Vermisst - Sam Hawken - E-Book

Vermisst E-Book

Sam Hawken

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Beschreibung

Jack Searle ist ein amerikanischer Witwer, der seine Stieftöchter allein im texanischen Laredo aufzieht, nachdem er seine Frau durch Krebs verloren hat. Er nimmt die Mädchen oft mit zu ihrer mexikanischen Familie über die Grenze nach Nuevo Laredo. Marina, die ältere Schwester, überredet ihn, sie eines Abends allein über die Grenze gehen zu lassen, um ein Konzert zu besuchen. Jack sträubt sich erst, da Nuevo Laredo von Drogenkartellen kontrolliert wird. Schließlich stimmt er zu. Marina und Patricia gehen zum Konzert, aber sie kommen nicht wieder zurück. In Nuevo Laredo werden ständig Mädchen vermisst. Er hat Glück, dass Gonzalo Soler, ein Polizist auf der mexikanischen Seite, der zuerst die Ermittlungen leitet, dann wegen angeblicher Korruption suspendiert wird, ihm hilft, sich in der Stadt zurechtzufinden. Um eine Chance zu haben, Marina und Patricia zu finden, müssen Jack und Soler das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Ihre Bemühungen, die Mädchen zu finden, dringen tief in die dunkle Seite der Stadt ein, in der jeder scheinbar nur eine Chance zum Überleben besitzt, wenn er das kriminelle Spiel mitspielt.

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Sam Hawken

Vermisst

Aus dem Amerikanischen von Karen WitthuhnHerausgegeben von Wolfgang Franßen

Originaltitel: Missing

Copyright © 2014 Sam Hawken

First published in 2014 by Serpent’s Tail

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2020

Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn

Mit einem Nachwort von Peter Henning

© 2020 Polar Verlag e.K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Tobias Schumacher-Hernández

Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Prod.Ali_Galvan/Adobe Stock

Autorenfoto: © Sam Hawken

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck, Deutschland

ISBN: 978-3-948392-02-4eISBN: 978-3-948392-03-1

Für die Vermissten von Los Dos Laredos

Inhalt

Teil 1 JACK

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Teil 2 VERMISST

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Teil 3 PARTNER

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Teil 4 ENTFESSELT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

NACHWORT

»EIN MANN SIEHT ROT«

Teil 1

JACK

1

Als Jack Searle aufstand, zeigte sich gerade der erste rosafarbene Schimmer am Himmel über Laredo, Texas. Er verzichtete aufs Duschen, putzte sich aber die Zähne und betrachtete seine Bartstoppeln. Sein Goatee wurde langsam ein wenig struppig und war mit grauen Haaren durchsetzt, die er manchmal färbte. Heute Abend würde er den Bart wieder in Form bringen.

Sein Frühstück bestand aus Cornflakes mit Milch, gebuttertem Toast und Orangensaft. Speckstreifen wären nicht schlecht gewesen, aber der Arzt hatte ihn ermahnt, mit Salz zurückhaltend zu sein. Das Cholesterin sah auch nicht gut aus. Jack war siebenundfünfzig Jahre alt.

Er warf einen kurzen Blick in die Zimmer der Kinder. Beide Mädchen schliefen noch, daran würde sich vor zehn wahrscheinlich auch nichts ändern. Jack wachte selbst an seinen freien Tagen früh auf und konnte dann nicht liegen bleiben. Als Teenager hatte er wahrscheinlich ein paar Stunden länger geschlafen, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern.

Er zog die Haustür hinter sich zu und schloss ab. Draußen war es noch kühl. Im Vorbeigehen zupfte er ein paar Löwenzähne aus dem Rasen und warf sie auf die Einfahrt. Das Gras war genauso struppig wie sein Bart. Er würde sich am Wochenende darum kümmern.

Jack ging zu seinem Truck, ein Ford F-250, früher einmal weiß, inzwischen durch Dreck und Schrammen und Beulen ziemlich unansehnlich. Der kleine Mitsubishi Galant, der auch auf der Einfahrt stand, wirkte im Vergleich winzig. Jack bemerkte, dass sich der Marine-Corps-Aufkleber im Rückfenster zu lösen begann.

In der Nachbarschaft war kaum jemand so früh schon auf den Beinen. Jack kurbelte das Fenster herunter und ließ den Wind herein, im Radio dudelte etwas Soulig-Gemütliches.

Zwanzig Minuten später kam das große orange Schild des Baumarkts in Sichtweite. In Jacks Rücken ging die Sonne auf, aber noch waren die Straßenlaternen an. Trotzdem würden die Männer schon da sein, sie wachten noch früher auf als er und warteten manchmal den ganzen Tag dort.

Sie standen auf dem Parkplatz des Home Depot verteilt, einige eher an der Straße, andere beim Eingang, in Grüppchen oder alleine und beobachteten wachsam jedes sich nähernde Auto: Wurde es langsamer, war es die Polizei in Zivil? Jack sah, wie die Spannung stieg, als er auf den Parkplatz abbog, alle schienen sich gleichzeitig in Bewegung zu setzen, zogen einen Ring um den Truck.

Jack hatte niemand Besonderen im Sinn. Er hielt nicht an, denn dann würden sie über ihn herfallen, sondern fuhr langsam an den Männern vorbei und hielt Ausschau nach einem Gesicht mit dem besonderen Etwas darin. Nicht Hunger oder Verzweiflung, sondern die Gewissheit, dass ein Tag harter Arbeit am Abend guten Lohn bringen würde.

Nach ein, zwei Minuten hatte er den Richtigen gefunden und stoppte vor zwei Männern. Der eine rollte einen Kaffeebecher von Dunkin’ Donuts zwischen den Händen hin und her, als wollte er sie wärmen. Jack ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. »¿Busca trabajo?«, fragte er. Im Augenwinkel bekam er mit, dass sich weitere Männer dem Truck von hinten näherten. Bald würden sie ihn so dicht umringen, dass sich der Wagen nicht mehr bewegen ließe.

»Wir können arbeiten«, sagte der Mann mit dem Kaffeebecher. Er war spindeldürr, wie alle hier, das Gesicht so von Falten durchzogen, dass er genauso gut wettergegerbt wie alt sein konnte. Er trug eine schmutzige Kappe mit dem Texaco-Logo. »Wir beide zusammen?«

»Ich brauche nur einen. Wir müssen ein Badezimmer abreißen. Ich zahle acht Dollar die Stunde plus Mittagessen bei McDonald’s. ¿Suena bien?«

»Das ist gut«, sagte der Mann.

»Steig ein.«

Ein anderer erschien an Jacks Fenster. »Ich kann arbeiten«, sagte er.

»Ich habe, was ich brauche.«

»Ich arbeite billig«, beharrte der Mann.

»No, gracias. Ich habe, was ich brauche.«

Der Mann machte Anstalten, seine Hand auf Jacks Arm zu legen, zog sie aber weg, als er Jacks Miene sah. Andere drängten nach vorne, das Gemurmel wurde immer lauter.

»Das war’s«, sagte Jack. »Ich brauche bloß einen.«

Der Mann mit dem Kaffeebecher öffnete die hintere Tür der Fahrerkabine und stieg ein. Jack kurbelte die Fenster hoch, um weitere Diskussionen im Keim zu ersticken, und ließ den Motor aufheulen. Die Männer wichen zurück, Jack fuhr los.

»Danke«, sagte der Mann mit dem Kaffeebecher.

»Nicht nötig. Du suchst Arbeit, ich biete Arbeit. Alle sind zufrieden.«

»Ich bin Eugenio«, sagte der Mann.

»Freut mich.«

Jack verließ den Parkplatz und fädelte sich in den spärlichen Morgenverkehr ein. Im Radio lief ein gutes Lied, er drehte etwas lauter. Falls der Mann auf der Rückbank etwas dagegen einzuwenden hatte, behielt er es für sich.

2

Der Stadtteil, in den sie fuhren, war geprägt von Neubauten, die auf viel zu kleine Grundstücke mit fast identisch aussehenden Gartenwegen und breiten Einfahrten vor Doppelgaragen gepresst worden waren. Trotz der Hitze waren die Rasenflächen grün und perfekt geschnitten, anders als bei Jack. Er hätte wetten können, dass keiner der Hausbesitzer sich selber um seinen Garten kümmerte.

