VERLORENER KURS - Markus Heitz - E-Book

VERLORENER KURS E-Book

Markus Heitz

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Beschreibung

Der entspannte Vater-Tochter-Kennenlern-Roadtrip von Murphy und der 15-jährigen Stella nimmt auf der Fähre von Holyhead nach Dublin eine dramatische Wende: Ein gesuchter Terrorist, den Murphy als irischer Fahnder erkennt, ist an Bord!
Ein bevorstehender Anschlag? Geplante Entführung? Oder simpler Zufall?
Plötzlich verlieren einige Passagiere unter rätselhaften Umständen das Leben.
Dann schwimmen titanische Schatten unter der Oberfläche mit dem Schiff - und es sind keine Wale.
Die Stimmung auf der Fähre kippt. Durch die Gänge kriecht die Angst vor dem allgegenwärtigen Grauen und dem brutalen Killer. Jeder wittert Verrat und düstere Geheimnisse, die wahnhaften Passagiere drohen vollends durchzudrehen.
Als ein Sturm heraufzieht und der Kapitän den eigentlichen Kurs ändert, weiß Murphy, dass er handeln muss, um seine Tochter vor dem Schlimmsten zu schützen. Auch gegen eigene Prinzipien.
Aber mit dieser Art von Gegnern hat er niemals gerechnet…

„The Fog“ trifft auf „Ghost Ship“, „Passagier 23“ auf „Flightplan“ und „The Perfect Storm“.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dramatis Personae

Ian Murphy, Detective Inspector der SDU (Special Detective Unit der irischen Polizei (Garda)), Passagier der Perpetuum

Stella Licht, seine Tochter, Schülerin, Passagierin der Perpetuum

Pia Licht, ihre Mutter, Angestellte

Jannis Ioannou, Geschichtswissenschaftler, Rentner & Passagier der Perpetuum

Tommaso „Masso“ Russo, Unternehmer & Passagier der Perpetuum

Sofia Colombo, seine Lebensgefährtin, Unternehmerin & Passagierin der Perpetuum

Pontefice, ihr Hund

Kenzo Tanaka, Europareisender & Passagier der Perpetuum

Garth Collins, Ahnenforscher & Passagier der Perpetuum

Mary-Jane, seine Frau & Passagierin der Perpetuum

Lois, Stefanie, Kevin, ihre gemeinsamen Kinder & Passagiere der Perpetuum

Mila Petrova, Philanthropin & Passagierin der Perpetuum

Margarethe Paula Schreiber, Philanthropin & Passagierin der Perpetuum

Terry Holby, Philanthropin & Passagierin der Perpetuum

Josh(ua) „Bop“ (Bird of Prey) Bird, Terrorist & Passagier der Perpetuum

Vitus Diobolo, Kapitän der Perpetuum

Idris Zabit, Erster Offizier der Perpetuum

Adela Hlídka, Offizierin der Perpetuum

Mister Manthys, Passagier der Perpetuum

Lizzy, Barista im Fährenterminal in Holyhead

KAPITEL I

England, Holyhead (Wales), Herbst

Josh schwenkte auf das rechteckige, grau-langweilige Terminal nahe dem Fährenanleger ein, von dem die Schiffe nach Dublin über die Irische See aufbrachen, Menschen, Tiere, Fracht und Fahrzeuge sicher über die Wogen zur Grünen Insel trugen. Und wieder zurück. Tag für Tag.

Er ging an der Wagenschlange vorbei, die sich mehr und mehr auflöste.

In etwas mehr als einer Stunde legte die Fähre der irischen Trasdul Lines ab, die Beladung der Perpetuum war in vollem Gange. Das moderne Schiff verschlang zweihundert Lastwagen und hundert Autos. Stück um Stück.

Josh wollte sich ebenso verschlingen lassen. Dringend. Zusammen mit etwa eintausend Leuten.

Leider gab es keine Tickets mehr, die Online-Plattform meldete völligen Ausverkauf. Spätentschlossene oder Verzweifelte wie er hatten Pech und saßen am Terminal bis zur nächsten Überfahrt fest.

Doch das kam für Josh nicht in Frage.

Er musste runter von England, rüber nach Irland. Sofort. Trotz seines Zustandes. Der Wetterbericht verhieß für nachfolgende Fahrten nichts Gutes. Jetzt oder nie.

Leise klopften die Regentropfen auf die Kapuze und schienen seinen Kopf streicheln zu wollen, wie um zu sagen: Das wird schon.

Die Feuchtigkeit perlte abwärts und tränkte die Hose auf Höhe der Oberschenkel.

Josh war es recht. Es schwemmte sein Blut aus dem Stoff, das sich auf der linken Seite befunden hatte. Nun war es nicht mehr zu sehen.

Mit vor Nässe schmatzenden Turnschuhen betrat er das karge Gebäude und orientierte sich zwischen den Terminals. Nach Sekunden ging er auf das offengestaltete Café zu und ließ die Kapuze vorerst auf seinem Kopf. Wegen der Kameras. Sonst schlug die Gesichtserkennung in irgendeiner staatlichen Überwachungszentrale Alarm und erstickte den winzigen Funken Wahrscheinlichkeit einer gelungenen Flucht. Markante Wangenknochen waren der Fluch in seinem ansonsten belanglosen, stoppeligen Gesicht.

Am Tresen angekommen, stellte sich Josh in den toten Winkel der Objektive und streifte den Kopfschutz zurück. Sein Verhalten würde sonst zu auffällig.

„Einen doppelten Espresso“, bestellte er, um wach zu bleiben; dabei sah er sich im Café um.

Als englischer Staatsbürger benötigte er kein Visum, um nach Dublin einzureisen, die Kontrolle wäre im Handumdrehen erledigt. Aber sein perfekt gefälschter Ausweis brachte Josh nichts, solange er kein Ticket erstehen konnte.

„Bitte, Sir.“ Die blonde Barista in der übergroßen braunen Lederschürze war koffeinschnell, das starke Gebräu dampfte aus einem niedlichen, randvollen Tässchen. Daneben lag ein Keks in Glückskleeform mit grünem Zuckerguss.

„Kann ich gut gebrauchen“, murmelte Josh und füllte Zucker in den Espresso. Viel Zucker.

