschrank. Ein leichter Schauer rieselte ihr Rückgrat hinab. Obwohl der Instinkt ihr dringend riet, die Einladung abzulehnen, nickte sie und antwortete: „Ich würde mich darüber freuen.“

„Anschließend könnten wir ins Kino gehen, wenn Sie wollen.“

Carly betrachtete den Berg von Briefen, der beantwortet werden musste. „Dann würde es zu spät. Vielleicht ein andermal.“

Träge nahm Mark einen Brief in die Hand, öffnete ihn und las stirnrunzelnd. „Dieser ist von einem Teenager. Was werden Sie dem Mädchen antworten?“, fragte er und reichte Carly das Blatt.

Carly nahm die linierte Seite und überflog sie. Die junge Schreiberin ging noch zur Highschool und wurde von ihrem Freund bedrängt, endlich mit ihm zu schlafen. Sie wollte wissen, wie sie ablehnen konnte, ohne den Jungen zu verlieren.

„Ich finde, sie sollte bei ihrem Standpunkt bleiben“, antwortete Carly. „Wenn der Junge wirklich etwas für sie empfindet, wird er verstehen, weshalb sie noch nicht möchte.“

Mark nickte nachdenklich. „Natürlich erwartet niemand von Ihnen, dass Sie alle Briefe beantworten“, erklärte er.

Carly spürte seine Missbilligung, auch wenn er sie gut verbarg. „Was gefällt Ihnen an meiner Antwort nicht?“, fragte sie.

„Sie ist mir zu einfach, das ist alles.“ Es klang nicht vorwurfsvoll.

Ohne zu wissen, weshalb, wurde Carly plötzlich aggressiv. „Ich nehme an, Ihnen fiele etwas Besseres ein.“

Mark seufzte. „Nein, ich würde nur ausführlicher antworten und dem Mädchen raten, mit ihrer Vertrauenslehrerin zu reden. Vielleicht auch mit ihrem Arzt. In Portland gibt es eine Menge Probleme, Carly. Die Jugendlichen haben hier größere Sorgen, als die Schönste beim Schulball zu sein oder in den Fanklub einer Footballmannschaft aufgenommen zu werden.“

Carly lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Wäre es möglich, dass Sie mich für oberflächlich halten, nur weil ich einmal Miss United States gewesen bin, Mr. Holbrook?“, fragte sie ruhig.

Mark lächelte. „Hätte ich Sie zum Abendessen eingeladen, wenn ich Sie für oberflächlich hielte?“

„Wahrscheinlich.“

Er zuckte mit den Schultern und spreizte die Finger. „Ich bin sicher, Sie meinen es gut“, gab er großzügig zu. „Sie sind nur noch etwas unerfahren, das ist alles.“

Carly nahm ein Päckchen Briefe und schaltete ihren Computer ein. Nach einem weiteren Knopfdruck begann auch der Drucker zu summen. „Und ich werde nie erfahrener werden, wenn Sie stundenlang in meinem Büro herumsitzen und meine Qualifikation anzweifeln“, antwortete sie.

Er stand auf. „Ich nehme an, Sie haben ein Examen in Psychologie abgelegt?“

„Sie wissen genau, dass es nicht der Fall ist.“

Mark war schon an der Tür und hatte die Hand auf den Griff gelegt. „Richtig. Ich habe es im Handbuch für Schönheitsköniginnen gelesen. Sie haben einen Abschluss in …“

„Journalismus“, unterbrach Carly ihn.

Sein Gesicht war zwar finster, aber seine Augen funkelten immer noch, als er sich verabschiedete. „Bis zum Abendessen“, erklärte er und verließ das Büro.

Zutiefst beunruhigt machte sich Carly wieder an die Arbeit. Sie öffnete den ersten Brief, nahm den gefalteten Bogen heraus und begann zu lesen.

Gegen Mittag schwirrte ihr Kopf. Nicht im Traum wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass so viele Leute derart am Leben verzweifelten. Sie zog ihren Regenmantel über, nahm ihre Handtasche und ihren Schirm und verließ das Bürogebäude der „Times“.

In einem kleinen Selbstbedienungsrestaurant wählte sie einen Hähnchensalat und eine Diät-Cola, setzte sich an einen der Metalltische und blickte auf die Leute, die an dem nassen Fenster vorübereilten.