Er parkte den Truck am Straßenrand vor einem Sandsteinhaus mit einer großen Fensterfront. In dieser Gegend gab es keine Gehwege, trotzdem stand auf einer kleinen Veranda eine Hollywoodschaukel. Eine Veranda war dazu da, die Menschen zu beobachten, die vorbeikamen. Doch hier ging niemand zu Fuß.

In der Einfahrt stand ein noch leerer Schuttcontainer, eine große, blaue Metallkiste von knapp fünf Metern Länge.

Jack stieg aus und sagte Eugenio, er solle am Truck warten. Er ging zur Haustür und klingelte. Eine Latina in einer kurzärmeligen blauen Bluse öffnete. Die Haushälterin. Jack stellte sich vor, sie ließ die Tür offenstehen und verschwand im Haus.

Jack kehrte zum Truck zurück, öffnete die Ladekiste hinter der Fahrerkabine, gab Eugenio einen schweren Werkzeugkasten und griff selber nach einem langen Stemmeisen. Eugenio nahm auf seine Anweisung hin noch eine Rolle Plastikfolie von der Ladefläche, dann gingen sie zum Haus.

In der großen Eingangshalle hing ein Kronleuchter, eine geschwungene Treppe führte ins obere Stockwerk hinauf. Der Teppich war weiß und würde leicht verschmutzen. Das Badezimmer lag oben, am Ende des Flurs.

»Roll hinter mir das Plastik aus«, sagte Jack zu Eugenio. »Hast du verstanden?«

»Ich verstehe.«

»Okay, dann folge mir.«

Sie gingen die Treppe hoch, und Eugenio spulte die Rolle hinter sich ab. Am Kopf der Treppe zog Jack sein Klappmesser heraus und schnitt das Plastik ab, um einen neuen Streifen im Flur zu verlegen. Bis zum Badezimmer, das vom Schlafzimmer abging, verbrauchten sie gute zehn Meter. Am Ziel schnitt Jack das Plastik wieder ab.

»Ich bringe das zum Truck zurück«, sagte Eugenio.

»Gute Idee. Da liegt auch eine Plane, bring die mit, aber stell erst das Werkzeug da drüben hin.«

Jack sah sich im Badezimmer um. Wie alles im Haus war es zu groß, es verfügte sowohl über eine Dusche als auch eine Badewanne. Die eine Hälfte sah immer noch nagelneu aus, die andere war bereits bis zur Trockenmauer abgerissen worden. Im Boden fehlten Fliesen. Am großen Spiegel über den beiden Waschbecken klebte eine dünne Staubschicht.

Mr. Leek, der Kunde, war Rechtsanwalt. Jack verstand nicht, warum der Mann ein völlig intaktes Badezimmer herausreißen wollte. Er hatte damit angefangen und den Job nicht zu Ende gebracht. Alles funktionierte noch – die Toilettenspülung, die Wasserhähne –, aber es sah aus, als wäre im Bad eine Bombe explodiert. Es würde noch schlimmer werden, bevor es wieder besser wurde.

Leek wollte eine neue Wanne und eine neue Duschkabine und neue Waschbecken und eine neue Toilette. Der verstaubte Spiegel war ungefähr das Einzige, das bleiben sollte. Jack hatte mit dem Anwalt zwei Tage lang Kataloge gewälzt, Armaturen ausgewählt, Wandfliesen und neue Lampen. Leek hatte genaue Vorstellungen, und Jack mischte sich nicht ein. Sein Job war es, den Traum wahr zu machen, seine Meinung behielt er für sich.

»Was machen wir zuerst?«, fragte Eugenio, als er zurück war. Er hatte seine dünne Jacke ausgezogen, die Kappe in die hintere Hosentasche gesteckt, sein Blick war aufmerksam. Ja, er war eine gute Wahl gewesen.

»Als Erstes klopfen wir die restlichen Fliesen von der Wand«, sagte Jack. »Danach reißen wir die Wanne raus.«

Sie legten die Plane aus, dann verteilte Jack das Werkzeug. Er fing am Fenster an, Eugenio bei den Waschbecken.

»Kümmer dich nicht um die Trockenwand. Die kommt raus, wir machen Zementplatten rein«, sagte Jack. »Wirf einfach alles in die Badewanne.«

Sie machten sich ans Werk, das Klopfen und Hämmern übertönte alles. Die sauberen, weißen Fliesen zerbrachen und lösten sich stückweise, darunter kam eine glatte graue Fläche zum Vorschein. Jack warf die Scherben in die Wanne, wo sie weiter zersplitterten. Der Abriss eines Badezimmers war einfache, mechanische Arbeit. Es war immer leichter, Dinge kaputtzumachen. Bis zum Mittagessen würden sie mit diesem Teil fertig sein.

Der Geruch von Staub stieg ihnen in die Nase. Sie atmeten ein und machten weiter.

3

Die Fliesen waren schneller abgeklopft als erwartet. Jack sagte der Haushälterin, die in der Küche die Arbeitsflächen schrubbte, dass sie jetzt schon Mittagspause machen und eine Weile weg sein würden. Im Truck verströmten die beiden Männer den Geruch von Arbeit.

Jack fuhr mit Eugenio zu einem McDonald’s, jeder holte sich einen Big Mac mit Fritten und eine Cola, dann parkten sie in einer Ecke des Parkplatzes in der prallen Sonne, ließen die Fenster herunter und aßen. Sie waren kurz vor dem Mittagsansturm gekommen, jetzt stauten sich die Autos vor dem Drive-in. Wenn der Rest des Tages auch so reibungslos lief, konnten sie vielleicht etwas früher Feierabend machen, aber Jack würde Eugenio in jedem Fall für acht Stunden bezahlen. Dieser Auftrag würde sie noch eine Weile beschäftigen, sie mussten sich nicht schon am ersten Tag verausgaben.

Jack bemerkte, dass Eugenio einen einsamen Baum betrachtete, der eingepfercht auf einem schmalen Grasstreifen am Rand des Parkplatzes stand. Der Baum machte einen traurigen, verwelkten Eindruck. Irgendwie überlebte er. »Eugenio«, sagte Jack, »woher kommst du?«

»Ich?«

»Ja. Wenn ich das fragen darf.«

»Anáhuac«, sagte Eugenio.

Jack nickte. »Kenne ich. Westlich von Nuevo Laredo, stimmt’s?«

»Sí.«

»Das ist nicht weit. Fährst du manchmal hin?«

»Nicht oft, señor.«

»Du brauchst nicht señor zu mir zu sagen. Jack reicht.«

»Okay.«

Jack hätte gerne mehr erfahren, spürte aber Eugenios Anspannung, steif saß er auf der Rückbank. Jack steckte die leere Big-Mac-Packung in die Papiertüte und knüllte alles zusammen. Der Müll landete in einer Plastiktüte, die hinter dem Fahrersitz an einem Haken hing. Jack mutete dem Wagen viel zu, hielt aber die Fahrerkabine sauber. »Ich frage nicht aus einem bestimmten Grund«, sagte er. »Nur zum Reden.«

»Está bien«, sagte Eugenio.

Jack sah auf die Uhr. Es war Zeit.

Sie arbeiteten bis zum Abend, dann brachte Jack Eugenio zurück zum Home Depot. Die Männer vom Morgen waren alle verschwunden, der Parkplatz voll besetzt mit Kundenautos. Ein Mann schob einen Karren mit etwa fünfzig Kilo Holz zu seinem Truck.

»Danke«, sagte Eugenio.

»Wenn du morgen wieder hier bist, arbeiten wir weiter, okay?«

»Morgen«, sagte Eugenio.

Er stieg aus dem Wagen, Jack fuhr los. Als er einen Blick in den Rückspiegel warf, hatte sich Eugenio bereits abgewandt.

4

Als Jack nach Hause kam, war der Galant aus der Einfahrt verschwunden. Er parkte so, dass für das kleine Auto Platz blieb, und stieg aus dem Truck. Ein paar Kinder spielten auf der Straße Basketball, den Korb hatten sie auf dem Gehweg aufgestellt. Das Geschrei drang bis zu ihm herüber.

Noch tat ihm nichts weh, das konnte morgen anders sein. Jack spürte, dass sein Rücken und die Arme vom Abklopfen der Fliesen und Bücken und Heben langsam steif wurden. Früher hatten ihm solche Tage nichts ausgemacht, er hatte eine Woche durcharbeiten können und nichts davon gemerkt.

