Vernunft und Glauben -  - E-Book

Vernunft und Glauben E-Book

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Beschreibung

Was bedeutet es, mit der Gottesfrage, mit dem Glauben, mit der Religion zu ringen? Was können Literatur und die Quellen des Glaubens dazu beitragen? Namhafte Autorinnen und Autoren wie Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Tobias Hoffmann oder Anton Zeilinger haben sich zusammengefunden, um über diese Fragen nachzudenken. Die bedeutenden Schriftsteller Gerhard Roth und Martin Walser haben dem Band ebenfalls ihre Stimme gegeben. Die Beiträge nähern sich mit Achtsamkeit und Ehrfurcht vor dem Schweigen und dem Wort der Frage nach Gott und der gelebten Religiosität an. Es geht um das Anliegen, eines vor dem Denken verantworteten Glaubens, aber auch um Denken, das sich im Glauben verankert weiß.

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Seitenzahl: 453

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Vernunft und Glauben: Gottessuche heute

VERLAG ANTON PUSTET

Hansjörg Hofer, Diözesan- und Metropolitankapitel Salzburg (Hg.)

Vernunft und Glauben: Gottessuche heute

VERLAG ANTON PUSTET

Impressum

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2016 Verlag Anton Pustet 5020 Salzburg, Bergstraße 12 Sämtliche Rechte vorbehalten.

Lektorat: Beatrix Binder, Elisabeth Kapferer Layout & Produktion: Tanja Kühnel

Titelillustration: © shutterstock.com/positivve 2016

ISBN Printausgabe 978-3-7025-0853-1

e-ISBN 978-3-7025-8036-0

www.pustet.at

Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Herausgeber

Über Trost

Martin Walser

Das prophetische Wort heute

Diözesanbischof emeritus Egon Kapellari

Literatur und Geistliches Leben Ein Blick auf ihre fruchtbare Nähe

Willibald Hopfgartner OFM

Notizen

Gerhard Roth

Ekstase der Vernunft? Ekstase der Liebe? Zur Spannung zwischen Rationalität und Mystik

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Gott ist Liebe – Ein esse ohne Sein? Zu Jean-Luc Marions Kritik an der Onto-theologie

Emmanuel J. Bauer

Freiheit jenseits der praktischen Vernunft: Duns Scotus über willensabhängige Relationen

Tobias Hoffmann

Kontingenz als Offenbarung

Hans Kraml

„Glücklich, wer nicht gekostet hat das Gift der Weisheit der Griechen!“ Griechische Logos-Spekulation und syrische Poesie als patristische Denkmodelle der Menschwerdung

Dietmar W. Winkler

Der Messias Israels als Bräutigam der Nationen: Radaks Deutung von Psalm 45 entfaltet

Simon Weyringer

Die verdunkelnde Fülle der Herrlichkeit: Priesterlicher Dienst und die Wolke des Herrn (1 Kön 8,10-12)

Clemens Sedmak

Wirtschaft, Wissenschaften und die Weisheit der Religionen im Dialog Ganzheitliche Wege aus der Ökokrise nach Papst Franziskus

Niklaus Kuster

Naturwissenschaft und Religion: ein Scheinkonflikt

Anton Zeilinger

Führen im Mysterium:Bischofsamt und Leadership – geht das überhaupt?

Christian Lagger

Kurzbiographien der Autor/inn/en

Die Herausgeber

Vorwort

Papst Benedikt XVI. hat am 12. September 2006 eine Vorlesung in Regensburg gehalten; darin hat der Pontifex, der als Professor an dieser Universität gewirkt hatte, das Verhältnis von Vernunft und Glauben bedacht. Eine Kernaussage der viel beachteten Rede betrifft die Unvereinbarkeit von Glaube und Irrationalität, von Theologie und Unvernunft. „Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.“ Der „Logos“ ist nicht irgendein Wort, sondern höchster Ausdruck der Vernunft. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch Johannes Duns Scotus, den der Papst am Anfang einer Entwicklung hin zu einem Voluntarismus sieht, der die Freiheit Gottes so sehr betont, dass die menschliche Vernunft nur mehr die Unerkennbarkeit Gottes aussagen kann. Tatsächlich war es Johannes Duns Scotus um die Freiheit Gottes zu tun. Doch derselbe Johannes Duns Scotus hat die Menschwerdung Gottes, die Gott in die Geschichte der Menschen eintreten und alles, was die Conditio Humana ausmacht, teilen lässt, als Höhepunkt der Heilsgeschichte angesehen. Dadurch wird Gott ein „Gott mit uns“, ein Gott „mitten im Leben.“ Und dieses Mit-uns-Sein ist Ausdruck der Liebe Gottes.

Das hat Papst Benedikt XVI. in seiner Generalaudienz vom 7. Juli 2010, in der er sich mit Scotus beschäftigte, betont: „Vor allem hat er [Scotus] über das Geheimnis der Menschwerdung nachgedacht und hat im Gegensatz zu vielen anderen christlichen Denkern seiner Zeit die Auffassung vertreten, daß Christus auch dann Mensch geworden wäre, wenn die Menschheit nicht gesündigt hätte.“ Es entspricht also nach Auffassung des Scotus dem Wesen Gottes, nicht in unerreichbarer Ferne zu wohnen. Gott ist ein ‚Gott-mit-uns‘!

Wie stellt sich in einer Welt mit ihren globalen Herausforderungen und ihren je persönlichen Geschichten von Hoffnung und Angst die Suche nach Gott dar? Erfahren die Menschen Gott als Gott mit uns? Oder ist ein neuer Atheismus im Kommen? Wie kann in dieser Situation Dialog gelingen? Welches Echo erfährt die „Regensburger Botschaft“ von der Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben heute?

Um diese Fragen kreist der vorliegende Band, der aus Anlass des 60. Geburtstages von Erzbischof Franz Lackner entstanden ist. Diese Diskussionen um das Verhältnis von Glauben und Vernunft bilden ein Grundthema, das den 91. Bischof von Salzburg (und 79. Erzbischof) besonders beschäftigt. Johannes Duns Scotus ist für Erzbischof Lackner ein besonderer Gesprächspartner geworden. Scotus, der ein Franziskanertheologe des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts war, betonte die Einheit von theologischem Denken und tiefer Frömmigkeit; auch hier zeigt sich eine innige Verbindung von Glaubensleben und Vernunft.

Die Beiträge in diesem Buch sind weniger Beiträge zu einer klassischen Festschrift, als vielmehr Ausdruck der Absicht, die Diskussion um Gottsuche, Glauben und Vernunft zu bereichern. Stimmen aus verschiedenen Kontexten kommen zu Wort, was auch das Anliegen von Erzbischof Lackner, Brücken des Dialogs zu bauen und das Gespräch zu suchen, deutlich macht. Die ersten Beiträge (Martin Walser, Gerhard Roth, Bischof Egon Kapellari, Willibald Hopfgartner) sind der Literatur und der Arbeit mit Literatur zuzuordnen; es folgen Beiträge aus der Philosophie (Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Emmanuel J. Bauer sowie – explizit dem Denken des Johannes Duns Scotus gewidmet – Hans Kraml, Tobias Hoffmann) und Beiträge aus der Theologie (Simon Weyringer, Dietmar W. Winkler, Clemens Sedmak); schließlich finden sich in diesem Werk zwei Artikel, die den Dialog betonen (Niklaus Kuster, Anton Zeilinger). Den Abschluss bildet ein Beitrag zur Theologie der bischöflichen Verantwortung von Christian Lagger.

Den Herausgebern obliegt es, den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge herzlich zu danken; unser Dank gilt auch dem Internationalen Forschungszentrum für soziale und ethische Fragen (ifz Salzburg), das die Koordination des Werkes übernommen hat, und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Salzburger Verlags Anton Pustet.

Wir wünschen dem Buch interessierte Leserinnen und Leser – wir hoffen, dass durch dieses Werk Anstöße für die Frage nach Gott entstehen.

Unserem Erzbischof Franz Lackner entbieten alle an diesem Buchprojekt Beteiligten und die gesamte Erzdiözese Salzburg aufrichtige Geburtstagswünsche, verbunden mit Gebet und Dankbarkeit.

Die Herausgeber

Salzburg, im Frühjahr 2016

Martin Walser

Über Trost

Trostlos. Das sagt sich oft ganz schnell. Wenn ich aber erlebe, dass ich des Trostes bedarf, reicht das Wort nicht. Es wurde zu oft gebraucht, wenn dies oder das fehlte. Jetzt fehlt mehr.

Ich muss zugeben, dass ich jetzt des Trostes bedürfte. Ich schau mich um und um. Weit und breit niemand, der mir Trost spenden könnte. Ich sage: Trost spenden. Das ist mehr als trösten. Trösten will dich sicher jeder, wenn du merken lässt, wie es dir jetzt geht. Aber alle, die dafür in Frage kommen, kommen nicht in Frage.