„Koffein oder Glück?“

„Beides. Aber mehr Glück.“

„Wer nicht, Sir?“ Auf ihrem Namensschildchen stand Lizzy.

Er schob einen Zehnpfundschein über den Tresen. „Stimmt so.“

Sie lächelte beim Entgegennehmen. „Danke!“ Und eilte zurück an die riesige Maschine, die mit zig Reglern, Anzeigen, Auslässen und Dampfdüsen daherkam, als reiste man damit auch in eine beliebige Zeit, sofern man wünschte.

Im Café warteten überwiegend die sogenannten Fußgänger – Fährpassagiere, die kein Fahrzeug verschiffen mussten. Sie hatten mehr Zeit fürs Einchecken.

Zuerst spielte Josh mit dem Gedanken, einen der Gäste auf der Toilette abzufangen und zu zwingen, ihm das personalisierte Ticket zu überschreiben. Oder zu stornieren, damit er dessen Platz instant buchte.

Aber die Aktion hätte für Aufsehen gesorgt, entweder unmittelbar oder eine Stunde nach Ablegen, sobald man den Beraubten fand. Vielleicht würde die englische Polizei die Perpetuum dann zum Umkehren zwingen. Oder in Dublin wartete ein Spezialkommando auf ihn.

Josh schlürfte seinen Espresso. Stark, heiß, süß und schwarz, wie er ihn liebte. Der Keks passte perfekt. Sein erstes Essen seit Stunden, der Zucker tat gut.

Allmählich ließen die Schmerzmittel nach. Die notdürftig verbundenen Wunden meldeten sich mit warmem Pochen, dem alsbald ein glühendes Stechen folgte. Welches sich steigern würde.

Bis dahin wollte Josh an Bord der Fähre sein und sich zurückgezogen haben. Mehr Analgetikum, frischer Verband, Ruhe für ungefähr drei Stunden und fünfzehn Minuten. So lange dauerte die Überfahrt von Holyhead nach Dublin, sofern sich das Wetter wie vorhergesagt hielt.

Ich muss irgendwie in eines der Fahrzeuge. Josh nippte am Espresso. Unbemerkt. Ungesehen.

Die Kameras auf dem Gelände waren sein größter Feind, dicht gefolgt von den Passagieren, die umherliefen oder in Fahrzeugen saßen. Menschliche Objektive, die ihn erfassen könnten, sobald er versuchte, in einen Kofferraum zu gleiten.

Noch dazu behinderten ihn seine Verletzungen in der Bewegungsfreiheit.

Die Krampen des Wundtackers hielten die Löcher geschlossen, welche die neun Millimeter beim Ein- und Austritt gestanzt hatte. In Haut und Fleisch, aber nicht in Organe. Wodka hatte zum ersten Desinfizieren ausreichen müssen.

„… gleich gesagt, dass wir den Leihwagen nicht nach Dublin mitnehmen dürfen“, schimpfte eine braunhaarige Schönheit mit ihrem Begleiter, der die temperamentvoll-italienische Tirade am Tresen des Cafés über sich ergehen ließ.

Josh schätzte die zwei auf Ende zwanzig. Beide schleppten große Rucksäcke, dazu extra Umhängetaschen verschiedener Supermarktketten; eine zusammengerollte Tüte in einem Seitensteckfach barg Hundeleckerlis.

Er hatte immer gewusst, dass das Erlernen von Fremdsprachen Vorteile brachte. Zuhören ganz ohne App und sich nichts anmerken lassen. Möglicherweise ergab sich etwas.

„Ja, ist ja gut. Ich habe ihn zurückgebracht“, antwortete der Italiener gestikulierend. Die Kleidung des Pärchens war ein Jeans-Leder-Mix. Verwegen-pragmatisch.

„Hast du alles rausgenommen, Masso?“, fragte sie seltsam betont. Wie er hatte sie zahlreiche sichtbare Tätowierungen, die bis an den Halsansatz reichten.

„Ja. Ja, alles“, gab er zurück und blitzte sie wütend an. Kurze schwarze Haare, das schlanke Gesicht und lange Koteletten gaben ihm Retrohaftes. „Red nicht drüber, okay? Noch sind wir nicht an Bord. Benimm dich normal und nicht wie eine scheiß Diva.“ Trotz des miesen Wetters schob er sich die Sonnenbrille ins Gesicht. „Wo ist Pontefice?“

„Drin. In der Transportbox.“

Das Pärchen nahm seine Kaffeebestellungen in Empfang und warf sich in eine Sitzgruppe. Die mit Schmuck behängte Schönheit schmollte auch dort.

„Sie kriegen bestimmt viel mit“, wandte sich Josh an die blonde Barista. „Woher die Leute kommen und so.“

„Ja, Sir. Immer wieder spannend. Das ist das Beste an diesem Job.“ Lizzy reinigte die Aufschäumdüse mit einem Lappen und wuchtete Geschirr aus der Spülmaschine, um den Inhalt mit einem Tuch zu trocknen. Jeder Handgriff wirkte hundertfach ausgeführt.

„Heute jemand Spannendes dabei?“

„Was meinen Sie, Sir?“

„Das Herkunftsland. Der Grund für die Reise. So was.“

„Ah.“ Lizzy zeigte mit der abgeriebenen Tasse zu einem Asiaten von knapp 20 Jahren, der zu einer eleganten Stoffhose ein Shirt mit Comicaufdruck trug. Stilbruch und modisch zugleich. „Kenzo Tanaka. So hat er sich vorgestellt. Und mir sogar seine Visitenkarte gegeben. Ganz stolz, als wäre es ein Schatz. Mit Verbeugung.“ Sie kicherte. „Kommt aus Tokio. Hat ein Stipendium für Oxford und beginnt bald sein Studium. Vorher möchte er sich Dublin anschauen.“

Josh staunte über die Redseligkeit und die Naivität anderer Menschen. „Das hat er Ihnen alles erzählt?“

Lizzy nickte. „Sehr aufgeregt, der Junge. Und super höflich.“ Ein Lächeln entstand auf ihrem Sommersprossengesicht. „Die Leute reden entweder ständig mit mir oder denken, ich höre ihre Unterhaltungen nicht.“ Sie nickte zu einem Mittdreißiger in Begleitung einer Teenagerin. „Vater-Tochter-Gespann. Kennen sich noch nicht so gut, gehen auf einen Roadtrip. Er ist Ire. Hört man sofort.“

Josh wandte sich in deren Richtung.

