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»Wir müssen versuchen die Grabwächter zu bestechen, um in die Pyramide zu gelangen.« Ägypten, 2560 vor Christus: Viele Männer sind am Bau der Cheops-Pyramide beteiligt. Auch Sethas Vater Mahnud ist dabei. Er gehört zu den Auserwählten, die in der Grabkammer des Pharaos arbeiten. Als kurz vor dem Weihefest einer der Männer spurlos verschwindet, breitet sich Unruhe unter den Arbeitern aus. Ein Unfall, Magie oder eine Verschwörung? Setha jedenfalls macht sich große Sorgen um ihren Vater. Zu Recht, wie sich bald herausstellt … In die spannende Abenteuerhandlung fließen vielfältige Informationen über das Alltagsleben, den Pyramidenbau, den Götterkult und das höfische Leben im alten Ägypten ein.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2012
Ägypten, 2560 vor Christus: Viele Männer sind am Bau der Cheops-Pyramide beteiligt. Auch Sethas Vater Mahnud ist dabei. Er gehört zu den Auserwählten, die in der Grabkammer des Pharaos arbeiten. Als kurz vor dem Weihefest einer der Männer spurlos verschwindet, breitet sich Unruhe unter den Arbeitern aus. Ein Unfall, Magie oder eine Verschwörung? Setha jedenfalls macht sich große Sorgen um ihren Vater. Zu Recht, wie sich bald herausstellt…
In die spannende Abenteuerhandlung fließen vielfältige Informationen über das Alltagsleben, den Pyramidenbau, den Götterkult und das höfische Leben im Alten Ägypten ein.
Von Rosa Naumann sind bei dtv außerdem lieferbar:
Das Versteck in der Mumie
Gefahr für Nofretete
Rosa Naumann
Verschollen in der Pyramide
Mit Illustrationen von Udo Kruse-Schulz
Für meine Tochter Eva
Setha (13), Tochter Mahnuds
Meketre (16), Sethas Freund
Mahnud, Sethas Vater, arbeitet in der Grabkammer der Pyramide
Nufri, Mahnuds Freund und Kollege
Nebet (10), Tamit (6), Hatu (3), Geschwister Sethas
Tala, junge Witwe
Heqanacht, Sethas Nachbar
Die Saper, bewachen die Pyramidenbaustelle
Paheri, Oberster der Saper
Esa, Hakem, Irukaptah, Anukis, Djehuti, Scheftu, bewohnen gemeinsam mit Mahnud eine Hütte im Dorf der Pyramidenbauer
Menech, Freund Esas
Pharao Cheops, König von Ägypten
Maiherperi, Bote im Dienst des Pharaos
Selat und Nebanum, Grabwächter am Eingang der Pyramide
Setha und ihr Freund Meketre standen mit ihrem Esel am Ufer des Nils und schauten gebannt auf die Pyramide.
»Sie leuchtet wie die Barke des Sonnengottes«, sagte Setha.
Meketre hielt sich eine Hand über die Augen, um die Grabstätte des Pharaos im flirrenden Licht der Mittagssonne besser betrachten zu können.
»Es sieht aus, als ob sie gegen die Sonne stößt«, murmelte er ehrfürchtig.
Setha und Meketre mussten nur noch den Fluss überqueren, um in das Pyramidendorf zu gelangen. Dort wollten sie Sethas Vater, der in der Pyramide arbeitete, mit Vorräten versorgen. Kein Lüftchen kräuselte die Oberfläche des Wassers, die Segel der Boote hingen schlaff herunter und die Bootsführer schienen zu schlafen.
»Es sind gar nicht so viele Boote auf dem Fluss wie sonst«, stellte Meketre fest, »hoffentlich setzt uns eins über.«
Er rief und winkte lange, bis sich ein Boot auf sie zubewegte. Der Bootsführer musste rudern, weil der Wind zum Segeln nicht ausreichte. Ein kleines Stück vom Ufer entfernt hielt der Mann inne und fragte gierig, was in den Säcken sei, die an dem Esel hingen.
»Das geht dich nichts an«, sagte Setha.
»Wenn mich das nichts angeht, könnt ihr sehen, wie ihr über den Fluss kommt. Meinetwegen könnt ihr da stehen, bis Re mit seiner Barke in der Unterwelt verschwunden ist.«
»Unverschämter Kerl«, presste Setha kaum hörbar zwischen den Zähnen hervor. »Wenn du uns nicht über den Fluss bringen willst, warten wir eben so lange, bis uns ein anderes Boot übersetzt.«
Sethas Augen blitzten zornig. Ihr hoch erhobener Kopf und die zurückgeworfenen Schultern ließen sie viel größer erscheinen, als sie war. Der Bootsführer war inzwischen aus seiner Barke gesprungen und durch das seichte Uferwasser zu ihnen gestakst.