Das spüre ich deutlich genug. Also verharre ich. Untröstlich. Ich weiß, dass ich aus meinem unseligen Zusammenhang gelöst werden müsste. Gewissermaßen von mir selbst gelöst werden müsste. Alle, die ich kenne, kommen dafür nicht in Frage. Die da zu erwartende Wortwörtlichkeit ist mir allzu bekannt. Also verharre ich untröstlich. Aber nicht reglos. Das Bewusstsein arbeitet. Wie in Not. Die bunte Alltagswelt bleibt zurück. Ich bin nicht ablenkbar von meiner Untröstlichkeit. Ich habe keine Aussicht, dass mich eine Nachricht erreicht, die den Anlass der Untröstlichkeit aus der Welt schafft.

Es gibt in meiner gewohnten Welt das Heil nicht, dessen ich jetzt bedürfte. Und ich merke, dass meine Gedanken auf der Suche sind. Dass ich nicht mehr beten kann, ist wieder einmal krass klar. Dass ich keinen Heiligen anrufen kann, ist noch viel klarer. Ich bin auf Menschen angewiesen. Und da taste ich schon in eine Richtung.

Mehr Ahnung als Richtung. Aber die Ahnung hat Tendenz. Und sie tastet sich so lange in eine Richtung, bis ihr deutlich wird, dass ich nach Menschen suche, die mir nicht mit den verbrauchten Wörtern der Teilnahmsroutine aufwarten. Personen tauchen auf. Die Ahnung tastet weiter. Die Richtung wird immer deutlicher. Und dann so deutlich, dass ich zugeben muss: Ich tendiere zu Personen, die religiös bestimmt sind. Auch da Unzuständigkeiten jeder Art.

Aber dann dieser Eine, der tröstlich wirkt. Ich spüre eine Begabung. Er muss eine Begabung haben, die ich vorher nicht kannte. Obwohl ich ihn kaum kenne, wird er mir jetzt so deutlich wie noch nie. Nicht durch Wörter, nicht durch sein Amt, sondern durch seine Wirkung. Die ist aber nicht ohne Erscheinung. Ich erlebe sie als leibhaftige Güte eines Menschen. Als sein reines Wohlwollen. Als seine höchste Aufmerksamkeit. Und es ist keine Frage, dass der, der so wirkt, seine Kraft aus der Religion hat. Ich erlebe seine Wirkung als Hilfe. Eine Hilfe, deren ich mir nicht sicher sein kann. Vielleicht mehr ein Bedürfnis als eine Realität. Aber schon das Bedürfnis schafft Nähe und wirkt tröstlich. Ich ahne mehr als ich weiß, dass er mir helfen würde. Helfen könnte.

So kommt es auf die zivilste Weise nicht zu einem Anruf, sondern zu einer Anrufung. So verharre ich. Im Zustand der Anrufung. Kein Gebet, aber Anrufung. Mehr ist nicht möglich. Es ist ein Zustand der Hoffnung. Sie wirkt, so lange man von ihr nicht mehr verlangt, als eine Hoffnung zu sein.

Ein wenig stört, dass der Angerufene, von dem ich so etwas wie Trost erhoffen kann, ein Amt hat in der Kirche. Auf mich wirkt nur die Person, der Mensch. Dem ich, weil er jetzt sechzig wird, die Erfahrung gestehe, dass er mir im Zustand der Trostlosigkeit eine Hilfe war.

Ich hätte letzten Endes zu ihm gehen dürfen. Diese Hoffnungsgewähr danke ich ihm. Und Hoffnung grenzt, wenn sie innig genug erlebt wird, schon an Erfüllung. Und die ist tröstlich. Dass ich das einfach gestehe, ist, bürgerlich gesprochen, eine Indiskretion. Aber ich muss dem Dankbedürfnis genügen. Das soll mich entschuldigen, werter Herr.

Diözesanbischof emeritus Egon Kapellari

Das prophetische Wort heute

I. „Herr, öffne meine Lippen!“

Beim Thema „Das prophetische Wort heute“ liegt ein besonderer Akzent auf dem Wort „heute“. Aber kann man über das Prophetische heute einigermaßen angemessen reden, ohne einen mehr als oberflächlichen Blick in seine Geschichte in Judentum und Christentum von deren Anfängen an und bis heute zu werfen? Ich glaube, man kann das nicht.

Noch als Bischof in Kärnten habe ich ein Bild des Künstlers Hans Bischoffshausen erworben, dessen Werk Frau Professor Agnes Husslein, die Direktorin des Wiener Belvedere, vor einiger Zeit im Bereich des Unteren Belvedere eine Ausstellung gewidmet hat. Frau Husslein ist eine Enkelin des großen aus Kärnten stammenden Malers Herbert Boeckl. Das genannte Bild hat Bischoffshausen mit dem Titel „Der Prophet“ versehen. Es ist ein weißes Blatt ohne irgendwelche anderen Farben und in seiner Mitte ist es von der Rückseite her so ausgebuchtet, dass sich zwei leicht geöffnete Lippen eines Menschen ergeben, akzentuiert durch aufgetragenes Deckweiß. Diese sich öffnenden Lippen auf dem genannten Bild von Bischoffshausen zeigen, dass der Künstler gewusst hat, was das Wort „Prophet“ oder „prophetisch“ in altgriechischer Sprache bedeutet. Es bedeutet: Sprechen für jemanden. Der Prophet, der Mann mit den sich öffnenden Lippen, spricht also für jemand anderen. Der biblische Prophet spricht für den Gott der Bibel. Er spricht im Auftrag Gottes und bevollmächtigt durch Gott. Er spricht als Herold Gottes und als Anwalt der Menschen. Vor einigen Jahrzehnten hat die Dichterin Marie Luise Kaschnitz diese Bedeutung von prophetischem Reden auf die Beziehung zu ihrem sehr geliebten verstorbenen Mann Guido Kaschnitz übertragen. In einem ihrer Gedichte, „Einer von zweien“1, redet sie daher die Lesenden an mit den Worten:

Ihr sollt in mir sehen Einen von zweien

Und hinter meinen Worten Unruhig horchen

Auf die andere Stimme.

Für Marie Luise Kaschnitz war dieser andere, dem diese Stimme gehört, ihr verstorbener Mann. Für den biblischen Propheten aber ist der andere der Gott der Bibel wie auch ein Mensch, ein Volk in Not, zu dessen Anwalt sich der Prophet von Gott berufen weiß, indem er tröstet, ermutigt, aber auch zornige, schroffe Rufe zur Umkehr hören lässt.

Sprechen für eine andere Macht, das galt auch für die delphische Sibylle, die Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle ins Bild gesetzt hat. Von ihr hat der Philosoph Heraklit in der Frühzeit griechischen philosophischen Denkens gesagt: „Die Stimme der Sibylle ist rau, aber sie tönt durch tausend Jahre, weil der Gott sie treibt.“ Gemeint ist hier Apollo, der Gott des Orakels von Delphi. Frühchristliche Apologeten sahen in der Sibylle und in den großen griechischen Philosophen der Vorzeit Spuren – „Logoi spermatikoi“ – des Heiligen Geistes am Werk. In diesem Beitrag konzentriere ich mich beim Sprechen über Prophetisches auf die Bibel im Alten und im Neuen Testament. Ich erinnere aber auch daran, dass der Islam als nachbiblische Weltreligion auf diesem biblischen Fundament aufbaut und in der Gestalt des Propheten Mohammed dieses Fundament teilweise bestätigt und zugleich massiv verändert hat und jedenfalls überbieten will. Und ich beziehe mich darüber hinaus auf die Inanspruchnahme der Kategorie des „Prophetischen“ durch die Kunst in Wort und Bild. Und schließlich verweise ich auf den oftmaligen und manchmal geradezu inflationären Gebrauch des Wortes „prophetisch“ im innerkirchlichen Disput über Kirche und Kirchenreform in den letzten Jahrzehnten, vor allem seit dem II. Vatikanischen Konzil.

II. Das prophetische Wort in der Bibel und in großer Dichtung

Es folgt nun ein ausführliches Kapitel über das prophetische Wort in der Bibel. In diesen Text sind mehrmals Zitate aus neuerer Dichtung eingeschoben, die auch auf das Thema „Prophetie“ bezogen sind. Ein Beispiel dafür gleich vorweg:

1. Wer ist ein Prophet?

Die große Dichterin Nelly Sachs, im Jahr 1967 Nobelpreisträgerin für Literatur, deren Werk in großem Leiden aus jüdischem geistigen Erbe erwachsen ist, hat über das Prophetische in einem ihrer Gedichte, „Wenn die Propheten einbrächen“2, Folgendes gesagt:

Wenn die Propheten einbrächen durch Türen der Nacht mit ihren Worten Wunden reißend in die Felder der Gewohnheit,

[…]

Wenn die Propheten einbrächen durch Türen der Nacht und ein Ohr wie eine Heimat suchten –

Ohr der Menschheit, du nesselverwachsenes, würdest du hören?