Der bullige Mann wirkte in der Bomberjacke und seinen hellbraun-rötlichen Haaren im Kurzlockenlook wie ein irischer Rowdy. Sein Bart – Hufeisenform plus Dreitageversion – und seine schiefe Nase verstärkten den rauen Eindruck. Der Nasenknochen war mal gebrochen gewesen, das sah man sofort. Josh kannte dieses Verletzungsbild.

Sein Scannen lief weiter: Grünes Hemd, weißer Schlips, graue Stoffhose, Boots. Drei Ohrringe links, Tätowierungen auf den Unterarmen mit verschiedenen Symbolen und ein Shamrock am Hals. Das Lächeln auf den Lippen, wenn er mit seiner Tochter sprach, verlieh ihm einen freundlichen Eindruck. Im rechten Mundwinkel zuckte ein Zahnstocher.

Die Tochter wirkte in der einfachen Kleidung harmlos und nett. Das Frechste an ihr waren die roten Strähnchenbänder in den dunklen Haaren. Den Spruch auf ihrem Shirt konnte Josh nicht entziffern. Für ihn sah es aus wie Deutsch, was er selbst nicht beherrschte.

„Und die Kleine nicht?“, fragte er die Barista.

„Nein. Deutsche. Auch das hört man. Ihr Englisch ist sicher, aber manchmal ganz sicher falsch.“ Lizzy lachte. „Damit kann sie schon mehr Fremdsprachen als ich.“

„Deutsches oder englisches Auto?“ Innerlich hatte er den Iren von der Liste gestrichen. Der Umgang mit seiner Tochter und der Ausdruck in seinen Augen verriet, dass der Mann alles für seine Familie tat. „Nur aus Neugier.“

„Keins.“ Lizzy eilte zum nächsten, spindeldürren Gast in bunten Freizeitklamotten, der mit Winken auf sich aufmerksam machte. „Gleich wieder da.“

Josh fand seinen Platz an der Bar optimal. Die Barista half ihm beim Auskundschaften, ohne dass sie es wusste.

Er zog das Prepaid-Handy aus der Hosentasche und wischte hastig das Blut ab. Lizzy schaute gerade in eine andere Richtung – gut, sonst kämen Fragen dazu.

Laut Display hatte Elliot angerufen. Mehrmals.

Nach der Schießerei hatten sich die beiden Männer getrennt. Wie es aussah, war dem Waliser die Flucht vor der englischen Polizei gelungen.

„Zwei Kaffee, schwarz. Zwei Fancy-irgendwas-Shakes, die tauglich für Insta sind. Die Kids stellen alles online und wollen Likes. Ach ja, und einen Kakao für meinen Kleinen. Oh, dazu ein halbes Dutzend Sandwiches. Und Cookies. Zum Mitnehmen. Ich hab’s eilig, Ma’am“, bestellte der dürre Mann in einem unüberhörbaren Südstaatenton. „Bitte.“ Er fummelte mit reichlich Geldscheinen herum, nur um dann eine schwarze Kreditkarte zu zücken. „Muss zum Fahrzeug. Einchecken. Aber ich stehe falsch, glaube ich.“

Josh horchte auf.

Die Zusammenstellung ließ eine mehrköpfige Familie vermuten. Bei der Anzahl von Getränken und Snacks wahrscheinlich ein großes Gefährt.

„Ich beeile mich, Sir.“ Lizzy sprang an der Maschine herum, wirkte ihre mechanische Dampfmagie, wirbelte und füllte Becher um Becher.

Josh richtete den Blick durch die Scheibe.

Draußen lag eine Blechlawine, aus der ein riesiges Wohnmobil stach. Eingekeilt stand es zwischen zwei Lastwagen. Eine übergewichtige Frau um die 40 sah vom Beifahrersitz ins Terminal. Ausschau haltend.

Da haben wir es ja.

Am Heck des doppelachsigen Gefährts, das wahrscheinlich 7,5 Tonnen auf die Waage brachte, hingen Fahrräder auf einem Ständer, abgedeckt mit blickdichter grauer Folie. Nur die herausspitzenden Reifenstücke verrieten, was sich darunter verbarg.

Mein Ticket. Josh trank seinen Espresso aus.

Er würde sich unter die Plane schieben und irgendwie zwischen die Rahmen der Räder klemmen. Es ging bloß um wenige Minuten, die er brauchte, um unbemerkt an Bord der Perpetuum zu gelangen. Die getackerten Wunden mussten das aushalten können – wie das Gestell am Wohnmobil.

„Sie sind Amerikaner?“, überbrückte Lizzy die Wartezeit.

„Aus Brady, Texas“, plauderte der dürre Mann. Die Hektik von eben verebbte, als er sah, wie rasch sie die Bestellung erledigte. „Wir betreiben Ahnenforschung.“

„Oh, aufregend“, kommentierte sie, ohne ihr Wirbeln zu unterbrechen. Eine blonde Strähne kräuselte sich durch den Wasserdampf aufwärts.

„Finden wir auch, Ma’am. Familienprojekt. Das hatten wir uns schon lange vorgenommen. In England haben wir schon bisschen Material gefunden. Und jetzt geht es nach Irland.“ Der Mittvierziger schien wieder unruhig und sah auf die sportliche Armbanduhr. Auf dem Kopf saß ein blaues Basecap. „Das wird knapp.“

„Das schaffen Sie locker, Sir.“ Lizzy war fertig und legte ihm die Rechnung vor, die er mit Kreditkarte zahlte und üppige zehn Pfund als Trinkgeld bar auf den Tresen blätterte. „Haben Sie einen schönen Urlaub.“

Als der Mann es nicht schaffte, die großen Becher und die Papiertüten mit seinen Händen zu greifen, kam Joshs Moment.