Er trat ins Haus, seine Schlüssel landeten in der Glasschüssel neben der Tür. Im Wohnzimmer lief der Fernseher, irgendeine Spielshow. Jack hielt an der Tür inne, Lidia lag mit dem Handy am Ohr lang ausgestreckt auf dem Sofa, telefonierte mit irgendwem und verfolgte mit einem Auge die Sendung. Sie war dreizehn, telefonieren oder simsen war ihr liebstes Hobby.

»Hi«, sagte Jack.

»Hi, Jack.« Lidia legte die Hand aufs Telefon. »Du bist früh zu Hause.«

»Nein, genau pünktlich. Wo ist deine Schwester?«

»Bei Ginny. Sie sagt, zum Abendessen ist sie wieder da.«

»Okay. Ich geh duschen.«

Im Gehen hörte er Lidia sagen: »Alles okay, das war nur mein Stiefvater.«

Im Schlafzimmer zog er die Arbeitsklamotten aus und warf sie in den Wäschekorb, dann betrat er das kleine angeschlossene Badezimmer. Hier war weniger Platz als bei den Leeks, eine Wanne gab es nicht, nur eine Duschkabine mit Milchglas und Armaturen, die zu rosten begonnen hatten. Eigentlich hätte er das ganze Ding vor ein, zwei Jahren ersetzen wollen, war aber nie dazu gekommen. Wenigstens tropfte nichts.

Jack blieb länger in der Dusche als sonst und genoss die Wärme. Dann wickelte er sich ein Handtuch um die Hüften und stellte sich vor den Spiegel am Waschbecken. Er strich sich Rasierschaum ins Gesicht, machte den sprießenden Schnurrbarthaaren den Garaus und brachte mit einer kleinen Schere den Goatee wieder in Form. Das Rasierwasser brannte auf der Haut.

Er zog Shorts und ein löchriges T-Shirt an und ging in die Küche. Da es noch zu früh war, um das Abendessen vorzubereiten, holte er sich ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte sich an den Tisch und schaute durch die Schiebetür in den Hinterhof hinaus, auf den Maschendrahtzaun und die quadratische Terrasse mit dem Betonboden. Vor Jahren hatte er überlegt, dort für Lidia eine Schaukel aufzustellen, aber da war sie schon zu alt für solche Sachen gewesen, und Marina sowieso. Er hätte die beiden gerne schon als kleine Kinder gekannt.

Alles war still, niemand kam durch die Haustür und in die Küche gewuselt. Etwa um diese Uhrzeit wäre Vilma nach ihrer Zwölf-Stunden-Schicht im Krankenhaus nach Hause gekommen. Sie hätte Jack umarmt, ihm einen Kuss gegeben und gefragt, wie sein Tag gewesen war. Auch heute noch wartete Jack auf das Geräusch von Vilmas Galant in der Einfahrt, aber jetzt kündigte es an, dass Marina nach Hause kam, nicht ihre Mutter.

Jack trank sein Bier aus und steckte die Flasche zum Recyceln in eine Papiertüte. Er stellte eine große Bratpfanne auf den Herd, holte ein Kilo Rinderhack aus dem Kühlschrank und krümelte es in die heiße Pfanne. Es zischte, der Duft von gebratenem Fleisch breitete sich aus.

Der Hamburger Helper köchelte auch schon, als Jack Marina nach Hause kommen und das Klimpern ihrer Schlüssel in der Glasschüssel hörte. »Hey, Marina«, rief er.

»Hey, Jack«, kam es zurück.

»Noch zehn Minuten, okay?«

»Zehn Minuten.«

Lidia erschien in der Küche, das Handy immer noch ans Ohr geklebt, und kramte im Kühlschrank herum. »Ist noch Erdbeerlimo da?«, fragte sie.

»Ist alle. Mit wem redest du da? Hör auf zu telefonieren und deck den Tisch.«

Lidia verdrehte die Augen und verschwand. Jack dachte, sie würde nicht zurückkommen, aber eine Minute später tauchte sie wieder auf, das Handy steckte jetzt in ihrer Hosentasche. »Ich war gerade mitten im Gespräch«, sagte sie.

»Du kannst nach dem Abendessen zurückrufen. Außerdem verplemperst du dein Guthaben.«

»Das Guthaben ist billig.«

»Du bezahlst es ja nicht.«

»Was für einen Helper hast du heute genommen?«

»Beef Pasta.«

»Igitt.«

»Du wirst es überleben.«

Lidia deckte für drei und stellte eine Zwei-Liter-Flasche Sprite auf den Tisch. Jack behielt sowohl die Pfanne im Auge, damit nichts überkochte, als auch Lidia. Er wünschte sich, Lidia wäre mehr wie Vilma, aber sie sah ihr nur wenig ähnlich, sie kam nach ihrem Vater, wie Vilma immer gesagt hatte. Jack hatte nur ein paar Fotos von ihm gesehen und konnte nicht viel dazu sagen.

Marina kam, als das Essen auf dem Tisch stand. Sie war ein hochgewachsenes, schlankes Mädchen mit den gleichen dunklen Haaren und der braunen Haut wie ihre Schwester, aber im Gesicht und manchmal auch in den Bewegungen Vilma viel ähnlicher. Sie berührte Jacks Arm. Es war das Gleiche wie eine Umarmung. »Was riecht so gut?«, fragte sie.

»Das Übliche.«

»Ich liebe das Übliche!«

Jack nahm die Pfanne vom Herd. »Du machst dich lustig.«

»Vielleicht ein bisschen.«

»Na, setz dich und lass uns essen.«

Er verteilte das Essen direkt aus der Pfanne auf die Teller. Lidia zog die Nase kraus, aber als Jack sich setzte, kaute sie bereits. Das Tischgebet sprachen sie seit fünf Jahren nicht mehr. Das war Vilmas Angewohnheit gewesen.

Zunächst aßen sie schweigend. Jack stellte überrascht fest, wie hungrig er war. »Wie geht’s Ginny?«, fragte er schließlich.

»Gut«, sagte Marina. »Sie fährt nächste Woche nach Padre Island.«

»Mit ihren Eltern?«

»Ja, ich glaub schon. Sie wollte wissen, ob wir auch wegfahren.«

Jack runzelte die Stirn. »Ich habe einen Auftrag.«

»Das hab ich ihr gesagt.«

»Ihr Vater arbeitet in einem Büro, oder?«

»In einer Bank.«

»Ist das Gleiche. Bezahlter Urlaub. Mir zahlt niemand was, wenn ich Urlaub mache.«

»Ist nicht schlimm«, sagte Marina und schaute auf ihren Teller hinab.

»Vielleicht können wir irgendwohin fahren, wenn du den Job fertig hast«, sagte Lidia.

Jack kaute, aber das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er spülte den Bissen mit Sprite herunter. »Das dauert noch ein paar Wochen«, sagte er. »Wenn ich fertig bin, fängt die Schule wieder an. Aber wisst ihr was: Nächstes Frühjahr fahren wir zusammen weg. Übers Wochenende. Oder vielleicht ein paar Tage länger.«

»Schon gut«, sagte Lidia. Jack wusste, dass es das nicht war.

Sie schwiegen wieder. »Ich weiß noch, wie wir damals in Tampico waren. Erinnert ihr euch?«, fragte Jack.

Lidia nickte. Sie stocherte in ihrem Essen herum.

»Das war ein schöner Ausflug«, sagte Jack und dachte an die Fahrt, den Strand und das schöne Hotel mit dem großen Swimmingpool. Vilma hatte so gesund ausgesehen. Niemand hatte irgendetwas geahnt.

»Das war gut«, stimmt Lidia zu.

»Ja, wirklich.«

»Ich bin satt«, sagte Lidia.

»Wie kannst du satt sein? Dein Teller ist noch halb voll.«

»Ich bin wirklich satt, Jack.«

Jack seufzte. »Okay. Tu den Rest zurück in die Pfanne, ja? Man muss ja nichts verschwenden.«

Lidia tat es und stellte den Teller ins Spülbecken. Sie verschwand aus der Küche, kurz darauf hörte Jack sie wieder telefonieren.