Wer aber ist so ein Prophet? Die Wörter „Prophet“ und „prophetisch“ sind vieldeutig, also ohne scharfen Rand. Von den biblischen Prophetenbüchern sind heute vor allem die nach den Propheten Jesaia und Jeremias benannten Schriften vielen Menschen wenigstens vage bekannt. Dazu kommt noch am ehesten jenes nach Ezechiel. Im Horizont der Bibel ist das Prophetische eine von den großen Gaben Gottes – eine Gabe an das Volk Israel wie auch an das Volk des neuen Bundes. Wenn Propheten fehlen, dann ist dies Anlass zu einer profunden Klage. So etwa im Psalm 74, wo ein ungenannter Beter klagend sagt: „Zeichen für uns sehen wir nicht/es ist kein Prophet mehr da/niemand von uns weiß, wie lange noch“ (Psalm 74,9). Die jüdische Bibel spricht auch ausführlich über die Pathologie des Prophetischen, gemeint sind damit die Lügenpropheten, die falschen Propheten. Das sind selbsternannte Boten, die Gefahren verdrängen oder schönreden und den Hörenden die Entscheidung zur Bekehrung, zur Umkehr ersparen wollen. Im Neuen Testament zitiert Jesus im Bericht über seinen Konflikt mit seiner Heimatgemeinde Nazareth in der dortigen Synagoge eine überlieferte Erfahrung mit den Worten: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat und in seiner Familie“ (Mt 13,57). Jesus erscheint also im gesamten Korpus des Neuen Testaments auch als ein Prophet, aber er ist zugleich mehr als ein Prophet. In seinem ersten Korintherbrief spricht der Apostel Paulus im zwölften Kapitel schließlich litaneiartig über die Gaben des Heiligen Geistes, darunter auch das prophetische Reden. Da heißt es unter anderem:

Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.

Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen.

Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem andern verschiedene Arten von Zungenrede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten.

Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will. (1 Kor 12,4-11)

Diese Geistesgaben sind auf die ganze Gemeinde ausgegossen und werden dort prinzipiell, wenn auch entsprechend Gottes freier Wahl, ebenso Männern und Frauen, Jungen und Alten, Trägern des Amtes wie auch Getauften ohne ein solches Amt zuteil.

Das Wort „prophetisch“ bedeutet heute und auch schon in der Vergangenheit meist so etwas wie eine Voraussage. Der Prophet von der Art des biblischen Schriftpropheten ist aber kein Wahrsager im vordergründigen Sinn des Wortes, kein Vorausfotograf der Zukunft. Er ist vielmehr Wahr-Sager im tieferen, hintergründigen Sinn. Er schaut in geliehener Kraft in das Herz der Menschen und der Dinge, und so redet er. Prophetie versetzt daher immer wieder in eine Krisis und drängt zu einer Entscheidung, fordert von sogenannten „Jein-Sagern“ ein bewusstes Ja oder Nein. Sören Kierkegaard, einer der „Propheten“ des 19. Jahrhunderts, wurde in diesem Sinne von der Königin von Dänemark gründlich missverstanden, als diese ihm zu seinem Buch „Entweder/Oder“ mit den Worten gratulierte: „Großartig hat er das gemacht mit seinem ‚Entweder und Oder‘.“ Propheten sind oft zornig und ungeduldig. Sie sind aber auch fähig zu Sanftmut und Geduld. Sie drohen nicht nur, sondern trösten auch. „Tröstet, ja tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen …“, sagt Jesaia. Und er vergleicht Gott mit einer Mutter, die ihre Kinder tröstet.

Propheten sind Wegweiser, Schrittmacher auf dem Weg ins Ungewisse, in die Zukunft. Wie der Täufer Johannes auf dem Karfreitagsbild des Isenheimer Altars mit expressiv verlängertem Zeigefinger auf den gekreuzigten Christus verweist, so verweisen sie in christlicher Sicht auf den je größeren kommenden und zugleich schon gegenwärtigen Gott. Sie schöpfen Hoffnung aus der Erinnerung. Die Essenz solcher Erinnerung bringt ein Vers aus einem bekannten Kirchenlied gut zum Ausdruck: „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.“ Was einstmals notwendend geschehen ist, das kann sich wieder ereignen, weil Gott getreu ist. Und es kann über die Wiederholung des Gewesenen hinaus auch dessen Überbietung sein.

Die großen Propheten sind aber nicht nur Moralisten, die ein kühnes, ein schöpferisches Ethos verkünden und einmahnen. Sie sind ohne Absicht und dessen meist gar nicht bewusst auch große Poeten. Schelte, Klage und Trostwort gedeihen ihnen zur Poesie, ihre Rede wird zum Bild. In der Johannesapokalypse, deren literarische Gattung einem erweiterten Begriff des Prophetischen zugehört, ist ausschwingend nicht nur vom Guten in scharfem Kontrast zum Bösen, sondern auch vom Schönen die Rede. Als Ziel aller geglückten Geschichte erscheint hier die neue und ewige vom Himmel kommende Stadt, das himmlische Jerusalem, ausgestattet mit vollkommenen Maßen. Hier sind Güte und Schönheit, die im Verlauf individueller und kollektiver Geschichte so oft und so schmerzlich auseinanderfallen, für immer versöhnt.

2. Wort und Schweigen

Viele der prophetisch Angesprochenen lassen sich freilich nicht auf den Weg mitnehmen. Propheten sind oft einsam. Sie kommen aus dem Schweigen und gehen in das Schweigen zurück. Ihr Ort ist die Wüste, oft auch die geographische Wüste als ein Ort an der Grenze. Hier redet der Mensch mit sich selbst, und er redet auch mit dem Versucher. Der Abgrund des Dämonischen tut sich auf. Vor Beginn seines öffentlichen Wirkens rekapituliert Jesus inmitten der ihn umdrängenden, Heilung und Heil suchenden Menschen in den vierzig Tagen seines Verweilens in der Wüste die vierzig Jahre der Wanderung Israels durch die Wüste und die Jahre und Tage, in denen die Propheten vor ihm – von Moses bis zum Täufer Johannes – in jegliche Art von Wüste mit all ihren Versuchungen geführt worden waren. Und in der Existenzwüste von Ölberg und Golgotha beschließt Jesus sein irdisches Leben. Alles Vorausgegangene in der Geschichte Israels wird zusammengefasst und überboten im abschließenden „Wüstenwort“ Jesu am Kreuz: „Consummatum est – es ist vollbracht.“ In der Wüste redet der Mensch vor allem mit seinem Gott. „Siehe, darum will ich sie verlocken, will sie in die Wüste führen und ihr zu Herzen reden“, sagt Gott in einem Spruch des Propheten Hosea, der dem Volk Israel auszurichten ist. Die Mystiker des Zisterzienserordens haben diese Wüstenerfahrung Israels mit seinem Gott auf die mystische Einigung eines einzelnen Menschen mit Gott bezogen. Wüste ist also ein Ort des Gesprächs. Sie ist aber zugleich der Ort eines alles Reden umfangenden Schweigens. Hans Urs von Balthasar hat einem seiner Aufsätze den Titel „Wort und Schweigen“ gegeben und leitet ihn ein mit der Feststellung: „Es gibt in allen Religionen einen Überdruss am Wort und eine Faszination durch das Schweigen…“3 Und so gibt es eine große jüdische Schweigetradition von Jesaja, der das scheinbar vergebliche Zeugnis schließlich in den Jüngern versiegelt, über den Ebed Jahwe, den Knecht Gottes, bis zu Maria und bis zu Jesus, der angesichts der Ehebrecherin und der umstehenden Pharisäer schweigend in den Sand schreibt und vor Herodes, Kajaphas und schließlich auch vor Pilatus verstummt. Es gibt, daran anschließend, eine christliche Schweigetradition, die sogleich nach dem Zeitalter der Apostel, also um das Jahr 100, mit dem Märtyrerbischof Ignatius von Antiochien beginnt, in seinen sieben uns überlieferten Briefen „in so endgültigen Formeln, dass sie christlich nie überholt, kaum je eingeholt worden sind“. „Besser ist es zu schweigen und zu sein, als zu reden und nicht zu sein … Wer Jesu Wort wirklich besitzt, der kann auch seine Stille vernehmen, auf dass er vollkommen sei, auf dass er … durch sein Reden handle und durch sein Schweigen sich zu erkennen gebe“, das sagt Ignatius von Antiochien den Ephesern.