„Warten Sie. Ich helfe Ihnen.“ Er biss die Zähne zusammen, weil die Wunden ziepten, schob sich neben den dürren Texaner. Er nahm die zwei größten Becher, bevor der Mann widersprechen konnte. „Wohin?“

„Oh, das ist aber nett. Da, das große Wohnmobil. Zwischen den Lastwagen.“ Der Mann ging los, das bunte Hemd flatterte im kalten Wind um ihn. Wahrscheinlich wäre auch XXS zu breit für ihn. „Ich bin Garth“, wechselte er in amerikanische Vertrautheit. „Du fährst auch mit der Perpetuum?“

„Thomas“, log Josh und winkte Lizzy zum Abschied. Sie tat theatralisch so, als würde sie weinen und sich die Tränen mit dem Geschirrhandtuch trocknen. „Ja. Hab ich vor.“ Er zog die Kapuze über, ohne die Becher ins Schwanken zu bringen.

Nebeneinander verließen sie Terminal und Café, steuerten durch den Regen auf das Wohnmobil zu, in dem seine Frau Zeichen der Erleichterung formte.

„Kennst du dich in Dublin aus? Hast du Tipps?“, plapperte Garth und balancierte seine Last ungeschickt.

„Ich bin lieber an der Westküste.“ Josh hatte analysiert, dass die Auflieger der Trucks das Wohnmobil vor den Sicherheitskameras abschirmten. Das machte sein Vorhaben schon mal einfacher.

Als Garth der Autoschlüssel aus den Fingern glitt, hob Josh sie rasch auf. Die Wunden beschwerten sich mit grellem Ziehen. „Meint der Einweiser da vorne dich?“, lenkte er den Texaner ab.

„Wo?“

Kaum wandte sich der Mann um, öffnete Josh blitzschnell das Schloss des hinteren Zugangs am Heck, der in einen Laderaum führen musste. „Hab mich getäuscht.“ Er reichte Garth den Bund. „Hier, bitte sehr.“

Die Seitentür des Wohnmobils flog abrupt auf.

„Gib, Daddy! Gib, gib, gib!“ Eine Teenagerin streckte die schnappenden Hände raus, damit der Rest von ihr im Regen nicht nass wurde.

„Dann gute Fahrt“, verabschiedete sich Josh, während sich Garth ins Gefährt schob und seine Tochter zurückdrängte. Er reichte ihm die zwei Becher an.

„Wir sehen uns an Bord, Kumpel. Dann geb ich dir ein Bier für deine Hilfe aus.“ Garth grinste und schloss die Tür.

Josh schlenderte am Wohnwagen vorbei und wartete, bis ein Lastwagen ausscherte und für mehrere Sekunden mit seinem Anhänger querstand. Vor den letzten Kameras, die ihn im Blick hatten.

Hastig öffnete Josh die Klappe zum Heckladeraum und schlängelte sich vorbei an Gestängen, Klapproller, Vorzeltplane und Unmengen von Konservendosen.

Das neuerliche grelle Stechen vermittelte Josh, dass mindestens ein Krampen aus der vorderen Wunde gerissen war. Es wurde warm an der Seite. Austretendes Blut.

Fuck. Doch er hatte sich erfolgreich eine Mitfahrgelegenheit verschafft. An Bord der Perpetuum gab es sicherlich Erste-Hilfe-Sets, die er stehlen und nutzen konnte.

Das doppelachsige Wohnmobil setzte sich in Bewegung, rumpelnd ging es vorwärts in der Schlange zur Einfahrt.

Die Kurven verrieten, dass Garth nach der richtigen Spur suchte. Ab und zu hupte es um sie herum. Der Texaner machte sich mit seiner chaotischen Fahrweise keine Freunde.

Durch die Federung wippte das Heck; unentwegt musste Josh das Gestänge fixieren, damit er nicht darunter begraben wurde.

Er zog sein Prepaid-Handy und rief Elliot an.

„Sprich leise“, raunte Josh, damit man seine Stimme nicht im Passagierbereich hörte. „Ich bin gleich auf der Perpetuum. Die Fähre von Holyhead nach Dublin.“

„Okay.“ Elliot atmete einmal tief durch, als nähme er Anlauf für eine unangenehme Nachricht.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“

„Ja. Und bei dir?“

„Ich werd’s überleben.“

„Gut. Sehr gut. Aber …“ Elliot räusperte sich. „Eric und Penelope hat’s erwischt. Die Schweine haben sie abgeknallt. Kopfschüsse. Ich hab’s genau gesehen.“

Neben den Schmerzen fühlte Josh tiefe Wut – und Hass auf die englische Polizei. Es keimte der Wunsch nach Rache, nach vielfacher Rache, der nicht mehr zu bändigen war.

Diese Vergeltungswut gebar eine Idee.

„Du hast noch knappe …“, Josh schaute im Display auf die Zeitanzeige, „zwanzig Minuten, um mir drei, vier gute Leute zu schicken. Kannst du die an Bord der Fähre schmuggeln?“

„Warum?“

„Ich will ein Statement setzen, um zu zeigen, dass unsere Sache so leicht nicht in die Knie gezwungen wird. Für unsere toten Helden.“

Elliot schwieg für Sekunden. „Nein. Das wird zu eng. Und die Fähre ist ausgebucht. Aber ich kann ein Schlauchboot schicken“, schlug Elliot vor. „Was brauchst du?“

„Automatische Gewehre, Maschinenpistolen. Sprengstoff.“

„Und dann?“

„Das sage ich deinen Leuten, sobald sie an Bord sind. Wann, denkst du, können sie kommen?“

„Sie haben Sturm gemeldet, es muss also schnell gehen. Vielleicht können die Jungs mit einem Notsignal das Schiff dazu bringen, sie aufzunehmen? Hobbyangler mit verlorenem Kurs oder so?“

„Gute Idee! Mach das so. Sie sollen mir eine Nachricht schicken, sobald sie an Bord sind.“ Josh überlegte. „Nein, ich finde sie. Das ist sicherer.“

„Geht klar. Bin auf das Statement gespannt.“

„Das vergisst keiner mehr. Danke, mein Bruder!“

„Immer wieder. Für Eric und Penelope. Ach ja, Dublin weiß übrigens Bescheid. Man kümmert sich um dich, sobald du angekommen bist.“

Klick.