»Was könnt ihr mir für die Überfahrt geben?«, lenkte er ein, sichtbar beeindruckt von Sethas Worten und Haltung. Er musterte sie verstohlen von oben bis unten, sein Blick wanderte immer wieder zu Sethas fein geschnittenem Gesicht mit den großen, etwas schräg liegenden Augen und den auffallend dunklen, geschwungenen Augenbrauen.
»Wir können dir etwas von unseren Vorräten anbieten, Wasser, Brot, getrocknete Datteln und Feigen.« Das eingelegte Gemüse verheimlichte sie.
»Gib mir die Feigen!«
»Wir haben nur einen Beutel, du bekommst die Hälfte, wenn wir auf der anderen Seite sind.«
Der Mann willigte murrend ein, dann half er, den Esel von den Säcken zu befreien und diese ins Boot zu legen. Während Meketre den Esel auf das Boot leitete, band Setha ihr Kleid mit einem der Bänder hoch, die zur Befestigung der Säcke auf dem Esel dienten. Sie watete durch das Wasser zur Barke und nahm im Heck Platz. Obwohl das kleine Boot bedenklich hin- und herschwankte und Meketre das unruhige Tier besänftigen musste, genossen sie die Überfahrt und konnten den Blick nicht von der Pyramide wenden, die hoch in den Himmel hinaufragte. Ein leichter Wind kam auf und machte die Sonnenglut erträglicher. Setha nahm ihr Kopftuch ab, um ihr feuchtes Haar in der Brise trocknen zu lassen. Dann steckte sie es mit zwei hölzernen Haarnadeln hoch, die sie aus einer Kleidertasche hervorholte. Außer den Haarnadeln bewahrte sie dort einen Kamm, eine schmerzlindernde Salbe gegen Mückenstiche und ein frisches Stirnband für Meketre griffbereit auf. Als sie bemerkte, dass Meketres Stirnband vollkommen durchnässt und fast über seine Augen gerutscht war, holte sie das neue heraus und band es ihrem Freund um. Das verschwitzte wrang sie aus, um es dann zum Trocknen über die Bootskante zu legen. Anschließend breitete sie den heruntergerutschten Leinenumhang wieder über Meketres Schultern, damit die Sonne seine Haut nicht verbrannte. Meketre lächelte sie dankbar an.
Auf der anderen Flussseite glitt ein mit Kalksteinblöcken beladenes Schiff langsam zur Anlegestelle, von der aus eine Rampe direkt zur Pyramide führte. Setha hörte, wie einige Männer Anweisungen erteilten. An der Rampe standen mehrere Gruppen von Arbeitern, die für die Verladung der Steinblöcke und deren Transport zuständig waren. Setha und Meketre sprangen in das seichte Uferwasser, führten ihren Esel über ein Brett an Land und gaben dem Bootsführer die vereinbarte Menge Feigen.
Sie hatten sich nur ein kleines Stückchen vom Ufer entfernt, als sie Schreie von der Anlegestelle her hörten. Erschrocken blickten sie sich um und mussten mit ansehen, wie ein riesiger Steinblock von einem der Transportschlitten herunterrutschte und die Männer, die den Schlitten vom Schiff über einen Steg an Land ziehen wollten, mit in das Wasser riss. Wasserfontänen spritzten auf, begleitet von einem dumpfen Klatschen und Gurgeln.
Setha und Meketre stürzten zur Unglücksstelle, den Esel zerrten sie hinter sich her.
»Ein Mann ist schwer verletzt«, rief jemand, »kommt schnell.« Zwei Männer der Schiffsbesatzung zogen den Verletzten aus dem Wasser, die anderen kümmerten sich um die übrigen Arbeiter, die mit dem Schrecken davongekommen waren.
Als der schwer verletzte Arbeiter auf eine eilig vom Schiff herbeigeholte Bahre gelegt wurde, trat Setha zu ihm: »Ich habe wirksame Heilkräuter gegen Schmerzen dabei, die lasse ich hier.« Sie wusste nicht, ob der Mann sie verstanden hatte, er schien fast von Sinnen vor Schmerzen.
Die Männer bedankten sich für die Heilkräuter und brachten den Verletzten zum Schiff. Sein Stöhnen war sogar noch aus der Kajüte zu hören.