Thomas von Aquin, der in der kurzen ihm geschenkten Lebenszeit ungemein viel gesagt und geschrieben hat, bekennt über all das hinaus, dass Gott durch Schweigen geehrt werde, weil das Wort ihn nicht einholen kann. Das ist eines der unzähligen Beispiele für eine christliche „theologia negativa“. Das Verstummen des Thomas kurz vor seinem Tod hat innerhalb und außerhalb der Kirche viele Entsprechungen gehabt. So sollte etwa gemäß dem Wunsch des Vergil die „Aeneis“ verbrannt werden. Und kurz vor seinem Tod, 43-jährig, warf Gogol den zweiten Teil des Romans „Tote Seelen“ ins Feuer. Über das Schweigen Goethes in und hinter seinem Wort wie über das Schweigen des Thomas von Aquin hat Josef Pieper je ein dichtes kleines Buch geschrieben. Diesem verdichteten Schweigen gelten auch Rilkes Aussage „Ich habe Hymnen, die ich schweige“ und die als Bitte – an wen? – geformte Verszeile der Ingeborg Bachmann: „In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort.“

Das prophetische Schweigen, eine langdauernde Wolke, aus der zu gegebener Zeit der Blitz eines kühnen, großen Wortes fährt, aber auch das heutige Schweigen der wenigen zeitgenössischen Dichter, die diesem Namen wirklich gerecht werden, sowie das Schweigen heutiger kontemplativer Ordensleute in einer Kartause, einer Trappistenabtei oder einem Karmelkloster vor Gott – all das steht in scharfem Kontrast zum allgemeinen Sprachhorizont der Gegenwart. Dieser nämlich ist beherrscht durch eine Inflation des Wortes, oder genauer gesagt, durch eine Inflation der Wörter.

Eine solche Abwertung des Wortes verschont auch das große, das heilige Wort nicht. Der Wiener Literat Ernst Jandl hat dies in einem Sprachgebilde mit dem Titel „Fortschreitende Räude“ auf drastische Weise dargestellt. Er ging dabei aus von einem heiligen Wort, das auch vielen Nichtglaubenden ehrwürdig ist – nämlich vom ersten Satz des Johannesevangeliums. Er lautet: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.“ Jandl hat dann diesen Text verändert, indem er Buchstaben und Silben umgestellt oder weggelassen hat. So wurde in Folge einer „fortschreitenden Räude“ eines der gewaltigsten Worte der Weltliteratur allmählich zu einem sinnlosen Gestammel.

3. Unbeirrtes Verharren an Grenzen

Biblische Propheten, gleichviel ob Männer oder Frauen, sind Menschen, die auch an Grenzen standhalten, verharren können. Gleiches gilt für große Dichtung im 20. Jahrhundert. Ein Beispiel dafür ist ein kurzes Gedicht von Paul Celan aus dem Zyklus „Atemwende“ mit dem Titel „In den Flüssen der Zukunft“4, für mich einer der faszinierendsten Texte von Celan; es lautet:

In den Flüssen nördlich der Zukunft werf ich das Netz aus, das du zögernd beschwerst mit von Steinen geschriebenen Schatten.

Die erste Gedichtzeile versetzt den Leser an eine äußerste Grenze, in eine arktische Landschaft von eisiger Klarheit, die von Flüssen durchzogen ist. Sie liegt im Norden, also in einer Region, die vielen Kulturen als dunkel und unheimlich galt und noch gilt. Es ist der äußerste denkbare und sagbare Norden, von dem hier die Rede ist, denn er liegt, wie der Dichter sagt, „nördlich der Zukunft“.

Eine ihr auferlegte Grenze hat auch Marie Luise Kaschnitz in einem ihrer Gedichte, „Nicht gesagt“5, als Wort an die Lesenden mit folgenden Worten beschrieben:

Euch nicht den Rücken gestärkt Mit ewiger Seligkeit

Den Verfall nicht geleugnet Und nicht die Verzweiflung

Den Teufel nicht an die Wand […]

Gott nicht gelobt

Aber wer bin ich daß

Gegen die Geschwätzigkeit der Epoche erklingt am Rand der Wüste, an den „Flüssen nördlich der Zukunft“, das karge Wort der wenigen wirklichen Dichter als Einweisung in ein Geheimnis, als Verharren an einer Schwelle, als poetischer Ausdruck einer „philosophia negativa“, vielleicht auch einer „theologia negativa“.

Die Christen, die Kirche sollten solche zumeist leisen Worte nicht überhören. Es sind heute wenige Dichter in ihren Reihen. In meinen letzten Gymnasial- und ersten Universitätsjahren war ich stark bewegt durch die Literatur des „renouveau catholique“ – durch die Entdeckung, dass es damals Schriftsteller, auch Dichter, gab, die nicht nur Christen, Katholiken geblieben, sondern dies durch eine Bekehrung, eine Konversion, erst geworden waren. Da waren viele Namen von Paul Claudel bis François Mauriac, von Gertrud von Le Fort bis Reinhold Schneider, von Sigrid Undset bis Sven Stolpe, von Werner Bergengruen bis Edzard Schaper; dazu noch Evelyn Waugh und Graham Greene, der viel später, fast 80-jährig, angesichts des Versuches eines zeitgenössischen Theologen, das Wunder der Auferstehung rational zu erfassen, seinen tiefen Glauben an das Unerklärliche, an das Geheimnis der Auferstehung Christi, neu entfacht fand. Jahrzehnte später bin ich schließlich dem großen Literaten Julien Green, auch er ein Konvertit, persönlich begegnet. Er hat bekanntlich sein Grab in Klagenfurt gefunden. Die meisten dieser Literaten und Dichter sind heute weithin vergessen. Ich erhoffe aber unverdrossen eine auf sie bezogene teilweise Relektüre irgendwann in der Zukunft. Zwei der hier Genannten, nämlich Sigrid Undset und François Mauriac, haben den Nobelpreis für Literatur empfangen. Im späten 20. Jahrhundert gab es diesbezüglich keine Fortsetzung, aber der Friedensnobelpreis wurde in dieser Zeit auffallend oft an engagierte Christen, zumal auch Katholiken verliehen. Ich erinnere an Mutter Teresa, aber auch an die noch lebenden Frauen Betty Williams und Maired Corrigan aus Nordirland und an den ebenfalls noch lebenden Argentinier Adolfo Pérez Esquivel, der auch Papst Franziskus gut bekannt und verbunden ist. Das ist ein Indiz für die Lebenskraft des christlichen Glaubens, dessen Seele Liebe ist.

Der christliche Glaube ist gewiss durch die ganze Existenz zu verkünden – der Wahrheitszeuge gestikuliert mit seiner ganzen Existenz, hat Kierkegaard in seinen Tagbüchern 1834-1855 gesagt. Dieser Glaube will aber auch verkündet werden durch das Wort im engeren Sinn: als Wort „in Geist und Kraft“. Religiöses und kirchliches Reden ist oft, und so auch heute, eher harmlos und kraftlos. Es kann sich aber immer wieder erneuern in einer Fastenzeit, zugebracht in mehr Schweigen, mehr Beten und bewussterem Hören auf das biblische Wort und seine große Exegese durch Väter und Heilige; im Hören auch auf die Prophetie großer Literatur und zumal großer Dichtung aus Vergangenheit und Gegenwart. Ich nenne beispielhaft hier nur das Werk von Reiner Kunze.