Das Wohnmobil rumpelte über Rampen, es schepperte unter den Rädern.

Draußen wechselte der Einweiser kurze Worte mit Garth, und schon ging ihre Fahrt weiter, bis das Gefährt eine Kurve beschrieb und der Motor erstarb.

Schritte polterten hin und her, lachend verließ die fünfköpfige Familie das Fahrzeug. Ein letztes Krachen, als die Tür zuknallte, und dann wurde es still.

Josh harrte aus.

Er würde sein Versteck erst verlassen, sobald die Perpetuum abgelegt hatte.

Daher schloss er die Augen und gönnte sich Ruhe, in der Hoffnung, nicht zu verbluten.

***

KAPITEL II

Irische See, Herbst – an Bord der Perpetuum, Deck 8

„Man merkt, dass die Wellen zugenommen haben.“ Ian sah zum seitlichen Fenster der Star Lounge hinaus, hinter dem schmalen Außenbereich wogte das Meer. Es schwappte und wippte in Grau, stellte die Fähre auf eine erste Probe.

Noch blieben die Bewegungen harmlos, aber sie wurden spürbar.

„Ich find’s gut.“ Stella trank einen Schluck Kaffee und zog den Teller mit dem Apfelkuchen zu sich.

Die Lounge war Café und Bar zugleich, mit reichhaltigem Angebot, und am Nachmittag stand den meisten der knapp zweihundert Gäste der Sinn nach etwas Süßem.

Die 15-Jährige teilte sich den Kuchen mit ihrem Vater, jeder nutzte eine eigene Gabel. Die Nähe zwischen den beiden wuchs sichtbar während des Roadtrips. „Wann kommen wir in Dublin an?“

Durch die Seitenfenster drang fahles Licht. Wassertröpfchen von Gischt und Nieselregen sammelten sich auf der Fläche und flossen in chaotischen Bahnen herab. Auch das zeltförmige Glasdach fing Regen auf – ein leises, endloses Prasseln. Nachts konnte man hier bei gutem Wetter die Sterne beobachten.

Tagsüber summte das Leben. Gespräche vermischten sich mit Kaffeeduft, im Hintergrund klang sanfte Musik. Gelegentlich klirrte das Porzellan, jemand rief oder lachte, Kinder verloren im Spiel ein paar Worte. Es war behaglich und schön.

Die knapp eintausend Fahrgäste hatten sich wie Ian und Stella schnell an das Schiff gewöhnt.

Die Perpetuum machte es ihnen auch einfach: Abgesehen von verschiedenen Restaurants, Duty-free-Shops, Bars, zwei kleinen Kinoräumen, Video- und Arcade-Spielnischen und vieles mehr, konnte – wer wollte – sich Rückzugskabinen buchen oder ein Upgrade für bestimmte Lounges gönnen. Um mehr Ruhe oder Zugang zu Exklusivem zu haben.

Die Trucker der eingeschifften Lastwagen blieben in einer Kantine auf demselben Deck unter sich – so hatten sie, wenn sie es wünschten, einen Bereich für sich, in den die übrigen Passagiere nicht kamen.

Ian hatte für sich und Stella eine der Standardkabinen gebucht.

Die letzten Tage waren positiv anstrengend gewesen, die nächsten würden es ebenfalls sein. Drei Stunden Erholung wären keine schlechte Idee. Aktuell stand ihr Gepäck drin und wartete dort auf sie.

Ein Ausflug zum Sonnendeck auf Ebene 10 oder ein Spaziergang im Freien entlang der Reling war aufgrund des Wetters nicht sonderlich attraktiv.

Ian schaute auf seine Armbanduhr, eine mechanische zum Aufziehen an einem schweißgedunkelten Lederband. Keine Kopplung an elektronische Geräte. Nur an die fließende Zeit.

„Wir haben pünktlich abgelegt. Also noch etwa drei Stunden“, schätzte er, der in seiner Bomberjacke mit grünem Hemd und weißem Schlips zwischen den Gästen auffiel. „Ist auf der Karte eine ziemlich gerade Linie von Osten nach Westen. Hängt von der Wetterentwicklung ab.“

Stella grinste. „Meinst du, wir fahren in den Hauptsturm, von dem die Nachrichten berichtet haben?“

„Kann sein.“

„Musst du dann kotzen?“ Sie deutete auf den Porkpie-Hut, den ihr Vater auf den Tisch gelegt hatte. „Reicht der dafür?“

„Ich bin seefest. Immer gewesen.“ Ian lehnte sich nach vorne, die tätowierten Unterarme auf die Tischkante gestützt und die Hände zusammengefaltet. Der aromatisierte Zahnstocher wanderte vom rechten in den linken Mundwinkel. Als Ex-Raucher brauchte er etwas zwischen den Lippen, damit die Sucht nicht in sein stressiges Leben zurückkehrte. „Du?“

Stella aß den vorletzten Bissen Apfelkuchen genüsslich und langsam. „Siehste dann“, antwortete sie mit vollem Mund.

„Wehe, du übergibst dich! Ich stell dich vor die Kabine.“ Ian lächelte milde. „Nein, du bist bestimmt seefest. Hast du von mir.“

Stella zwinkerte und futterte den letzten Rest Kuchen – ihr Vater überließ ihn ihr gerne.

Ian betrachtete sie versonnen. Seine Gedanken schweiften zum bedeutsamen Datum, als er von der Existenz seiner Tochter erfahren hatte.

Vor vierzehn Tagen.

Pia hatte ihm einen Brief an seine alte Adresse geschrieben, von Hand, der via Nachsendeauftrag zum Glück zugestellt wurde. Mit ziemlicher Verspätung. Darin bat sie um seinen Anruf oder eine Mail an ihre Adresse, um Kontakt aufzunehmen.

Noch am selben Tag hatte Ian ihr einige elektronische Zeilen geschickt, wie sehr er sich über das Lebenszeichen nach so langer Zeit freute. Ob sie mal nach Irland für ein gemeinsames Bier reisen würde und was sie sonst in den letzten Jahren alles so angestellt hätte.

Da wusste Ian noch nicht, dass Pia nicht mehr viele Lebenszeichen zu senden hatte.