»Mein Vater hat bis jetzt wirklich Glück gehabt, darüber bin ich sehr froh. Abgesehen von dem verstümmelten Daumen ist ihm bis jetzt nichts Schlimmes passiert. Aber ich habe ständig Angst um ihn. Nicht auszudenken, wenn ihm etwas zustößt.« Setha wirkte bedrückt, schweigend legten sie den kurzen Weg vom Fluss zum Dorf der Pyramidenbauer zurück.
Als Meketre wie gewohnt auf das nördliche Tor der Mauer zusteuerte, die das Pyramidendorf umfasste, hielt ihn Setha zurück. »Lass uns durch das andere Tor zur Bäckerei gehen und frisches Brot holen, unseres ist so hart.«
Am Südtor standen wie gewöhnlich zwei Saper, die den Eingang bewachten.
Setha zeigte auf die Vorräte: »Mein Freund und ich bringen meinem Vater Mahnud Vorräte und Wasser. Das haben wir schon oft gemacht, aber heute wird es das letzte Mal sein. Mein Vater hat seine Arbeit hier bald beendet und darf dann zu uns nach Hause.«
»Dein Vater ist zu beneiden«, sagte einer der beiden jungen Saper und ließ die Sperre öffnen. »Wir müssen noch eine ganze Weile hierbleiben. Mögen die Götter euch und euren Vater schützen.«
Gleich hinter dem Eingang des Dorfes blieben Setha und Meketre bei der Bäckerei stehen. Sie kannten einige der etwa fünfzig Männer, die unentwegt Feuer entfachten, Teig kneteten, diesen in spitze Tongefäße füllten und die Tongefäße im Feuer erhitzten. Die Gesichter und Oberkörper der Arbeiter glänzten vom Schweiß im Widerschein der vielen Feuerstellen, die einst weiße Farbe ihrer Lendenschurze war vor lauter Rußflecken kaum mehr zu erkennen. An einer Feuerstelle in ihrer Nähe stand Ipuki, ein älterer Mann, der schon in der Bäckerei gearbeitet hatte, als Setha und Meketre drei Jahre zuvor das erste Mal ins Pyramidendorf gekommen waren. Setha winkte und Ipuki trat zu ihnen herüber. »Ich grüße euch, Setha und Meketre. Versorgt ihr Mahnud wieder mit guten Sachen?«
»Ja, mein Vater freut sich, wenn er nicht immer nur Rettiche essen muss. Ich bringe ihm vor allem verschiedenes Gemüse und getrocknete Früchte. Hast du etwas frisches Brot für uns?«
»Ja, ihr habt Glück: Wir haben im Augenblick genug Brot, denn einige Arbeiter sind schon in ihre Dörfer zurückgekehrt.«
»Hat dir mein Vater erzählt, dass auch er bald nach Hause darf? Ich habe mir immer solche Sorgen um ihn gemacht, es passieren so viele Unfälle. Das wird jetzt bald vorbei sein.« Setha erzählte Ipuki ausführlich von dem Vorfall an der Anlegestelle.
»Die Männer auf der Baustelle können wirklich froh sein, wenn sie die Zeit hier unverletzt überstehen«, meinte Ipuki nachdenklich. »Ich muss euch auch etwas erzählen. Ein Mann aus dem Pyramidendorf ist verschwunden.«
»Was ist daran so außergewöhnlich?«, fragte Meketre. »Verschwinden denn nicht immer wieder mal Männer, die einfach nicht mehr hier arbeiten wollen?«
»Bei diesem Mann würde mich das wundern! Heute Morgen hat uns jemand aus der Wäscherei erzählt, dass der Vermisste zu den besonders guten und zuverlässigen Handwerkern gehört, die in der Pyramide arbeiten dürfen. Es heißt, die Saper haben bereits nach ihm gesucht, aber nichts gefunden. Nichts, nicht die geringste Spur. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er freiwillig gegangen ist. Wenn ihr mich fragt: Da ist was faul.«
Setha zuckte zusammen. »In der Pyramide, sagst du? Mein Vater arbeitet doch auch in der Pyramide! Bei Re, lass uns sofort zu seiner Hütte eilen!« Setha zerrte so sehr an Meketres Umhang, dass sie ihn beinahe herunterriss.
»Nein, nein, es ist nicht dein Vater!«, rief Ipuki hinter Setha her, die schon losgestürzt war.