III. Das prophetische Wort heute am Beispiel von Papst Franziskus

Ein ehemaliger Präsident des Club of Rome hat vor einigen Jahrzehnten gesagt: „Die katholische Kirche ist das älteste Globalinstitut und sie hat einen Propheten an der Spitze.“ Er meinte damit Papst Johannes Paul II. Man kann das aber nach meiner Überzeugung bis in die Gegenwart fortschreiben. Am Abend des 13. März 2013 nach der Wahl von Jorge Bergoglio zum Papst habe ich in der ORF-Fernsehsendung „Zeit im Bild 2“ dem Moderator Armin Wolf auf die Frage, was ich vom neuen Papst, also Franziskus, erwarte, spontan gesagt: „Ich erwarte mir vom neuen Papst einen Schub fröhlich gelebter Bergpredigt.“ Heute, knapp drei Jahre später, finde ich diese Erwartung reichlich bestätigt. Kurz nach der Papstwahl habe ich ergänzend dazu gesagt: „Papst Franziskus scheint mir eher dem Typus eines biblischen Propheten zu entsprechen, Papst Benedikt XVI. eher dem Typus eines biblischen Weisheitslehrers.“ Beide Päpste sind im selben Quellgrund des Glaubens eingewurzelt. Sie berühren und ergänzen einander. Diese beiden Typen religiöser Existenz stehen aber schon in der Bibel nicht randscharf da und auch die Päpste Benedikt und Franziskus verkörpern den ihnen zugeschriebenen Typus nicht randscharf. Franziskus ist auch ein Weisheitslehrer und Benedikt war bzw. ist auch so etwas wie ein Prophet. Ein Beispiel dafür hat er bei seinem Österreichbesuch am 7. September 2007 in der Wiener Hofburg im Rahmen seiner Rede vor Repräsentanten von Gesellschaft und Kirche gegeben mit der lapidaren Feststellung, „es gibt kein Menschenrecht auf Abtreibung“. Diese Kante inmitten von viel Harmonie ist öffentlich sogleich wahrgenommen worden. Sie kann und darf in unserer Kirche nicht geglättet werden. Dieser Papst ist aber gerade in einer Zeit, die riesige Anstrengungen für das Gute braucht, auch ein Anwalt des Schönen in der Kirche. Er nennt es „ein Licht von Gott“, das „gerade in dieser Zeit besonders nötig ist“.

Manche biblischen Propheten haben die Wucht ihres Redens durch symbolische Handlungen verstärkt. Dies gilt vor allem für den Propheten Ezechiel, der z.B. anhand eines Ziegelsteins die Belagerung und den Fall Jerusalems bildhaft darstellt und so voraussagt als Folge der Missachtung göttlicher Mahnungen zur Umkehr. Starke Worte und damit verbundene starke Symbole prägen auch das Pontifikat von Papst Franziskus und er gibt dafür fast jede Woche, ja fast jeden Tag neue Beispiele. Ich erinnere hier in Auswahl nur daran, wie er sich nach seiner Erwählung auf dem Balkon der Peterskirche den auf dem Platz davor Versammelten und der Weltöffentlichkeit in Wort und Gebärde vorgestellt hat. Ich erinnere auch an seine jüngsten Reisen – zweimal nach Kuba und dann nach Mexiko. Ich erinnere an die Reden vor dem Europarat in Straßburg und vor dem Amerikanischen Kongress in Washington und an die jüngste Begegnung mit dem Patriarchen von Moskau am Flughafen von Havanna. Besonders erinnere ich aber an seine großen Rundschreiben Evangelii gaudium und Laudato si`.

In fast atemberaubendem Tempo ist dieser Papst unterwegs. Kein heute großes Thema der katholischen Kirche, der ökumenischen Christenheit, anderer Weltreligionen und der Menschheit überhaupt gibt es, das er nicht schon angesprochen hat. Das haben auch seine Vorgänger auf der Kathedra Petri in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts jeweils weitgehend getan, aber das Tempo und die Intensität haben sich nun gesteigert. Der Papst trifft dabei auf viel Zustimmung, aber auch auf manche Ablehnung, dies auch innerhalb der katholischen Kirche. Trägheit – wirklicher oder vermeintlicher Trägheit in der Kirche – begegnet er mit Schelte. Aber der kritischen Frage, ob nicht im Disput über die sogenannten „Heiße-Eisen“-Themen substantiell Unverzichtbares auch durch ihn aufs Spiel gesetzt werde, weicht er nicht aus. Er enttäuscht jene, die an allen Ranken des in der Kirche Gewordenen festhalten wollen, und enttäuscht auch andere, die ihm ihre „political correctness“ aufzwingen wollen. Und beide will er dazu bewegen, sich in Bewegung zu setzen auf dem Weg zu jenem Rand hin, wo entfremdete Menschen und ganze Völker leben und auf den Hirtendienst in der Nachfolge Christi, des guten Hirten, warten. Auf dem Weg zu diesem Rand bewahrt und stärkt er unbeirrt die Rückbindung an die Mitte, die Tiefe des Glaubens. Diese Mitte und zugleich diese Kraft, die zum Gehen bis zum Rand drängt, ist Christus selbst.

Ich komme nun zum Abschluss dieser Gedanken über das prophetische Wort im Allgemeinen und zumal auch heute. Der dänische Philosoph und einsame Christ Sören Kierkegaard hat im 19. Jahrhundert neben vielen Büchern auch einen kleinen Aufsatz über den Unterschied zwischen einem Genie und einem Apostel verfasst und gesagt, dass Genies bewundert werden, dass aber der Apostel nicht bewundert, sondern nachgeahmt werden soll und will. Das gilt auch im Blick auf Päpste wie Benedikt XVI. und Franziskus. Auch wir sind eingeladen, dies zu tun.

1 Marie Luise Kaschnitz: Dein Schweigen – meine Stimme. Gedichte, Hamburg: Claasen Verlag 1962, 315.

2 Nelly Sachs: Ausgewählte Gedichte. Nachwort von Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1963 (= edition suhrkamp 18), 25.

3 Hans Urs von Balthasar: Wort und Schweigen, in: Ders.: Verbum Caro. Skizzen zur Theologie I. Einsiedeln: Johannes Verlag 1960, 135-155, hier 135.

4 Paul Celan, Atemwende. Tübinger Ausgabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000, 13.

5 Marie Luise Kaschnitz, Ein Wort weiter. Gedichte. Hamburg: Claassen Verlag 1965, 52.

Willibald Hopfgartner OFM

Literatur und Geistliches Leben

Ein Blick auf ihre fruchtbare Nähe

In Dietrich Bonhoeffers Gefängnistagebuch Widerstand und Ergebung steht im Nachwort, der geniale Theologe und Glaubenszeuge habe in seiner Todeszelle „die Bibel und einen Band Goethe“1 gehabt. Und an vielen Stellen spricht er dort von seiner Lektüre, die ihn über das Grauen erhob. Über Stifters Witiko zum Beispiel sagt er, er gehöre „zu den schönsten Büchern, die ich überhaupt kenne; dabei versetzt er einen in der Reinheit der Sprache und der Gestalten in ein ganz seltenes und eigenartiges Glücksgefühl.“2 Und umgeben von gefesselten Todeskandidaten in den Nachbarzellen, bekennt er, „hat sich Paul Gerhardt in ungeahnter Weise bewährt, dazu die Psalmen und die Apokalypse.“3

Die prägende religiöse Gestalt unserer Tage, Papst Franziskus, ist ebenfalls jemand, bei dem wir diese enge Verbindung von geistlichem Leben und Literatur finden. In seinem ersten Interview-Band mit Antonio Spadaro SJ4 spricht er von seiner Liebe zu Literatur und Musik. Als Literatur-Professor seines Ordensgymnasiums hatte er persönlichen Kontakt zum Schriftsteller Juan Louis Borges und lud ihn in seine Schulklasse ein, er las im Unterricht García Lorca, die spanischen Klassiker und argentinische Gegenwartsautoren, liebte besonders Dostojewskij und Hölderlin, Manzoni und natürlich Cervantes. Von den Opern nennt er Parzifal – Wagner ist nach Mozart sein Lieblingskomponist – und Turandot. In seinen Predigten erweist er sich als geistlicher Lehrer, der eine fast literarisch zu nennende Freiheit der Auslegung praktiziert, ein Spiel mit Assoziationen und Lust an metaphorischen Verdeutlichungen, die das Zuhören zum Erlebnis machen.

In der Folge soll nun von diesem Verhältnis die Rede sein, von Geistlichem Leben (Spiritualität) und Literatur.5 Das Geistliche Leben möchte ich, mit einem Wort des hl. Franziskus, als Zuwendung des Herzens zu Gott definieren6, wie sie in einer spirituellen Lebensform zum Ausdruck kommt, zu der Gewissensprüfung, Schriftbetrachtung, Feier der Liturgie und Dienst am Nächsten gehören. Die Literatur sei hier als Sprach-Kunst verstanden, geformte Sprache, wie sie uns in den Gattungen von Lyrik, Erzählkunst, Drama und in der Reflexion ihrer Autoren entgegentritt. Meine Frage ist also nicht die nach dem Verhältnis von Theologie und Literatur. Und auch nicht die nach der Wirkungsgeschichte der Bibel auf die Literatur. Zu beiden Themen gibt es eine umfangreiche Bibliographie7, eigens zu erwähnen sind die grundlegenden Arbeiten von Romano Guardini und Hans Urs von Balthasar.Meine Frage ist bescheidener: Warum lieben geistliche Menschen die Literatur? Oder anders: Was ist geistlich an der Literatur, dass geistliche Menschen sie lieben? Eine Antwort darauf bietet, in 80 kurzen Gedicht-Meditationen, Bischof Egon Kapellari, der „Entdecker“ der Hirtenqualitäten des Jubilars, in seinem Buch Aber Bleibendes stiften die Dichter. Gedanken für den Tag. 8 Es ist ein Zeugnis der Liebe zum dichterischen Wort. In zwei Dingen sind Geistliches Leben und Literatur einander ja vielfältig verbunden: In der Faszination durch das Wort und in der Frage nach dem, was Hans Urs von Balthasar die Letzten Haltungen eines Menschen gegenüber Welt und Gott genannt hat. Und man versteht, dass eine so verstandene Begegnung mit der Literatur, wie Kant gesagt hat, „eine Belebung unseres gesamten Lebensgefühls“ bewirken kann.9

Der Jubilar mag vielleicht, als Lehrer des geistlichen Lebens, der ein Bischof ja immer ist, und als leidenschaftlicher Leser, der er in seiner kargen Zeit geblieben ist, an ein paar unmaßgeblichen Gedanken über solche Zusammenhänge Interesse finden. Zumal er als geistlicher Schirmherr über das angesehenste Kulturfestival Europas auch von Amtswegen den Künsten, der Literatur und der Musik insbesondere, zugewiesen ist.