Marina sah ihn an. »Tut mir leid, dass ich es angesprochen habe.«

»Was? Nein, du kannst über alles reden. Ist doch schön, dass Ginnys Familie an die Küste fahren kann. Du weißt, wie schwierig es ist, im Sommer wegzukommen. Alle wollen die Bauarbeiten erledigt haben, solange es warm ist.«

»Ich weiß.« Marina legte ihre Hand auf Jacks. »Wie gesagt, ist nicht schlimm.«

Jack hatte noch etwas zu essen auf seinem Teller, aber keinen Appetit mehr. Er stand auf und kratzte den Rest in die Pfanne. »Ich fahre mit euch weg, sobald es geht«, sagte er. »Ich will nicht immer Nein sagen müssen.«

»Jack –«

»Ja, ich weiß: Ist nicht schlimm. Es ist eben so, dass ich Geld verdienen muss, solange die Sonne scheint. Im Winter gibt’s dann nur noch kleine Reparaturen, und wir müssen von dem leben, was ich jetzt verdiene.«

»Soll ich dir beim Abräumen helfen?«

»Ja, gern.«

Er schaute zu, während Marina die Essensreste in Plastikschalen portionierte und sie in den Kühlschrank stellte. Es war einer der Momente, in denen er ihre Mutter in ihr sehen konnte, sie packte an, ohne viel Aufhebens zu machen. Jack ließ heißes Wasser ein und gab Spülmittel dazu. Er wusch ab, Marina trocknete.

»Ich hab gedacht, ich könnte mir vielleicht einen Job suchen«, sagte sie.

»Was für einen?«

»Keine Ahnung. Irgendwas in Teilzeit.«

»Es ist im Moment nicht leicht, was zu finden.«

»Ich könnte mich umsehen. Dann bräuchtest du mir kein Taschengeld mehr zu geben.«

Die Teller und Gläser und die Pfanne waren sauber. Jack ließ das Wasser ab. »Du musst nicht arbeiten. Wir verhungern schon nicht.«

»Ich weiß. Aber Ginny hat einen Job in dem Schmuckladen in der Mall, vielleicht kann ich da nach der Schule auch ein paar Stunden arbeiten. Das wäre doch was.«

Jack nickte. »Einverstanden. Aber die Schule geht vor.«

»Klar.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er roch ihren sauberen Duft, ganz anders als der antiseptische Geruch, mit dem Vilma immer von der Schicht gekommen war. Er konnte sich Marina gut als Krankenschwester vorstellen.

»Ich meine es ernst«, sagte er. »Die Noten.«

»Darum brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Danke, Jack.« Sie wandte sich zum Gehen.

»Was hast du jetzt vor?«, fragte er.

»Ich gehe in mein Zimmer. Falls du mich brauchst, ich lasse die Tür offen.«

»Wenigstens verschleuderst du nicht dein ganzes Handyguthaben.«

»Telefonieren ist billig.«

Er sah ihr nach, dann holte er sich ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank. Ein drittes würde es nicht geben. Zwei waren das absolute Limit. Er setzte sich an den Tisch und sah die Sonne hinter den Dächern gegenüber verschwinden. Es würde lange dämmern, und er würde im Bett sein, wenn es noch hell war.

Lidia rief etwas im Nebenzimmer. Jack trank sein Bier. Am anderen Ende des langen Flurs, der das Haus teilte, stand Marinas Tür offen, und Jack konnte sehen, dass sie am Schreibtisch vor dem Computer saß und tippte. Alle waren beschäftigt.

5

Am Morgen machte Jack alles wie immer und verließ das Haus trotzdem früher als sonst. Zur Belohnung legte er auf dem Weg zum Home Depot einen Zwischenstopp ein und holte sich ein Wurstsandwich und einen großen Kaffee. Kurz überlegte er, einen zweiten Kaffee für Eugenio zu besorgen, ließ es dann aber sein.

Der Kaffee war noch zu heiß, Jack aß das fettige Sandwich auf dem Parkplatz und fuhr wieder los. Das Home Depot lag ganz in der Nähe, das Schild war schon in Sichtweite. Obwohl es noch sehr früh war, warteten dort bereits viele Männer.

Jack wusste heute, wen er haben wollte, und fand Eugenio schnell. Er hielt und ließ das Fenster herunter. »Spring vorne rein.«

Er wartete noch, bis Eugenio den Gurt angelegt hatte, und fuhr los, ohne die langsam auf ihn zutreibende Menge zu beachten.

Diesmal hatte Eugenio keinen Kaffeebecher dabei. Jack nahm seinen aus dem Halter und hielt ihn Eugenio hin. »Hier. Kaffee.«

»Ich brauche keinen.«

»Nun nimm schon.«

Eugenio zögerte und nahm Jack den Becher dann aus der Hand. »Gracias.«

»De nada. Es ist Milch und Zucker drin, hoffentlich ist das okay.«

»Kein Problem.«

Jack beobachtete Eugenio aus dem Augenwinkel. Ob er heute Morgen gefrühstückt hatte? Oder trank er den Kaffee auf leeren Magen? Ein Kaffee kostete einen halben Stundenlohn. Ein Luxus, den man sich nur selten gönnte. Jack konnte heute ohne leben.

Sie fuhren zum Haus des Anwalts und verbrachten den Morgen damit, die Bodenfliesen herauszureißen. Staub hing in der Luft, Eugenios Hände waren kreideweiß. »Wasch dich ab«, sagte Jack. »Wir gehen Mittag essen.«

Sie aßen bei McDonald’s, die Sonne schien auf ihre Sitznische, die goldenen Bögen warfen einen Schatten auf den Tisch und den Fußboden. Jack fiel auf, dass Eugenio seinem Blick auswich, immer schaute er nach links oder rechts, nie geradeaus. Eine Weile schwiegen sie. Das Restaurant füllte sich langsam.

»Du machst gute Arbeit«, sagte Jack schließlich.

»Danke«, antwortete Eugenio, ohne den Blick zu heben.

»Ich meine, ich brauch dir nichts zu zeigen. Du weißt, was du tust.«

Eugenio schwieg. Er schraubte umständlich den Deckel von seiner Wasserflasche und nahm mehrere große Schlucke. Wieder sah er Jack nicht an.

Jack überlegte. »Weißt du, ich hab gestern bloß so gefragt, wo du herkommst. Ohne Hintergedanken.«

»Ich habe eine Green Card«, erwiderte Eugenio schlicht.

»Ich habe nicht danach gefragt.«

Eugenio nickte und sah Jack einen kurzen Moment lang ins Gesicht. Jack hätte zu gern gesagt: Verdammt, jetzt schau mir einfach in die Augen, ließ es aber. »Ich habe eine Green Card«, wiederholte Eugenio.

»Ich glaube dir.«

Wieder herrschte Schweigen zwischen ihnen, bis Jack fragte: »Hast du hier Verwandte?«

Zuerst dachte er, Eugenio würde nicht antworten. Er sah, wie er mit sich rang. Er wusste nicht einmal, warum er überhaupt gefragt hatte.

»Nein. Ich bin allein«, sagte Eugenio schließlich.

»Hast du drüben Verwandte?«

Diesmal kam die Antwort schneller. »Ich habe eine Frau. Zwei Töchter.«

»Echt? Ich habe auch zwei Töchter. Na ja, sie sind von meiner Frau. Ich bin der Stiefvater.« Jack zog seine Brieftasche heraus und klappte sie auf. »Das sind sie. Die Jüngere heißt Lidia, die Ältere Marina. Das Bild ist ein paar Jahre alt.«

Eugenio betrachtete das Foto und nickte leicht. »Meine Töchter sind jünger.«

»Wie alt?«

»Acht und neun.«

»Hast du Fotos?«

Wieder ein Nicken. Eugenio brachte seine Brieftasche zum Vorschein, eine zerschlissene Lederbörse, in der zwei Fotos steckten, die Eugenio auf den Tisch legte wie Spielkarten. Auch diese Bilder waren alt, aber die Mädchen sahen gesund, munter und pausbäckig aus.

»Wie heißen sie?«

»Evangelina.« Eugenio zeigte auf das ältere Mädchen. Dann legte er den Finger auf das andere Foto. »Antonia.«

»Hübsche Namen. Usted tiene hijas bonitas.«

»Gracias«, sagte Eugenio, und diesmal hob er den Blick. Zum ersten Mal sahen sie sich direkt in die Augen, einen kurzen Augenblick lang. Dann sammelte Eugenio die Fotos ein und steckte sie wieder in die Lederbörse.

»Wann hast du sie zum letzten Mal gesehen?«, fragte Jack.