Automatisch gingen ihre Gedanken zu Reggie zurück. Vielleicht war es doch falsch gewesen, die Verlobung aufzulösen, Kansas zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Immerhin war Reggie ein grundehrlicher Mensch. Er verdiente schon jetzt eine sechsstellige Summe im Jahr, und sein weitläufiges Backsteinhaus war vollständig bezahlt.

Düster nahm Carly ihre Plastikgabel und aß einen Bissen Salat. Vielleicht hatte Janet recht, und Liebe bedeutete nur gebrochene Herzen und Schlaflosigkeit. Vielleicht war sie eine Art neurotischer Zwangsvorstellung. Oder es gab sie überhaupt nicht.

Nach der Mittagspause kehrte Carly ins Büro zurück. Eine Nachricht war an den Monitor ihres Computers geheftet. In leicht nach rechts geneigten schwarzen Buchstaben hieß es auf der Rückseite eines Briefumschlags: „Dieser Mann braucht unbedingt fachmännische Hilfe. Treffen wir uns um sieben unten in der Halle. Mark.“

Fünf Minuten vor fünf kam Allison in ihr Büro. „Na, wie geht’s?“

Carly lächelte mühsam. „Bis heute Morgen hatte ich noch einige Hoffnung für die Menschheit“, antwortete sie.

Allison deutete auf die Expertenkartei auf dem Seitenschrank. „Ich nehme an, Sie machen eifrig Gebrauch davon. Ihre Vorgängerin hat ausgezeichnete Kontakte zu Fachleuten aufgebaut.“

„So weit bin ich noch gar nicht“, antwortete Carly. „Ich sortiere die Unterlagen noch.“

Allison hob drohend den Finger. „Vergessen Sie nicht, dass der Redaktionsschluss auch für Sie gilt.“

Carly nickte. Ihr war durchaus klar, dass sie ihre Kolumne bis Mittwochabend abliefern musste. „Ich werde rechtzeitig fertig sein“, versicherte sie und war erleichtert, dass Allison nicht näher auf das Thema einging, sondern sie wieder verließ.

Gerade hatte sie die Briefe in ihre Aktentasche gepackt, als Janet erschien, um sie abzuholen.

„Na, wie war es?“, fragte die Freundin und drückte auf den Fahrstuhlknopf. Die Türen schlossen sich.

„Zermürbend“, antwortete Carly und schlug mit der Handfläche auf die Aktentasche. „Man erwartet von mir, dass ich auf alle Schwierigkeiten eine Antwort weiß, angefangen von Schuppenflechte bis zum Atomkrieg.“

Janet lächelte. „Du wirst es schon schaffen“, tröstete sie die Freundin.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich wieder, und Carly stand plötzlich Mark Holbrook gegenüber. Sie hatte das Gefühl, der Boden versinke unter ihren Füßen.

Janet stieß sie heftig an.

„M-Mark, das ist Janet McClain“, stotterte Carly nervös. „Wir waren zusammen auf der Highschool und auf dem College.“

Mark lächelte verbindlich. „Hallo“, sagte er und sah Carly wieder an. „Vergessen Sie nicht – wir sind für sieben Uhr zum Abendessen verabredet.“

Carly war immer noch wie erstarrt und konnte als Antwort nur nicken.

„Ich nehme alle dummen Bemerkungen zurück, die ich je über die Liebe gemacht habe“, flüsterte Janet, während sie weitergingen. „Soeben wurde ich vom Gegenteil überzeugt.“

Carly war völlig durcheinander, aber das sollte ihre Freundin nicht merken. „Glaub mir“, meinte sie scherzhaft, „Mark Holbrook mag zwar fantastisch aussehen, aber er ist viel zu überheblich, um einen guten Ehemann abzugeben.“

„Hm“, antwortete Janet nur.

„Was ich damit sagen wollte: Nicht jede Einladung zu einem Abendessen endet mit einem Heiratsantrag …“

„Natürlich nicht“, stimmte Janet ihr bereitwillig zu.

Ein scharfer, feuchter Wind schlug ihnen entgegen, als sie auf den Bürgersteig vor dem Gebäude der „Times“ traten, und Carlys Wangen röteten sich. Sie schützte ihre Augen. „Ich weiß, dass er der falsche Mann für mich ist. Nach allem, was er erreicht hat, muss er ebenso ehrgeizig sein wie Reggie. Aber …“

„Aber?“, wiederholte Janet.