Die Faszination des Wortes

Die Grundleistung der Sprache ist das „Worten der Welt“10, wie es der Germanist Leo Weisgerber genannt hat, das Benennen aller Dinge, der äußeren und der inneren Welt. Bibel und Literatur tun das in einer Sprache, die über den anlassbestimmten Bedarf an Kommunikation hinausgeht, ja von einer Leidenschaft des Benennens erfüllt ist, die dem Leser ein neues Sehen der Welt beschert. Wer Stifter oder Handke gelesen hat, weiß etwas davon.11 Wir begegnen der „Gravitationskraft der Worte“, beginnend mit ihrer Lautgestalt und dem Spiel mit ihrer Bedeutung, „so daß die Klangbewegung und die Sinnbewegung des sprachlichen Ganzen in eine unauflösliche strukturelle Einheit zusammengehen.“12 Sie setzt sich fort in ihrer Verflechtung im Textganzen, das schließlich von einer „Botschaft“ zusammengehalten wird. Auch die Bibel ist, gleichsam wie zur Bestätigung ihres außergewöhnlichen Status innerhalb der Kulturgeschichte, durchsetzt mit Sprachwundern. Literarisch sensible Exegeten machen aufmerksam auf die bis in feinste Details durchformte Sprache der Bibel. Aus dem Alten Testament sei genannt, in ungerechter Auswahl, der Schöpfungsbericht, die Geschichte von Kain und Abel, die Josefsgeschichte, Nathans Erzählung vor König David (2 Sam 12,1-14), Jeremias Klagen, das Buch Ruth (von Goethe gepriesen), die Jonas-Geschichte, viele Psalmen.13 Eine wahre Fundgrube zur Bildkraft biblischer Texte ist das Hohe Lied, das Buch der Sprüche und die Weisheitsliteratur insgesamt, meisterhaft erschlossenvon Gerhard von Rad.14 Aus dem Neuen Testament seien nur genannt die Bergpredigt Jesu, seine Gleichnisse insgesamt, der Prolog des Johannes-Evangeliums und des Hebräerbriefs, von Paulus die Predigt auf dem Areopag (Apg 17), das Hohe Lied der Liebe (1 Kor 13) oder das 7. Kapitel des Römerbriefs, vom Apostel Jakobus sein Erschrecken vor der Macht der Zunge (Jak 3) und aus der Apokalypse schließlich die Briefe an die sieben Gemeinden (Off 2 und 3) und ihre sprachmächtigen Visionen.15

Die Bibel weist – über das Künstlerische der Sprache hinaus – ein Textelement auf, das für sie in besonderer Weise konstitutiv ist: den Verweiszusammenhang zwischen ihren Büchern, und zwar so, dass im Wachsen der biblischen Überlieferung die jeweils jüngeren auf die älteren Texte in vielfältiger Weise Bezug nehmen. So entstand ein Geflecht von Bedeutungen, das die Kirchenväter in dem Axiom zusammenfassten: Das Neue ist im Alten Testament verborgen, das Alte aber im Neuen erschlossen.16 Alles steht im Zusammenhang der immer reicheren Christus-Offenbarung. Die Selbstaussage Christi „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6) immunisiert biblische Texte gegenüber ästhetischen Missverständnissen und macht sie für den Leser zur Anfrage an die eigene Lebensführung: „Der in der Bibel Literatur genießende Leser merkt irgendwann, zustimmend oder widerwillig, dass er sich in einer ihn aus der Literatur vertreibenden Literatur bewegt, er steht plötzlich vor der Entscheidung, ob er ein anderer Leser dieses Textes werden will oder nicht.“17 Trotzdem, und jeder Bibelleser macht diese Erfahrung, die Freude am Text ist damit nicht ausgeschlossen, aber sie vollendet sich, wenn der Leser in eine persönliche Beziehung zu Christus eingetreten ist. Solche Zusammenhänge heben die Bibellektüre heraus aus jeder anderen Lektüre-Erfahrung.

Letzte Haltungen

In Bibel und Literatur begegnet uns Sprache, die gemäß dem bekannten Diktum von Paul Klee die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern „sichtbar macht.“ Was dabei sichtbar wird, können wir, mit einem Begriff von Hans Urs von Balthasar, als „Letzte Haltungen“18 bezeichnen. Darunter sind die Weisen zu verstehen, wie in literarischen Werken die Frage nach Sinn, Ziel und Rechtfertigung eines Menschendaseins, die Reflexion über Arbeit und soziale Gerechtigkeit, die Erfahrung von Scheitern und Sterben oder die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod zum Ausdruck kommt. Insofern sind Bibel und Literatur wie ein Spiegel19 unseres Lebens, sie machen sichtbar, indem sie eine „zweite Welt“ erzeugen, in der wir die erste Welt unseres persönlichen Erlebens wiederfinden, zu überraschenden Aha-Erlebnissen und Erkenntnissen neu zusammengestellt20. Der österreichische Schriftsteller Matthias Mander nennt es die „Isomorphie mit personalem Erleben“. Darin ist für ihn der literarische Wirklichkeitsbezug, gerade auch im Wissen des Autors um seine Grenzen, umfassender als der wissenschaftliche:

Der Roman ist viel stringenter als Wissenschaft, ihm ist keine Form auferlegt, außer jener, die sich aus der Isomorphie mit personalem Erleben ergibt. Er unterliegt keinem Fachbereich, keiner Disziplinkonvention, er ist einem viel härteren Kriterium ausgesetzt: der Repräsentanz des Objektiven im subjektiv abrollenden Kosmos. Der Stoff ist das All, der Stil folgt dem Gestammel eines kleinen blinden Geschöpfs.21

Zu dieser „Isomorphie“ kommt im literarischen Wirklichkeitsbezug etwas hinzu, das Roman Ingarden, der Literaturwissenschaftler aus der Husserl-Schule, die „Realisierung metaphysischer Qualitäten“ genannt hat,

in denen sich ‚ein tieferer Sinn‘ des Lebens und des Seins enthüllt, ja daß sie selbst diesen ‚Sinn‘, der uns gewöhnlich verborgen ist, konstituieren. […] Aber sie enthüllen sich uns nicht nur, sondern wir steigen in ihrer Erschauung und durch die Realisierung in die Urgründe des Seins hinab. Denn es zeigt sich in ihnen nicht bloß das sonst Geheimnisvolle und in ihnen Offenbare, sondern sie sind auch das Unergründliche selbst in einer seiner Ausgestaltungen.22

Das Besondere der Bibel liegt nun darin, dass dieses Unergründliche „fassbar“ wird, sich im Wort an den Menschen wendet: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn.“ (He 1,1) Die Bibel zeigt uns, wie das ist, wenn Gott in das Leben der Menschen durch Wort und Tat eintritt und darin mitspielt. Die Literatur hingegen zeigt uns Welt und Mensch gewissermaßen noch im „Vorfeld“ von Gottes Mitspielen. Die beiden Sprachwelten sind einander jedoch von jeher sehr nahe. Man möchte, zur Verdeutlichung, das Bild der Treppe gebrauchen, die, wie bei großer Kirchenarchitektur, zum Portal und damit zum Betreten des Heiligtums hinführt. Es wundert darum nicht, dass geistliche Menschen häufig leidenschaftliche Leser sind, denn sie wollen, nahe dem „Geheimnisvollen“, die Treppe der Literatur hinaufgehen zum Ort, wo Gott selber mitspielt. Papst Franziskus meint wohl Ähnliches, wenn er davon spricht, die Kirche müsse beim Nachdenken über den Menschen „die Genialität suchen und nicht die Dekadenz“ (worunter er festgefahrene Systeme der Theologie versteht), um „immer besser [zu] begreifen, wie der Mensch sich heute versteht, um so ihre eigene Lehre besser zu entwickeln und zu vertiefen.“23