„Der Kuchen ist für Kantinenkost gar nicht schlecht“, befand Stella und kratzte die Krümel zusammen, um sie mit der Gabel aufzuschichten. Dabei hatte sie das schelmische Lächeln auf dem Gesicht, das ihre Mutter ihr vermacht hatte.

Ians Hals wurde eng.

Emotionen, wie er sie lange nicht mehr verspürt hatte, regten sich plötzlich – und stressten ihn. Eine wilde Mischung aus Freude, Trauer und Wut auf das Schicksal.

„Der Kaffee ist auch okay“, brachte er gepresst über die Lippen und rieb sich über den rötlichen Hufeisenbart.

Pia und Ian waren damals kreuz und quer über die Insel gefahren, hatten das Leben genossen. Er als Anwärter der irischen Nationalpolizei, der Garda Síochána, sie als deutsche Abiturientin auf Abenteuersuche vor dem Jurastudium.

Gefühle und Leidenschaft auf den ersten Blick. Für einen Sommer, das war ihnen beiden klar.

Dass daraus Stella wurde, hatte Pia ihm verschwiegen.

Fast sechzehn Jahre lang.

Und sie hätte es auch weiterhin so getan – wäre der Krebs nicht aufgetreten. Unheilbar. Endstadium, mit Schmerzmittel erträglich gemacht.

Aber Pia besaß genug Kraft, um Vorsorge für die Zeit nach ihrem Tod zu treffen, und dazu gehörte das Treffen von Vater und Tochter.

Im dreistündigen Telefonat mit ihr hatte sie nur über Stella erzählt. Wie sie aufwuchs und ihr Leben bislang verlief, ihre Stärken und Schwächen, ihre Besonderheiten. Und vor allem, was ihr von ihrem Vater vererbt worden war.

Danach verhörte sie ihn über sein Leben, das sie nicht kompliziert machen wollte. Weder Unterhalt noch klassische Pflichten. Aber ein Treffen zwischen ihm und der Tochter sollte unbedingt zu ihrer Lebzeit geschehen. Erst danach gäbe es eine gemeinsame Unterhaltung zu dritt, um mögliche Pläne zu schmieden.

Fragen über sich blockte Pia ab.

Ian hatte es akzeptiert, ebenso ihren Vorschlag für den spontanen Roadtrip, was für ihn als Mann bislang ohne Familie einfach zu planen war. Den Wunsch seiner Sommerliebe, dass Vater und Tochter zusammenfinden sollten, verstand er gut.

Ob es klappte, würde sich noch erweisen.

Die Chemie zwischen ihnen stimmte schon mal, das hatte die erste Woche durch England gezeigt.

Die gemeinsamen DNS-Elemente brachen das Eis recht schnell, das Schweigen wich neugierigem Erzählen. Die Jahre ohne den anderen wurden zu Stunden gerafft und gestrafft. Anekdoten und Glanzlichter, aber auch düstere Episoden kamen andeutungsweise zur Sprache.

Für mehr Tiefe kam die zweite Woche. Durch Irland. Der emotionale Höhepunkt, so vermutete Ian, da er seine Tochter an die Orte brachte, die er mit Pia besucht hatte.

Und wo sie sich zum ersten Mal begegnet waren.

Im Rock Close, der absonderliche Garten, gelegen an der Ostseite von Blarney Castle und nahe der Stadt Cork, zu dem die meisten Touristen wegen des berühmten Steins reisten, den man küssen solle, um rhetorisch unschlagbar zu werden.

Aber Ian mochte den alten Teil des Gartens viel lieber. Am liebsten. Uralte Eiben, kuriose Felsformationen, ein druidischer Altar sowie eine Hexenküche – Mystik pur. Und die Hexentreppe mit ihren krummen Stufen, die angeblich Wünsche erfüllen soll, vorausgesetzt man vollführte das Ritual richtig.

Ian wusste nicht mehr, ob er es versucht hatte, aber genau auf dieser Treppe stand plötzlich Pia. Und seitdem waren die Initialen I & P in eine der Stufen geritzt, die er seiner Tochter zeigen wollte.

„Hast du schon mal jemanden töten müssen?“ Stella spielte mit der Kuchengabel, die Daumenkuppe fuhr über einen Zinken und spürte den Spitzen nach.

Ians Gedanken wurden gestoppt. „Was?“, fragte er verwundert.

„In deinem Job. Oder bist du in deiner Freizeit ein Killer?“ Sie grinste ihn herausfordernd an. „Ian Murphy. Tagsüber Garda, nachts Serienmörder!“, verstellte sie ihre Stimme wie die einer schlechten TV-Sprecherin.

Ian überlegte, wie ehrlich er antworten sollte. Bislang hatte er ihr gesagt, er sei Polizist, was natürlich auch stimmte. Unspezifisch zumindest.

„Seit ich in der SDU als verdeckter Ermittler bin, nein.“

„Okay“, sagte Stella mit großen Augen. Sie hatte verstanden. „Die Abkürzung steht für?“

„Special Detective Unit.“

„Und die macht was?“

„Wir ermitteln in Sachen Terrorismus. Und Spionageabwehr.“

„Und du als verdeckter Ermittler, also ganz mittendrin?“

„Nicht nur. Manchmal auch Recherche am Schreibtisch oder auf der Straße.“ Ian sah ihr an, dass ihr die nächste Frage einerseits auf der Zunge brannte, andererseits wollte sie die Antwort vielleicht nicht hören. „Erzähl’s aber keinem, bitte. Großer Vertrauensbeweis.“

„Schaust du dich deswegen die ganze Zeit um?“

Ian fühlte sich ertappt. „Berufskrankheit, sorry. Es ist schwer, das Radar auszuschalten.“ Am Tresen der Cafébar herrschte im Moment Ruhe. „Ich hole mir noch einen Kaffee. Kann ich dir was mitbringen?“

„Nein. Oder doch. Eine Cola. Light, bitte.“

„Geht klar.“ Ian erhob sich und machte den ersten Schritt.