»Vor einem Jahr.«

»Das ist lange her.«

»Ja.«

»Meine Frau war Mexikanerin«, sagte Jack. »Hat einen Ami geheiratet, ist nach Texas gezogen, bekam die Mädchen. Und dann ist ihr Mann gestorben. Später sind wir zusammengekommen und haben geheiratet. Dann ist sie krank geworden. Und vor fünf Jahren gestorben.«

»Du ziehst die Töchter deiner Frau alleine auf?«, fragte Eugenio.

»Ja, gibt nur mich. Ich schicke sie zur Schule und sorge für sie. Sie haben in Mexiko Verwandte, mit denen wir in Kontakt stehen, aber die Mädchen sind Amerikanerinnen. Ich glaube nicht, dass sie auf der anderen Seite der Grenze klarkämen. Sie haben … wie soll ich sagen? Marina nennt es ›Erste-Welt-Probleme‹. Ihr Handy funktioniert nicht, oder sie haben nicht genug Geld für die Mall, solche Sachen.«

Eugenio nickte wieder, und Jack spürte, dass die Verbindung abriss. Er konnte nicht mal genau sagen, warum er damit angefangen hatte, vielleicht weil Eugenio ein Mann war und ihn verstehen würde, aber Eugenio konnte »Erste-Welt-Probleme« nicht nachvollziehen. Er dachte nie weiter als bis zum nächsten Tag, zum nächsten Dollar, zum nächsten Job.

»Auf geht’s«, sagte Jack.

Sie machten sich auf den Weg.

An einer Baustelle wurden drei Spuren zu einer zusammengeführt. Der Verkehr schlich voran, überall wurde geblinkt, alle versuchten, sich irgendwo einzufädeln. Jack drehte das Radio an und nickte. »Hast du einen Lieblingssender? Stell ihn ruhig ein.«

Eugenio zögerte, als wäre der Knopf heiß, doch dann suchte er einen mexikanischen Sender aus, der aus Nuevo Laredo über die Grenze sendete. Jack erkannte weder die Namen noch die Stimmen der Moderatoren, aber das Format war das Gleiche wie hier in Texas. Er hatte etwas Mühe, mit dem schnellen Geplapper und den Witzen der DJs zwischen den Liedern mitzukommen.

»Lustig«, bemerkte Eugenio nach ein paar Minuten.

»Ja, wirklich.«

Sie brauchten für eine einzige Meile fast eine halbe Stunde, endlich passierten sie die Baustelle, und danach war der Weg zum Haus des Anwalts frei. Jack war versucht, aufs Gas zu treten, um die verlorene Zeit zumindest teilweise aufzuholen, widerstand aber. Vilma hatte ihn immer ermahnt, vorsichtig zu fahren. Er hielt sich daran.

»Wir machen noch den Boden fertig«, sagte er zu Eugenio.

»Okay.«

»Dafür werden wir eine Weile brauchen. Wenn wir dann noch Zeit haben, fangen wir mit –«

Im Rückspiegel blitzte Licht auf, Jack brach ab. Ein schwarzer Wagen hatte sich hinter sie gesetzt, flackernd leuchtete rot-blaues Warnlicht auf.

Auch Eugenio hatte das Licht bemerkt, und Jack spürte seine Anspannung. Jack fuhr langsamer, hielt auf dem Seitenstreifen vor einem Supermarkt und stellte den Motor ab.

Er beugte sich vor und öffnete das Handschuhfach, wo in einer kleinen schwarzen Kladde die Autopapiere und seine Versicherungskarte lagen. Als er sich aufrichtete, sah er zwei Männer aus dem anderen Wagen steigen. Sie kamen auf ihn zu und stellten sich links und rechts neben den Truck. Keiner der beiden trug Uniform.

Der Mann auf der Fahrerseite klopfte an die Scheibe und zeigte eine Dienstmarke, die Jack nicht erkannte. Er ließ das Fenster herunter. »Ich glaube nicht, dass ich zu schnell gefahren bin«, sagte er.

»Nein, sind Sie nicht«, sagte der Mann. »Mein Name ist Jesse Dreier. Ich arbeite für die Einwanderungs- und Zollbehörde. Das ist mein Kollege. Würden Sie mir bitte sagen, wo Sie hinwollen?«

Jack war versucht, den Kopf zu drehen und Eugenio anzusehen, tat es aber nicht. Er hielt die schwarze Kladde noch immer in der Hand. »Ich bin Handwerker. Ich fahre gerade zu einer Baustelle.«

»Der Mann neben Ihnen ist Ihr Angestellter?«

»Genau.«

»Würden Sie bitte aussteigen, Sir?«

Er gehorchte, aus dem Augenwinkel bekam er mit, dass der andere Mann die Beifahrertür öffnete und Eugenio auf Spanisch anwies, ebenfalls auszusteigen. Jack bemerkte, dass Dreier eine Waffe am Gürtel trug und dass das, was ihn so kräftig wirken ließ, eine schusssichere Weste war.

»Gehen wir da rüber«, sagte Dreier und deutete auf seinen Wagen. Das Warnlicht war immer noch an. Jack wandte Eugenio jetzt den Rücken zu und konnte nicht hören, was gesagt wurde.

Dreier sah ihn an. »Wie lange ist dieser Mann schon bei Ihnen angestellt?«

»Seit ein paar Tagen.«

»Sie stellen ihn als Tagelöhner ein?«

»Genau.«

»Haben Sie sich seine Papiere zeigen lassen? Die Arbeitserlaubnis? Irgendwas in der Art?«

»Er sagt, er hat eine Green Card.«

»Haben Sie sie gesehen?«

»Na ja, nein. Ich hab nicht danach gefragt.«

»Er ist also kein amerikanischer Staatsbürger«, sagte Dreier.

»Nein. Er sagt, er kommt aus Anáhuac.«

»Gut. Kann ich bitte Ihren Ausweis sehen, Sir?«

Jack zog seine Brieftasche hervor und zeigte dem Mann seinen Führerschein. Dreier zog ihn aus der Plastikhülle, gab Jack die Brieftasche zurück und stieg in seinen Wagen. Jack sah ihn zum Handy greifen.

Er warf einen Blick hinüber zu Eugenio, halb erwartete er, ihn in Handschellen am Boden liegen zu sehen, Dreiers Kollege auf seinem Rücken. Doch die beiden redeten nur. Dreiers Kollege drehte eine Karte in den Händen hin und her.

Dreier stieg wieder aus dem Wagen und gab Jack den Führerschein zurück. »Danke für Ihre Mithilfe, Mr. Searle.«

»Wird es irgendwie Ärger geben?«, fragte Jack.

Dreier sah ihn ausdruckslos an. »Nein, keinen Ärger. Wir müssen nur was klären.«

»Ich frage bloß.«

Dreiers Kollege gab ein Zeichen mit der Hand. Dreier winkte zurück. »Mr. Searle«, sagte er, »ich muss Sie bitten, uns aufs Polizeirevier zu folgen. Ihr Angestellter wird bei uns mitfahren.«

»Ich weiß nicht mal, wo das Revier ist.«

»Wir zeigen Ihnen den Weg.«

6

Sie ließen ihn auf einem Plastikstuhl Platz nehmen, der mit anderen zu einer langen Reihe zusammengeschraubt war. Jacks Cola wurde allmählich schal, er nippte nur noch daran, weil er nichts Besseres zu tun hatte. Polizisten kamen und gingen und schenkten ihm keine Beachtung. Dreier und seinen Kollegen sah er über eine Stunde lang nicht. Er fragte sich, ob Leeks Haushälterin auf sie wartete, ob er anrufen sollte.

Eugenio bekam er nicht mehr zu Gesicht. Sie hatten ihm Handschellen angelegt und ihn in den Polizeiwagen gesetzt, beim Aussteigen war er Jacks Blick ausgewichen. Jack war nichts Tröstliches eingefallen. Als man Eugenio wegbrachte, stand er stumm daneben.

Nach langem Warten sah er Dreier mit zwei Polizisten in Uniform und seinem Kollegen hinter einer Glaswand stehen. Als der Kollege herüberschaute, senkte Jack reflexartig den Blick. Er trug keine Handschellen, kam sich aber so vor.

Schließlich ertönte ein elektrisches Summen, dann tauchte Dreier mit einigen ausgedruckten Seiten in der Hand auf. »Bitte kommen Sie mit, Mr. Searle.«

Am Ende eines scheinbar endlos langen Korridors bogen sie links ab und kamen an ein paar identisch aussehenden geschlossenen Türen mit Nummern vorbei. Dreier schloss eine auf und bat Jack herein. In dem winzigen Zimmer standen ein kleiner Tisch und drei Stühle. An der Decke war eine Kamera mit einer rot leuchtenden Lampe befestigt.