Setha hielt kurz inne: »Woher willst du das wissen? Du hast doch den Namen des Mannes nicht erfahren.«
»Ich habe Mahnud heute bei Morgengrauen noch gesehen. Er war anscheinend auf dem Weg zum Werkzeugplatz!«
Setha seufzte erleichtert auf, dennoch wollte sie sofort zur Hütte ihres Vaters.
»Warum rennst du so?«, fragte Meketre außer Atem. Er hatte Mühe hinterherzukommen, denn der Esel war widerborstig. »Dein Vater kommt doch nie vor Sonnenuntergang aus der Pyramide. Ich verstehe gar nicht, warum du so aufgeregt bist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Sache etwas mit Mahnud zu tun hat.«
»Trotzdem«, antwortete Setha nervös, »ich will so schnell wie möglich in die Hütte, vielleicht kommt mein Vater heute schon etwas früher zurück. Meinetwegen kannst du dich um den Esel kümmern, wir sehen uns dann später.«
Setha eilte davon, ohne sich nach Meketre umzudrehen.
Als Setha in die Hütte ihres Vaters trat, schlug ihr stickige Luft entgegen. In dem kleinen Lehmbau gab es keine Fensterschlitze, gelüftet wurde durch die Tür. Setha ordnete die acht Schlafmatten in der Hütte und fegte den kleinen Raum mit einem kurzen Besen aus. Dann schaute sie in die Vorratsgrube in einer anderen Ecke der Hütte. Sie war beinahe leer.
Setha trat vor die Hütte. Sie hatte sich etwas beruhigt, wahrscheinlich hatte Meketre recht: Was sollte das Verschwinden dieses Mannes mit ihrem Vater zu tun haben?
In der vagen Hoffnung, ihren Vater auf dem Heimweg abpassen zu können, lief sie einige Meter in Richtung Baustelle und machte in gebührendem Abstand vor der Südseite der Pyramide halt.
Das Bild hatte sich seit ihrem letzten Besuch verändert. Die gesamte Pyramide hatte zuvor wie ein riesiger Ameisenhaufen ausgesehen, auf dem es allerdings sehr geordnet zuging. Jetzt begann der Ameisenhaufen erst weit unterhalb der Mitte, da die weißen Verkleidungsblöcke bis dorthin bereits glatt poliert waren. Auch die Rampen waren bis zu dieser Stelle von oben nach unten abgebaut worden. Auf den verbliebenen Rampen und den neu aufgebauten Gerüsten waren nur noch die Arbeiter tätig, die die bereits eingefügten Verkleidungsblöcke zuschnitten und mit Sand und Schmirgelsteinen polierten.
Setha dachte daran, wie sie bei ihren früheren Besuchen die Arbeiter vor und hinter den Transportschlitten bemitleidet hatte. Manchmal kamen die Männer, die die schwer beladenen Schlitten mit dicken Seilen zogen, nicht gut genug voran. Dann wurden zu den Männern, die die Schlitten von hinten mit Stangen schoben, noch einige hinzubeordert. Oft reichte auch das Wasser nicht aus, mit dem der sandige oder schlammige Rampenuntergrund befeuchtet wurde. Die Schlitten kamen ins Stocken und der gesamte Betrieb wurde aufgehalten, bis Männer mit Wasserkrügen herbeieilten. Sie schütteten mehr Wasser auf die spiralförmig um die Pyramide herumlaufenden Rampen, damit die Schlittenkufen besser glitten.
Setha bestaunte die strahlend weiße Wand der Pyramide und fragte sich, ob die restlichen Außenarbeiten abgeschlossen sein würden, wenn sie ihren Vater in 30Tagen abholten.
Sie ging zur Ostseite des mächtigen Bauwerks. Dort hatte sie beim letzten Mal beobachtet, wie eine Statue des Totengottes Anubis vor dem Totentempel des Pharaos vom Sockel gestürzt und zerbrochen war. Jetzt war das Standbild wiederhergestellt und schaute mit schwarzen Granitaugen auf sie herab.
Sie überlegte, ob sie noch die Nordseite der Pyramide aufsuchen sollte, wo sich der Eingang zur Pyramide befand. Für Vater ist es vermutlich doch noch zu früh, dachte sie nach einem Blick zum Stand der Sonne und entschied sich zurückzugehen.
Meketre war immer noch nicht da. Setha schaute den kleinen Weg hinauf und hinunter, ihr Freund ließ sich nicht blicken. Was sollte das bedeuten? Bevor sich Setha richtig ärgern konnte, erschien Meketre schließlich mit dem Esel.
»Es hat lange gedauert, bis ich den Esel zum Weitergehen