„Wo warst du vorher?“, musste Stella noch fragen und zückte ihr Handy, um den leeren Teller zu knipsen. Sie schickte ständig Fotos und kleine Reels an ihre Mutter, um den Roadtrip mit ihr zu teilen. „Vor der SDU?“

„Emergency Response Unit.“ Dann flüchtete er regelrecht vor ihren Worten. Sie konnte in der Zwischenzeit auf dem Smartphone nachschauen, was die Aufgabe der ERU gewesen war, bis zur Übernahme durch Special Tactics and Operational Command.

Bald danach folgte sein Wechsel in die SDU. Aus triftigen Gründen.

Ian schob die Erinnerungen zur Seite und konzentrierte sich auf die schönen Dinge in seinem Leben.

Stella.

Die Wochen mit Pia.

Ansonsten gab es darin überwiegend seine Arbeit, wie er sich eingestehen musste. In der Unterhaltung mit seiner Sommerliebe war ihm diese Tragik ungeschönt vor Augen geführt worden.

Aber irgendjemand musste schließlich für die Sicherheit auf der grünen Insel sorgen.

Und ich bin einer von denen, die sich kümmern. Ian hatte den Tresen erreicht und stellte sich ans Ende der kleinen Schlange.

Ein, zwei Blicke trafen ihn. Manche hielten ihn vermutlich für einen Fernfahrer, der aus der Trucker’s Lounge ausgebrochen war.

Ian streifte die Ärmel der Bomberjacke nach oben, die Tattoos kamen noch mehr zu Geltung. Sollten sie denken, was sie wollten. Der Zahnstocher im Mundwinkel wippte.

Die Perpetuum stampfte spürbarer durchs Meer, das Wanken würde die Ersten bald auf die Magenprobe stellen. Vermutlich erreichten die Wellen bald mehrere Meter Höhe.

Der Kapitän hatte zur Begrüßung an Bord darauf hingewiesen, dass das Wetter kein Problem für die Fähre sei; sie käme auch mit zwölf Meter hohem Wellengang klar. „Die meisten Passagiere nicht.“

Ian hatte zu denen gehört, die über den trockenen Spruch aus dem Lautsprecher ins Lachen gerieten.

Anderen blieb es im Hals stecken.

Manches Gesicht erbleichte – wohl bei der Vorstellung, wie sich das gewaltige Gefährt heftig neigte, mit dem Bug eintauchte und Wasser aufschaufelte, um dann wie ein Korken aufwärts zu schnellen.

„Einen doppelten Espresso, bitte“, bestellte Ian, nachdem die Kunden vor ihm von dannen gezogen waren.

„Sicher, Kumpel. Kommt“, schnodderte der Barista in weißschwarzem Outfit. Er bewegte sich auf den Vollautomaten zu, platzierte eine winzige Tasse und drückte die passende Taste. Mehr gab es nicht zu tun – und kein Vergleich zur quirligen Kaffeefee in Holyhead an der von Hand einstellbaren Maschine. Das Mahlwerk plärrte los. „Noch was?“, rief er über den Tresen.

„Cola light.“

Mäßig motiviert tauchte der Angestellte in den Kühlschrank unter sich ein.

„Mach zwei“, warf ein Mann hinter Ian laut ein. „Für mich auch eine.“

„Geht klar“, dröhnte der Barista gegen das Rumpeln und Röhren des Automaten an, der schwarze Brühe ins Porzellan spuckte.

Als sich eine Männerhand mit schwachen Laserspuren auf der Haut nach vorne schob, passendes Kleingeld über den Tresen schnippte und die Colaflasche entgegennahm, erstarrte Ian für eine Sekunde.

Für zwei Sekunden.

Um sich in der dritten Sekunde dem braunhaarigen Unbekannten zuzuwenden, der ihm bereits den Rücken zudrehte und ging. Zügig.

Was, wenn ich mich irre?

Seine Körpersprache verriet Ian, dass der Mann entweder ein Rückenleiden hatte. Oder eine Verletzung am Oberkörper. Eine Schusswunde womöglich, zugezogen bei einem Feuergefecht mit der englischen Polizei, das nicht lange zurücklag.

Fuck. Noch am Tresen schüttete Ian den Espresso in sich, ohne seine Augen vom Unbekannten zu wenden, der sich Meter um Meter durch die Star Lounge entfernte.

Was, wenn ich recht habe?

Gerade wusste er nicht, was er schlimmer fand.

Es ging um die Sicherheit von eintausend Menschen.

So oder so benötigte Ian Gewissheit.

***

KAPITEL III

Irische See, Herbst – an Bord der Perpetuum, Deck 8

Rumpelnd wurde die Colaflasche vor Stella auf dem Tisch abgestellt, und sie blickte erschreckt vom Smartphone hoch.

„Hier. Bin gleich zurück“, sagte ihr Vater mit schiefem Lächeln, und der Zahnstocher wippte hektisch. „Bleib in der Lounge. Bitte.“ Dann eilte er los in Richtung Toiletten.

Stella hob die gezupften Augenbrauen und sah ihm nach. „Wer von uns beiden ist jetzt seefest?“, murmelte sie und lächelte.

Sie legte das Handy zur Seite. Das letzte Reel war schon online und die letzte Nachricht an ihre Mutter verschickt. Gerade so. Regulären Empfang gab es weit draußen nicht, und das WLAN an Bord bot lediglich Zugriff auf Angebote der Perpetuum –Filmchen, Spiele oder Livebilder der Außenkameras.

Zuerst sah Stella hinaus durch das Fenster zu den rollenden Wellen, dann schaute sie durch den Raum.

Die meisten Unterhaltungen erklangen auf Englisch, oftmals mit Dialekt. Dazwischen gab es gälische Brocken und ein halbes Dutzend weiterer Sprachen. Touristen, Einheimische, alles mischte sich miteinander.

Stella war in der Schule nicht schlecht, aber der irische Akzent ihres Vaters forderte anfangs ihr Hörverständnis, auch wenn er sich bemühte. Inzwischen mochte sie den Klang sehr und ahmte ihn unbewusst nach. Auch sein ständiges Fluchen. Iren konnten es nicht nur verdammt gut, nein, sie liebten es, behauptete zumindest ihr Vater.

Sie fand es erstaunlich und äußerst schön, wie schnell sie sich aneinander gewöhnten. Die Vertrautheit wuchs jeden Tag mehr.