»Nehmen Sie Platz.«

Jack setzte sich.

»Bevor Sie fragen«, sagte Dreier, »Sie stehen nicht unter Arrest. Sie haben keine Anzeige zu erwarten. Sie können jederzeit gehen. Sie müssen nicht mal mit mir reden.«

»Schon gut«, sagte Jack.

»Okay.« Dreier setzte sich. Er legte die Seiten mit der Schrift nach unten auf den Tisch. »Nur damit Sie wissen, wo Sie stehen.«

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Jack.

»Unter welchem Namen kennen Sie den Mann, den Sie angestellt haben?«

»Eugenio.«

»Kein Nachname?«

»Nein, hab ich nie nach gefragt.«

»Und er hat gesagt, er käme aus Anáhuac in Mexiko.«

»Genau.«

»Stellen Sie oft Männer vom Home-Depot-Parkplatz ein?«

»Ab und zu. Ich bekomme alle möglichen Aufträge und kann es mir nicht leisten, Leute zu bezahlen, wenn es keine Arbeit gibt. Es ist einfacher, sie bei Bedarf zu holen.«

»Was zahlen Sie ihnen?«

»Acht Dollar die Stunde plus Mittagessen.«

Dreier zog eine Augenbraue hoch. »Nicht viele Handwerker zahlen Tagelöhnern heutzutage den Mindestlohn.«

»Ich zahle, was ich für fair halte.«

»Sicher, ich verstehe. Und Sie kümmern sich nicht um Steuern und solche Sachen.«

»Hören Sie, ich –«

Dreier hob die Hand. »Ich meine bloß, Mr. Searle. Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Sie sind nicht der Erste, der sich den Papierkram spart, und Sie werden nicht der Letzte sein. Wir unterhalten uns bloß.«

»Ich erwarte nur ehrliche Arbeit für ehrlichen Lohn«, sagte Jack.

»Das verstehe ich. Wie viele Männer haben Sie von dem Parkplatz da geholt, sagen wir mal, im letzten Jahr?«

»Fünf oder sechs.«

»Können Sie sich an Namen erinnern?«

»Nicht wirklich.«

»Würden Sie sie auf Fotos erkennen?«

»Vielleicht. Das also wollen Sie von mir?«

»Später.« Dreier legte die Fingerspitzen aneinander. »Wissen Sie, wir gehen davon aus, dass neun von zehn Männern auf dem Parkplatz illegal hier sind. Wir könnten sie jeden Tag abgreifen. Wie wir es heute Morgen gemacht haben. Und wissen Sie was? Morgen ist der Parkplatz dann voll mit lauter neuen Gesichtern.«

»Wenn ich aufhören soll, Tagelöhner einzustellen, tue ich das«, sagte Jack.

»Das meine ich gar nicht. Sie sollten sich nur bewusst sein, dass Sie gegen das Gesetz verstoßen. Es gibt jede Menge legale Arbeiter, die Sie einstellen könnten. Auch jede Menge Mexikaner, wenn die Ihnen lieber sind.«

»Hören Sie, er hat gesagt, er hätte eine Green Card.«

»Er hatte eine. Gefälscht.«

»Würde ich nicht erkennen«, sagte Jack.

»Ehrlich gesagt, wenn ich nicht wüsste, worauf man achten muss, hätte ich es auch nicht erkannt«, sagte Dreier. »Aber es war eine Fälschung, und ›Eugenio‹ hält sich illegal bei uns auf. Sie haben Glück gehabt: Manche der Typen sind kriminell und knöpfen ihren Auftraggebern das Geld ab, oder Werkzeug oder was auch immer. Ihr Mann war sauber. Wer weiß, vielleicht heißt er sogar wirklich Eugenio.«

Jack atmete tief ein. »Und was wird jetzt aus ihm?«

»Er wird in ein, zwei Tagen abgeschoben.«

»Und was passiert mit mir?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Ganz genau. Ich bin ehrlich zu Ihnen: Mir fehlt die Zeit, jeden Handwerker hochzunehmen, der billige Arbeitskräfte beschäftigt. Und in diesem Fall haben Sie jemanden erwischt, der behauptete, eine Green Card zu haben und sie sogar bei sich trug. Das ist die Mühe nicht wert.«

»Und was ist das?« Jack deutete auf die Seiten.

»Oh, das? Das ist Ihre Akte. Keine Einträge.«

Jacks Schultern sackten nach unten. Erst jetzt merkte er, wie angespannt er gewesen war. Er richtete sich auf. »Vermutlich sagen Sie mir jetzt, dass ich in Zukunft aufpassen soll.«

»Das ist wohl nicht nötig. Sie haben es kapiert.«

»Kann ich dann gehen?«

»Können Sie.«

Jack erhob sich, Dreier ebenfalls. Er hielt Jack die Hand hin, er schlug ein. »Ich finde den Weg«, sagte er.

»Macht es Ihnen was aus, wenn ich Sie trotzdem begleite?«

»Kann ich Sie davon abhalten?«

Sie durchquerten wieder den langen Korridor. In der Eingangshalle herrschte Eile und Gedränge. Cops und Kriminelle. Opfer. Das Licht fiel in großen Rechtecken auf den gefliesten Boden, Jack blieb mitten in einem stehen.

»Passen Sie auf sich auf, Mr. Searle«, sagte Dreier. »Hoffentlich kreuzen sich unsere Wege nicht noch einmal.«

»Das hoffe ich auch.«

Jack verließ das Polizeirevier und kehrte zu seinem Truck zurück. Es war fast fünfzehn Uhr.

7

Das Polizeirevier im Zentrum von Nuevo Laredo, eins von mehreren in der Stadt, war nicht groß. Es mochte Gründe dafür gegeben haben, die Reviere dort einzurichten, wo sie waren, aber sie wirkten fast wie zufällig verteilt, die Zuständigkeiten überschnitten sich, die Lücken wurden von der Armee und der Bundespolizei, der Policía Federal, gefüllt. Der Eingang zum Gebäude war mit Betonpfeilern und Stacheldraht geschützt. Auf einigen Fenstersimsen lagen Sandsäcke.

Als ein dünner Mann in Arbeitskleidung das Revier betrat, bemerkte Gonzalo Soler ihn nicht gleich. Auf Gonzalos Schreibtisch stapelten sich Akten, jede verlangte seine Aufmerksamkeit, und er musste entscheiden, welche warten konnte und welche Priorität hatte. Als Polizist war er fast so etwas wie ein Arzt, der Verwundete nach Dringlichkeit einordnet. Gonzalo konnte nicht allen Akten die gleiche Aufmerksamkeit widmen, gab sich aber Mühe, zumindest einen Blick in jede zu werfen.

Pepito Barriga bemerkte den Mann zuerst. »Ach, verdammt.«

Gonzalo sah zu seinem Kollegen hinüber. »Was ist los?«

»Dieser Typ ist wieder da«, sagte Pepito. »Er war schon gestern hier, und vorgestern. Ich hab ihm gesagt, er soll nach Hause gehen und dort bleiben, aber er hört einfach nicht auf mich.«

Jetzt sah auch Gonzalo den Mann. Er war so dünn, dass er kurz vor dem Verhungern zu stehen schien, und trug eine zerschlissene braune Arbeitskluft, die sich seiner sonnengebräunten Haut angeglichen hatte. Insgesamt machte er den Eindruck einer wettergegerbten, schmutzigen Vogelscheuche auf einem Stoppelfeld. Er stand vor dem Tresen des Wachhabenden am Eingang, umklammerte seine Baseballkappe und warf den beschäftigten Polizisten, die ihm keinerlei Beachtung schenkten, flehende Blicke zu.

»Was will er?«, fragte Gonzalo.

»Geht um seine Tochter. Glaub mir, nicht der Mühe wert.«

Der Mann sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben und war sogar aus der Entfernung spürbar. Gonzalo klappte die vor ihm liegende Akte zu, stand auf und zog sein Jackett über.