Aber auch die literarische Welt empfindet die Faszination des biblischen Wortes. Man denke nur an die berühmt gewordene Antwort Brechts auf die Frage, welches für ihn das wichtigste literarische Werk sei: „Sie werden lachen, die Bibel!“ Gerade auch im Kontext der Säkularisierung sind die Bezugnahmen auf religiöse Sprache nie verschwunden, im Gegenteil. Religiöse Texte haben, wie ein großer Kenner dieser Fragen, Albrecht Schöne, sagt,

Spuren von unabsehbarer Reichweite hinterlassen. Denn was man da […] aus den Schatzkammern der heiligen Schriften entleihen konnte an Sprachformen und Redeweisen, an Bildern und Motiven, Figuren und Geschehnissen, besaß eine unschätzbare Mitgift: es war im hochgespannten Kraftfeld der Religiosität aufgeladen worden mit Bedeutungs- und Wirkungsenergien, die sich in weltliche Dichtung transformieren ließen.24

Deshalb darf, wer etwa nach dem Verhältnis von Bibel und Literatur fragt, nicht bei inhaltlichen oder motivlichen Übereinstimmungen und Parallelen stehenbleiben, ebenso wichtig sind die Transformationen, von Kontrafaktur und Parodie bis hin zur Blasphemie. Sie bezeugen das Ringen des Menschen um sein inneres Leben, freilich oft in Absetzung von biblischen und kirchlichen Sprachtraditionen. Ein solches Beispiel für Nähe und Abgrenzung findet sich – nicht fern von unserer Metapher der „Treppe“ – in einer Notiz von Peter Handke:

Die beiden Schriften, die schön unleserliche, geheimnisvolle, auf den Nachbardächern, und die eine, deutliche, auf dem Kirchendach, sah ich als eine zeitgemäße oder vielleicht auch ewige Parabel für das Verhältnis zwischen Kunst und Religion: die Kunst, das war die vielfältige Geheimschrift, die „ausformulierte“ Religion war der eine Schritt zu viel – für mich Leser jedenfalls – hin zur behaupteten Eindeutigkeit.25

Die Treppe gehört zum Heiligtum, aber sie ist „draußen“; sie ist ein Zugang, aber zeigt nicht das „Innen“, den Ort des Ganz Anderen (Max Horkheimer). Man ist, auf der Treppe, dem Geheimnis nahe, beugt aber nicht, wie dort, die Knie davor.

Aufmerksamkeit für das innere Erleben

Geistliches Leben – ich fasse darunter auch das, was man mit „Spiritualität“ bezeichnet – ist der Kontrastbegriff zum Äußeren Leben, das von den Erfordernissen in Beruf und gesellschaftlichem Leben bestimmt wird. Das Innere Leben hat seinen Kern in der Selbstbesinnung, im Nachdenken des Menschen über sich selbst, in der Konfrontation mit dem Gewissen, dem „Gesetz von Gott in sein Herz eingeschrieben“26. Es dreht sich um die Fragen: Wozu bin ich auf der Welt? Was ist der Sinn des Universums? Was ist gut, was ist böse? Was ist mein Handeln wert? Sind wir, unter den Bedingungen des gegenwärtigen Lebens, überhaupt noch frei? Und dazu gehört insbesondere die Frage, ob dieser innere Mensch im äußeren Leben noch zur Geltung kommt, ob seine inneren Überzeugungen im äußeren Leben noch eine Rolle spielen. Wo das nicht der Fall ist, stehen wir vor der Gefahr des Selbstverlustes, wir haben Angst, über das eigene Leben nicht mehr bestimmen zu können. Solche Erfahrungen bilden einen weitgehend gemeinsamen thematischen Schwerpunkt von Bibel und Literatur – in der Bibel verschärft durch den Zusammenhang von Selbstverlust und Gottesverlust. Was bedeutet es für den Leser, das eigene Leben am Beispiel solcher „Geschichten“ zu reflektieren, am Gelingen oder Misslingen von Biographien Chancen oder Gefahren des eigenen Lebens zu verstehen?

Literarische Texte lassen uns, nicht anders als die biblischen Erzählungen, teilnehmen am inneren Ringen ihrer Gestalten. Sie geben uns Einblick in das, was beim Ablauf der äußeren Ereignisse in der Innenwelt passiert. Die Handlungen der Personen sind begleitet von ihren Befürchtungen, Hoffnungen, von ihren Gefühlen wie Sehnsucht, Resignation, Wut. Man beobachtet als Leser die unsicheren Schritte der Gestalten in ihre Welt – im Kontrast zur gesellschaftlichen Vorstellungen vom Leben, in dem alles von der Erwartung des „Funktionierens“ bestimmt wird.

Ein Klassiker der ersten italienischen Moderne kann uns dies verdeutlichen: der Roman des Triestiners Italo Svevo (eigentlich Ettore Schmitz) Zeno Cosini (1923)27. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, dessen jahrelange Versuche, das Rauchen aufzugeben, kläglich scheitern. Mehr als psychologische Analysen gibt uns solche Literatur Zugang zum Verstehen der Menschen in ihrer Gebrochenheit, im Scheitern ihrer Ansprüche, in ihren Ausweglosigkeiten und Konflikten. Das Erzählen verlangt darum, so sagte schon Aristoteles, eine spezifische „erzählerische Intelligenz“, die er übrigens sogar für „philosophischer“ hält als jene der Historiker, weil sie auf ihre Weise tiefer zu blicken vermag, hinein in die Innenwelt der handelnden Personen, was dem Historiker nur sehr beschränkt möglich ist.28 Der moderne Roman besonders ist, durch die Technik des „Inneren Monologs“ und des stream of consciousnesss, weitgehend zu einem Bewusstseinsroman geworden, der den Leser sensibel macht für feinste Regungen, für die Labyrinthe im Innern der handelnden Personen. Und es erhebt sich vielleicht die Frage: Gibt es jemand, der im Letzten weiß, „was im Innern des Menschen ist“? (Vgl. Joh 2,25)

Und was ist mit der Welt draußen, mit dem Zauber der Welt, unter dem Licht der Sonne oder im Schimmer des Mondes, mit Blumen, Tieren, Bergen, Meer und Flüssen? Müssen wir die Natur allein den Wissenschaften überlassen, und wir uns damit begnügen, ihre Kausalketten zu erkennen, um uns dann der Natur effizienter zu bedienen? Es ist eine Urtatsache unseres Bewusstseins, dass die äußere Welt ununterbrochen unsere innere Welt bereichert. „Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten“, sagte Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika Laudato si.29 Die Welt ist zwar außerhalb von uns, aber ihre Schönheit und ihr Sinn sind innere Erfahrungen. Diese sind jedoch nur zugänglich, wenn es dafür auch Sprache gibt. Die Literatur ist es nun, die uns Sprache gibt für das, was uns anrührt, was nicht schon von wissenschaftlichen oder ökonomischen Kategorien her betrachtet wird. Sie öffnet uns zur zweckfreien Bewunderung der Welt. Nochmals Papst Franziskus: „[A]uch der Wille, Schönes zu schaffen, und die Betrachtung des Schönen bewirken, dass die Macht, die das Gegenüber nur als Objekt wahrnimmt, überwunden wird in einer Art Erlösung, diesich im Schönen und in seinem Betrachter vollzieht.“30 Daraus ergibt sich eine Konsequenz, die gerade in den aktuellen Bildungsfragen von höchster Bedeutung ist: Es darf die „Beziehung, die zwischen einer angemessenen ästhetischen Erziehung und der Erhaltung einer gesunden Umwelt besteht, nicht vernachlässigt werden.“31

Rettung des Humanums

In der Sorge um den Menschen sind sich Literatur und Geistliches Leben immer schon nahe gewesen. Das gesellschaftliche Engagement und damit die im weitesten Sinn politische Wirkung des Glaubens wurde mit dem II. Vatikanischen Konzil zu einer neuen Frage der christlichen Spiritualität. Die Kirche Lateinamerikas erhob die „Option für die Armen“ zu ihrem zentralen Anliegen (Medellín 1968). Frère Roger Schutz gab seiner Bruderschaft das Programmwort Kampf und Kontemplation.32 Mit Papst Johannes Paul II. wurde das Politische zu einem weltweit wirksamen Faktor in der Überwindung der marxistischen Diktaturen. In Südafrika war es Bischof Desmond Tutu, der Nobelpreisträger von 1984, der mit seiner biblischen Spiritualität die gewaltlose Überwindung der Apartheid durchzusetzen half. In Rom gibt es seit einigen Jahren die Fraternità di San Egidio, die durch ihre Spiritualität der Versöhnung schon mehrfach erfolgreiche Friedensinitiativen ins Werk setzen konnte. Lauter Beispiele dafür, wie „Geistliches Leben“ zum Ausgangspunkt von Weltveränderung wurde. Grundlage davon ist eine „politische“ Leseweise der Bibel, die aus dem Hören auf Gott zu einer neuen Form des Miteinanders führt.