Vor etwa einer Woche waren sie sich zum ersten Mal begegnet, und das Fremdeln war nach einer Stunde verflogen. Bei beiden.

Stattdessen überwogen Neugier, Freude und vage Angst, man könnte sich mit der Zeit doch nicht leiden, sobald sämtliche Facetten des anderen zum Vorschein kamen. Ein Roadtrip konnte zusammenschweißen. Oder auseinanderdividieren.

Dass aus dem einfachen Garda, wie Stella zuerst gedacht hatte, nach der Andeutung eine Art Superpolizist geworden war, imponierte ihr. Es passte viel besser zur unkonventionellen Erscheinung ihres Vaters.

Ein junger, hochgewachsener Asiate erweckte ihre Aufmerksamkeit. Er hielt sich in einer der Arcade-Nischen auf, die Hände auf den Controller vom Pac-Man-Automaten gelegt, die Bewegungen routiniert.

Er trug ein überweites Sakko und Stoffhosen, auf seinem Shirt prangte der Nachdruck eines Kinoplakats: ein alter Godzilla-Film aus den 60ern.

Stella schätzte ihn ein paar Jahre älter als sie. Er wirkte sehr gepflegt, die schwarzen Haare trug er leicht verstrubbelt, die Augen konzentriert auf den Bildschirm gerichtet.

Er hat was. Ein Lächeln entstand um ihre Lippen.

Es wäre lustig, wenn sie bei der Fahrt auf der Fähre nach Irland der Liebe ihres Lebens begegnete.

Nein, das ist viel zu kitschig.

Aber gegen einen dreistündigen Flirt war nichts einzuwenden.

Außerdem verstieß sie nicht wirklich gegen die Anweisung ihres Vaters. Die Nische war direkt an der Star Lounge angesiedelt, und durch Glasfenster konnte man hineinschauen.

Stella nahm ihre Cola und schlenderte zu den Arcade-Geräten, die getrennt vom Bereich mit den Konsolenboxen lagen.

Sie lehnte sich gegen den offenen Rahmen und beobachtete den Asiaten beim Zocken.

Die Finger des jungen Mannes steuerten schnell und präzise, er stand nicht zum ersten Mal vor einer Zockmaschine. Der Anzeige nach war es sein letztes Leben, und er näherte sich Sekunde um Sekunde dem alten Highscore. Pac-Man rannte um seine Existenz.

„Wir Japaner sind normalerweise sehr höflich“, richtete er sich entschuldigend auf Englisch an sie, ohne den Kopf zu wenden, „aber ich kann das Spiel nicht unterbrechen, um dich für eine Runde ranzulassen. Es geht um den Highscore. Es tut mir sehr leid. Ich entschuldige mich aufrichtig.“

„Mmh“, machte Stella verständnisvoll und trank von ihrer Cola. „Seit wann spielst du?“

„Seit ich an Bord bin.“

„Das letzte Leben?“

Er nickte angestrengt.

„Du musst nicht mal aufs Klo?“

„Doch. Aber das geht nicht.“ Der gelbe Pac-Man sauste durchs Labyrinth, fraß, wich Gespenstern aus, wurde zum Geisterverschlinger und musste gleich wieder um sein Leben schweben.

„Ziemliche Körperbeherrschung.“

„Danke.“

„Ich kann für dich weitermachen, wenn es dringend wird.“

„Das ist sehr freundlich.“ Er warf ihr einen Sekundenbruchteilseiteneinschätzblick zu. Als könnte er damit erfassen, wie es um ihre Spielerinkompetenz stand. „Bist du gut?“

„Arcades sind nicht so meins.“

Der Japaner zuckte fast ängstlich zusammen, der Pac-Man hopste erschrocken eine Bahn höher. „Warum sollte ich dir dann mein Spiel überlassen?“

„Na ja. Irgendwann wird die Blase stärker als deine Beherrschung.“ Stella deutete mit der Flasche auf seine Finger. „Du nutzt ein Muster. Richtig?“

„Sehr gut erkannt!“

„Dann kriege ich das auch hin.“ Sie trank ihre Flasche leer und stellte sie zur Seite, schob sich näher an den Japaner, damit sie die Steuerung übernehmen konnte. „Stella.“

„Kenzo. Sehr erfreut, dich kennenzulernen.“ Noch machte er keine Anstalten, die Controller freizugeben. „Bist du ganz sicher?“

„Wenn ich es verkacke, schulde ich dir so viel Einsatz, wie es braucht, damit du wieder an den Highscore kommst“, schlug Stella vor.

„Okay. Ich zähle bis drei, und dann übernimmst du.“ Kenzo wartete, bis er seinen Pac-Man in eine gute Ausgangslage manövriert hatte. Dann zählte er runter und löste sich vom Gerät.

Stella glitt an ihm vorbei, fühlte kurz seine Körperwärme und nahm den Controller auf. Er roch gut. Irgendein Deo oder Parfum, das sie nicht kannte.

„Jetzt lauf. Ich weiß nicht, wie lange ich das hinbekomme“, drängte sie ihn.

„Danke.“ Kenzo verbeugte sich und verschwand aus dem Raum. „Du schaffst es, Stella“, rief er im Davoneilen.

„Zwei hoch, eins rüber, zwei runter“, zählte Stella sich den Takt vor – und verlor den Pac-Man in der nächsten Sekunde an einen gefräßigen Geist.

Die Arcade-Maschine gab eine bedauernd-hämische Tonfolge von sich, der Punktestand verkündete flackernd: einen Punkt über dem bisherigen Highscore.

Scheiße. Das war knapp. Sie lachte erleichtert und gab bei der Abfrage nach dem Spielernamen KENZO ein.

„Oh, nein! Wir sind tot“, stellte der Japaner bei seiner Rückkehr fest.

Stolz zeigte sie auf die Punktzahl. „Nummero uno, Samurai.“

Kenzo verbeugte sich. „Ich bin kein Samurai. Danke, dass du meinen Namen berühmt gemacht hast.“ Er schob ihre Hand sanft zur Seite, wie ein Insekt, das man schützen wollte. Bevor sie Enter

---ENDE DER LESEPROBE---