Pepito bemerkte es. »Ich sag doch, spar dir deine Zeit.«

»Ich will nur mal mit ihm reden.«

»Von mir aus. Aber bitte mich nicht um Hilfe.«

»Mache ich nicht.«

Gonzalo ging zwischen den Tischen hindurch, von denen manche leer, manche besetzt waren. Als er den Mann im Eingangsbereich erreicht hatte, streckte er die Hand aus. »Hallo. Ich bin Inspector Gonzalo Soler. Mein Kollege meinte, Sie hätten ein Problem.«

»Ja«, sagte der Mann. »Der da drüben. Mit dem habe ich schon gesprochen.«

»Ich würde gerne hören, was Sie zu sagen haben. Wie heißen Sie?«

»Tomás Contreras.«

»Wohnen Sie in der Stadt?«

»Nein, señor. Ich arbeite auf einer Farm in der Nähe von Sabinas Hidalgo.«

»Das ist etwa eine Stunde von hier, oder? Nicht weit.«

»Nein, nicht weit.«

»Kommen Sie doch mit an meinen Schreibtisch, dann können Sie mir erzählen, was passiert ist.«

Gonzalo ging voraus, holte dem Mann einen Stuhl und ignorierte Pepitos Blick. Er nahm einen Notizblock und einen Stift aus einer Schublade, schlug eine leere Seite auf und schrieb den Namen des Mannes auf.

»Es geht um meine Tochter«, sagte Tomás, als Gonzalo bereit war. »Sie heißt Iris.«

»Wie alt ist sie?«

»Zwanzig.«

»Haben Sie noch andere Kinder?«

»Ja«, sagte Tomás. »Zwei. Einen Jungen und ein Mädchen, beide jünger.«

Gonzalo wurde klar, dass das Alter des Mannes nur schwer abzuschätzen war. Lange Tage und Wochen und Monate unter der Sonne hatten sein Gesicht gegerbt, Staub schien sich in jede Falte gelegt zu haben. So ähnlich hatte Gonzalos Vater ausgesehen, kurz bevor er gestorben war. »Wo ist Ihre Tochter jetzt?«, fragte er.

»Hier. In Nuevo Laredo.«

»Sie lebt hier?«

»Ja. Seit drei Monaten.«

»Was macht sie hier?«

In dem Moment verzog Tomás so schmerzvoll das Gesicht, dass Gonzalo dachte, der Mann wäre irgendwie verletzt. Er kämpfte ganz offensichtlich mit seinen Gefühlen, in seinen Augen glänzten Tränen. »Verzeihen Sie, Inspector«, sagte er.

»Schon gut. Fangen Sie einfach an, wenn Sie so weit sind.«

Tomás nickte, atmete tief ein und zerrieb die Tränen in seinen Augen mit den Fingerknöcheln. Seine Brust hob und senkte sich. »Ich habe alles schon dem anderen Polizisten erzählt«, sagte er schließlich.

»Ich verstehe, aber ich höre es jetzt zum ersten Mal.«

Der Mann sah Gonzalo an, jede Falte in seinem Gesicht war verzogen. »Meine Tochter … Iris … arbeitet in Boy’s Town, Sir. In Boy’s Town.«

8

Jack kam früh nach Hause. Die Mädchen waren noch bei ihren Freundinnen oder in der Mall, oder wo immer sonst sie sich die freien Spätsommernachmittage vertrieben. Er stellte das Radio in seinem Schlafzimmer so laut, dass er es bei geöffneter Badezimmertür unter der Dusche hören konnte, und sang aus voller Kehle mit, schließlich hörte ihn niemand. Er entdeckte einen Schnitt an seiner Hand, der ihm vorher nicht aufgefallen war, und säuberte ihn. Handwerkerhände waren immer dreckig, eine Entzündung konnte er nicht gebrauchen.

Nach dem Duschen zog er sich an und ging nach hinten in den Garten, zupfte eine halbe Stunde lang Unkraut und warf die Pflanzen in eine alte, verrostete Schubkarre, die früher knallorange gewesen war. Dann schob er die Karre vor das Haus und machte dort weiter. Am Wochenende würde er den Rasenmäher herausholen und das Gras richtig schneiden.

Irgendwie kam ihm die Schubkarre schwerer vor, als er sie wieder nach hinten rollte, was nicht an den welkenden Pflanzen lag, sondern an seiner plötzlich düsteren Stimmung. Er leerte den Inhalt der Karre in die Mülltonne und stellte sie in die Garage zurück.

Im Haus war es sehr still. Jack stellte sich vor, wie es sein würde, wenn Marina und Lidia ausgezogen wären, was seine trüben Gedanken nur verstärkte.

Wenn die Schule wieder anfing, würde Marina in ein Community College gehen, irgendwo in der Nähe. Sie würde zu Hause wohnen und in ihrem Bett schlafen, und Jack würde für sie sorgen, wie er es immer getan hatte. Das Gleiche galt für Lidia. Er hatte es ihnen nie gesagt, aber sie wussten, so lange er lebte, waren sie bei ihm immer zu Hause. Das hatte er Vilma versprochen, und er würde sich daran halten.

»Bier«, sagte er laut. Er holte eine Flasche und ließ sie schwitzen, bevor er sie öffnete. Dann setzte er sich auf den alten La-Z-Boy-Sessel im Wohnzimmer und starrte die dunkle Mattscheibe des Fernsehers an. Er konnte das Parfüm riechen, das Lidia neuerdings trug. Das Sofa war wie ihre Kommandozentrale, sie legte die Füße hoch und lebte per Handy.

Er hörte Marinas Wagen in der Auffahrt und wartete. Die Schlüssel klimperten. Sie kam herein und sah ihn.

»Du trinkst alleine?«, fragte sie.

»Nur eins«, sagte er.

»Ich hab die Flaschen im Kühlschrank gezählt, ich weiß also, wenn du lügst«, erwiderte sie und hängte ihre Tasche an den Haken neben der Tür.

»Hast du nicht«, sagte er.

»Vielleicht nicht, vielleicht doch. Wer weiß.«

»Das ist das erste und einzige Bier«, wiederholte Jack.

»Ich glaube dir.«

Marina kam ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Jack sah, dass sie eine neue Bluse und frische Jeans und Pumps anstelle von Turnschuhen trug. »Hübsch siehst du aus«, sagte er.

»Ach, das? Ich bin bei dem Ohrringladen vorbeigegangen, von dem ich dir erzählt hatte, und habe mit der Managerin gesprochen. Ich wollte professionell wirken, weißt du?«

»Klar, verstehe ich.«

»Sie hat gesagt, ich kann nächsten Dienstag zu einem Vorstellungsgespräch kommen. Sie meinte, das ist bloß eine Formalität, aber so sind die Regeln.«

Jack nickte. Es war nur noch ein Schluck Bier in der Flasche, er hob sie an den Mund.

»Es werden nur ein paar Stunden sein, vielleicht zehn pro Woche. Aber das ist für den Anfang gut, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Ginny sagt, eins von den anderen Mädchen kündigt vielleicht bald, dann könnte ich auch ihre Stunden übernehmen. Dann kommt was zusammen.«

»Mhm«, stimmte Jack zu. »Weißt du, wo deine Schwester ist?«

»Mit Saundra unterwegs, glaube ich. Sie wollten ins Kino gehen.«

»Solange sie zum Abendessen zu Hause ist.«

»Keiner verpasst das Abendessen, Jack«, sagte Marina und stand auf. »Soll ich dir noch ein Bier holen?«

»Wenn du mir vertraust.«

»Wie gesagt: Ich hab sie abgezählt.«

»Okay, ich nehme noch ein Bier.«

»Kommt sofort.«

9

Manche nannten es »Boy’s Town«, aber in Nuevo Laredo war es als La Zona bekannt. Drei Straßenblöcke, von einer Mauer umgeben, eine kleine Stadt. Sogar ein Polizeirevier gab es, schichtweise von zwei Beamten besetzt. Hauptsächlich diente es zur Unterbringung von Betrunkenen, bis sie abgeholt und in eine der größeren Einrichtungen in der Innenstadt gebracht wurden.

Das Revier befand sich direkt am Eingang, ein Metallschild bezeugte seine Existenz, allerdings sparten sich die wachhabenden Polizisten das Streifegehen. La Zona war für Toleranz bekannt, Prostitution und Sexshows florierten, es gab Geschäfte und Zimmer zur Miete für Touristen und Einwohner. Bars und Restaurants säumten die Straßen, dazwischen lagen Bordelle und Stripclubs, sogar die berüchtigte Donkey Show war im Angebot. Für die Polizei war La Zona ein Ort des Lasters und der Verbrechen, aber es kamen auch Paare zum Tanzen oder Arbeiter auf ein billiges Feierabendbier hierher. Tagsüber war La Zona von Verkaterten und Geistergestalten bevölkert.