Die Literatur ihrerseits als Kraft der Humanisierung – das gehört seit der Aufklärung zu ihrem Selbstverständnis. Sie klagt gesellschaftlich praktizierte Verschleierung, Lüge und Gewaltherrschaft an und deckt damit, theologisch gesprochen, „Strukturen der Sünde“33 auf. Oder sie hält, nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts, die Memoria der Opfer wach und macht eine Kultur der Compassio34 gegenüber den Opfern von Gewaltregimen und Krieg zu einer gesellschaftlichen Aufgabe. Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht an die Gedichte von Nelly Sachs und Paul Celan, an Primo Levis Se questo è l’uomo (Ist das ein Mensch?) oder an den Roman eines Schicksallosen von Imre Kertesz, an Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, an Warlam Schalamows Erzählungen aus Kolyma oder an die Atemschaukel von Herta Müller? Die Menschen sind hier immer wieder – ich kann es nicht anders lesen – Christus-Metaphern, das Ecce homo des Passionsberichts steht wie ein Gestirn über diesen Werken. Man kann an Wolfgang Borcherts Heimkehrer-Drama Draußen vor der Tür denken, oder an W. G. Sebalds großen Essay Luftkrieg und Literatur, der an die Opfer der furchtbaren Bombennächte erinnert.

Die Literatur steht immer an der Seite der einfachen Menschen35:

Beim Anblick von Wolken, Feldern und den Leuten in der Landschaft: plötzlich wieder atemberaubend deutlich die Geschichte, die hinter der offiziell dräuenden Geschichte durch die Jahrhunderte sich ereignete als Passionsgeschichte dieser Leute, im Tod, im Kleingemachtwerden, die eigentliche Geschichte, meine Geschichte, meine Arbeit.36

Ein Ausdruck für diese Nähe zu Menschen in einer oft gemiedenen Welt ist auch das Photobuch Im Irrgarten der Bilder des vielfachen Literaturpreisträgers Gerhard Roth zu den Künstlern in der Nervenheilanstalt Gugging bei Wien, die er regelmäßig besucht. Es ist die Leistung der Literatur – darauf macht auch das Konzil aufmerksam – des Menschen „Elend und seine Freude, seine Not und seine Kraft zu schildern und ein besseres Los des Menschen vorausahnen zu lassen.“37

Die Gesellschaft des Wohlstands bedarf der Weckrufe, wenn das Humanum gefährdet ist. Die Literatur hat eine ihr eigene „Pädagogik“, denn sie lehrt einen „würdigenden Blick auf den Menschen“38 und bestätigt das bekannte Wort von Emmanuel Levinas, „[d]ie Ethik ist eine Optik.“39 Ein bewegendes Beispiel dafür bietet Arno Geigers Biographie seines an Alzheimer erkrankten Vaters Der alte König in seinem Exil (2011). Es ist nicht nur eine Nahaufnahme der zunehmenden Verschlechterung der Gesundheit des alten Mannes, sondern gibt auch Einblick in das geduldige Bemühen der Kinder, ihrem Vater beizustehen. So wird dieser Bericht zu einem Erweckungsbuch für den Umgang mit dieser Krankheit. Auch an diesem Beispiel wird deutlich, was die Literatur für eine Sensibilisierung im Miteinander der Menschen leistet.

Fülle des Moments – Sprache der Lyrik

Im Ringen des Menschen um den rechten Weg durch Welt und Zeit sind Geistliches Leben/Spiritualität und Literatur thematisch aufs engste miteinander verbunden. Wir haben es in den vorangegangenen Überlegungen gesehen. Es ist aber das Wesen der Kunst, dass sie ihre eigentliche Wirkung aus der Tiefenstruktur der Form bezieht. Die Frage ist also, ob in literarischer Sprache nicht eine Verdichtung des „Wirklichkeitsmaterials“ erfolgt, dergestalt dass die Immanenz von Dingen und Abläufen aufgesprengt wird und ein Moment der Transzendenz ins Spiel kommt. Dichtung wäre dann zunächst, wie jede Kunst, Ant-Wort auf ein „stummes Wort“, das den Menschen aus der Wirklichkeit heraus anspricht. Mit Peter Handkes Geschichte des Bleistifts:

Manchmal hebt sich in mir, strebt in mir ein Jubel nach außen, einfach über die verschiedenen Gegenstände der Erde, und will aus mir heraus (ein Jubel über das Fließen des Flusses, über den Verlauf dieses Bergrückens); und dann möchte ich dem bauchigen Baumstamm da vor mir den Namen der entferntesten Orte geben: Sabana de la Libertad. […] Was war wirklich? Jedenfalls war nichts wirklich ohne Form. Ohne eine Form hatte es das Erlebnis gar nicht gegeben.40

So gesehen wäre Dichtung dann der Versuch, das zunächst noch diffuse Berührt-Werden von Wirklichkeit in die Grenzen einer Form zu bringen. Die Form aber bewirkt, dass im dargestellten Ausschnitt ein Ganzes durchscheint, das mehr ist als das „Objekt“ seiner Darstellung und den Betrachter/Leser zu einem Teil davon macht. In der Tat: der Sinn der Dichtung erfüllt sich, wenn ihr Wort im Herzen des Lesers „ankommt“. In der Verdeutlichung Peter Handkes: Was ist das „Verb für die Kunst? »Ergreift« (soll) (stillschweigendes Sollen in den Verben).“41 Und, mit einem anderen Akzent, Romano Guardini: Das Kunstwerk „geht aus der Sehnsucht nach jenem vollkommenen Dasein hervor, das nicht ist, von dem aber der Mensch trotz aller Enttäuschung meint, es müsse werden“42. Dieser Sehnsucht entspringt eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit, für das, was an ihr „erhebt“ oder „bedrückt“, oder, mit Ingarden, was ihre „metaphysische Qualität“ ausmacht. Oft ist es schon die Wahrnehmung vertrauter Dinge, die den Dichter über sie hinausführt und den inneren Sinn für das Besondere daran weckt. Es blitzt im Alltäglichen, Gewohnten etwas auf, an dem etwas „Metaphysisches“ ansichtig wird. Ein paar Beispiele aus dichterischer Wahrnehmung, bei Peter Handke und Matthias Mander, mögen dies belegen:

»Sonnendurchwirkt«, so sah ich gerade das schwankende hohe Gras, und so wünschte ich es auch für mich

Seltsames Paradox: der Anblick eines Idioten, so wie der Anblick eines Friedhofs, rückt mir die Welt wieder ins Lot, und erdet mich (besonders an Touristenorten)43

Rausak beobachtet auf dem Semmering Schneeflocken, die auf eine heiße Lokomotive zuschweben, noch in der Luft schmelzen, ehe sie sie erreichen. So wirkungslos erscheinen Gebete vor der Realität, jedoch von den geschmolzenen Schneeflocken stammt das Wasser, das Lokomotiven treibt.

Wie die Dünen von Zandvoort allen Unrat aufnehmen, wieder in Sand verwandeln, Zigarettenreste, Bananenschalen, Papiere, Obstkerne. Diese mineralische Reinheit Milliarden ungreifbarer Kristalle – jedes Glitzern Ewigkeit.44

Ich möchte die These wagen: Die Wahrnehmung des Dichters enthält eine Sichtweise, der eine „geistliche“, d. h. transzendenzerschließende Dimension inhärent ist und die deshalb mehr Gnade ist als Leistung des Verstandes: „Man kann nicht sehen und hören. Hören und Sehen sind kein Können, sie sind eine Gnade – eine Weise der Gnade.“45 Sie leistet damit das, was ich im Bild von der „Treppe“ zu verdeutlichen gesucht habe: sie führt an ein Geheimnis heran, das zuletzt jedoch seine Transzendenz bewahrt. Die literarische Gattung der Lyrik insbesondere arbeitet mitsolchen fruchtbaren Wahrnehmungsmomenten46, und zwar so, dass ihre Form auf den Sinngehalt zustrebt. An den drei folgenden Beispielen wird das sichtbar:

Bertolt Brecht Der Blumengarten

Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten So weise angelegt mit monatlichen Blumen Daß er von März bis zum Oktober blüht.

Hier, in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich Und wünsche mir, auch ich mög allezeit In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten Dies oder jenes Angenehme zeigen.

Das Gedicht47