Gonzalo parkte vor dem Tor und ging den Rest des Wegs zu Fuß. Er überlegte kurz, sich bei seinen wachhabenden Kollegen zu melden, aber sie konnten ihm bei seiner Aufgabe nicht helfen, er würde nur ihre Zeit verschwenden. Er trug seinen Dienstausweis und seine Waffe bei sich, was im Zweifel nicht viel nützen würde, aber reichen musste. Vermutlich würde er sie nicht brauchen.

Er folgte der Circunvalación Casanova, die eine Art Ring um La Zona bildete. Tomás Contreras hatte ihm den Weg so gut beschrieben, dass er ihn leicht fand. La Zona war wie ein Kaninchenbau, aber wie alle Kaninchenbauten nicht endlos, es gab nur eine beschränkte Zahl von Versteckmöglichkeiten. Erst recht, wenn Sichtbarkeit zum Geschäft gehörte.

Auf der linken Seite einer langen, ungepflasterten Straße reihten sich heruntergekommene, weiß getünchte Häuser aneinander. Zwischen ihnen führten hinter schmalen Türen Außentreppen nach oben. Keines der Häuser hatte mehr als zwei Stockwerke. Nur wenige Wohnungen waren nummeriert. Gonzalo suchte nach einem Gebäude, auf das die Zahl 9 gepinselt worden war.

Iris Contreras Behausung lag im oberen Stock. Die Treppe war so schmal, dass Gonzalos Schultern die Wände berührten. Die Stufen endeten direkt vor der Tür, einen Treppenabsatz gab es nicht. Gonzalo stand unbeholfen auf der letzten Stufe und klopfte zweimal an die Tür.

Da sich nichts regte, versuchte er es erneut. Möglicherweise war sie nicht zu Hause, oder von der letzten Nacht zu müde, um sein Klopfen überhaupt zu hören. Gonzalo wartete.

Nach einer Weile hörte er das Patschen von Füßen auf dem Boden und spürte, dass auf der anderen Seite der Tür jemand stand. Eine Stimme erklang. »Wer ist da?«

»Iris Contreras?«

»Wer will das wissen?«

»Mein Name ist Gonzalo Soler. Ich bin Polizist.«

»Was will die Polizei von mir?«

»Bitte machen Sie die Tür auf.«

Es folgte eine lange Pause, dann rasselte eine Kette, und die Tür wurde geöffnet. Dahinter war es dunkel. Eine junge Frau erschien im Türrahmen.

Iris war keine Schönheit, aber Dunkelheit und Schminke würden sie in eine verwandeln. Sie war so schmal wie ihr Vater und hatte weder große Brüste noch breite Hüften. Sie trug ein einfaches weißes Nachthemd und war barfuß. »Was wollen Sie?«, fragte sie.

»Darf ich reinkommen?«

»Ich habe gerade frei.«

»Kann ich trotzdem reinkommen?«

»Ich will Ihren Ausweis sehen.«

Erst als Gonzalo ihn hochhielt, öffnete sie die Tür. Gonzalo trat in die Düsternis.

Ein winziges Zimmer ohne Küche oder Bad, immerhin gab es ein kleines Waschbecken. Vor das einzige schmale Fenster war ein vergilbter Papierbogen geklebt worden. Der größte Gegenstand im Zimmer war das Bett, und selbst das war klein. Es stank nach Zigaretten und Schweiß. In einem Eimer neben dem Bett lag eine dicke Schicht Kippen.

Iris schloss die Tür. »Ich habe nichts Falsches getan.«

»Ich bin nicht hier, um Sie festzunehmen, keine Sorge«, sagte Gonzalo.

»Warum denn dann?«

»Warum setzen Sie sich nicht?«

Das Mädchen sah ihn säuerlich an und ließ sich auf dem Bett nieder. Ihr Haar war zerzaust. Es war Mittag, aber sie sah aus, als hätte sie nur wenig Schlaf gehabt. Was vermutlich stimmte.

»Ihr Vater war gestern bei mir«, sagte Gonzalo.

»Mierda.«

»Er macht sich große Sorgen um Sie. Ihre Mutter und Ihre Geschwister ebenfalls. Er hat mich gebeten, mit Ihnen zu sprechen.«

»Wieso?«

»Ich glaube, das wissen Sie«, sagte Gonzalo.

»Ich gehe nicht nach Hause.«

Gonzalo sah sie an. Sie wirkte jünger als zwanzig. »Ist es dort so schlimm?«

»Grauenhaft. Kein Geld, nichts zu essen. Den ganzen Tag schuften, wie meine Mutter und Schwester, um von nichts zu leben. Und niemand hat Arbeit.«

»Ihr Vater arbeitet.«

»Im Moment. Aber wenn die Trockenheit anhält, entlässt die Farm alle Arbeiter, dann haben wir keine Chance mehr. Als ich hergekommen bin, hab ich ihnen einen Gefallen getan.«

»Es gibt andere Jobs in der Stadt. Die maquiladoras –«

»Sind schon voll mit Mädchen vom Land, die in die Stadt gekommen sind, um Arbeit zu suchen. Hier ist es nicht wie in Juárez, wo es immer irgendwas gibt. Ich habe einen Job gefunden und verdiene gutes Geld.«

Sie hatte recht, Ciudad Juárez war zwar viel gefährlicher, aber auch größer und geschäftiger und bot mehr Möglichkeiten. Nuevo Laredo würde nie so werden, es würde immer ein Durchgangsort bleiben, den der Grenzhandel am Leben hielt, dem er aber keinen Wohlstand brachte.

Gonzalo sah sich in dem heruntergekommenen Zimmer um. Die Wände waren von Wasserflecken verfärbt, vermutlich waren sie das letzte Mal vor Iris’ Geburt gestrichen worden, die Farbe war abgeplatzt und heruntergerieselt. »Was ist in Ihren Augen gutes Geld?«, fragte er.

»Sechshundert Pesos.«

»Pro Kunde?«

»Natürlich.«

»Wie viele Kunden haben Sie pro Nacht?«

»Ich zähle nicht.« Iris wandte den Blick ab.

Gonzalo ließ nicht locker. »Wie viele?«

»Keine Ahnung. Zehn. Fünfzehn.«

»In diesem Loch«, sagte Gonzalo. »Was zahlen Sie pro Nacht dafür? Dreitausend Pesos? Viertausend? Wie viel bleibt Ihnen dann?«

»Hauen Sie ab!«, rief Iris. »Ich muss mich nicht rechtfertigen.«

»Hat sich schon jemand gemeldet, der auf Sie ›aufpassen‹ will?«, fragte Gonzalo. »Das ist nämlich nur eine Frage der Zeit. Keine Frau arbeitet hier lange allein. Irgendwann taucht ein Typ auf und sagt, wenn er fünfzig Prozent abbekommt, kümmert er sich um die bösen Kunden. Und wenn Sie ablehnen, erhöht sich der Anteil, außerdem wird er Sie schlagen. Freuen Sie sich darauf?«

Sie hatte den Blick gesenkt, und Gonzalo kannte die Antwort. »Das geht Sie nichts an«, sagte sie tonlos.

»Es ist also bereits passiert«, sagte er. »Und es wird nicht aufhören. Jede Nacht das Gleiche, bis Sie nicht mehr jung genug sind, nicht mehr gesund genug … und dann wird man Sie wegjagen und Sie dahin zurückschicken, wo Sie hergekommen sind. Pleite, süchtig oder in welchem Zustand auch immer.«

»Bitte gehen Sie«, sagte Iris.

»Ich gehe, wenn Sie Ihre Sachen gepackt haben und mit mir kommen.«

»Was ich mache, ist nicht illegal!«

»Nein. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht falsch ist.«

Iris hob den Kopf, blickte ihn aus feuchten Augen an und wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab. »Wollen Sie die ganzen anderen Mädchen etwa auch retten?«

»Nein.«

»Würden Sie es tun?«

»Nein. Ich bin hier, weil Sie eine Familie haben, die Sie liebt. Und weil es noch nicht zu spät ist, um es wiedergutzumachen. Es gibt Dinge, die man nie wiedergutmachen kann.«